[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Erzeugung von Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt
gleich/kleiner 0,9 Gewichtsprozent und einem Si-Gehalt von 0,15 - 1,0 Gewichtsprozent
gemäß dem Oberbegriff des Patentanspruches 1.
[0002] Ein wesentliches Qualitätsmerkmal eines Stahles ist der Reinheitsgrad. Er wird maßgeblich
beeinflußt durch den im Stahl gelösten Sauerstoff, der gleich/kleiner 20 ppm betragen
soll, um eine Oxidation mit Mangan und Silizium zu unterbinden. Um diesbezüglich auf
der sicheren Seite zu liegen, hat sich das Verfahren einer sogenannten Vollberuhigung
durch Zugabe von Aluminium durchgesetzt. Da Aluminium eine hohe Affinität zum Sauerstoff
hat, wird durch eine solche Zugabe der noch gelöste Sauerstoff abgebunden und es bildet
sich Al
2O
3 teilweise vermischt mit MgO. Die Tonerdeteilchen sind von Natur aus klein, haben
aber einen hohen Schmelzpunkt, so daß sie beim Stranggießen, insbesondere in den Turbulenzgebieten,
zusammenbacken können. Dies wird im englischen Sprachgebrauch als

clogging" bezeichnet. Durch diesen

clogging"-Effekt wächst der Tauchausguß zu, so daß die Durchflußrate sich ständig
ändert und die Gefahr besteht, daß größere Teilchen mitgerissen werden, was zu einer
entsprechenden Verunreinigung des Stahles führt.
[0003] Eine der bekannten Abhilfemaßnahmen ist die Kalziumbehandlung des Stahles, die durch
Bildung flüssiger Aluminate das nachteilige

clogging" vermeidet. Eine weitere Abhilfemaßnahme ist die Zuführung von Argon am Stopfen
bzw. Schieber der Verteilerrinne. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Tauchausguß
mit einem im Einlaufbereich mündenden Kanal zu versehen, oder im Lochstein einen Spülstein
anzuordnen, um auf diese Weise Argon an die kritische Stelle zu leiten. Alle genannten
Maßnahmen erschweren das Zusammenbacken der Tonerdeteilchen. Nachteilig bei dieser
Behandlung ist der mögliche Einschluß von Argonblasen, die beim Walzen nicht verschweißen.
Meistens sind die Argonblasen mit Tonerdeteilchen vermischt, so daß dies häufig zu
Oberflächenfehlern an den Endprodukten führt.
[0004] Aus der DE 195 20 833 C2 ist es bekannt, für übereutektoide Stähle auf eine Desoxidation
durch Zugabe von Aluminium zu verzichten und eine kombinierte Desoxidation ausschließlich
mit Kohlenstoff, Silizium und Mangan während einer Vakuumbehandlung durchzuführen.
Der hohe Kohlenstoffgehalt in Verbindung mit der Druckabsenkung führt in diesem Fall
problemlos zu Sauerstoffgehalten kleiner/gleich 10 ppm.
[0005] Die Desoxidation über Silizium allein führt nicht zum Ziel, da die Einstellung eines
Sauerstoffgehaltes im Stahl unter einen Wert von 40 ppm nicht möglich ist. Bei so
hohen Gehalten reagiert aber der Sauerstoff mit Mangan und Silizium, was zu einem
schlechten oxidischen Reinheitsgrad führt.
[0006] Aus der DE 25 27 156 A1 ist ein Verfahren zur Herstellung einer Stahlschmelze für
das Stranggießverfahren bekannt, bei dem eine aus einem Schmelzaggregat unter Zurückhalten
der FeO-haltigen Frischschlacke in eine Gießpfanne abgestochene schwefelhaltige Ausgangsschmelze
durch Zusatz von Silizium und / oder Aluminium desoxidiert, mit Legierungselementen
versetzt und ggf. einer Vakuumbehandlung unterzogen wird. Bei dem im Stranggießverfahren
hergestellten Material treten typische Fehler wie Seigerungsrisse, Kernseigerungen
und Anhäufungen von nichtmetallischen Einschlüssen auf. Zu den seigernden Elementen
gehören im flüssigen Stahl gelöst verbliebener Sauerstoff und Schwefel. Eine Vermeidung
der zuvor genannten Fehler läßt sich erreichen, wenn der im Strang zu vergießende
Stahl praktisch keinen gelösten Sauerstoff und keinen Schwefel enthält. Die Schwefelabsenkung
läßt sich über Zugabe von Calcium und die Sauerstoffabsenkung über Silizium und insbesondere
Aluminium erreichen. Dabei ergeben sich Nachteile, wie höhere erforderliche Gießtemperatur,
schlechter oxidischer Reinheitsgrad und Zusetzen der Tauchausgüsse. Zur Lösung des
geschilderten Problems wird vorgeschlagen, die desoxidierte Schmelze mit Calcium-Behandlungsmitteln
nachzubehandeln, wobei die Menge an Calcium-Trägern größer ist als für die Entschwefelung
und / oder die Einstellung der Zähigkeit erforderlich ist. Die Zugabe erfolgt in einer
mit einem Deckel versehenen Gießpfanne mit kieselsäurefreier, vorzugsweise aus Dolomit
bestehender Zustellung mit pulverförmigem Kalk, dem 10-30 % kieselsäurefreie und nicht
sauerstoffabgebende Flußmittel, z. B. Flußspat und / oder Tonerde beigemischt sind,
und der in die Stahlschmelze feinkörnig bei einer Tiefe von mindestens 2000 mm und
ca. 300 mm oberhalb des Pfannenbodens mit einem neutralen Trägergas eingeblasen wird.
[0007] Aufgabe der Erfindung ist es, ein Verfahren zur Erzeugung von Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt
gleich/kleiner 0,9 Gewichtsprozent und einem Si-Gehalt von 0,15 - 1,0 Gewichtsprozent
anzugeben, bei dem trotz einer Desoxidation nur mit Silizium, Kohlenstoff und Mangan
unter Verzicht auf eine Al-Zugabe der Reinheitsgrad den Anforderungen entspricht und
das Stranggießen auch ohne Sondermaßnahmen frei von

