[0001] Beschrieben wird ein Verfahren zur Gewinnung von biologisch aktivem drBMP-2 (dr:
digit removed) und homologer Proteine durch Naturierung von denaturiertem, biologisch
inaktivem proBMP-2 und gegebenenfalls anschließender Abspaltung des Propeptids, wobei
bereits die naturierte Proform des Proteins biologisch aktiv ist, pro BMP-2 als neues
Produkt und dessen Verwendung zur Herstellung eines Mittels zur Förderung des Knochenwachstums.
[0002] WO 98/55137 beschreibt knochenmorphogenetische Proteine (bone morphogenetic proteins BMP) und
deren Verwendung beim Knochenwachstum, insbesondere knochenmorphogenetische Fusionsproteine.
US 5,013,649 beschreibt gereinigte BMP-2-Proteine sowie deren Herstellung.
US 5,674,844 beschreibt die Verabreichung von Morphogenen zur Erhöhung der Knochenmasse beziehungsweise
zur Verhinderung von Knochenschwund.
[0003] BMPs-2 gehört zur Familie der Bone Morphogenetic Proteins (BMPs). Es handelt sich
dabei um Knochenwachstumsfaktoren, deren Klonierung und Charakterisierung erstmals
1988 gelang. Die charakteristische Eigenschaft dieser Proteine ist die Fähigkeit zur
Induktion endochondraler Knochenneubildung [
Wozney et al., Science 242 (1988), 1528-1534].
[0004] Strukturell zählt BMP-2 zusammen mit über 30 weiteren Proteinen zur TGF-β-Superfamilie,
welche eine sehr hohe strukturelle Ähnlichkeit untereinander aufweisen, obwohl die
Sequenzidentität z.T. nur unter 30 % beträgt [
Griffith et al., Proc. Natl. Acad. Sci. USA 93 (1996), 878-883]. Ihr wesentliches Strukturmerkmal ist der sogenannte "Cystin-Knoten". Dieser wird
durch vier antiparallele β-Faltblattstränge gebildet, von denen je zwei über Disulfidbindungen
miteinander verknüpft sind. Dabei formen zwei Cystine zusammen mit dem Peptidgerüst
einen Ring, durch den sich eine dritte Disulfidbrücke erstreckt. β-Faltblätter sind
das dominierende Sekundärstrukturelement dieser Proteine. Sie sind hier jedoch länger
und stärker verdreht als in anderen β-faltblattreichen Proteinen. Aufgrund der strukturellen
Verwandtschaft der Proteine der TGF-β-Familie zueinander haben wir postuliert, dass
diese Proteine auch auf ähnliche Weise ihre native Konformation einnehmen, also falten.
[0005] BMPs und verwandte Proteine, wie DPP (Decapentaplegic,
Drosophila), spielen eine wichtige Rolle in der Embryonalentwicklung höherer Organismen. Defekte
in BMP- bzw. BMP-Rezeptorgenen oder deren Regulation führen zu z.T. schweren Entwicklungsstörungen,
wie z.B. Fibrodysplasia ossificans progressiva [
Kaplan et al., Calcif. Tissue Int. 47 (1990), 117-125;
Rao et al., Hum. Genet. 90 (1992), 299-302;
Shafritz et al., N. Engl. J. Med. 335 (1996), 555-561] und Dentinogenesis imperfecta [
Tabas et al., Clin. Orthop. 293 (1993), 310-316]. BMP-Deletionsmutanten der Maus sterben bereits im Embryonalstadium oder kurz nach
der Geburt und weisen Fehlbildungen des Skeletts und den verschiedensten Organen,
wie Herz, Niere und Augen, auf [
Dudley et al., Genes Dev. 9 (1995), 2795-2807;
Zhang und Bradley, Development 122 (1996), 2977-2986].
[0006] BMPs und ähnliche Wachstumsfaktoren sind für die Therapie systemischer Erkrankungen,
wie Osteoporose, nur bedingt geeignet, da sie nicht tolerable Nebenwirkungen, wie
beispielweise Tumorpromotion, hervorrufen können. BMPs, insbesondere BMP-2, sind vielmehr
für die lokal begrenzte Applikation prädestiniert. Dazu zählen u.a. spinale Fusionen
bei degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen, die Regeneration von Schädelknochen, kiefer-
und gesichtschirurgische Eingriffe, sowie die Behandlung komplizierter Knochenfrakturen
der Extremitäten. Für diese Anwendungen konnte der positive Effekt von rhBMP-2 (rh
- rekombinant human) auf die Knochenneubildung und damit auf den Heilungsprozess bereits
eindrucksvoll in mehreren Tiermodellen demonstriert werden [
Lane et al., Clin. Orthop. 361 (1999), 216-227;
Marden et al., J. Biomed. Mat. Res. 28 (1994), 1127-1138;
Mayer et al., Plast. Recontr. Surg. 98 (1996), 247-259;
Sandhu und Boden, Orthop. Clin. North Am. 29 (1998), 621-631;
Toriumi et al., Arch. Otolyryngol. Head Neck Surg. 117 (1991), 1101-1112;
Yasko et al., J. Bone Joint Surg. (Am.) 74 (1992), 659-670]. Für spinale Fusionsoperationen liegen sogar schon die ersten klinischen Studien
vor [
Boyne et al., Int. J. Periodontics Restorative Dent. 17 (1997), 11-25;
Howell et al., Int. J. Periodontics Restorative Dent 17 (1997), 124-139]. Ebenfalls sinnvoll ist der Einsatz von rhBMP-2 für die Fixierung von künstlichen
Gelenken oder Verschraubungen im umgebenden Knochengewebe, wie sie beispielsweise
zur Stabilisierung von Frakturen verwendet werden.
[0007] Dem routinemäßigen Einsatz von BMPs in der klinischen Praxis stehen neben den noch
fehlenden Studien - und auch diesen selbst - vor allem die hohen Kosten für die Proteingewinnung
im Weg. Durch das in der vorliegenden Erfindung beschriebene Verfahren lässt sich
biologisch aktives BMP-2, wie auch verwandte BMPs, mit geringem technischen Aufwand
und bisher nicht für möglich gehaltenen Ausbeuten kostengünstig in hoher Reinheit
rekombinant herstellen.
[0008] Humanes BMP-2 wird im Körper in Form eines Präproproteins von 396 Aminosäuren Länge
synthetisiert. Das Signalpeptid (Präsequenz) dient
in vivo zum Transport der nascierenden Polypeptidkette ins endoplasmatische Retikulum (ER).
Nach dem Import in das ER faltet das Protein zu seiner nativen Konformation, es werden
die Disulfidbrücken ausgebildet (Cys
296-Cys
361, Cys
325-Cys
393, Cys
329-Cys
395, intermolekular: Cys
311-Cys
360), und es finden posttranslationale Modifikationen statt. Zu letzteren gehören die
Glycosylierung von Asparaginresten und die zum Teil unvollständige Abspaltung des
Propeptids [
Israel et al., Growth Factors 7 (1992), 139--150]. Die C-terminalen 114 Aminosäuren (Gln
283-Arg
396) des Vorläuferproteins bilden das reife BMP-2, dessen biologisch aktive Form ein
disulfidverbrücktes (Cys
360-Cys
360) Homodimer ist.
[0009] Die Gewinnung von BMP-2 aus Knochengewebe ist mit erheblichem Aufwand und nur geringen
Ausbeuten verbunden (40 µg BMP-Gemisch aus 40 kg bovinen Knochenpulvers) [
Wozney et al., Science 242 (1988), 1528-1534]. Zudem ist die Isolierung aus humanem Knochenmaterial ethisch fragwürdig und birgt
Gefahren durch Verunreinigung mit Pathogenen (Prionen, HCV etc.). Die Verwendung homologer
Proteine aus Schweinen oder Rindern ist aus immunologischer Sicht ebenfalls riskant.
[0010] Daher wird die rekombinante Herstellung von BMP-2 favorisiert. Dafür kommen vorrangig
zwei Möglichkeiten in Betracht. Zum einen kann das Protein in eukaryotischen Expressionssystemen
gewonnen werden [
Wang et al., Proc. Natl. Acad. Sci. USA 87 (1990), 2220-2224]. Nachteile sind hierbei die relativ geringen Mengen rekombinanten Proteins (25 µg
partiell gereinigtes BMP-2 je 1 I Medium [
Wozney et al., Science 242 (1988), 1528-1534]), der verhältnismäßig hohe technische Aufwand und die daraus resultierenden Kosten.
