[0001] Die Erfindung betrifft Trennmaterialien auf Basis von hydroxylgruppenhaltigen Trägern,
deren Oberflächen mit kovalent gebundenen Polymeren beschichtet sind sowie Verfahren
zu ihrer Herstellung.
[0002] Die erfindungsgemäßen Trennmaterialien können zur Trennung von Makromolekülen, insbesondere
zur Fraktionierung von Biopolymeren, eingesetzt werden. Die Auftrennung und Reinigung
biologischer Makromoleküle, wie Nucleinsäuren, Proteine, Enzyme, subzelluläre Einheiten,
Peptide, monoklonale Antikörper oder ganze Zellen, hat im Hinblick auf die Gentechnologie
und Biotechnologie große Bedeutung erlangt.
[0003] Bekannt ist z.B. der Einsatz von lonenaustauschern zur Fraktionierung von biologischen
Makromolekülen. Die herkömmlichen Materialien bestehen aus Polymeren wie Polymethacrylate,
Polystyrole, Agarose, vernetztes Dextran oder Kieselgelen, die entsprechende funktionelle
Gruppen tragen.
[0004] Aus der EP 337 144 sind Trennmaterialien auf Basis von hydroxylgruppenhaltigen Trägern,
deren Oberflächen mit kovalent gebundenen Polymeren beschichtet sind, bekannt, wobei
die Polymeren gleiche oder verschiedene wiederkehrende Einheiten darstellen, die durch
Pfropfpolymerisation in Gegenwart von Cer(IV)-Ionen an den Träger gebunden werden.
[0005] Aus US 4,547,463 sind wasserunlösliche Copolymere bekannt, die strukturelle Einheiten
von Sulfoethylacrylamid und Derivate davon enthalten. Diese Copolymere werden zur
Adsorption und Vermehrung von Mikroorganismen an den Copolymerpartikeln verwendet,
nicht jedoch zur Trennung und Fraktionierung von z.B. Makromolekülen.
[0006] Diese Trennmaterialien sind nicht in ihrer Gesamtheit optimal und weisen insbesondere
im Hinblick auf das Herstellungsverfahren und die Pfropfungsausbeute noch erhebliche
Nachteile auf.
[0007] Der Erfindung liegt die Aufgabe zugrunde, ein optimales Trennmaterial zur Verfügung
zu stellen, das die erwähnten Nachteile nicht hat.
[0008] Gegenstand der Erfindung sind Trennmaterialien auf Basis von hydroxylgruppenhaltigen
Trägern, deren Oberflächen mit kovalent gebundenen Polymeren beschichtet sind, die
dadurch gekennzeichnet sind, daß die Polymeren aus gleichen wiederkehrenden Einheiten
der Formel I bestehen

worin
- X
- CO-NH-CH2-CH2-SO3H und
- n
- 2-100, vorzugsweise 15-50,
bedeuten, hergestellt durch
Pfropfpolymerisation in Gegenwart von Cer(IV)-Ionen und von 1 bis 3,5 Mol/l anorganischer
Salze im Polyacrylierungsansatz durchführt.
[0009] Dabei ist es besonders vorteilhaft, wenn die für die Polymerisation erforderlichen
Monomere durch Umsetzung von Acrylat mit Aminoethansulfonsäure in wäßriger Lösung
in Gegenwart eines Stabilisators herstellt und direkt zur Pfropfpolymerisation eingesetzt
werden.
[0010] Überraschenderweise hat sich gezeigt, daß die erfindungsgemäßen Trägermaterialien
für schnelle chromatographische Trennungen besonders geeignet sind. Die Trennmaterialien
sind universell einsetzbar für die lonenaustauschchromatographie von Makromolekülen,
insbesondere von Biopolymeren.
[0011] Die erfindungsgemäßen Trennmaterialien bestehen aus Trägerteilchen mit Hydroxylgruppen,
auf die über die α-C-Atome der Hydroxylgruppen ein polymeres Material, ausgehend von
dem Monomeren Sulfoethylacrylamid aufgepfropft ist.
[0012] Als Trägerteilchen kommen alle allgemein bekannten porösen und unporösen Chromatographieträger,
die primäre oder sekundäre, aliphatische Hydroxylfunktionen an der Oberfläche aufweisen,
in Frage.