clogging" durchgeführt werden kann.
[0008] Diese Aufgabe wird ausgehend vom Oberbegriff in Verbindung mit den kennzeichnenden
Merkmalen des Anspruches 1 gelöst. Vorteilhafte Weiterbildungen sind Bestandteil von
Unteransprüchen.
[0009] Nach der Lehre des Patentes wird beim Abstich und / oder während der pfannenmetallurgischen
Behandlung ein Kieselsäure-abbindendes Mittel als Schlackenbildner zugegeben. Dieser
Verfahrensweise liegt die Überlegung zugrunde, daß die Aktivität der während der Desoxidation
gebildeten Kieselsäure erniedrigt werden muß, um gemäß der Reaktion
[Si]+2[O]=(SiO
2)

mit Hilfe üblicher Si-Gehalte den Sauerstoffgehalt auf gleich/kleiner 20 ppm absenken
zu können. Die Untersuchungen haben aber ergeben, daß diese Bedingung allein nicht
ausreicht. Damit die angegebene Desoxidationsreaktion zügig abläuft, muß eine intensive
Spülbehandlung durchgeführt werden. Hierbei kommt es zur Emulsionsbildung der dünnflüssigen
Gießpfannenschlacke mit dem Stahlbad, und die Desoxidationsreaktion kann innerhalb
weniger Minuten in der gewünschten Weise ablaufen. Eine Möglichkeit dazu ergibt sich
durch intensives Bodenspülen im Rahmen einer Vakuumbehandlung, üblicherweise in einer
Standentgasungsanlage (VD-Verfahren). Vorzugsweise soll ein Vakuum kleiner 100 Millibar
eingestellt werden und die Bodenspülung mit einem Gasdurchfluß von mindestens 4 Liter
pro Minute und Tonne Stahl erfolgen.
[0010] Für die Mehrzahl der Stahlgüten ist eine Entgasung nicht erforderlich und die sekundärmetallurgische
Behandlung erfolgt unter Normaldruck. In diesen Fällen ist eine intensive Lanzenspülung
mit mindestens 8 Liter pro Minute und Tonne Stahl notwendig, um die für eine Emulsionsbildung
erforderliche Badbewegung zu erreichen. Vorteilhafterweise wird die Lanzenspülung
mit einer Bodenspülung von mindestens 2 Liter Gasdurchfluß pro Minute und Tonne Stahl
kombiniert. Wie bereits weiter oben dargelegt, beruht das erfindungsgemäße Verfahren
auf einer möglichst weitgehenden Verminderung der Kieselsäurenaktivität in der Gießpfannenschlacke.
Für die dolomitisch oder magnesitisch zugestellte Stahlgießpfanne ergeben sich daher
folgende Konzentrationsverhältnisse der drei Hauptbestandteile Calciumoxid, Kieselsäure
und Magnesiumoxid:
CaO/MgO = 9,0 bis 2,5 vorzugsweise 4,5
(CaO+MgO)/SiO2 = 3,5 bis 1,5 vorzugsweise 2,4
[0011] Die Zugabe eines neutralen Flußmittels wie z. B. Flußspat bis zu 10 Gewichtsprozent
wirkt sich vorteilhaft aus.
[0012] Der Tonerdegehalt der Schlacke muß kleiner / gleich 10%, vorzugsweise ≤ 5% betragen,
da mit zunehmendem Al
2O
3-Gehalt ein reduktionsbedingter Anstieg des Al-Gehaltes im Stahl verbunden ist, der
wiederum zu den eingangs erwähnten Gießproblemen führt.
[0013] Der Vorteil des vorgeschlagenen Verfahrens ist darin zu sehen, daß für alle Stahlgüten
mit Kohlenstoffgehalten gleich/kleiner 0,9 Gewichtsprozent und Si-Gehalten zwischen
0,15 und 1,0 Gewichtsprozent, die nicht zwangsläufig mit Aluminium behandelt werden
