Technisches Gebiet
[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Herstellung eines funktionalen hochenergetischen
Materials mit schichtartig strukturiertem Korn enthaltend einen energiereichen Weichmacher
und einen polymeren Phlegmatisator. Ferner bezieht sich die Erfindung auf ein solches
Material.
Stand der Technik
[0002] Die Erkenntnisse, welche anlässlich der in neuerer Zeit ausgetragenen internationalen
militärischen Konflikte gewonnen wurden, deckten die Notwendigkeit einer Neuorientierung
auf, welcher insbesondere im Bereich mobiler Waffensysteme im Mittelkaliberbereich
(Kalibergrösse zwischen 12-50 mm) eine besondere Bedeutung beikommt. Hierbei sind
Leistungssteigerungen, welche mittels waffenseitigen Neuentwicklungen erkauft werden
müssen, sehr teuer, da materialtechnisch massive Verbesserungen notwendig sind um
den resultierenden höheren Spitzengasdrücken erfolgreich zu widerstehen.
[0003] Aus Kostengründen besteht daher in der Wehrtechnik ein grosses Interesse, die gewünschten
Leistungssteigerungen in bereits eingeführten, bestehenden Waffenplattformen zu bewerkstelligen.
Ein innovatives Konzept hierzu basiert auf einer Familie neuartiger unterkalibriger
Munition (Frangible, Pfeil). Diese erbringt ihre gewünschte Zieleinwirkung rein durch
Umsetzung kinetischer Energie, d.h. ohne zusätzliche Explosivstoffe. Trotzdem lässt
sich diese neuartige Munition aus gängigen Waffen abfeuern. Da dieser neuartigen Munition
zur Erreichung der gewünschten Zielwirkung lediglich die kinetische Geschossenergie
zur Verfügung steht, ist die Mündungsgeschwindigkeit, d.h. diejenige Geschwindigkeit,
mit welcher die Munitionskomponente den Waffenlauf verlässt, resp. mit welcher kinetischen
Energie das Projektil auf das Ziel auftrifft, hierbei von grösster Bedeutung. Je höher
die Mündungsgeschwindigkeit ist, umso wirkungsvoller ist der zielwirksame Effekt,
da insbesondere bei solchen kinetischen Geschossen der Geschwindigkeitsverlust (kleiner
Cw-Wert) sehr gering ist. Eine Verkürzung der Flugzeit und eine Flugbahnstabilisierung
sind weitere wichtige positive Aspekte resultierend aus einer hohen Mündungsgeschwindigkeit,
was zudem eine kleinere Windempfindlichkeit und eine Erhöhung der Ersttrefferwahrscheinlichkeit
bewirkt.
[0004] Um die von der oben beschriebenen, neuartigen unterkalibrigen Hochleistungsmunition
benötigten Mündungsgeschwindigkeiten zu erzielen, sind in der Wehrtechnik neuartige
Treibladungspulver (TLP) verlangt, welche gegenüber auf Nitrocellulose basierenden
einbasigen Treibladungspulvern eine höhere kinetische Energie auf die Munitionskomponente
übertragen können. Das Problem bei der Bereitstellung dieser geforderten neuen Hochleistungs-TLP
besteht nun darin, unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden, d.h. auf dem geforderten
erhöhten Leistungsniveau trotzdem die volle erweiterte Systemverträglichkeit bezüglich
Rohr (Erosion, Korrosion), Waffe (Spitzengasdrücke, Kadenz) und Umwelt (Vermeidung
umweltproblematischer Rezepturkomponenten) zu gewährleisten. Auch sollte die ballistische
Stabilität, d.h. die Zeitdauer, innerhalb welcher die mit dem Treibladungspulver gefüllte
Munition sicher und anforderungskonform verschossen werden kann, gegenüber den konventionellen
Treibladungspulvern nicht reduziert werden. Schliesslich ist es wünschenswert, dass
die geforderten Hochleistungs-TLP kostengünstig herstellbar sind, d.h. von leicht
zugänglichen, kostengünstigen Startmaterialien ausgehen und insbesondere keine aufwendigen
Verarbeitungsprozesse (wie z.B. Walzprozesse bei mehrbasigen TLP ) benötigen.
[0005] Mit Pulvern, welche grössere Anteile an kristallinen Sprengstoffen wie Hexogen, Octogen
oder CL-20 enthalten (Nitraminpulver), können zwar hohe Mündungsgeschwindigkeiten
erzielt werden, doch wird dabei die Rohrlebensdauer auf eine unakzeptabel niedrige
Schusszahl reduziert. Der Grund dieses unerwünschten Verhaltens liegt darin, dass
die Flammtemperatur der Verbrennungsgase im Waffenlauf infolge des hohen Energieinhaltes
dieser Pulver sehr hoch ist sowie der hohe Gehalt an Wasserstoff in den resultierenden
Verbrennungsgasen.
[0006] Ein weiterer Ansatz zur Erhöhung des Energieinhalts besteht in der Beifügung eines
geeigneten hochenergetischen Sprengöls zur Kornmatrix. In diesem Zusammenhang sind
zunächst die sogenannten Kugelpulver zu nennen. Die maximale Grösse der sphärischen
Pulverteilchen ist jedoch limitiert. Daher sind diese Pulver jedoch inhärent sehr
brisant und haben vor allem im Kleinkaliberbereich eine technische Bedeutung erlangt.
Ausserdem weisen diese Pulver gegenüber einbasigen TLP zumeist eine stark eingeschränkte
ballistische und chemische Stabilität auf.
[0007] Aus der US 4.963.296 sind sogenannte zweibasige TLP bekannt. Sie stellen einen zweiten
Pulvertyp dar, welcher ein in der Kornmatrix eingearbeitetes Sprengöl enthält. Infolge
des aufwendigen Herstellungsverfahrens sind diese Pulver jedoch sehr kostspielig.
Ausserdem bewirkt dieser Pulvertyp für Mittelkaliber-Applikationen eine starke Rohrerosion
und hat daher in diesem Gebiet praktisch keine technische Bedeutung erlangt.
