[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft die Verwendung von Werkstoffe, die hochbeständig
sind gegenüber heißer, konzentrierter Schwefelsäure und 0-10 Gew.-% Oleum.
[0002] Im Schrifttum finden sich zahlreiche Angaben zur Korrosionsbeständigkeit von Werkstoffen
gegenüber heißer, konzentrierter Schwefelsäure.
[0003] Wegen der mit steigender Schwefelsäure-Konzentration zunehmenden Löslichkeit des
Bleisulfats können Blei und seine Legierungen nur bei Konzentrationen bis 78 % H₂SO₄
und nur bis 110°C eingesetzt werden (Ullmanns Encyclopädie der technischen Chemie,
4. Auflage, Band 21 (1982), S. 157).
[0004] Unlegierter Stahl kann in 68-99 %igen Schwefelsäuren bis 70°C verwendet werden, wobei
allerdings mit Abtragungsraten bis zu 1,3 mm/a zu rechnen ist (G. Nelson, Corrosion
Data Survey, Shell Development Co., San Franzisco, 1950, S. ZT-102A). Im Konzentrationsbereich
von 99 bis 100 % H₂SO₄ nimmt die Beständigkeit des unlegierten Stahls deutlich ab
Höhere Strömungsgeschwindigkeiten sind bei unlegiertem Stahl zu vermeiden (Ullmann,
loc. Cit.; Z. f. Werkst.-Techn.
4 (1973), S. 169/186; R. J. Borges, Corrosion/87, Paper No. 23, NACE, Houston, Texas,
1987).
[0005] Mit Chrom oder Kupfer legierte Gußeisensorten sind bei Schwefelsäure-Konzentrationen
von 90-99 % bis etwa 120°C beständig (Ullmann, loc. Cit.), jedoch ist auch hier die
Stromungsabhängigkeit der Korrosion zu beachten (Z. f. Werkst.-Techn., loc. Cit.).
Der Eisen-Silicium-Gußwerkstoff mit 14-18 % Si besitzt eine sehr gute Korrosionsbeständigkeit
in weiten Konzentrations- und Temperaturbereichen (Ullmann loc. Cit.); von großem
Nachteil sind jedoch die Härte und die Sprödigkeit dieses Sondergußeisens (R. J. Borges,
Corrosion/87, loc. Cit.; Ullmann, 4. Auflage, Band 3 (1973), S. 21). Nichtrostende
austenitische Standard-Stähle, wie gemäß Werkst.-Nr. 1.4571, werden bei konzentrierten
Schwefelsäuren bis zu Temperaturen von 85°C eingesetzt. Mit zunehmender Temperatur
steigen die Abtragungsraten steil an. Bereits bei 150°C ist mit Abtragungsraten um
1 mm/a zu rechnen (Z. f. Werkst.-Techn.
8 (1977), S. 362/370 und 410/417), wobei die Stromungsabhängigkeit der Korrosion ausgeprägt
ist.
[0006] Die Verwendung von Nickelbasislegierungen bringt keine Vorteile. Bei Plattenwärmetauschern
aus NiMo16Cr15W, Werkst.-Nr. 2.4819 (Typ Hastelloy alloy C-276), die zum Kühlen von
konzentrierter Schwefelsäure eingesetzt werden, wird die Produkttemperatur auf 95°C
begrenzt (N. Sridhar, Materials Performance März 1988, S. 40/46).
[0007] Es hat daher nicht an Vorschlägen gefehlt, die Schwefelsäurebeständigkeit durch Legierungsmaßnahmen
zu verbessern. So zeigt die 3,7-4,3 % Si enthaltende nichtrostende, austenitische
Stahlsorte X 1 CrNiSi 18 15, Werkst.-Nr. 1.4361, eine wesentlich hohere Beständigkeit
als Werkst.-Nr. 1.4571 in beispielsweise 98,5 %iger Schwefelsäure bei 150 und 200°C
(Ullmann, Band 3, S. 21); die Strömungsabhängigkeit der Korrosion ist sehr gering
(Z. f. Werkst. Techn.
