[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft die Verwendung von t-Butyl (S)-8-brom-11,12,13,13a-tetrahydro-9-oxo-9H-imidazo
[1,5-a]pyrrolo[2,1-c][1,4]benzodiazepin-1-carboxylat der Formel

welche hiernach als Verbindung A bezeichnet wird, bei der Behandlung von psychotischen
Erkrankungen des Menschen, insbesondere der Schizophrenie, und der Verhütung von Exazerbationen
derselben. Die Verbindung A kann dabei als alleiniges Therapeutikum oder in Verbindung
mit Neuroleptika, wie Haloperidol, eingesetzt werden.
[0002] Gegenstand der vorliegenden Erfindung sind: Die Verwendung der Verbindung A, gegebenenfalls
in Verbindung mit Neuroleptika, bei der Behandlung von psychotischen Erkrankungen
und der Verhütung von Exazerbationen derselben, die Verwendung der Verbindung A zur
Herstellung von Mitteln zur Behandlung von psychotischen Erkrankungen und zur Verhütung
von Exazerbationen derselben, sowie ein Verfahren und Mittel zur Behandlung von psychotischen
Erkrankungen und zur Verhütung von Exazerbationen derselben.
[0003] Die Verbindung A ist eine bekannte Substanz, ihre Herstellung und ihre bekannten
antikonvulsiven und anxiolytischen Eigenschaften werden beispielsweise in der Europäischen
Patentpublikation Nr. 59 391 beschrieben.
[0004] Die folgende Beschreibung der Schizophrenie folgt den diagnostischen Kriterien der
dritten, revidierten Ausgabe des amerikanischen statistischen und diagnostischen Handbuchs
(Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-III-R) der amerikanischen
psychiatrischen Gesellschaft (APA). Die Schizophrenie ist eine Geisteskrankheit unbekannter
Genese, welche gewöhnlich im frühen Erwachsenenalter erstmals auftritt und sich auszeichnet
durch eine Anzahl charakteristischer, psychotischer Symptome, eine familiäre Häufung,
einen phasenhaften Verlauf und eine Verschlechterung im sozialen Verhalten und in
den beruflichen Fähigkeiten in den Bereich unterhalb des höchsten je erreichten Niveaus.
Als psychotische Symptome bezeichnet man Störungen des Denkinhalts (multiple, fragmentarische,
inkohärente, unplausible oder schlechthin wahnhafte Inhalte oder Verfolgungsideen)
und der Denkweise (Assoziationsverlust, Gedankenflucht, Inkohärenz bis hin zur Unverständlichkeit),
ferner Störungen der Wahrnehmung (Halluzinationen), des Affekts (flache oder unangemessene
Affekte) der Selbstempfindung, des Willens und Antriebs, der zwischenmenschlichen
Beziehungen, und schliesslich Störungen der Psychomotorik (z.B. Katatonie). Eine Vielzahl
anderer Symptome kann sich anschliessen.
[0005] Es wird zwischen prodromalen, aktiven und residualen Phasen unterschieden. Nach Zahl
und Typ der Phasen unterscheidet man zwischen subchronischer Schizophrenie, subchronischer
Schizophrenie mit akuter Exazerbation, chronischer Schizophrenie und chronischer Schizophrenie
mit akuter Exazerbation. Nach der vorherrschenden psychotischen Symptomatik kann man
schliesslich einen katatonen, einen desorganisiert-hebephrenen und einen paranoiden
Typus der Schizophrenie sowie Mischformen der verschiedenen Typen unterscheiden.
[0006] Die vorherrschende, symptomatische Therapie der Schizophrenie sowie ähnlicher psychotischer
Krankheiten, wie Paranoia, Schizo-affektive Psychosen, Schizophreniforme Psychose
und andere Psychosen, ist die Pharmakotherapie mit Neuroleptika. Nachteile der Neuroleptika
sind eine Vielzahl von - zum Teil irreversiblen - Nebenwirkungen, wie Parkinsonismus,
Spätdyskinesie, Prolaktinerhöhung und ihre Folgen und anticholinerge Nebenwirkungen.
