HINTERGRUND DER ERFINDUNG
1. Gebiet der Erfindung
[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft einen pyrotechnischen Schutz, und insbesondere
eine splitterfreie reaktive Schutzvorrichtung gegen Hohlladungsbedrohungen.
2. Technischer Hintergrund
[0002] Aufgrund ihrer sehr hohen Durchschlagsleistung stellen die mit einem Hohlladungsgefechtskopf
ausgestatteten Panzerabwehrhandwaffen (PzAbwHWa) eine hohe Bedrohung insbesondere
für leicht bis mittelschwer gepanzerte Fahrzeuge dar. Zunehmend erweist sich dabei
die russische PG 7 bei Out of Area - Einsätzen als grundsätzlich zu berücksichtigende
Gefechtsfeldbedrohung, da dieses Waffensystem weltweit stark verbreitet ist.
[0003] Der Schutz leichter und auch mittelschwer gepanzerter Fahrzeuge gegen derartige Panzerabwehrhandwaffen
ist mit herkömmlichen reaktiven und insbesondere passiven Schutzsystemen nur sehr
eingeschränkt oder nicht mehr möglich, weil die Zuladung der Fahrzeuge begrenzt und
das zum Schutz notwendige Flächengewicht der Panzerung zu hoch ist. Die leichteren
Fahrzeuge weisen nur dünne Wandstärken auf, da der Fahrzeuggrundschutz üblicherweise
nur gegen kleinkalibrige panzerbrechende Munition im Kaliber bis 14,5 mm ausgelegt
ist. Daher sind verschiedene reaktive, d.h. mit Sprengstoff wirkende Schutzsysteme
entwickelt worden, um das für den Schutz erforderliche Flächengewicht zu reduzieren.
[0004] Beispielweise erfordert der HL-Schutz mittlerer gepanzerter Fahrzeuge mit einem Grundschutz
von ca. 30-50 mm Panzerstahläquivalent mit passiven Schutzsystemen ein zusätzliches
Flächengewicht in der Größenordnung von 500 kg/m
2 und mit bisher bekannten, bereits leistungsfähigen reaktiven Schutzsystemen immer
noch ein zusätzliches Flächengewicht in der Größenordnung von 300 kg/m
2 gegen die Bedrohungen der PzAbwHWa.
[0005] So sind seit Anfang der 70er Jahre sowohl gegen Hohlladungen (HL-Bedrohung) als auch
gegen Wuchtgeschosse (KE-Bedrohung) Anordnungen bekannt, bei denen durch pyrotechnisch
beschleunigte Elemente eine laterale Störung der auftreffenden bzw. ein- oder durchdringenden
Bedrohung und dadurch eine Verminderung der Durchschlagsleistung erfolgt. Bei Initiierung
durch die auftreffende Bedrohung werden derartige Anordnungen als reaktiver Schutz
bezeichnet, bei gesteuerter Zündung als aktive Panzerung. Ganz überwiegend handelt
es sich bei reaktiven Anordnungen um eine ein- oder mehrschichtige, ein- oder beidseitige
Belegung des Sprengstoffes mit meist metallischen Platten. Derartige Anordnungen sind
bei entsprechender Dimensionierung sowohl gegen Hohlladungen als auch gegen KE-Geschosse
wirksam und als Schutzmodule weltweit bei vielen gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz.
[0006] Platten beschleunigende reaktive Systeme haben den entscheidenden Nachteil, dass
mehr oder weniger große Massen auf Geschwindigkeiten von mehreren 100 m/s beschleunigt
werden müssen, die sowohl das Umfeld als auch die sie tragende Struktur belasten.
Daher werden reaktive Panzerungen vornehmlich als Module (Flächenelemente) in Kastenbauweise
ausgeführt. Bei leichteren zu schützenden Objekten oder dünneren Strukturen ist der
Einsatz reaktiver Komponenten gerade wegen der Belastung durch das System selbst stark
eingeschränkt bzw. nicht möglich. Dies gilt insbesondere bei Anordnungen gegen KE-Bedrohungen,
da zu deren Leistungsminderung relativ große Massen zu beschleunigen sind. Bei reaktiven
Anordnungen gegen Hohlladungen sind die erforderlichen Störmassen zwar erheblich geringer,
dafür werden aber sehr viel höhere Geschwindigkeiten benötigt, um die mit bis zu 10
km/s auftreffenden Hohlladungsstrahlen noch mit lateral wirkenden Störmassen zu erreichen.
[0007] Es sind auch Anordnungen bekannt, die Hohlladungsstrahlen während des Durchdringens
direkt mittels Sprengstoffschichten oder durch elektrische Felder stören, auslenken
und so eine Leistungsminderung bewirken. Derartige Einrichtungen sind im Falle der
Verwendung von Sprengstoff mit dem Einsatz erheblicher Sprengstoffdicken verbunden,
um über einen längeren Zeitraum (bedingt durch die zu störende Strahllänge) strahlstörende
Bedingungen aufrecht zu erhalten. Sprengstoffschichten zünden beim Eindringen von
Hohlladungsstrahlen zwar sehr schnell, bewirken aber dennoch bei herkömmlichen Sandwichanordnungen
auch bei größerer Neigung gegen den durchdringenden Strahl keine gerichtete laterale
Strahlstörung insbesondere im vorderen Bereich. Diese wird nur erreicht, wenn eine
geneigte, quasi freie Sprengstoffoberfläche vorliegt, die gegebenenfalls mit einer
stützenden (verdämmenden) Wand kombiniert wird. Reine, verhältnismäßig dicke Pulver-
oder Sprengstoffschichten oder auf eine Platte oder Wand aufgebrachte Sprengstofffolien
finden sich bei einer Reihe bekannter Anwendungen. Es handelt sich dabei grundsätzlich
um reaktive Anordnungen herkömmlicher Bauweise mit einseitiger Sprengstoffbelegung.
[0008] Obwohl bei Hohlladungen die Detonation des Sprengstoffes sehr rasch erfolgt, wird
dennoch eine bestimmte Zeitspanne für den Aufbau eines Druckfeldes benötigt, da von
den eindringenden Partikeln die getroffene Zielmaterie zunächst mechanisch etwa halbkugelförmig
von der durchdringenden Strahlspitze weg beschleunigt wird. Dadurch entsteht zunächst
ein Hohlraum, durch den ein mehr oder weniger großer Teil des besonders wirksamen,
weil sehr schnellen Spitzenbereichs des Strahls ungestört hindurchtreten kann. Dieser
Bereich ist aber entscheidend für die Restwirkung der HL-Bedrohung und bestimmt so
den Wirkungsgrad der Abwehr bzw. den für eine Leistungsminderung erforderlichen Aufwand.
[0009] Entsprechende Überlegungen gelten für die Belegung der Sprengstoffschicht mit zu
beschleunigenden Platten. Diese müssen nicht nur durch Stoßwellen und Gaskräfte beschleunigt
werden, sondern sie müssen auch den von der Strahlspitze gebildeten Krater überbrücken,
um den durchtretenden Strahl seitlich erreichen zu können. Der Aufbau der Anordnung
und insbesondere deren Winkel gegenüber der durchdringenden Bedrohung sind hier die
bestimmenden Parameter. Durch mehrschichtige und zum Teil stark geneigte reaktive
Schutzaufbauten wird bei einer Reihe bekannter Ausführungsformen versucht, die oben
beschriebenen nachteiligen Auswirkungen der Kraterbildung zu minimieren. In der Regel
führt dies jedoch zu Aufbauten mit viel Sprengstoff oder zu Modulen mit kleiner effektiver
Schutzfläche und im Verhältnis zur abgedeckten Fläche großer Bautiefe. Weiterhin ergeben
sich dadurch negative Randeinflüsse und unzureichende Überlappungen. Außerdem erhöht
sich der Anteil der konstruktiv bedingten Totmassen. Derartige, der Schutzleistung
nicht direkt dienende Massen stellen bei allen bisher bekannten reaktiven Schutzeinrichtungen
einen erheblichen Anteil der erforderlichen Flächenmasse dar und vermindern entsprechend
die Schutzeffizienz.
[0010] Es sind auch reaktive Schutzeinrichtungen bekannt, die der zu schützenden Struktur
vorgeschaltet werden und die zum Ziel haben, durch geeignete Sprengstoffbelegungen
die negativen mechanischen oder endballistischen Begleiterscheinungen auf das Umfeld
zu vermindern. Derartige, meist mehrschichtige und meist auch komplexe Aufbauten besitzen
einen schwer überschaubaren Wirkungsablauf der einzelnen Komponenten und deren Zusammenwirken.
Sie haben sich gegen Hohlladungen zwar als durchaus wirksam erwiesen, unterliegen
jedoch grundsätzlich den oben dargelegten Wirkungseinschränkungen und Bewertungskriterien.
[0011] Bisher bekannte leistungsfähige reaktive Schutzsysteme können auch durch den Einsatz
erheblicher Flächenmassen die HL-Bedrohung nicht vollständig abwehren, da nur ein
bestimmter Anteil des Hohlladungsstrahls durch die Störmaßnahmen beeinflusst werden
kann. Daher müssen üblicherweise etwa 20 bis 30 Prozent der Leistung der Hohlladungsmunition
als Restleistung von der Grundpanzerung des Fahrzeugs kompensiert werden.
[0012] Den Gewichtsvorteilen reaktiver Anordnungen gegenüber passiven Schutzanordnungen
steht eine Reihe von Nachteilen gegenüber. So wirken konventionelle reaktive Schutzsysteme
überwiegend durch das Prinzip der fliegenden Platten, die einmal das Umfeld des gepanzerten
Fahrzeuges stark gefährden und zum anderen mit der zur Fahrzeugwand hin fliegenden
Platte die Struktur beaufschlagen. Dies ist insbesondere bei leichter gepanzerten
Fahrzeugen von größter Bedeutung.
[0013] Es sind eine Reihe derartiger Panzerungen bekannt. Die beschleunigten Platten bestehen
dabei bevorzugt aus Stahl, wie zum Beispiel in der
EP 0 379 080 A2 beschrieben. Gemäß dieser Offenlegung wird der reaktive Schutz mit einem zusätzlichen
passiven Schutz kombiniert, um den Teil des Hohlladungsstrahls, welcher vom Reaktivschutz
nicht genügend abgebaut wird, zu kompensieren.
[0014] In der
US-A-5,824,951 wird eine Reaktivpanzerung beschrieben, bei der die den Sprengstoff umgebenden inerten
Platten aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Die gegen den Hohlladungsstrahl
beschleunigte Platte ist aus Glas, die mit dem Strahl auf das zu schützende Fahrzeug
zufliegende Platte aus Stahl. Hinter der mit dem Strahl fliegenden Platte ist ein
Hohlraum vorhanden, um deren Bewegung für den Zeitraum der Interaktion mit dem Hohlladungsstrahl
nicht zu stören.
