[0001] Zur bioindustriellen Produktion von Eiweißstoffen nutzt man die Fähigkeit bestimmter
Mikroorganismen aus, sich in Nährlösungen, die organische Substanzen enthalten, sehr
schnell zu vermehren und aus dem Kohlenstoff der organischen Substanzen sowie hinzugefügten
anorganischen Grundstoffen wie Stickstoff, Phosphorsäure usw. ihre Zellbestandteile
wie Proteine, Fette und Nucleinsäuren aufzubauen. Für diesen Zweck lassen sich auch
synthetische Nährmedien verwenden, wenn entsprechende, spezialisierte Mikroorganismen
zur Verfügung stehen.
[0002] Auf der zuvor erläuterten Grundlage können z.B. 1 kg methanolverwertende Bakterien
aus Methanol als C-Quelle und Nährboden pro Tag 100 kg Einzellerprotein erzeugen.
[0003] Wenn man die mit Hilfe der fermentativen Eiweiß-Synthese entstandene Zellrohmasse
mit einer Mischung aus Ammoniak und Methanol bei 20-30°C aufschließt, bleibt der Proteidanteil
ungelöst, während sich 8-10% der Zellmasse in Form lipidartiger Substanzen in dem
Methanol/Ammoniak-Gemisch lösen.
[0004] Nach dem Verdunsten des erwähnten Lösungsmittels verbleibt ein brauner, wasserunlöslicher
Lipidextrakt, der zu über 60 % aus Phospholipiden besteht und außerdem noch trigl
y- ceridische-Fette und freie C
16-Fettsäuren enthält. Im Gegensatz zu pflanzlichen und tierischen Phospholipiden sind
die so isolierten, fermentativ-biosynthetisch hergestellten Phospholipide in apolaren
Lösungsmitteln unlöslich.
;
[0005] Es wurde nun gefunden, daß diese mit Hilfe der technologischen Single Cell-Eiweiß-Gewinnung
"biosynthetisch" als Nebenprodukt erhaltenen Phospholipide sehr gute Lederfettungsmittel
sind.
[0006] Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist nunmehr ein Verfahren zum Fetten von Leder
und Pelzfellen, welches dadurch gekennzeichnet ist, daß man flüssige Einstellungen
von emulgierten oder chemisch veränderten Lipid-Anteilen aus fermentativ gewonnenen
Bestandteilen von Mikroorganismen bei Temperaturen unterhalb des Kochpunktes, vorzugsweise
zwischen 30° und 65°C, sowie Normaldruck auf das gegebenenfalls gefärbte Substrat
im Ausziehprozeß einwirken läßt, wonach das so behandelte Substrat wie üblich abgesäuert
wird.
[0007] Ähnlich wie pflanzliches und tierisches Lecithin, wie man es in Ei-oder Sojaöl findet,
besitzen auch die biosynthetischen Phospholipide - obgleich sie chemisch unterschiedlich
aufgebaut sind als natives Lecithin- eine andere bekannte Fettstoffe überragende weichmachende
und füllende Wirkung für Leder. Die gute fettende Wirkung der natürlichen Lecithine
aus pflanzlichen oder tierischen Ölen ist bereits vielfach beschrieben worden, wovon
in der Lederindustrie Gebrauch gemacht wird.
[0008] überraschenderweise werden diese auf fermentativem Wege hergestellten biosynthetischen
Phospholipide deutlich fester von der Lederfaser abgebunden als die aus Ei- oder Pflanzenölen
gewonnenen natürlichen Iecithine, bei denen die am Glycerinrest als Ester gebundene
Phosphatgruppe bekanntlich zusätzlich noch mit stark kationischen organischen Basen,
wie z.B. Cholin (2-Hydroxyäthyl-trimethylammonimnhydroxid [(CH
3)
3N-CH
2-CH
2-OH]
+OH
-), verestert ist.
[0009] Die biosynthetisch gewonnenen Lipide müssen normalerweise von den eiweißhaltigen
Hauptprodukten abgetrennt werden, da sie mit einem maischenähnlichen Geruch und Geschmack
behaftet sind und daher das gewonnene Eiweiß beeinträchtigen würden. Sie kommen wegen
ihrer unreinen Form deshalb für Ernährungszwecke bzw. Futtermittel nicht in Frage.