[0008] In der Publikation von B. Vogelsanger, K. Ryf, Int. Annu. Conf. ICT (1998), 29th(Energetic
Materials), 38.1-38.14 sind neuartige funktionale hochenergetische Materialien beschrieben,
welche Dank einem funktionalen, schichtartigen Aufbau in der Kornmatrix die oben beschriebenen
Nachteile nicht aufweisen. Basierend auf diesen neuartigen funktionalen Materialien
ist es gelungen, eine neue Generation von Höchstleistungs-TLP (Schüttpulver) bereitzustellen,
welche u.a. erfolgreich als Antriebskomponenten für unterkalibrige Hochleistungsmunition
eingesetzt werden können und hierbei die Erzielung der von der Technik geforderten
hohe Mündungsgeschwindigkeit erlauben. Die vorteilhaften Eigenschaften dieser neuen
TLP-Generation wird durch einen gezielten, schichtweisen Aufbau des zylinderförmigen
Pulverkorns erreicht. Dabei befindet sich der oder die energetischen Weichmacher bzw.
Sprengöle und ein polymerer Phlegmatisator in den gewünschten äusseren 100-500 Mikrometer
des Pulverkorns. Zusätzlich befindet sich ein Anteil des Sprengöls auch in den Lochzonen
des TLP. Dank diesem gezielt einstellbaren, schichtweisen Aufbau waren nun erstmals
TLP zugänglich, welche ein spezielles, gezielt steuerbares Abbrandverhalten aufweisen,
welches mehrere positive Eigenschaften einbringt: So können unakzeptabel hohe Spitzengasdrücke
vermieden werden, da durch den schichtartigen Aufbau der Aussen- und Innenzonen des
Pulverkorns das Abbrandverhalten vorteilhaft beeinflusst wird. Als Resultat dieser
Eigenschaft kann der Energieinhalt dieser funktionalen Materialien besser in kinetische
Mündungsenergie umgesetzt werden. Durch die Möglichkeit einer gezielten Anpassung
der Verteilungsprofile von Sprengöl und Phlegmatisator lassen sich TLP mit optimalem
Abbrandverhalten für unterschiedliche Kalibergrössen realisieren. Dadurch wird eine
maximale Flexibilität bezüglich Adaption für unterschiedliche Waffen- und Munitionstypen
ermöglicht. Als Folge weisen die Pulver eine hohe kinetische Mündungsenergie und einem
hohen thermischen Wirkungsgrad auf.
[0009] Zusätzlich bewirkt der schichtweise Aufbau der Aussenhaut und der Innenzonen der
neuartigen Pulver ein Abbrandverhalten, welches weitgehend unabhängig von der Temperatur
des Pulverkörpers ist. Dies bedeutet, dass innerhalb eines breiten Temperaturbereichs
ähnlich hohe Mündungsgeschwindigkeiten und Spitzengasdrücke resultieren. Dies hat
zur Folge, dass unabhängig von der Umgebungstemperatur, bei welcher die Munition verschossen
wird, eine ähnlich hohe Mündungsenergie zur Verfügung steht, d.h. das Treibladungspulver
verhält sich weitgehend temperaturunabhängig.
[0010] Schliesslich weisen die funktionalen Materialien sehr hohe Schüttdichten auf. Die
Schüttdichte ist ein Mass dafür, welches Gewicht an Treibladungspulver in einer bestimmten
Volumeneinheit untergebracht werden kann und wird typischerweise in der Einheit g
TLP/l angegeben. Diese positive Eigenschaft ist von grosser Bedeutung, da das Hülsenvolumen
einer gegebenen Munitionskomponente vorgegeben ist. Je mehr Pulvermenge sich in diesem
vorgegebenen Hülsenvolumen unterbringen lässt, umso höher ist das Potential, welches
sich in kinetische Energie umsetzen lässt. So kann z.B. bei vergleichbarem Spitzengasdruck
eine gegenüber konventionellen einbasigen TLP um bis zu 12% erhöhte Mündungsenergie
erreicht werden.
Darstellung der Erfindung
[0011] Aufgabe der Erfindung ist es, ein Verfahren der eingangs genannten Art anzugeben,
welches die präzise Einstellung der Schichtstruktur erlaubt.
[0012] Die Lösung ist durch die Merkmale des Anspruchs 1 definiert. Gemäss der Erfindung
werden der Weichmacher und/oder der Phlegmatisator in Form einer wässrigen Emulsion
in das aufnahmefähige (unimprägnierte) Korn, d.h. in das sogenannte Grünpulver eindiffundiert.
[0013] Die Erfindung basiert auf der überraschenden Erkenntnis, dass sich die Imprägnierung
zur Herstellung der funktionalen Materialien auch in einer wässrigen Emulsion durchführen
lässt, wobei ebenfalls TLP mit dem gewünschten schichtartigen Aufbau resultieren.
Die vorliegende Erfindung beinhaltet daher den Prozess der Imprägnierung eines unbehandelten
einbasigen Grünpulvers in wässriger Emulsion, sowie der anschliessenden Fertigstellung
zur Bereitstellung der funktionalen, schichtartig aufgebauten TLP.
[0014] Die Erfindung unterscheidet sich somit deutlich von den bekannten Verfahren, bei
welchen Imprägnierungen, mittels deren sich die schichtartige Verteilung des Sprengöls
und des Phlegmatisators gezielt einstellen lassen, typischerweise in sogenannten Poliertrommeln
durchgeführt werden. Bei diesen bekannten Verfahren wird einer Charge von unimprägniertem
Pulver (Grünpulver) eine flüssige Imprägniersubstanz (oder ggf. eine Lösung einer
festen Imprägniersubstanz, gelöst in einem geeigneten Lösungsmittel), zugesetzt, wobei
die Imprägniersubstanz unter Drehwirkung und bei erhöhter Temperatur in das Pulverkorn
eindiffundiert wird. Das Problem, das bei diesen bekannten Verfahren beim Eindiffundieren
von hochempfindlichen Sprengölen wie etwa Nitroglycerin infolge akuter Sicherheitsrisiken
entstehen würde und die Herstellung grösserer Mengen der funktionalen hochenergetischen
Materialien beträchtlich erschweren, wenn nicht sogar verunmöglichen würde, ist beim
erfindungsgemässen Verfahren vermieden.
