[0001] Die Erfindung betrifft die korrosions- und emissionsarme Mitverbrennung von hochhalogenierten
Abfällen, vorzugsweise von Flüssigabfällen, in einer Abfallverbrennungsanlage. Unerwünschte
freie Halogene wie z.B. freies Chlor Cl
2, freies Brom Br
2 und/oder freies Jod I
2 bilden sich teilweise schon in der Feuerung und dann - in verstärktem Maße - mit
beginnender Rauchgasabkühlung im nachfolgenden Kessel. Die temperaturabhängige, kinetisch
begrenzte Nachbildung freier Halogene aus den entsprechenden Halogenwasserstoffen
folgt der sogenannten Deacon-Reaktion, die erfreulicherweise aber stark gehemmt ist.
Durch die geregelte, d.h. auf die jeweilige Halogengesamtfracht abgestimmte Zugabe
von Schwefel in den Feuerraum der Abfallverbrennungsanlage und das infolge Verbrennung
daraus gebildete SO
2 gelingt es, diese freien Halogene noch im Kessel, d.h. auf dem Weg des Rauchgases
bis zum Kesselende, weitgehend zu unterdrücken.
[0002] Eine Abfallverbrennungsanlage ist zum Beispiel in H.W. Fabian et al. [1] beschrieben.
Typische Abfallverbrennungsanlagen enthalten einen primären Feuerraum (z.B. Drehrohrofen),
einen sekundären Feuerraum (Nachbrennkammer), einen Abhitzekessel, mitunter auch einen
elektrostatischen oder filternden Staubabscheider, eine Rauchgaswäsche mit z.B. einstufiger
oder mehrstufiger saurer Wäsche (Quenche und z.B. saurer Rotationszerstäuber-Wäscher)
und alkalischer Wäsche (z.B. alkalischer Rotationszerstäuber-Wäscher), gegebenenfalls
auch mit einem Tropfenabscheider und z.B. einem Kondensationselektrofilter.
[0003] Bei der Verbrennung halogenhaltiger Abfälle entstehen im Feuerraum durch Hydrolyse
zunächst überwiegend Halogenwasserstoffe wie HCl und in geringerem Umfang auch freie
Halogene sowie Spuren zunächst ungebundener Halogenradikale und -atome. Mit der Rauchgasabkühlung
rekombinieren letztere zu freien Halogenen. Zusätzlich bilden sich - insbesondere
in Gegenwart metalloxidreicher Flugstäube als Katalysatoren der Deacon-Reaktion (4
HX + O
2 <---> 2 X
2 + 2 H
2O mit X = Cl, Br oder I) - aus den Halogenwasserstoffen vermehrt freie Halogene wie
Chlor Cl
2. Das Ausmaß dieser Nachbildung freier Halogene gemäß der katalysierten Deacon-Reaktion
ist von Art und Menge der Kesselflugstäube mitabhängig
[0004] Freie Halogene sind aus vielen Gründen unerwünscht.
- Im Gegensatz zu den Halogenwasserstoffen sind freie Halogene im sauren Wäscherbereich
unlöslich und können erst durch Chemisorption mit z.B. Natronlauge (NaOH) in der alkalischen
Wäsche als Natriumhalogenid und - zu gleichen Teilen - als Natriumhypohalogenid ausgewaschen
werden.
- Die Hypohalogenid-Konzentration im Wasser der alkalischen Wäsche muss - mittels eines
ausreichenden Angebots an Reduktionsmitteln - niedrig gehalten werden, d.h. durch
z.B. Hydrogensulfid oder Thiosulfat zum stabilen Natriumhalogenid reduziert werden,
um reingasseitig Emissionen freier Halogene zu vermeiden. Bei unzureichendem Reduktionsmittelangebot
besteht die Gefahr, dass gesetzlich vorgeschriebene Grenzwerte im Reingas nach Rauchgaswäsche
nicht eingehalten werden.
- Höhere Konzentrationen freier Halogene im Kesselrauchgas können Korrosionen im Kessel
wie auch in der weiteren Anlage verursachen.
- Freie Halogene begünstigen die sogenannte Denovo-Synthese von Dioxinen und Furanen
im mittleren und hinteren Kesselbereich wie gegebenenfalls auch in einem dem Kessel
direkt nachgeschalteten elektrostatischen oder filternden Staubabscheider.
[0005] Durch Unterdrückung freien Chlors und/oder anderer freier Halogene mittels SO
2 können die oben beschriebenen unerwünschten Wirkungen wie die Neubildung von Dioxinen
und Furanen [1] unterdrückt oder zumindest stark eingeschränkt werden, vgl. [2], [3],
[4].
[0006] Es ist bekannt, dass die freien Halogene noch im Kessel mit SO
2 reagieren. Freies Chlor z.B. reagiert mit SO
2 und Wasserdampf unter Bildung von SO
3 zurück zum Chlorwasserstoff, vgl. z.B. [1] zur Cl
2-Unterdrückung. Auch freies Brom reagiert mit SO
2, vgl. [5]; vermutlich führt diese Reaktion zwischen Br
2 und SO
2 aber nicht direkt zu Bromwasserstoff, sondern im Kessel zunächst zu SO
2Br
2 (Sulfurylbromid), das nachfolgend in der sauren Wäsche zur HBr und SO
4 2- hydrolisiert wird. Bei der Verbrennung hochhalogenierter Abfälle ist bisher nicht
genau bekannt, welche Anteile der jeweiligen Halogenfracht im Kesselrauchgas zwischenzeitlich
als freie Halogene X
2 (z.B. als Cl
2 und/oder Br
2) vorliegen; man weiß nur, dass - gemäß der Temperaturabhängigkeit der thermodynamischen
Gleichgewichte der jeweiligen "Deacon-Reaktion" - im Fall Brom und Jod tendenziell
ein weit höherer Anteil an freien Halogenen nachgebildet wird als im Fall Chlor.
[0007] Gemäß Fabian et al. [1] sollte das Mengenverhältnis von Schwefel und Chlor im verbrannten
Abfallmenü derart sein, dass sich ein "molares Verhältnis von Schwefel/Chlor >1"ergibt.
Jedoch war nicht näher bekannt, wieviel "Chlor" (gemeint ist freies Chlor) als molare
Bezugsgröße bei wechselnden Chorgesamtfrachten im Kesselrauchgas zwischenzeitlich
vorliegt. Entsprechende Ungewissheit bestanden und bestehen bis heute auch bei den
anderen freien Halogenen wie insbesondere Br
2 und I
2.
[0008] Bekannt ist auch, dass die (im starksauren Wäscherbereich nahezu unlöslichen und
daher dort nicht auswaschbaren) freien Halogene wie z.B. Cl
2 und/oder Br
2 mit dem (im starksauren Wäscherbereich ebenfalls nahezu unlöslichen) Rest-SO
2 aus dem Kesselrohgas vor Quenche erst bei der nachfolgenden gemeinsamen Chemisorption
im alkalischen Wäscher gelöst und dann auch stabil als z.B. NaX eingebunden werden,
nämlich durch Reduktion des bei der Chemisorption neben NaX zunächst mitgebildeten,
instabilen Hypohalogenids NaOX zum stabilen NaX, vgl. [6].
[0009] Bekannt ist schließlich auch, dass diese Reduktion von NaOX zum stabilen NaX nicht
nur durch das Hydrogensulfid, das sich prozessintern aus dem im alkalischen Wäscher
zugleich chemisorbierten Rest-SO
2 bildet, erfolgen kann, sondern auch durch ein in den alkalischen Wäscher extern eingespeistes
Reduktionsmittel wie z.B. Thiosulfat (Na
2S
2O
3*5H
2O), vgl. [7].
[0010] Die aus dem Stand der Technik bisher bekannten Maßnahmen an Abfallverbrennungsanlagen
sind für eine zuverlässige und zugleich kostengünstige Unterdrückung und/oder Einbindung
der bei der Verbrennung von hochhalogenierten Abfällen gebildeten freien Halogene
nicht ausreichend. Infolge von gezielten Wechseln im Abfallmenü und von betrieblichen
Schwankungen kommt es häufig zu variierenden Halogengesamtfrachten. Dennoch fehlen
geeignete Maßnahmen für eine der aktuellen Halogengesamtfracht stets optimal angepasste
Betriebsmittelzugabe und eine demzufolge kostenoptimierte Unterdrückung freier Halogene,
insbesondere bei hohen Halogengesamtfrachten.
[0011] Die erfindungsgemäße Aufgabe ist es daher, ein Verfahren zur korrosions- und emissionsarmen
Mitverbrennung hochhalogenierter Abfälle in Abfallverbrennungsanlagen unter minimalem
Betriebsmittelverbrauch sowie minimalem Reststoffanfall zu finden.
