[0001] Die Erfindung bezieht sich auf ein Verfahren zum Verzieren von Textilgut, das aus
einem Anteil Nutzmaterial und einem Anteil Trägermaterial besteht, durch örtlich begrenzten
oder vollständigen Abbau des Trägermaterials.
[0002] In der Textilindustrie werden Verzierungseffekte, die auf der Wirkung von Durchbrucheffekten
im Textilgut oder auf unterschiedlicher Transparenz abgegrenzter Teile des Textilgutes
beruhen, unter anderem dadurch hergestellt, daß bei dem aus Trägermaterial und Nutzmaterial
bestehenden Textilgut das Trägermaterial vollständig oder örtlich begrenzt durch
Ätzen entfernt wird.
[0003] Es ist ein Verfahren zum Verzieren von Textilgut gemäß dem Oberbegriff des Patentanspruchs
1 bekannt, bei dem das Trägermaterial, das aus Viskoseseide besteht und zunächst
den Stickgrund bildet, durch Tränken mit Al₂(SO₄)₃-Lösung vor dem Sticken und thermische
Behandlung nach dem Sticken, die zur Carbonisation führt, zerstört wird. Ein solches
Verfahren, das den Stickereifachleuten als "Trockenätze" bekannt ist, wird von FREIER
beschrieben (Technologie und Erzeugnislehre Stickerei, 1984, Leipzig). Das Verfahren
hat den Nachteil, daß das Trägermaterial zwar zerstört vorliegt, aber unter Aufwendung
hoher mechanischer Kräfte durch Klopfen vom Nutzmaterial getrennt werden muß. Dieser
Vorgang ist lärm- und staubintensiv und führt infolge der hohen mechanische Belastung
des Nutzmaterials dazu, daß die Stickerei sehr massiv konstruiert werden muß. FREIER
beschreibt ein weiteres Verfahren, bei welchem bei der Luftstickereiherstellung
als Trägermaterial Polyvinylalkohol faserstoff verwendet wird, der nach dem Besticken
in heißem Wasser aufgelöst wird. Diese Faserstoffart ist jedoch verhältnismäßig kostenaufwendig,
so daß sich ihr Einsatz vorwiegend auf die Herstellung sehr feiner Stickereien beschränken
muß. Des weiteren unterliegt das Verfahren Einschränkungen hinsichtlich einer möglichen
Thermofixage des Textilgutes vor dem Herauslösen des Trägermaterials. Eine solche
Fixage ist hier nur bis etwa 180 °C möglich, wobei bestimmte Nutzmaterialarten nicht
vollständig ausfixiert werden können.
[0004] Weiterhin ist es bekannt, örtlich begrenzte Verzierungen von Textilgut mit Hilfe
des Ausbrenndrucks herzustellen. Eine Beschreibung des Grundprozesses gibt RATH (Lehrbuch
der Textilchemie, 1972, Berlin - Heidelberg - New York). Hierbei werden verdickte
Säuren oder saure Salze auf ein wiederum aus Träger- und Nutzmaterial bestehendes
Textilgut aufgedruckt, wonach unter Hitzeeinwirkung eine lokale, mustergemäße Carbonisation
erfolgt. Dieses Verfahen ist energieaufwendig, wegen der notwendigen mechanischen
Nachbehandlung faserstoffbelastend und wegen der verwendeten aggressiven Chemikalien
und Abbauprodukte mit vergleichsweise hohem sicherheitstechnischen Aufwand verbunden.
[0005] Hier will die Erfindung Abhilfe schaffen. Die Erfindung, wie sie in den Ansprüchen
gekennzeichnet ist, löst die Aufgabe, ein Verfahen zum Verzieren von Textilgut zu
schaffen, bei dem das aus Nutzmaterial und Trägermaterial bestehende Textilgut faserschonend
und ohne mechanische Belastung behandelt wird, so daß auch sehr feine Verzierungen
herstellbar sind, wobei weniger die Umwelt belastende aggressive Wirkstoffe eingesetzt
werden und eine Weiterverarbeitung der Abbauprodukte gewährleistet ist.