Sie haben zudem eine in der Regel ungenügende oder ungünstige Wirkung auf Störungen
des Affektes, des Antriebs, des Willens und der Psychomotorik ("negative" Symptome
der Schizophrenie, im Gegensatz zu den sogenannten "produktiven" Symptomen, wie z.B.
Halluzinationen oder Wahnideen).
[0007] Hochdosierte Benzodiazepine sind hin und wieder auf ihre antipsychotischen Wirkungen
bei der Schizophrenie untersucht worden. Wo sich die Wirkung nicht von vornherein
auf die angestammte anxiolytische Wirkung beschränkte, musste die hochdosierte Benzodiazepintherapie
nach kurzer Zeit abgesetzt werden, weil entweder untolerierbare Nebenwirkungen auftraten
oder die angewandte Therapie sich ohnehin im experimentellen, nicht ordnungsgemäss
zugelassenen Dosierungsbereich bewegte.
[0008] Ueberraschenderweise hat es sich gezeigt, dass die Verbindung A neben der bekannten
antikonvulsiven und anxioly tischen eine ausgeprägt antipsychotische Wirksamkeit
aufweist und zwar sowohl gegen die produktiven wie gegen die negativen Symptome.
Sie zeichnet sich ferner durch sehr gute Verträglichkeit, insbesondere durch das Fehlen
extrapyramidaler motorischer, anticholinerger und prolaktin-induzierter Nebenwirkungen
aus.
[0009] Als Beispiel für die antipsychotische Wirkung der Verbindung A soll die Wirkung
auf die Schizophrenie anhand einer einzelblinden Studie an 10 Patienten mit chronischer
paranoider Schizophrenie demonstriert werden.
[0010] In dieser Studie wurde die Verbindung A in Form von Tabletten zu 0,5 mg Wirkstoffgehalt
verwendet.
[0011] Die Patienten, welche nach den Kriterien des DSM-III ausgewählt worden waren, sollten
während 4 Wochen eine verteilte Dosis von mindestens 1,5 mg täglich erhalten. Während
der ersten Behandlungswoche konnte diese Tagesdosis nach Massgabe der Wirksamkeit
und der Nebenwirkungen auf bis zu 4,5 mg hinauftitriert werden. Die optimale Dosis
wurde während der Wochen 2 und 3 beibehalten und während der vierten Behandlungswoche
schrittweise bis auf Null abgebaut. Die Behandlung wurde durch eine fünfte Woche abgeschlossen,
während derer Placebo verabreicht wurde. Untersuchungstage waren die Tage 0, 1, 3,
7, 14, 21, 28, 30 und 35. An all diesen Behandlungstagen wurden die Daten nach der
kurzen psychiatrischen Beurteilungsskala (Brief Psychiatric Rating Scale, BPRS; ein
Verzeichnis psychotischer Symptome), der Angstskala nach Covi und der Depressionsskala
nach Raskin, die Globalen Klinischen Impressionen (Clinical Global Impressions, CGI),
die Vitalfunktionen und ein Verzeichnis der Nebenwirkungen erhoben. Haematologische
und klinisch-chemische Parameter wurden vor Beginn und nach Abschluss der Behandlung
mit der Verbindung A erhoben, gemeinsam mit einem EKG und einer medizinischen Allgemeinuntersuchung.
Die Serumspiegel von Prolaktin wurden an den Tagen 0, 7, 14 und 21 gemessen, und die
extrapyramidalen Nebenwirkungen wurden anhand der Skala von Simpson und Angus erhoben.
[0012] 9 Männer und eine Frau mit einer akuten Exazerbation einer chronischen Schizophrenie
wurden in die Studie eingeschlossen. Ihr mittleres Alter betrug 33 ± 4,9 Jahre, das
mittlere Körpergewicht 68 ± 7,3 kg und die mittlere Körpergrösse 172 ± 4,8 cm. Zur
Zeit des Einbezugs in die Studie hatte die Krankheit im Mittel schon 79 ± 66 Monate
gedauert, und die Patienten waren im Durchschnitt 5,7 ± 3,3 mal deswegen hospitalisiert
worden. Das Krankheitsgeschehen wurde bei den meisten Patienten als "schwer" beurteilt,
eine Tatsache, welche auch durch den Anfangsskore von 65 Punkten in der BPRS unterstrichen
wird.