[0015] Das Imprägnierungsverfahren kann in einem 2-Stufenprozess oder in einem 1-Stufenprozess
durchgeführt werden. Beim 2-Stufenprozess wird das Grünkorn zunächst in einer wässrigen
Emulsion mit dem Sprengöl behandelt. Nach Beendigung der Einwirkung wird die überschüssige
Emulsion abgepumpt. Die flüssigen Anteile im Reaktor können durch ein Sieb abgelassen
werden. Danach wird der (im Reaktor verbleibenden) Pulvermasse in einem weiteren Prozessschritt
einer wässrigen Emulsion enthaltend den polymeren Phlegmatisator ausgesetzt. Dieses
Vorgehen erlaubt eine gute Kontrolle der Prozessparameter.
[0016] Beim 1-Stufenprozess wird, analog dem 2-Stufenprozess, das Grünkorn zunächst mit
einer wässrigen Emulsion des Sprengöls behandelt. Nach Beendigung der Einwirkzeit
wird die verbleibende Emulsion aber nicht vom Pulver abgetrennt, sondern unter Zugabe
des polymeren Phlegmatisators weiterverwendet. Durch Variation der Zugabezeiten des
Sprengöls oder des polymeren Phlegmatisators sowie des Zeitpunktes können die Konzentrationsprofile
gezielt verändert werden. Der 1-Stufenprozess beinhaltet weniger Prozessschritte und
ist daher wirtschaftlicher.
[0017] Der eingesetzten wässrigen Emulsion können sowohl beim 1-Stufen- als auch beim 2-Stufenprozess
nach Bedarf bekannte Hilfsstoffe (Stabilisatoren und/oder Netzmittel) beigegeben werden,
welche unter anderem die Schaumbildung unterdrücken, die Emulsion stabilisieren oder
das Eindringverhalten der Wirkungskomponenten gezielt beeinflussen können.
[0018] Die Vorteile der schichtartig aufgebauten TLP gegenüber einem konventionellen einbasigen
TLP sind in der folgenden Tabelle illustriert. Man erkennt deutlich, dass mit dem
neuen, zu schützenden Herstellungsprozess schichtartig aufgebaute TLP erhalten werden,
welche ähnlich vorteilhafte Eigenschaften aufweisen wie die in der EP 0 960 083 A1
beschriebenen Materialien, d.h. über den gesamten Temperaturbereich lässt sich unter
waffenverträglichen Bedingungen ein markant erhöhtes Leistungspotential realisieren
(vgl. Tabelle 1).

[0019] Ein weiterer Aspekt der vorliegenden Erfindung ist die Bereitstellung von neuartigen
funktionalen Materialien, welche gegenüber den oben beschriebenen Materialien verbesserte
Eigenschaften aufweisen. Bei den in B. Vogelsanger, K. Ryf, Int. Annu. Conf. ICT (1998),
29th(Energetic Materials), 38.1-38.14, beschriebenen Materialien werden für die Imprägnierung
ausschliesslich Sprengöle wie Nitroglycerin verwendet. Diese weisen jedoch bekanntermassen
einige Nachteile auf. Ein solcher Nachteil ist die extrem hohe Empfindlichkeit dieser
Sprengöle. So weisen Nitroglycerin und Dinitrodiglykol je eine Schlagempfindlichkeit
von lediglich 0.2 Nm auf, was deren Handhabung bei der Verarbeitung stark erschwert
und einschränkt. Ein weiterer Nachteil dieser Sprengöle ist deren hoher Energieinhalt
(Explosionswärme), der für Nitroglycerin 6542 J/g und für Dinitrodiglykol 4527 J/g
beträgt. Enthält das Pulver nun grössere Mengen dieser Sprengöle, erhöht sich beim
Abbrand die Flammtemperatur und führt hiermit zu einer Zunahme der Rohrerosion.
[0020] Es wurde nun überraschenderweise gefunden, dass diese Sprengöle im Imprägnierungsprozess
durch energetische Weichmacher ersetzt werden können, welche einen tieferen Energieinhalt
und vorteilhafte thermodynamische Eigenschaften aufweisen und welche zusätzlich weniger
schlagempfindlich sind. Die hieraus resultierenden neuartigen Pulver zeichnen sich
überraschenderweise durch ein deutlich verbessertes Verhältnis von Vo / Pmax aus,
d.h. bei Ausnutzung der Druckreserven können höhere Mündungsgeschwindigkeiten realisiert
werden. Darüber hinaus weisen derartige funktionale Materialien auch ein günstiges
Verhältnis von Δ Vo
gTLP / Δ Pmax
gTLP auf, d.h. pro Gramm Ladungszunahme steigt die Mündungsgeschwindigkeit gegenüber dem
Druck stärker an als bei TLP auf Basis von Sprengölen. Dieser Effekt wird im weiter
unten angegebenen Beispiel 3 verdeutlicht.
[0021] In der Pulvertechnik ist eine Vielzahl von energetischen Weichmachern bekannt. Hierzu
gehören insbesondere niedermolekulare aliphatische Salpetersäureester, Nitroverbindungen,
Nitramine und Azide. Eine hierzu besonders geeignete Stoffklasse bilden die sogenannten
2-Nitroxyethyl-nitramaine (Alkyl-NENA) mit der allgemeinen Strukturformel I, wobei
R
1 ein aliphatischer Rest darstellt. Eine weitere besonders geeignete Stoffklasse hierfür
bilden die sogenannten Dinitro-diazaalkane der allgemeinen Formel II, wobei R
2 und R
3 für aliphatische Reste stehen. Die Verwendung von Substanzen der allgemeinen Struktur
II ist in der Pulvertechnik bekannt, doch wurden diese Substanzen bisher nie schichtweise
in die Pulvermatrix eingebaut, sondern befanden sich homogen in der Pulvermatrix verteilt
analog einem 2-basigen TLP (vgl. EP 960083A1). Die Weichmacher können einzeln oder
gemischt in das Grünkorn eingebracht werden.

[0022] Gegenstand der vorliegenden Erfindung sind zudem neuartige funktionale Materialien,
welche in der Grundmatrix aus Nitrocellulose zusätzlich einen kristallinen Energieträger
enthalten. Derartige kristalline Energieträger sind an sich bekannt. Es handelt sich
hierbei z.B. um sogenannte kristalline Nitramine der allg. Formel III. Dabei bildet
der Rest R
4 Teil eines Ringsystems und kann bevorzugt weitere Einheiten der Struktur (-CH
2-N-NO
2) enthalten.