[0006] Die durch die Erfindung erreichten Vorteile sind im wesentlichen darin zu sehen,
daß bereits im ersten Verfahrensschritt die Dessinierung festgelegt ist, da die Verzierungseffekte
im Textilgut vorgefertigt sind. Die Verzierung erfolgt entweder in der Weise, daß
auf ein vorhandenes Trägermaterial in vorbestimmter, mustergemäßer Anordnung Nutzmaterial
aufgebracht wird, oder es können in einem aus Trägermaterial und Nutzmaterial bestehenden
Textilgut vorbestimmte, mustergemäße Bereiche inertisiert werden. Danach wird das
Textilgut einer enzymatischen Hydrolyse unterworfen. Das Textilgut, welches aus einem
aus nicht enzymbeständigen Faserstoffarten bestehenden Trägermaterial und aus einem
aus enzymbeständigen und/oder gegenüber dem Trägermaterial enzymbeständigeren Faserstoffarten
bestehenden Nutzmaterial aufgebaut ist, wird infolge der enzymatischen Hydrolyse in
einer Art verändert, daß der vom nicht abgebauten Nutzmaterial gebildete Verzierungseffekt
erhalten bleibt.
[0007] Ein weiterer Vorteil ist darin zu sehen, daß das Trägermaterial aus Celluloseregeneratfasern
und das Nutzmaterial aus Synthesefaserstoff oder aus Mischungen Synthesefaserstoff/Cellulosefaserstoff
besteht, demzufolge werden für die enzymatische Hydrolyse Cellulasen eingesetzt. Diese
setzen in gelöstem Zustand die Cellulose in Glukose um, wobei das Trägermaterial aus
dem Nutzmaterial herausgelöst wird.
[0008] Der Anwendungsbereich des erfindungsgemäßen Verfahrens läßt sich erheblich dadurch
erweitern, daß als Nutzmaterialien auch Faserstoffarten eingesetzt werden, welche
nicht absolut enzymbeständig, sondern lediglich gegenüber dem Trägermaterial enzymbeständiger
sind. Diese Faserstoffarten können entweder separat oder in Mischung mit enzymbeständigen
Faserstoffarten eingesetzt werden. In der Praxis sind dies zum einen Cellulosefaserstoffe,
welche gegenüber Cellu loseregeneratfaserstoffen einen höheren Durchschnittspolymerisationsgrad
und höhere Kristallinität besitzen. Sie werden zweckmäßig vor der enzymatischen Hydrolyse
in an sich bekannter Weise inertisiert. Ebenso ist es auch möglich, inertisierte
Celluloseregeneratfaserstoffe als Nutzmaterial einzusetzen.
[0009] Das erfindungsgemäße Verfahren läßt sich vorteilhaft einmal dort anwenden, wo es
um das Herauslösen des gesamten Trägermaterials aus dem Nutzmaterial nach der Vorfertigung
der Verzierungseffekte geht. Dieses ist beispielsweise bei der Herstellung von Luftstickereien
der Fall. Hier bildet ein aus Celluloseregeneratfaserstoff bestehendes Gewebe das
Trägermaterial, welches in der Verfahrensstufe "Vorfertigen der Verzierungseffekte"
mit Fadenmaterial aus Synthesefaserstoff, Mischungen Synthesefaserstoff/Cellulosefaserstoff
(inertisiert) oder Cellulosefaserstoff (inertisiert) bestickt wird. Bei der enzymatischen
Hydrolyse wird das Trägermaterial vollständig herausgelöst; als Produkt verbleibt
das Luftstickereierzeugnis.
[0010] Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet besteht in der Herstellung von flächenhaftem
Textilgut, bei welchem Musterpartien unterschiedlicher Transparenz über die Fläche
verteilt vorliegen. Hier besteht die textile Fläche zunächst aus dem Trägermaterial
(vorteilhaft Celluloseregeneratfaserstoff) und dem Nutzmaterial (vorteilhaft Synthesefaserstoff).
Die Verzierungseffekte werden in der Weise vorgefertigt, daß in bekannter Weise mittels
Schablonen Musterteile abgedeckt werden; auf die offenliegenden Musterteile wird das
Inertisierungsmittel aufgebracht. Nachfolgend wird das Textilgut der enzymatischen
Hydrolyse unterzogen. Dabei wird aus den beim Vorfertigen abgedeckten Musterteilen
das Trägermaterial entfernt, während es in den inertisierten Musterteilen er halten
bleibt. Das Nutzmaterial wird nicht angegriffen. Auf diese Weise entsteht die oben
beschriebene textile Fläche.
