[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Gewinnung von Sauerstoff unter überatmosphärischem
Druck durch Tieftemperatur-Luftzerlegung in einem Rektifiziersystem, das mindestens
eine Drucksäule und eine Niederdrucksäule aufweist, wobei Einsatzluft auf einen ersten
Druck verdichtet wird, der etwa gleich dem Betriebsdruck der Drucksäule ist, mindestens
ein erster Teilstrom der Einsatzluft unter dem ersten Druck in einem Hauptwärmetauscher
abgekühlt und in die Drucksäule eingeleitet wird, wobei der Niederdrucksäule ein Sauerstoffstrom
entnommen, auf einen Abgabedruck, der höher als der Betriebsdruck der Niederdrucksäule
ist, gebracht, im Hauptwärmetauscher angewärmt und als Produkt abgeführt wird, und
wobei ein Prozeßstrom arbeitsleistend entspannt und in die Niederdrucksäule eingespeist
wird und mindestens ein Teil der bei der arbeitsleistenden Entspannung erzeugten mechanischen
Energie zum Antrieb eines Kaltverdichters verwendet wird.
[0002] Ein derartiges Verfahren und eine entsprechende Vorrichtung sind aus DE 2544340 A
bekannt. Hier wird die Tatsache ausgenutzt, daß die Kälteleistung einer Entspannungsturbine
in vielen Fällen höher als der Kältebedarf der Anlage ist. Die überschüssige Energie
wird zum Antrieb eines Kaltverdichters genutzt, der den Produktsauerstoff aus der
Niederdrucksäule in gasförmigem Zustand verdichtet, bevor er im Hauptwärmetauscher
angewärmt wird.
[0003] Der Erfindung liegt die Aufgabe zugrunde, ein derartiges Verfahren energetisch günstiger
zu gestalten.
[0004] Diese Aufgabe wird dadurch gelöst, daß der Sauerstoffstrom aus der Niederdrucksäule
in flüssigem Zustand auf den Abgabedruck gebracht und durch indirekten Wärmeaustausch
mit einem zweiten Teilstrom der auf den ersten Druck verdichteten Einsatzluft verdampft
wird, wobei der zweite Teilstrom stromaufwärts des indirekten Wärmeaustauschs mittels
des Kaltverdichters auf einen zweiten Druck gebracht wird.
[0005] Bei der Erfindung wird also nicht der Sauerstoffproduktstrom selbst mittels des von
der Entspannungsmaschine angetriebenen Kaltverdichters auf einen erhöhten Druck gebracht,
sondern ein Teilluftstrom, der zur Verdampfung des flüssig abgezogenen Sauerstoffstroms
unter einem erhöhten Druck dient. Trotz dieser indirekten Übertragung der Energie
auf den Sauerstoffproduktstrom hat sich im Rahmen der Erfindung herausgestellt, daß
sich auf diese Weise ein größerer Effekt erzielen läßt, das heißt der Abgabedruck
des Sauerstoffs wird bei gleichem Kälteverlust am Kaltverdichter höher als bei dem
vorbekannten Verfahren.
[0006] Der erste Druck, auf den der erste und der zweite Teilstrom der Luft gemeinsam verdichtet
werden, liegt geringfügig über dem Betriebsdruck der Drucksäule. Die Druckdifferenz
ist vorzugsweise so bemessen, daß der erste Teilstrom der Luft den Strömungswiderstand
zwischen dem Luftverdichter und der Drucksäule ohne druckverändemde Maßnahmen überwinden
kann, und beträgt beispielsweise 0,1 bis 0,5 bar.
[0007] Die Betriebsdrücke am Kopf der Rektifiziersäulen betragen beispielsweise 2,5 bis
10 bar, vorzugsweise 4 bis 7 bar in der Drucksäule und 1,05 bis 4 bar, vorzugsweise
1,1 bis 1,5 bar in der Niederdrucksäule.