[0012] Die Lösung der erfindungsgemäßen Aufgabe besteht in einem Verfahren und einer Vorrichtung
zur korrosions- und emissionsarmen Mitverbrennung hochhalogenierter Flüssigabfälle
in Abfallverbrennungsanlagen mit mindestens einem Feuerraum, einem Abhitzekessel,
einer Rauchgaswäsche (z.B. bestehend aus einer ein- oder mehrstufigen sauren Wäsche
und einer alkalischen Wäsche), wobei dem Feuerraum, neben sonstigen schwefelhaltigen
Abfällen, Fest- oder Flüssigschwefelschwefel oder entsprechende Schwefelträger wie
z.B. Abfallschwefelsäure geregelt zudosiert werden. Die Regelung der Zudosierung von
Schwefel oder entsprechender Schwefelträger erfolgt - im wesentlichen - proportional
zur aktuellen Halogengesamtfracht (z.B. der Chlor- und/oder Bromgesamtfracht) im Rauchgas.
[0013] Der Schwefel kann dem primären oder sekundären Feuerraum in Form von Festschwefel,
Flüssigschwefel oder sonstiger Schwefelträger, wie z.B. Abfallschwefelsäure, direkt
zugegeben werden.
[0014] Festschwefel wird vorzugsweise in pelletierter oder granulierter Form zugegeben.
Diese Zugabeform hat den Vorteil, dass der pelletierte oder granulierte Festschwefel
(z.B. sogenanntes Schwefelgranulat) sicher handhabbar sowie gut dosierbar ist, besser
als z.B. pulvrige Schwefelblüte. Das Schwefelgranulat wird bevorzugt durch pneumatischen
Eintrag in den primären Feuerraum zugegeben. Der Eintrag des Schwefelgranulats sollte
mit einem regelbaren Dosier- und Förderaggregat wie einer Dosierschnecke oder Vibrationsrinne
erfolgen. Bevorzugt wird eine drehzahlregelbare Dosierschnecke mit anschließendem
Injektor und pneumatischer Förderleitung zum Feuerraum, vorzugsweise zum Kopf des
Drehrohrofens ("Einblasen des Schwefelgranulats"). Abfallschwefelsäure wird mittels
einer regelbaren Dosierpumpe über Zerstäuberdüsen oder entsprechende Düsenstöcke in
den primären oder sekundären Feuerraum zugegeben.
[0015] Sonstige schwefelhaltige Abfälle wie auch der geregelt zudosierte Fest- oder Flüssigschwefel
oder Schwefelträger verbrennen im primären und/oder sekundären Feuerraum unter Bildung
von SO
2.
[0016] Die Zudosierung von Schwefel oder anderer Schwefelträger in den Feuerraum ist erfindungsgemäß
- ausgehend von der aktuellen Rauchgas-Halogengesamtfracht - so zu regeln, dass ein
rechnerisch ermittelter Soll-SO
2-Gehalt im Rauchgas vor Kessel oder - alternativ - ein entsprechender Soll-SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche fortlaufend eingehalten wird.
[0017] Der geregelt zudosierte Schwefel oder Schwefelträger soll das SO
2-Angebot im Kesselrauchgas hinreichend, aber nicht übermäßig erhöhen. Der sowohl für
die Unterdrückung freier Halogene im Kessel als auch für die Hypochlorid-Reduktion
in der nachfolgenden alkalischen Wäsche erforderliche SO
2-Bedarf wächst mit der Halogengesamtfracht, d.h. der notwendige SO
2-Gehalt im Rauchgas vor Kessel (nach Nachbrennkammer) bzw. der entsprechende SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas nach Kessel (vor Quenche) müssen mit der Halogengesamtfracht
angehoben werden. Dabei ist der Anteil freier Halogene an der Halogengesamtfracht
im Fall Brom oder gar Jod erheblich größer als im Fall Chlor und damit auch der spezifische,
d.h. auf die Rauchgas-Halogengesamtfracht bezogene Schwefelbedarf.
[0018] Es wurde anhand von "Chlor- und Schwefelbilanzen" in betrieblichen Versuchen ermittelt,
dass im Kesselrauchgas einer typischen Abfallverbrennungsanlage (betrieben mit Sauerstoffgehalten
von z.B. 11 Vol.-% tr. O
2 und Wasserdampfgehalten von z.B. 10 ... 30 Vol.-% tr. H
2O) aus Chlorwasserstoff via der sogenannten Chlor-Deacon-Reaktion (4 HCl + O
2 <---> 2 Cl
2 + 2 H
2O) mit fortschreitender Rauchgasabkühlung ca. 4 % von der Chlorgesamtfracht als freies
Chlor Cl
2 nachgebildet werden. Von diesen 4 % an nachgebildetem freien Chlor werden etwa 75
% (entsprechend etwa 3 % der Chlorgesamtfracht) noch im Kessel - via der Griffin-Reaktion
Cl
2 + SO
2 + H
2O ---> 2 HCl + SO
3 - mit SO
2 und Wasserdampf wieder zu HCl zurückgebildet. Bei ausreichendem Schwefelangebot gelangen
also ca. 99 % der Chlorfracht insgesamt als wasserlösliches HCl direkt ins Abwasser
der sauren Wäsche. Dementsprechend gelangen nur ca. 1 % von der Chlorfracht insgesamt
als freies Chlor Cl
2 ins Abwasser der anschließenden alkalischen Wäsche. Dort wird das freie Chlor Cl
2 zugleich mit dem SO
2 chemisorbiert und - bei ausreichendem Rest-SO
2-Angebot aus dem Kesselrohgas vor Quenche - zu Natriumchlorid reduziert.
[0019] Aus Betriebsversuchen und entsprechenden Bilanzen für den Fall Brom wurde ermittelt,
dass der nachgebildete Anteil freien Broms Br
2 im Kesselrauchgas einer Abfallverbrennungsan- lage (betrieben mit Sauerstoffgehalten
von z.B. 11 Vol.-% tr. O
2 und Wasserdampfgehalten von z.B. 10 ... 30 Vol.-% tr. H
2O) weit größer ist als der bei Chlor: Der Br
2-Anteil lag hier nämlich nicht bei nur 4 % von der Halogengesamtfracht (vgl. Chlor),
sondern zwischen 40 % bei kleineren Bromgesamtfrachten und 65 % bei sehr großen Bromgesamtfrachten.
[0020] Solche Bilanzen im Fall Brom belegen, dass das freie Brom bei ausreichendem SO
2-Angebot noch im Kessel zu > 90 % unterdrückt wird, wahrscheinlich durch die Bildung
von Sulfurylbromid SO
2Br
2 gemäß der Reaktionsgleichung SO
2 + Br
2 <---> SO
2Br
2. Unsere Betriebsversuche mit kleineren bis hin zu sehr großen Bromgesamtfrachten
ergaben jedenfalls, dass - wie bisher nicht bekannt - schon im Kessel ein Reaktionsprodukt
gebildet wird, wahrscheinlich dieses z.Zt. noch nicht direkt nachweisbare SO
2Br
2, das - nachweislich - im sauren Wäscherbereich zu HBr und SO
42- hydrolisiert. Bei ausreichendem SO
2-Angebot im Rauchgas findet man auch im Fall Brom ca. 99 % der Halogengesamtfracht
als Bromid HBr im Abwasser der sauren Wäsche wieder. Auch in diesem Fall gelangen
- ähnlich wie im Fall Chlor - nur ca. 1 % der Halogengesamtfracht als Br
2 ins Wasser der alkalischen Wäsche, wo es chemisorbiert und - bei ausreichendem Rest-SO
2-Angebot - zum stabilen NaBr reduziert wird.
[0021] Die Halogenidfracht des sauren Abwassers ist also ein gutes Maß der Halogengesamtfracht
des Kesselrauchgases, zumindest im stationären Betriebszustand, denn bei konstanter
Beaufschlagung ist die Halogengesamtfracht des Kesselrauchgases sowohl im Fall Chlor
als auch im Fall Brom - bei ausreichendem Schwefelangebot - zu ca. 99 % mit der Halogenidfracht
des Abwassers der sauren Wäsche identisch.
[0022] Im instationären Betriebszustand dagegen, d.h. bei schnellen Frachtänderungen, folgt
die mit dem sauren Abwasser aus der Quenche momentan ausgetragene Halogenidfracht
der aktuellen Halogengesamtfracht des Kesselrauchgases nur langsam nach, d.h. sie
erscheint mit dem Quenchenabwasser erst verspätet, nämlich zeitlich verzögert um die
mittlere Verweilzeit des Waschwassers im Sumpf der sauren Wäsche (Größenordnung: z.B.
45 min).