[0011] Die erfindungsgemäßen Verfahrensbedingungen zeichnen sich dadurch aus, daß Extrema
bei Temperatur und Druck vermieden werden. Vorteilhaft wird bei der enzymatischen
Hydrolyse in einem Flottentemperaturbereich von 40 bis 60 °C, einem pH-Wert-Bereich
von 4,0 bis 5,5 und bei atmosphärischem Druck gearbeitet. Als Enzyme lassen sich sowohl
handelsübliche als auch durch Fermentation frisch gewonnene Cellulasen einsetzen.
Von der Konfektionierungsform her können letztere als Kulturfiltrat, als Konzentrat
oder als gereinigtes Trokkenpräparat vorliegen. Besonders geeignete Enzyme sind Cellulasen
der Stämme ZIMET 43 802 (gewonnen aus Pilzmutante Aspergillus terreus), ZIMET 43 803
und ZIMET 43 804 (beide gewonnen aus Trichoderma reesei), die am 20. September 1985
bei der Hinterlegungstelle im Zentralinstitut für Mikrobiologie und Experimentelle
Therapie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Beutenberg Str. 11, Jena, sowie
am 26. April 1988 bei der National Collection of Agricultural and Industrial Microorganisms
(NCAIM), Postfach 53, Budapest, hinterlegt wurden. Die Stämme erhielten bei der Hinterlegung
bei der NCAIM die Hinterlegungsnummern 001057 (ZIMET 43 802), 001055 (ZIMET 43 803)
und 001056 (ZIMET 43 804).
[0012] Die enzymatische Hydrolyse kann sowohl einstufig als auch mehrstufig durchgeführt
werden.
[0013] Schließlich ist es ohne weiteres möglich, die hierbei entstehende Glukose in an sich
bekannter Weise zu Ethanol oder anderen Wertstoffen weiterzuverarbeiten.
[0014] Durch diese Maßnahmen des Verfahrens ist eine breite Musterungsmöglichkeit gewährleistet,
das Nutzmaterial wird schonend behandelt, und bei sicherheitstechnisch sehr geringem
Aufwand ist eine kostengünstige Durchführung ermöglicht.
[0015] Im folgenden wird die Erfindung anhand von Ausführungsbeispielen näher erläutert:
Beispiel 1:
[0016] Ein leinwandbindiges Gewebe aus VI-S, Fadendichten 240/dm (Kette) und 280/dm (Schuß),
Masse je Flächeneinheit 65 g/m², wird mit Fäden aus PE-F, Feinheit 30 tex x 2 (Vorderfaden)
und 10 tex x 2 (Hinterfaden) bestickt. Anschließend erfolgt eine Behandlung mit einer
Cellulaselösung mit folgenden Parametern:
- Cellulase: gewonnen durch Fermentation aus Trichoderma reesei ZIMET 43 803 und eingesetzt
als Kulturfiltrat mit FPA 16 IU/ml
- pH-Wert: 4,6
- Temperatur: 50°C
- Druck: atmosphärisch
- Flottenverhältnis: 1 : 10
- Behandlungsdauer: 16 h
[0017] Es entsteht eine aus 100 % Polyester bestehende Luftstickerei. In der Lösung verbleibt
Glukose und ein geringer Anteil ihrer Oligomeren. Die Lösung wird in bekannter Weise
zu Ethanol aufgearbeitet.
Beispiel 2:
[0018] Ein Gewebe gemäß Beispiel 1 wird wie oben beschrieben bestickt. Aus dem trockenen
Cellulasepräparat "Onozuka R 10" (handelsüblich) wird eine Enzymlösung mit FPA 16
IU/ml hergestellt, der pH-Wert auf 4,6 eingestellt und die Bedingungen für die Behandlung
des Gewebes wie im Beispiel 1 gewählt.
[0019] Nach 12stündiger Behandlung wird die flüssige Phase vom Gewebe durch Abpressen abgetrennt
und das Gewebe mit frischer Enzymlösung weitere 12 h behandelt. Danach verbleibt eine
aus Polyesterfäden bestehende Luftstickerei.
[0020] Die abgetrennten flüssigen Phasen enthalten die Spaltprodukte der enzymatisch abgebauten
Viskoseseide und werden in bekannter Weise weiterverarbeitet.