[0008] Vorzugsweise wird bei dem Verfahren ein Luftverdichter als einzige extern angetriebene
Maschine eingesetzt. Dieser bringt die Gesamtluft auf den ersten Druck, der gleichzeitig
den Eintrittsdruck von Entspannungsmaschine und Kaltverdichter darstellt. Auf diese
Weise kann das Sauerstoffprodukt unter einem Abgabedruck gewonnen werden, der beispielsweise
0,5 bis 4 bar, vorzugsweise 1 bis 3 bar über dem Betriebsdruck der Niederdrucksäule
liegt, ohne daß damit ein zusätzlicher Energieverbrauch gegenüber der Gewinnung des
Sauerstoffprodukts unter Niederdrucksäulendruck verbunden ist.
[0009] Der kaltverdichtete Teilluftstrom wird bei dem indirekten Wärmeaustausch mit dem
verdampfenden Sauerstoff mindestens teilweise, vorzugsweise vollständig oder im wesentlichen
vollständig kondensiert. Das Kondensat wird anschließend entspannt und der Drucksäule
und/oder der Niederdrucksäule zugeleitet.
[0010] Das erfindungsgemäße Verfahren ist insbesondere zur Gewinnung von unreinem Sauerstoff
mit einer Reinheit von 80 bis 99,5 mol%, vorzugsweise 90 bis 95 mol% unter überatmosphärischem
Druck geeignet.
[0011] Bei dem Verfahren kann der arbeitsleistenden Entspannung beispielsweise Stickstoff
vom Kopf der Drucksäule oder jede andere Fraktion aus der Drucksäule zugeführt werden.
Vorzugsweise wird der Prozeßstrom, der der arbeitsleistenden Entspannung unterworfen
wird, jedoch durch einen dritten Teilstrom der auf den ersten Druck verdichteten Einsatzluft
gebildet.
[0012] Grundsätzlich ist es möglich, den indirekten Wärmeaustausch, bei dem der Produktsauerstoff
gegen den kondensierenden zweiten Teilstrom der Luft verdampft, im Hauptwärmetauscher
durchzuführen. Vorzugsweise ist dazu jedoch ein vom Hauptwärmetauscher getrennter
Nebenkondensator vorgesehen, der als Umlaufverdampfer ausgebildet ist; alternativ
dazu ist es im Prinzip auch möglich, einen Gegenstrom-Wärmetauscher oder einen Fallfilmverdampfer
als Nebenkondensator einzusetzen.
[0013] Günstig ist es außerdem, wenn ein Teil der bei der arbeitsleistenden Entspannung
erzeugten mechanischen Energie an eine Bremseinrichtung abgegeben wird. Die Bremseinrichtung
kann beispielsweise durch ein Bremsgebläse und/oder einen Bremsgenerator gebildet
sein und befindet sich außerhalb der Coldbox, die zur Isolierung der kalten Teile
des Apparats dient. Dadurch kann Energie an die Umgebung abgegeben und damit die für
das Verfahren notwendige Kälte gewonnen werden, ohne daß eine weitere Entspannungsmaschine
eingesetzt wird. Vorzugsweise sind Entspannungsmaschine, Kaltverdichter und Bremseinrichtung
unmittelbar mechanisch gekoppelt, beispielsweise über eine gemeinsame Welle.
[0014] Die Erfindung betrifft außerdem eine Vorrichtung gemäß Patentanspruch 5.
[0015] Die Erfindung sowie weitere Einzelheiten der Erfindung werden im folgenden anhand
eines in der Zeichnung schematisch dargestellten Ausführungsbeispiels näher erläutert.