[0023] Die Halogenid-Konzentration im sauren Abwasser ergibt sich z.B. aus einer Leitfähigkeitsmessung.
Bekanntlich ist die elektrische Leitfähigkeit wässriger Halogenidlösungen stark temperaturabhängig;
daher ist in die Leitfähigkeitsmessung zur Temperaturkompensation eine Temperaturmessung
integriert. Die zugehörige Halogenid-fracht im sauren Abwasser ergibt sich dann durch
die Multiplikation der Halogenid-Konzentration mit dem z.B. mittels induktivem Durchflussmesser
gemessenen Volumenstrom des sauren Abwassers.
[0024] Alternativ zu der beschriebenen indirekten Ermittlung der Rauchgas-Halogengesamtfracht
als Halogenidfracht im sauren Abwasser könnte die aktuelle Rauchgas-Halogengesamtfracht
auch direkt, aber vergleichsweise aufwendig aus den HX- und X
2-Gehalten im Kesselrohgas und aus dem Rauchgasvolumenstrom oder einer dem Rauchgasvolumenstrom
proportionalen Größe wie der Dampfleistung des Kessels bestimmt werden; dazu müssten
z.B. mit Messgeräten auf Basis der Nah-Infrarot-Spektrometrie die HX- und X
2-Gehalte im Kesselrohgas vor Quenche gemessen werden.
[0025] Um den Schwefelbedarf - ausgehend von der aktuellen Halogengesamtfracht - stets hinreichend
zu decken, dabei aber nicht unnötig viel Schwefel anzubieten, empfiehlt sich für den
zuzudosierenden Schwefelmassenstrom zunächst ein "primärer Regelkreis unter Nutzung
einer betrieblich vorermittelten Schwefel-Dosierrampe". In diesem primären Regelkreis
dient der kontinuierlich gemessene SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel) als "geführte Regelgröße", siehe
weiter unten.
[0026] Die Unterdrückung von intermediären freien Halogenen vollzieht sich - wie erläutert
- im Kessel nicht immer vollständig, nämlich beispielsweise im Fall Chlor zu nur ca.
75 %. Die restlichen ca. 25 % freien Chlors gelangen in die alkalische Wäsche. Sofern
dort von externer Seite keine sonstigen Reduktionsmittel zugesetzt werden, bedarf
es also stets noch eines gewissen SO
2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel), um in der alkalischen Wäsche
prozessintern hinreichend viel Bisulfid als Reduktionsmittel bereitzustellen.
[0027] Das aus dem Rest-SO
2 des Kesselrohgases im alkalischen Wäscher prozessintern gebildete Bisulfid ist bekanntlich
nicht oxidationsstabil, d.h. es dient dort nicht nur der erwünschten Reduktion von
Hypochlorid (NaOCl), sondern reagiert zugleich auch mit gelöstem Sauerstoff. Der im
Fall Chlor erforderliche SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche ist daher erheblich höher als der in der alkalischen
Wäsche chemisorbierten Cl
2-Restfracht - stöchiometrisch gesehen - entspräche. Diese Erkenntnisse führen für
den Sollwert des SO
2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche in Abhängigkeit von der aktuellen Chlorgesamtfracht
(kg Cl
ges/h) bzw. - bei Bezug dieser Fracht auf den trockenen Rauchgasvolumenstrom - von der
entsprechenden Cl
ges-Konzentration im Kesselrohgas (mg Cl
ges /Nm
3 tr.) auf den Begriff einer anlagenspezifischen, betrieblich vorzuermittelnden "Schwefel-Dosierrampe".
[0028] Die Schwefel-Dosierrampe kann betrieblich - z.B. im Fall Chlor - folgendermaßen bestimmt
werden: Man führt einen dazu erforderlichen "Betriebsversuch bei einer vorgewählten
hohen Chlorgesamtfracht " durch und beginnt diesen mit einem zunächst stark überhöhten
Schwefelangebot und demzufolge einem stark überhöhten SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel). Folglich besteht im alkalischen
Wäscher zunächst auch ein erhebliches Bisulfid-Angebot; dagegen findet sich dort kein
Hypochlorid und entsprechend ist im Reingas nach alkalischer Wäsche zunächst kein
freies Chlor nachweisbar. Dann senkt man das Schwefelangebot schrittweise so weit
ab, bis reingasseitig freies Chlor nachweisbar wird. Die vorgewählte Chlorgesamtfracht
bzw. die entsprechende vorgewählte Cl
ges-Konzentration im Kesselrohgas (mg Cl
ges /Nm
3 tr.). einerseits und der so ermittelte zugehörige SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas andererseits, bei dem freies Chlor merklich nachweisbar
wird, bilden einen Punkt der Schwefel-Dosierrampe.
[0029] An sich genügt schon dieser eine Punkt, um eine Schwefel-Dosierrampe als den Zusammenhang
zwischen der Chlorgesamtfracht bzw. der Cl
ges -Konzentration im Rauchgas einerseits und dem notwendigen Mindestwert des kontinuierlich
gemessenen SO
2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel) andererseits festzulegen, denn
die Schwefel-Dosierrampe ist die Gerade durch diesen einen Messpunkt und den Koordinatenursprung.
Die so ermittelte Gerade gibt demnach für einen weiten Chlorfrachtbereich hinreichend
genau an, welcher Soll-SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel) bei unterschiedlichen Chlorgesamtfrachten
eingehalten werden muss, damit in der alkalischen Wäsche stets hinreichend Bisulfid
vorliegt und die dort erwünschte Hypochlorid-Reduktion erfolgt, so dass kaum mehr
freies Chlor Cl
2 im Reingas nach der alkalischer Wäsche vorzufinden ist oder nur eine minimale, unter
einem vorgegebenen Grenzwert liegende Cl
2-Reingaskonzentration.
[0030] Eine entsprechende anlagenspezifische Schwefel-Dosierrampe für die Zudosierung von
Schwefel kann auch im Fall Brom oder Jod ermittelt werden.
[0031] Infolge des "SO
2-Verzehrs" im Kessel muss der (betrieblich nicht gemessene) SO
2-Gehalt im Rauchgas vor Kessel deutlich höher sein als der (betrieblich fortlaufend
gemessene) SO
2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel). Die Bestimmung der Differenz,
d.h. des halogenbedingten SO
2-Verzehrs im Kessel kann rechnerisch erfolgen: Zur Berechnung im Fall Chlor ist beispielsweise
die aktuelle Chlorgesamtfracht (bzw. die entsprechende Chloridfracht im sauren Abwasser)
mit dem anlagenspezifischen Cl
2-Umsatz im Kessel (z.B. 3 % von der Chlorgesamtfracht, nämlich 75 % von insgesamt
4 %) zu multiplizieren, dieser Wert dann durch die Molmasse von Cl
2 (70,914 kg Cl2 /kmol) zu teilen und schließlich mit der Molmasse von Schwefeldioxid
(64,06 kg S/kmol) zu multiplizieren. Dieser berechnete chlorbedingte SO
2-Verzehr im Kessel ist nun dem der Chlorgesamtfracht entsprechenden SO
2-Restbedarf laut Schwefel-Dosierrampe hinzuzurechnen. Schließlich ist noch der SO
2-Verzehr durch die bekannte, unvermeidliche oxidative SO
2/SO
3-Konversion zu berücksichtigen; in Abfallverbrennungsanlagen unter 11 Vol.-% Sauerstoff
sind das ca. 8 % von der SO
2-Gesamtfracht. Demzufolge ist der bisher ermittelte SO
2 -Gehalt im Rauchgas vor Kessel noch um den entsprechenden Faktor 1 + 0,08/0,92 =
1,09 zu vergrößern . Der rechnerisch so ermittelte SO
2-SOLL-Gehalt im Rauchgas vor Kessel bzw. der entsprechende Schwefelmassenstrom reicht
sowohl für die kesselinterne Teilunterdrückung von freiem Chlor als auch für die Hypochlorid-Reduktion
im Umlaufwasser der alkalischen Wäsche aus.
[0032] Entsprechend kann im Fall Brom verfahren werden. Hierbei wird die rauchgasseitige
Bromgesamtfracht bzw. die abwasserseitige Bromidfracht mit dem für den Fall Brom ermittelten
anlagenspezifischen Anteil intermediären freien Broms multipliziert. Dieser Anteil
beträgt nach unseren Betriebsversuchen zwischen 40 % bei niedrigen Bromgesamtfrachten
bis hin zu 65 % bei hohen Bromgesamtfrachten, ist also weit größer als im Fall Chlor.