[0013] Bevorzugt sind dabei beispielsweise hydrophile Polymere auf Acrylat- und Methacrylatbasis,
Polymere auf Polyvinylalkohol-Basis, diolsubstituierte Kieselgele, Polysaccharide
auf Agarose-Basis, Cellulose, Cellulosederivate oder Polymere auf Dextran-Basis. Es
können aber selbstverständlich auch andere Polymere oder Copolymere auf der Grundlage
von Monomeren wie Vinylverbindungen, Acrylamid, (Meth)Acrylsäureestern oder (Meth)Acrylnitril
in hydroxylierter Form eingesetzt werden.
[0014] Die Durchführung von schnellen chromatographischen Trennungen im sogenannten Down
stream processing hat in letzter Zeit zunehmende Bedeutung bekommen. Zwei wichtige
Aspekte sprechen z.B. bei der Proteinreinigung für die Durchführung einer schnellen
Trennung: Ein zu langer Kontakt des zu reinigenden Proteins mit dem Trägermaterial
führt zu einem Abfall der biologischen Aktivität und die bei einem Zellaufschluß freigesetzten
Proteasen zerstören bei einer langen Elutionsdauer die Proteine.
[0015] Eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung einer schnellen Trennung ist
jedoch, daß die Proteinbindungskapazität unabhängig von der linearen Flußrate ist.
Durch die Konstruktion von Partikeln mit durchgehenden Poren sind Materialien für
die sehr schnelle Chromatographie mit linearen Flußraten von größer 1000 cm/h entwickelt
worden. Bisher nicht bekannt ist jedoch, daß auch die Art des gebundenen Liganden
einen Einfluß auf die Eignung eines Trägermaterials für die schnelle Chromatographie
hat.
[0016] Es wurden nun festgestellt, daß es eine Abhängigkeit zwischen der chemischen Struktur
eines Liganden (bei einem Kationenaustauscher) und der Höhe der sogenannten dynamischen
Proteinbindungskapazität (Durchbruchskapazität in Abhängigkeit vom linearen Fluß)
gibt.
[0017] Zur Bestimmung der dynamischen Proteinbindungskapazität wurde das Monomer Sulfoethylacrylamid
in Gegenwart von Cer(IV)-Ionen auf Fractogel gepfropft und in eine Säule gefüllt (Superformance®
50-10 mm). Als Probe wurde eine Lösung von 10 mg/ml Lysozym in Phosphatpuffer eingesetzt.
Dabei zeigte sich, daß bei einer linearen Flußrate von 720 cm/h die dynamische Proteinkapazität
sich nur um 25,6 % verringert hat. Bei gleicher Versuchsdurchführung, jedoch mit Sulfoisobutylacrylamid
als aufgepfropftem Monomer hatte sich die dynamische Proteinkapazität um 65,5 % verringert.
Das zeigt, daß überraschenderweise die Art des gebundenen Liganden einen großen Einfluß
auf die Eignung eines Trägermaterials für die schnelle Chromatographie hat.
[0018] Desweiteren wurde überraschenderweise festgestellt, daß die Verwendung höherer Konzentrationen
von anorganischen Salzen im Ansatz zur Pfropfpolymerisation zu einer erheblichen Steigerung
der Pfropfungsausbeute führt. Das zeigt sich im Falle von aufgepfropften lonenaustauschern
vom Typ der substituierten Polyacrylamide unter anderem durch eine stark erhöhte dynamische
Bindungskapazität für Proteine. Aus diesem überraschenden Effekt ergibt sich eine
bisher noch nicht bekannte Steuerungsmöglichkeit für die erreichbare Ligandendichte
auf der inneren Oberfläche von Chromatographieträgem und anderweitig verwendeten partikulären
oder membranartigen Materialien, die durch Pfropfpolymerisation auf das Basismaterial
hergestellt werden. Dieser Effekt greift insbesondere bei der Verwendung hydrophiler
Monomerer, die stark saure Gruppen enthalten, wie im Falle des erfindungsgemäß verwendeten
Sulfoethylacrylamids.
[0019] Die Konzentration der anorganischen Salze im Polyacrylierungsansatz für die Pfropfpolymerisation
sollte im Bereich von 1 bis 3,5 Mol/l liegen, vorzugsweise bei 2 bis 3 Mol/l. Dabei
können alle Salze verwendet werden, die mit den zur Initiierung der Polymerisation
verwendeten Startern, z.B. Cer(IV)-Ionen, keine oder nur eine geringe Wechselwirkung
eingehen. Für das erfindungsgemäße Verfahren geeignete anorganische Salze sind z.B.