[0011] Der zweite Weg beinhaltet die Verwendung prokaryotischer Expressionssysteme. Deren
Vorteile liegen in der einfachen technischen Handhabung, den geringen Kosten und der
Gewinnung sehr hoher Proteinmengen. Im Gegensatz zu Eukaryoten sind Bakterien jedoch
nicht in der Lage, das Vorläuferprotein korrekt zu prozessieren. Daher beschränkt
sich das bislang verwendete Verfahren auf die Expression der reifen Domäne von BMP-2
(Gln
283-Arg
396). Diese fällt in den Bakterien in einer unlöslichen, biologisch inaktiven Form an,
da u.a. wegen der reduzierenden Bedingungen des Cytosols, die Disulfidbrücken des
Proteins nicht ausgebildet werden können. Diese unlöslichen Proteinaggregate werden
als
inclusion bodies (IBs) bezeichnet, deren Isolierung und Reinigung beispielsweise von
Marston [Biochem. J. 240 (1986), 1-12] beschrieben worden ist.
[0012] Das Verfahren von
Ruppert et al., [Eur. J. Biochem. 237 (1996), 295-302] zur Naturierung von reifem BMP-2 basiert auf dem
US-Patent 5,650,494 [Cerletti et al., 1997], welches sich auf TGF-β-ähnliche Proteine bezieht, wozu auch BMP-2 gehört. Das Verfahren
beinhaltet die Naturierung der monomeren, denaturierten reifen Form TGF-β-ähnlicher
Proteine in Gegenwart eines milden Detergens zur biologisch aktiven Konformation.
Im Fall von BMP-2 wurden so nur Ausbeuten von 0,2 mg aktiven Proteins je 1 g Zellen
erhalten [
Ruppert et al., Eur. J. Biochem. 237 (1996), 295-302].
[0013] Die vorliegende Erfindung betrifft die Verwendung von Pro-BMP-2 gemäß Tabelle 2 mit
der kompletten Pro-Sequenz, die an das reife BMP-2 gebunden ist, zur Herstellung eines
Arzneimittels zur Förderung der Knochenheilung und zur Herstellung von Konochenersatzmaterial
oder Implantaten. Andere Aspekte der Erfindung betreffen ein Arzneimittel zur Förderung
des Knochenwachstums, gekennzeichnet durch einen Gehalt an Pro-BMP-2 gemäß Tabelle
2 mit der vollständigen Pro-Sequenz Gly
22-Arg
284 als Wirkstoff und ein Verfahren zur Herstellung eines Arzneimittels zur Förderung
des Knochenwachstums, dadurch gekennzeichnet, dass Pro-BMP-2 gemäß Tabelle 2 mit der
vollständigen Pro-Sequenz Gly
22-Arg
284 in eine zur Verabreichung geeignete Zubereitung formuliert wird.
[0014] Es wird ein Verfahren beschrieben, mit welchem es möglich ist, eine über 25fach höhere
Ausbeute an aktivem Protein, bezogen auf die induzierte Zellmasse, zu erzielen. Verglichen
mit der Expression in eukaryotische Zellen ist die Ausbeute sogar um etwa drei Größenordnungen
höher.
[0015] Die Ausbeuten bei der Naturierung von in
E. coli recombinant exprimierten reifen BMPs sind aufgrund des komplizierten Disulfidmusters
(Cystinknoten) sehr gering. Grundlage des beschriebenen Verfahrens ist die Hypothese,
dass das BMP-2-Propeptid, wie auch die Propeptide homologer Proteine, für die korrekte
Faltung der reifen Domäne mitverantwortlich ist.
[0016] Das beschriebene Verfahren zur rekombinanten Herstellung eines biologisch aktiven
Proteins der TGF-β-Superfamilie, ist dadurch gekennzeichnet, dass (a) ein Protein,
dessen Aminoterminus aus der Prosequenz eines Proteins der TGF-β-Superfamilie oder
Teilen davon besteht, an den sich die reife Domäne dieses oder eines anderen Proteins
der TGF-β-Superfamilie, das mindestens 35 % Homologie zu reifem BMP-2 aufweist, anschließt,
in Prokaryonten unter Bedingungen exprimiert wird, bei denen wenigstens ein Teil des
Proteins in Form von Einschlusskörpern erhalten wird, (b) die Einschlusskörper isoliert
und unter denaturierenden Bedingungen solubilisiert werden, (c) das aus den Einschlusskörpern
solubilisierte, denaturierte, monomere und biologisch inaktive Protein naturiert wird,
wodurch die Faltung und Dimerisierung zur löslichen, biologisch aktiven Konformation
ermöglicht wird und (d) gegebenenfalls nach der Naturierung die proteolytische Freisetzung
des reifen Proteins aus seiner Proform erfolgt.
[0017] Unsere in vitro-Renaturierungsversuche haben gezeigt, dass es erfindungsgemäß möglich
ist, auch in Abwesenheit von Detergentien bei Verwendung der hypothetischen Proform
von BMP-2 (Gly
20-Arg
396) und anschließender Abspaltung des Propeptids (Gly
20-Arg
282), mit geringem Aufwand große Mengen an biologisch aktivem drBMP-2 zu erhalten. Unter
drBMP-2 ist hierbei die C-terminale Domäne von BMP-2 von Lys
290, Arg
291 bzw. Leu
292 (siehe
Beispiel 2.2.1) bis Arg
396 zu verstehen, deren biologische Aktivität von
Koenig et al., [Mol. Cell Biol. 14 (1994), 5961--5974] beschrieben wurde. Die Aminosäuren (Gln
283 bis Arg
289, Lys
290 bzw. Arg
291) vermitteln die Bindung von BMP-2 an Heparin.
[0019] Erfindungsgemäß kann als Prosequenz bzw. Propeptid die gesamte Prosequenz (Gly
22-Arg
284) gemäß Tabelle 2 verwendet werden.
[0020] Um die Expressionsrate von
probmp-2 in Prokaryoten zu erhöhen ist es erfindungsgemäß möglich, am 5'-Ende der dieses Gen
codierenden Sequenz eine tag-Sequenz, z.B. einen Histidin-Tag, anzufügen, oder die
Codons von prob
mp-2 durch Mutagenese für die prokarytische Expression zu optimieren. Auch die Expressionsverstärkung
gemäß
US-Patent 5,336,602 [Brinkmann et al., 1993] sowie eine Kombination aus diesen Methoden ist möglich.
[0021] Bei der Überexpression von rekombinantem pro
bmp-2 im Cytoplasma von Prokaryoten fällt das Protein dort in Form inaktiver, unlöslicher
Aggregate (
inclusion bodies-IBs) an. Zu ihrer Isolierung werden die Zellen nach der Fermentation zunächst durch
eines oder mehrere der üblichen Verfahren (z.B.: Hochdruckdispersion, enzymatische
Lyse oder Ultraschall) aufgeschlossen, was vorzugsweise in einer neutralen bis schwach
sauren Pufferlösung geschieht, beispielsweise 0,1 M Tris/HCl pH 7,0.
[0022] Die zelluläre DNA wird durch mechanische, chemische oder, vorzugsweise, enzymatische
Behandlung in nicht mit den IBs cosedimentierende Fragmente zerlegt. Unlösliche Zellbestandteile,
einschließlich der IBs, werden dann in beliebiger Weise von den löslichen abgetrennt,
wobei die Separation durch Zentrifugation favorisiert wird. Das Pellet wird mit Lösungen
gewaschen, die aufgrund ihrer Zusammensetzung bzw. ihrer Zusätze, wie z.B. Detergentien,
in der Lage sind, störende Zellproteine und Membranbausteine jedoch nicht das rekombinante
proBMP-2 aus den IBs zu solubilisieren. Der verbleibende unlösliche, proBMP-2-haltige
Anteil wird nachfolgend solubilisiert, naturiert und enzymatisch prozessiert.
[0023] Vor der Naturierung werden die IBs solubilisiert, wobei gebräuchliche Denaturierungsmittel
(chaotrope Substanzen) bzw. Kombinationen aus diesen zum Einsatz kommen. Dazu zählen
u.a. Guandiniumsalze, z.B. GdmCl oder GdmSCN, sowie Harnstoff und dessen Derivate.
Die Konzentration des Denaturierungsmittels bzw. -gemisches ist dabei so einzustellen,
dass das rekombinante, schwer lösliche Protein vollständig solubilisiert werden kann.