Im Gegensatz zum freien Chlor setzt sich das freie Brom mit SO
2 noch im Kessel weitgehend um (vermutlich zu SO
2Br
2), nämlich zu > 90 %. Näherungsweise ist im Kessel von einem 100 %igen Br
2-Umsatz auszugehen. Zwecks Berechnung wird demzufolge die gesamte intermediäre Br
2 -Fracht durch die Molmasse von Br
2 (159,88 kg Br2/kmol) geteilt und mit der Molmasse von Schwefeldioxid (64,06 kg S/kmol)
multipliziert. Mit einem entsprechenden Zuschlag um den Faktor 1,09 wird auch hier
- wie oben beschrieben - noch der Schwefelverzehr infolge der oxidativen SO
2/SO
3-Konversion berücksichtigt.
[0033] Das hier beschriebene alternative Vorgehen einer Regelung mit einem mitlaufend berechneten
SO
2 -SOLL-Gehalt im Rauchgas vor Kessel als "geführtem Sollwert" eines primären Regelkreises
ist immer dann von Interesse, wenn man den in der alkalischen Wäsche erforderlichen
Reduktionsmittelbedarf für die Hypohalogenid-Reduktion nicht über das Rest-SO
2 aus dem Kesselrohgas vor Quenche decken will, sondern durch ein extern zugeführtes,
oxidationsstabileres Reduktionsmittel wie Thiosulfat. In diesem Fall wird man die
Schwefel-Dosierrampe auf Werte dicht über Null ("kein Bedarf für Rest- SO
2 als Reduktionsmittel") setzen; der zudosierte Schwefel dient also nur dem kesselinternen
Halogen-Verzehr und statt des Rest-SO
2 aus dem Kesselrohgas bildet z.B. extern eingespeistes Thiosulfat das Reduktionsmittel.
[0034] Bei SO
2-Mangel ins Reingas durchschlagendes freies Chlor oder Brom wird durch direkte Messung
des Cl
2- oder Br
2-Gehalts im Reingas nach alkalischer Wäsche (z.B. nach Saugzug, aber wohlgemerkt noch
vor einem gegebenenfalls nachgeschaltetem SCR-Katalysatorbett) gemessen, vorzugsweise
mittels einer elektrochemischen Messzelle wie dem sogenannten Chemosensor der Fa.
Dräger Sicherheitstechnik (vgl. [8]). Das Messgas wird im Bypass kontinuierlich aus
dem Rauchgaskanal abgezogen, getrocknet und dann im Chemosensor analysiert. Freies
Chlor (oder freies Brom) bewirkt in der Messzelle des Chemosensors eine Spannungsänderung,
die in eine Konzentration umgerechnet wird. Wegen der großen Querempfindlichkeit des
Sensors gegenüber den im Reingas vor SCR mitenthaltenen Stickoxiden (NO
x) sind die primären Cl
2-Messwerte allerdings bezüglich der NO
x-bedingten Cl
2-Scheinanzeige mittels des aktuellen NO
x-Reingasgehalts fortlaufend zu korrigieren.
[0035] Alternativ könnte man zur Kontrolle der Cl
2- oder Br
2-Gehalte im Reingas nach Rauchgaswäsche (z.B. nach Saugzug, aber wohlgemerkt noch
vor einem gegebenenfalls nachgeschaltetem SCR-Katalysatorbett) - anstelle oder zusätzlich
zu der elektrochemischen Messzelle - aber auch ein anderes kontinuierlich anzeigendes
Cl
2- oder/und Br
2- Messgerät positionieren, z.B. ein Gerät auf Basis der Nah-Infrarot-Spektrometrie.
[0036] Im Fall Chlor muss die Reingas-Messung durchschlagender freier Halogene vor SCR-Katalysatorbett
erfolgen, da das freie Chlor beim Reingasdurchgang durch die SCR nachweislich - gemäß
der am SCR-Katalysator katalysierten Chlor- Deacon-Reaktion unter den dort vorliegenden
Reingasbedingungen (geringe Chlor-Restfracht, hoher Wasserdampfgehalt, ca. 300°C)
- weitgehend zu HCl zurückreagiert. Dies gilt allerdings nicht für freies Brom (Brom-Deacon-Reaktion)
und freies Jod (Jod-Deacon-Reaktion).
[0037] Eine weitere Kontrolle der ausreichenden Bereitstellung von SO
2 wäre z.B. auch durch Messung des Hypohalogenid-Gehalts im Abwasser der alkalischen
Wäsche möglich.
[0038] Bei sprunghafter Erhöhung des Durchsatzes an hochhalogenierten Abfällen folgt die
Halogenidfracht im Abwasser der sauren Wäsche der aktuellen Halogengesamtfracht im
Rauchgas - wie erläutert - verzögert, bedingt durch die Verweilzeit des sauren Abwassers
im sauren Wäscherumlauf/Wäschersumpf.
[0039] Im Fall derartiger sprunghafter Frachtanhebungen wird also der Soll-SO
2-Gehalt (sei es der rechnerisch geführte Soll-SO
2-Gehalt im Rauchgas vor Kessel oder der über eine Leitfähigkeits- und Abwassermengenmessung
direkt geführte Soll-SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche) trotz des Regelungseingriffs durch den primären
Regelkreis nicht ausreichend schnell der aktuellen Halogengesamtfracht angepasst,
so dass es zwischenzeitlich zu einem SO
2-Mangel und demzufolge zu einem unerwünschten Durchschlag von z.B. freiem Cl
2 oder Br
2 ins Reingas nach alkalischer Wäsche kommen kann.
[0040] Um durch schnelle Frachtanhebungen bedingte Durchbrüche gänzlich zu vermeiden, muss
die zudosierte Schwefelmenge rechtzeitig angehoben und zwischenzeitlich so lange überhöht
werden, z.B. um 5-100 %, bevorzugt um 10-50 %, bis die vom primären Regelkreis angeforderte
Schwefelmenge wieder allein für die X
2-Unterdrückung und die NaOX-Reduzierung ausreicht.
[0041] Um diese Anhebung zu realisieren, wird der Soll-SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vor Quenche über einen "erweiterten Regelkreis" um bis
zu 1000 mg SO
2/Nm
3tr. erhöht, beispielsweise im Fall Chlor ab einem Cl
2-Gehalt im Reingas ≥ 0,5 mg Cl
2/Nm
3tr. und zunehmend mit der Höhe des im Reingas gemessenen Cl
2-Gehalts. Damit ist gesichert, dass auch bei sprunghafter Chlorfrachterhöhung im Kesselrohgas
vor Quenche stets ein genügend großer SO
2-Überschuss vorliegt.
[0042] Alternativ kann die Schwefelmenge auch beim entsprechenden ersten Ansteigen der Halogenid-Fracht
im sauren Abwasser (als Indiz für eine erfolgende sprunghafte Erhöhung der Halogengesamtfracht)
überhöht werden, vorzugsweise proportional zur beobachteten Anstiegsgeschwindigkeit
der Leitfähigkeit.
[0043] Beide Maßnahmen, sowohl der mögliche Eingriff auf Grund der Konzentration freien
Halogens im Reingas hinter Rauchgaswäsche als auch der mögliche Eingriff auf Grund
eines schnellen Ansteigens der Halogenidfracht im sauren Abwasser, können im "erweiterten
Regelkreis" zusammen oder getrennt genutzt werden.
[0044] Das erfindungsgemäße Verfahren zur kontrollierten Unterdrückung von freien Halogenen
kann sinngemäß auch bei diskontinuierlicher Abfallaufgabe ("Gebinde-Fahrweise") eingesetzt
werden. In diesem Fall ist die Dosierung von Schwefel und/oder sonstiger Schwefelträger
mit der Gebindeaufgabe zu koppeln, d.h. periodisch anzuheben und zwar - je nach Halogen-
oder Halogenidinhalt der Gebinde - sowohl hinsichtlich Höhe, Zeitpunkt und Dauer des
zugehörigen Schwefel-Dosierstoßes.
[0045] Die an den Aufgabetakt gebundene, hinsichtlich Höhe, Zeitpunkt und Zeitdauer auf
die Gebindegröße abgestimmte Dosierung von Schwefel und/oder sonstiger Schwefelträger
kann auf automatisch eingelesene individuelle Bar-Codes zu Heizwert, Halogenart und
Halogenmenge der einzelnen Gebinde zurückgreifen.
[0046] Für den Fall, dass Schwefel-Granulat zudosiert wird, ist die Vorrichtung zur Zudosierung
auch hier bevorzugt eine Dosierschnecke mit nachfolgender pneumatischer Förderstrecke
zum primären Feuerraum.
[0047] Für den Fall, dass Abfallschwefelsäure zudosiert wird, ist die Vorrichtung zur Zudosierung
des Schwefels bevorzugt eine Dosierpumpe mit nachfolgender Düse oder Düsenstock, über
die in den primären oder sekundären Feuerraum zerstäubend eingedüst wird.