Natriumchlorid, Natriumperchlorat, Natriumsulfat, Ammoniumsulfat usw., sowie Gemische
dieser Salze.
[0020] Durch Zusatz höherer Konzentrationen anorganischer Salze im Polyacrylierungsansatz
(z.B. 3 Mol/l Natriumchlorid oder 1 Mol/l Natriumchlorid plus 1 Mol/l Natriumperchlorat)
wird z.B. die Pfropfungsausbeute für Sulfoethylacrylamid auf Fractogel® HW 65 (S)
oder Fractogel® HW 65 (M) gegenüber vergleichbaren Ansätzen mit niedrigerer Salzkonzentrationen
(1 Mol/l Natriumchlorid) bis zum Dreifachen erhöht. Abb. 1 zeigt die Abhängigkeit
der dynamischen Bindungskapazität von Fractogel® EMD SE-650 (S) für Lysozym von der
Dauer der Polyacrylierung in Gegenwart von 3 Mol/l Natriumchlorid (Kurve a), von 1
Mol/l Natriumchlorid bzw. ohne Salzzusatz (Kurve b). Die Ansatzgröße betrug jeweils
2,5 l Gel in 12,51 Gesamtvolumen. Der Vergleich mit Ansätzen ohne Salzzusatz zeigt
die deutliche Verbesserung des Ergebnisses hinsichtlich der erreichbaren Bindekapazität
für Protein. Darüberhinaus wird deutlich, daß die durch Aufnahme einer derartigen
"Pfropfungskinetik" ermittelten Reaktionsbedingungen auch im Falle von Chargenwechsel
wichtiger Komponenten eine reproduzierbare Steuerung der Proteinbindungskapazität
des Produkts zuläßt.
[0021] Die verschiedenen anorganischen Salze sind in Abhängigkeit von den durch sie in den
Polymerisationsansatz eingebrachten lonenarten von unterschiedlichem Einfluß auf die
Pfropfungsausbeute. Die höchsten Bindekapazitäten des Pfropfprodukts für Lysozym wurden
mit 200 mg/ml Gel durch Polyacrylierung in Gegenwart von 1 Mol/l Natriumperchlorat
erhalten. Hierbei war außerdem eine Konzentration von 1 Mol/l Natriumchlorid als Folge
der zuvor durchgeführten Neutralisation der eingesetzten Monomerlösung im Reaktionsansatz
vorhanden. Ansätze, bei denen der Zusatz von Natriumperchlorat weggelassen wurde,
erreichten dagegen auch bei auf 12 Stunden verlängerter Reaktionszeit maximale Bindungskapazitäten
von 65 mg/ml Gel. Steigerungen der Bindekapazität auf Werte zwischen 100 und 180 mg/ml
wurden durch Zusatz von Natriumchlorid, Ammoniumsulfat und Natriumsulfat anstelle
von Natriumperchlorat und in Konzentrationen von 1 bis 3,5 Mol/l erhalten.
[0022] Die Herstellung der Trennmaterialien nach der Erfindung erfolgt durch Pfropfpolymerisation
mit Sulfoethylacrylamid, das seinerseits durch Umsetzung von Acrylsäurederivaten mit
Aminoethansulfonsäure hergestellt sind. Als bevorzugtes Acrylsäurederivat wird Acrylsäurechlorid
eingesetzt, das frisch destilliert und bei -20 °C im Dunkeln aufbewahrt etwa zwei
Jahre für den erfindungsgemäßen Einsatz geeignet bleibt. Für die Umsetzung von Acrylsäurechlorid
mit Aminoethansulfonsäure ist der Zusatz eines Stabilisators erforderlich. Dieser
wird dem Acrylsäurechlorid unmittelbar vor der Verwendung zugesetzt und kann dann
innerhalb weniger Stunden und ohne wärmer als 10 °C zu werden in die Acrylierungsreaktion
eingesetzt werden. Das so stabilisierte Sulfoethylacrylamid ist als wäßrige Lösung
bei Temperaturen unterhalb von 10 °C im Dunkeln mehrere Monate lang ohne feststellbare
nachteilige Veränderungen haltbar.
[0023] Als wirksamer Stabilisator nach der vorliegenden Erfindung hat sich insbesondere
4-Methoxyphenol erwiesen. Der Stabilisator sollte in Konzentrationen von etwa 0,01
bis 2 mM im Pfropfungsansatz eingesetzt werden.