[0023] Besonders bevorzugte Verbindungen der Struktur III sind Hexogen IV, Oktogen V und
CL-20 VI.

[0024] Die obere Grenze des Gehalts an kristallinem Energieträger ergibt sich derart, dass
die mechanische Festigkeit des resultierenden Pulverkorns auch bei Tieftemperatur
erhalten bleibt. Um den erwarteten positiven Effekt ballistisch zu erkennen, sollte
die Menge nicht kleiner als ca. 5% sein. Diese Verbindungen der allgemeinen Struktur
III oder Gemische davon werden daher in Mengen zw. 5-80%, bevorzugt 10-50% der gesamten
Pulvermasse, der Nitrocellulose-Matrix beigemischt und sind homogen im fertiggestellten
Korn verteilt. Die derart vorbehandelten Pulver (welche funktional dem Grünpulver
entsprechen) werden anschliessend durch einen Imprägnierungsprozess, welcher den zuvor
beschriebenen schichtweisen Kornaufbau ergibt und ebenfalls Bestandteil der vorliegenden
Erfindung ist, mit einem energetischen Weichmacher und einem Phlegmatisator behandelt.
Der Vorteil dieser schichtartig aufgebauten funktionalen Materialien besteht darin,
dass sie gegenüber den funktionalen Materialien, welche keinen kristallinen Energieträger
in der Kornmatrix enthalten, einen erhöhten Energieinhait aufweisen, welcher Dank
dem speziellen Schichtaufbau in systemverträglicher Weise optimal in kinetische Energie
umgesetzt werden kann.
[0025] Stichwortartig zusammengefasst lässt sich die Erfindung wie folgt umschreiben:
1) Imprägnierungsprozess: Behandlung in wässriger Emulsion eines "Grünpulvers" aus
Nitrocellulose beliebiger Form mit einem Sprengöl als energetischem Weichmacher und
einem Phlegmatisator in 1- oder 2-Stufenprozess.
2) Neuartige funktionale energetische Materialien mit schichtartigem Aufbau hergestellt
gemäss 1), welche aber anstelle von Sprengöl einen unempfindlichen energetischen Weichmacher
des Typs I oder II oder Mischungen davon enthalten, sowie deren Herstellungsprozess
in wässriger Emulsion und deren Verwendung als Treibladungspulver.
3) Neuartige funktionale energetische Materialien hergestellt gemäss 1) oder 2), welche
zusätzlich einen kristallinen Energieträger des Typs III, homogen verteilt in der
Korn-Matrix, enthält, deren Herstellungsprozess in wässriger Emulsion und deren Verwendung
für die Herstellung von Treibladungspulver.
[0026] Der Imprägnierungsprozess zur Herstellung der hochenergetischen funktionalen Materialien
ist im Folgenden beschrieben. Der Imprägnierungsprozess geht von unbehandeltem Grünpulver
beliebiger Form aus, welches im Wesentlichen aus Nitrocellulose mit einem N-Gehalt
zw. 11-13.5% besteht. Das verwendete Grünpulver kann gegebenenfalls in der Pulvertechnik
bekannte Zusätze zur Stabilisierung, Rohrschonung, Weichmachung und Feuerscheindämpfung
enthalten. Bekannte Zusätze, welche geeigneterweise eingesetzt werden, sind zur Stabilitätserhöhung
etwa Natriumhydrogenkarbonat (CAS-#: 144-55-8), Calziumkarbonat (CAS-#: 471-34-1),
Magnesiumoxid (CAS-#: 1309-48-4), Akardit II (CAS-#: 724-18-5), Centralit I (CAS-#:
90-93-7), Centralit II (CAS-#: 611-92-7), 2-Nitrodiphenylamin (CAS-#: 836-30-6) und
Diphenylamin (CAS-#: 122-39-4), zur Weichmachung etwa Diethylphthalat (CAS-#: 84-66-2),
Campher (CAS-#: 76-22-2), Dibutylphthalat (CAS-#: 84-74-2), Di-n-propyladipat (CAS-#:
106-19-4) oder Methylphenylurethan (CAS-#: 261-79-6), zur Rohrschonung etwa Magnesiumoxid
(CAS-#: 1303-48-4), Molybdäntrioxid (CAS-#: 1313-27-5), Magnesiumsilikat (CAS-#: 14807-96-6),
Calciumkarbonat (CAS-#: 471-34-1) oder Titandioxid (CAS-#: 13463-67-7), und zur Feuerscheindämpfung
etwa Natriumoxalat (CAS-#: 62-76-0), Kaliumbitarat (CAS-#: 868-14-4), Natriumhydrogenkarbonat
(CAS-#: 144-55-8), Kaliumhydrogenkarbonat (CAS-#: 298-14-6), Natriumoxalat (CAS-#:
62-76-0), Kaliumsulfat (CAS-#: 7778-80-5) oder Kaliumnitrat (CAS-#: 7757-79-1). Ferner
kann das Grünpulver noch weitere bekannte Zusätze, etwa zur Verbesserung des Anzündverhaltens
und zur Modulierung des Abbrandverhaltens, enthalten. Alle die erwähnten Zusätze sind
während der Grünkornherstellung dem Pulverteig zugegeben worden, d.h. sie sind gleichmässig
in der Kornmatrix verteilt. Die Gesamtmenge dieser Zusätze im Grünkorn liegt zw. 0-20%
gegenüber der Nitrocellulose, bevorzugt zw. 5-15%.
[0027] Beim Grünpulver handelt es sich typischerweise um zylinderförmige Ein- oder Mehrlochpulver
mit einem Verhältnis Durchmesser/Kornlänge zw. 0.5-2.0, bevorzugt 0.9-1.5. Die Aussendurchmesser
der Grünpulver liegen im Bereich zw. 0.5-10 mm, bevorzugt 0.5-5 mm. Die Lochdurchmesser
liegen im Bereich zw. 0.03-0.7 mm. Das Grünkorn kann auf bekannte Weise durch Verpressung
eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs in einer Strangenpresse oder mittels Extrusion
erhalten werden.
[0028] Das erfindungsgemässe Herstellungsverfahren kann einstufig oder zweistufig sein.