[0048] Das erfindungsgemäße Verfahren hat den Vorteil, dass durch die geregelte Zudosierung
von Schwefel oder sonstigen Schwefelträgern in den Feuerraum gleich an zwei Stellen
der Verbrennungsanlage freie Halogene wie Cl
2 und/oder Br
2 beseitigt werden, nämlich einmal schon im Abhitzekessel (direkte Gasphasenreaktion
mit SO
2) und zum anderen in der alkalischen Wäsche (Hypohalogenid-Reduktion mit aus chemisorbiertem
Rest-SO
2 gebildetem Bisulfid). Durch die geregelte Zudosierung von Schwefel proportional zur
variierenden Halogengesamtfracht (primärer Regelkreis) und die Störgrößenaufschaltung
mit zwischenzeitlicher Überhöhung der Schwefelmenge bei Durchschlagen von freien Halogenen
ins Reingas (erweiterter Regelkreis mit Störgrößenaufschaltung) wird sichergestellt,
dass einerseits der Mindestbedarf an Schwefel gedeckt wird, anderseits aber die saure
bzw. alkalische Wäsche nicht unnötig mit oxidierten Schwefelverbindungen wie SO
3/SO
42- (saure Wäsche) bzw. SO
2 (alkalische Wäsche) belastet werden. Demnach erfolgt kein unnötig hoher Schwefelverbrauch
und damit auch kein unnötig hoher Alkaliverbrauch, weder in der alkalischen Wäsche
(Verbrauch an NaOH), noch in einer nachgeschalteten Abwasserbehandlung / Schwermetallfällung
(z.B. Verbrauch an Ca(OH)
2), und somit schließlich auch kein unnötig hoher Anfall von zu deponierenden Reststoffen
wie z.B. Calciumsulfatdihydrat CaSO
4 x 2 H
2O.
Literatur
[0049]
[1] H.W. Fabian, P. Reher und M. Schoen
"How Bayer incinerates wastes",
Hydrocarbon Processing, April 1979, S. 183
[2] R.D.Griffin
"A New Theorie of Dioxin Formation in Municipal Solid Waste
Combustion",
Chemosphere Vol. 15 (1986), S. 1987-1990;
[3] T. Geiger, H. Hagemeiner, E. Hartmann, R. Römer, H. Seifert
"Einfluss des Schwefels auf die Dioxin- und Furanbildung bei der Klärschlammverbrennung",
VGB Kraftwerkstechnik 72(1992), S. 159-165;
[4] P. Samaras, M. Blumenstock, D. Lenoir, K. W. Schramm, A. Ketttrup
"PCDD/F Prevention by Novel Inhibitors: Addition of Inorganic S- and N-Compounds in
the Fuel before Combustion",
Environ. Sci. Technol. 34 (2000), S. 5092 -5096
[5] D.A. Oberacker, D.R. Roeck, R. Brzezinski
"Incinerating the Pesticide Ethylene Dibromid (EDB: a Field-Scale Trial
Burn Evaluation Environmental Performance",
Report EPA/600/D-88/198, Order No. PB89-118243 (1988)
[6] EP 0 406 710
[7] W. Oppenheimer, K. Marcek: "Thermische Entsorgung von Produktionsabfällen",
Entsorgungs-Praxis 6 (2000), S. 29- 33
[8] Fa. Dräger Sicherheitstechnik: Produkspezifikatzion für DrägerSensor Cl2 - 68 09 725
Figuren und Beispiele
[0050] Es zeigen:
- Figur 1
- Schema einer Abfallverbrennungsanlage (Sonderabfall-Verbrennungsanlage VA1 im BAYER-Entsorgungszentrum
Leverkusen-Bürrig)
- Figur 2
- Geschlossene Schwefelbilanz über Feuerung, Kessel und saure Wäsche für die Verbrennung
hochchlorierter Abfälle
- Figur 3
- Chlorbilanz (HCl-Austrag mit dem Abwasser der sauren Wäsche bzw. NaCl-Austrag mit
dem Abwasser der alkalischen Wäsche)
- Figur 4
- Primärer Regelkreis
- Figur 5
- Schwefel-Dosierrampe für die Verbrennung hochchlorierter Abfälle
- Figur 6
- Ermittlung eines Punktes der linearen Schwefel-Dosierrampe
- Figur 7
- Sprunghafte Anhebung der Halogengesamtfracht im Rauchgas und demgegenüber verzögerter
Anstieg der Halogenidfracht im sauren Abwasser
- Figur 8
- Beispiel für Cl2-Durchbruch bei sprunghafter Frachtanhebung unter Nutzung allein des primären Regelkreises
- Figur 9
- Erweiterter Regelkreis mit Störgrößenaufschaltung
- Figur 10
- Korrektur der Cl2-Scheinanzeige infolge NOx-Querempfindlichkeit eines Cl2-Messgeräts im Reingas vor SCR
- Figur 11
- Aufgeprägte Chlorfrachtsprünge zum in nachfolgender Figur 12 dargestellten Versuch
unter Nutzung des erweiterten Regelkreises
- Figur 12
- Bei Nutzung des erweiterten Regelkreises mit Störgrößenaufschaltung ist trotz sprunghafter
Frachtanhebung ein Cl2-Durchbruch nicht zu beobachten
- Figur 13
- Geschlossene Schwefelbilanz über Feuerung, Kessel und saure Wäsche für die Verbrennung
hochbromierter Abfälle
- Figur 14
- Brombilanz (HBr-Austrag mit dem Abwasser der sauren Wäsche bzw. NaBr-Austrag mit dem
Abwasser der alkalischen Wäsche)
- Figur 15
- Vergleich der Leitfähigkeit von wässrigen HCl- und HBr-Lösungen
- Figur 16
- Rückkonversion von Cl2 zu HCl beim Reingasdurchgang durch die nachgeschaltete SCR
[0051] Figur 1 zeigt eine typische Abfallverbrennungsanlage (hier die Sonderabfall-Verbrennungs-
anlage VA1 im BAYER-Entsorgungszentrum Leverkusen-Bürrig) mit Aufgabevorrichtungen
für Festabfälle und Gebinde 1 sowie für Flüssigabfälle 2, dem Drehrohrofen 3, der
Nachbrennkammer 4, dem Abhitzekessel 5, der Quenche 6, dem sauren Rotationszerstäuberwäscher
7, dem alkalischen Rotationszerstäuberwäscher 8, der Kondensations-EGR 9, Saugzügen
10, einer nachgeschalteten SCR-Entstickungsanlage 11 und dem Kamin 12.
[0052] Figur 2 zeigt beispielhaft für den Fall Chlor, d.h. die Verbrennung hochchlorierter
Abfälle, eine "geschlossene Schwefelbilanz über Feuerung, Kessel und saure Wäsche".
Diese Darstellung liefert den Nachweis, dass im Kessel ca. 3 % der Chlorgesamtfracht
als intermediäres Cl
2 noch im Kessel mittels SO
2 wieder zu HCl und SO
3 zurückreagieren; das dabei gebildete SO
3 findet man im sauren Quenchenabwasser als SO
42- wieder. Die betrieblichen Versuche zu Figur 2 wurden unter einem konstanten hohen
Schwefelangebot bei schrittweise steigender Chlorgesamtfracht durchgeführt. Abszisse
des Diagramms ist die Chlorfracht insgesamt, bezogen auf den trockenen Rauchgasvolumenstrom,
also beschrieben als mg Cl
ges/Nm
3tr.. Ordinate des Diagramms ist der "Schwefelmassenstrom", enthalten im rauchgasseitigen
SO
2 bzw. im abwasserseitigen SO
42-, jeweils ebenfalls bezogen auf den trockenen Rauchgasvolumenstrom von ca. 40 000
Nm
3tr./h an der hier untersuchten Anlage (mg S/Nm
3tr.). Mitangegeben in Figur 2 sind einige SO
2-Messwerte hinter der sauren Wäsche, also im sauer gewaschenen Reingas vor der alkalischen
Wäscher, um zu belegen, dass das rohgasseitige SO
2 (nach Kessel/vor Quenche) den sauren Wäscherbereich erwartungsgemäß passiert.
[0053] Figur 3 zeigt die zugehörige Chlorbilanz, nunmehr einschließlich der alkalischen
Wäsche (alkalischer Rotationszerstäuberwäscher (ARW)), um beispielhaft zu belegen,
dass - bei ausreichendem Schwefelangebot - 99 % der Chlorgesamtfracht als HCl in die
saure Wäsche und nur 1 % der Chlorgesamtfracht als Cl
2 in die alkalische Wäsche gelangen und dort (über das Rest- SO
2 im Kesselrohgas vor Quenche) letztlich zum stabilen Chlorid reduziert werden.
