[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft ein Verfahren zum Einstellen eines Hörsystems,
das mindestens eine Hörhilfe umfasst, wobei mehrere Einstellkonfigurationen in dem
Hörsystem bereitgestellt werden. Darüber hinaus betrifft die vorliegende Erfindung
ein entsprechendes Hörsystem mit mindestens einer Hörhilfe.
[0002] Erhält ein Schwerhöriger eine Hörhilfe, z. B. ein Hörgerät, ein Mittelohrimplantat
oder ein Cochlea-Implantat, so muss diese individuell an ihn angepasst werden. Dies
erfolgt in einem ersten Schritt durch eine Erstanpassung, die in der Regel durch einen
Hörgeräteakustiker durchgeführt wird. In mehreren anschließenden Sitzungen beim Hörgeräteakustiker
wird das Hörgerät nach und nach in seiner Einstellung optimiert, so dass es den individuellen
Bedürfnissen des Hörgerätsträgers gerecht wird. Da das Aufsuchen eines Hörgeräteakustikers
in der Regel mit Aufwand verbunden ist, wird dies vielfach vermieden und notwendige
Feinanpassungen werden nicht mehr durchgeführt.
[0003] In diesem Zusammenhang ist aus der Druckschrift WO 99/19779 A1 eine Hörhilfe mit
einem Fuzzy-Logic-System und einem neuronalen Netz, das trainiert werden muss, bekannt.
Mit einem Zusatzgerät kann ein programmierbares Hörgerät durch eine interaktive Prozedur
angepasst werden. Es findet jedoch keine Anpassung an alltägliche Situationen, die
für den Hörgeräteträger spezifisch sind, statt.
[0004] Weiterhin sind aus den Druckschriften DE 198 15 373 A1 und EP 0 341 997 B1 Hörgeräte
bekannt, in die Modifikationsdatensätze fest einprogrammiert sind, welche in speziellen
Hörsituationen relativ zu einer Grundeinstellung aktiviert werden.
[0005] Dabei ist beschrieben, wie man die bekannten Datensätze für verschiedene Hörprogramme
und Situationen bei der Anpassung im Hörgerät physikalisch ablegt.
[0006] Die Aufgabe der vorliegenden Erfindung besteht darin, die Anpassung für den Hörhilfeträger
zu verbessern und zu vereinfachen.
[0007] Erfindungsgemäß wird diese Aufgabe gelöst durch ein Verfahren zum Einstellen eines
Hörsystems, das mindestens eine Hörhilfe umfasst, mit den Schritten Bereitstellen
mehrerer Einstellkonfigurationen in dem Hörsystem, automatisches Klassifizieren einer
aktuellen Hörsituation, Anbieten einer Gruppe von Einstellkonfigurationen von den
mehreren Einstellkonfigurationen in Abhängigkeit von der klassifizierten Hörsituation
und interaktives Auswählen einer Einstellkonfiguration aus der Gruppe von Einstellkonfigurationen
mit dem Hörsystem.
[0008] Darüber hinaus ist erfindungsgemäß vorgesehen ein Hörsystem mit mindestens einer
Hörhilfe und einer Speichereinrichtung zum Bereitstellen mehrerer Einstellkonfigurationen,
einer Klassifikationseinrichtung zum automatischen Klassifizieren einer Hörsituation,
einer Recheneinrichtung zum automatischen Auswählen einer Gruppe von Einstellkonfigurationen
von den mehreren Einstellkonfigurationen in Abhängigkeit von der klassifizierten Hörsituation
und einer Eingabeeinrichtung zum interaktiven Auswählen einer Einstellkonfiguration
aus der Gruppe von Einstellkonfigurationen.
[0009] Hiermit wird eine für die relevanten Situationen des Hörhilfeträgers optimierte Feinanpassung
einer Hörhilfe ohne Mithilfe einer Fachperson ermöglicht. Auch der Hörhilfeträger
braucht keinerlei Kenntnisse über das Hörsystem zu besitzen. Die Anpassung erfolgt
lediglich dadurch, dass bevorzugte Einstellungen ausgewählt werden.