8 (1977), S. 362/370 und 410/417; M. Renner u. R. Kirchheiner, "Korrosionsbeständigkeit
von hochlegierten nichtrostenden Sonderstählen in stark oxidierenden Medien", Vortrag
anläßlich des Seminars "Nickelwerkstoffe und hochlegierte Sonderstähle", Esslingen,
7./8. April 1986). Durch weiteres Anheben des Si-Gehaltes auf 4,5 bis 5,8 % läßt sich
die Korrosionsbeständigkeit der austenitischen, nichtrostenden Stähle in heißen 85
%igen, vorzugsweise 90 %igen Schwefelsäuren, innerhalb gewisser Grenzen verbessern
(US 4. 543 244; DE-OS 33 20 527). Für den praktischen Einsatz bei höheren Temperaturen
kommt ein derartiger Sonderstahl wegen der ausgeprägten Temperaturabhängigkeit der
Korrosion kaum in Betracht. Folgende Abtragungsraten wurden bei einem nichtrostenden,
vollaustenitischen Stahl der Zusammensetzung 17,5 % Cr, 17,5 % Ni, 5,3 % Si, Rest
im wesentlichen Eisen, in 98,2 %iger Schwefelsäure ermittelt (genannte US' 244 und
DE' 527):
- 125°C
- 0,1 mm/a,
- 135°C
- 0,8 mm/a,
- 145°C
- 1,6 mm/a,
in 93,5 %iger H₂SO₄ wurde bei 85°C eine Korrosionsgeschwindigkeit von 0,25 mm/a festgestellt.
Zur Verringerung der Korrosion kann ein anodischer Schutz der Anlagen vorgesehen werden;
unter diesen Bedingungen beträgt die Abtragungsrate in 93,5 %iger H₂SO₄ bei 200°C
jedoch immer noch 1,1 mm/a.
[0008] Weiterhin wurden härtbare Nickelbasislegierungen mit 2-4 % Si zur Handhabung heißer,
mindestens 65 %iger Schwefelsäure vorgeschlagen (DE-PS 21 54 126). Die Abtragungsraten
in auf 120°C erwärmter Schwefelsäure sind mit etwa 0,6 mm/a jedoch recht hoch. Für
eine weitere aushärtbare und strömungsunempfindliche Nickelbasislegierung werden Abtragungsraten
von 0,25 mm/a in auf 140°C erwärmter 98 %iger H₂SO₄ angegeben (R. J. Borges, Corrosion/87,
loc. cit.).
[0009] Ein nichtrostender austenitischer Stahl mit 17 % Cr, 16 %. Ni, 3,7 % Si und 2,3 %
Mo kann dagegen nur in kalten Schwefelsäuren bei Konzentrationen unterhalb 10 % und
oberhalb 80 % verwendet werden (Druckschrift Nr. 235 der CAFL: Uranus, rost- und säurebeständige
Stähle für schwierige Korrosionsprobleme, S. 37). Nach GB 1.534.926 müssen gegebenenfalls
mit Molybdän legierte austenitische Chrom-Nickel-Kupfer-Stähle mindestens 4,1 % bzw.
4,7 % Silicium enthalten, um eine gute Korrosionsbeständigkeit in auf 110°C erwärmter,
96,5 %iger H₂SO₄ zu gewährleisten; ähnliche Befunde gelten für Eisen-Chrom-Nickel-Cobalt-Silicium-Legierungen
bei Beanspruchung in auf 130°C erwärmter 99 %iger H₂SO₄ (N. Sridhar, loc. cit.).
[0010] Schließlich wurden noch 4-6 % Silicium enthaltende Eisen-Chrom-Nickel-Legierungen
beschrieben, deren Deltaferrit-Anteil auf 5 bis 10 % begrenzt wird, damit kein zusammenhängendes
Deltaferrit-Netz ausgebildet werden kann (D. J. Chronister und T. C. Spence, Corrosion
85, Paper 305, NACE, Boston/Mas., März 1985). Mit einem solchen Netzwerk ist bei Deltaferrit-Anteilen
ab 10 % zu rechnen. Bei einer von D. J. Chronister et al. beschriebenen, 4,8 % Si
enthaltenden Legierung sind die Abtragungsraten in auf 110°C erwärmter 95 %iger H₂SO₄
zunächst relativ gering (0,4 mm/a), steigen aber bei längerer Beanspruchungsdauer
rasch auf 2,4 mm/a an. Bei 5 bis 5,2 % Si enthaltenden Legierungen wurden unter diesen
Bedingungen Korrosionsgeschwindigkeiten von 0,11 bis 0,56 mm/a gefunden. Erst bei
5,6 % Si stellen sich Abtragungsraten von etwa 0,1 mm/a ein. Erhöht man die Temperatur
der 95 %igen H₂SO₄ auf 130°C, werden bei einem Si-Gehalt von 5,6 % wiederum steigende
Abtragungsraten beobachtet, die im ersten Prüfabschnitt (48 h) 0,66 mm/a, im zweiten
Abschnitt bereits 1,24 mm/a betragen; bei einem Si-Anteil von 5,9 % liegen die Abtragungsraten
bei 0,45-0,54 mm/a.
