[0001] Die Erfindung betrifft Hörhilfegeräte sowie Verfahren zum Betrieb von Hörhilfegeräten
mit einem Mikrofonsystem zur Aufnahme eines akustischen Eingangssignals und Abgabe
eines Mikrofonausgangssignals, einer Signalverarbeitungseinheit und einem Ausgangswandler
zur Abgabe eines Ausgangssignals.
[0002] In modernen Hörhilfegeräten finden Einrichtungen zur Klassifikation von Hörsituationen
Verwendung. Je nach Hörsituation werden die Übertragungsparameter des Hörhilfegerätes
automatisch variiert. Dabei kann die Klassifikation u.a. Einfluss haben auf die Wirkungsweise
von Störgeräuschunterdrückungsalgorithmen als auch auf das Mikrofonsystem. So wird
beispielsweise je nach erkannter Hörsituation gewählt (diskret umgeschaltet bzw. kontinuierlich
übergeblendet) zwischen einer omnidirektionalen Richtcharakteristik (Richtcharakteristik
nullter Ordnung) und einer deutlichen Richtwirkung des Mikrofonsystems (Richtcharakteristik
erster oder höherer Ordnung). Zur Erzeugung der Richtcharakteristik werden Gradientenmikrofone
verwendet oder mehrere omnidirektionale Mikrofone elektrisch miteinander verschaltet.
Derartige Mikrofonsysteme zeigen ein frequenzabhängiges Übertragungsverhalten, bei
dem ein deutlicher Abfall zu tiefen Frequenzen zu verzeichnen ist. Das Rauschverhalten
der Mikrofone ist dagegen frequenzunabhängig und gegenüber einem omnidirektionalen
Mikrofon geringfügig verstärkt. Zum Erreichen eines natürlichen Klangeindrucks muss
der Hochpassfrequenzgang des Mikrofonsystems durch Verstärkung der tiefen Frequenzen
ausgeglichen werden. Dabei wird das im tiefen Frequenzbereich vorhandene Rauschen
ebenfalls verstärkt und unter Umständen deutlich und störend hörbar, während leise
Geräusche vom Rauschen verdeckt werden.
[0003] Aus der DE 101 14 101 A1 ist ein Verfahren zum Verarbeiten eines Eingangssignals
in einer Signalverarbeitungseinheit eines Hörgerätes bekannt. Das bekannte Hörgerät
weist in einer Ausführungsform zwei Mikrofone auf, wobei an ein Mikrofon ein Verzögerungselement
angeschlossen ist, dessen Verzögerung in Abhängigkeit von dem Ergebnis einer Modulationsanalyse
eingestellt wird, um die Signalverarbeitung und die Störgeräuschreduktion zu verbessern.
[0004] Aus der WO 00/76268 A2 ist ein Hörhilfegerät bekannt mit einer Signalverarbeitungseinheit
und mindestens zwei Mikrofonen, die zur Bildung von Richtmikrofonsystemen unterschiedlicher
Ordnung miteinander verschaltbar sind, wobei die Richtmikrofonsysteme ihrerseits in
von der Frequenz der von den Mikrofonen abgegebenen Mikrofonsignale abhängiger Gewichtung
miteinander verschaltbar sind. In Abhängigkeit des Ergebnisses einer Signalanalyse
kann die Grenzfrequenz zwischen benachbarten Frequenzbändern, bei denen eine unterschiedliche
Gewichtung der Mikrofonsignale vorgesehen ist, eingestellt werden.
[0005] Aus der EP 0 942 627 A2 ist ein Hörgerät mit Richtmikrofon-System mit einer Signalverarbeitungseinrichtung,
einem Hörer und mehreren Mikrofonen bekannt, deren Ausgangssignale zur Erzeugung einer
individuellen Richtmikrofoncharakteristik über Verzögerungseinrichtungen und die Signalverarbeitungseinrichtung
in unterschiedlicher Gewichtung miteinander verschaltbar sind. Bei dem Richtmikrofon-System
kann die bevorzugte Empfangsrichtung (Hauptrichtung) in Anpassung an eine vorliegende
Hörsituation individuell eingestellt werden.
[0006] Aus der US 5,524,056 ist ein Hörgerät mit einem omnidirektionalen Mikrofon und einem
direktionalen Mikrofon erster oder höherer Ordnung bekannt. Das Mikrofonsignal des
direktionalen Mikrofons wird im Bereich niedriger Signalfrequenzen in seiner Amplitude
verstärkt und dem Mikrofonsignal des omnidirektionalen Mikrofons angeglichen. Sowohl
das Mikrofonsignal des omnidirektionalen Mikrofons als auch das Mikrofonsignal des
direktionalen Mikrofons sind einer Umschalteinheit zugeführt. In einer ersten Schaltstellung
der Umschalteinheit ist das omnidirektionale Mikrofon und in einer zweiten Schaltstellung
der Umschalteinheit das direktionale Mikrofon mit einem Hörgeräte-Verstärker verbunden.