Dieser maischenartige Geruch stört bei der Fettung von Leder jedoch wenig, da er von
der Lederfaser und den pflanzlichen und mineralischen Gerbstoffen neutralisiert wird.
[0010] Für ihre Anwendung als Fettungsmittel müssen diese aus der fermentativen Proteingewinnung
durch Abtrennung von Eiweiß und Nucleinsäuren isolierten Phospholipidextrakte erst
in eine wasserverdünnbare Form aufbereitet werden.
[0011] Zur Verbesserung der Löslichkeit der wasserunlöslichen Phospholipide kann man die
Produkte einerseits nach den bekannten Methoden der Emulgiertechnik durch Zusatz anionischer,
kationischer oder nichtionischer Emulgatoren in eine wasseremulgierbare Form überführen.
[0012] Andererseits gelingt es auch, Phospholipide unter Ausnutzung der gegebenen strukturellen
Verhältnisse, insbesondere des Vorhandenseins der am Glycerin veresterten polyfunktionellen
Phosphorsäure, durch Verseifung unter Zusatz von Alkalien oder niedrigen organischen
Basen in eine echte wasserlösliche Form zu überführen, beispielsweise entsprechend
der Formel

[0013] Darüberhinaus lassen sich auch die Fettreste innerhalb des vorstehend symbolisierten
Glycerin-Derivates mit Schwefelsäure, Oleum, Amidosulfonsäure oder anderen bekannten
Sulfonierungsmitteln chemisch verändern, ohne daß dabei die triglyceridische Bindung
aufgespalten wird. Die so eingeführten Sulfogruppen machen das Phospholipid im alkalischen,
neutralen und auch im sauren Medium wasserlöslich.
[0014] Durch Zusatz von 0,5 bis 10 % nichtionischen Stabilisierungsmitteln gelingt es dann,
die sulfonierten Phospholipide außerdem mineralsalzbeständig zu machen, so daß sie
sogar direkt in wäßrigen Chrom(III)-Salz-Gerbbädern mitverwendet werden können.
[0015] Bei der Fettung von Leder zeigen sich die auf synthetischfermentativen Weg hergestellten
Phospholipide den herkömmlichen pflanzlichen und tierischen Lecithin-Phospholipiden
bezüglich ihrer festen und chemisch-reinigungsbeständigen Bindung an die Lederfaser
deutlich überlegen.
[0016] Schon im Jahre 1933 hat Prof. Stather vom Deutschen Lederinstitut Freiberg/Sachsen
über das wesentlich geringere Bindungsvermögen der Eigelb-Phospholipid-Fettstoffe
an chromgegerbten Lederfasern gegenüber der festeren Bindung sulfonierter Fischöle
berichtet. Er beschrieb (Collegium 1933, Seite 139), daß sich das gesamte vom Chromleder
aufgenommene Eigelb-Fett im Gegensatz zu sulfonierten Fischölen wieder herausextrahieren
läßt und keine Bindung mit der chromgegerbten Lederfaser eintritt.
[0017] Im Gegensatz hierzu wird das "biosynthetisch-fermentativ" gewonnene Phosphilipid
fest an die Lederfaser abgebunden. Auch bei längerer Extraktionsdauer läßt sich nur
ein Anteil von ca. 30 % des gesamten vom Leder aufgenommenen Fettes wieder aus dem
Leder herausextrahieren. Wie auch aus Tabelle 1 (siehe Ausführungsbeispiele) zu erkennen
ist, werden ca. 70 % der eingebrachten Bio-Fette fest gebunden, während sich die Pflanzen-
oder Eilecithine nur zu ca. 20 % abbinden ( % gebundenes Fett).
[0018] Das hat zur Folge, daß ein erfindungsgemäß gefettetes Leder nach einer Chemisch-Reinigung
weich und geschmeidig bleibt und nicht - wie bei anderen Fettungsmitteln üblich -
wieder nachgefettet werden muß, wie man auch aus den deutlich niedrigen Differenzwerten
der Weichheit vor und nach der Chemisch-Reinigung erkennen kann.
