[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zum Entlacken von Werkstücken durch Verspröden
der Lackschicht mittels eines tiefkalten Mediums.
[0002] Fördereinrichtungen (z.B. Bodyskids in der Automobilindustrie), Gehänge, Gitterroste
und vieles mehr werden meist als Träger der zu lackierenden Werkstücke beim Lackiervorgang
unvermeidlich mit Lack verunreinigt. Für derartige Vorrichtungen sowie für fehlerhaft
lackierte Werkstücke benötigt man infolgedessen Entlackungsverfahren, die die Lackträger
schonend von den Lackschichten befreien und außerdem umweltfreundlich sind.
[0003] Bei bekannten Verfahren zum Entlacken von Werkstücken durch Verspröden der Lackschicht
mittels eines tiefkalten Mediums werden die Werkstücke durch das tiefkalte Medium
zunächst stark unter Normaltemperatur abgekühlt und anschließend mechanisch bearbeitet.
Beim Abkühlen meist mit Hilfe flüssigen Stickstoffs verliert der Lack seine Zähigkeit
und Elastizität und versprödet. Dies gilt für bereits ausgehärtete als auch für gerade
aufgebrachte Lackschichten. Mit dem Abkühlen ist zudem eine thermische Kontraktion
der Werkstoffe verbunden. In der Regel sind die thermischen Ausdehnungskoeffizienten
von Trägerwerkstoff und Lackschicht stark unterschiedlich. Dies führt zu hohen Scherkräften
in der Grenzschicht zwischen Lack und Träger, die die maximale Haftfestigkeit der
Lackschicht überschreiten können, wodurch sich diese flächenhaft vom Träger ablöst.
Da aber der Lack gleichzeitig seine Elastizität verliert, treten in der Lackschicht
selbst hohe Zugspannungen auf, die Risse in der Lackschicht verursachen. Beide Effekte
führen je nach Art der Lackschicht und des Trägerwerkstoffs zu mehr oder weniger starker
Rißbildung und Ablösung der Lackschicht vom Träger.
[0004] Um die Oberfläche des Trägers vollständig vom Lack zu befreien, ist eine mechanische
Nachbearbeitung nötig. Diese besteht beispielsweise darin, mit einem Hammer oder einer
Nadelpistole oder durch Strahlmittelbeschuß die Lackreste mittels Stoßeinwirkung zu
entfernen. Im Fall des Strahlmittelbeschusses werden die zu entlackenden, abgekühlten
Werkstücke an einer drehbaren Aufhängung einer Strahlkammer zugeführt. Dort wird die
Oberfläche der Werkstücke mit einem Strahlmittel (meist Stahlkörner mit Durchmessern
zwischen 0,5 und 2 mm) beschossen, wodurch sich der Lack von der Oberfläche löst.
Die Lackreste werden zusammen mit dem Strahlmittel aus der Strahlkammer befördert
und müssen anschließend voneinander getrennt werden.
[0005] Die Trennung von Strahlmittel und Lackresten erfolgt meist zunächst in grober Form
durch Siebböden, anschließend werden durch Windsichtung oder Magnetabscheidung feine
Lackpartikel und Lackstaub vom Strahlmittel getrennt. Voraussetzung für eine gute
Trennung ist das Vorliegen von noch versprödeten Lackresten. Andernfalls verkleben
die Lackpartikel mit dem Strahlmittel. Diese Tatsache wirkt sich nachteilig auf den
ohnehin aufwendigen Separationsvorgang aus.
[0006] Dieses Entlackungsverfahren hat außerdem den Nachteil, daß durch den Beschuß mit
dem Strahlmittel die Oberfläche des Lackträgers großen punktuellen Druckbelastungen
ausgesetzt ist. Dies führt zu Beschädigungen, Einkerbungen und anderen Oberflächenveränderungen,
insbesondere bei weichem Trägermaterial oder dünnwandigen Lackträgern. Außerdem ist
mit dem Strahlmittelbeschuß auch ein Materialabtrag vom Lackträger verbunden. Dieser
Verschleiß zerstört dünnwandige Träger bereits nach einigen Entlackungsvorgängen.