[0016] Atmosphärische Luft 1 wird nach Durchströmen eines Filters 2 in einem Luftverdichter
3 auf einen ersten Druck verdichtet, der etwa gleich dem Betriebsdruck der Drucksäule
13 ist. (Zu Überwindung der Leitungsverluste muß der erste Druck etwas über dem Drucksäulendruck
liegen beispielsweise von weniger als 1 bar, vorzugsweise 0,5 bar oder weniger.) Nach
Entfernung der Kompressionswärme im Nachkühler 4 strömt die auf den ersten Druck verdichtete
Luft 5 zu einer Reinigungseinrichtung 6, die durch ein Paar von umschaltbaren Molelukarsiebadsorbern
gebildet wird. Die auf den ersten Druck verdichtete Luft fließt nach der Reinigung
6 über Leitung 7 zum Hauptwärmetauscher 8 und wird dort zu einem Teil auf etwa Taupunkt
abgekühlt. Die kalte Luft 9 wird bei 10 in einen ersten Teilstrom 11 und einen zweiten
Teilstrom 12 aufgeteilt. Der erste Teilstrom 11 wird direkt in die Drucksäule 13 des
Rektifiziersystems eingespeist, und zwar unmittelbar oberhalb des Sumpfs. Das Rektifiziersystem
weist außerdem eine Niederdrucksäule 14 auf, die über einen gemeinsamen Kondensator-Verdampfer,
den Hauptkondensator 15 in Wärmeaustauschbeziehung mit der Drucksäule 13 steht.
[0017] Der zweite Teilstrom 12 wird in einem Kaltverdichter 16 auf einen zweiten, höheren
Druck gebracht, über Leitung 17 zu einem Nebenkondensator 18, der als Umlaufverdampfer
ausgebiildet ist (nicht dargestellt), geführt, und dort wesentlichen vollständig verflüssigt.
Die verflüssigte Luft 19 wird über ein Ventil 20 in die Drucksäule 13 eingedrosselt,
entweder am Sumpf (siehe Zeichnung) oder an einer Zwischenstelle, die einige theoretische
beziehungsweise praktische Böden oberhalb der Zuspeisung des ersten Teilstroms 11
liegt.
[0018] Ein weiterer Anteil der auf den ersten Druck verdichteten und anschließend gereinigten
Luft 7 wird bei einer Zwischentemperatur aus dem Hauptwärmetauscher 8 herausgeführt
und bildet den dritten Teilstrom 21. Dieser wird in einer Entspannungsturbine 22 arbeitsleistend
auf etwa Niederdrucksäulendruck entspannt und über Leitung 23 direkt zur Niederdrucksäule
14 geführt. Die Entspannungsturbine 22 ist über eine gemeinsame Welle mit dem Kaltverdichter
16 und einem nicht dargestellten Bremsgenerator gekoppelt.
[0019] Flüssiger Rohsauerstoff 24 vom Sumpf der Drucksäule 13 und flüssiger Stickstoff 25
aus dem Hauptkondensator 15 werden im Unterkühlungs-Gegenströmer 26 abgekühlt und
über die Ventile 27 beziehungsweise 28 auf die Niederdrucksäule 14 aufgegeben.
[0020] Am Kopf der Niederdrucksäule 14 wird stickstoffreiches Restgas 29 abgezogen und nach
Anwärmung im Unterkühlungs-Gegenströmer 26 und im Hauptwärmetauscher 8 über Leitung
30 abgeführt. Es kann auch als Regeneriergas in der Reinigungseinrichtung 6 eingesetzt
werden (nicht dargestellt).
[0021] Als Sumpfprodukt der Niederdrucksäule 14 fällt flüssiger Sauerstoff mit der erforderlichen
Reinheit an. Ein Teil wird über Leitung 31 flüssig abgezogen, mittels einer Pumpe
32 auf den erforderlichen Abgabedruck gebracht und unter diesem Druck im Nebenkondensator
18 verdampft. Das gasförmige Drucksauerstoffprodukt strömt über Leitung 33 zum Hauptwärmetauscher
und wird über Leitung 34 unter etwa Umgebungstemperatur abgegeben.