[0010] Die interaktive Auswahl kann mit einer oder mehreren Bedienelementen an der Hörhilfe
erfolgen. Bei einer komfortableren Ausgestaltung des erfindungsgemäßen Hörsystems
findet die interaktive Auswahl mit Hilfe einer Fernbedienung statt. Im weitesten Sinne
zählt zu einer derartigen Fernbedienung auch ein Mobiltelefon, das beispielsweise
über eine Bluetooth-Schnittstelle mit der Hörhilfe kommuniziert. Eine ebenfalls komfortable
Variante besteht darin, dass das interaktive Auswählen durch Spracheingabe über eine
entsprechende Spracheingabeeinheit erfolgt.
[0011] Sämtliche Verfahrensschritte des erfindungsgemäßen Verfahrens können in und/oder
an der mindestens einen Hörhilfe durchgeführt werden. Dem kommt gleich, wenn sämtliche
Einrichtungen, nämlich die Speichereinrichtung, die Klassifikationseinrichtung, die
Recheneinrichtung und die Eingabeeinrichtung, in die mindestens eine Hörhilfe des
erfindungsgemäßen Systems integriert sind. Dadurch bedarf es keiner zusätzlichen externen
Geräte, um die Hörhilfe interaktiv einzustellen. Prinzipiell kann der Einstellvorgang
aber auch unter Zuhilfenahme externer Systeme durchgeführt werden. Derartig externe
Systeme können für die Eingabe von Daten aber auch dafür vorgesehen sein, um beispielsweise
Rechenintelligenz auszulagern. Dies kann insbesondere für sogenannte In-dem-Ohr-Hörgeräte
oder Implantate der Fall sein, die aus Platzmangel beispielsweise keine große Speichereinrichtung
für Einstellkonfigurationen und keine Recheneinrichtung zum automatischen Auswählen
einer Gruppe von Einstellkonfigurationen besitzen können.
[0012] Vorzugsweise wird die Gruppe von Einstellkonfigurationen durch ein Simplexverfahren
ermittelt. Simplexverfahren sind als Optimierungsverfahren für das sogenannte interaktive
Fitting (IAF) bekannt. Sie basieren auf einem systematischen Algorithmus und konvergieren
automatisch gegen eine optimale Einstellung.
[0013] Die Einstellkonfigurationen können für binaurale Hörsysteme ausgelegt sein. Dabei
kann die Einstellung jedes der beiden Hörhilfen einzeln erfolgen oder aber die entsprechenden
Daten zwischen den Hörhilfen drahtlos ausgetauscht werden, wenn das interaktive Einstellen
über eine Hörhilfe, das als sogenannter Master dient, erfolgt.
[0014] Die vorliegende Erfindung wird nun anhand der beigefügten Zeichnung näher erläutert,
die den Einstellvorgang anhand von Kennlinien zeigt.
[0015] Die nachfolgend beschriebenen Ausführungsbeispiele stellen bevorzugte Ausführungsformen
der vorliegenden Erfindung bezüglich eines Hörgeräts dar. Die Erfindung ist aber auch
auf andere Hörhilfen anwendbar.
[0016] Mit Hilfe der Zeichnung lässt sich der erfindungsgemäße Einstellvorgang prinzipiell
nachvollziehen. Der Hörgeräteträger stellt beispielsweise bei der Darbietung von Musik
fest, dass sein Hörgerät nachjustiert werden sollte. Diese Musiksituation wird entsprechend
klassifiziert, und das Hörsystem bestimmt daraus, dass nur ganz spezielle Parameter
verändert werden müssen. Die zu verändernden Parameter betreffen beispielsweise den
tieffrequenten Bereich einer Verstärkungskennlinie.
[0017] Die aktuelle Verstärkungskennlinie 1 über der Frequenz f ist in der Figur mit der
durchgezogenen Linie symbolisiert. Die optimale Kennlinie 2, die in dieser Situation
für den Hörgeräteträger am geeignetsten wäre, ist in der Figur gepunktet dargestellt.