[0019] Dadurch sind derart gefettete Leder besonders gut zur Herstellung waschbarer und
chemisch-reinigungsbeständiger Handschuh- und Bekleidungsleder geeignet, zumal sie
nach dem Reinigungsprozeß weniger schrumpfen als vergleichbar anders gefettete Leder
und somit ihren Zuschnitt als konfektionierte Form beibehalten und außerdem bei der
Chemisch-Reinigung deutlich weniger in ihren Reißfestigkeitswerten vermindert werden
als die Lecithin-gefetteten Leder.
[0020] Die in der vorstehenden Beschreibung sowie in den nachfolgenden Beispielen verwendete
Prozent (%)-Bezeichnung bezieht sich - sofern nicht anders angegeben - auf "Gewichtsprozent".
Beispiel 1
[0021] 1000 g einer nach Chemical Engineering 81/7. Jan. 1974, Seiten--62-63 oder DE-AS
26 33 666 mit Hilfe von Bakterien (Pseudo Monas Spez. oder mit Methylomonas Clara)
aus Methanol (als C-Quelle) gewonnen lipidhaltigen Rohzell-Eiweißmasse, bestehend
aus 75 % Rohprotein, ca. 9 % Phospholipide, 10 % Nucleinsäuren, 5 % Asche und 1 %
Fasern spaltet man durch Behandlung in vier Liter eines Gemisches aus 400 g wäßrigem
Ammoniak (25 %ig) und 3,6 1 Methanol bei Zimmertemperatur im Verlauf von 20 Minuten
auf und filtriert über ein Vakuumfilter die ungelöst bleibenden entfetteten Proteine
ab. Aus dem Methanolfiltrat erhält man nach dem Abdestillieren des Lösungsmittels
90 g einer grünlich braunen Lipidmasse, die zu 75 % aus Phospholipiden, 3 % triglyceridischen
Fetten und 15 % freien Fettsäuren sowie 7 % lipoiden Verbindungen besteht.
[0022] Sowohl die veresterten als auch die freien Fettsäuren besitzen zu 95 % eine Kettenlänge
von ca. C
16'
Beispiel 2
[0023] 70 Teile der nach Beispiel 1 gewonnenen Lipidfraktion wurden mit 20 Teilen einer
C
18-Oxyäthansulfonsäure und 10 Teilen Soda vermischt und mit Hilfe von 2 1 70°C warmem
Wasser emulgiert. Die milchige Emulsion wurde im Verlauf von 10 Minuten durch die
hohle Achse in ein rotierendes Fettungsfaß auf ein 2 mm starkes, auf pH 4,5 eingestelltes
feuchtes Rindbox von 2000 g Falzgewicht zugegeben. Das entspricht 4,5 % Reinfett pro
Falzgewicht.
[0024] Nach 30 Minuten Walkzeit bei 50°C wurde die Flotte wie üblich zur Verbesserung des
Badauszuges mit Hilfe von 2 % Ameisensäure abgesäuert und 15 Minuten lang weiter gewalkt.
Nach dieser Zeit war alles Fett aus der wäßrigen Flotte auf das Leder aufgezogen.
[0025] Vergleichende Beurteilung der Leder siehe Tabelle 1.
Beispiel 3
[0026] 70 Teile der nach Beispiel 1 gewonnenen Lipidfraktion wurden mit 20 Teilen wäßriger
Natronlauge (35 %ig) versetzt und mit 2 1 warmem Wasser weiter verdünnt. Es entstand
eine klare Lösung mit schwacher Opaleszenz.
[0027] Analog Beispiel 2 wurden mit dieser Lösung 2000 g gefalztes Rindbox aus der gleichen
Partie gefettet. Zum restlosen Badauszug wurde jedoch die zugesetzte Ameisensäuremenge
von 2 % hier auf 3,2 % erhöht.
[0028] Vergleichende Beurteilung der Leder siehe Tabelle 1.
Beispiel 4
[0029] 70 Teile der nach Beispiel 1 gewonnenen Lipidfraktion wurden mit 20 Teilen Triäthanolamin
und 21 warmem Wasser zu einer opalen, trüben Lösung aufbereitet und diese wurde analog
zu Beispiel 2 auf 2000 g Rindbox ausgefettet.
[0030] Vergleichende Auswertung der Leder siehe Tabelle 1.