[0011] Es wurde nun gefunden, daß die Korrosionsbeständigkeit der siliciumhaltigen Eisen-Chrom-Nickel-Legierungen
in heißen, über 75 %igen Schwefelsäuren oder 0-10 Gew.-%, Oleum dadurch markant verbessert
werden kann, daß man ein Legierungsgefüge einstellt, welches mehr als 10 % Deltaferrit
enthält.
[0012] Die Erfindung betrifft demnach die Verwendung von nichtrostenden Knet- und Gußwerkstoffen
sowie Schweißzusatzwerkstoffen aus Eisen-Chrom-Nickel-Silicium-Legierung mit
- 13 - 32
- Gew.-% Cr
- 5 - 25
- Gew.-% Ni
- 4 - 9
- Gew.-% Si
wahlweise einem oder mehreren der Elemente
- bis zu
- 8 Gew.-% Mn
- bis zu
- 3 Gew.-% Mo
- bis zu
- 4 Gew.-% Cu
- bis zu
- 2 Gew.-% Ag
- bis zu
- 20 Gew.-% Co
- bis zu
- 4 Gew.-% W
- bis zu
- 2 Gew.% Nb/Ta
- bis zu
- 0,2 Gew.-% N
Rest Eisen und die üblichen Verunreinigungen, wie Kohlenstoff, Schwefel und/oder
Phosphor
und einem Gefüge, das mehr als 10 % Deltaferrit enthält, für Bauteile, die mit 90-100
%iger Schwefelsäure oder 0-10 Gew.-%igem Oleum bei Temperaturen von 150-350°C beaufschlagt
werden und die dabei eine Abtragungsrate von höchstens 1mm/a aufweisen.
[0013] Der Si-Anteil beträgt 4-9 Gew.-%, bevorzugt 4,3-7,5 Gew.-%.
[0014] Der Cr-Gehalt beträgt 13-32 Gew.-%, bevorzugt 15-24 Gew.-%.
[0015] Der Ni-Gehalt beträgt 5-25 Gew.-%/, bevorzugt 10-23 Gew.-%. Ein Teil des Nickels,
z.B. 1-80 %, kann durch Kobalt ersetzt sein.
[0016] Der Rest zu 100 Gew.-% besteht aus Eisen und den unvermeidbaren Begleitelementen,
wie Kohlenstoff und/oder Schwefel und/oder Phosphor, Die erfindungsgemäßen Werkstoffe
können neben den genannten Legierungsbestandteilen und den unvermeidbaren Begleitelementen
noch eines oder mehrere der Elemente Mangan, Molybdän, Kupfer, Silber, Kobalt, Wolfram,
Niob, Tantal und Stickstoff, bevorzugt Mangan, Molybdän, Kupfer, Silber, Kobalt und
Stickstoff enthalten Der Gehalt der zuletztgenannten Elemente ist hierbei auf folgende
Gew.-% begrenzt: Mn 8 %, Mo 3 %, Cu 4 %, Ag 2 %, Co 20 %, W 4 %, Nb/Ta gemeinsam 2
%/ und N 0,2 %.
[0017] Die Knet-, Guß- bzw. Schweißzusatzstoffe sind durch einen Deltaferrit-Gehalt von
mehr als 10 % gekennzeichnet. Der Deltaferrit-Gehalt beträgt bevorzugt zwischen 10
und 65 % und liegt besonders bevorzugt bei 11 bis 55 %. Der Deltaferrit-Gehalt ergibt
sich aus dem Verhältnis von Chrom-Äquivalent (Legierungselemente Cr, Si, Mo, W) zu
Nickel-Äquivalent (Legierungselemente Ni, Co, C, N, Mn, Cu), wobei den einzelnen Legierungselementen
eine unterschiedliche Wertigkeit bzw Gewichtung zukommt. Dieser Zusammenhang ist dem
Fachmann grundsätzlich bekannt.
[0018] Die Werkstoffe der genannten Zusammensetzung werden vor ihrem Einsatz in bevorzugter
Weise einer Wärmebehandlung (Lösungsglühen), beispielsweise bei 1030-1250°C unterzogen.