[0015] In der
US-A-4,741,244 wird eine reaktive Panzerung beschrieben, bei der hinter der gegen das Fahrzeug fliegenden
Platte ein Hohlraum vorgesehen ist. In dieser Offenlegung wird dargelegt, dass die
Schutzwirkung der hinteren Platte größer ist als die der auf den Strahl zufliegenden
Platte. Diese rückwärts fliegende Platte aus Stahl bewegt sich mit sehr hoher Geschwindigkeit,
sodass ein entsprechend schwerer Grundschutz auf dem Fahrzeug angebracht sein muss,
damit die Fahrzeugwand nicht von Teilen des reaktiven Schutzes durchschlagen wird.
[0016] In der
DE 37 29 211 C1 wird ein reaktiver Schutz beschrieben, bei dem schräg angeordnete Sandwich-Strukturen
in Fahrzeugrichtung mit einem schichtweisen Aufbau aus Sprengstoff und spröden Materialien
wie z.B. Glas kombiniert werden. Der Aufbau soll gegen den vorderen Teil des Hohlladungsstrahls
wirken, der aufgrund der Trägheit der inerten Bleche den vorgelagerten reaktiven Schutz
nahezu ungehindert durchdringt. In der beschriebenen Anordnung erfolgt ebenfalls eine
hohe Belastung durch die auf das Fahrzeug auftreffenden Teile.
[0017] In der
DE 199 56 297 C2 wird ein reaktiver Schutz gegen Hohlladungen beschrieben, bei dem in schräg zur Beschussrichtung
angeordneten Schichten Sprengstoff beschussseitig flächig mit Störschichten aus Faserverbundmaterial
zur Vermeidung harter Splitter belegt ist. Wenigstens eine Störschicht ist aus einem
hochfesten Faserverbundwerkstoff in Form eines textilen Flächengebildes aus künstlichen
oder nachwachsenden Rohstoffen oder deren Kombination gebildet.
[0018] Die
DE 199 56 197 A beschreibt eine klassische Reaktivpanzerung, bei der lediglich die übliche metallische
Komponente zur Vermeidung von Struktur- und Umfeldschäden durch eine nichtmetallische
Platte (vorzugsweise aus Faserverbundwerkstoff) ersetzt ist. Die Schutzwirkung gegen
HL- und KE-Bedrohungen wird durch die Beschleunigung einer oder mehrerer derartiger
Platten erreicht, wobei die reaktive Anordnung in einer nichtmetallischen Behausung
angeordnet ist. Die geschilderte Funktion einer zusätzlichen, als Beulblech bezeichneten
Platte, ist nicht nachvollziehbar.
[0019] In der
US-A-5,637,824 handelt es sich um eine klassische reaktive Komposit-Panzerung mit einer Sprengstoffschicht
und einer in Richtung der Bedrohung beschleunigten metallischen Platte. Durch die
Detonation wird in einer der Sprengstoffschicht folgenden, relativ dicken, dynamisch
wirkenden und nach hinten mittels einer metallischen Platte verdämmten Schicht der
HL-Strahl durch Strahlstörung in seiner Leistung vermindert. Der dynamische Effekt
der Zwischenschicht kann durch eine in die Wirkzone eingebrachte Schicht und durch
eine weitere Sprengstoffschicht vor der hinteren metallischen Platte verstärkt werden.
Die Anordnung basiert auf dem in der Literatur beschriebenen Effekt des so genannten
"Kraterzusammenbruchs" (Dynamic Collapse Effect). Als Materialien für die Erzeugung
dieses Effekts werden praktisch alle liquiden, metallischen oder nichtmetallischen
Materialien genannt - von denen die meisten allerdings keinen derartigen physikalischen
Effekt bewirken. Es wird auch der Fall beschrieben, dass die vordere Verdämmung lediglich
durch eine nichtmetallische Schutzschicht gebildet wird, wobei dann eine erhöhte Sprengstoffdicke
zur Erzeugung des für einen dynamischen Effekt erforderlichen Innendrucks benötigt
wird. Nach Detonation der ersten Folie stellt der Aufbau wieder eine herkömmliche
reaktive Panzerung mit einer auf beiden Seiten belegten Sprengstoffschicht dar. Außerdem
werden sowohl das Umfeld als auch insbesondere die Struktur belastet.
[0020] Bei der
DE 37 29 211 C handelt es sich um eine klassische reaktive SandwichAnordnung (metallische Platte
mit einer Sprengstoff-Zwischenschicht), die in einer besonderen Weise in Hartschaum
eingebettet wird. Dieser ersten Wirkschicht folgt eine Sprengstoffschicht mit nachfolgender
Sprödkörperstruktur (Glaskörper) mit Trennschichten aus Sprengstoff. Die gesamte komplexe
Anordnung befindet sich in einem metallischen Gehäuse. Grundsätzlich stellt die beschriebene
Anordnung also eine relativ dicke Vorpanzerung mit geneigt eingebrachten reaktiven
Sandwiches aus sprengstoffbeschleunigten Stahlplatten dar, wobei die Zwischenräume
mit Hartschaum gefüllt sind. Die bekanntermaßen durch derartige Anordnungen praktisch
ungestört hindurchtretende, leistungsstarke Strahlspitze soll in der Folgeschicht
aus einer dynamisch verdämmten Glaskörperstruktur abgefangen werden.
[0021] Auch bei der
WO-A-94/20811 handelt es sich um eine herkömmliche reaktive Anordnung mit zwei gegeneinander geneigten,
beidseitig belegten Sprengstoffschichten in einem massiven metallischen Gehäuse. Gegenstand
der Erfindung war nicht die als bekannt vorausgesetzte klassische reaktive Sandwichanordnung
mit metallisch beschleunigten Platten, sondern die Art ihrer Anordnung in einem massiven
Gehäuse. Durch diesen Aufbau wurde sowohl ein Schutz gegen HL- als auch gegen KE-Bedrohungen
erreicht. Derartige Aufbauten kommen in einer Reihe gepanzerter Fahrzeuge sowjetischen
Ursprungs zum Einsatz.
[0022] Ein grundsätzliches Problem bei den reaktiven Sandwichschutzanordnungen insbesondere
gegen KE-Bedrohungen besteht in der Initiierbarkeit der verwendeten Sprengstoffe bei
relativ dünnen Belegungsdicken, die aus Gründen der erforderlichen niedrigen Energiedichte
wegen der Schockbelastungen auf die Schutz- bzw. Gehäusestrukturen erforderlich sind.
Die in der
DE 33 13 208 C beschriebene Anordnung hat daher zum Ziel, mittels einer in eine herkömmliche reaktive
Panzerung eingesetzten porösen bzw. aufgeschäumten Schicht mit eingelagerter Sprengstoffkomponente
eine Strahlstörung vergleichbar mit der des so genannten Kraterzusammenbruchs zu bewirken.
Diese Schicht ist insbesondere zum Schutz gegen KE-Bedrohungen beidseitig mit metallischen
Platten belegt und stellt so wieder ein reaktives Sandwich herkömmlicher Bauart dar.
[0023] DE 102 50 132 A betrifft Schutzanordnungen gegen Blast erzeugende und projektilbildende Minen, nicht
jedoch gegen Hohlladungen. Die Schutzwirkung erfolgt dabei über Behälter mit einem
Füllmittel aus einem Liquid oder einem fließfähigen Medium. Grundsätzlich handelt
es sich dabei um eine zwar dynamisch wirkende Schutzstruktur, nicht jedoch um eine
reaktive Anordnung zur Abwehr von HL-Bedrohungen.
[0024] Aus den skizzierten Ausführungen zum Stand der Technik für reaktive Schutzsysteme
lässt sich ableiten, dass die bisher bekannten reaktiven Systeme noch relativ schwer
sind und einen verhältnismäßig hohen Grundschutz zur Kompensation der Restleistung
erfordern. Bei PzAbwHWa entspricht dies noch einem erforderlichen Grundschutz in der
Größenordnung von 60 bis 80 mm Panzerstahläquivalent.
[0025] Ferner offenbart die
EP 0 689 028 A1 eine Schutzvorrichtung, auf welcher der Oberbegriff des Anspruchs 1 basiert.
ZUSAMMENFASSUNG DER ERFINDUNG
[0026] Die der Erfindung zugrunde liegende Problemstellung ist, auch mittelschwer- und selbst
nur leicht gepanzerte Fahrzeuge mit entsprechend geringem Grundschutz gegen Hohlladungen,
insbesondere gegen mittelkalibrige Hohlladungsgeschosse wie zum Beispiel PG-7 zu schützen
ohne dass dabei zusätzliche, ballistisch wirksame Splitter entstehen. Ein derartiger
HL-Schutz für leichte gepanzerte Fahrzeuge erfordert:
- eine sehr hohe Effektivität der Schutzanordnung, ein geringes Flächengewicht bei gleichzeitig
minimaler Restleistung;
- die Fahrzeugwand darf weder durch die Bedrohung noch von Teilen des Schutzsystems
unzulässig stark beaufschlagt oder durchschlagen werden;
- es darf keine Splitterbelastung der Fahrzeugumgebung durch das Schutzsystem erfolgen;
- die Beweglichkeit des Fahrzeugs darf nicht eingeschränkt werden, gegebenenfalls müssen
Teile des Schutzsystems während der Mission an- oder abgebaut werden können;
- die jeweilige Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (z.B. in Deutschland: StVZO) muss
erfüllt sein;
- es darf keine über das Schutzsystem hinausgehende Gefährdung durch den Sprengstoff
am Fahrzeug geben, d.h. in Deutschland z.B. Klassifizierung 1.4 nach Gefahrgutverordnung
(GGVS);
- bei montiertem Schutz muss ein schneller Zugang zu Klappen und Stauräumen möglich
sein.
[0027] Gemäß der vorliegenden Erfindung wird diese Aufgabe dadurch gelöst, dass wenigstens
zwei Schichten eines pyrotechnischen Materials gleicher oder auch unterschiedlicher
Mengenverhältnisse und/oder Dicken in einem Abstand voneinander frei oder in einem
Gehäuse aus einem nichtmetallischem Werkstoff wie zum Beispiel Gummi in einem Winkel
zur Beschussrichtung angeordnet sind. Vorteilhafte Ausgestaltungen und Weiterbildungen
der Erfindung sind Gegenstand der abhängigen Ansprüche.