Im Fall von Guanidiniumchlorid liegen diese Konzentrationen im Bereich von 3-8 M und
in dem von Harnstoff bei 6-10 M. Um ferner das so denaturiert lösliche, cystinhaltige
Protein vollständig zu monomerisieren ist der Zusatz eines Reduktionsmittels, wie
z.B. Dithiothreitol (DTT) oder β-Mercaptoethanol, oder einer Kombination aus Reduktionsmitteln
bevorzugt, wobei der pH des Solubilisierungspuffers vorzugsweise zwischen 8 und 9
eingestellt wird. Im Anschluss an die Solubilisierung oder parallel zu dieser ist
es außerdem möglich, die freien Cysteine, beispielsweise mit oxidiertem Glutathion,
kovalent zu modifizieren. Nach der Solubilisierung bzw. der optionalen kovalenten
Modifikation der Cysteine werden der pH des IB-Solubilisats vorzugsweise auf 5 oder
weniger eingestellt und, wiederum optional, überschüssige Redoxäquivalente durch Dialyse
entfernt, wobei der Dialysepuffer, abgesehen vom Reduktionsmittel, zweckmäßigerweise
die gleiche Zusammensetzung hat wie der Solubilisierungspuffer. Schließlich werden
die während des Solubilisierungsprozesses unlöslich verbliebenen Bestandteile abgetrennt
(Zentrifugation oder Filtration) und verworfen. Der optionale Modifizierungsschritt
und die Entfernung des überschüssigen Reduktionsmittels ermöglichen ggf. eine Vorreinigung
des IB-Solubilisats über Immobilisierte Metall- Affinitätschromatographie (IMAC),
sofern die Expression von proBMP-2 mit N-terminalem Histidin-Tag erfolgte.
[0024] Der beschriebene Prozess der Naturierung von rh-proBMP-2 beinhaltet die Verringerung
der Konzentration der(/des) Denaturierungsmittel(s) auf ein nicht oder nur schwach
denaturierend wirkendes Niveau (z.B. ≤ 0,5 M GdmCl). Das geschieht bevorzugt durch
langsam kontinuierliche oder schrittweise Verdünnung des Solubilisats in Naturierungspuffer.
Um die Ausbeute an biologisch aktivem Protein zu maximieren ist darauf zu achten,
dass die Durchmischung dabei möglichst rasch und gründlich erfolgt, was z.B. durch
starkes Rühren gewährleistet ist.
[0025] Eine Alternative zur Verdünnung ist die Dialyse des Solubilisats gegen Naturierungspuffer.
Die Bedingungen sind in jedem Fall so zu wählen, dass die Bildung von Proteinaggregaten
minimal ist. Bereits während der initialen Verdünnung des Denaturierungsmittels kann
eine Naturierung des Proteins stattfinden. Die Endkonzentration von rh-proBMP-2 im
Naturierungspuffer beträgt nach Verdünnung bzw. Dialyse 10-1000 µg/ml, vorzugsweise
50-250 µg/ml.
[0026] Eine optimale Proteinkonzentration ist dann gewährleistet, wenn die unproduktive
Aggregation falsch gefalteter Polypeptidketten und Faltungsintermediate (ein Prozess
≥ 2. Ordnung [
Kiefhaber et al., Biotechnology (N.Y.) 9 (1991), 825-829]) deutlich langsamer abläuft als die Faltung der einzelnen Polypeptidketten zur nativen
Konformation (Prozess 1. Ordnung).
[0027] Der pH des verwendeten Naturierungspuffers beträgt 6,5-10, idealerweise 8-9. Als
Puffer kommen somit alle, einen neutralen bis alkalischen pK
a aufweisenden, vorzugsweise Tris- und Phosphatpuffer, sowie Kombinationen aus diesen
in Frage. Ferner ist der Zusatz niedermolekularer Hilfsstoffe, welche die Naturierungsausbeute
erhöhen [
US-Patent 5,593,865, Rudolph et al., 1995], zum Naturierungspuffer zweckmäßig. Besonders geeignet ist die Naturierung in Gegenwart
von L-Arginin, wobei Konzentrationen von 0,2-2,0 M , bevorzugt 0,5-1,5 M L-Arginin,
eingesetzt werden. Eine weitere Komponente des Naturierungspuffers ist erfindungsgemäß
die Kombination von reduzierter und oxidierter Form einer oder mehrerer Thiolverbindungen.
Solche Kombinationen sind beispielsweise reduziertes (GSH) und oxidiertes (GSSG) Glutathion,
Cystein und Cystin, Cysteamin und Cystamin, sowie β-Mercaptoethanol und 2,2'-Hydroxyethyldisulfid.
Mit Hilfe eines solchen künstlichen Redoxsystems lässt sich die Naturierung des Proteins
thermodynamisch kontrollieren. Die für die korrekte Faltung der Polypeptidketten notwendige
Möglichkeit zur Ausbildung der Disulfidbrücken [
Creighton, Biochemistry 378 (1997), 731-744] wird durch das Vorhandensein der oxidierten Form, die Möglichkeit zum Wiederaufbrechen
falsch gebildeter Cystine
(reshuffling) durch das der reduzierten Form der Thiolkomponente gewährleistet [
Creighton et al., Trends Biotechnol. 13 (1995), 18-23].
[0028] Bevorzugt wird Glutathion in reduzierter (GSH) und oxidierter (GSSG) Form in Konzentrationen
von jeweils bis zu 10 mM verwendet, idealerweise in einem Verhältnis von 5 mM GSSG
zu 2 mM GSH.
[0029] Der Naturierungspuffer enthält bevorzugt einen oder mehrere Komplexbildner, wie EDTA
(Ethylendiamintetraessigsäure), in Konzentrationen von bis zu 20 mM (bevorzugt ca.
5 mM), um zum einen die unkontrollierte, beschleunigte Oxidation der reduzierten Thiolkomponente
durch Metallionen zu unterbinden und zum anderen Metalloproteasen, durch die das Renaturat
kontaminiert sein kann, zu inhibieren.
[0030] Die Naturierung erfolgt zweckmäßig bei Temperaturen von 0-20 °C über 1-21 d, vorzugsweise
5-10 °C, 5-10 d.
[0031] Die relativ langen Renaturierungszeiten lassen sich durch die kovalente Dimerisierung
der proBMP-2-Polypeptidketten erklären. Unsere Versuche haben gezeigt, dass für diesen
Vorgang unter den Bedingungen der vorliegenden Erfindung nicht die Proteinkonzentration,
sondern die Oxidation von freien Thiolgruppen geschwindigkeitsbestimmend ist.
[0032] Nach Abschluss des Naturierungsprozesses wird erfindungsgemäß gegen einen vorzugsweise
sauren (pH ≤ 5) Puffer dialysiert, der keine niedermolekularen Hilfsstoffe im Sinne
der Beschreibung enthält. Der Dialysepuffer entspricht dabei dem beschriebenen Verfahren,
wenn durch die Dialyse falsch gefaltete Polypeptidketten und Faltungsintermediate
weitestgehend aggregieren und somit durch Zentrifugation, Filtration oder eine andere
übliche Methode abgetrennt werden können. Vor der Dialyse ist eine Konzentrierung
des Naturierungsansatzes, beispielsweise durch Cross-Flow-Filtration, zweckmäßig,
an die sich eine zusätzliche Inkubationszeit unter Naturierungsbedingungen anschließen
kann. Verkürzend auf die Naturierungszeit kann sich die Belüftung des Puffers auswirken,
die u.U. auch beim Prozess der Konzentrierung geschieht, und die Oxidation freier
Thiolgruppen beschleunigt. Dies kann ebenso durch Zusatz oxidierend wirkender Substanzen
erreicht werden.
[0033] Die Trennung von monomeren, falsch gefalteten bzw. nicht dimerisierten, korrekt gefalteten
Spezies von der nativen, dimeren Form des renaturierten rh-proBMP-2 kann erfindungsgemäß
mit Hilfe chromatographischer Trennverfahren erfolgen, wobei vorzugsweise reversed-phase-HPLC
verwendet wird. Als Säulenmaterialien eignen sich hierfür vor allem silicabasierte
C4-Matrizes bzw. polymerbasierte Partikel vergleichbarer oder stärkerer Hydrophobizität,
wobei ein Porendurchmesser von ≥ 300 Ä aufgrund der Größe des Proteins empfehlenswert
ist. Als Eluenten eignen sich die in der RP-HPLC üblichen, wie Acetonitril, 2-Propanol
oder Ethanol. Es kommen dabei Ionenpaarbildner, vorzugsweise Trifluoressigsäure bzw.