Die Umschalteinheit kann in Abhängigkeit des Signalpegels eines Mikrofonsignals automatisch
umschalten.
[0007] Nachteilig bei den bekannten Hörhilfegeräten mit einem Richtmikrofonsystem ist, dass
in bestimmten Hörsituationen entweder die Richtwirkung des Mikrofonsystems nicht optimal
verwendet wird oder dass ein hoher Grad an Richtwirkung zu einer deutlich hörbaren
Verschlechterung der Klangqualität führt. Insbesondere verschlechtert sich bei einem
niedrigen Pegel des akustischen Eingangssignals das Signal-Rausch-Verhältnis, was
sich bei einem Hörhilfegeräteträger in ruhiger Umgebung durch ein störendes Mikrofonrauschen
bemerkbar macht.
[0008] Aufgabe der vorliegenden Erfindung ist es, die Klangqualität eines Hörhilfegerätes
mit einem Richtmikrofonsystem zu verbessern.
[0009] Diese Aufgabe wird gelöst durch Hörhilfegeräte mit den Merkmalen gemäß den Ansprüchen
1 oder 2. Ferner wird die Aufgabe gelöst durch Verfahren zum Betrieb von Hörhilfegeräten
mit den Merkmalen gemäß den Ansprüchen 3 oder 4.
[0010] Das erfindungsgemäße Hörhilfegerät umfasst ein Mikrofonsystem mit mindestens zwei
Mikrofonen, um Richtcharakteristiken nullter und erster Ordnung realisieren zu können.
Vorzugsweise sind jedoch mehr als zwei Mikrofone vorhanden, so dass auch Richtcharakteristiken
zweiter und höherer Ordnung möglich sind. Weiterhin umfasst das Hörhilfegerät eine
Signalverarbeitungseinheit zur Verarbeitung und frequenzabhängigen Verstärkung des
von dem Mikrofonsystem erzeugten Mikrofonsignals. Die Signalausgabe erfolgt üblicherweise
durch ein akustisches Ausgangssignal mittels eines Hörers. Es sind aber auch andere,
z.B. Vibrationen erzeugende Ausgangswandler bekannt.
[0011] Als Richtcharakteristik nullter Ordnung im Sinne der Erfindung ist eine omnidirektionale
Richtcharakteristik zu verstehen, die beispielsweise von einem einzelnen, nicht mit
weiteren Mikrofonen verschalteten omnidirektionalen Mikrofon hervorgeht. Eine Mikrofoneinheit
mit einer Richtcharakteristik erster Ordnung (Richtmikrofon erster Ordnung) kann beispielsweise
durch ein einzelnes Gradientenmikrofon oder die elektrische Verschaltung zweier omnidirektionaler
Mikrofone realisiert werden. Mit Richtmikrofonen erster Ordnung ist ein theoretisch
erreichbarer Maximalwert des Direktiviti-Index (DI) von 6 dB (Hyperniere) zu erreichen.
In der Praxis erhält man am KEMAR (einer Standardforschungspuppe) bei optimaler Lage
der Mikrofone und bestem Abgleich der von den Mikrofonen erzeugten Signale DI-Werte
von 4-4,5 dB. Richtmikrofone zweiter und höherer Ordnung weisen DI-Werte von 10 dB
und mehr auf, die beispielsweise für eine bessere Sprachverständlichkeit vorteilhaft
sind. Enthält ein Hörhilfegerät ein Mikrofonsystem mit beispielsweise drei omnidirektionalen
Mikrofonen, so können auf dieser Basis durch geeignete Verschaltung der Mikrofone
gleichzeitig Mikrofoneinheiten mit Richtcharakteristiken nullter bis zweiter Ordnung
realisiert werden.
[0012] Ein einzelnes omnidirektionales Mikrofon stellt für sich eine Mikrofoneinheit nullter
Ordnung dar. Wird bei zwei omnidirektionalen Mikrofonen das Mikrofonsignal eines Mikrofons
verzögert und von dem Mikrofonsignal des anderen Mikrofons subtrahiert, so entsteht
eine Mikrofoneinheit erster Ordnung. Wird wiederum bei zwei Mikrofoneinheiten erster
Ordnung das Mikrofonsignal einer Mikrofoneinheit verzögert und von dem Mikrofonsignal
der zweiten Mikrofoneinheit erster Ordnung subtrahiert, so ergibt sich eine Mikrofoneinheit
mit Richtcharakteristik zweiter Ordnung. Auf diese Weise lassen sich - abhängig von
der Anzahl omnidirektionaler Mikrofone - Mikrofoneinheiten beliebiger Ordnung realisieren.