[0028] Erfindungsgemäß besteht dieser pyrotechnische Schutzaufbau aus einem im Auftreff-
bzw. Wirkbereich der Bedrohung geneigten Träger beliebiger Formgebung, auf den beidseitig
pyrotechnische Schichten aufgebracht sind. Durch die Zündung beider Schichten werden
Stoßwellen und Reaktionsgase gebildet und sowohl gegen als auch in Richtung der durchdringenden
Bedrohung beschleunigt. Dadurch werden bei Hohlladungen sowohl die vorderen, leistungsstarken
Strahlelemente als auch ein entscheidender Teil der gesamten Strahllänge gestört und
verlieren damit ihre Durchschlagsleistung. Der pyrotechnische Aufbau befindet sich
dabei über die gesamte Wirkzeit zumindest näherungsweise in einem dynamischen Gleichgewicht
und übt keine endballistisch relevanten bzw. zerstörenden Einflüsse auf sein Umfeld,
d.h. weder auf den Außenbereich noch auf die zu schützende Struktur selbst aus. Die
Größe des benötigten angestellten Bereichs ergibt sich dabei aus einfachen kinematischen
Überlegungen des Durchdringungsvorgangs.
[0029] Es handelt sich um eine denkbar einfache und prinzipielle Anordnung, die grundsätzlich
keinen Eingrenzungen oder einschränkenden technischen Vorgaben unterworfen ist. Daraus
leitet sich eine Innovationshöhe ab, die von keiner bisher bekannten reaktiven Einrichtung
erreicht wird. Außerdem ist die vorgestellte pyrotechnische Schutzfläche geeignet,
bei einer Reihe bekannter Panzerungen sowohl durch eine Vorschaltung als auch durch
Integrierung eine starke Erhöhung des Schutzniveaus zu bewirken.
[0030] Grundsätzlich können pyrotechnische Schutzflächen auf einfache Weise mit Anordnungen
gegen KE-Bedrohungen kombiniert werden. In jedem Falle werden bei Schutzoptimierungen
gegen mehrere Bedrohungsarten keine oder nur sehr geringe Totmassen benötigt.
[0031] Selbstverständlich muss trotz des grundsätzlich nicht eingeschränkten Gestaltungsspielraums
ein vernünftiges Verhältnis der wenigen beteiligten Parameter eingehalten werden.
Bei herkömmlichen reaktiven Panzerungen ist die Wirksamkeit entscheidend von Dimensionierungsvorgaben
abhängig. Bei der vorliegenden Erfindung sind dagegen grundsätzlich nur wenige Voraussetzungen
zu beachten, die zudem noch für alle reaktiven Anordnungen gelten. Hierzu gehören
etwa die Mindestsprengstoffdicke für die Sicherstellung einer Initiierung oder einer
durchlaufenden Detonation. Eine Ausnahme bildet die gewünschte Deflagration, soweit
diese nicht über die Zusammensetzung der pyrotechnischen Schicht erreicht werden soll.
Weitere Voraussetzungen ergeben sich aus den geometrischen Verhältnissen und aus der
Relation zwischen Bedrohung und Schutzflächendimensionierung. Hierbei sind die eingesetzten
Materialien wie z.B. die Art des Sprengstoffs oder entsprechende Beimischungen bis
hin zur Anzahl der Schutzflächen zu berücksichtigen.
[0032] Aufgrund der hohen Wirksamkeit kann bei einer pyrotechnischen Schutzfläche entsprechend
der Erfindung die aufzuwendende Sprengstoffmasse pro Flächeneinheit gegenüber bisher
bekannten reaktiven Panzerungen erheblich geringer sein, bei Beachtung der oben genannten
Einschränkungen bis zu 50%. Als Anhaltswert für die Auslegung kann gelten, dass die
Dicke der Sprengstoffbelegungen bei einem Winkel zwischen Abwehrbereich und Bedrohung
von über 30° etwa 50 % des mittleren Strahldurchmessers betragen kann.
[0033] Grundsätzliche Überlegungen zu den erreichbaren Geschwindigkeiten v freier und belegter
Sprengstoffoberflächen können über die Gurney-Gleichung für ebene pyrotechnische Flächen
angestellt werden:

mit
a = M1/C und b = M2/C sowie A = (1 + 2·a)/(1 + 2·b);
M/C: Verhältnis der Masse von Wand und Sprengstoff;
Index 1 : vordere Fläche, Index 2: hintere Fläche;
(2·E)0,5: Gurney-Faktor (hier mit 2.800 m/s angenommen);
v2 = A·v1.
[0034] Bei quasi einseitiger Belegung wird a oder b gleich Null.
[0035] In der folgenden Tabelle sind einige Dimensionierungen berechnet, welche die grundsätzlichen
Überlegungen unterstreichen. Dabei kommt es nicht auf den absoluten Betrag an, sondern
auf die sich klar abzeichnenden Bestätigungen der Überlegung im Zusammenhang mit der
vorliegenden Erfindung (D: Dicke, M: Masse, S: Sandwich).
| D1 |
rho1 |
M1 |
DC |
rhoC |
MC |
D2 |
rho2 |
M2 |
MS |
MSLos |
a |
b |
A |
v1 |
v2 |
| cm |
g/cm3 |
kg/m2 |
cm |
g/cm3 |
kg/m2 |
cm |
g/cm3 |
kg/m2 |
kg/m2 |
kg/m2 |
1 |
1 |
1 |
m/s |
m/s |
| 0,01 |
2,8 |
0,3 |
0,2 |
1,5 |
3,0 |
0,01 |
2,8 |
0,3 |
0.8 |
1,6 |
0,09 |
0,09 |
1,00 |
3883 |
3883 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,2 |
1,5 |
3,0 |
0,1 |
2,8 |
2,8 |
8,4 |
16,0 |
0,93 |
0,93 |
1,00 |
1888 |
1888 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
1 |
1,5 |
15,0 |
0,1 |
2,8 |
2,8 |
8,4 |
16,0 |
0,19 |
0,19 |
1,00 |
3331 |
3331 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
2 |
1,5 |
30,0 |
0,1 |
2,8 |
2,8 |
8,4 |
16,0 |
0,09 |
0,09 |
1,00 |
3883 |
3883 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
3 |
1,5 |
45,0 |
0,1 |
2,8 |
2,8 |
8,4 |
16,0 |
0,06 |
0,06 |
1,00 |
4138 |
4138 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,5 |
1,5 |
7,5 |
0,2 |
2,8 |
5,6 |
11,2 |
21,3 |
0,37 |
0,75 |
0,70 |
2796 |
1958 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,5 |
1,5 |
7,5 |
1 |
2,8 |
28,0 |
33,6 |
64,0 |
0,37 |
3,73 |
0,21 |
3109 |
641 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,5 |
1,5 |
7,5 |
2 |
2,8 |
56,0 |
61,6 |
117,3 |
0,37 |
7,47 |
0,11 |
3204 |
351 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,5 |
1,5 |
7,5 |
3 |
2,8 |
84,0 |
89,6 |
170,6 |
0.37 |
11,20 |
0,07 |
3242 |
242 |
| 0,1 |
2,8 |
2,8 |
0,5 |
1,5 |
7,5 |
15 |
2,8 |
420,0 |
425,6 |
810,2 |
0,37 |
56,00 |
0,02 |
3311 |
51 |
| 0,01 |
2,8 |
0,3 |
1 |
1,2 |
12,0 |
1 |
7,85 |
78,5 |
79,1 |
150,5 |
0,02 |
6,54 |
0,07 |
4604 |
342 |
| 0,01 |
7,85 |
0,8 |
1 |
1,2 |
12,0 |
1 |
7,85 |
78,5 |
80,1 |
152,4 |
0,07 |
6,54 |
0,08 |
4340 |
348 |
| 0.10 |
7,85 |
7,9 |
1 |
1,2 |
12,0 |
1 |
7,85 |
78,5 |
94,2 |
179,3 |
0,65 |
6,54 |
0,16 |
2649 |
434 |
| 0,01 |
1,5 |
0,2 |
0,5 |
1,2 |
6,0 |
0,01 |
1,5 |
0,2 |
0,5 |
0,9 |
0,03 |
0,03 |
1,00 |
4522 |
4522 |
| 0,10 |
1,5 |
1,5 |
0,5 |
1,2 |
6,0 |
0,1 |
1,5 |
1,5 |
4,5 |
8,6 |
0,25 |
0,25 |
1,00 |
3067 |
3067 |
| 0,10 |
4,5 |
4,5 |
0,5 |
1,2 |
6,0 |
0,1 |
4,5 |
4,5 |
13,5 |
25,7 |
0,75 |
0,75 |
1,00 |
2068 |
2068 |
[0036] Bei größerer Explosivstoffdicke (DC) und relativ dünner Trägerschicht ergeben sich
theoretisch Geschwindigkeiten in der Größenordnung der Schwadengeschwindigkeit bis
über 4 km/s. Die freie Oberfläche bzw. eine geringe Belegung der Sprengstoffoberfläche
entscheidet über eine Näherung an die theoretisch erreichbaren Geschwindigkeiten.
[0037] Bei sehr dünnen Belegungen (Schutz der Folienoberfläche) in der Größenordnung von
0,1 mm werden auch bei sehr geringen Sprengstoff-Foliendicken (z.B. 2 mm - die minimale
Dicke wird durch die Zündeigenschaften bestimmt) sehr hohe Oberflächengeschwindigkeiten
(über 3 km/s) erreicht. Bereits bei immer noch sehr geringen Belegungen (z.B. 1 mm
Al) geht die Oberflächengeschwindigkeit auf unter 2 km/s zurück. Sie liegt aber im
Vergleich zu herkömmlichen Sandwichs immer noch sehr hoch.
[0038] Bei einseitiger oder quasi einseitiger Belegung, mittlerer Sprengstoffdicke und relativ
massiver Wand (z.B. zum KE-Schutz oder aus Systemgründen) ergeben sich bei realistischen
Dimensionierungen und sehr hoher einseitiger Geschwindigkeit Wandgeschwindigkeiten
in der Größenordnung von lediglich 50 m/s. Derart geringe Geschwindigkeiten sind noch
mit mechanischen Mitteln zu beherrschen. Damit ergeben sich für diesen Grenzbereich
von Auslegungen entsprechend der Erfindung besonders interessante Kombinationen, bei
denen eine hohe Schutzeffizienz bei geringster Bautiefe und ohne Belastung von Umfeld
und Struktur vereint sind.
[0039] Folgende grundsätzlichen Anordnungen werden im Zusammenhang mit Auslegungen des Trägers
entsprechend der vorliegenden Erfindung beispielhaft betrachtet (vgl. Fig. 4 und Fig.