Der Imprägnierungsprozess soll zunächst am 2-Stufenverfahren verdeutlicht werden:
Das oben beschriebene Grünpulver wird in einen metallischen Reaktorkessel gegeben,
welcher mit Deckeleinlassventil, Bodenauslassventil, mechanischen und statischen Strömungseinbauten
und Anschlüssen für Vakuum ausgerüstet ist und welcher mit der 1-5-fachen Menge Wasser
(gegenüber der zu behandelnden Pulvermenge) beschickt ist. Das Pulver kann zunächst
unter Rühren während 4-24 Stunden bei einer Temperatur von 20-85 °C vorgebadet werden.
Danach wird während einer Zeitdauer von 10-60 Minuten eine Lösung des Sprengöls (ca.
20% in geeignetem Lösungsmittel gelöst) zugegeben, wobei der Anteil des Sprengöls
gegenüber dem eingesetzten Grünkorn im Bereich von 3-20% liegt. Man lässt nun während
2-8 Stunden weiterbehandeln, bevor man den Druck auf 400 - 600 mbar reduziert und
das Lösungsmittel aus der Flotte abdestilliert. Das wiedergewonnene Destillat kann
gegebenenfalls im Prozess rezykliert werden. Danach wird der Ansatz abgekühlt und
die verbleibenden flüssigen Anteile durch das Bodenventil im Reaktorboden abgelassen.
Hiernach wird dem Reaktor eine bezüglich der Pulvermasse wiederum eine 1-5-fache Menge
Frischwasser zugeführt und auf 80°C erwärmt. Danach gibt man während einer Zeitdauer
von 10-60 Minuten eine Emulsion des polymeren Phlegmatisators (ca. 10% in Wasser,
Anteil gegenüber Grünkorn zw. 1-5%) zu. Dabei können den eingesetzten Lösungen des
Sprengöls und des polymeren Phlegmatisators gegebenenfalls kleine Mengen an Hilfsstoffen,
etwa zur Stabilisierung der Emulsion oder zur Erhöhung der Stabilität des TLP, beigemischt
sein. Unter optimaler Backmixeinstellung (hängt vom Pulverkorn ab) lässt man während
2-6 Stunden weiterbehandeln bevor der Ansatz wieder auf Raumtemperatur angekühlt wird.
Danach werden die verbleibenden flüssigen Anteile durch das Bodenventil des Reaktorkessels,
welches mit einem feinmaschigen Sieb versehen ist, abgelassen. Im Reaktorkessel verbleibt
das imprägnierte funktionale Material, welches nach dem Wegnehmen des Siebs aus dem
Reaktorkessel ausgeladen und auf engmaschigen Metallsieben zum Trocknen mittels durchströmender
Warmluft ausgebreitet wird.
[0029] Beim 1-Stufenprozess wird analog zum oben beschriebenen 2-Stufenprozess vorgegangen
mit dem einzigen Unterschied, dass nach Beendigung der Einwirkzeit der Sprengöllösung
die flüssigen Anteile im Reaktor verbleiben und dazu direkt die Phlegmatisatoremulsion
zugegeben wird. Durch Variation der Zugabezeiten, der Einwirkungszeiten und des Zeitpunktes
der Druckabsenkung kann die Abbrandcharakteristik des fertiggestellten Pulvers gezielt
beeinflusst werden.
[0030] Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass sich beim 1-Stufenprozess die Steuerparameter
zielgenauer einstellen lassen. Darüberhinaus ist der 1-Stufenprozess infolge der kleineren
Anzahl von Prozessschritten wesentlich kostengünstiger.
[0031] Das mittels dem oben beschriebenen 1- resp. 2-Stufenverfahren erhaltene funktionale
Material wird schliesslich durch Aufpolieren von 0.01-2% Graphit und gegebenenfalls
weiteren bekannten Hilfsstoffen in Mengen von 0-4% auf bekannte Weise in einer Poliertrommel
fertiggestellt. Dabei wurde überraschenderweise gefunden, dass sich die funktionalen
Materialien in diesem Polierprozess in Treibladungspulver mit ausserordentlich hohen
Schüttdichten von 1060 - 1100 g/l überführen lassen. Dies erlaubt, in ein gegebenes
Hülsenvolumen ein Maximum an Lademenge einzubringen.
[0032] Als geeignete Sprengöle können Nitroglycerin (CAS-#: 55-63-0) oder Diethylenglykoldinitrat
(Dinitrodiglykol, CAS-#: 693-21-0) eingesetzt werden. Es ist eine Vielzahl von Verbindungen
möglich, welche sich als geeignete Phlegmatisatoren verwenden lassen. Einerseits muss
die Affinität mit der Nitrocellulose derart sein, dass der Phlegmatisator mit dem
geeigneten Lösungsmittel als Transportmedium (Carrier) in das Pulverkorn eindiffundieren
kann. Andererseits darf nach der Entfernung des Lösungsmittels keine weitere Diffusion
eintreten, welche zu einer Veränderung des Verteilungsprofils führen würde. Als geeignet
haben sich hierzu organische Ether- und Esterverbindungen mit einem Molekulargewicht
zw. 100-100'000, bevorzugt zwischen 1000-10'000, erwiesen.
[0033] Eine bisher unbekannte neuartige Klasse von funktionalen energetischen Materialien
wird erhalten, indem die oben beschriebenen Sprengöle durch weniger schlagempfindliche
(vereinfacht gesagt: "unempfindliche") energetische Weichmacher der allgemeinen Strukturen
I oder II ersetzt werden. Einerseits wurde überraschenderweise gefunden, dass sich
diese neuartigen funktionalen Materialien durch ein besonders günstiges Verhältnis
von Vo / Pmax auszeichnen. Darüberhinaus weisen derartige funktionale Materialien
ein günstiges Verhältnis von Δ Vo
gTLP / Δ Pmax
gTLP auf, d.h. pro Gramm Ladungszunahme steigt die Mündungsgeschwindigkeit gegenüber dem
Druck stärker an als bei schichtartigen TLP auf Basis von Sprengölen.
[0034] Zweitens führen diese unempfindlichen energetischen Weichmacher im Vergleich zu herkömmlichen
Sprengölen zu einer Erniedrigung der Explosionswärme um 150-200 J/g, was eine Absenkung
der Flammtemperatur während des Pulverabbrandes und damit eine Verbesserung der Rohrlebensdauer
bewirkt.