[0013] Umfasst ein Mikrofonsystem Mikrofoneinheiten unterschiedlicher Ordnung, so kann zwischen
unterschiedlichen Richtcharakteristiken umgeschaltet werden, z.B. durch An- oder Ausschalten
eines oder mehrerer Mikrofone. Weiterhin können durch eine geeignete elektrische Verschaltung
der Mikrofoneinheiten auch beliebige Mischformen zwischen den Richtcharakteristiken
unterschiedlicher Ordnung erzeugt werden. Hierzu werden die Mikrofonsignale der Mikrofoneinheiten
unterschiedlich gewichtet und addiert, bevor sie in der Signalverarbeitungseinheit
des Hörhilfegerätes weiter verarbeitet und verstärkt werden. So kann auch ein kontinuierlicher,
gleitender Übergang zwischen unterschiedlichen Richtcharakteristiken realisiert werden,
wodurch sich störende Artefakte beim Umschalten vermeiden lassen.
[0014] Bei zwei omnidirektionalen Mikrofonen, die zur Bildung einer Mikrofoneinheit mit
einer Richtcharakteristik erster Ordnung verschaltet sind, wird gewöhnlich bei einem
der von den Mikrofonen ausgehenden Mikrofonsignale die Verzögerung des Mikrofonsignals
so eingestellt, dass die Laufzeit eines akustischen Eingangssignals zwischen den Schalleintrittsöffnungen
der Mikrofone ausgeglichen wird. In der Regel wird die Verzögerung kleiner oder gleich
dieser Laufzeit gewählt. Ist die Verzögerung kleiner als die externe Laufzeit zwischen
den Schalleintrittsöffnungen der Mikrofone, man spricht hierbei auch von einem "endfire
array", so lässt sich am KEMAR (einem standardisierten Kunstkopf) z.B. mit einer Mischform
von erster und zweiter Ordnung ein mit dem Artikulierungsindex gewichteter Richtungswert
(AI-DI) von bis zu 6,5 dB erreichen. Erhöht man dieses Verhältnis zwischen interner
Verzögerung und externer Laufzeit deutlich über 1, so sinkt dieser AI-DI-Wert zunächst
rapide ab und verharrt dann aber sehr robust gegenüber Bauteiltoleranzen der Mikrofone
und einer weiteren Erhöhung der Verzögerungszeit bei Werten von 4,5-5 dB. Mit zunehmender
Verzögerung verändert sich jedoch das Signalübertragungsverhalten der betreffenden
Mikrofoneinheit in Bezug auf aus der Hauptrichtung in die Mikrofoneinheit einfallender
Schallsignale. Dabei stimmt die Hauptrichtung in der Regel zumindest näherungsweise
bei getragenem Hörhilfegerät mit der Geradeaus-Blickrichtung des Hörhilfegeräteträgers
überein. Der Frequenzgang der Mikrofoneinheit in Bezug auf derartige akustische Eingangssignale
kann in etwa durch die Funktion

beschrieben werden. Bei einer Verdoppelung der Summe aus der externen Laufzeit und
der internen Verzögerung D
ext+D
int ergibt sich dadurch im Bereich niedriger Signalfrequenzen z.B. bei einem Richtmikrofon
erster Ordnung eine Zunahme des Mikrofonausgangssignals um ca. 6 dB, bei einem Richtmikrofon
zweiter Ordnung eine Zunahme um ca. 12 dB usw. Dabei bleibt das von den Mikrofonen
erzeugte Mikrofonrauschen in etwa gleich. Somit lässt sich mit Hilfe der internen,
einstellbaren Verzögerungszeit das Signal-Rausch-Verhältnis im Richtmikrofonbetrieb
steuern. Wird diese Anpassung in Abhängigkeit von dem Signalpegel des akustischen
Eingangssignals adaptiv geregelt, so lässt sich in einer ruhigen Umgebung ein hohes
Signal-Rausch-Verhältnis mit für diese Pegel ausreichenden AI-DI-Werten von 4,5-5
dB erreichen. Steigt der Signalpegel des akustischen Eingangssignals an, kann ein
niedrigeres Signal-Rausch-Verhältnis akzeptiert werden, da das dadurch bedingte höhere
Mikrofonrauschen von dem akustischen Eingangssignal überdeckt wird. So ist mit Hilfe
der situationsgesteuerten Einstellung der Verzögerung ein veränderbarer AI-DI-Wert
möglich, wodurch bei einem lauten akustischen Eingangssignal eine bessere Unterdrückung
eines von der Seite oder von hinten einfallenden Störsignals erreicht wird.
