[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren und eine Vorrichtung zur pyrolytischen Zersetzung
von Halogene und/oder Phosphor enthaltenden, radioaktiv kontaminierten organischen
Substanzen bei 300 bis 800 °C in einem Reaktor.
[0002] In der Kerntechnik fällt eine Reihe.radioaktiv kontaminierter organischer Lösungs-
und Extraktionsmittel an, die beseitigt werden müssen.
[0003] Die Hauptmenge der kontaminierten organischen Substanzen, die beseitigt werden müssen,
besteht aus einem Gemisch von Tributylphosphat (TBP) und Kerosin, das beispielsweise
im Volumenverhältnis 30:70 als Extraktionsmittel bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter
Brennelemente nach dem PUREX-Prozeß eingesetzt wird.
[0004] An anderen Stellen in der Nukleartechnik, z. B. bei der organischen Konversion von
UF
6 zu UF
4,fällt Perchlor- äthylen im Gemisch mit teilweise fluorierten Produkten als Abfall
an, der ebenfalls beseitigt werden muß.
[0005] Aber auch im konventionellen Bereich gibt es Abfälle von fluorierten, chlorierten
und phosphorhaltigen Lösungsmitteln, die nicht problemlos verbrannt oder, wenn sie
nicht brennbar sind, pyrolysiert werden können, da sie in diesem Fall - zumal in der
Hitze - außerordentlich korrosiv und umweltfeindlich wirkende Phosphorsäure, Chlorwasserstoff
und Fluorwasserstoff entwickeln.
[0006] Im konventionellen Bereich erfolgt die Beseitigung dieser Stoffe
°im allgemeinen umweltfeindlich durch Verbrennung auf Hochseeschiffen. Im Falle radioaktiv
kontaminierter Abfälle ist eine Hochseeverbrennung in umweltpolitischer Hinsicht noch
wesentlich untragbarer.
[0007] Abfälle aus der Nukleartechnik müssen deshalb unter wesentlich stärkeren Sicherheitsvorkehrungen
in einen endlagerfähigen Zustand überführt werden. Zu diesen Sicherheitsvorkehrungen
gehört, daß die Abfälle einerseits auf ein möglichst geringes Volumen reduziert werden
müssen und andererseits die Verfahren zur Reduktion mit hohen Dekontaminationsfaktoren
und möglichst geringem Sekundärwasteanfall arbeiten. Die in der Kerntechnik auftretenden
Abfälle der angesprochenen Kategorien bestehen im wesentlichen aus TBP/Kerosin.
[0008] Speziell zur Beseitigung von TBP/Kerosin sind mehrere Verfahren oder Verfahrensvarianten
beschrieben und getestet worden.
[0009] Nachteilig ist, daß bei der Verbrennung einerseits P
2O
5 entsteht, das ein Glasbildner ist und durch Bildung von Phosphatgläsern sehr schnell
zu Verstopfungen im Abluftsystem der Verbrennungsanlage führt. Andererseits bildet
sich im mittleren Temperaturbereich durch Umsetzung mit dem entstehenden Reduktionswasser
Phosphorsäure, die aufgrund ihrer außerordentlichen Korrosivität Schäden insbesondere
an metallischen Anlagenteilen verursacht (W. Bähr, W. Hempelmann und H. Krause, KfK-2418,
Februar 1977).
[0010] Weiterhin wurde die Verbrennung in einer Na
2CO
3-Schmelze zur Beseitigung des TBP bzw. TBP/Kerosingemisches versucht. Hierbei erfolgt
eine in-situ-Neutralisation des P
2O
5 bzw. der Phosphor-Säure. Es entstehen jedoch hoch schmelzende Metaphosphate, die
zu Handhabungsproblemen führen können (D.L. Ziegler, A.J. Johnson, Proceedings 14th
ERDA Air Cleaning Conference, Februar 1977).
[0011] In der GB-PS 15 17 014 wird ein Verfahren zur Behandlung von kontaminierten TBP/Kerosin-Abfällen
beschrieben, bei dem zunächst das TBP mit Phosphorsäure von Kerosin abgetrennt und
dann das entstehende Addukt thermisch bei ca. 200 °C zu Phosphorsäure und Buten zersetzt
wird. Buten wird verbrannt, die hochaktive Phosphorsäure wird mit Calciumhydroxid
gefällt und das entstehende Ca-Phosphat der Endlagerung zugeführt. Die für die Adduktbildung
erforderliche zusätzliche Einbringung von Phosphorsäure in das Verfahren erzeugt zusätzlichen
Sekundärabfall, was ein besonderer Nachteil dieses Verfahrens ist.