[0024] Die wäßrige Lösung eines nach diesem Verfahren hergestellten Sulfoethylacrylamids
zeigt bei der Analyse mit HPLC keine Hinweise auf anwesende Nebenprodukte. Damit ist
auch gezeigt, daß die vorausgegangene kurzzeitige Stabilisierung des Acrylsäurechlorids
durch 4-Methoxyphenol als ausreichend zur Vermeidung der Oligomerisierung anzusehen
ist. Überraschenderweise wirkt sich die Anwesenheit des bisher ungebräuchlichen Stabilisators
während der nachfolgenden Pfropfpolymerisation nicht störend auf das Ergebnis der
Polymerisation aus.
Beispiel 1
Acrylierung von Aminoethansulfonsäure
[0025] Eine Lösung von 50 g Aminoethansulfonsäure und 32 g Natriumhydroxid-Plätzchen in
400 ml destilliertem Wasser wird mit einem Eisbad auf 5 °C abgekühlt. In diese Lösung
werden 32 ml Acrylsäurechlorid, dem kurz vorher 3,85 mg 4-Methoxyphenol zugegeben
werden, innerhalb einer Stunde zugetropft, so daß die Temperatur 8 °C nicht überschreitet.
Das Eisbad wird dann entfernt, mit 25%iger Salzsäure auf einen pH-Wert von 4 eingestellt
und noch eine Stunde nachgerührt.
Beispiel 2
Polymerisation auf Fractogel®
[0026] Zu einer Suspension von 400 ml Fractogel® HW 65 S und 1200 ml destilliertem Wasser,
das 292,2 g Natriumchlorid enthält, werden 810 ml der Lösung nach Beispiel 1 und die
Starterlösung aus 14,5 g Ammoniumcer(lV)nitrat, gelöst in 50 ml 0,5 M Salpetersäure,
hinzugeben und 5 Stunden bei Raumtemperatur gerührt. Das Reaktionsgemisch wird mit
Hilfe einer Glasfritte P2 abgesaugt und anschließend mit folgenden Waschlösungen gewaschen:
je 500 ml
Schwefelsäure 0,2 M/Natriumsulfit 0,2 M,
destilliertes Wasser, zweimal,
Schwefelsäure 0,2 M,
destilliertes Wasser, zweimal,
Natronlauge 1 M,
destilliertes Wasser,
Phosphatpuffer, 0,2 M, pH 7.
[0027] Das erhaltene Gel wird in 0,02 M Phosphatpuffer (pH 7) dem 0,2 % Natriumazid zugesetzt
sind, oder auch in Ethanol 20 %/150 mM Natriumchlorid gelagert.
[0028] Anstelle von 292,2 g Natriumchlorid können z.B. auch 330,35 g Ammoniumsulfat oder
351,15 g Natriumperchlorat eingesetzt werden.
Beispiel 3
Bestimmung der dynamischen Proteinbindungskapazität
[0029]
a) Eine Superformance®-Säule 50-10 mm wird mit dem Trennmaterial aus Beispiel 2 gefüllt
und 50 ml einer Probe von 10 mg/ml Lysozym in 20 mM Phosphatpuffer, pH 7, aufgebracht.
Das Eluat wurde bei 280 nm gemessen mit folgendem Ergebnis:
| Lineare Flußrate [cm/h] |
mg Lysozym/ml gepacktes Gel |
| 40 |
57,8 |
| 80 |
55,8 |
| 200 |
54,8 |
| 400 |
49,8 |
| 720 |
43,0 |
Die Tabelle zeigt, daß sich die dynamische Proteinbindungskapazität bei einer linearen
Flußrate von 720 cm/h mit dem Trennmaterial nach Beispiel 2 nur um 25,6 % verringert
hat.
b) Die Bestimmung wird mit einem Trennmaterial durchgeführt, das anstelle von Sulfoethylacrylamidgruppen
mit Sulfoisobutylacrylamidgruppen beladen ist. Die Durchführung erfolgte analog Beispiel
3a) mit folgendem Ergebnis:
| Lineare Flußrate [cm/h] |
mg Lysozym/ml gepacktes Gel |
| 40 |
74,8 |
| 80 |
66,9 |
| 200 |
49,4 |
| 400 |
36,6 |
| 720 |
25,8 |
Die Ergebnisse zeigen, daß bei einer linearen Flußrate von 720 cm/h die dynamische
Proteinbindungskapazität nur noch einen Wert von 35 % der Ausgangskapazität hat.