[0013] Alle ausser einem Patienten reagierten sehr gut auf die Behandlung mit der Verbindung
A, und zwar besser als auf die vorangegangene Behandlung mit Neuroleptika (in den
meisten Fällen Haloperidol in anscheinend adäquater Dosierung). Die Zahl und die Intensität
sowohl der produktiven wie der negativen psychotischen Symptome nahm vom dritten Tag
der Behandlung an deutlich ab. Diese Verbesserung des klinischen Zustandes lässt sich
gut an der BPRS ablesen: Vor Beginn der Behandlung betrug der mittlere Gesamtscore
65,5 Punkte, nach einem Tag Behandlung 60,8, nach 3 Tagen 37,4, nach 7 Tagen 13,3,
nach 14 Tagen 9,5, nach 21 Tagen 7,1, und nach 28 Tagen Behandlung, am Ende der Ausschleichphase,
noch 5,8 Punkte. Unter Placebo in der 5. Behandlungswoche war wieder ein leichter
Anstieg zu verzeichnen (Tag 30: 7,4 Punkte; Tag 35: 11,2 Punkte). Das gleiche Bild
ergibt sich bei den CGI: Schwere der Krankheit (Maximum 6, Minimum 0 Punkte): Vor
Behandlung 4,9 Punkte, Tag 1: 4,6; Tag 3: 3,3; Tag 7: 1,8; Tag 14: 1,4; Tag 21: 1,2;
Tag 28: 1,1; mit Wiederanstieg auf 1,2 am Tag 35; Therapeutische Effekte (Maximum
3, Minimum 0 Punkte): Tag 1: 0,6 Punkte; Tag 3: 2,2; Tag 7: 2,7; Tag 14: 2,8; Tage
21 und 28: 2,9 Punkte. Eine Verbesserung trat in allen Symptomen und Faktoren der
BPRS ein, nicht nur in Symptomen der Angst und Depression. Die Verbesserung des funktionellen
und sozialen Verhaltens der Patienten wurde nicht nur durch die psychiatrischen Skalen
gezeigt, sondern auch durch die Verwandten der Patienten und die Patienten selbst
bezeugt. Die Verbesserung dauerte über das Ende der Behandlung mit der Verbindung
A an, da die Werte nach 7 Tagen Placebo-Behandlung (Tag 35) nur unwesentlich höher
lagen als 7 Tage zuvor.
[0014] Die sehr gute Gesamtverträglichkeit der Verbindung A lässt sich anhand der CGI betreffend
Nebenwirkungen ablesen (schlechtester Wert 3, bester Wert 0 Punkte): Nach einem Tag
Behandlung betrug der Wert 0,1 Punkte; nach 3 Tagen 0,1, nach 7 Tagen 0,0; nach 14
Tagen 0,2 und nach 21 und 28 Tagen je 0,0 Punkte. Die Skala nach Simpson und Angus
(Spannweite 0-9 Punkte) zeigt lediglich das Verschwinden der durch die vorangegangene
Neuroleptika-Behandlung induzierten extrapyramidalen Störungen an: 1,1 Punkte am
Tag 1; 1,1 am Tag 3; 0,6 an den Tagen 7 und 14 und 0,4 Punkte am Tag 28. Ein gleiches
Verhalten zeigt der Serumprolaktin-Spiegel (Normalwerte <20 ng/ml): 21,5 ± 19.8 am
Tag 0; 10,2 ± 8,3 am Tag 7; 5,7 ± 2,2 am Tag 14 und 6,7 ± 2,7 ng/ml am Tag 21.
[0015] Die Ergebnisse dieser Studie belegen eine antipsychotische Wirksamkeit der Verbindung
A bei der paranoiden Schizophrenie, bei gleichzeitiger hervorragender Verträglichkeit.
Es konnten ferner keine extrapyramidalen und prolaktinbedingten Nebenwirkungen beobachtet
werden.
[0016] Im Rahmen der vorliegenden Erfindung wird die Verbindung A vorzugsweise in Form von
peroral verabreichbaren pharmazeutischen Präparaten verwendet, z.B. in Form von Tabletten,
Lacktabletten, Dragées, Hart- und Weichgelatinekapseln, Lösungen, Emulsionen oder
Suspensionen. Als Dosierungsform werden Tabletten bevorzugt.