[0054] Figur 4 zeigt beispielhaft für den Fall Chlor den primären Regelkreis mit Nutzung
der chlorspezifischen Schwefel-Dosierrampe 13 unter Führung des Rest-SO
2-SOLL-Werts 14a im Kesselrohgas 14 vor Quenche anhand der Halogenidfracht im Quenchenabwasser;
letztere wird aus dem HCl-Gehalt 15 im Abwasser (bestimmt anhand temperaturkompensierter
Leitfähigkeitsmessung 16) durch Multiplikation mit dem Abwasservolumenstrom 17 (MID-Messung)
ermittelt. Die Eindosierung des erforderlichen Massenstroms an Schwefelgranulat 18
zum Kopf des primären Feuerraums (Drehrohrofen) 3 erfolgt über die Dosierschnecke
19 und eine pneumatische Transportleitung 20. Stellgröße ist die Drehzahl des Dosierschneckenantriebs
21. Diese Drehzahl wird über den P-I-Regler R.3332 22 verändert. Dieser Regler 22
gleicht den hinter dem Abhitzekessel 5 gemessenen Rest-SO
2-IST-Wert 14a ständig mit dem gemäß Schwefelsdosierrampe 13 erforderlichen Rest-SO
2-SOLL-Wert 23 ab.
[0055] Figur 5 zeigt - wiederum beispielhaft für den Fall Chlor - die im primären Regelkreis
(Figur 4) genutzte, betrieblich vorermittelte chlorspezifische Schwefel-Dosierrampe.
Zur ihrer Ermittlung wurden 6 Verbrennungsversuche mit unterschiedlicher Gesamtfrachten
durchgeführt. Die Hauptparameter dieser Betriebsversuche sind in Tabelle 1 angegeben.
Bei jedem der Betriebsversuche wurde der Durchsatz eines hochchlorierten Flüssigabfallgemisch
von Dichlorpropan DCP und chloriertem Kohlenwasserstoff CKW (mit jeweils bekannten
Chlorgehalten) konstant gehalten. Die jeweilige Chlorfracht (bezogen auf den trockenen
Rauchgasvolumenstrom von ca. 40000 Nm
3tr./h) ist als Abszissenwert in Figur 5 abzulesen; die Ordinate in Figur 5 gibt den notwendigen
Rest-SO2-SOLL-Wert (Mindest-SO
2-Restgehalt) im Kesselrohgas vor Quenche an, bezogen auf den trockenen Rauchgasvolumenstrom.

[0056] Figur 6 zu Versuch 4 in Tabelle 1 belegt beispielhaft das Vorgehen bei der Ermittlung
eines Punktes der Schwefel-Dosierrampe. Das Diagramm zeigt die Gehalte an Rest-SO2
im Kesselrohgas (linke Ordinate) und an freiem Chlor im Reingas nach alkalischer Wäsche,
gemessen hinter Saugzug (rechte Ordinate) in Abhängigkeit der Versuchszeit. Es wurde
zunächst ein hoher SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vorgewählt und mit Versuchsbeginn dann langsam erniedrigt.
Ab einem SO
2-Restgehalt von etwa 1400 mg SO
2/Nm
3tr. im Kesselrohgas vor Quenche beginnt die Cl
2-Konzentration im Reingas vor SCR schwach anzusteigen, bis es nach 12:30 Uhr bei etwa
500 mg Rest-SO
2 /Nm
3tr. zu einem merklichen Anstieg des freien Chlors (Cl
2-Durchbruch) kommt. Der SO
2-Restgehalt, ab dem die Cl
2-Konzentration im Reingas stark ansteigt, und die zugehörige Cl
ges-Konzentration im Rauchgas (hier ca. 36 g Cl
ges/Nm
3tr.) legen einen Punkt der Schwefel-Dosierrampe fest. Die weiteren Versuche belegen,
dass die Schwefel-Dosierrampe tatsächlich eine Gerade ist.
[0057] Wie Figur 7 zu einer gezielten sprunghaften Anhebung des Halogendurchsatzes - wiederum
am Beispiel Chlor - zeigt, folgt die über das Abwasser der sauren Wäsche indirekt
ermittelte Halogenidfracht der aktuellen Halogengesamtfracht im Rauchgas verzögert
nach, bedingt durch die Größe des Wäschersumpfes.
[0058] Figur 8 zeigt den bei sprunghafter Frachtanhebung durch diese Verzögerung bedingten
SO
2-Mangel infolge nacheilender Erfassung der aktuellen Halogengesamtfracht sowie den
- bei alleinigem Betrieb des primären Regelkreises - noch zu beobachtenden Cl
2-Durchbruch ins Reingas nach alkalischer Wäsche. Nach Inbetriebnahme des primären
Regelkreises um 13:45 Uhr fährt der primäre Regelkreis den SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas vom vorgewählten Wert zunächst auf den gemäß der Schwefel-Dosierrampe
momentan tatsächlich erforderlichen Wert zurück. Um 14:35 Uhr erfolgte hier nun die
gezielt herbeigeführte sprunghafte Chlorfrachterhöhung von 900 kg/h auf 1400 kg/h
(vgl. Figur 7). Infolge der verzögerten Erfassung der schnell ansteigenden aktuellen
Chlorgesamtfracht und somit verzögerter Nachführung des SO
2-Restgehalts kommt es im Reingas nach 45 min (16:15 Uhr) zu einem Ansteigen der Cl
2-Konzentration und schließlich zu einem "Cl
2-Durchbruch" auf Werte >> 5 mg Cl
2/Nm
3tr. im Reingas. Wenn der SO
2-Restgehalt schließlich den erforderlichen Endwert erreicht, ist zugleich der Cl
2-Durchbruch beendet.
[0059] Derartige Cl
2-Durchbrüche lassen sich mit dem in Figur 9 dargestellten, gegenüber dem primären
Regelungskreis erweiterten "Regelkreis mit Störgrößenaufschaltung" unterbinden. Gemäß
dem erweiterten Regelungskonzept wird der Rest-SO
2-SOLL-Wert 14a im Kesselrohgas 14 vor Quenche nicht allein über die Schwefel-Dosierrampe
13 gemäß der nacheilenden Chloridfracht des sauren Abwassers geführt und damit die
zudosierte Schwefelmenge 18 allmählich angehoben. Vielmehr wird der Rest-SO
2-SOLL-Wert 14a im Kesselrohgas 14 vor Quenche zwischenzeitlich gezielt überhöht, sobald
im Reingas nach alkalischer Wäsche 8 / hinter Saugzug 10 (aber wohlgemerkt noch vor
nachgeschaltetem SCR-Katalysatorbett) vermehrt freies Chlor zu messen ist. Zu dieser
Messung des freien Chlors wird vorzugsweise ein Chemosensor 25 der Fa. Dräger Sicherheitstechnik
eingesetzt. Das Messgas wird kontinuierlich aus dem Rauchgaskanal abgezogen, getrocknet
und analysiert. Das freie Chlor bewirkt in der Messzelle des Chemosensors 25 eine
Spannungsänderung, die in eine Konzentration umgerechnet wird. Wegen der großen Querempfindlichkeit
des Sensors 25 gegenüber dem im Reingas vor SCR noch mitenthaltenen Stickoxid NO
x 26 wird der primäre Cl
2-Messwerte aus dem Sensor 25 bezüglich der NO
x-bedingten Scheinanzeige mit gerätespezifischen Korrekturfaktoren 27 korrigiert (Berechnung
der Scheinanzeige 28, Subtraktion der Scheinanzeige vom primären Cl
2-Meßwert 29).
[0060] Die Cl
2-Scheinanzeige ΔCl
2 (28) infolge NO
x-Querempfindlichkeit der installierten Dräger-Messzelle 25 folgt einer einfachen gerätspezifischen
Korrekturgleichung, z.B. in der Form ΔCl
2/ppm= a * NO
x /(mg/Nm
tr.). Bei gelegentlich hohen NO
x-Gehalten im Reingas vor SCR ist es - angesichts des niedrigen Cl
2-Grenzwerts - ratsam, eine Korrekturgleichung der Form ΔCl
2/ppm = a' * [(NO
x /(mg/Nm
tr. ))
2 - b' * NO
x /(mg/Nm
tr. )] anzusetzen und die Koeffizienten a' und b' dieser Korrekturgleichung durch entsprechende
Betriebsmessungen abzusichern; dies kann z.B. am betrieblichen Rauchgas bei NO
x-reicher, aber chlorfreier Fahrweise direkt erfolgen (Messergebnisse in Figur 10).