Perfluorbuttersäure in den gängigen Konzentrationen, zum Einsatz.
[0034] Eine weitere Möglichkeit zur Reinigung von dimeren, naiv gefalteten proBMP-2 ist
der Einsatz der Heparin-Affinitätschromatographie. Dabei sind zur Erhöhung der Löslichkeit
des Proteins und zur Vermeidung unspezifischer Wechselwirkungen zwischen proBMP-2
und Säulenmaterial Harnstoffkonzentrationen von 2 bis 8 mol I
-1, vorzugsweise 5 mol l
-1 als Pufferzusatz zu verwenden. HiTrap Heparin-Sepharose (Amersham Phamracia Biotech)
ist dabei als Säulenmaterial besonders geeignet. Die monomeren Formen von proBMP-2
werden dabei unter 300 mol l
-1 NaCl und die dimere Form bei höheren Salzkonzentrationen von der Matrix eluiert.
[0035] Für den nicht zur TGF-β-Familie zählenden Nervenwachstumsfaktor β-NGF wurde bereits
ein Verfahren zur Gewinnung des biologisch aktiven Proteins aus seiner inaktiven,
denaturierten Proform in
WO 00/22119 [Rattenholl et al., 2000] beschrieben. β-NGF und BMP-2 unterscheiden sich insbesondere in der Länge ihrer
Prosequenz (β-NGF-103 AS; BMP-2-263 AS). Auch in der Tertiärstruktur gibt es wesentliche
Unterschiede [
McDonald und Hendrickson, Cell 73 (1993), 421-424]. Es ist daher nicht überraschend, dass die vorliegende Erfindung in wesentlichen
Punkten von
WO 00/22119 differiert.
[0036] Die für maximale Ausbeuten an korrekt gefalteten rh-proBMP-2 erforderlichen Naturierungszeiten
sind wesentlich länger (1-21 d) als die für rh-proNGF (3 h). Die Proform von BMP-2
wird, wie auch die von β-NGF,
in vivo durch Prohormonkonvertasen des Furintyps prozessiert. Diese erkennen ein dibasisches
Sequenzmotiv am Ende der Prosequenz. Deren letzte Aminosäure ist Arg
282.
In vitro kann das Propeptid von BMP-2 bzw. β-NGF durch Proteasen mit vergleichbarer Substratspezifität
abgespalten werden.
[0037] Die Prozessierung des naturierten rh-proBMP-2 erfordert jedoch gänzlich andere Bedingungen
als die für die Spaltung von proNGF angewandten. Obwohl die verwendete Prosequenz
von BMP-2 mit 263 AS wesentlich länger als das reife Protein (114 AS) ist, hat sich
bei unseren Versuchen überraschenderweise gezeigt, dass die Löslichkeitseigenschaften
von proBMP-2 von dessen reifer Domäne determiniert werden proBMP-2 ist daher, im Gegensatz
zum BMP-2-Propeptid allein (Gly
20-Arg
282), ohne lösungsvermittelnde Zusätze nur bei pH ≤ 5 in hohen Konzentrationen löslich.
Bei saurem pH ist eine effektive Prozessierung der Proform mit Hilfe von Proteasen
(Trypsin, PACE
(paired basic amino acidconverting enzymes; nach dibasischen Motiven schneidende, eukaryotische Endopeptidasen)) nicht möglich.
Um eine proteolytische Spaltung dennoch zu ermöglichen, kommen alle nicht inhibierenden
Lösungsvermittler besonders Harnstoff oder Trishydroxymethylaminomethan (Tris) in
Konzentrationen von 1-5 M bzw. 0,1-2 M einzeln oder in Kombination zum Einsatz, vorzugsweise
2-4 M Harnstoff in Kombination mit 0,1-1 M Tris. Mit Hilfe dieser Zusätze ist es möglich,
proBMP-2 in Konzentrationen von ≥ 1 mg/ml auch im pH-Optimum (7-8) der verwendeten
Proteasen in Lösung zu halten.
[0038] Die Einstellung der Pufferbedingungen für die Proteolyse erfolgt zweckmäßigerweise
durch Dialyse. Erfindungsgemäß werden trypsinähnliche Proteasen favorisiert, die in
einem Massenverhältnis von 1:10 bis 1:1000 (Trypsin, rh-proBMP-2) zum Einsatz kommen,
bevorzugt von 1:20 bis 1:100. Inkubiert wird über einen Zeitraum von 1 min bis 24
h, bevorzugt 30 min bis 6 h, bei einer Temperatur von 0-37 °C, bevorzugt 10-25 °C.
Als Puffersubstanz fungiert im Fall von Tris der Lösungsvermittler selbst und im Fall
von Harnstoff zusätzlich Trispuffer in den angegebenen Konzentrationen. Eine hohe
Konzentration von Tris, z.B. 0,5 M, verhindert zudem die kovalente Modifikation von
Aminosäureseitenketten durch eventuell aus dem Harnstoff gebildetem Isocyanat.
[0039] Der pH wird auf einen für die betreffende Protease günstigen Wert, vorzugsweise 7-8,
eingestellt. Um unspezifischen proteolytischen Abbau durch Metalloproteasen zu unterdrücken
ist der Zusatz von Komplexbildnern, z.B. 1-20 mM EDTA, zweckmäßig. Die Proteolyse
wird durch Zusatz eines oder mehrerer Proteaseinhibitoren, bevorzugt 1-5 mM Phenylmethylsulfonylfluorid
(PMSF) oder Trypsininhibitor aus Rinderpankreas oder Sojabohnen (BPTI/SBTI) in 2-20fachem
molaren Überschuss zu Trypsin, bzw. durch Einstellung von pH ≤ 5 mittels Säure abgestoppt
[Rudolph
et al.,: Folding proteins, in Protein Function: A Practical Approach, T.E. Creighton (Hrsg.),
2. Aufl. (1997), 57-99].
[0040] Der N-Terminus des reifen BMP-2 (Gln
283-Arg
291) ist nicht strukturiert und daher proteaseempfindlich. Er enthält zudem einige Arginin-
und Lysinreste (Arg
289,291, LyS
285,287,290). Die limitierte Proteolyse mit Trypsin, das bevorzugt nach diesen basischen Aminosäureresten
schneidet, führt daher auch zur Abspaltung des flexiblen N-Terminus von reifem BMP-2.
Die biologische Aktivität des erhaltenen drBMP-2 wurde im Tierversuch nachgewiesen.
Es ist möglich, ggf. durch
Protein Engineering eine zusätzliche Disulfidbrücke zur Fixierung und Stabilisierung des N-Terminus von
reifem BMP-2 einzuführen, z.B. ähnlich wie sie im verwandten TGF-β vorkommt, um so
die Heparinbindestelle von BMP-2 vor proteolytischem Abbau zu schützen. Unsere Versuche
zur limitierten Proteolyse von rh-proBMP-2 in Abwesenheit der beschriebenen Lösungsvermittlerkonzentrationen
bei dann entsprechend geringen Proteinkonzentrationen haben gezeigt, dass das Propeptid
aus mindestens einer, nach Abspaltung vom reifen Protein noch immer weitgehend proteaseresistenten
Domäne besteht. In den verwendeten Konzentrationen der zum Einsatz kommenden Lösungsvermittler
wirken diese selbst z.T. schwach denaturierend. Das hat zur Folge, dass das nicht
durch intrachenare Disulfidbrücken stabilisierte Propeptid von BMP-2 strukturell destabilisiert,
proteaselabil und somit unter den beschriebenen Bedingungen der limitierten Proteolyse
abgebaut werden kann.
[0041] Für die Reinigung der Proteolyseprodukte bietet sich aufgrund der extremen Hydrophobizität
von nativem BMP-2 [
Scheufler et al., J. Mol. Biol. 287 (1999), 103-115] die Reinigung über hydrophobe Wechselwirkungen an. Es kommen hierfür bevorzugt Säulenmaterialien
zum Einsatz, an die das erhaltene drBMP-2 stark bindet, wohingegen die übrigen Abbauprodukte,
sowie die verwendete Protease bzw. der Inhibitor mit dem Material nur schwach wechselwirken.