[0015] Der Frequenzgang eines Mehrmikrofonsystems gemäß der Erfindung verhält sich im Richtwirkungsbetrieb
in der Regel derart, dass bei niedrigen Pegeln des akustischen Eingangssignals die
Höhen stärker betont werden, während bei lauter Umgebung wie bei einer AGC (automatic
gain control) die Verstärkung der Höhen automatisch zurückgenommen wird. Beispielsweise
trifft dies bei einer üblichen Mischform aus Richtwirkungen erster und zweiter Ordnung
zu. Bei Bedarf kann bei einem Hörhilfegerät gemäß der Erfindung auch ein Ausgleichsfilter
vorgesehen werden, mit dem sich die durch die Erfindung hervorgerufene AGC-Wirkung
kompensieren lässt.
[0016] Die Anpassung der internen Verzögerungszeit bzw. der internen Verzögerungszeiten
in Abhängigkeit wenigstens eines Mikrofonsignals gemäß der Erfindung kann in diskreten
Schritten erfolgen. Vorzugsweise erfolgt die Anpassung jedoch kontinuierlich mit gleitenden
Übergängen, so dass durch die Regelung keine Umschalt-Artefakte verursacht werden.
[0017] Eine Ausführungsform der Erfindung sieht vor, dass die Einstellung der Verzögerung
eines Mikrofonsignals gemäß der Erfindung nicht direkt durch den Signalpegel eines
akustischen Eingangssignals gesteuert wird, sondern durch den Signalpegel des Mikrofonausgangssignals.
Liegt nämlich z.B. eine Umgebungssituation vor, bei der kein oder nahezu kein Nutzsignal
aus der Blickrichtung eines Hörgeräteträgers vorhanden ist, jedoch ein verhältnismäßig
lautes Störgeräusch von der Seite oder von hinten einfällt, so würde bei einem Hörhilfegerät
gemäß der Erfindung bei ausschließlicher Betrachtung des von einem omnidirektionalen
Mikrofon aufgenommenen akustischen Eingangssignals eine verhältnismäßig starke Richtwirkung
mit einem damit verbundenen erhöhten Mikrofonrauschen eingestellt werden. Da in der
beschriebenen Situation durch die hohe Richtwirkung das Störsignal nahezu ausgeblendet
wird, kann dem Hörhilfegeräteträger ein als störend empfundenes erhöhtes Mikrofonrauschen
zugeführt werden. Im Falle einer Berücksichtigung des von dem Mikrofonsystem tatsächlich
abgegebenen Mikrofonsignals würde dann die Richtwirkung gemäß der Erfindung so weit
zurückgenommen werden, bis das Mikrofonrauschen durch das dann weniger stark unterdrückte
akustische Störsignal zumindest teilweise verdeckt wird.
[0018] Die Erfindung bietet den Vorteil, dass durch diese adaptive Steuerung der internen
Verzögerung eines Mikrofonsignals das Signal-Rausch-Verhältnis des Mehrmikrofonsystems
höherer Ordnung (n ≥ 1) in Abhängigkeit des Signalpegels des akustischen Eingangssignals
und gegebenenfalls auch in Abhängigkeit der Einfallsrichtung des akustischen Eingangssignals
gesteuert wird. Dadurch lässt sich insbesondere bei leisen Eingangssignalen ein als
störend empfundenes, hohes Mikrofonrauschen vermeiden.
[0019] Die Erfindung kann bei allen bekannten Hörhilfegeräte-Typen mit einem einstellbaren
Richtmikrofon angewendet werden, beispielsweise bei hinter dem Ohr tragbaren Hörhilfegeräten,
in dem Ohr tragbaren Hörhilfegeräten, implantierbaren Hörhilfegeräten oder Taschenhörhilfegeräten.
Weiterhin kann das Hörhilfegerät gemäß der Erfindung auch Teil eines mehrere Geräte
zur Versorgung eines Schwerhörigen umfassenden Hörhilfegerätesystems sein, z.B. Teil
eines Hörgerätesystems mit zwei am Kopf getragenen Hörhilfegeräten zur binauralen
Versorgung oder Teil eines Hörgerätesystem, bestehend aus einem am Kopf tragbaren
Gerät und einer am Körper tragbaren Prozessoreinheit.
[0020] Die Erfindung wird nachfolgend anhand eines Ausführungsbeispiels näher erläutert.