5):
Fig. 4A: Symmetrische Belegung mittels reiner Sprengstofffolien. Dies schließt selbstverständlich
auch Folien mit Oberflächenbehandlung oder Oberflächenschutz ein. Dadurch erfolgt
eine in erster Näherung gleichzeitige Detonation. Die "dynamische Verdämmung" durch
die Detonationsgase erhöht die wirksame verdämmende Masse und es ergibt sich eine
maximale Oberflächengeschwindigkeit in der Größenordnung der Schwadengeschwindigkeit.
Die Wand selbst erfährt definitionsgemäß keine Beschleunigung. Die Geschwindigkeit
der Reaktionsgase kann durch die Folienauslegung und den gewählten Sprengstoff erheblich
beeinflusst werden, ebenso durch in die Sprengstoffmatrix eingebrachte Stoffe. Bei
einer Belegung der Explosivstoffschicht mit einer massiven Schicht, wie dies ganz
überwiegend bei klassischen Sandwichaufbauten der Fall ist, ist diese Einflussmöglichkeit
stark eingeschränkt.
Fig. 4B und 4C: Unterschiedliche Explosivstoffbelegung. Dadurch ergibt sich eine resultierende
Geschwindigkeit der Trennwand bzw. des Trägers. Bei entsprechender Ausgestaltung und
einer geeigneten Materialwahl bedeutet dies grundsätzlich keine Einschränkung der
Einsatzbandbreite. Eine nahezu vollständige Symmetrie der gesamten reaktiven Anordnung
ist dann durch eine symmetrische Anordnung zweier Flächen zu erreichen. Als Ansatz
für eine grobe Abschätzung der resultierenden Beschleunigung der tragenden Schicht
bzw. der Verbindungsschicht entweder in Richtung der Bedrohung oder gegen die Bedrohung
gerichtet, kann in erster Näherung die Differenzdicke zwischen beiden Sprengstofffolien
gelten.
Fig. 5A: Zwischen den reinen Sprengstofffolien befindet sich eine ausgedehntere Wand
(z.B. sehr geringer Dichte in der Größenordnung von 0,1 g/cm3). Diese Wand kann auch bei hoher Kompressibilität dynamisch relativ hart ausgelegt
sein.
Fig. 5B und 5C: Die Sprengstofffolien in dem Fig. 5A entsprechenden Aufbau sind entweder
auf der Wandseite (Trägerseite) oder auf der Außenseite (Bedrohungs- und Objektseite)
mit einer sehr dünnen Schicht belegt. Dadurch wird nach den obigen Gurney-Betrachtungen
eine Einstellung der gewünschten Schwadenausbreitungsgeschwindigkeit auf dieser Seite
ermöglicht. Damit ist zum Beispiel auch im Bereich geringer Oberflächenbelegungen
eine Verlängerung der Eingriffsdauer gegenüber der Bedrohung zu erreichen.
[0040] Selbstverständlich können die Sprengstofffolien oder auch die Belegungen veränderliche
Dicken aufweisen. Dadurch kann z.B. die Effektivität einer Teilfläche, etwa zur Kompensation
unterschiedlicher Schutztiefen oder Anstellungen, beeinflusst werden.
[0041] In Verbindung mit dem Abfangen der schnellen Strahlteile durch ausreichend hohe Geschwindigkeiten
freier Folienoberflächen können sich über die geeigneten Oberflächenbelegungen sehr
breit wirkende Anordnungen mit hohem Gesamtwirkungsgrad ergeben. Als Grenzfall kann
dann eine einseitige Belegung der Sprengstofffolie mit einem beschleunigten Blech
klassischer Dimensionierung angesehen werden. Dies gilt jedoch nur für diese Teilkomponente
eines reaktiven Aufbaus, nicht jedoch für eine reaktive Anordnung im Sinne und mit
dem Anspruch der vorliegenden Erfindung.
[0042] Eine dickere tragende Schicht oder eine Trennschicht zwischen den Sprengstofffolien
mit zusätzlichen physikalischen Eigenschaften, zum Beispiel bezüglich des dynamischen
Verhaltens oder spezifischer Eigenschaften gegenüber Stoßwellen, kann von Vorteil
sein, weil die Eingriffstiefe erhöht wird, d.h. mehrere Strahlpartikel bzw. eine größere
Strahllänge dort im Eingriff bleibt. Bekannte, mittels Sprengstoff dynamisch verdichtete
Glaskörper funktionieren auf dieser Basis. Diese sind jedoch nicht zuletzt aufgrund
der erforderlichen Dicken in der Massebilanz einer Panzerung relativ schwer.
[0043] Bei reaktiven Panzerungen ist der Einfluss der Elementgröße auf die Verdämmung und
damit auf die von den beschleunigten Komponenten erreichbaren Geschwindigkeiten von
großer Bedeutung. Dabei ist leicht einzusehen, dass kleine Elementgrößen und größere
Sprengstoffdicken sowie höhere Elementmassen geschwindigkeitsvermindernd wirken. Denn
die Geschwindigkeit eines kleinflächigen Elementes wird umso mehr reduziert, je dicker
(massereicher) die Belegung und je dicker die Sprengstoffschicht ist. Diese Geschwindigkeitsminderung
kann in der Größenordnung von 50% liegen, sodass dieser Einfluss andere zielspezifische
Parameter weit übersteuern kann. Bei sehr geringen Belegungsmassen oder bei reinen
Sprengstoffschichten wird dieser Einfluss der Elementgröße entsprechend geringer.
Auf die Geschwindigkeit der Gasschwaden bleibt er in erster Näherung ohne Einfluss.
Daraus ergibt sich ein weiterer Vorteil bei Anordnungen entsprechend der vorliegenden
Erfindung. Insbesondere werden die sehr wichtigen Auslegungskriterien wie Modulgröße
und Wirkung in Randzonen positiv beeinflusst.
[0044] Durch einen mehrschichtigen Aufbau des Trägers kann dieser auch als Steuerungselement
für den Energie- und Signaltransfer zwischen den Sprengstofffolien dienen. Ein Auslegungskriterium
hierfür ist die akustische Impedanz der eingesetzten Materialien.
[0045] Die bei pyrotechnischen Schutzflächen entsprechend der Erfindung benötigten Sprengstoffschichten
stellen nur geringe Ansprüche hinsichtlich Fertigungstoleranzen und Oberflächengüte
und damit der Fertigungsverfahren. Dies vergrößert erheblich den Spielraum bei der
Gestaltung der Oberfläche eines Schutzelements.
[0046] Eine weitere Verbesserung ergibt sich durch das grundsätzlich bekannte Verfahren,
die Flächen der pyrotechnischen Schichten mit Materialien unterschiedlicher Dichte
zu belegen. Vorteilhaft werden für die Belegungen Materialien geringer oder höherer
Dichte, spröde, sich zerlegende oder delaminierende Werkstoffe wie Glas, Verbundmaterialien,
Keramiken oder schockharte, aber bei relativ geringen Verformungsgeschwindigkeiten
weiche Materialien wie etwa Gummi verwendet, die mit ihrer hohen Trägheit nach einer
verhältnismäßig langen Ansprechzeit über eine längere Zeitdauer den mittleren und
hinteren Teil des Hohlladungsstrahls zerstreuen bzw. erodieren. Als Materialien niedriger
Dichte eignen sich z.B. metallische oder nichtmetallische Schäume. Bei freien Sprengstoffoberflächen
erzielt Luft als umgebendes Medium wegen seiner geringen Trägheit eine kurze Ansprechzeit
und sehr hohe Beschleunigung zur Zerstreuung der schnellen Teile aus dem vorderen
Bereich des Hohlladungsstrahls.
[0047] Durch die Anwendung der in der Ballistik eingeführten Modellregeln, insbesondere
des Cranz'schen Modellgesetzes, das ursprünglich für die Detonation von Sprengstoffen
formuliert und später auf die gesamte Endballistik erweitert wurde, können in weiten
Grenzen geometrische Änderungen vorgenommen werden. Damit kann ein in der Praxis erprobter
Aufbau mittels physikalischer und geometrischer Abbildungsvorschriften in sehr weiten
Grenzen auf vergleichbare Anwendungen übertragen werden. Weitere Hilfsmittel zur Dimensionierung
bieten numerische Simulationen.
[0048] Die hohe Wirksamkeit einer Anordnung entsprechend der Erfindung ist grundsätzlich
nicht an ein Gehäuse gebunden. Behälter, Gehäuse oder Abdeckungen dienen in erster
Linie dem Fixieren oder dem Schutz der Wirkschichten, auch in Verbindung mit zu kombinierenden
Schutzkomponenten und gegen äußere Einflüsse.
[0049] In der Praxis ist es vorteilhaft, die Wirkungsweise der Schutzanordnung entsprechend
der Erfindung mit konstruktiven Vorgaben des zu schützenden Objekts zu verknüpfen.
Dies kann von einem einfachen Aneinanderlegen bis hin zu sich ergänzenden Schutzstrukturen
reichen. Die inerten Materialien der Vorder- und/oder Rückseite des Gehäuses aus einem
oder mehreren Schichten können auch hinsichtlich der Wirksamkeit gegen KE-Geschosse
optimiert werden.
[0050] In einer bevorzugten Ausführung werden die Schichten aus Sprengstoff und inerten
Materialien in vorgefertigte Taschen des Schutzmoduls eingebracht, wodurch eine einfache
und fertigungsgerechte Anpassung vom Reaktivschutz an das zu schützende Fahrzeug vorgenommen
werden kann.
KURZBESCHREIBUNG DER ZEICHNUNGEN
[0051] Die die Erfindung kennzeichnenden Figuren und Erläuterungen der Vorgänge bei auftreffenden
und durchdringenden Bedrohungen sind in der folgenden Liste zusammengestellt:
- Fig.1
- Grundsätzlicher Aufbau einer pyrotechnischen Schutzfläche entsprechend der Erfindung.
- Fig.2
- Wirkungsweise der pyrotechnischen Schutzfläche nach Fig. 1 zu einem relativ frühen
Zeitpunkt des Ein- und Durchdringprozesses.
- Fig.3
- Wirkungsweise der pyrotechnischen Schutzfläche nach Fig. 1 zu einem späteren Zeitpunkt
des Ein- und Durchdringprozesses.
- Fig.4
- Beispiele für pyrotechnische Schutzflächen nach Fig. 1 mit dünnen Trägern.
- Fig.5
- Beispiele für pyrotechnische Schutzflächen nach Fig. 1 mit ausgedehnten Trägern.
- Fig.6
- Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit zwei freien Sprengstoffschichten.