Beispiel 3:
[0021] Ein Gewebe gemäß Beispiel 1 wird mit Fadenmaterial aus Bw, Feinheit 10 tex x 2 (Vorderfaden)
und 6,4 tex x 2 (Hinterfaden) bestickt, welches vor der Verarbeitung mit Paraffin
inertisiert wurde. Die enzymatische Hydrolyse wird gemäß Beispiel 1 vorgenommen, jedoch
unter Einsatz einer Cellulase, die durch Fermentation mittels Trichoderma reesei
ZIMET 43 804 hergestellt und aus dem Konzentrat durch Rückverdünnung auf die FPA
16 IU/ml eingestellt wurde. Die danach entstandene Luftstickerei besitzt in der Reißfestigkeit
noch 80 % der Ausgangsfestigkeit.
Beispiel 4:
[0022] Ein leinwandbindiges Gewebe aus 50 PE-F/50 VI-F, Fadendichten 270/dm (Kette) und
150/dm (Schuß), Masse je Flächeneinheit 230 g/m², wird im Schablonendruckverfahren
mustergemäß mit verflüssigtem Paraffin inertisiert. Anschließend erfolgt eine enzymatische
Hydrolyse gemäß Beispiel 1, aber unter Verwendung einer Cellulase, die durch Fermentation
mittels Aspergillus terreus ZIMET 43 802 hergestellt wurde und als gereinigtes Trockenpräparat
vorliegt. Es entsteht ein verziertes textiles Flächengebilde, welches mustergemäß
Bereiche höherer Transparenz an den Stellen aufweist, an welchen bei der Vorbehandlung
kein Inertisierungsmittel aufgebracht wurde und demzufolge der VI-F-Anteil hydrolysiert
wurde.
1. Verfahren zum Verzieren von Textilgut, das aus einem Anteil Trägermaterial und
einem Anteil Nutzmaterial besteht, durch örtlich begrenzten oder vollständigen Abbau
des Trägermaterials, dadurch gekennzeichnet, daß die Verzierungseffekte vorgefertigt
werden und danach das Texilgut einer enzymatischen Hydrolyse unterworfen wird, wobei
das Trägermaterial aus nicht enzymbeständigen und das Nutzmaterial aus enzymbeständigen
und/oder gegenüber dem Trägermaterial enzymbeständigeren Faserstoffarten besteht.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß das Trägermaterial aus Celluloseregeneratfaserstoff
und das Nutzmaterial aus Synthesefaserstoff oder aus Mischungen Synthesefaserstoff/Cellulosefaserstoff
besteht und daß als Enzyme Cellulasen eingesetzt werden.
3. Verfahren nach Anspruch 1 und 2, dadurch gekennzeichnet, daß das Trägermaterial
vor der enzymatischen Hydrolyse örtlich begrenzt inertisiert wird.
4. Verfahren nach Anspruch 1 und 2, dadurch gekennzeichnet, daß als Nutzmaterial Cellulosefaserstoff
eingesetzt wird, der vor der enzymatischen Hydrolyse inertisiert wird.
5. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß die enzymatische Hydrolyse
bei einer Temperatur von 40 bis 60 °C und atmosphärischem Druck durchgeführt wird
und daß der pH-Wert der Lösung zwischen 4,0 und 5,5 liegt.
6. Verfahren nach Anspruch 1 und 5, dadurch gekennzeichnet, daß für die enzymatische
Hydrolyse durch Fermentation frisch gewonnene Cellulasen in der Konfektionierungsform
als Kulturfiltrat, als Konzentrat oder als gereinigtes Trockenpräparat oder handelsübliche
Cellulasen eingesetzt werden.
7. Verfahren nach Anspruch 1, 5 und 6, dadurch gekennzeichnet, daß für die enzymatische
Hydrolyse Cellulasen eingesetzt werden, die durch Fermentation aus den Pilzmutanten
Aspergillus terreus, ZIMET 43 802, oder Trichoderma reesei, ZIMET 43 803 und ZIMET
43 804, gewonnen werden.
8. Verfahren nach Anspruch 1 und 5 bis 7, dadurch gekennzeichnet, daß die enzymatische
Hydrolyse ein- oder mehrstufig durchgeführt wird.
9. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß die aus der enzymatischen
Hydrolyse entstandene Glukose zu Ethanol oder anderen Werkstoffen weiterverarbeitet
wird.