[0012] Außerdem ist ein Verfahren beschrieben worden, (DE-OS 28 55 650), bei dem das TBP/Kerosin-Gemisch
in einem Wirbelbett, das überhitzten Wasserdampf als Wirbelgas bei gleichzeitiger
Vorlage eines basischen Granulates als Wirbelgut benutzt, umgesetzt wird. Hierbei
erfolgt Umsetzung des TBP zu Phosphorsäure und einem Gemisch von Buten und Butanol.
Kerosin destilliert ab und kann in Gegenwart des überschüssigen Warm-Dampfes zusammen
mit Buten und Butanol verbrannt werden. Die Phosphorsäure wird durch die als Wirbelgut
vorgelegten basischen Substanzen- vorzugsweise Ca0 oder Ca(OH)
2 - zu schwerlöslichen Phosphaten gebunden, die aus dem Wirbelschichtreaktor abgezogen
und der Endlagerung zugeführt werden. Allerdings ist in einem Wirbelbett normalerweise
eine erhöhte Menge an Reaktionsgas erforderlich, was zu einer erhöhten Abgasmenge
und zu Staubentwicklung im Reaktionsraum führt, die einen nicht unwesentlichen Einfluß
auf die Standzeit der Filterkerzen am Reaktorausgang haben kann. Außerdem wird radioaktiv
verseuchtes Wasser erzeugt, das in einem zusätzlichen Verfahrensschritt aufgearbeitet
werden muß.
[0013] Es war deshalb Aufgabe der vorliegenden Erfindung, ein Verfahren und eine Vorrichtung
zur pyrolytischen Zersetzung von Halogen und/oder Phosphor enthaltenden, insbesondere
radioaktiv kontaminierten organischen Substanzen bei 300 bis 800
OC in einem Reaktor zu finden, so daß alle organischen Substanzgemische ohne Entstehung
korrosiver Sekundärprodukte, bei minimaler Abgasmenge, geringer Staubentwicklung im
Reaktor und gleichzeitig hohen Dekontaminationsfaktoren verarbeitet werden können.
Ferner sollte als Rückstand im Reaktor ein möglichst inertes, anorganisches, vorzugsweise
in Zement gut konditionierbares Produkt erhalten werden.
[0014] Diese Aufgabe wurde erfindungsgemäß dadurch gelöst, daß die Substanzen in einem überstöchiometrischen
Verhältnis mit basischen Verbindungen gemischt und in Form einer Suspension von oben
in einen Festbett-Reaktor eingebracht werden, der mit mechanisch bewegten, weitgehend
kugelförmigen keramischen Gebilden beschickt ist.
[0015] Anhand der Abbildung soll das erfindungsgemäße Verfahren beispielhaft näher erläutert
werden, wobei eine bevorzugte Vorrichtung verwendet wird: Das Flüssigabfallgemisch,z.
B. TBP/Kerosin,wird in einem Mischbehälter (1) mit einer knapp überstöchiometrischen
Menge an Ca(OH)
2 oder Mg(OH)
2 zu einer Suspension verrührt und die Suspension mit Hilfe eines Rührwerkes (2) aufrecht
erhalten. Durch eine Dosierpumpe (3) wird die Abfallsuspension über eine Zuführungsleitung
(17) in einen Festbett-Reaktor (4) von oben her eingespeist. Der Festbett-Reaktor
wird über einen Widerstandsofen (5) von außen her indirekt beheizt. Im unteren Teil
des Reaktors ist ein Siebblech (6) angebracht. Auf diesem Siebblech befindet sich
eine Schüttung aus kugelförmigen keramischen Gebilden (7), vorzugsweise aus Blähton.