[0061] Wie Figur 9 weiterhin zeigt, wird der NO
x-korrigierte Cl
2-Messwert ab einem vorwählbaren Cl
2-Gehalt 30 im Reingas von z.B. 0,5 mg Cl
2/Nm
3tr. durch den Regler R.3401 31 in eine zusätzliche SO
2-Anforderung umgesetzt, die im Verstärker 32 nochmals um einen vorwählbaren Verstärkungsfaktor
33, z.B. den Faktor 10, angehoben werden kann. Diese zusätzliche SO
2-Anforderung wird im "Störgrößen-Additionsgerät" 34 zu der SO
2-Anforderung seitens des primären Regelkreises - hinzuaddiert. So erhöht sich der
SO
2-SOLL-Wert 23 um z. B. 1000 mg SO
2/Nm
3tr. Der Regler 22 gleicht nun wieder den hinter Abhitzekessel 5 gemessenen Rest-SO
2-IST-Wert 14a ständig mit dem gemäß der beschriebenen Störgrößen-Aufschaltung erhöhten
Rest-SO
2-SOLL-Wert 23 ab
[0062] Damit ist gesichert, dass bei einer sprunghaften Chlorfrachterhöhung stets ein genügend
großes SO
2-Angebot vorliegt.
[0063] Als redundante Sicherheitsmaßnahme gegen Cl
2-Durchbrüche kann auch der zeitliche Anstieg der Chloridfracht im Quenchenabwasser
mitverwertet werden, z.B. über einen regelungstechnischen Differenzierbaustein DIF
(Differenzierung des zeitlichen Anstiegs 24), um im Fall eines schnellen Anstiegs
auch von hier aus den Rest-SO
2-SOLL-Wert 23 unmittelbar zu überhöhen.
[0064] Alle Maßnahmen zur zwischenzeitlichen Anhebung des Rest-SO
2-SOLL-Werts 23 über den allein von der Schwefel-Dosierrampe 13 nacheilend angeforderten
Rest-SO
2-SOLL-Wert hinaus können zusammen (Addition in Störgrößen-Additionsgerät 34) oder
getrennt eingesetzt werden.
[0065] Um die Wirkung des erweiterten Regelkreises mit Störgrößenaufschaltung zu demonstrieren,
wurden in einem weiteren Betriebsversuch nochmals große Sprünge der Chlorgesamtfracht
gezielt herbeigeführt, vgl. Figur 11. Trotz der in Figur 11 gezeigten starken und
schnellen Frachtänderungen lieferte der erweiterte Regelkreis (Figur 9) das in Figur
12 gezeigte hervorragende Ergebnis: Bei Inbetriebnahme des erweiterten Regelkreises
um 12:40 Uhr fällt der SO
2-Restgehalt zunächst auf den gemäß Schwefel-Dosierrampe der Chlorgesamtfracht entsprechenden
Wert von ca. 1200 mg SO
2 /Nm
3tr. zurück. Nach der Chlorfrachtabsenkung von 1500 kg/h auf 1100 kg/h um 13:10 Uhr verringert
sich der SO
2-Restgehalt im Kesselrohgas weiter. Um 14:30 Uhr wird dann die Chlorfracht sprunghaft
angehoben. Durch das Auftreten von freiem Chlor > 0,5 mg/Nm
3tr. im Reingas erfolgt daraufhin über den Regler R. 3401 (vgl. Figur 9) eine voreilende
Überhöhung des Rest-SO
2-SOLL-Werts und damit eine zügige Anhebung des tatsächlichen SO
2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche um ca. 1000 mg SO
2/ Nm
3 tr. Demzufolge kommt es zu keinem Cl
2-Durchbruch, vielmehr geht der Cl
2-Gehalt im Reingas sogleich wieder auf Werte < 0,5 mg/Nm
3tr. zurück. Hinweis: Um 16:10 Uhr kam es zu einer kurzzeitigen Störung der Schwefel-Dosierschnecke;
demzufolge sank der SO
2-Restgehalt kurzzeitig tief ab, so dass es im Reingas nochmals zu einem kleinen Peak
an freiem Chlor kam (16:15 Uhr). Als Antwort des erweiterten Regelkreises auf vergleichbare
starke Frachtsprünge wie zuvor werden also - im Gegensatz zum primären Regelkreis
(vgl. Figur 4) allein - nur noch äußerst kleine Cl
2-Peaks im Konzentrationsbereich << 5 mg Cl
2/Nm
3tr. festgestellt.
[0066] Die bisher beschriebenen Beispiele beschränkten sich im wesentlichen auf die Verbrennung
chlorhaltiger Abfälle. Wie aber die geschlossene Schwefelbilanz für Brom in Figur
13 sowie die Brombilanz in Figur 14 belegen, treffen die früher am Beispiel Chlor
ermittelten Grundzusammenhänge im Prinzip auch bei den anderen Halogenen - wie dem
hier als weiteres Beispiel betrachteten Brom - zu, allerdings sind weit höhere Anteile
der freien Halogene im Spiel.
[0067] Analog zu Figur 2 für den Fall Chlor zeigt Figur 13 für den Fall Brom, dass im Kessel
ein Br
2-Anteil von im Mittel ca. 61 % an der Bromgesamtfracht (statt 3 % im Fall Chlor) umgesetzt
wird. Hinweis: Der im Versuch verbrannte bromreiche Flüssigabfall enthielt neben 25
% Brom auch ca. 3 % Chlor; dies Chlor ist in Figur 13 berücksichtigt, d.h. das dargestellte
Auswertungsergebnis ist "chlorbereinigt".
[0068] Analog zu Figur 3 für den Fall Chlor zeigt Figur 14 für den Fall Brom, dass auch
hier nur ca. 1 % der Gesamtfracht in die alkalische Wäsche gelangen, d.h. trotz des
wesentlich höheren Anteils freien Broms an der Bromgesamtfracht werden - bei hinreichendem
Schwefelangebot - auch hier 99 % der Bromgesamtfracht in der sauren Wäsche abgeschieden.
[0069] Als letztes zeigt Figur 15 den Vergleich der Leitfähigkeit (temperaturkompensiert
auf 20°C) von wässrigen HCl- und HBr-Lösungen. Bei gleicher Leitfähigkeit ist der
Massengehalt an Bromid gegenüber dem Massengehalt an Chlorid - entsprechend dem Molmassenverhältnis
HBr/HCl = 80,948 / 36,465 = 2,22 - etwas mehr als doppelt so groß.
[0070] Viele hochchlorierte Flüssigabfälle enthalten kein Brom oder nur wenig Brom. Die
meisten hochbromierten Flüssigabfälle dagegen enthalten neben Brom auch merklich Chlor.
Bei Auswertung der Leitfähigkeitsmessungen kann man im Fall solcher brom - und zugleich
chlorreichen Abfälle, ohne bei der späteren Berechnung des Schwefelbedarfs einen nennenswerten
Fehler zu machen, z.B. allein von Brom (als Haupthalogen) ausgehen, d.h. sich nur
auf die Leitfähigkeitskurve wässriger Bromidlösungen beziehen, sofern man - bei der
anschließenden Berechnung des Schwefelbedarfs - auch wieder nur von Bromid ausgeht,
d.h. die zugehörige Molmasse von HBr benutzt. Auf diesem Wege wird bei Auswertung
der Leitfähigkeitsmesswerte anstelle der mitvorhandenen Chloridmenge eine hinsichtlich
des Schwefelbedarfs "äquivalente Bromidmenge" ermittelt.
[0071] Abschließend belegt Figur 16 die oben mehrfach angesprochene Tatsache, dass das freie
Chlor beim Reingasdurchgang durch eine nachgeschaltete Reingas-SCR gemäß der am metalloxidreichen
SCR-Katalysator katalysierten Chlor-Deacon-Reaktion - unter den dort vorliegenden
Reingasbedingungen (geringe Chlor-Restfracht, hoher Wasserdampfgehalt, ca. 300°C)
- weitgehend zu HCl zurückreagiert.
1. Verfahren zur korrosions- und emissionsarmen Mitverbrennung hochhalogenierter Flüssigabfälle
in Abfallverbrennungsanlagen, wobei die Abfallverbrennungsanlage mindestens einen
Feuerraum (3), einen Abhitzekessel (5), eine mehrstufige Rauchgaswäsche, bestehend
aus saurer Wäsche (7) und alkalischer Wäsche (8), enthält, dadurch gekennzeichnet, dass dem Feuerraum (3) in Abhängigkeit von der Halogengesamtfracht und Halogenart geregelt
Schwefel oder ein geeigneter Schwefelträger zudosiert wird.
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die Schwefelmenge proportional zur aktuellen Chlor-, Brom- oder Jodgesamtfracht im
Abfall geregelt zudosiert wird.
3. Verfahren nach Anspruch 1 und 2, dadurch gekennzeichnet, dass die Schwefelmenge gemäß einer betrieblich ermittelten Schwefel-Dosierrampe, die den
bei der aktuellen Halogengesamtfracht erforderlichen SO2-Restgehalt im Rohgas nach Kessel (vor Quenche) für jeweils Chlor-, Brom- oder Jodreiche
Abfälle festlegt, geregelt zudosiert wird.