Es zeigen:
- Figur 1
- das Blockschaltbild eines Hörhilfegerätes mit drei omnidirektionalen Mikrofonen und
- Figur 2
- das Signalübertragungsverhalten eines Richtmikrofonsystems gemäß der Erfindung bei
zwei unterschiedlichen Verzögerungszeiten.
[0021] Figur 1 zeigt ein Prinzipschaltbild eines Hörhilfegerätes mit einem Richtmikrofonsystem
gemäß der Erfindung. Das Mikrofonsystem umfasst drei omnidirektionale Mikrofone 1,
2 und 3. Das von dem Mikrofon 2 ausgehende Mikrofonsignal wird in einer Verzögerungseinheit
4A verzögert, durch einen Inverter 5A invertiert und in einem Summierer 6A zu dem
von dem Mikrofon 1 ausgehenden Mikrofonsignal R0 addiert. Durch die Invertierung und
Addition wird letztendlich eine Subtraktion des von dem Mikrofon 2 ausgehenden Mikrofonsignals
von dem Mikrofonsignal, das von dem Mikrofon 1 ausgeht, ausgeführt. Die beiden omnidirektionalen
Mikrofone 1 und 2 bilden dadurch eine Mikrofoneinheit 1, 2 mit Richtcharakteristik
erster Ordnung, von dem das Mikrofonsignal R1 ausgeht. Ebenso wird das von dem Mikrofon
3 ausgehende Mikrofonsignal in einer Verzögerungseinheit 4B verzögert, durch einen
Inverter 5B invertiert und in einem Summierer 6B zu dem von dem Mikrofon 2 ausgehenden
Mikrofonsignal addiert. Auch die Mikrofone 2 und 3 bilden dadurch eine Mikrofoneinheit
2, 3 mit Richtcharakteristik erster Ordnung, dessen Mikrofonsignal am Ausgang des
Summierers 6B anliegt. Wird wiederum das von der Mikrofoneinheit 2, 3 ausgehende Mikrofonsignal
in einer Verzögerungseinheit 7 verzögert und in einem Inverter 8 invertiert und in
einem Summierer 9 zu dem von der Mikrofoneinheit 1, 2 ausgehenden Mikrofonsignal R1
addiert, so entsteht aus den Mikrofonen 1, 2 und 3 ein Mikrofonsystem 1, 2, 3 mit
Richtcharakteristik zweiter Ordnung, dessen Mikrofonsignal R2 am Ausgang des Summierers
9 anliegt.
[0022] Die drei Mikrofonsignale R0, R1 und R2 sind schließlich einer Schaltungs- und Filtereinheit
10 zugeführt, in der zwischen den unterschiedlichen Mikrofonsignalen R0, R1 und R2
umgeschaltet werden kann oder in der die Mikrofonsignale R0, R1 und R2 unterschiedlich
gewichtet und addiert werden. Das resultierende und am Ausgang der Schaltungs- und
Filtereinheit 10 abgegebene Mikrofonausgangssignal RA wird schließlich einer Signalverarbeitungseinheit
11 zugeführt, in der die Weiterverarbeitung und frequenzabhängige Verstärkung des
Mikrofonausgangssignals RA zum Ausgleich des individuellen Hörverlustes eines Hörhilfegeräteträgers
erfolgt. Schließlich wird das verarbeitete Mikrofonsignal zur Abgabe in einen Gehörgang
des Hörhilfegeräteträgers durch einen Hörer 12 in ein akustisches Signal gewandelt.
[0023] Bei dem Hörhilfegerät gemäß dem Ausführungsbeispiel ist weiterhin eine Pegelmess-
und Steuereinrichtung 13 vorgesehen, der das Mikrofonsignal R0 des omnidirektionalen
Mikrofons 1 zugeführt wird. Durch dieses Mikrofonsignal wird der Signalpegel des aktuell
in das Mikrofon 1 einfallenden akustischen Eingangssignals erfasst. Aus diesem Signalpegel
werden in der Pegelmess- und Steuereinrichtung 13 Parameter zur Einstellung der Verzögerung
in den Verzögerungseinheiten 4A, 4B und 7 erzeugt, wodurch gemäß der Erfindung die
Richtwirkung beeinflusst und ggf. das Mikrofonrauschen reduziert werden kann.
[0024] Zur Beurteilung, ob und in welchem Maß ein Hörhilfegeräteträger in einer bestimmten
Umgebungssituation ein Mikrofonrauschen wahrnimmt, werden vorzugsweise neben audiometrischen
Daten des Hörhilfegeräteträgers (Ruhehörschwelle, Maskierungsschwelle) auch aktuelle
Hörhilfegeräteeinstellungen berücksichtigt. Diese Einstellungen betreffen insbesondere
auch das Mikrofonsystem. Liegt beispielsweise eine Umgebungssituation mit einem hohen
Störschallanteil vor, so wird durch Auswertung des Mikrofonsignals R0 am Eingang des
Mikrofonsystems ein hoher Signalpegel des akustischen Eingangssignals festgestellt.