Während der Abfalleinspeisung wird die Bläh.tonschüttung mittels des Rührers (8) ständig
leicht bewegt, und um die gasförmigen Bestandteile in Richtung Nachverbrennungskammer
(11) zu fördern, wird ein Stickstoffstrom bei einer Geschwindigkeit von 3 - 5 cm/sec
über die Zuführungsleitung (16) durch den Reaktor (4) geleitet. In und an der Blähtonschüttung
(7) erfolgt die Umsetzung der phosphor-und/oder halogenhaltigen Flüssigabfälle zu
Calciumphosphat, -chlorid. bzw. -fluorid. Die Umsetzungsprodukte der im freien Zustand
stark korrosiv wirkenden Phosphorsäure, des Chlorwasserstoffes und des Fluorwasserstoffes
rieseln in pulvriger Form durch die Blähtonschüttung (7) und das Siebblech (6) hindurch
und können am unteren Teil des Festbett-Reaktors (4) diskontinuierlich über die zwischen
den beiden Kugelhähnen (9) liegende Schleuse (10) abgezogen werden. Die Reaktionsgase
gelangen in die Nachbrennkammer (11), wo sie mit einer knapp überstöchiometrischen
Menge an Luft oder Sauerstoff zu C0
2 und Wasser verbrannt werden, vorzugsweise bei etwa 1000 °C.
[0016] Der Nachbrennkammer (11) ist zur Sicherheit ein Wäscher (12) nachgeschaltet, der
bei einem pH-Wert von etwa 5 arbeitet, um evtl. im Abgas vorhandene geringe Mengen
an HCl und/oder HF abzuscheiden, während C0
2 bei diesem pH-Wert den Wäscher passiert. In der nachfolgenden Kondensatorkammer (13)
erfolgt die Kondensation des vorhandenen restlichen Wasserdampfes,.und die restlichen
Wasser-Aerosole werden am Fasertiefbettfilter (14) abgeschieden. Das nunmehr über
ein S-Filter (15) abzugebende Abgas besteht nur aus C0
2..
[0017] Als basische Verbindungen haben sich vor allem Calciumhydroxid, Calciumoxid, Magnseiumhydroxid
und Magnesiumoxid bewährt. Die keramische Schüttung besteht weitgehend aus kugelförmigen
Teilchen, doch können auch Teilchen verwendet werden, die von der kugelförmigen Form
abweichen und beispielsweise ellipsenförmig sind. Die Teilchen haben vorteilhafterweise
eine Größe von 10 - 30 mm. Die Umsetzungsprodukte setzen sich infolge der mechanischen
Bewegung der Teilchen nicht auf diesen ab, sondern fallen durch die Schüttung und
können am unteren Teil des Festbett-Reaktors abgezogen werden.
[0018] Vorzugsweise verwendet man für die Schüttung Blähton, allerdings können auch andere
keramische Materialien eingesetzt werden.
[0019] Das erfindungsgemäße Verfahren soll an folgenden Beispielen näher erläutert werden:
Beispiel 1
[0020] Im Mischbehälter (1) werden 10 1 TBP/Kerosin (30/70), die mit 3,6 g hochangereichertem
Uran (93 % u-235) in Form einer Uranylnitratlösung dotiert sind, mit 1000 g Ca(OH)
2-Pulver zu einer Suspension verrührt und mit Hilfe der Dosierpumpe (3) im Verlaufe
von 2 Stunden in den auf einer Reaktionstemperatur von 500 °C befindlichen Reaktor
(4) eindosiert. Im Reaktor (4) befinden sich 2 kg einer Schüttung von Blähtonkugeln
(2) mit einem Durchmesser von 15 - 30 mm, die mit Hilfe des Rührwerkes (8) mit 1 Umdrehung
pro Minute leicht bewegt werden. Nach Beendigung des Versuchs haben sich, über die
Schleuse (10) abgezogen, 1,5 kg einer vornehmlich aus Calciumdiphosphat bestehenden
Asche im Aschesammelbehälter angesammelt.
[0021] Die aus dem Reaktor entweichenden brennbaren Abgase werden in der Nachverbrennungskammer
(11) mit geringem Luftüberschuß nachverbrannt und die Nachverbrennungsgase im Wäscher
(12) mit Wasser gewaschen. Nach Versuchsende haben sich im Kreislaufwasser des Wäschers
(12) 0,015 % - der in Form von hochangereichertem Uran in den Reaktor (4) eingespeisten
Aktivität angesammelt. Der Phosphatgehalt im Waschkreislauf liegt bei 30 ppm. Die
radiometrischen Aktivitätsmessungen im Abluftkanal hinter dem S-Filter (15) liegen
im Bereich des Nullpegels.