4. Verfahren nach Anspruch 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, dass die lineare Schwefel-Dosierrampe für jeweils chlor-, brom- oder jodreiche Abfälle
betrieblich ermittelt wird, indem für mindestens eine größere Chlor-, Brom- oder Jodfracht
im Abfall der jeweils minimal erforderliche SO2-Gehalt im Kesselrohgas bestimmt wird, bei dem - im stationären Betriebszustand -
kein oder nur eine unter einem vorgegeben Grenzwert liegende Menge an freiem Chlor,
Brom oder Jod im Reingas nach der Rauchgaswäsche nachgewiesen werden kann.
5. Verfahren nach Anspruch 1 bis 4, dadurch gekennzeichnet, dass die aktuelle rauchgasseitige Halogengesamtfracht annähernd als Halogenidfracht im
Abwasser der sauren Rauchgaswäsche, d.h. als Produkt von Halogenidkonzentration und
Abwasservolumenstrom, kontinuierlich bestimmt wird.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4 , dadurch gekennzeichnet, dass die aktuelle rauchgasseitige Halogengesamtfracht rauchgasseitig, über Halogen- und
Halogenwasserstoff-Speziesmessungen im Kesselrohgas vor Quenche (nach Kessel) und
den trockenen Rauchgasvolumenstrom oder eine dem Rauchgasvolumenstrom proportionale
Größe wie die Dampfleistung des Kessels, kontinuierlich bestimmt wird.
7. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 6, dadurch gekennzeichnet, dass die Schwefelmenge, die der Halogengesamtfracht im Rauchgas bzw. der Halogenidfracht
im Abwasser der sauren Wäsche gemäß der Schwefel-Dosierrampe entspricht, kurzfristig
um 5-100 %, bevorzugt 10-50 %, überhöht wird, sobald freies Chlor, Brom oder Jod im
Reingas nach der Rauchgaswäsche, aber noch vor einem gegebenenfalls nachgeschalteten
SCR-Katalysatorbett gemessen wird.
8. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 6, dadurch gekennzeichnet, dass die Schwefelmenge, die der Halogengesamtfracht im Rauchgas bzw. der Halogenidfracht
im Abwasser der sauren Wäsche gemäß der Schwefel-Dosierrampe entspricht, kurzfristig
um 5-100 %, bevorzugt 10-50 %, erhöht wird, sobald ein schneller Anstieg der Halogenid-Konzentration
im Abwasser der sauren Wäsche gemessen wird.
9. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 8, dadurch gekennzeichnet, dass der Schwefel in Form von Festschwefel, Flüssigschwefel oder Abfallschwefelsäure zugegeben
wird.
10. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass Festschwefel in pelletierter oder granulierter Form über regelbare Dosierorgane zudosiert
wird.
11. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 10, dadurch gekennzeichnet, dass der Festschwefel durch pneumatischen Förderung in den primären Feuerraum eingespeist
wird.
12. Verfahen nach einem der Ansprüche 1 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass die Abfallschwefelsäure über regelbare Dosierpumpen dem primären oder sekundären
Feuerraum zudosiert wird.
13. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 9 oderl2, dadurch gekennzeichnet, dass die Abfallschwefelsäure über eine Zerstäuberdüse oder entsprechende Düsenstöcke in
den primären oder sekundären Feuerraum eingespeist wird.
14. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 13, dadurch gekennzeichnet, dass bei periodisch wechselnder Halogengesamtfracht im Rauchgas infolge der zeitgetakteten
Aufgabe von halogenreichen Einzelgebinden eine an den Aufgabetakt gebundene, hinsichtlich
Höhe, Zeitpunkt und Zeitdauer auf die Gebindegröße abgestimmte Dosierung von Schwefel
und/oder sonstigen Schwefelträgern erfolgt.
15. Verfahren nach Anspruch 14, dadurch gekennzeichnet, dass die an den Aufgabetakt gebundene, hinsichtlich Höhe, Zeitpunkt und Zeitdauer auf
die Gebindegröße abgestimmente Dosierung von Schwefel und/oder sonstigen Schwefelträgern
auf automatisch eingelesene individuelle Bar-Codes zu Heizwert, Halogenart und Halogenmenge
der Gebinde zurückgreift.
16. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 15, dadurch gekennzeichnet, dass die Hypohalogenid-Reduktion in der alkalischen Wäsche über das dort aus dem Rest-SO2 des Kesselrohgases prozessintern gebildete Bisulfid und zugleich oder allein durch
ein extern zugeführtes Reduktionsmittel wie Thiosulfat erfolgt
17. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 16, dadurch gekennzeichnet, dass eine betrieblich für rein chlorhaltige Abfälle ermittelte Schwefel-Dosierrampe auch
für die Verbrennung von Halogengemischen, die neben Chlor weitere Halogene enthalten,
benutzt wird.
18. Abfallverbrennungsanlage mit Feuerraum (3), einem Abhitzekessel (5), einer mehrstufigen
Rauchgaswäsche bestehend aus saurer Wäsche (7) und alkalischer Wäsche (8), dadurch gekennzeichnet, dass die Abfallverbrennungsanlage Regeleinrichtungen zur geregelten Zudosierung von Schwefel
und/oder sonstiger Schwefelträger in den primären oder sekundären Feuerraum (3), (4)
enthält.
19. Abfallverbrennungsanlage nach Anspruch 18, dadurch gekennzeichnet, dass sie Dosieraggregate und Förderaggregate zur geregelten Zudosierung von Schwefel oder
sonstiger Schwefelträgter in den primären oder sekundären Feuerraum (3), (4) enthält.
20. Abfallverbrennungsanlage nach Anspruch 19, dadurch gekennzeichnet, dass das Aggregat zur geregelten Zudosierung des Schwefels oder sonstiger Schwefelträger
ein regelbares Förderaggregat wie eine Vibrationsrinne oder eine Dosierschnecke (19)ist.
21. Abfallverbrennungsanlage nach Anspruch 20, dadurch gekennzeichnet, dass das Aggregat zur geregelten Zudosierung der Abfallschwefelsäure eine regelbare Dosierpumpe
ist und über eine Düse und/oder einen Düsenstock in den primären oder sekundären Feuerraum
(3), (4) eingedüst wird.
22. Abfallverbrennungsanlage nach einem der Ansprüche 18 bis 21, dadurch gekennzeichnet, dass die Regeleinrichtung in einem primären Regelkreis mit Soll-Wert-Führung des kontinuierlich
gemessenen SO2-Restgehalts im Kesselrohgas vor Quenche oder in einem entsprechenden erweiterten
Regelkreis mit zusätzlicher Störgrößenaufschaltung besteht, wobei der primäre Regelkreis
die Schwefelzudosierung gemäß einer Schwefel-Dosierrampe proportional zur aktuellen
Halogengesamtfracht im Rauchgas bzw. zur Halogenidfracht im sauren Abwasser regelt.
23. Abfallverbrennungsanlage nach einem der Ansprüche 19 bis 21, dadurch gekennzeichnet, dass die Regeleinrichtung in einem primären Regelkreis mit Soll-Wert-Führung des mitlaufend
berechneten SO2-Gehalts im Rauchgas vor dem Kessel oder in einem entsprechenden erweiterten Regelkreis
mit zusätzlicher Störgrößenaufschaltung besteht, wobei der primäre Regelkreis die
Schwefelzudosierung anhand einer kontinuierlichen halogenspezifischen Umsatzberechnung
über die Drehzahl des Dosieraggregats unter Berücksichtigung der Förderkennlinie des
Dosieraggregats proportional zur aktuellen Halogengesamtfracht im Rauchgas bzw. zur
Halogenidfracht im sauren Abwasser regelt.
24. Abfallverbrennungsanlage nach Anspruch 22 oder 23, dadurch gekennzeichnet, dass der entsprechende erweiterte Regelkreis - bei beginnendem Cl2-Durchschlag ins Reingas und/oder bei schnellem Anstieg des Halogenid-Gehalts im sauren
Abwasser - die Schwefelzudosierung zeitweilig überhöht (Störgrößenaufschaltung).
25. Abfallverbrennungsanlage nach einem der Ansprüche 22 oder 24, dadurch gekennzeichnet, dass im Regelkreis eine Schwefel-Dosierrampe nach Anspruch 4 genutzt wird.
26. Abfallverbrennungsanlage nach einem der Ansprüche 22 bis 25, dadurch gekennzeichnet, dass die aktuelle Halogenfracht nach einem der Ansprüche 5 oder 6 bestimmt ist.