1. Verfahren zur Gewinnung von Sauerstoff unter überatmosphärischem Druck durch Tieftemperatur-Luftzerlegung
in einem Rektifiziersystem, das mindestens eine Drucksäule (13) und eine Niederdrucksäule
(14) aufweist, wobei Einsatzluft (1) auf einen ersten Druck verdichtet (3) wird, der
etwa gleich dem Betriebsdruck der Drucksäule (13) ist, mindestens ein erster Teilstrom
(11) der Einsatzluft (7) unter dem ersten Druck in einem Hauptwärmetauscher (8) abgekühlt
und in die Drucksäule (13) eingeleitet wird, wobei der Niederdrucksäule (14) ein Sauerstoffstrom
(31) entnommen, auf einen Abgabedruck, der höher als der Betriebsdruck der Niederdrucksäule
(14) ist, gebracht (32), im Hauptwärmetauscher (8) angewärmt und als Produkt (34)
abgeführt wird, und wobei ein Prozeßstrom (21) arbeitsleistend entspannt (22) und
in die Niederdrucksäule (14) eingespeist (23) wird und mindestens ein Teil der bei
der arbeitsleistenden Entspannung (22) erzeugten mechanischen Energie zum Antrieb
eines Kaltverdichters (16) verwendet wird, dadurch gekennzeichnet, daß der Sauerstoffstrom (31) aus der Niederdrucksäule (14) im flüssigen Zustand auf
den Abgabedruck gebracht (32) und durch indirekten Wärmeaustausch (18) mit einem zweiten
Teilstrom (12, 17) der auf den ersten Druck verdichteten Einsatzluft (7) verdampft
wird, wobei der zweite Teilstrom (12) stromaufwärts des indirekten Wärmeaustauschs
(18) mittels des Kaltverdichters (16) auf einen zweiten Druck gebracht wird.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß der Prozeßstrom, der der arbeitsleistenden Entspannung (22) unterworfen wird,
durch einen dritten Teilstrom (21) der auf den ersten Druck verdichteten Einsatzluft
(7) gebildet wird.
3. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, daß der indirekte Wärmeaustausch in einem vom Hauptwärmetauscher (8) getrennten Nebenkondensator
(18) durchgeführt wird.
4. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, daß ein Teil der bei der arbeitsleistenden Entspannung (22) erzeugten mechanischen
Energie an eine Bremseinrichtung abgegeben wird.
5. Vorrichtung zur Gewinnung von Sauerstoff unter überatmosphärischem Druck durch Tieftemperatur-Luftzerlegung,
mit einem Rektifiziersystem, das mindestens eine Drucksäule (13) und eine Niederdrucksäule
(14) aufweist, mit einem Luftverdichter (3) zur Verdichtung von Einsatzluft (1) auf
einen ersten Druck, der etwa gleich dem Betriebsdruck der Drucksäule (13) ist, mit
einer ersten Teilluftleitung (5, 7, 9, 11), die mit dem Luftverdichter (3) und der
Drucksäule (13) verbunden ist und durch einen Hauptwärmetauscher (8) führt, mit einer
Sauerstoffproduktleitung (31, 33, 34), die mit der Niederdrucksäule (14) verbunden
ist und ein Mittel (32) zur Druckerhöhung aufweist, und mit einer Entspannungsmaschine
(22), die mit einem Kaltverdichter (16) gekoppelt ist, dadurch gekennzeichnet, daß die Sauerstoffproduktleitung (31, 33, 34) zwischen der Niederdrucksäule (14)
und dem Mittel (32) zur Druckerhöhung als Flüssigkeitsleitung ausgebildet ist, die
mit dem Verdampfungsraum eines Kondensator-Verdampfers (18) verbunden ist, und daß
die Vorrichtung eine zweite Teilluftleitung (5, 7, 9, 12, 17) aufweist, die vom Luftverdichter
(3) über den Kaltverdichter (16) in den Verflüssigungsraum des Kondensator-Verdampfers
(18) führt.