Es ist jedoch möglich, dass in dieser Umgebungssituation durch eine hohe, bei dem
Mikrofonsystem eingestellte Richtwirkung das Störsignal weitgehend unterdrückt wird,
wodurch dem Gehör des Hörhilfegeräteträgers nur ein verhältnismäßig leises Ausgangssignal
zugeführt wird. An diesem Ausgangssignal kann das Mikrofonrauschen dann durchaus einen
deutlich wahrnehmbaren Anteil einnehmen. Aus diesem Grund erfolgt die Einstellung
der Verzögerungszeiten gemäß der Erfindung vorzugsweise auch unter Berücksichtigung
der Mikrofonsignale, die von einer Mikrofoneinheit mit Richtwirkung ausgehen. Im Ausführungsbeispiel
sind dies die Mikrofonsignale R1 und R2. Weiterhin ist auch die Auswertung des am
Ausgang der Schaltungs- und Filtereinheit 10 anliegenden und der Signalverarbeitungseinheit
11 zur Weiterverarbeitung zugeführten Mikrofonausgangssignals RA möglich. Aus diesem
Signal kann unter Berücksichtigung der Hörhilfegeräteeigenschaften und - einstellungen
direkt ermittelt werden, welcher Signalpegel dem Gehör des Hörhilfegeräteträgers bei
dem aktuellen akustischen Eingangssignal tatsächlich zugeführt ist und welchen Anteil
daran das Mikrofonrauschen einnimmt.
[0025] Durch die Auswertung sowohl eines von einem omnidirektionalen Mikrofon erzeugten
Mikrofonsignals als auch der Mikrofonsignale von Mikrofoneinheiten mit Richtcharakteristik
lässt sich die augenblickliche Umgebungssituation gut erkennen. Insbesondere lässt
sich auch abschätzen, ob der Anteil des Mikrofonrauschens in dem zur Weiterverarbeitung
in der Signalverarbeitungseinheit 11 vorgesehenen Mikrofonsignal unter den augenblicklichen
Hörgeräteeinstellungen von dem Hörhilfegeräteträger wahrgenommen werden kann. Ein
zu hoher Anteil des Mikrofonrauschens in dem Mikrofonausgangssignal führt dann dazu,
dass durch die Pegelmess- und Steuereinrichtung 13 bei wenigstens einer der Verzögerungseinheiten
4A, 4B oder 7 die eingestellte Verzögerung so weit erhöht wird, bis der Anteil des
Mikrofonrauschens in dem Mikrofonausgangssignal einen als akzeptabel erachteten Wert
erreicht.
[0026] Weist umgekehrt das Mikrofonausgangssignal einen hohen Signalpegel auf, an dem das
Mikrofonrauschen nur einen geringen Anteil hat, so können bei allen drei Verzögerungseinheiten
4A, 4B bzw. 7 verhältnismäßig kurze Verzögerungszeiten eingestellt werden, wodurch
die Richtwirkung erhöht und der Störschallanteil in dem akustischen Eingangssignal
unterdrückt wird. Insbesondere werden bei diesem Übergang auch die Tiefen abgesenkt
und die Höhen angehoben. Um diesen Effekt zu vermeiden, wirkt die Pegelmess- und Steuereinrichtung
13 auch auf die Schaltungs- und Filtereinheit 10, so dass durch geeignete Filtereinstellungen
die zuletzt genannten Auswirkungen weitgehend kompensiert werden.
[0027] Insgesamt bietet die Erfindung somit eine Möglichkeit, in einer ruhigen Hörumgebung
die Einstellung des Richtmikrofonsystems so zu verändern, dass ein deutlich hörbares
und störendes Mikrofonrauschen verhindert wird. Andererseits werden jedoch in einer
lauten Hörumgebung die Vorteile eines Richtmikrofonsystems höherer Ordnung voll ausgeschöpft.