[0017] Zur Herstellung von pharmazeutischen Präparaten wird die Verbindung A mit pharmazeutisch
inerten, anorganischen oder organischen Trägern verarbeitet. Als solche Träger kann
man für Tabletten, Lacktabletten, Dragées und Hartgelatinekapseln beispielsweise
Milchzucker, Maisstärke oder Derivate davon, Talk, Stearinsäure oder deren Salze und
dergleichen verwenden. Für Weichgelatinekapseln eignen sich als Träger beispielsweise
pflanzliche Oele. Wachse, Fette, halbfeste und flüssige Polyole und dergleichen. Zur
Herstellung von Lösungen und Sirupen eignen sich als Träger beispielsweise Wasser,
Polyole, Saccharose, Invertzucker, Glukose und dergleichen.
[0018] Die pharmazeutischen Präparate können daneben noch Konservierungsmittel, Lösungsvermittler,
Stabilisierungsmittel, Netzmittel, Emulgiermittel, Süssmittel, Färbemittel, Aromatisierungsmittel,
Salze zur Veränderung des osmotischen Druckes, Puffer, Ueberzugsmittel oder Antioxidantien
enthalten. Sie können auch noch andere therapeutisch wertvolle Stoffe enthalten,
beispielsweise die bereits erwähnten Neuroleptika.
[0019] Wie eingangs erwähnt, kann die Verbindung A bei der Behandlung von psychotischen
Erkrankungen, insbesondere der Schizophrenie, und der Verhütung von Exazerbationen
derselben verwendet werden. Die Dosierung kann je nach Schwere der Erkrankung, Alter
und Gewicht des Patienten variieren und ist natürlich in jedem einzelnen Fall den
individuellen Gegebenheiten anzupassen. Im allgemeinen dürfte bei oraler Verabreichung
eine Tagesdosis von etwa 0,5 mg bis 6 mg angemessen sein.
[0020] Das nachfolgende Beispiel beschreibt eine für die praktische Anwendung der vorliegenden
Erfindung geeignete Dosierungsform. Sie soll ihren Umfang jedoch in keiner Weise beschränken.
Beispiel
[0021]
| Verbindung A |
0,5 mg |
| Milchzucker |
126,5 mg |
| Maisstärke |
54,0 mg |
| Povidone K30 |
8,0 mg |
| Na-Carboxymethylstärke |
10,0 mg |
| Magnesiumstearat |
1,0 mg |
| |
200,0 mg |
[0022] Die Verbindung A, der Milchzucker und die Maisstärke werden gemischt und mit einer
wässrigen und/oder alkoholischen Lösung von Povidone granuliert. Das getrocknete
und gebrochene Granulat wird mit Na-Carboxymethylstärke und Magnesiumstearat gemischt
und anschliessend zu Tabletten von 200 mg gepresst.
1. Verwendung der Verbindung A, t-Butyl (S)-8-brom-11,12,13,13a-tetrahydro-9-oxo-9H-imidazo
[1,5-a]pyrrolo-[2,1-c][1,4]benzodiazepin-1-carboxylat, der Formel

zur Herstellung von Mitteln zur Behandlung von psychotischen Erkrankungen, insbesondere
der Schizophrenie, und zur Verhütung von Exazerbationen derselben.
2. Verwendung der in Anspruch 1 definierten Verbindung A in Kombination mit einem
Neuroleptikum, wie Haloperidol, zur Herstellung von Mitteln zur Behandlung von psychotischen
Erkrankungen, insbesondere der Schizophrenie, und zur Verhütung von Exazerbationen
derselben.
3. Mittel zur Behandlung von psychotischen Erkrankungen, insbesondere der Schizophrenie,
und zur Verhütung von Exazerbationen derselben, enthaltend eine therapeutisch wirksame
Menge der in Anspruch 1 definierten Verbindung A und ein therapeutisch inertes Trägermaterial.
4. Mittel nach Anspruch 3, enthaltend als zusätzlichen Wirkstoff ein Neuroleptikum,
wie Haloperidol.