[0007] Der Erfindung liegt daher die Aufgabe zugrunde, ein verbessertes umweltfreundliches
Entlackungsverfahren für Werkstücke durch Verspröden der Lackschicht mittels eines
tiefkalten Mediums zu entwickeln, das insbesondere die obengenannten Nachteile vermeidet.
[0008] Diese Aufgabe wird erfindungsgemäß dadurch gelöst, daß die Werkstücke während oder
nach der Abkühlung mit dem tiefkalten Medium mit Hochdruck-Wasserstrahlen behandelt
werden.
[0009] Das erfindungsgemäße Verfahren sorgt für eine rasche Entfernung der versprödeten,
aufgeplatzten Lackschicht. Die Hochdruck-Wasserstrahlbehandlung erfolgt mit mehreren
Düsen, die die Wasserstrahlen auf die Oberfläche der Werkstücke richten. Das Wasser
dringt mit hohem Druck in die Risse der Lackschicht ein und unterwandert die zum Teil
abgelösten Lackflächen, wobei diese ganz von ihrem Träger entfernt werden. Außerdem
führt der hohe Wasserdruck zu einer Stoßwirkung, die die versprödeten Lackflächen
weiter zerkleinert und ablöst, ohne jedoch vom Lackträger selbst Material abzutragen.
Das Ablösen der Lackschicht wird durch lokale Eisbildung des Wassers zwischen Lack
und Trägermaterial noch unterstützt, da die Eisbildung bekanntlich zu einer sprunghaften
Volumenvergrößerung führt.
[0010] Die Trennung der Lackreste vom Abwasser kann ohne großen technischen Aufwand beispielsweise
einfach durch Sedimentation oder Filterung erfolgen.
[0011] Die entlackten Werkstücke werden getrocknet, wobei das Wasser rückstandsfrei von
der Oberfläche verdunstet. Etwaige Fremdstoffreste, die bei anderen insbesondere chemischen
Entlackungsverfahren auf der Oberfläche der Werkstücke verbleiben und den möglicherweise
nachfolgenden Lackierprozeß beeinträchtigen, treten beim erfindungsgemäßen Verfahren
nicht auf.
[0012] Erfindungsgemäß ist es auch möglich, die Abkühlung des lackierten Werkstücks und
die Behandlung mit dem Kochdruckwasserstrahl gleichzeitig auszuführen. Das tiefkalte
Medium wird dabei auf die Lackschichten gespritzt und die Hochdruckwasserstrahlen
gleichzeitig auf die Werkstücke gerichtet. Befinden sich die Werkstücke in einer drehbaren
Vorrichtung, so ist es vorteilhaft, von einer Seite das tiefkalte Medium und von der
gegenüberliegenden Seite die Wasserstrahlen aufzuspritzen, um die gesamte Oberfläche
gleichmäßig zu erfassen.
[0013] Vorzugsweise werden die Werkstücke mit tiefkaltem Stickstoff oder Kohlendioxid als
tiefkaltes Medium abgekühlt. Die Werkstücke werden dazu beispielsweise in ein Bad
mit verflüssigtem Stickstoff oder einen Behälter mit Kohlendioxid-Trockenschnee eingebracht.
Die tiefsten erreichbaren Temperaturen betragen dann etwa -196°C bzw. -78°C. Der flüssige
Stickstoff oder der Kohlendioxid-Trockenschnee können auch mittels Düsen auf die Werkstücke
aufgespritzt werden.
[0014] Das erfindungsgemäße Entlackungsverfahren ist in hohem Maße umweltfreundlich, da
als Entlackungsmittel nur der tiefkalte, ungiftige und chemisch inerte Stickstoff
oder Kohlendioxid und reines Wasser eingesetzt werden. Das Wasser kann nach Separation
der Lackreste wieder verwendet werden. Verdunsteter Stickstoff oder sublimiertes Kohlendioxid
können durch Absaugvorrichtungen gesammelt und sicher abgeleitet werden.