[0028] Bei dem Hörhilfegerät gemäß dem Ausführungsbeispiel besteht weiterhin vorteilhaft
eine elektrische Verbindung zwischen der Pegelmess- und Steuereinrichtung 13 und der
Signalverarbeitungseinheit 11. So kann die Auswertung des Mikrofonsignals bzw. der
Mirkofonsignale in der Pegelmess- und Steuereinrichtung 13 auch zu einer automatischen
Situationserkennung und damit einer adaptiven Steuerung der Signalverarbeitung in
der Signalverarbeitungseinheit 11 dienen. Weiterhin können bei der Signalverarbeitungseinheit
11 ggf. auch Hörprogramme für unterschiedliche Hörumgebungen manuell eingestellt werden,
wobei bei einem Teil dieser Hörprogramme eine Beeinflussung der Verzögerungszeiten
gemäß der Erfindung vorgesehen ist, bei anderen jedoch nicht. Daher ist auch eine
Signalübertragung von der Signalverarbeitungseinheit 11 zu der Pegelmess- und Steuerungseinheit
13 vorgesehen.
[0029] Die Signalverarbeitung bei dem Hörhilfegerät gemäß dem Ausführungsbeispiel kann in
analoger, digitaler oder in kombinierter Schaltungstechnik erfolgen. Weiterhin kann
die Signalverarbeitung auch parallel in aneinandergrenzenden Frequenzbändern (Kanälen)
erfolgen. Vorzugsweise erfolgt auch die Einstellung der Richtcharakteristik des Mikrofonsystems
in Frequenzbändern.
[0030] In Figur 2 werden die Auswirkungen einer adaptiven Richtmikrofoneinstellung gemäß
der Erfindung grafisch veranschaulicht. In einer ersten Kennlinie A ist das Signalübertragungsverhalten
eines Richtmikrofonsystems bei einer bestimmten Einstellung der Signalverzögerung
in den Verzögerungseinheiten des Richtmikrofonsystems dargestellt. Dabei ist die interne
Verzögerung kleiner als die externe Laufzeit eines von vorne (Blicklichtung) in das
Mikrofonsystem einfallenden akustischen Signals, wobei die Mikrofone (bzw. deren Schalleintrittsöffnungen)
in Blickrichtung hintereinander angeordnet sind. Bei einer Mischform von Mikrofoneinheiten
erster und zweiter Ordnung, deren Mikrofonsignale gemeinsam weiterverarbeitet werden,
lässt sich damit ein mit dem Artikulierungsindex gewichteter Richtwirkungswert AI-DI
von bis zu 6,5 erreichen.
[0031] Der Frequenzgang des Mikrofonsystems wird durch eine Funktion der Form

beschrieben.
[0032] Dabei zeigt die Kennlinie das typische Hochpassverhalten eines Richtmikrofonsystems
höherer Ordnung. Gemäß der Erfindung wird die Übertragungskennlinie A insbesondere
in einer lauten Hörumgebung eingestellt.
[0033] Sinkt der Signalpegel des akustischen Eingangssignals oder überwiegt in dem von dem
Mikrofonsystems erzeugten Mikrofonausgangssignal der Anteil des Mikrofonrauschens,
so wird bei wenigstens einem Mikrofonsignal des Richtmikrofonsystems die Signalverzögerung
erhöht, was bei einer Verdoppelung der internen Verzögerung gegenüber der externen
Laufzeit in etwa einen Übergang des Signalübertragungsverhaltens des Richtmikrofonsystems
von der Kennlinie A hin zu der zweiten dargestellten Kennlinie B bewirkt. Diese ist
gegenüber der Kennlinie A um ca. 6dB angehoben. Hingegen bleibt das Mikrofonrauschen
in etwa konstant. Zwar nimmt durch die interne Signalverzögerung der AI-DI-Wert zunächst
ab, er verharrt jedoch selbst bei einer weiteren Steigerung der internen Verzögerung
bei Werten von 4,5 - 5dB, was immer noch eine verhältnismäßig gute Richtwirkung bedeutet.
Insgesamt lässt sich damit mithilfe der internen, elektrisch einzustellenden Verzögerungszeiten
das Signal-Rausch-Verhältnis im Richtmikrofonbetrieb steuern.
1. Hörhilfegerät mit einem Mikrofonsystem zur Aufnahme eines akustischen Eingangssignals
und Abgabe eines Mikrofonausgangssignals, einer Signalverarbeitungseinheit (11) und
einem Ausgangswandler (12) zur Abgabe eines Ausgangssignals, wobei das Mikrofonsystem
wenigstens ein erstes omnidirektionales Mikrofon (1), von dem ein erstes Mikrofonsignal
(R0) ausgeht, und ein zweites omnidirektionales Mikrofon (2), von dem ein zweites
Mikrofonsignal ausgeht, umfasst, wobei die omnidirektionalen Mikrofone zur Bildung
einer Mikrofoneinheit (1, 2) mit einer Richtcharakteristik elektrisch miteinander
verschaltet sind und wobei zum Einstellen der Richtcharakteristik wenigstens eines
der Mikrofonsignale zeitlich verzögerbar ist, gekennzeichnet durch Mittel zum Einstellen der Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels des akustischen
Eingangssignals.