müssen, auf eine Zugabe von Aluminium zur Desoxidation verzichtet werden kann. Wie
in den nachfolgenden Beispielen gezeigt wird, macht die vorgeschlagene pfannenmetallurgische
Behandlung diesen Verfahrensweg möglich. Die starke Verringerung der Anzahl der im
Stahl vorhandenen Tonerdeteilchen verbessert in starkem Maße das Gießverhalten beim
Strangguß, so daß der

clogging"-Effekt vermieden wird. Außerdem wird Gießleistung vergleichmäßigt und der
Reinheitsgrad ist verbessert. Darüber hinaus werden die Desoxidationskosten durch
die Einsparung des gegenüber Silizium wesentlich teureren Aluminium beträchtlich gesenkt.
Beispiel 1
[0014]
- Stahlgüte:
- St35 (beispielsweise als Vormaterial für nahtlose Rohre) Al-frei
- Abstichgewicht:
- 260 t (LD-Konverter)
Abstichanalyse (Gew.-%):
[0015]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,03 |
- |
0,15 |
0,018 |
0,030 |
- |
0,0020 |
0,09 |
Zugaben in die Gießpfanne beim schlackenfreien Abstich:
[0016]
- 1250 kg
- FeSi 75%ig
- 1560 kg
- FeMn 75%ig
- 125 kg
- Kohle
- 750 kg
- Kalk
- 750 kg
- Dolomit
1. Pfannenanalyse (Gew.-%):
[0017]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,11 |
0,29 |
0,57 |
0,019 |
0,028 |
0,0005 |
0,0035 |
0,0060 |
Pfannenbehandlung:
[0018]
12 Min. Lanzenspülung mit 2500 l/Min Argon
gleichzeitig Bodenspülung mit 600 l/Min Argon
2. Pfannenanalyse (Gew.-%):
[0019]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,11 |
0,26 |
0,58 |
0,019 |
0,006 |
0,002 |
0,0065 |
0,0012 |
Pfannenschlackenanalyse (Gew.-%):
[0020]
| CaO |
SiO2 |
Al2O3 |
MgO |
| 54 |
23 |
7 |
14 |
[0021] Abguß der Schmelze in eine Stranggießanlage, beispielsweise Rundstrangguß
Beispiel 2
[0022]
- Stahlgüte:
- Großrohrstahl, Al-frei
- Abstichgewicht:
- 250 t (LD-Konverter)
Abstichanalyse (Gew.-%):
[0023]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,025 |
- |
0,13 |
0,010 |
0,004 |
- |
0,0022 |
0,0950 |
Zugaben in die Gießpfanne beim schlackenfreien Abstich:
[0024]
- 1230 kg
- FeSi 75%ig
- 4600 kg
- FeMn affiné 80%ig
- 1000 kg
- Kalk
- 670 kg
- Dolomit
- 300 kg
- Flußspat
1. Pfannenanalyse (Gew.-%):
[0025]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,042 |
0,28 |
1,58 |
0,012 |
0,004 |
0,0005 |
0,0040 |
0,0065 |
VD-Behandlung:
[0026]
Vakuumpumpen einschalten, Bodenspülen Gießpfanne mit 2800 l/Min Argon.
Gefäßdruck nach 5 Min. auf 3 Millibar absenken. Nach 15 Min. Ende der Behandlung,
Fluten des Gefäßes, Abstellen der Bodenspülung
2. Pfannenanalyse (Gew.-%):
[0027]
| C |
Si |
Mn |
P |
S |
Al |
N |
O |
| 0,0044 |
0,25 |
1,59 |
0,012 |
0,001 |
0,002 |
0,0035 |
0,0007 |
Pfannenschlackenanalyse (Gew.-%):
[0028]
| CaO |
SiO2 |
Al2O3 |
MgO |
| 63 |
22 |
9 |
4 |
[0029] Abguß der Schmelze auf einer Brammenstranggießanlage
[0030] Der in beiden Beispielen in der 2. Pfannenanalyse vor dem Abstich angegebene Al-Gehalt
ist keine Legierungszugabe, sondern ergibt sich durch Verunreinigung der Zugaben.
Dieser niedrige Al-Gehalt ist aber unschädlich in bezug auf den nicht erwünschten