Entsprechend ist es möglich, die Pufferbedingungen nach der Proteolyse so zu verändern,
dass das drBMP-2 präzipitiert und die übrigen Abbauprodukte, die Protease bzw. ihr(e)
Inhibitor(en) in Lösung verbleiben. Das präzipitierte drBMP-2 kann dann, nach Separation
vom Überstand, in geeigneten Puffern bzw. Lösungsmitteln wieder solubilisiert werden.
Bevorzugt erfolgt diese Veränderung zu präzipitierenden Bedingungen in Gegenwart von
geeignetem Säulenmaterial, besonders "Fractogel EMD Phenyl S" (Merck) oder vergleichbaren
Materialien, wie Phenylsepharose (Pharmacia), durch Dialyse. Wird das Material in
großem Überschuss eingesetzt, kann erreicht werden, dass das Protein an dieses bindet
bevor es aggregiert. Nachdem das Säulenmaterial auf diese Weise mit Protein beladen
worden ist, können die unerwünschten Komponenten durch geeignete Waschschritte entfernt
werden. Die Elution des drBMP-2 erfolgt zweckmäßigerweise unter mild bis stark denaturierenden,
aber keinesfalls reduzierenden Bedingungen. Als Elutionsmittel eignen sich je nach
Säulenmaterial dementsprechend u.a. Arginin, Harnstoff oder Guanidiniumsalze, die
in niedrigen Konzentrationen auch zum Waschen des Säulenmaterials Verwendung finden
können. Nach der Elution werden die drBMP-2 enthaltenen Fraktionen ggf. vereinigt
und besonders bevorzugt gegen 0,1 % Trifluoressigsäure (TFA) oder Ammoniumacetat dialysiert,
welche für die schließliche Applikation von BMP-2 sehr geeignete Lösungsmittel darstellen.
Es ist auch möglich, die Proteolyseprodukte über
reversed phase-Materialien, bevorzugt C
4-RP-HPLC, zu trennen, wobei die Elution vorzugsweise mit 0,1 % TFA im Acetonitrilgradienten
erfolgt.
[0042] Renaturiertes und nach Abspaltung der pro-Sequenz erhaltenes reifes BMP-2 kann in
der dafür üblichen Weise zur Förderung des Knochenwachstums verwendet werden. Überraschenderweise
ist jedoch auch das renaturierte proBMP-2 selbst, welches die gesamte oder eine verkürzte
pro-Sequenz noch enthält, in seiner biologischen Wirksamkeit dem reifen BMP-2 äquivalent
und kann wie dieses eingesetzt werden. Ein Gegenstand der Erfindung ist daher auch
ein proBMP-2 als Wirkstoff enthaltendes Arzneimittel zur Förderung des Knochenwachstums.
Es kann die komplette oder eine trunkierte pro-Sequenz enthalten. Bevorzugt wird erfindungsgemäß
eine Kombination von proBMP-2 mit verschiedenen medizinischen Implantatmaterialien
für den vorübergehenden Knochenersatz (Knochenersatzmaterialien) sowie für den permanenten
Knochen- und Gelenkersatz (Metallimplantate, wie Hüft- und Kniegelenksendoprothesen)
in Traumatologie, Orthopädie, HNO, MKG und Neurochirurgie verwendet. Hierbei kann
zum einen proBMP-2 als nachträgliche Implantatbeschichtung in der Art eines dünnen
auf allen inneren und äußeren Oberflächen anhaftenden Proteinfilms mit und ohne Haftvermittler
(z.B. Silan) zur Anwendung kommen. Zum zweiten kann proBMP-2 als integraler Bestandteil
von Implantaten verwendet werden, indem dieses den nicht festen Edukten solcher durch
chemische Polymerisation oder Aushärtung herstellbaren festen Endprodukten zugesetzt
wird (z.B. Calciumphosphatzemente wie Norian SRS, Ostim u.a.).
[0043] Als Implantate für den transienten Knochenersatz kommen anorganische und organische
Materialien natürlichen und künstlichen Ursprungs sowie Mischformen aus beiden in
Frage. Beispiele für anorganische Knochenersatzmaterialien stellen Keramiken aus Hydroxylapatit,
beta-Tricalciumphosphat, alpha-Tricalciumphosphat, Glaskeramiken, Biogläser, Calciumcarbonate,
Calciumsulfate und sonstige nicht aufgeführte Calciumsalze in kristalliner und amorpher
Form einschließlich injizierbarer Calciumphosphat-basierter Knochenzemente dar. Geeignete
organische Materialien stellen unter anderem Kollagene, Knochengewebe, demineralisierte
Knochenmatrix, gelierfähige Polysaccharide wie Hyaluronsäure, biokompatible Kunststoffe,
wie Polymilchsäure, Polymethylacrylate, Polyethylenglykole u.a.m. in verschiedensten
Misch- und Verarbeitungsformen dar. Für den dauerhaften Knochenersatz kommen Endoprothesen
und andere Metallimplantate wie solche für die Wirbelkörperstabilisierung in Betracht.
Üblicherweise handelt es sich hierbei um Produkte aus verschiedenen Edelstählen und
Titanlegierungen, die zum Teil auch mit Hydroxylapaptibeschichtungen versehen sind.
[0044] Weitere Gegenstände der Erfindung sind daher ein ProBMP-2 gemäß Tabelle 2 mit der
vollständigen Pro-Sequenz Gly
22-Arg
284 enthaltendes Arzneimittel und ein Verfahren zur Herstellung eines Arzneimittels zur
Förderung des Knochenwachstums, wie in den Patentansprüchen definiert. Die vollständige
Sequenz von proBMP-2 von Gly
20-Arg
396, einschließlich 20 Aminosäuren His-Tag und dem Startcodon Met ist in Tabelle 2 dargestellt.
[0045] Die Aminosäuren Met1 bis His20 sind Bestandteil des von pET-15b codierten His-Tags.
Die Prosequenz von BMP-2 beginnt bei Gly22. Zwischen His-Tag und Prosequenz befindet
sich das zusätzliche Methionin. Gly22 bis Arg 398 in der hier dargestellten Sequenz
entsprechen Gly20 bis Arg396 im primären Translationsprodukt der humanen Prä-ProBMP-2-cDNA,
auf welches sich die Sequenzangaben im Text beziehen.
[0046] Die folgenden Beispiele erläutern die Erfindung in Verbindung mit der Zeichnung.
In dieser stellen dar:
| Abbildung 1 |
ein SDS-PAGE-Elektropherogramm |
| Abbildung 2 |
UV-CD-Spektren |
| Abbildung 3 |
Emissionsspektren, jeweils von proBMP-2 |
| Abbildung 4 |
ein SDS-PAGE-Elektropherogramm |
| Abbildung 5 |
ein RP-HPLC-Chromatogramm |
| Abbildung 6 |
UV-CD-Spektren, |
| Abbildung 7 |
MALDI-TOF-Massenspektrogramm, jeweils von drBMP-2 |
| Abbildung 8 |
ein RP-HPLC Diagramm von rh-proBMP-2 |
| Abbildung 9 |
histologischer Schnitt eines rh-proBMP-2-Implantats. Sowohl die innere als auch die
äußere Oberfläche der Keramik sind mit Knochensubstanz bedeckt. Das Poreninnere enthält
Knochenmark mit zahlreichen Fettzellen (Implantatmaterial - dunkel, Knochen - hellblau).