[0018] Nachdem der Hörgeräteträger festgestellt hat, dass die aktuelle Kennlinie 1 in dieser
Situation für ihn nicht optimal ist, löst er den Anpassprozess aus, so dass ihm nach
der Klassifikation eine erste neue Kennlinie 3 angeboten wird. Diese stuft der Hörgeräteträger
wiederum nicht als optimal ein, da sie im tieffrequenten Bereich zu hohe Verstärkungen
aufweist. Daraufhin bietet das Hörsystem eine zweite neue Kennlinie 4 an, die unterhalb
der ersten neuen Kennlinie 3, aber oberhalb der ursprünglichen Kennlinie 1 liegt,
an. Wenn auch diese zweite neue Kennlinie 4 von dem Hörgeräteträger nicht als optimal
empfunden wird, gibt das Hörsystem immer wieder neue Kennlinien aus, bis die optimale
Kennlinie 2 gefunden ist. Ein systematischer Algorithmus führt dazu, dass die eingegebenen
Kennlinien automatisch gegen die optimale Kennlinie 2 konvergieren.
[0019] Bei der technischen Realisierung macht man sich zwei bekannte algorithmische Ansätze
zunutze:
a) automatische Situationserkennung und
b) interaktives Anpassverfahren.
[0020] Beide Algorithmen können in das Hörsystem integriert sein beziehungsweise teilweise
oder vollständig auf einem externen System ablaufen.
[0021] Der Nutzer beziehungsweise Hörgeräteträger startet den interaktiven Anpassvorgang
beispielsweise durch Drücken eines entsprechenden Knopfes an dem Hörgerät oder an
einer Fernbedienung. Dies kann in jeder beliebigen Hörsituation stattfinden. Die automatische
Situationserkennung analysiert und klassifiziert daher zunächst die vorliegende Hörsituation.
Aus der für diese Situation abgespeicherten Einstellung des Hörgeräts werden beispielsweise
mittels eines Simplexverfahrens alternative Parameterkonfigurationen bestimmt.
[0022] Zusätzlich zu der aktuellen Einstell- beziehungsweise Parameterkonfiguration wird
dem Hörgeräteträger in Abhängigkeit von der klassifizierten Situation eine weitere
Einstellkonfiguration (Kennlinie 3) angeboten. Dies erfolgt beispielsweise indem der
Hörgeräteträger zwischen zwei Einstellungen beziehungsweise Programmen hin- und herschaltet.
Dieses Schalten kann auch automatisch innerhalb eines festgelegten Zeitintervalls
erfolgen. Der Hörgeräteträger wählt die bevorzugte Einstellung beispielsweise durch
Drücken einer hierzu vorgesehenen Taste aus. Daraufhin berechnet das System die nächste
Einstellkonfiguration, mit der der Hörgeräteträger wieder vor die Wahl gestellt werden
kann. Der Optimierungsvorgang stoppt nach Erfüllung eines definierten Abbruchkriteriums
automatisch oder kann vom Hörgeräteträger auf Wunsch gestoppt werden. Der Optimierungsvorgang
kann jederzeit neu gestartet werden.
[0023] Das System speichert die auf die jeweilige Hörsituation bezogene Optimaleinstellung
ab und ruft sie automatisch wieder auf, wenn sich der Benutzer in einer ebenso klassifizierten
Situation befindet. Falls sich der Benutzer in einer Situation befindet, die vom Klassifikationssystem
nicht erkannt wird, so kann als Hörgeräteeinstellung beispielsweise eine mittlere
Einstellkonfiguration gewählt werden, die sich aus Mittelwerten der einzelnen Parameter
über die derzeit vorhandenen Einstellungen zusammensetzt.
[0024] In einer weiterführenden Ausgestaltung kann die interaktive Anpassung auch über einen
beliebig langen Zeitraum erfolgen, in dem keine relativen Vergleiche zwischen zwei
oder mehreren Einstellkonfigurationen vorgenommen werden, sondern die Interaktion
durch eine spontane, absolute Bewertung der aktuellen Einstellung durch den Benutzer
erfolgt. Eine derartige absolute Bewertung kann binär durch beispielsweise
"gut/schlecht" oder aber auch über eine mehrstufige Notenskala erfolgen. Hierzu kann
die Bewertung beispielsweise mittels einer Fernbedienung, eines speziellen Codes der
Bedienelemente des Hörsystems oder per Spracheingabe in das Hörsystem eingegeben werden.