clogging"-Effekt.
1. Verfahren zur Erzeugung von Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt gleich / kleiner 0,9
Gewichtsprozent und einem Si-Gehalt von 0,15- 1,0 Gewichtsprozent mit den Arbeitsschritten
- Verblasen von Roheisen zu Stahl im basischen Konverter im einstufigen LD-Prozeß
- schlackenfreies Abstechen in die Gießpfanne
- Legieren und Desoxidation nur mit Si, C und Mn ohne Zugabe von Al
- Feinlegieren
- Silizium-Desoxidation
- Abgießen des Stahles als Strangguß
dadurch gekennzeichnet,
daß beim Abstich in die Gießpfanne und / oder bei der Pfannenbehandlung bei intensiver
Badspülung Kalk und / oder MgO und / oder Dolomit und / oder Flußspat als Schlackenbildner
zugegeben wird, wobei die drei Hauptbestandteile Kalziumoxid, Magnesiumoxid und Kieselsäure
in der Gießpfannenschlacke folgende Gewichtsverhältnisse aufweisen:
CaO / MgO = 9,0 bis 2,4
(CaO+MgO) / SiO2 = 3,5 bis 1,5
2. Verfahren nach Anspruch 1,
dadurch gekennzeichnet,
daß der Tonerdegehalt der Gießpfannenschlacke ≤ 10% ist.
3. Verfahren nach Anspruch 2,
dadurch gekennzeichnet,
daß der Tonerdegehalt der Gießpfannenschlacke ≤ 5% ist.
4. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 - 3,
dadurch gekennzeichnet,
daß der Stahl vor dem Abgießen in die Stranggußkokille in einer Entgasungsanlage entgast
wird mit gleichzeitiger Bodenspülung.
5. Verfahren nach Anspruch 4,
dadurch gekennzeichnet,
daß ein Vakuum kleiner 100 Millibar eingestellt wird und die Bodenspülung mit einer
Spülleistung von mindestens 4 Liter pro Minute und Tonne Stahl erfolgt.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 - 3,
dadurch gekennzeichnet,
daß die Pfannenbehandlung unter Normaldruck erfolgt mit einer Lanzenspülleistung von
mindestens 8 Liter pro Minute und Tonne Stahl.
7. Verfahren nach Anspruch 6,
dadurch gekennzeichnet,
daß die Lanzenspülung kombiniert wird mit einer Bodenspülung mit einer Leistung von
mindestens 2 Liter pro Minute und Tonne Stahl.