Links unten sind einige Muskelfasern (dunkelblau) sowie Bindegegebe zu sehen. |
| Abbildung 10 |
Histologischer Schnitt eines rh-proBMP-2-Impantats in starker Vergrößerung. Das Knochenmaterial
(links oben bis rechts unten, hellblau) befindet in sehr engem Kontakt zu dem von
ihm bedeckten Keramikmaterial (rechts, grau). Zwischen Knochensubstanz und hematopoietischem
Gewebe befinden sich aktive Osteoblasten in einer Reihe. |
| Abbildung 11 |
ein Vergleich der Aktivität der AP in den Implantaten. |
Beispiele
Ausführungsbeispiel 1: Herstellung von proBMP-2
[0047] Klonierung der pro
bmp-2-cDNA in einen
Escherichia coli-Expressionsvektor
[0049] Als Ausgangs-DNA diente der pcDNA3-Vektor mit inserierter präpro
bmp-2-cDNA (Boehringer-Mannheim GmbH). Durch Polymerasekettenreaktion (PCR) wurde die
für die Aminosäuren Gly
20 bis Arg
396 von BMP-2 kodierende DNA erhalten. Dabei wurden Mutageneseprimer verwendet, mit deren
Hilfe am 5'-Ende ein Methionincodon für den Translationsstart eingeführt und das Stopcodon
am 3'-Ende in ein für
E. coli typisches überführt sowie durch ein zweites Stopcodon ergänzt wurde. Außerdem enthielten
die Primer eine
Ndel- (5'-) bzw. eine
BamHI-Schnittstelle (3'-Ende). Das ermöglichte die anschließende Klonierung in den Expressionsvektor
pET-15b (Novagen). Dieser Vektor codiert zusätzlich einen N-terminalen 6-Histidin-Tag,
durch welchen sich die Expressionsraten in
E. coli beträchtlich steigern ließen.
[0051] Folgende Primer wurden verwendet:
forward primer "PrimerFwProBMP":
reverse primer "PrimerRevBMP":

[0052] Als Wirtsstamm diente
E. coli BL21 (DE3). Das Chromosom dieser Bakterien enthält das Gen für die T7-RNA-Polymerase,
welches unter Kontrolle des lac-Promotors steht. Die Expression der Polymerase kann
somit durch Isopropyl-β-D-thiogalactosid (IPTG) induziert werden. Das pro
bmp-2-Gen wird von einem T7-Promotor kontrolliert. Die Induktion mit IPTG führt folglich
zur Bildung von proBMP-2. Zur weiteren Erhöhung der Expressionsrate wurden die Zellen
mit pUBS520 cotransformiert. Dieses Plasmid enthält das Gen für eine in
E. coli seltene Arginin-tRNA
(dnaY). Die von dieser tRNA erkannten Arginincodons (AGA und AGG) finden sich dagegen besonders
häufig in eukaryotischen Genen, so auch in pro
bmp-2. Die Expressionsrate solcher Gene in
E. coli hängt u.a. von der Verfügbarkeit dieser tRNA ab [
Brinkmann et al., Gene 85 (1989), 109-114].
Expression von humanem proBMP-2 in E.coli
[0053] Für die Anzucht des rekombinanten Bakterienstammes wurde ein geeignetes Volumen 2·YT-Medium,
i.d.R. 1,5 I, mit 100 µg/ml Ampicillin und 50 µg/ml Kanamycin versetzt und mit einer
Einzelkolonie beimpft.
2-YT-Medium (1 l):
17 g Trypton
10 g Hefeextrakt
5 g NaCl
[0054] Die Kultur wurde bei 37 °C und 160-200 rpm geschüttelt. Induziert wurde mit 1 mM
IPTG bei einer OD
600 von 1-1,3. Anschließend wurde für weitere 3-4 h bei gleicher Temperatur geschüttelt
und so reproduzierbar Zelldichten nach Induktion von OD
600 3-3,5 erzielt. Die Zellernte erfolgte durch Zentrifugation bei 10.000 g. 3-3,5 g
Zellen (Feuchtmasse) je 1 l Medium konnten so gewonnen werden. Alternativ zum sofortigen
Zellaufschluss wurden die Zellen zunächst in flüssigem Stickstoff und danach bei -20
°C eingefroren.
Isolierung der inclusion bodies (IBs)
[0056] Je 5 g Zellpellet wurden in 25 ml 100 mM Tris/HCl pH 7,0, 1 mM EDTA resuspendiert.
Nach Hinzufügen von 1,5 mg Lysozym je 1 g Zellfeuchtmasse folgte eine dreissigminütige
Inkubation der Zellsuspension bei 4 °C. Schließlich wurden die Zellen mittels Hochdruckdispersion
(Gaulin-Homogenisator) aufgebrochen. Nach Zugabe von 3 mM MgCl
2 und 10 µg/ml DNase wurde das Homogenat für weitere 30 min bei 25 °C inkubiert. Im
Anschluss daran wurden 0,5 Volumenanteile 60 mM EDTA, 6 % Triton X-100, 1,5 M NaCl
pH 7,0 hinzugefügt und die Inkubation bei 4 °C für 30 min fortgesetzt, um unlösliche
Zellbestandteile zu solubilisieren. Die IBs blieben unter diesen Bedingungen unlöslich
und konnten durch Zentrifugation bei 39.000 g abgetrennt werden. Um überschüssiges
Detergens aus den IBs wieder zu entfernen, wurden diese noch fünfmal mit 100 mM Tris/HCl
pH 7,0, 20 mM EDTA gewaschen, abschließend aliquotiert und bei -20 °C gelagert.
[0057] Auf diese Weise konnten aus 1 g induzierter
E. coli-Zellen reproduzierbar 180-210 mg IBs gewonnen werden, die bei einem Proteingehalt
von 30-35 % 90-95 % rh-pro-BMP-2 enthielten.
Solubilisierung der IBs
[0058] 100-150 mg IB-Pellet wurden 4 h bei 25 °C in 1 ml 100 mM Tris/HCl pH 8,0, 6 M GdmCl,
100 mM DTT, 1 mM EDTA solubilisiert. Danach wurde der pH mit Essigsäure auf 3-4 eingestellt
und die unlöslichen Bestandteile bei 16.000 g über 20 min in der Zentrifuge pelletiert.
Der Überstand wurde anschließend in der Ultrazentrifuge bei 266.000 g noch einmal
für 30 min zentrifugiert, um Mikroaggregate abzutrennen. Die Proteinkonzentration
wurde mittels Absorptionsmessung bei λ = 280 nm bestimmt [
Gill und von Hippel, Anal. Biochem. 182 (1989), 319-326] und betrug 30-52 mg/ml.
Reinigung von proBMP-2
[0059] Wiederfindungsrate (ca. 70 %) waren dabei mit dem analytischen Maßstab vergleichbar.
[0060] Als zweite Reinigungsmethode kam Heparin-Affinitätschromatographie auf einer 1 ml
HiTrap Heparin Sepharose (Amersham Pharmacia Biotech) zum Einsatz. Als Puffersystem
wurden:
- 0,1 mol l-1 Tris pH 7,56, 6 mol l-1 Harnstoff (Puffer A) und
- 0,1 mol l-1 Tris/HCl pH 7,5 6 mol l-1 Harnstoff, 1 mol l-1 NaCl (Puffer B)
verwendet. Die Säule wurde mit Puffer A über mehr als 10 Säulenvolumen äquilibriert.
Verunreinigungen wurden mit einem Gradienten von 0 bis 20 % Puffer B eluiert. Die
Trennung von monomeren und dimerem proBMP-2 erfolgte mit einem Gradienten von 20 bis
50 % Puffer B in 30 min bei einem Fluss von 1 ml min
-1.
Naturierung von rh-proBMP-2 im präparativen Maßstab
[0061] Das proBMP-2-IB-Solubilisat wurde für die Naturierung mit 4 M GdmCl pH 4 verdünnt,
sodass die Endkonzentration von GdmCl nach vollständiger Verdünnung des Solubilisats
in Faltungspuffer 50-60 mM erreichte. Die Konzentration an proBMP-2 betrug schließlich
3-4 µM (entspricht 135-180 µg/ml).
Faltungspuffer:
[0062]
100 mM Tris/HCl pH 8,0
1 M L-Arginin
5 mM GSSG
2 mM GSH
5 mM EDTA
[0063] Nach dem Filtrieren und Entgasen des Faltungspuffers wurde das Solubilisat langsam
(~ 20 ml/h) und unter Rühren hinzugegeben und der Ansatz 7 d bei 5 °C inkubiert. Die
mit dem Solubilisat eingeschleppten DTT-Reste sind dabei einer Konzentration von maximal
0.4 mM GSH äquivalent.
[0064] Die Konzentrierung des Faltungsansatzes erfolgte mittels
Cross-Flow-Filtration (Filtron Minisette, Membran: 30 kDa
open channel). Das Konzentrat wurde anschließend gegen fünfmal 20 Volumen 50 mM Na-Acetat pH 5,0
für je 24 h dialysiert und danach aggregiertes Protein für 2 h bei 75.000 g abzentrifugiert.
Die Menge des in Lösung verbliebenen Proteins wurde durch Absorption bei λ = 280 nm
bestimmt und betrug reproduzierbar ca. 50 %, bezogen auf den Proteingehalt des eingesetzten
IB-Solubilisats.