2. Hörhilfegerät mit einem Mikrofonsystem zur Aufnahme eines akustischen Eingangssignals
und Abgabe eines Mikrofonausgangssignals, einer Signalverarbeitungseinheit (11) und
einem Ausgangswandler (12) zur Abgabe eines Ausgangssignals, wobei das Mikrofonsystem
wenigstens drei omnidirektionale Mikrofone (1, 2, 3) umfasst, wobei wenigstens zwei
omnidirektionale Mikrofone (2, 3) zu einer Mikrofoneinheit (2, 3) mit einer Richtcharakteristik,
von der ein Mikrofonsignal ausgeht, verschaltet sind, wobei die Mikrofoneinheit (2,
3) mit wenigstens einem weiteren Mikrofon oder einer weiteren Mikrofoneinheit (1,
2) des Mikrofonsystems elektrisch verschaltet ist und wobei zum Einstellen der Richtcharakteristik
das von der Mikrofoneinheit (2, 3) ausgehende Mikrofonsignal zeitlich verzögerbar
ist, gekennzeichnet durch Mittel zum Einstellen der Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels des akustischen
Eingangssignals.
3. Verfahren zum Betriebe eines Hörhilfegerätes mit einem Mikrofonsystem zur Aufnahme
eines akustischen Eingangssignals und Abgabe eines Mikrofonausgangssignals, das wenigstens
zwei omnidirektionale Mikrofone (1, 2, 3) umfasst, von denen jeweils ein Mikrofonsignal
ausgeht, wobei zum Erzeugen einer Richtcharakteristik eines der beiden Mikrofonsignale
verzögert und von dem zweiten Mikrofonsignal subtrahiert wird, dadurch gekennzeichnet, dass die Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels des akustischen Eingangssignals
eingestellt wird.
4. Verfahren zum Betriebe eines Hörhilfegerätes mit einem Mikrofonsystem zur Aufnahme
eines akustischen Eingangssignals und Abgabe eines Mikrofonausgangssignals, das wenigstens
drei omnidirektionale Mikrofone (1, 2, 3) umfasst, von denen wenigstens zwei zur Bildung
einer Mikrofoneinheit (2, 3) mit einer Richtcharakteristik elektrisch miteinander
verschaltet sind und wobei das von der Mikrofoneinheit (2, 3) ausgehende Mikrofonsignal
verzögert und von dem Mikrofonsignal (R1) eines omnidirektionalen Mikrofons oder einer
weiteren Mikrofoneinheit (1, 2) subtrahiert wird, dadurch gekennzeichnet, dass die Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels des akustischen Eingangssignals
eingestellt wird.
5. Verfahren nach Anspruch 3 oder 4, dadurch gekennzeichnet, dass die Einstellung der Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels eines von einem
omnidirektionalen Mikrofon (1) ausgehenden Mikrofonsignals (R0) erfolgt.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 5, dadurch gekennzeichnet, dass die Einstellung der Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels eines von einer
Mikrofoneinheit (1, 2) ausgehenden Mikrofonsignals (R1) erfolgt.
7. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 6, dadurch gekennzeichnet, dass die Einstellung der Verzögerung in Abhängigkeit des Signalpegels des von dem Mikrofonsystem
(1, 2, 3) ausgehenden Mikrofonausgangssignals (RA) erfolgt.
8. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 7, dadurch gekennzeichnet, dass die Verzögerung mit abnehmenden Signalpegel vergrößert wird.
9. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 8, dadurch gekennzeichnet, dass die Verzögerung bei einer Veränderung des Signalpegels stufenweise geändert wird.
10. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 8, dadurch gekennzeichnet, dass die Verzögerung bei einer Veränderung des Signalpegels kontinuierlich geändert wird.
11. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 10, dadurch gekennzeichnet, dass bei einem niedrigen Signalpegel bei wenigstens einer Mikrofoneinheit (1, 2; 2, 3;
1, 2, 3) eine Verzögerung eingestellt wird, die die Laufzeit eines akustischen Eingangssignals
zwischen den omnidirektionalen Mikrofonen der Mikrofoneinheit (1, 2; 2, 3; 1, 2, 3)
um einen Faktor übersteigt.
12. Verfahren nach Anspruch 11, dadurch gekennzeichnet, dass der Faktor im Bereich zwischen 1,5 und 5 liegt.
13. Verfahren nach einem der Ansprüche 3 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass eine mit zunehmender Verzögerung auftretende Höhenanhebung in dem Mikrofonausgangssignal
(RA) ausgeglichen wird.