[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft ein Verfahren zur Verarbeitung von thermoplastisch
verarbeitbaren Polymeren, wie flüssigkristalline Polymere, faser- oder mineralgefüllte
Thermoplaste mittels Spritzgiesstechnik, zur Vermeidung oder zumindest zur Verminderung
einer Fliessnaht bei der Herstellung von Werkstücken.
[0002] Flüssigkristalline Polymere, abgekürzt LCP genannt, sowie faser- oder mineralgefüllte
Thermoplaste haben als charakteristisches Merkmal eine stark orientierte morphologische
Struktur.
[0003] Nachfolgend wird zur Vereinfachung der Beschreibung für die Eingangs genannten Thermoplaste
der Fall der LCP stellvertretend für alle übrigen Thermoplaste, wie faser- oder mineralgefüllte
Thermoplaste beschrieben.
[0004] LCP bestehen aus starren, stabförmigen Makromolekülen, die sich in der Schmelze parallelisieren
und flüssigkristalline Strukturen erzeugen. Wird eine flüssigkristalline Polymerschmelze
einer Scher- oder Dehnströmung ausgesetzt, wie dies mit Extruderschnecken der Fall
ist, dann ordnen sich die Makromoleküle zu Fasern und Fibrillen und ergeben die spezifische
Morphologie im Festzustand.
[0005] Die Eigenschaften, die durch die hohe Orientierung in der Polymerschmelze beeinflusst
werden, zeigen eine ausgeprägte Anisotropie. In Orientierungsrichtung sind Festigkeit
und Steifheit wesentlich höher als quer dazu und der Wärmeausdehnungskoeffizient ist
senkrecht zur Orientierung wesentlich höher als parallel dazu.
[0006] Nachteilig sind die sogenannten Binde- bzw. Fliessnähte bei jedem Werkstück aus solchen
verstärkten Kunststoffen, da sie eine Schwachstelle in den Werkstücken darstellen.
Bei flüssigkristallinen Polymeren sind einerseits die starren Molekülketten und anderseits
möglicherweise vorhandene faserförmige Verstärkungsstoffe weitgehend parallel zur
Fliessnaht ausgerichtet, wodurch die richtungsabhängigen physikalischen Eigenschaften
im Bereich der Binde- oder Fliessnaht fehlt oder stark reduziert sind. Dies heisst,
dass den Binde- oder Fliessnähten besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.
[0007] Man unterscheidet zwei Arten von Fliessnähten, nämlich sogenannte stumpfe Fliessnähte,
die sich ergeben, wenn zwei Schmelzeströme gegeneinander fliessen wobei die Schmelzefronten
senkrecht zur Fliessrichtung aufeinanderstossen. Die Moleküle sind parallel zur Schmelzefront
orientiert und können sich daher nicht vereinen. Fliessnähte, die nach Umströmen eines
Hindernisses entstehen, werden gebildet durch die zwei durch das Hindernis getrennte
Teilströme, die sich in Fliessrichtung hinter dem Hindernis wieder vereinen.
[0008] Entsprechend diesen Erkenntnissen, strebt man allgemein an, Werkstücke zu erzeugen,
die keine Fliessnaht erzeugen. Von Herstellern der Ausgangsstoffe wird daher geraten,
unvermeidbare Fliessnähte in Gebiete geringerer Beanspruchungen zu legen. Dies ist
jedoch bei hohlzylindrischen Werkstücken praktisch kaum möglich und die so gebildeten
Hülsen haben diametral viel geringere physikalische Eigenschaften als axial.
[0009] Dementsprechend ist es eine Aufgabe der Erfindung eine Möglichkeit zu schaffen, um
zu verhindern, dass Fliessnähte überhaupt entstehen können.
[0010] Erfindungsgemäss wird dies durch die Merkmale im kennzeichnenden Teil des unabhängigen
Patentanspruchs erreicht, indem das verflüssigte Material vom Eintritt in die Spritzgiessform
an über wenigstens einen Teil der Lange des Werkstückes einer Scherenergie ausgesetzt
wird.
[0011] Nachfolgend werden Anwendungsbeispiele für die Erfindung erläutert. An Hand einer
Zeichnung wird auch eine Anwendung des erfinderischen Verfahrens näher erläutert.
In der Zeichnung zeigen:
- Fig. 1
- eine Schnittansicht einer Spritzgussform zur Herstellung eines zylindrischen Hohlkörpers,
und
- Fig.2
- eine Schnittansicht der Spritzgussform gemäss der Schnittlinie A in Fig.1.
[0012] Es wird vermutet, dass die Bildung von Fliess- oder Bindenähten durch von der Wand
der zu füllenden Form erzeugten Scher- und Dehnungskräften erzeugt wird, weil die
Wand gekühlt ist und daher eine Schichtung von den Aussenschichten gegen das Wandinnere
erhalten wird. Mit einem einzigen Anguss ergeben sich somit bei hohlkörperförmigen
Werkstücken, wie sie beispielsweise in der Lichtwellenleitertechnik verwendet werden
unweigerlich zwei umlaufende Schmelzeströme und damit eine den Körper schwächende
Bindenaht die durch die unvermeidliche Schichtung an den Aussenwandteilen noch verstärkt
wird.