- Fig.7
- Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit innerer Verdämmung.
- Fig.8
- Weiteres Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit Beulsandwich.
- Fig. 9
- Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit Behälter/Gehäuse.
- Fig. 10
- Weiteres Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit Behälter/Gehäuse.
- Fig. 11
- Weiteres Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit Behälter/Gehäuse.
DETAILLIERTE BESCHREIBUNG DER DERZEIT BEVORZUGTEN AUSFÜHRUNGSBEISPIELE
[0052] Obige sowie weitere Merkmale und Vorteile der Erfindung werden aus der nachfolgenden
Beschreibung bevorzugter, nicht einschränkender Beispiele unter Bezugnahme auf die
beiliegenden Zeichnungen besser verständlich. So zeigt Fig. 1 den grundsätzlichen
Aufbau einer pyrotechnischen Schutzfläche entsprechend der Erfindung mit dem auftreffenden
Hohlladungsstrahl bzw. der auftreffenden Bedrohung 1, den pyrotechnischen Belegungen
2 und 3 und dem dazwischen liegenden Träger 4.
[0053] Fig. 2 zeigt den Zustand bzw. die Wirkungsweise der pyrotechnischen Schutzfläche
nach Fig. 1 zu einem relativ frühen Zeitpunkt des Ein- und Durchdringprozesses. Die
Initiierung der vorderen (der Bedrohung zugewandten) pyrotechnischen Belegung 2 erfolgt
im Auftreffpunkt von 1 auf 2 (kleiner Kreis 5). Die Detonationsfront breitet sich
in 2 mit einer Geschwindigkeit aus, die in der Größenordnung der mittleren Strahl-Durchdringgeschwindigkeit
im abzuwehrenden Teil des Hohlladungsstrahls liegt (symbolisiert durch die Pfeile
6). Im Falle eines relativ dünnen Trägers erfolgt in der hinteren pyrotechnischen
Belegung 3 eine Initiierung sowohl durch die sich von 5 aus halbkugelförmig ausbreitenden
Stoßwellen als auch durch die durchdringende Strahlspitze im Auftreffpunkt von 1 auf
3 (kleiner Kreis 5A). Für die Ausbreitung der Detonationsfront in 3 gelten die gleichen
Bedingungen wie bei 2 (Pfeile 6A). Aufgrund der geometrischen Verhältnisse und insbesondere
auch der Ausgestaltung von 4 kann sich eine Asymmetrie in dem für den betrachteten
Zeitpunkt geltenden Kontrollraum (großer Kreis 7) für das Kräftespiel und damit die
Gesamtdynamik ergeben. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die grundsätzlichen Eigenschaften
der beschriebenen Anordnung. Die sich gegen die Bedrohung ausbreitende Detonationsfronten
aus beschleunigten Reaktionsgasen (und gegebenenfalls beschleunigten Oberflächenschichten)
werden durch das sich ausdehnende Druckfeld 9 symbolisiert.
[0054] Bei freien oder nur geringfügig belegten Oberflächen von 2 und 3 ergeben sich hohe
Ausbreitungsgeschwindigkeiten der Detonationsfront und der Reaktionsgase in Richtung
des ein- bzw. durchdringenden Strahls (Pfeilfeld 8). Die Geschwindigkeit wird auch
ganz entscheidend durch die verdämmende Eigenschaft der Flächen 4 und 3 (vor Zündung
statisch aufgrund der trägen Masse, nach Zündung von 3 aufgrund des sich bildenden
Druckfeldes) gegenüber der Sprengstoffschicht 2 erhöht. Dadurch werden Strahlteile
im Spitzenbereich seitlich belastet und damit abgelenkt bzw. zerstört. Bei den insbesondere
im Spitzenbereich gegen Störungen sehr sensiblen Hohlladungspartikeln sind Beaufschlagungen
mit geringer Energie für eine große Leistungsverringerung (Zerstörung) dieser Teile
ausreichend.
[0055] Die vordersten Strahlteile treten aufgrund des oben beschriebenen Eindringmechanismus
jedoch noch durch die vordere pyrotechnische Schicht 2. Sie werden in der hinteren
pyrotechnischen Belegung 3 abgefangen. Wegen der dort geltenden aktuellen physikalischen
Bedingungen, der geometrischen Verhältnisse und der auftretenden Geschwindigkeiten
in Verbindung mit den kurzen Reaktionszeiten wird in der hinteren Zone auch die vorderste
Strahlspitze erreicht, sodass insgesamt eine vollständige Belastung, Ablenkung und
damit Zerstörung eines großen Teils des Hohlladungsstrahls einschließlich der vordersten
Partikel erfolgt.
[0056] Diese Verhältnisse sind in Fig. 3 dargestellt. Ein Teil der pyrotechnischen Belegung
2 wurde bereits in ein sich weiter ausbreitendes Druckfeld 9A umgesetzt. Der durch
den großen Kreis 8A symbolisierte Kontrollraum für die Gesamtdynamik mit den entsprechenden
Pfeilfeldern 8 und 10 der Reaktionsflächen von 2 und 3 zeigt sowohl ein in guter Näherung
ausgeglichenes Gesamtbild der Kräfte als auch die Belastung der vordersten Strahlspitze
in dem durch einen kleineren Kreis 11 gekennzeichneten Bereich des von 3 gebildeten
Störfeldes 12.
[0057] Fig. 4 zeigt Beispiele für symmetrische oder asymmetrische pyrotechnische Schutzflächen
mit dazwischen positionierten Trägern. Diese können sowohl schutzrelevant (z.B. als
KE-Schutz oder Schutz gegen Flachkegelladungen) oder extrem leicht ausgeführt sein.
Entsprechende reaktive Anordnungen können aus einem einzigen (ebenen oder gekrümmten
bzw. beliebig geformten) Element gebildet werden oder durch die Kombination von zwei
oder mehr Elementen zu einer Fläche zusammengesetzt sein. Damit ist es möglich, den
reaktiven Schutz entsprechend der Erfindung der Bedrohung anzupassen.
[0058] In Fig. 5 sind einige Beispiele für (hier symmetrisch angeordnete) pyrotechnische
Schutzflächen mit ausgedehnten Trägern bzw. Innenflächen (4A, 4B, 4C) dargestellt.
Diese können, wie beschrieben, aus extrem leichten Materialien bestehen oder auch
gleichzeitig als Innenvolumen (z.B. als Behälter) für andere Aufgaben dienen. Selbstverständlich
sind der Ausgestaltung dieser inneren Bereiche keinerlei Grenzen gesetzt, soweit die
Wirkungsweise der reaktiven Komponenten nicht unzulässig eingeschränkt wird.
[0059] Wie an Auslegungsbeispielen (vgl. Fig. 6 bis 11) und durchgeführten Experimenten
gezeigt wird, sind ein- und/oder beidseitige Belegungen der Sprengstoffoberflächen
im Innen- und/oder Außenbereich (13, 13A, 14, 14A) insbesondere für den Gesamtwirkungsgrad
einer Panzerung von großer Bedeutung und ebenso für die Verteilung des noch erforderlichen
Schutzes gegen die Resteindringtiefe der Bedrohung.
[0060] Für eine optimale Schutzwirkung reaktiver Anordnungen entsprechend der Erfindung
kann die ein- oder beidseitige Verdämmung einer der Sprengstoffschichten für die Gesamtbilanz
der Schutzwirkung oder in Verbindung mit auslegungstechnischen Vorgaben vorteilhaft
sein. Eine derartige Verdämmung des Sprengstoffs zur Erhöhung der Gesamtschutzwirkung
erfolgt vorteilhaft mit zerlegenden Massen wie z.B. Oberflächen aus metallischen oder
nichtmetallischen Folien, GFK, Keramik oder Glas oder auch Flüssigkeiten und Gele.
[0061] Entsprechend der obigen Erläuterungen sind die Materialien der Verdämmungen in Menge
und Dichte vorteilhaft so zu wählen, dass in Kombination mit den pyrotechnischen Schichten
eine oder mehrere der Verdämmungsschichten möglichst frühzeitig in Bewegung versetzt
werden, um die vorderen schnellen Teile des Hohlladungsstrahls zu stören und dass
eine oder mehrere Verdämmungsmaterialien langsamer in Bewegung versetzt werden, damit
diese die langsameren mittleren und hinteren Bereiche des Hohlladungsstrahls stören
können.
[0062] Die Sprengstoffschichten können in einem oder mehreren metallischen oder nichtmetallischen
Materialien niedriger Dichte (15-30 kg/m
3) und hoher Kompressibilität als Matrix eingebettet sein (vgl. Fig. 6).
[0063] Die Ausgestaltung des Trägers 4 ist vollkommen frei. Er ist daher in Fig. 1 als gekrümmte
Fläche dargestellt. Erforderlich ist nur eine ausreichende Neigung gegenüber der Bedrohung
im Wirkungsbereich. Aufgrund der hohen Effizienz der pyrotechnischen Belegung sind
bei der hier vorgeschlagenen Anordnung die Mindestwinkel im Vergleich zu bekannten
reaktiven Aufbauten um 10° bis 15° geringer. Da bei Sandwichs herkömmlicher Bauweise
von einem Mindestneigungswinkel von 45° ausgegangen wird, ist bei der vorliegenden
Anordnung ein mittlerer Winkel zwischen Bedrohung und Abwehr von 30° bis 40° ausreichend.
Der Winkel zwischen Abwehrfläche und Bedrohung kann über die Anstellung der gesamten
Fläche oder über geometrische Modifikationen durch technische oder konstruktive Maßnahmen
gebildet werden. So kann z.B. auch bei gegenüber einer Bedrohung für eine ausreichende
Wirkung zu gering geneigten Fläche die erforderliche Neigung z.B. durch Wellung, Abwinkelung
oder Lamellierung erreicht werden. Die unterschiedlichen Ausführungsformen der pyrotechnischen
Schutzfläche können dabei eine zusammenhängende Fläche bilden oder aus einzelnen Modulen
mit Zwischenräumen oder sonstigen Trennungen aufgebaut sein (z.B. Flächensegmente,
Jalousie, getrennte oder ineinander greifende Module).
[0064] Die technische Ausgestaltung des Trägers ist grundsätzlich keinen Einschränkungen
unterworfen (z.B. metallisch, nichtmetallisch, strukturiert, ein- oder mehrschichtig).
Der Träger kann starr oder verformbar/beweglich sein und seine Dicke kann von Folienstärke
bis zu einer massiven Platte oder dickeren Struktur reichen. Weiterhin kann er aus
einem inerten Material oder aus einem chemisch/pyrotechnisch reaktionsfähigen Stoff
bestehen. Damit kann in diesem Träger durch die Detonation der pyrotechnischen Belegungen
auch ein inneres Hochdruckfeld aufgebaut werden.