[0035] Die Herstellung der neuartigen funktionalen Materialien mit energetischen Weichmachern
der allg. Strukturen I und II geht, analog den oben beschriebenen sprengölhaltigen
funktionalen Materialien, von einem unbehandelten Grünkorn auf Basis von Nitrocellulose
aus. Auch der Imprägnierungsschritt in wässriger Emulsion verläuft analog wie zuvor
mit der einzigen Ausnahme, dass anstelle der Sprengöle nun energetische Weichmacher
der allg. Strukturen I oder II oder Mischungen davon eingesetzt werden. Als vorteilhaft
haben sich Verbindungen mit R
1 = C
1-C
10-Alkyl, C
1-C
10-Alkoxy oder Aryl, R
2 und R
3 unabhängig voneinander C
1-C
5-Alkyl oder C
1-C
5-Alkoxy erwiesen. Besonders bevorzugt sind Verbindungen mit R
1 = C
1-C
4 (Methyl, Ethyl, n-Propyl, i-Propyl, n-Butyl, i-Butyl, t-Butyl), R
2/R
3 unabhängig voneinander C
1-C
2 (Methyl, Ethyl).
[0036] Eine weitere Klasse bisher unbekannter funktionaler energetischer Materialien erhält
man, indem man dem vorher beschriebenen Grünkorn zusätzlich einen kristallinen Energieträger
der allgemeinen Formel III beimischt. Die kristallinen Energieträger können gegebenenfalls
vor der Einarbeitung in den Pulverteig mittels Mahlung in ihrer Grössenverteilung
angepasst werden oder mittels Umkristallisation gegebenenfalls gereinigt werden. Die
Herstellung des Grünkorns erfolgt zwecks Erreichen einer homogenen Verteilung der
kristallinen Energieträger in der Matrix mittels bekannter Verfahren wie zum Beispiel
durch Extrusion mit Hilfe von Static Mixers oder durch Verarbeitung in Doppelschneckenextrudern.
[0037] Die Verwendung der obigen neuartigen hochenergetischen funktionalen Materialien mit
schichtartigem Kornaufbau ist als Treibladungs-Schüttpulver, insbesondere für Mittel-
und Kleinkaliber-Anwendungen, geeignet.
[0038] Aus der nachfolgenden Detailbeschreibung und der Gesamtheit der Patentansprüche ergeben
sich weitere vorteilhafte Ausführungsformen und Merkmalskombinationen der Erfindung.
Wege zur Ausführung der Erfindung
Beispiel 1 : Herstellungsprozess in wässriger Emulsion
[0039] 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.77 mm Aussendurchmesser, 3.17 mm Länge und
0.12 mm Lochdurchmesser, aufgebaut aus den festen Anteilen von 1.2% Akardit-II, 1%
Calciumkarbonat, 0.4% Kaliumsulfat und 97.4% Nitrocellulose mit einem Stickstoffgehalt
von 13.15% und hergestellt auf in der Pulvertechnik bekannte Weise durch Verpressen
eines lösungsmittelfeuchten Knetteigs durch eine Matrize, werden in einem 1000 Liter
Stahlreaktor ausgerüstet mit mechanischem Flügelrührer, Deckeleinlassventil, Bodenauslassventil
sowie und Anschlüssen für Vakuum, mit der zweifachen Menge Wasser versetzt.
[0040] Anschliessend wird der Ansatz auf eine Temperatur von 85°C erwärmt und unter ständigem
Rühren unter Halten der Temperatur während 15 Stunden vorgebadet. Danach wird bei
80°C eine Mischung enthaltend 12.5 kg Nitroglycerin und 0.25 kg 2-Nitrodiphenylamin,
gelöst in 60 Liter Ethanol, während einer Zeitdauer von 30 Minuten zugetropft. Man
lässt nun während 2 1/4 Stunden bei optimaler Backmixeinstellung (Pulverbett vollständig
in Schwebe) behandeln und tropft anschliessend während einer Zeitdauer von 15 Minuten
eine Suspension enthaltend 1.97 kg eines bei Raumtemperatur hochviskosen, nicht festen
Polyesters mit mittlerem Molekulargewicht von 3000 (welcher wasserlöslich ist und
as Phlegmatisator wirkt) in 30 kg Wasser zu. Anschliessend lässt man unter Rühren
während weiteren 2 Stunden bei einer Temperatur von 80°C nachbehandeln. Anschliessend
wird der Druck im Reaktorkessel langsam auf 600 mbar reduziert und Teile des Lösungsmittels
aus der Flotte abdestilliert. Danach wird das Vakuum gebrochen und der Ansatz auf
Raumtemperatur abgekühlt. Danach werden die verbleibenden flüssigen Anteile des Ansatzes
durch Oeffnen des Bodenventils abgelassen, die verbleibende feuchte Pulvermasse mit
100 Liter Frischwasser und während 2 Std. mit abgeschalteter Heizung weitergerührt.
Danach werden die flüssigen Anteile erneut durch das Bodenventil abgelassen und die
verbleibende feuchte Pulvermatrix anschliessend aus dem Reaktor entfernt.
[0041] Das feuchte Pulver wird nun gleichmässig auf grobmaschigen Metallsieben ausgebreitet
und mit durchströmender Warmluft bei einer Temperatur von 60°C während 24 Stunden
getrocknet. Das TLP wird schliesslich durch Aufpolieren von ca. 0.3% Graphit und gegebenfalls
durch Behandlung mit speziellen Moderatoren auf bekannte Weise in der Poliertrommel
fertiggestellt.
[0042] Das fertiggestellte TLP weist eine Explosionswärme von 3999 J/g auf, seine Schüttdichte
beträgt 1062 g/Liter. In einer 25 mm Rohrwaffe lässt sich bei einem unterkalibrigen
Pfeilgeschoss der Masse 123 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 1438 m/s erreichen
unter Einhaltung der waffenmässig zulässigen Spitzengasdrucks, was einer Mündungsenergie
von 1271 J/g
TLP entspricht.