[0013] Eine Verhinderung dieser unerwünschten Effekte würde also das Problem der Binde-
und Fliessnähte beseitigen. Es wurde festgestellt, dass durch zusätzliche Scherenergie,
wie sie beispielsweise im Druckerzeuger durch die rotierende Schnecke entsteht, eine
Verminderung der Ausrichtung der Moleküle bewirkt wird.
[0014] Diese Erkenntnis wird nun gemäss der Erfindung auf die Seite der Form übertragen
und dort eine rotierende Stelle geschaffen, die die zusätzliche Scherenergie ergibt.
[0015] Bei einem Werkstück das mit einem Hindernis versehen ist, hinter dem sich eine Fliessnaht
bildet, lässt sich nach dieser Erkenntnis die Fliessnaht wenigstens an der schwächsten
Stelle, gerade hinter dem Hindernis, verhindern, wenn das Hindernis rotiert wird.
Da anfänglich keine Bindenaht entsteht. wird sie sich auch im Nachhinein wenigstens
nicht so ausgeprägt ergeben, wie die bei feststehendem Hindernis der Fall ist.
[0016] Bei hülsenförmigen Werkstücken kann wenigstens ein Formteil, entweder das äussere
oder das innere, rotiert werden. Dadurch wird einerseits der Fluss des Schmelzeteilstromes
in Richtung der Rotation verstärkt und in der Gegenrichtung geschwächt. Damit werden
die Moleküle desorientiert und ergeben keine starre Ausrichtung mehr, wodurch die
Bindenaht von Natur aus zumindest geschwächt wird, wenn sie nicht vollständig verschwindet.
[0017] In der Zeichnung zeigen Fig. 1 und Fig.2 eine Spritzgiessanlage in stark vereinfachter
Form. Die Spritzgiessform besteht aus einer feststehenden Werkzeugplatte 3 mit dem
Angusskanal 6 und einer axialbeweglichen Werkzeugplatte 2. Ein in der feststehenden
Werkz8
eugplatte befindlicher Stift 4 bildet den Kern in einer durch einen Formteil 7 der
beweglichen Werkzeugplatte 2 gebildeten Kavität 5. Das Formteil 7 ist mit einer Antriebswelle
1 verbunden wodurch eine Rotation dieses Formteils 7 ermöglicht wird.
[0018] Selbstverständlich sind die beiden Werzeugplatten 2,3 gekühlt, damit das durch Wärme
plastifizierte Spritzmaterial wieder erstarrt. Mit der Antriebswelle 1 kann somit
das Formteil 7 rotiert werden und dadurch wird Scherenergie auf das in die Kavität
eingespritze Material gebracht, so dass sich keine Bindenaht mehr bilden kann.
[0019] Anstelle des Formteils 7 könnte auch der Stift 4 rotiert werden, um denselben Effekt
zu erzeugen. Hülsen mit sehr dünner Wandstärke von nur wenigen zehntel Millimetern
zeigen durch Fertigung in der beschriebenen Art praktisch dieselbe mechanische Festigkeit
gegenüber axialen und radialen Presskräften und eine Binde- oder Fliessnaht konnte
in keinem Fall mehr festgestellt werden.
1. Verfahren zur Verarbeitung von thermoplastisch verarbeitbaren Polymeren, wie flüssigkristalline
Polymere, faser- oder mineralgefüllte Thermoplaste, mittels Spritzgiesstechnik, zur
Vermeidung oder zumindest zur Verminderung einer Fliessnaht bei der Herstellung von
Werkstücken, dadurch gekennzeichnet, dass das verflüssigte Material vom Eintritt in die Spritzgiessform an über wenigstens
einen Teil der Lange des Werkstückes einer Scherenergie ausgesetzt wird.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die Scherenergie durch relative Bewegung zwischen zwei Flächen der Formteile
erzeugt wird.
3. Verfahren nach Anspruch 2, dadurch gekennzeichnet, dass bei Werkstücken mit zwei Begrenzungsflächen, deren Abmessungen in Länge und
Breite grösser sind als deren Abstand voneinander, die Scherkraft durch ein rotierendes
Hindernis im Anströmungsgebiet bewirkt wird.
4. Verfahren nach Anspruch 2, dadurch gekennzeichnet, dass bei Werkstücken in Form eines Rotationshohlkörpers wenigstens ein Teil des
einen Formteiles rotiert wird.
5. Verfahren nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass wenigstens ein Teil des äusseren Formteils rotiert wird.
6. Verfahren nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass wenigstens ein Teil des inneren, die Hohlkörperstruktur bildenden Formteils
rotiert wird.
7. Verfahren nach Anspruch 5 oder 6, dadurch gekennzeichnet, dass jeweils das gesamte Formteil rotiert wird.
8. Verfahren nach einem der Ansprüche 5 bis 7, dadurch gekennzeichnet, dass beide Formteile in gegensinniger Drehrichtung rotiert werden.
9. Verfahren nach einem der Ansprüche 5 bis 7, dadurch gekennzeichnet, dass beide Formteile in gleichsinniger Drehrichtung aber mit unterschiedlicher Winkelgeschwindigkeit
rotiert werden.