[0015] Das Verfahren wird vorteilhaft derart ausgeführt, daß die Wasserstrahlen je nach
Lackträger und Lackart mit einem Druck zwischen 50 und 2000 bar auf die Oberfläche
der Werkstücke aufgebracht werden. Dabei ist darauf zu achten, daß das Trägermaterial
nicht durch zu hohe Wasserdrücke beschädigt wird, da insbesondere bei kleinem Wasserstrahldurchmesser
und zu hohen Drücken eine Schneidwirkung des Wasserstrahls auftreten kann.
[0016] In diesem Zusammenhang ist es vorteilhaft, wenn der Durchmesser der die Hochdruck-Wasserstrahlen
abgebenden Düsen zwischen 0,2 und 5 mm gewählt werden kann. Wasserdruck und Düsendurchmesser
werden je nach Anwendungsfall derart eingestellt, daß eine optimale Entlackung ohne
Beschädigung des Lackträgers vorgenommen werden kann.
[0017] Im folgenden soll ein Ausführungsbeispiel das erfindungsgemäße Verfahren näher erläutern.
[0018] In der Automobilindustrie fallen mit Lack verschmutzte Bodyskids (große Rahmengestelle)
und Kleinteile (z.B. Abstandshalter) an, die von Zeit zu Zeit entlackt werden müssen.
Diese Werkstücke werden in entsprechend große Gefäße, die mit flüssigem Stickstoff
gefüllt sind, eingetaucht und drei bis fünf Minuten abgekühlt, bis die Lackschichten
genügend stark versprödet sind. Der verdampfende Stickstoff wird durch Absaugvorrichtungen
am Beckenrand gesammelt und abgeführt. Damit wird eine sicherheitsgefährdende Stickstoff-Anreicherung
der Umgebungsluft vermieden.
[0019] Nach dem Abkühlen werden die Werkstücke in einer Hochdruck-Wasserstrahlanlage abgespritzt.
In dem ausgeführten Beispiel genügt ein Wasserdruck von etwa 320 bar, um die Teile
ausreichend zu entlacken. Insbesondere die erwähnten Bodyskids, die empfindliche dünnwandige
Teile enthalten, können durch das erfindungsgemäße Verfahren schonend entlackt werden.
[0020] Der Stickstoffbedarf läßt sich beim Ausführungsbeispiel mit etwa 0,5 kg Stickstoff
pro kg zu entlackendem Material angeben. Das Abwasser wird mit Filtern von den Lackresten
gereinigt und anschließend der Hochdruck-Wasserstrahlanlage wieder zugeführt.
[0021] Die Umweltfreundlichkeit durch die beim erfindungsgemäßen Verfahren verwendeten recyclefähigen
Entlackungsmittel sowie die zufriedenstellende Entlackung ohne Beschädigung des Lackträgers,
werden durch das Ausführungsbeispiel bestätigt.
1. Verfahren zum Entlacken von Werkstücken durch Verspröden der Lackschicht mittels eines
tiefkalten Mediums, dadurch gekennzeichnet, daß die Werkstücke während oder nach der
Abkühlung mit dem tiefkalten Medium mit Hochdruck-Wasserstrahlen behandelt werden.
2. Verfahren nach Anspruch 1 , dadurch gekennzeichnet, daß die Werkstücke mit tiefkaltem
Stickstoff oder Kohlendioxid als tiefkaltes Medium abgekühlt werden.
3. Verfahren nach den Ansprüchen 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, daß die Wasserstrahlen
mit einem Druck zwischen 50 und 2000 bar auf die Oberfläche der Werkstücke aufgebracht
werden.
4. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, daß die Hochdruck-Wasserstrahlen
von Düsen mit einem Durchmesser zwischen 0,2 und 5 mm abgegeben werden.