Beispiel 2
[0022] Im Vorlagebehälter (1) werden 10 kg des Fluorkohlenwasserstoffes C
2F
2Cl
4 mit 11,5 kg Ca(OH)
2 zu einer Suspension verrührt. Diese Suspension wird mit 3,6 ghochangereichertem Uran
(93 % U-235) in Form einer Uranylnitratlösung dotiert und anschließend über die Dosierpumpe
(3) im Verlauf von 2 Stunden in den auf einer Reaktionstemperatur von 570 °C befindlichen
Reaktor (7) eingespeist. Im Reaktor (4) befinden sich 2 kg einer Schüttung von Blähtonkugeln
(7) mit einem Durchmesser von 15 - 30 mm, die mit Hilfe des Rührwerkes (8) bewegt
werden. Nach Beendigung des Versuches haben sich, über die Schleuse (10) abgezogen,
15, 5 kg vornehmlich aus CaC1
2 und CaF
2 sowie überschüssigem Caliumoxid bestehender Asche im Aschesammelbehälter angesammelt.
[0023] Die aus dem Reaktor entweichenden brennbaren Abgase werden in der Nachverbrennungskammer
(11) mit geringem Luftüberschuß verbrannt und die aus der Nachverbrennungskammer entweichenden
Abgase im Wäscher (12) mit Wasser ausgewaschen.
[0024] Nach Versuchsende haben sich im Kreislaufwasser des Wäschers (12) 0,02 % der in Form
von hochangereichertem Uran in den Reaktor (4) eingespeisten Aktivität angesammelt.
Im Abluftkanal hinter dem S-Filter (15) liegen die radiometrischen Aktivitätsmessungen
im Bereich des Nullpegels.
1. Verfahren zur pyrolytischen Zersetzung von Halogene und/oder Phosphor-enthaltenden,
insbesondere radioaktiv kontaminierten organischen Substanzen bei 300 bis 800 °C in
einem Reaktor, dadurch gekennzeichnet, daß die Substanzen in einem überstöchiometrischen
Verhältnis mit basischen Verbindungen gemischt und in Form einer Suspension von oben
in einen Festbett-Reaktor eingebracht werden, der mit mechanisch bewegten, weitgehend
kugelförmigen keramischen Gebilden beschickt ist.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß als basische Verbindungen
Calciumhydroxid, Calciumoxid, Magnesiumhydroxid oder Magnesiumoxid verwendet werden.
3. Verfahren nach Anspruch 1 und 2, dadurch gekennzeichnet, daß die kugelförmigen
keramischen Gebilde aus Blähton bestehen und einen Durchmesser von 10 - 30 mm haben.
4. Verfahren nach den Ansprüchen 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, daß die Abgase aus
dem Festbett-Reaktor bei etwa 1000 °C nachverbrannt und bei pH-5 mit Wasser gewaschen
werden.
5. Vorrichtung zur Durchführung des Verfahrens nach den Ansprüchen 1 bis 4, im wesentlichen
bestehend aus einem Festbett-Reaktor mit einer Schüttung weitgehend kugelförmiger
keramischer Gebilde, dadurch gekennzeichnet, daß die keramischen Körper (7) auf einem'Siebblech
(6) ruhen, mit Hilfe eines Rührorganes (8) mechanisch bewegt werden, die Abfallzuführung
(17) senkrecht von oben erfolgt und die Reaktionsgase und die entstehenden festen
Umsetzungsprodukte getrennt am unteren Teil des Festbett-Reaktors (4) abgezogen werden.
6. Vorrichtung nach Anspruch 1 bis 5, dadurch gekennzeichnet, daß dem Festbett-Reaktor
(4) ein Mischgefäß (1) und eine Dosierpumpe (3) für die Abfallsuspension vorgeschaltet
sind und daß an den Festbett-Reaktor (4) eine Nachbrennkammer (11), ein Wäscher (12)
ein Kondensator (13) und eine Filtereinrichtung, bestehend aus einem Aerosolfilter
(14) und einem S-Filter (15), angeschlossen sind.