Beispiel 5
[0031] 60 Teile der nach Beispiel 1 gewonnenen Lipidfraktion wurden im Rührkolben im Verlauf
von 15 Minuten mit einer Mischung von 15 g konzentrierter Schwefelsäure und 15 g einer
Mischung aus 7 g Spindel-Mineralöl und einer C
16-Sulfonsäure versetzt, wobei sich die Temperatur stark erhöhte. Durch Außenkühlung
wird ein überschreiten der Temperatur über 60°C verhindert, um die Spaltung der triglyceridischen
Bindung durch die Schwefelsäure möglichst gering zu halten.
[0032] Nach einer Reaktionsdauer von 3 Stunden wurde die überschüssige Schwefelsäure durch
zweimaliges Behandeln mit je 100 ml gesättigter Kochsalzlösung aus der Sulfonatpaste
ausgewaschen und anschließend wurde die Paste durch Versetzen mit 20 ml wäßrigem Ammoniak
(25 %ig) neutralisiert. Auf diese Weise wurde eine braune Paste erhalten, die sich
auch im schwach sauren Gebiet unterhalb von pH 7 klar in Wasser löst.
[0033] In Gegenwart von 2 1 warmem Wasser wurden 2 kg Rindbox analog Beispiel 2 im Walkfaß
mit der oben erhaltenen Lösung gefettet.
[0034] Vergleichende Auswertung der Leder Tabelle 1.
Beispiel 6
[0035] Vergleichsfettung:
70 g eines handelsäblichen Soja-Lecithins (Ölmühle Mannheim) wurdenmit 20 Teilen einer
C18-Oxyäthansulfonsäure und 10 Teilen Soda analog Beispiel 2 vermischt. Mit Hilfe von
2 1 Wasser in wäßrige Dispersion gebracht und diese wurde wie dort auf Rindbox ausgefettet,
Vergleichende Beurteilung der Leder in Tabelle 1.
Beispiel 7
[0036] Vergleichsfettung:
70 g reines Ei-Lecithin (ERG.B.6 -Merck, Darmstadt) wurden mit 20 Teilen einer C18-Oxyäthansulfonsäure und 10 Teilen Soda analog Beispiel 2 vermischt. Mit Hilfe von
2 1 70°C warmem Wasser in wäßrige Dispersion gebracht und die wurde wie dort auf 2
kg Chromrindbox ausgefettet.
[0037] Vergleichende Beurteilung der Leder Tabelle 1.
Beispiel 8
[0038] Vergleichsfettung:
130 g einer 70 %igen, wäßrigen Sulfonatpaste, hergestellt durch Verseifung eines auf
einen Gehalt von 4,5 Mol-% sulfochlorierten Paraffinkohlenwasserstoffes mit C18 bis C22 Kettenlänge, wurden woe in Beispiel 2 beschrieben auf Rindbox ausgefettet und die
Flotte wurde wie dort mit Hilfe von Ameisensäure ausgezogen.
[0039] Vergleichende Beurteilung der Leder siehe Tabelle 1.
[0040] Alle gemäß den Beispielen 2 bis 8 gefetteten Leder wurden einheitlich im Windschrank
bei 50°C getrocknet, wie üblich feucht gespänt, gestollt und nachgetrocknet.

1. Verfahren zum Fetten von Leder und Pelzfellen, dadurch gekennzeichnet, daß man
flüssige Einstellungen von emulgierten oder chemisch veränderten Lipid-Anteilen aus
fermentativ gewonnenen Bestandteilen von Mikroorganismen bei Temperaturen unterhalb
des Kochpunktes sowie Normaldruck auf das gegebenenfalls gefärbte Substrat im Ausziehprozeß
einwirken läßt, wonach das so behandelte Substrat wie üblich abgesäuert wird.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß man Phospholipide verwendet,
die unter Zuhilfenahme von anionischen, kationischen oder nichtionischen Emulgatoren
in eine wasserverdünnbare Form übergeführt worden sind.
3. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß man Phospholipide verwendet,
die durch Verseifung in eine wasserverdünnbare Form übergeführt worden sind.
4. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß man Phospholipide verwendet,
die durch Sulfonierung in eine wasserverdünnbare Form übergeführt worden sind.