[0025] Bei einer speziellen Ausführungsform wird die Situationserkennung, d. h. die Klassifikation
in einer Fernbedienung durchgeführt, die darüber hinaus über eine Steuereinheit für
die Einstellungsoptimierung verfügt. Die Hörgeräteparameter beziehungsweise Einstellkonfigurationen
werden von der Fernbedienung berechnet und an das Hörgerät übertragen.
[0026] Der Hörgeräteträger ist damit in der Lage, ein Hörgerät mit der vom Hörgeräteakustiker
vorgegebenen Ersteinstellung im Alltag zu testen und bei Bedarf selbst nachzujustieren.
Es ist also nicht mehr notwendig, dass der Hörgeräteträger zum Nachjustieren einen
Fachmann beziehungsweise Hörgeräteakustiker aufsucht. Der Optimierungsvorgang wird
auch dadurch deutlich verbessert, dass die jeweilige Optimierung in einer realen Alltagssituation
stattfindet und nicht etwa unter Laborbedingungen.
1. Verfahren zum Einstellen eines Hörsystems, das mindestens eine Hörhilfe umfasst, mit
den Schritten
- Bereitstellen mehrerer Einstellkonfigurationen in dem Hörsystem,
gekennzeichnet durch
- automatisches Klassifizieren einer aktuellen Hörsituation,
- Anbieten einer Gruppe von Einstellkonfigurationen (3, 4) von den mehreren Einstellkonfigurationen
in Abhängigkeit von der klassifizierten Hörsituation und
- interaktives Auswählen einer Einstellkonfiguration aus der Gruppe von Einstellkonfigurationen
mit dem Hörsystem.
2. Verfahren nach Anspruch 1, wobei das interaktive Auswählen mit Hilfe einer oder mehrerer
Bedienelemente an der Hörhilfe erfolgt.
3. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, wobei das interaktive Auswählen durch eine Fernbedienung
erfolgt.
4. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 3, wobei das interaktive Auswählen durch
eine Spracheingabe erfolgt.
5. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4, wobei sämtliche Verfahrensschritte in
und/oder an der Hörhilfe durchgeführt werden.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 5, wobei die Gruppe von Einstellkonfigurationen
durch ein Simplexverfahren ermittelt wird.
7. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 6, wobei die mehreren Einstellkonfigurationen
ein binaurales Hörsystem betreffen.
8. Hörsystem mit
- mindestens einer Hörhilfe und
- einer Speichereinrichtung zum Bereitstellen mehrerer Einstellkonfigurationen,
gekennzeichnet durch
- eine Klassifikationseinrichtung zum automatischen Klassifizieren einer Hörsituation,
- eine Recheneinrichtung zum automatischen Auswählen einer Gruppe von Einstellkonfigurationen
(3, 4) von den mehreren Einstellkonfigurationen in Abhängigkeit von der klassifizierten
Hörsituation und
- einer Eingabeeinrichtung zum interaktiven Auswählen eine Einstellkonfiguration aus
der Gruppe von Einstellkonfigurationen.
9. Hörsystem nach Anspruch 8, wobei die Eingabeeinrichtung ein oder mehrere Bedienelemente
der mindestens einen Hörhilfe umfasst.
10. Hörsystem nach Anspruch 8 oder 9, wobei die Eingabeeinrichtung eine Fernbedienung
umfasst.
11. Hörsystem nach einem der Ansprüche 8 bis 10, wobei die Eingabeeinrichtung eine Spracheingabeeinheit
umfasst.
12. Hörsystem nach einem der Ansprüche 8 bis 11, wobei die Speichereinrichtung, die Klassifikationseinrichtung,
die Recheneinrichtung und die Eingabeeinrichtung in der mindestens einen Hörhilfe
untergebracht ist.
13. Hörsystem nach einem der Ansprüche 8 bis 12, wobei die Gruppe von Einstellkonfigurationen
durch ein Simplexverfahren in der Recheneinrichtung ermittelbar ist.
14. Hörsystem nach einem der Ansprüche 8 bis 13, wobei die Einstellkonfigurationen ein
binaurales Hörsystem betreffen.