[0043] Bei -32°C erreicht dasselbe Pulver bei gleicher Ladung wie zuvor eine Geschwindigkeit
von 1416 m/s auf, bei 62°C eine solche von 1442 m/s. Demgegenüber ergibt ein konventionelles
einbasiges TLP, geschossen im gleichen Waffensystem wie zuvor mit einer unterkalibrigen
Pfeilmunition der Masse 130 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 1381 m/s,
was einer Mündungsenergie von 1191 J/g entspricht. Bei -30°C ergibt sich eine Mündungsgeschwindigkeit
von 1320 m/s, bei 50°C eine solche von 1411 m/s.
Beispiel 2: Herstellungsprozess in wässriger Emulsion
[0044] Analog Beispiel 1 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.57 mm Aussendurchmesser,
2.94 mm Länge und einem mittleren Lochdurchmesser von 0.16 mm, aufgebaut aus den festen
Anteilen von 1.2% Akardit-ll, 0.2% Calciumkarbonat, 1.4% Kaliumsulfat und 97.2% Nitrocellulose
mit einem Stickstoffgehalt von 13.15%, mit 14.4 kg Nitroglycerin und 3.3 kg desselben
Polyesters wie in Beispiel 1 behandelt. Das nach der Fertigstellung analog Beispiel
1 resultierende Treibladungspulver weist eine Schüttdichte von 1063 g/l bei einer
Explosionswärme von 3961 J/g auf.
[0045] In einer 20 mm Rohrwaffe lässt sich bei einem Geschoss der Masse 126 g und einer
Ladungsmasse von 44.5 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 1063 m/s bei einem
Spitzengasdruck von 4146 bar (Einhaltung des waffenmässig zulässigen Spitzengasdrucks)
erreichen, was einer kinetischen Mündungsenergie von 1601 J/g
TLP und einem thermischen Wirkungsgrad von 0.404 entspricht.
Beispiel 3: TLP mit energetischem Weichmacher
[0046] Analog Beispiel 2 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 2.65 mm Aussendurchmesser,
3.06 mm Länge und einem mittleren Lochdurchmesser von 0.16 mm, aufgebaut aus den festen
Anteilen von 1.2% Akardit-II, 0.2% Calciumkarbonat, 1.4% Kaliumsulfat und 97.2% Nitrocellulose
mit einem Stickstoffgehalt von 13.15%, mit 14.4 kg einer Mischung von 60% Methyl-NENA
(Verbindung I, R
1 = Methyl) und 40% Ethyl-NENA (Verbindung I, R
1 = Ethyl) sowie mit 2.8 kg desselben Polyesters wie in Beispiel 1 behandelt. Das resultierende
Treibladungspulver weist eine Schüttdichte von 1070 g/l bei einer Explosionswärme
von 3799 J/g auf.
[0047] In einer 20 mm Rohrwaffe lässt sich bei einem Geschoss der Masse 126 g und einer
Ladungsmasse von 44.5 g bei 21°C eine Mündungsgeschwindigkeit von 908 m/s erreichen,
bei einer Ladungsmasse von 42 g dagegen werden 853 m/s erreicht. Pro Gramm Ladung
resultiert hiermit ein Geschwindigkeitszuwachs von 22.0 m/s bei einem Druckzuwachs
von 116.4 bar, was einem Verhältnis Δ Vo
gTLP / Δ Pmax
gTLP von 0.19 entspricht. Beim TLP aus Beispiel 2 weist dasselbe Verhältnis einen Wert
von lediglich 0.07 auf. Beim Heraufladen (Zufügen von Ladung) geht also bei TLP von
Beispiel 3 die Geschwindigkeitszunahme mit einer deutlich tieferen Druckzunahme einher
als beim Treibladungspulver von Beispiel 2.
Beispiel 4: TLP mit Kornmatrix aus Nitrocellulose + kristallinem Energieträger
[0048] Analog Beispiel 3 werden 200 kg eines 7-Loch-Grünpulvers mit 3.00 mm Aussendurchmesser,
3.50 mm Länge, einem mittleren Lochdurchmesser von 0.17 mm und einer Dichte von 1.62
g/ml, aufgebaut aus den festen Anteilen von 20.0% RDX (auch als Hexogen bezeichnet;
vgl. Struktur IV) einer mittleren Korngrösse von 5 Mikrometer, 1.0% Akardit-II, 0.4%
Calciumkarbonat, 0.6% Kaliumsulfat, 1% Restlösungsmittel und 77% Nitrocellulose mit
einem Stickstoffgehalt von 12.6%, mit 14.4 kg einer Mischung von 60% Methyl-NENA (Verbindung
I, R
1 = Methyl) und 40% Ethyl-NENA (Verbindung I, R
1 = Ethyl) sowie mit 2.8 kg einer bei Raumtemperatur viskosen, nicht festen Polyesterverbindung
mit einem mittleren Molekulargewicht von 3000 behandelt. Das nach der Fertigstellung
analog Beispiel 1 resultierende Treibladungspulver weist eine Schüttdichte von 1071
g/l bei einer Explosionswärme von 3963 J/g auf.
[0049] Zusammenfassend ist festzuhalten, dass neben dem Verfahren zum Herstellen an sich
bekannter TLP auch neue TLP vorgeschlagen werden, in denen die bekannten Sprengöle
NGL und DEGN durch empfindlichkeitsreduzierte energetische Weichmacher ersetzt sind.
Diese TLP sind weniger sensibel auf Erschütterungen. Zur Leistungsoptimierung können
der Kornmatrix kristalline Energieträger beigefügt sein.
[0050] Die resultierenden, schichtartig aufgebauten TLP weisen bei voller Systemkompatibilität
ein gegenüber normalen TLP erhöhtes Leistungsniveau und ein ausgeglichenes Temperaturverhalten
auf. Die TLP sind im Vergleich zu zweibasigen TLP günstiger herzustellen und weisen
die nachteiligen Abbrandeigenschaften (Rohrerosion) nitraminhaltiger TLP nicht auf.
1. Verfahren zur Herstellung eines funktionalen hochenergetischen Materials mit schichtartig
strukturiertem Korn enthaltend einen energiereichen Weichmacher und einen polymeren
Phlegmatisator, dadurch gekennzeichnet, dass der Weichmacher und/oder der Phlegmatisator in Form einer wässrigen Emulsion in das
aufnahmefähige Korn eindiffundiert wird bzw. werden.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass das Korn im Wesentlichen aus Nitrocellulose besteht, insbesondere dass es zu mindestens
80% aus Nitrocellulose mit einem Stickstoffgehalt von 11-13.5% besteht.
3. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass das Korn eine zylindrische Struktur hat mit einem Verhältnis von Durchmesser zu Länge
zwischen 0.5 und 2.0, einem Aussendurchmesser zwischen 0.5 und 10 mm und dass insbesondere
mindestens ein Loch, vorzugsweise mehrere Löcher mit einem Lochdurchmesser zwischen
0.03 und 0.7 mm vorhanden ist bzw. sind.
4. Verfahren nach Anspruch 3,
dadurch gekennzeichnet, dass das Korn durch Verpressen eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs aus Nitrocellulose
in einer Strangpresse oder mittels Extrusion hergestellt wird, wobei der lösungsmittelhaltige
Pulverteig insbesondere Substanzen der allgemeinen Struktur III mit R4 = (-CH2-N-NO2)n
und n = 2 oder 3, in einem Gesamtanteil von 5-80% der Trockensubstanz des Pulverteigs
enthält, wobei die beigemischten Substanzen bevorzugt die Strukturen IV, V oder VI
aufweisen und deren Gesamtanteil im aufnahmefähigen Korn zwischen 10-60% liegt.
5. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4, dadurch gekennzeichnet, dass eine Diffusionstiefe im Bereich von 100-500 µm erzeugt wird.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 5, dadurch gekennzeichnet, dass eine Lösung oder Emulsion des energiereichen Weichmachers in einem organischen Lösungsmittel
einer Mischung von unbehandeltem Grünpulver in Wasser zugeführt wird, gefolgt von
der Zugabe einer Lösung oder Emulsion des Phlegmatisators in Wasser, wobei vorzugsweise
die Zugabe der Lösung oder Emulsion des energiereichen Weichmachers in einem organischen
Lösungsmittel und die Lösung oder Emulsion von Phlegmatisator in Wasser bei einer
Temperatur zwischen 20-85 °C vorgenommen wird.
7. Verfahren nach Anspruch 6, dadurch gekennzeichnet, dass das zu behandelnde Grünpulver vor der Zugabe der Lösung oder Emulsion des bei Raumtemperatur
flüssigen energiereichen Weichmachers in einem organischen Lösungsmittel im Reaktor
unter Rühren während 4-24 Stunden bei einer Temperatur von 20-85 °C vorgebadet wird.
8. Verfahren nach einem der Ansprüche 6 oder 7, dadurch gekennzeichnet, dass das Grünpulver in der 1- bis 5-fachen Gewichtsmenge Wasser vorgelegt wird.
9. Verfahren nach einem der Ansprüche 6 bis 8, dadurch gekennzeichnet, dass nach beendigter Zugabe der Lösung oder Emulsion des Phlegmatisators der Druck im
Reaktorkessel während 2-6 Stunden auf 400-800 mbar reduziert wird und dass die verbleibenden
flüssigen Anteile durch ein Bodensieb aus dem Reaktor abgelassen werden und dass die
resultierende Pulvermasse mit warmer Luft getrocknet wird.
10. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass auf die getrocknete Pulvermasse in einer Poliertrommel 0.01-2% Graphit aufgetragen
wird, um ein Schüttpulver mit einer Schüttdichte >1000 g/l zu erhalten.
11. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 10,
dadurch gekennzeichnet, dass der energiereiche Weichmacher Nitroglycerin oder Diethylenglykoldinitrat ist oder
insbesondere die Struktur I oder II mit R
1 = C
1-C
10-Alkyl, C
1-C
10-Alkoxy oder Aryl, R
2 und R
3 unabhängig voneinander C
1-C
5-Alkyl oder C
1-C
5-Alkoxy aufweist und in einer Menge von 5-20% gegenüber dem Grünpulver eingesetzt
wird.
12. Verfahren nach Anspruch 11,
dadurch gekennzeichnet, dass der energiereiche Weichmacher die Struktur I oder II mit R
1 = C
1-C
4 (Methyl, Ethyl, n-Propyl, i-Propyl, n-Butyl, i-Butyl, t-Butyl), und mit R
2/R
3 unabhängig voneinander C
1-C
2 (Methyl, Ethyl) aufweist.
13. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass als polymerer Phlegmatisator eine organische Ether- und Esterverbindung mit einem
Molekulargewicht zw. 100-100'000 verwendet wird.
14. Funktionales hochenergetisches Material mit schichtartig strukturiertem Korn gebildet
durch einen in ein Grünpulver eingebrachten energiereichen Weichmacher und einen polymeren
Phlegmatisator,
dadurch gekennzeichnet, dass der energiereiche Weichmacher die Struktur I oder II mit R
1 = C
1-C
10-Alkyl, C
1-C
10-Alkoxy oder Aryl, R
2 und R
3 unabhängig voneinander C
1-C
5-Alkyl oder C
1-C
5-Alkoxy aufweist und in einer Menge von 5-20% gegenüber dem Grünpulver eingesetzt
ist.
15. Funktionales hochenergetisches Material nach Anspruch 14,
dadurch gekennzeichnet, dass das Grünpulver durch Verpressung eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs aus Nitrocellulose
hergestellt ist, wobei der lösungsmittelhaltige Pulverteig Substanzen der Strukturen
IV, V oder VI, in einem Gesamtanteil von 10-60% der Trockensubstanz des Pulverteigs
enthält.
16. Grünkorn zur Herstellung eines funktionalen hochenergetischen Materials mit schichtartig
strukturiertem Korn enthaltend einen energiereichen Weichmacher und einen polymeren
Phlegmatisator, wobei das Grünkorn durch Verpressung eines lösungsmittelhaltigen Pulverteigs
aus Nitrocellulose gebildet ist,
dadurch gekennzeichnet, dass der lösungsmittelhaltige Pulverteig Substanzen der Struktur IV, V oder VI, in einem
Gesamtanteil von 10-60%der Trockensubstanz des Pulverteigs enthält.
17. Treibladungspulver enthaltend ein hochenergetisches funktionales Material nach Anspruch
14.
18. Munition mit einem Treibladungspulver nach Anspruch 17.