[0019] Die mit den Werkstoffen hergestellten Bauteile sind in hohem Maße korrosionsbeständig
gegenüber 90-100 %/iger H₂SO₄ und gegenüber 0-10 Gew.-%igem % Oleum Diese hohe Korrosionsbeständigkeit
ist gegeben bei hohen Temperaturen von 150 350°C, bevorzugt 150-340°C, besonders bevorzugt
bei 200°C bis zum Siedepunkt der verschieden hoch konzentrierten Schwefelsäuren oder
Oleum. Häufig werden die Werkstoffe bzw. die daraus hergestellten Bauteile bei Temperaturen
im Bereich von 180-335°C eingesetzt. Die Werkstoffe können demnach für Bauteile verwendet
werden, die mit solchen heißen, konzentrierten Schwefelsäuren oder Oleum beaufschlagt
werden. Die Werkstoffe bzw. Bauteile können bei Drucken von 0,1 bar bis 10 bar mit
heißer konzentrierter Schwefelsäure oder 0-10 Gew,-%igem Oleum beaufschlagt werden.
Solche Bauteile sind beispielsweise Reaktionsgefäße, Pumpen, Armaturen, Leitungen,
Wärmetauscher u.a.. Solche Bauteile können hierbei durch Schmieden und Walzen (Kneten),
durch Gießen, durch Auskleiden, durch Plattieren, durch formgebendes Schweißen oder
durch Auftragschweißen hergestellt werden. Derartige Bauteile finden z.B. bei der
Eindampfung von Schwefelsäure Verwendung.
[0020] Als hohe Korrosionsbeständigkeit wird hierbei unter den genannten erschwerten Bedingungen
eine Abtragungsrate von höchstens 1 mm/a, in vielen Fällen höchstens 0,1 bis 0,2 mm/a
verstanden.
[0021] Die Eigenschaften der erfindungsgemäßen Werkstoffe sind überraschend, da D. J. Chronister
(loc, Cit,) lehrt, daß der Deltaferrit-Anteil von Eisen-Chrom-Nickel-Silicium-Legierungen
aus Korrosionsgründen auf 5 bis maximal 10 % zu begrenzen ist, Ein angehobener Deltaferrit-Gehalt
hat jedoch über die gefundene Korrosionsbeständigkeit hinaus den Vorteil, Schweißungen,
wie Fertigungsschweißungen an Gußteilen oder Verbindungsschweißungen zu erleichtern
und außerdem die Erosionsbeständigkeit der Werkstoffe deutlich zu verbessern.
Beispiele
[0022] Es wurden die in Tabelle 1 angegebenen Werkstoffe I bis XX hergestellt. Diese Werkstoffe
werden durch die in Tabelle 2 angegebenen Eigenschaften charakterisiert. Hierbei bedeutet
die Dehngrenze R
p0,2 die Spannung bis zu einer nichtproportionalen Dehnung von 0,2 % (Zugversuch nach
DIN 50 145), die Zugfestigkeit R
m die Spannung, die sich aus der auf den Anfangsquerschnitt bezogenen Höchstkraft ergibt,
die Bruchdehnung A₅ die auf die Anfangsmeßlange bezogene bleibende Längenänderung
nach dem Bruch der Probe und die Schlagarbeit A
v die verbrauchte Schlagarbeit an ISO-V-Proben, gemessen in J (Kerbschlagbiegeversuch
nach DIN 50 115).
[0023] Beispielhaft werden in Fig. 1, Fig. 2 und Fig. 3 die metallographischen Schliffe
der Werkstoffe IV, V und VI, geätzt nach Murakami, mit einer Vergrößerung von 50:1
gezeigt, aus denen das Gefüge ersichtlich ist. Das Ätzmittel nach Murakami (10 g K₃
[Fe(CN)₆], 10 g KOH und 100 g H₂O) läßt den Deltaferrit dunkler als den Austenit erscheinen.
[0024] Die Werkstoffe I bis X wurden verschiedenen Korrosionsprüfungen während einer Beanspruchungsdauer
von 360 bis 670 h unterzogen. Die verschiedenen Korrosionsprüfungen erfolgten in siedender
93,3 %iger H₂SO₄ (297°C), siedender 95,3 %iger H₂SO₄ (313°C), siedender 96,6 %iger
H₂SO₄ (316°C) und siedender 98,2 %iger H₂SO₄ (334°C).
[0025] Tabelle 3 zeigt die ermittelten Abtragungsraten.
[0027] Die in Klammern befindlichen Abtragungsraten wurden an nicht wärmebehandelten Werkstoffen
ermittelt.
[0028] Prüfdauer:
1) 360 h
2) 410 h
3) 530 h
Rest: 670 h