[0065] Die Leistungsfähigkeit einer Schutzanordnung wird allgemein als Verhältnis der Referenzmasse
(Leistung der Munition in Panzerstahläquivalent) zur Masse der Schutzanordnung selbst
mittels zweier Faktoren beurteilt:
- 1. Em-Faktor, gebildet aus: Em = mref / (mS + mRL), mit mref als Leistung der Bedrohung
in stahläquivalenter Masse, mS als eingesetzter Schutzmasse und mRL als Restleistung
in stahläquivalenter Masse; sowie
- 2. Fm-Faktor, gebildet aus Fm = (mref - mRL) / mS.
[0066] Der Em-Faktor dient als Beurteilungsmaßstab für die Güte eines Gesamtschutzes. Bei
einer Teilschutzmaßnahme, d.h. bei einer noch vorhandenen Restleistung, erfolgt die
Beurteilung der einzelnen Schutzanordnungen Sinnvollerweise über den Fm-Faktor, um
deren Güte vergleichend bewertend zu können.
[0067] Die nach dem derzeitigen Stand der Technik erzielbaren Fm-Werte liegen für passive
Schutzanordnungen im Bereich von 5, für reaktive Anordnungen im Bereich von 8 bis
10.
[0068] Eine Anordnung entsprechend der Erfindung setzt grundsätzlich den Einsatz von pyrotechnischen
Stoffen mit einer dem Anwendungsfall entsprechenden Dynamik, also Reaktionsfähigkeit
voraus. Die Handhabung der hier benötigten pyrotechnischen Elemente und die damit
verbundenen Sicherheitsvorkehrungen und andere operationelle Vorgaben werden dadurch
entscheidend verbessert, dass die notwendigen technischen Voraussetzungen für die
Trägerstruktur bzw. das Fahrzeug aufgrund der beschriebenen Vorteile denkbar tief
angesetzt werden können. Weiterhin kann durch entsprechende Vorkehrungen die Einsatzdauer
einer effektiven pyrotechnischen Belegung minimiert werden.
[0069] Fig. 6 zeigt einen prinzipiellen Aufbau entsprechend Fig. 5A. Die Hohlladung ist
im Abstand 15 vor der reaktiven Schutzanordnung positioniert. Diese besteht in der
einfachsten Form aus den zur Strahlachse 1 geneigten Sprengstoffschichten 16 und 17.
Der reinen Fixierung der Sprengstoffschichten 16 und 17 dienen die Schichten 18, 19
und 20. Diese Schichten 18, 19 und 20 können auch als sehr leichte Verdämmung dienen.
Dabei darf die erforderliche Ausbreitungsgeschwindigkeit der Oberfläche aber nicht
wesentlich eingeschränkt werden.
[0070] Die Schutzanordnung entsprechend Fig. 6 wurde unter 45° experimentell mit einer Experimentierladung
vom Typ PG 7 im Abstand (15) von etwa 2,5 Kalibern getestet. Der Schutzaufbau bestand
aus Schaumstoff / Sprengstoff / Schaumstoff / Sprengstoff / Schaumstoff, das Flächengewicht
betrug bei einer Dichte des Schaumstoffs von etwa 15 kg/m
3 weniger als 30 kg/m
2 in LoS (Line of Sight). Die experimentell ermittelte Restleistung betrug etwa 30
% der Leistung der Hohlladung in Panzerstahl. Daraus errechnet sich ein außerordentlich
hoher Fm-Wert von über 70. Weiterhin werden, wie bei den folgenden Beispielen, weder
in Richtung der Bedrohung noch in Richtung des zu schützenden Objekts endballistisch
relevante Teile erzeugt.
[0071] Damit wurde bestätigt, dass eine solche extrem leichte Anordnung entsprechend der
Erfindung als genereller Schutz in Verbindung mit allgemein zu schützenden Objekten,
als Zusatzpanzerung und insbesondere als Schutz für nahezu alle Fahrzeuge geeignet
ist. Für Fahrzeuge mit einem hohen Grundschutz, beispielsweise Kampfpanzer, ist eine
solche Anordnung auch bestens geeignet, um die Seite und das Heck gegen die Bedrohung
durch PzAbwHWa zu schützen.
[0072] In einem weiteren Experiment wurde die vordere Sprengstoffschicht 16 mit einer relativ
dünnen Schicht aus einem Material mittlerer Dichte verdämmt. Bei einem Flächengewicht
der reaktiven Schutzanordnung von ca. 100 kg/m
2 betrug die Restleistung nur noch etwa 10%. Dies ergibt einen Fm-Wert von über 25.
[0073] Vergleicht man diese experimentell ermittelten Leistungen mit Werten bekannter reaktiver
Schutzanordnungen, so wird der Unterschied zu der erfindungsgemäßen Schutzanordnung
sowohl hinsichtlich Restleistung (10% gegenüber etwa 30%) als auch Flächengewicht
(∼ 100 kg/m
2 gegenüber 300 kg/m
2) deutlich.
[0074] In einem weiteren Versuch wurde sowohl die vordere Sprengstoffschicht 16 als auch
die hintere Sprengstoffschicht 17 auf der Seite des Trägers mit einem spröden Material
mittlerer Dichte (20, 20A) verdämmt (Fig. 7). Aufgrund der relativ dünnen inneren
Schicht aus Schaumstoff 19 handelt es sich hierbei um einen besonders flachen Schutzaufbau
nach Figur 5B. Bei einem Flächengewicht der reaktiven Schutzanordnung von unter 90
kg/m
2 betrug die Restleistung weniger als 10%. Dies ergibt einen Fm-Wert von über 30.
[0075] Die Restleistung der Hohlladung muss durch ballistisch wirksame Werkstoffe kompensiert
werden. Da selbst Werkstoffe wie Panzerstahl, hochfestes Duraluminium oder Titan nur
Effektivitäten bis 1,5 erreichen, wird die besondere Leistungsfähigkeit dieser erfindungsgemäßen
Schutzanordnung insbesondere im Hinblick auf die Verwendung bei leichten Systemen
deutlich. Die erreichten außerordentlich geringen Restleistungen bestätigen, dass
die Verwendung einer solchen erfindungsgemäßen reaktiven Schutzanordnung für mittlere
und sogar leichte gepanzerte Fahrzeuge ermöglicht wird.
[0076] Durch ein Experiment mit einer in Fig. 8 dargestellten, reaktiven Schutzanordnung
wurde dies bestätigt. In dieser Kombination der in den Fig. 5 und 6 gezeigten Anordnungen
(vordere Belegung: dünne Schicht mittlerer Dichte 21) war auf der Zielseite nach einer
in Schaumstoff 19, 20 eingebetteten Sprengstoffschicht 17 eine Beulvorrichtung 22
angeordnet. Bei einem Flächengewicht der gesamten Schutzanordnung von ca. 170 kg/m
2 betrug die Restleistung nur noch etwa 1% bis 2%.
[0077] Ein Vergleich der absoluten Werte dieser erfindungsgemäßen reaktiven Schutzanordnung
mit reaktiven Schutzsystemen nach dem Stand der Technik verdeutlicht diese bedeutende
Innovationshöhe. Herkömmliche reaktive Schutzsysteme mit einem Flächengewicht von
300 kg/m
2 erzielen im günstigsten Fall Restleistungswerte von 20% der Referenzleistung der
Bedrohung, d.h. bei der Bedrohung durch PzAbwHWa mit einer Leistungsfähigkeit von
300 mm bis 400 mm Panzerstahläquivalent, eine Restleistung von 60 mm bis 80 mm Panzerstahl.
Dies entspricht einem Flächengewicht von 480 kg/m
2 bis 640 kg/m
2. In günstigsten Fall ergibt sich somit ein gesamtes Flächengewicht für den benötigten
Panzerschutz von 780 kg/m
2. Beträgt die zu schützende Fläche eines Objektes beispielsweise 6 m
2 (z.B. Seitenschutz), so benötigt man ein gesamtes Schutzgewicht von 4680 kg. Demgegenüber
liegt die Restleistung der erfindungsgemäßen reaktiven Schutzanordnung nur noch bei
maximal 10 mm Panzerstahläquivalent, entsprechend einem Flächengewicht von 80 kg/m
2. In der Addition mit dem Flächengewicht dieser erfindungsgemäßen Schutzanordnung
ergibt sich somit ein gesamtes Flächengewicht für den benötigten Panzerschutz von
250 kg/m
2. Dies bedeutet für das zu schützende Objekt mit einer Schutzfläche von 6 m
2 ein gesamtes Schutzgewicht von nur noch 1.500 kg, d.h. die Gewichtsersparnis gegenüber
reaktiven Schutzsystemen nach dem Stand der Technik würde 3.180 kg betragen. Mit einer
reaktiven Schutzanordnung nach der Erfindung benötigt man somit nur noch etwa 32%
der Schutzmasse von konventionellen reaktiven Schutzanordnungen.
[0078] Die pyrotechnische Belegung der Schutzfläche kann sowohl aus einer Beschichtung,
einer befestigten oder aufgelegten Sprengstofffolie, einem aufgebrachten reaktiven
Gemisch (z.B. metallische Beimengungen zur Erhöhung der Störeffizienz) oder auch aus
einem ein pyrotechnisches Wirkmittel beinhaltenden starren oder verformbaren Behältnis
(Beutel) bestehen. Dessen Wände müssen jedoch derart ausgeführt sein, dass die beschriebene
Wirkungsweise der pyrotechnischen Schutzfläche nicht beeinträchtigt wird. Bei Belegungsdicken
der schnellen Komponenten in der Größenordnung von zehntel Millimetern ist dies jedoch
gewährleistet. Die metallische oder nichtmetallische Hülle eines derartigen Behältnisses
oder die Oberfläche der Sprengstofffolie kann sich auch aus dem Fertigungsverfahren
ergeben. Außerdem können derartige Hüllen oder Oberflächen auch für den Schutz gegen
Handhabungs- und Einsatzbelastungen sowie Umwelteinflüsse benötigt werden.
[0079] Pyrotechnische Schutzflächen lassen sich einfach kombinieren, um den erforderlichen
Abwehreffekt etwa gegen verhältnismäßig schwere Bedrohungen zu erreichen. So wird
z.B. durch das Zusammenschalten zweier relativ dünner pyrotechnischer Schutzflächen
eine neue, hochwirksame Schutzfläche gebildet, deren Gesamtsprengstoffdicke immer
noch geringer ist als die der bekannten reaktiven Panzerungen. So werden auch beim
Einsatz zweier pyrotechnischer Schutzflächen aufgrund der weiter reduzierten Restleistung
noch diese hohen Effizienzwerte erreicht bzw. noch größere Hohlladungen äußerst wirkungsvoll
abgefangen. Dies gilt insbesondere auch für Tandem-Anordnungen.