Reinigung von proBMP-2
[0065] Für die analytische bzw. semipreparative Trennung der (falsch oder korrekt gefalteten)
monomeren Spezies von nativem, dimerem rh-proBMP-2 wurde RP-HPLC eingesetzt. Im analytischen
Maßstab wurde unter anderem eine Protein-RP-Säule (150 x 3,6 mm, YMC) mit 0,1 % Perfluorbuttersäure
(HFBA) in H
2O bzw. ACN als Laufmittel verwendet (siehe Abbildung 8). Auch mit Trifluoressigsäure
als Ionenpaarbildner wurde eine Trennung von Monomer und Dimer erreicht. Das Dimer
eluiert - wie bei reifem BMP-2 - aufgrund seiner höheren Hydrophobizität später als
das Monomer bzw. die monomeren, falschgefalteten Spezies. Im semipreparativen Maßstab
kam eine Säule mit Source15 RPC-Material (Pharmacia) zum Einsatz. Das Trennprofil
und die Wiederfindungsrate (ca. 70 %) waren dabei mit dem analytischen Maßstab vergleichbar.
Charakterisierung von rh-proBMP-2
Reinheitsanalyse und Molekulargewichtsbestimmung mit SDS-Polyacrylamidgelelektrophorese
[0066] Die SDS-PAGE-Analyse ergab eine hohe Reinheit (≥ 90 %; Abbildung 1, Bahn 2-5) der
erfindungsgemäß präparierten proBMP-2-IBs, sodass diese ohne vorherige Reinigung für
die Naturierung eingesetzt werden konnten.
[0067] SDS-PAGE unter nicht reduzierenden Bedingungen (Zugabe von Iodacetamid führt zur
irreversiblen, oxidativen Modifikation freier Thiolgruppen) zeigt einen hohen kovalenten
Dimerisierungsgrad (≥ 90 %) von naturiertem proBMP-2 und ist ein Hinweis auf die korrekte
Ausbildung der Disulfidbrücken und damit der nativen Struktur des Proteins (Abbildung
1, Bahn 6).
N-terminaleSequenzanalyse
[0069] Das entspricht dem N-Terminus von rekombinantem proBMP-2 mit Histidin-Tag nach Abspaltung
des Startmethionins.
Circular-Dichroismus-Spektrometrie und Fluoreszenzspektroskopie
[0070] Die mit naturiertem und wieder denaturiertem proBMP-2 durchgeführten fluoreszenz-
und CD-spektrometrischen Analysen lassen deutliche Hinweise auf das Vorhandensein
von Sekundär- und Tertiärstruktur erkennen. Die starke Differenz zwischen der Elliptizität
von naturiertem und denaturiertem proBMP-2 im Bereich um λ = 220 nm des Fern-UV-CD-Spektrums
(
Abbildung 2) erlaubt die Feststellung, dass beim erfindungsgemäßen Prozess der Naturierung die
Ausbildung von Sekundärstrukturelementen erfolgt. Die Verschiebung des Emissionsmaximums
der Fluoreszenz von naturiertem proBMP-2 zu niedrigeren Wellenlängen gegenüber dem
denaturierten Protein (
Abbildung 3) ist typisch für die Ausbildung nativer Tertiärstrukturen. Dabei gelangen die Tryptophanreste
des Proteins (5 Tryptophane je Polypeptidkette proBMP-2) aus der polaren Umgebung
des Lösungsmittels in den apolaren Kern des sich faltenden Proteins, wo sie zudem
sterisch fixiert sind. Durch den so verringerten Verlust von Anregungsenergie wird
Licht höherer Frequenz emittiert. [
Schmid: "Optical spectroscopy to characterize protein conformation and conformational
changes." in "Protein Structure: A Practical Approach", T.E. Creighton (Hrsg.), 2.
Aufl. (1996), S. 261-297]. Aus den Fluoreszenzspektren wird auch deutlich, dass die Struktur von proBMP-2
bei niedrigem pH, also im Bereich hoher Löslichkeit von reifem und proBMP-2, eine
Veränderung erfährt. Wie unsere Experimente ergeben haben, kann dies auf eine partielle
Entfaltung des Propeptids zurückgeführt werden (Daten nicht gezeigt).
[0071] MALDI-TOF-Massenspektrometrie und N-terminale Sequenzanalyse
- apparente Molekularmasse: 89803,0078 Da - siehe Abbildung 7
- berechnete Molekularmasse (ohne Startmethionin): 89801,2 Da
Biologische Aktivität von rh-proBMP-2 und rh-drBMP-2
[0072] Die osteoinduktive Aktivität des modifizierten rh-proBMP-2 und rh-drBMP-2 wurde im
ektopen Knocheninduktionsmodell an Laborkleintieren geprüft. Hierzu wurden definierte
Mengen des jeweiligen zu prüfenden Faktors (40-200 µg; drBMP-2 bzw. proBMP-2) nach
Sterilfiltration auf sterile würfelförmige, chemisch und pharmakologisch inerte keramische
Implantatgrundkörper aus β-TCP aufgebracht.
Implantatspezifikationen:
[0073]
Hersteller --- Fa. Mathys, Bettlach, Schweiz
Handelsname --- chronOs
Phasenreinheit --- > 95 % β-TCP
Porenvolumenanteil --- 72 +/- 6 %
Porengröße --- 80-650 µm
Porenstruktur --- interkonnektierend
Festigkeit --- 7,7 + /- 1,2 MPa
[0074] Die faktorbeschichteten Implantate sowie unbeschichtete, aber ansonsten identisch
behandelten Kontrollimplantate wurden 8 ausgewachsenen Laborratten in die vordere
Bauchwandmuskulatur implantiert. Hierzu wurden nach Narkotisierung mehrere, ca. 1
cm lange chirugische Schnitte in die Haut und die darunter liegende oberste Muskellage
gesetzt. Durch stumpfe Präparation wurde zwischen den zwei schrägen Lagen Bauchmuskukatur
ein Hohlraum erzeugt, in diesen die Implantate eingebracht und die Wunden durch chirurgische
Nähte verschlossen. Nach 30 Tagen Liegedauer wurden die Tiere geopfert und die Implantate
mit umgebendem Gewebe entnommen und makroskopisch und histologisch auf Knochenneubildung
untersucht. Bei allen faktorbeschichteten Implantaten konnte eine Knochenneubildung,
begleitet von der Bildung von hämatopoetisch aktivem Knochenmark, histologisch eindeutig
festgestellt werden (siehe
Abbildungen 8 und 9). Die biologische Wirksamkeit betrug somit für beide Faktoren jeweils 100 % (16/16
bei proBMP-2; 8/8 bei drBMP-2). Damit konnte der Nachweis der osteoinduktiven Aktivität
durch die Bildung von Knochengewebe im normalerweise nicht zur Knochenbildung fähigen
Muskelgewebe eindeutig erbracht werden. Qualitative Unterschiede im histologischen
Ergebnis zwischen proBMP-2 und reifem drBMP-2 konnten nicht beobachtet werden. Die
Kontrollimplantate führten in keinem Falle zur Knochenneubildung. Statt dessen wurden
diese ausschließlich bindegewebig eingescheidet.
[0075] Ein weiterer Nachweis für die Neubildung von aktivem Knochengewebe unter dem Einfluss
von rh-proBMP-2 bzw. rh-drBMP-2 wurde durch die Messung der Aktivität Alkalischer
Phosphatase (AP) in den Implantaten erbracht. Hierfür wurde die Hälfte eines jeden
Implantats unmittelbar nach der Explantation tiefgefroren und bei -80 °C gelagert.
Für die Extraktion der Alkalischen Phosphatase und Ermittlung der enzymatischen Aktivität
wurden die Implantate aufgetaut und in 0,1 M Tris/HCl, 1 % Triton X-100 pH 7,4 (bei
4 °C) mit Hilfe eines Potter S Homogenisators (B. Braun Biotech) aufgesclossen und
unlösliche Bestandteile mittels Zentrifugation abgetrennt. Der klare Überstand wurde
nachfolgend für die Bestimmung der Aktivität Alkalischer Phosphatase mit dem Testkit
Ecoline 25 (Merck) verwendet. Die Konzentration des bei diesem Test freigesetzten
4-Nitrophenols wurde bei 25 °C und λ = 405 nm über 5 min verfolgt und die enzymatische
Aktivität nach Gleichung 1 berechnet,

wobei Vb das Volumen des Puffers (1 ml) und Vs das der Probe (25 ml) ist. Entsprechend
der Herstellerangaben wurde ∈ = 18518 l x mol
-1 x cm
-1 als molarer Absorptionskoeffizient von 4-Nitrophenol angenommen. Die Einheit der
resultierenden Aktivität ist µmol x min
-1 x ml
-1. Die Ergebnisse des Tests sind in Tabelle 1 und
Abbildung 10 zusammengefasst. Die Enzymaktivität in den rh-pro/drBMP-2-haltigen Proben ist gegenüber
den (-)-Kontrollen signifikant erhöht, die der rh-drBMP-2-Proben gegen denen mit rh-proBMP-2
jedoch nur geringfügig und auch nicht in jedem Fall (Ausnahmen: Tier 4, 6 und 8).
Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Molekulargewichte von rh-proBMP-2 (ca.
45 kDa) und rh-drBMP-2 (ca. 12 kDa) sowie der Tatsache, dass die rh-proBMP-2-Proben
nicht gereinigt eingesetzt wurden und somit noch falschgefaltete, monomere Spezies
in einem Anteil von bis zu 10 % enthielten, lässt sich feststellen, dass rh-proBMP-2
in diesem Tiermodell eine der (trunkierten) reifen Form des Proteins vergleichbare,
Knochenneubildung induzierende Aktivität besitzt.
Tabelle 1: Vergleich der Aktivität Alkalischer Phosphatase in den mit drBMP-2 oder
proBMP-2 beschichteten Implantaten (in U) β-TCP
| Tier |
Kontrolle |
drBMP-2 |
proBMP-2(a) |
proBMP-2(b) |
| 1 |
0,0009 |
2,1162 |
1,1654 |
1,049 |
| 2 |
0,0232 |
1,3459 |
0,7443 |
0,9126 |
| 3 |
0,017 |
2,5307 |
1,3521 |
1,4508 |
| 4 |
0,0036 |
1,0461 |
1,1934 |
1,262 |
| 5 |
0,0118 |
1,3884 |
1,0472 |
0,6895 |
| 6 |
0,0142 |
0,9195 |
1,7609 |
1,257 |
| 7 |
0,0112 |
1,776 |
1,4601 |
1,1126 |
| 8 |
0,0149 |
0,7044 |
1,6968 |
1,053 |
Ausführungsbeispiel 2: Gewinnung von biologisch aktivem drBMP-2
Limitierte Proteolyse von rh-proBMP-2
[0076] Zur präparativen Proteolyse von rh-proBMP-2 wurden 50 ml des naturierten Proteins
gegen 0,1 M Tris/HCl pH 7,0, 4 M Harnstoff, 1 mM EDTA dialysiert. Aggregate wurden
durch Zentrifugation abgetrennt (75.000 g, 1 h) und die Proteinkonzentration spektrophotometrisch
bestimmt (1,3 mg/ml). Die Verluste durch die Dialyse betrugen 13 %. Trypsin (Roche
Diagnostics) wurde im Verhältnis von 1:100 (Trypsin: proBMP-2; w/w) eingesetzt und
der Ansatz 4 h bei 5-7 °C inkubiert. Die Inaktivierung von Trypsin erfolgte mit einem
8-fachen molaren Überschuss an Sojabohnen-Trypsininhibitor (SBTI; Sigma). Die Dialyse
des gesamten Ansatzes gegen harnstofffreien Puffer (0,1 M Tris/HCl pH 7,0) fand in
Gegenwart von hydrophoben Säulenmaterial (20 ml Fractogel-Phenyl, Merck) statt. Das
so mit drBMP-2 beladenene Säulenmaterial wurde in eine Leersäule (XK-16, Pharmacia)
gefüllt und anschließend mit:
- 5 SV (Säulenvolumen) Niedrigsalzpuffer (Dialysepuffer),
- 5 SV 50 mM Na-Acetat pH 5,0,
- 2 SV 50 mM Na-Acetat pH 5,0, 4 M Harnstoff und
- 2 SV 50 mM Na-Acetat pH 5,0, 1 M L-Arginin
gewaschen. Eluiert wurde mit 6 M GdmCl, 0,2 M Essigsäure. Die drBMP-2-enthaltenden
Fraktionen wurden vereinigt und gegen 0,1 % TFA dialysiert. Es konnte keine Aggregatbildung
festgestellt werden. Das Dialysat wurde sterilfiltriert und die Proteinkonzentration
spektrophotometrisch bestimmt (1,3 mg/ml). Die Ausbeute an so gewonnenem BMP-2 betrug
ca. 50 % bezogen auf das für die limitierte Proteolyse eingesetzte Renaturat. Aus
1 l
E. coli-Kultur lassen sich somit ca. 17 mg biologisch aktiven drBMP-2s gewinnen bzw. 5,2
(entspricht 5,6 mg reifes BMP-2 incl. N-terminaler Heparinbindestelle), bezogen auf
1 g (Feuchtmasse) induzierter
E. coli-Zellen. Mit dem von
Ruppert et al., [Eur. J. Biochem. 237 (1996), 295--302] beschriebenen Verfahren wurden dagegen nur 0,2 mg BMP-2 je 1 g Zellen erhalten.
Charakterisierung von drBMP-2
Analyse der Proteolyseprodukte durch N-terminale Sequenzierung
[0077] Nach SDS-PAGE und Western-Blot auf eine PVDF-Memran erfolgte die N-terminale Sequenzierung
[
Edman und Begg, Eur. J. Biochem. 1 (1967), 80-91]. Sie ergab für erfindungsgemäß generiertes drBMP-2 folgende Aminosäuresequenzen:
- a) Leu-Lys-Ser-Ser-Cys-Lys-Arg-
- b) Lys-Arg-Leu-Lys-Ser-Ser-Cys-
- c) Arg-Leu-Lys-Ser-Ser-Cys-Lys-
[0078] Das Verhältnis der verschiedenen Spezies zueinander beträgt etwa 3:2:1 (a:b:c). Die
Cysteine konnten nicht detektiert werden, jedoch die darauf folgenden Aminosäuren.
Die Sequenz wurde jedoch auf DNA-Ebene vollständig verifiziert. Das entspricht dem
N-Terminus von reifem BMP-2 ohne die Heparinbindestelle. drBMP-2 wurde in reduzierter
und nicht reduzierter Form zur Sequenzierung eingesetzt. Die nicht reduzierte Form
konnte lediglich bis zum zweiten Serin sequenziert werden, was dafür spricht, dass
der nachfolgende Rest ein Cystin, also Bestandteil einer Disulfidbrücke ist. Insgesamt
entspricht somit das Proteolyseprodukt einem N-terminal um 7-9 Aminosäuren verkürzten
reifen BMP-2, dem somit die Heparinbindestelle fehlt.
[0079] Unter den hier beschriebenen Bedingungen der limitierten Proteolyse werden nicht
disulfidverbrückte Peptidketten abgebaut, sodass schließlich nur zu 100 % kovalent
dimerisiertes drBMP-2 gewonnen wird.
Reinheitsanalyse von drBMP-2 mit SDS-Polyacrylamidgelelektrophorese und HPLC
[0080] Die Größe und Reinheit des erfindungsgemäß gewonnenen drBMP-2 wurde mit SDS-PAGE
unter reduzierenden und nicht reduzierenden Bedingungen und anschließender Silberfärbung
kontrolliert (Bahn 6 und 11 in
Abbildung 4). Es ist zu 100 % dimerisiert bei einer Reinheit von über 95 %.
[0081] Weiterhin wurde zur Überprüfung von Reinheit und Homogenität von drBMP-2 Umkehrphasenhochleistungsflüssigchromatographie
(RP-HPLC; Vydac C
4) eingesetzt, drBMP-2 eluierte dabei in einem homogenen Peak bei 46,57 % Acetonitril
und 0,1 % TFA (
Abbildung 5), was für die einheitliche Strukturierung und insbesondere Disulfidverbrückung des
Proteins spricht.
Circular-Dichroismus-Spektrometrie
[0082] Die starke Differenz zwischen der Elliptizität von naturiertem und denaturiertem
drBMP-2 und besonders dem reduzierten und denaturierten reifen BMP-2 (IB-Solubilisat)
im Bereich 210-230 nm des Fern-UV-CD-Spektrums (
Abbildung 6) erlaubt die Feststellung, dass beim erfindungsgemäßen Prozess der Naturierung des
Proproteins die Ausbildung von Sekundärstrukturelementen auch in der reifen Domäne
des Proteins erfolgt.