[0080] Aus bekannten reaktiven Schutzeinrichtungen sind alle die Zündung der pyrotechnischen
Fläche betreffenden Möglichkeiten abzuleiten oder zu übertragen. Hierzu gehört die
Auslösung durch eine direkte Beaufschlagung oder über Zündhilfen bis hin zu einer
gesteuerten Fremdzündung. Ebenso sind alle die Umkleidung oder Ummantelung der pyrotechnischen
Fläche betreffenden Möglichkeiten abzuleiten oder zu übertragen. Hierzu gehört das
Einbringen (oder Verpacken) in eine reine Schutzfolie (z.B. gegen Witterungseinflüsse,
zur Stoß- oder Abriebsicherung beim Transport oder zur farblichen Gestaltung der Oberfläche).
[0081] Weitere Vorteile und Möglichkeiten der Ausgestaltung, die aus bekannten reaktiven
Schutzeinrichtungen ohne besondere Kenntnisse abzuleiten oder zu übertragen sind,
betreffen die Ausführung eines Gehäuses und Befestigungen einschließlich die Demontierbarkeit
und damit Austauschbarkeit und Beweglichkeit (Einschub, Drehen, Kippen). Dies gilt
auch für die Positionierung in einem Abstand vor dem zu schützenden Objekt durch Befestigungselemente
oder Zwischenschichten. Diese dürfen selbstverständlich die Funktion nicht beeinträchtigen.
Bei Zwischenschichten oder Abstandshaltern kann es sich beispielsweise um dünne Strukturen,
Stoffe sehr geringer Dichte oder um Luftkammern handeln. Weitere Punkte betreffen
z.B. modulare Aufbauten, mehrschichtige Anordnungen, Änderungen der Dicke von Träger
und pyrotechnischen Belegungen und die Variation der beteiligten Wirkkomponenten.
Selbstverständlich können auch beliebige Schichten oder Strukturen (beispielsweise
gekrümmte, gewellte oder abgewinkelte Flächen) auf einer oder auf beiden Seiten mit
einer pyrotechnischen Schutzfläche belegt sein.
[0082] Die höchst effizienten reaktiven Schutzvorrichtungen bzw. Schutzflächen entsprechend
der Erfindung erübrigen auch weitgehend den Einsatz hoch komplexer und sehr störanfälliger
aktiver Schutztechniken. Derartige Systeme sollen eine weitere Steigerung der Schutzleistung
gegenüber klassischen reaktiven Schutzsystemen insbesondere dort erbringen, wo die
Bedrohung durch das Objekt selbst auch mit leistungsfähigen bekannten reaktiven Einrichtungen
nicht mehr abzuwehren ist oder das zu schützende Objekt durch die reaktive Panzerung
selbst zu stark belastet oder gar zerstört würde.
[0083] Aber selbst dort, wo aktive Schutzsysteme vorgesehen sind, können die erfindungsgemäßen
reaktiven Flächen einen entscheidenden Vorteil dadurch erbringen, dass derartige Module
mit geringsten Flächenmassen und auch noch bei beliebig geformter oder sehr kleiner
Elementgröße hohe Schutzleistungen erbringen. Dies kommt besonders bei aktiv beschleunigten
Schutzelementen zum Tragen, da diese entsprechend der sehr geringen Massen für ihre
Beschleunigung nur relativ geringe Energien benötigen.
[0084] Im Folgenden sind grundsätzliche Vorteile pyrotechnischer Schutzflächen bzw. Schutzvorrichtungen
aufgelistet:
- Die pyrotechnische Schutzvorrichtung bzw. Schutzfläche besitzt ein minimales Flächengewicht.
- Die pyrotechnische Schutzvorrichtung bzw. Schutzfläche benötigt eine minimale Bautiefe.
- Die pyrotechnische Schutzfläche ist grundsätzlich ein freies Element und damit an
keine weiteren technischen Einrichtungen gebunden.
- Die pyrotechnische Schutzvorrichtung besitzt einen optimalen Gesamtwirkungsgrad bezüglich
Masse und Schutztiefe.
- Es besteht keine Einschränkung bei einem flächenhaften Aufbau sowohl hinsichtlich
der Formgebung als auch der Schutztiefe. Damit sind auch extrem flache Bauweisen (Größenordnung:
20% bis 30% der HL-Referenzdurchschlagsleistung in Panzerstahl) möglich.
- Es können sehr kleine Elementgrößen realisiert werden, da der Randeinfluss (z.B. auf
die Verdämmung) gegenüber herkömmlichen reaktiver Panzerungen sehr viel geringer ist.
- Die Anordnung ist dem Neigungswinkel der zu schützenden Fläche beliebig anzupassen.
- Die pyrotechnische Fläche kann als Modul beliebig positioniert werden, so z.B. als
ein- oder mehrschichtige Vorpanzerung, als Wirkflächen in Verbindung mit Schürzen
oder auch direkt als Schürze.
- Es erfolgt eine Belastung des HL-Strahls in zwei unterschiedlichen Richtungen mit
minimaler Reaktionszeit und gleichzeitig hoher zeitlicher Streckung.
- Außer einem meist unproblematischen Blastdruck treten keine Strukturbelastungen auf.
Damit können Verformungen der Tragstruktur vermieden werden.
- Es erfolgen keine Belastungen des gesamten Umfelds durch endballistisch relevante
Massen.
- Die pyrotechnische Schutzfläche kann beliebig geformt sein und kann jeder Oberfläche
oder inneren Struktur angepasst werden.
- Die pyrotechnische Schutzfläche kann starr oder verformbar/beweglich sein.
- Die pyrotechnische Schutzfläche kann an bestehende Oberflächen auf beliebige Art und
Weise fest oder lösbar befestigt werden.
- Die pyrotechnische Schutzfläche kann als starrer oder beweglicher Vorhang in einem
Rahmen oder lose vor einem zu schützenden Objekt aufgehängt oder aufgespannt werden.
- Pyrotechnische Schutzflächen können beliebige Schichten oder Strukturen auf einer
oder auf beiden Seiten belegen.
- Es ist ein beliebiger Aufbau technisch eigenständiger Schutzflächen und deren Kombination
möglich. So können z.B. auch parallele oder gegeneinander geneigte pyrotechnische
Schutzflächen kombiniert werden.
- Die pyrotechnische Fläche kann als eigenständige Einrichtung verwendet oder mit anderen
Panzerungen (z.B. gegen KE- und FK-Bedrohungen) kombiniert werden.
- Die pyrotechnische Schutzvorrichtung kann mit Beulblechanordnungen wirkungsvoll kombiniert
werden, da sie die hohen Strahlgeschwindigkeiten abbaut und damit die Wirksamkeit
von Beulblechanodnungen (Beulsandwichs) erhöht.
- Pyrotechnische Flächen können als höchst effizientes mehrschichtiges flächenhaftes
Modul z.B. gegen Bedrohungen relativ großkalibriger Mono-Hohlladungen oder HL-Tandembedrohungen
eingesetzt werden.
- Die pyrotechnische Schutzfläche setzt keinen gehobenen technischen Anspruch (z.B.
hinsichtlich Fertigungsverfahren, Fertigungstoleranzen und Homogenität des Sprengstoffs)
voraus.
- Im Verhältnis zur erzielten Schutzleistung sind die Fertigungskosten der Schutzfläche
gering.
- Mit pyrotechnischen Schutzflächen ergeben sich vielfältige Nachrüstmöglichkeiten bei
vorhandenen Strukturen, Fahrzeugen oder sonstigen zu schützenden Oberflächen (auch
als Zusatzpanzerung bei bereits vorhandenen inerten oder reaktiven Panzerungen).
- Beim Einsatz oder durch den Austausch reaktiver Komponenten ergibt sich bei einer
Vielzahl von bekannten Beispielen reaktiver Schutzeinrichtungen eine technische Verbesserung
der Gesamtstruktur.
- Pyrotechnische Schutzflächen können ohne größeren Aufwand dem Stand der Technik angepasst
werden.
- Auch bei unterschiedlichen Belegungsdicken oder Elementmassen kann durch entsprechende
Gestaltung oder Dimensionierung der übrigen Komponenten eine dynamische Ausgewogenheit
hergestellt werden.
- Der Träger einer pyrotechnischen Schutzvorrichtung kann aus einem inerten Material
oder aus einer hohlen oder gefüllten Struktur bestehen.
- Der Träger der pyrotechnischen Schutzfläche kann als reine Befestigungs- bzw. Montagefläche
minimiert werden oder je nach Ausgestaltung (z.B. mehrschichtig oder als technische
Struktur) in weiten Grenzen ballistische oder technische Zusatzforderungen erfüllen.
Und dies ohne Minderung bzw. Störung der Grundleistung der Anordnung.
- Für das Gehäuse bzw. die Befestigungen der pyrotechnischen Fläche gelten alle bekannten
Vorteile derartiger Einrichtungen.
- Bei Bedarf können auch die Seiten-, Dach- und Bodenflächen eines Gehäuses oder Behälters
mit pyrotechnischen Schutzflächen belegt sein.
- Mittels pyrotechnischer Schutzflächen entsprechend der Erfindung ist auch erstmals
ein hochwirksamer Schutz gegen HL-Bedrohungen bei leichten Fahrzeugen bzw. ungepanzerter
Einrichtungen möglich.
- Mittels pyrotechnischer Schutzvorrichtungen entsprechend der Erfindung ist auch erstmals
ein hochwirksamer Schutz gegen großkalibrige HL-Bedrohungen bei mittelschwer gepanzerten
Fahrzeugen (z.B. SPz) möglich.
- Pyrotechnische Schutzflächen können als Ergänzung und/oder als Wirkkomponente bei
aktiven Panzerungen eingesetzt werden.
- Pyrotechnische Schutzflächen können bei aktiven Panzerungen sowohl der Signalübertragung
(Detonationsübertragung) als auch als Wirkflächen dienen.
[0085] Bei der reaktiven Schutzvorrichtung können die jeweiligen Sprengstoffschichten wahlweise
durch einen oder mehrere, mit Füllstoffen oder Luft versehene Kammern umschlossen
sein. Weitere Ausgestaltungen der Erfindung insbesondere im Hinblick auf deren Verwendung
und Einsatzfähigkeit bei leichten Fahrzeugen oder Transportmitteln sollen nachfolgend
kurz aufgeführt werden.
[0086] Besonders vorteilhaft ist ein flexibles Gehäuse, von dem die nicht oder bereichsweise
verdämmte Sprengstoffschichten vom Gehäuse umschlossen sind. Das Gehäuse (vgl. Fig.
9 bis 11) kann aus einem elastischen, metallfreien, keine Splitter bildenden Material
bestehen wie zum Beispiel Elastomeren, Thermoplasten oder Duroplasten. Weiterhin aus
nachgiebigen Werkstoffen wie Schäume oder Sinterwerkstoffen, aus Faserverbundwerkstoffen,
einem Material von nachwachsenden Rohstoffen, Holz oder Kunstholz, einem organischen
Material (Papier, Leder), einem textilen Material oder aus einer Kombination dieser
Materialien. Bei einer vollständigen Integration einer oder beider Sprengstoffschichten
in die Gehäusewandungen erfolgt eine dynamische Verdämmung des detonierenden Sprengstoffs.
Dies kann zu einer weiteren Erhöhung der Schutzwirkung führen. Weiterhin kann die
dem Gefechtsfeld zugewandte Sprengstoffschicht zusätzlich mit einer Verbundpanzerung
insbesondere gegen kleinkalibrige Munition geschützt sein.
[0087] Der Veranschaulichung der nahezu unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten von Behältern
bzw. Gehäusen dienen die drei folgenden Anordnungen. So zeigt Fig. 9 ein Beispiel
für eine pyrotechnische Anordnung 23, bei der das Gehäuse 28 eine senkrechte Rückwand
besitzt. Hinter der dünnen vorderen Abdeckung 24 liegt die vordere pyrotechnische
Schicht 25, gefolgt von einer Zwischenschicht 27, die aus Luft oder einem Medium sehr
geringer Dichte besteht. Zwischen 27 und dem hinteren (gefüllten oder freien) Volumen
29 befindet sich eine weitere pyrotechnische Schicht 26.
[0088] Der reaktive Schutz kann mit oder ohne Gehäuse direkt oder im Abstand auf einer fahrzeugseitigen
Beulvorrichtung aufgebracht sein. Die Beulstruktur besteht aus einer vorderen metallischen
oder nichtmetallischen Schicht, einer dynamisch wirkenden Funktionsschicht, beispielsweise
Gummi, und einer hinteren metallischen oder nichtmetallischen Schicht, die beispielsweise
eine äußere Wand des Fahrzugs (z.B. Staukasten etc.) darstellen kann.
[0089] Fig. 10 zeigt ein derartiges Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung mit nachgeschaltetem
Beulsandwich 30. Hier sind die pyrotechnischen Schichten 31, 33 unterschiedlich angestellt.
Die vordere Sprengstofffolie 31 ist in die Front des Gehäuses eingebettet. Die geneigte
Rückwand 36 des Gehäuses ist unterschiedlich stark. Der Raum 32 ist hier leer, um
der mit der dünnen Schicht 27 belegten Folie 33 eine möglichst hohe Oberflächengeschwindigkeit
zu ermöglichen. Hinter dem Medium geringer oder sehr geringer Dichte 34 befindet sich
ein Beulplattensandwich 35. Der dahinter befindliche Raum 37 ist entweder leer oder
mit einem Medium sehr geringer Dichte gefüllt.
[0090] Fig. 11 zeigt ein Beispiel für eine pyrotechnische Anordnung 38 mit einem auf der
Rückseite offenen Gehäuse 39, welches hier auf die Wand 40 des zu schützenden Objekts
direkt aufgesetzt ist. Die Anordnung 38 besitzt eine durchgehende vordere pyrotechnische
Fläche 41, während die innere pyrotechnische Fläche in zwei Komponenten 45, 46 aufgeteilt
ist, die z.B. durch eine Zwischenwand 44 getrennt sein können. Die Kammern 42 und
43 sowie 47 und 48 können mit Luft gefüllt sein oder mit Medien gleicher oder unterschiedlicher,
sehr geringer Dichte.
[0091] In einer bevorzugten Ausführung werden die Schichten aus Sprengstoff und inerten
Materialien in vorgefertigte Taschen des Behälters oder Gehäuses eingebracht, wodurch
eine einfache und fertigungsgerechte Anpassung des Reaktivschutzes an das zu schützenden
Fahrzeugs vorgenommen werden kann. Auch ein Austausch von Komponenten, z.B. ein Ersatz
pyrotechnischer durch inerte Module, ist auf einfache Weise möglich. Ebenso können
mehrere reaktive Teilflächen zu einer Schutzfläche kombiniert sein.
[0092] Je nach Werkstoff kann das Gehäuse mittels Vulkanisation, Gießen, Kleben, Pressen
oder Zerspanung hergestellt sein. Denkbar sind auch alle Kombinationen der genannten
Herstellungsverfahren. Weiterhin kann das Gehäuse eine Vorpanzerung beinhalten oder
selbst darstellen. Das Gehäuse kann einen oder mehrere Hohlräume gleicher oder verschiedener
Größe enthalten, in welche die inerten und explosiven Materialien des pyrotechnischen
Schutzaufbaus eingelegt, eingeschoben, eingegossen oder eingepresst werden. Die Wandstärke
kann einheitlich sein oder eine unterschiedliche Dicke aufweisen. Letzteres ist vorteilhaft,
wenn das Gehäuse Teil einer der schutzwirksamen Schicht ist oder selbst eine inerte
schutzwirksame Verdämmung darstellt. Die Gehäuse können so gestaltet sein, dass sie
sich zu einer festen oder flexiblen Kontur zusammensetzen lassen. Diese Anordnung
der Struktur verhindert das Herausreißen von Schutzmodulen bei Kollisionen des Fahrzeugs
mit Hindernissen oder/und beim Beschuss. Einzelne Segmente dieser Wand können verschoben,
weg gebogen oder aufgerollt werden, um dahinter liegende Fahrzeugbereiche zugänglich
zu machen. Die Segmente der Wand können mit wenigen Handgriffen entfernt oder hinzugefügt
werden.
[0093] In einer geeigneten Ausführung ist das Gehäuse so gestaltet, dass es an den Randbereichen
mit benachbarten Gehäusen überlappt. Dadurch ist sichergestellt, dass auch bei Treffern
im Randbereich oder direkt an der Gehäusekante genug Verdämmungsmaterial vorhanden
ist. Besonders vorteilhaft ist es, wenn die Gehäusewandung im Bereich benachbarter
Gehäuse eine Wandstärke aufweist, die zuverlässig sympathetische Detonationen der
Sprengstoffschichten benachbarter Module verhindert, wenn ein Treffer außerhalb des
überlappenden Bereichs auf das Modul erfolgt.
[0094] Die Befestigungselemente können an das Gehäuse vulkanisiert, gegossen, angeklebt
oder eingehängt werden. Vorzugsweise sind die Befestigungselemente aus einem keine
Splitter bildenden Werkstoff, der eine hohe Zähigkeit aufweist, damit bei einer Detonation
benachbarter Module die nicht detonierten Module am Fahrzeug verbleiben. Die Befestigungen
können durch hochfeste Fasern oder/und hochfeste Inlays aus Polymer oder Stahl verstärkt
werden.
[0095] Die Gehäusewände sind für länger anhaltende thermische Belastungen (Feuer, Strahlungswärme)
nachgiebig zu gestalten. Der maximale Innendruck bei längeren Belastungsdauern kann
durch konstruktive Maßnahmen am Gehäuse begrenzt werden, so dass ein insensitiver
Sprengstoff verbrennen kann, ohne sich dabei detonativ umzusetzen.
[0096] In dem Gehäuse können eine oder mehrere voneinander getrennte Kammern angeordnet
sein, die durch die Sprengstoffschichten, den jeweiligen Matrixwerkstoff und das Gehäusematerial
jeweils allein oder in Kombination begrenzt sind. Diese Kammern können mit sich zerlegenden,
keine wirksamen Splitter bildenden Stoffen wie zum Beispiel Gase, Feststoffe, Flüssigkeiten,
Gele, Kristalle, Fasern oder Schüttgut gefüllt sein. Die Hohlräume in der Wand oder
im Gehäuse können als Behälter für Betriebsstoffe, Flüssigkeiten oder auch als Stauraum,
zum Beispiel für Ausrüstungsgegenstände, genutzt werden. Diese Hohlräume des Gehäuses
können auch mit Gasen oder Flüssigkeiten druckbeaufschlagt werden, um den reaktiven
HL-Schutz entsprechend der Erfindung von der raumsparenden Transportstellung in die
Abwehrstellung zu bewegen.
[0097] Die Gehäuse können so angeordnet werden, dass sie zusammenhängende Spalten bilden,
die einzeln oder zu mehreren für Wartungsarbeiten am Fahrzeug aufgerollt oder zusammengeklappt
werden. Das Gehäuse oder Teile des Gehäuses können auch gleichzeitig als Verpackung
des Sprengstoffs für Lagerung, Handhabung, Führen am Fahrzeug und Transport im Sinne
der GGVS ausgestaltet sein. Zur Vermeidung eines für die Umsetzung des Sprengstoffs
kritischen Innendrucks können auch definierte Membranen oder Überdruckventile zur
Begrenzung des Innendrucks im Gehäuse enthalten sein. Der Gehäusewerkstoff und die
Gehäuseform müssen für eine Dekontaminierung optimiert sein.
[0098] Aus den Beschreibungen und Erläuterungen sowie den oben dargelegten grundsätzliche
Vorteilen der erfindungsgemäßen pyrotechnischen Schutzvorrichtung bzw.
[0099] Schutzfläche folgt, dass diese nicht nur bisher auch nicht annähernd erreichte technische
Leistungswerte aufweist, sondern auch in sehr weiten Grenzen ausgelegt werden kann.
Es ergibt sich somit eine nahezu unbegrenzte Anwendungsbandbreite und Modularität.
Diese erstreckt sich bei gepanzerten Fahrzeugen vom Rundumschutz einschließlich beweglicher
oder fest montierter Schürzen bis hin zum Dachschutz. Ebenso ist ein Schutz von Bodenflächen
gegen entsprechende Bedrohungen denkbar. Darüber hinaus stellen pyrotechnische Schutzflächen
auch einen höchst wirkungsvollen Schutz von Behältern oder Bauwerken dar.
[0100] Während die vorliegende Erfindung oben anhand verschiedener Ausgestaltungsmöglichkeiten
umfassend beschrieben worden ist, bleibt es für den Fachmann selbstverständlich, dass
auch zahlreiche Änderungen und Modifikationen daran vorgenommen werden können, ohne
den durch die Patentansprüche definierten Schutzumfang zu verlassen.