[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Erzeugung einer organotypischen Hybridstruktur
der Haut. Erfindungsgemäß wird zumindest ein Zelltyp auf einer Hohlfasermembran immobilisiert
und anschließend in einer dynamischen Kultur über eine erste Kultivierungsdauer kultiviert,
so dass eine dreidimensionale organotypische Hybridstruktur der Haut gebildet wird.
Die Erfindung betrifft ferner eine nach dem Verfahren hergestellte Hybridstruktur,
insbesondere eine epidermale Struktur und/oder dermale Hautstruktur auf einer Polymerhohlfaser,
sowie die Verwendung der Hybridstruktur für den Hautersatz oder in-vitro Untersuchungen,
insbesondere für in-vitro Toxizitätstests.
[0002] Auf dem Gebiet des Tissue Engineering, das heißt künstlich kultivierten Gewebestrukturen,
wird seit langem nach Lösungen zum Aufbau körpereigener Gewebe gesucht. Wichtige Anwendungsbereiche
in-vitro kultivierter Gewebesubstitute stellen ihre Verwendung für die Transplantation
oder für in-vitro Untersuchungen dar. Beispielsweise erfordern sicherheitstoxikologische
Prüfungen neuer Stoffe oder Inhaltsstoffe für die Gewährleistung von Arbeitsschutz
und Verbraucherschutz sowie Prüfungen neuer Stoffe auf Umweltverträglichkeit geeignete
Testssysteme. Für Verträglichkeitsprüfungen von kosmetischen Inhaltsstoffen sind z.
B. sechs sicherheitstoxikologische Prüfungsmethoden vorgeschrieben, zu denen die akute
Toxizität (dermal und oral), die Augenreizung bzw. -ätzung, die Hautreizung bzw. -ätzung,
die Sensibilisierung der Haut, die Hautpenetration und die Genotoxizität/Mutagenität
zählen. Sensibilisierende und allergische Wirkungen sind dabei die häufigste Eigenschaft
chemischer Stoffe, die bei ca. 10 % auftreten. Bis heute werden für solche toxikologischen
Analysen vielfach Tierversuche durchgeführt, indem z. B. Substanzen unter die Haut
von Meerschweinchen injiziert und anschließend immunologische Reaktionen an der geschädigten
Haut analysiert werden. Als Alternative zu Tierversuchen oder teuren klinischen Studien
können in durch Tissue Engineering erzeugten organotypischen Testmodellen Wundheilung,
Alterung oder Hautirritationen, die durch physikalische oder chemische Einflüsse verursacht
sind, untersucht werden.
[0003] Tierversuchsfreie Prüfungen von Inhaltsstoffen konnten beispielsweise auf Penetration
durch die Haut, auf ätzende und phototoxische Eigenschaften sowie Mutagenität etabliert
werden.
[0004] Es ist bekannt, dass Monolayer-Zellkulturen für zahlreiche in-vitro Prüfungen geeignet
sind, deren Aussagekraft jedoch nicht zur Analyse komplexer physiologischer Prozesse
ausreicht.
[0005] Es ist auch ein dreidimensionales Hautmodell unter der Handelsbezeichnung EpiSkin
beschrieben, bei dem es sich um ein in-vitro rekonstruiertes humanes Epithelium handelt,
das ein funktionsfähiges Stratum corneum enthält. Nachteilig ist jedoch, dass EpiSkin
im statischen Milieu einer Kulturschale gezüchtet wird, die eine kontrollierte Versorgung
der Gewebekultur unmöglich macht.
[0006] Ein weiteres Hautmodell ist unter der Handelsbezeichnung EpiDerm bekannt, das auf
humanen epidermalen Keratinozyten basiert. Es besteht aus 8 bis 12 Zellschichten,
die das Stratum basale, Stratum spinosum und Stratum granulosum bilden, und 10 bis
15 Schichten des Stratum corneum. Weitere epidermale Zellen, Blutzellen und Hautschichten
sind nicht vorhanden, so dass nur eine eingeschränkte Testsensibilisierung, keine
Regenerationsfähigkeit und eine Lebensspanne von maximal drei Wochen erzielt werden.
Die Zellen werden an der Gas-/Flüssigkeitsgrenzfläche einer statischen Kultur mit
den beschriebenen Nachteilen einer schlechten Nähr- und Sauerstoffversorgung kultiviert.
[0007] Während folglich die Kultivierung der Epidermis im statischen Milieu über eine begrenzte
Anzahl an Schichten gelingt, ist bisher kein befriedigender Ersatz der darunter liegenden
Dermis verfügbar. Prüfungen auf hautreizende und hautsensibilisierende Eigenschaften
sind bis heute ohne Tierexperimente nicht möglich.
[0008] Des Weiteren sind in der Literatur hybride Hautersatzprodukte offenbart (
US 5,460,939 A;
US 5,489,304 A), die eine biologisch abgeleitete Komponente und ein synthetisches, stabiles Material
enthalten. Hier ist festzustellen, dass die derzeit verfügbaren Produkte entweder
spezielle Vorrichtungen, Träger oder die Zugabe von wachstumsfördernden Verbindungen
benötigen, die Fremdstoffe für den Körper darstellen, oder viele Verfahrensschritte
beinhalten und damit verhältnismäßig teuer in der Herstellung sind.
[0009] Es ist ebenfalls bekannt, artifizielles Gewebe unter dynamischen Kulturbedingungen
zu produzieren, um die Zellschichten gleichmäßig mit Kulturmedium zu versorgen. Die
Kultivierung kann kontinuierlich oder in definierten Impulsen gestaltet werden, wodurch
die Bildung von ungerührten Schichten zwischen Zellen und Biomaterialien minimiert
wird. In Weiterentwicklung von Flachbettbioreaktoren können die mit Zellen besiedelten
Biomaterialien z. B. in einen Träger eingespannt werden und im Zentrum eines Perfusionsbioreaktors
reifen. Bei einer anderen Möglichkeit kann Gewebe an der Grenze zu Hohlfasern in einem
Perfusionsbioreaktor herangezogen werden. Diese Hohlfaserreaktoren sind speziell an
die zu kultivierenden Zellen angepasst, so dass es sich jeweils um Einzellösungen
handelt. Die Optimierung eines Hohlfaserreaktors für die spezifische Anwendung ist
technisch sehr aufwendig.
[0010] Es ist beispielsweise bekannt, dass Epithelgewebe in Gradientenkultur gezüchtet werden
kann.
DE 199 43 205 C1 offenbart hier ein Verfahren zur Verstoffwechslung und zum Transport von Stoffen,
in dem polar orientierte Zellen, wie z. B. Nierenepithelzellen oder Leberzellen, im
Raum zwischen zwei koaxial ineinander angeordneten Hohlfasermembranen kultiviert werden,
so dass ein Stoffgradient aufgebaut wird und ein gerichteter Transport stattfindet.
Die Zellen wachsen in Polyschichten, ohne jedoch eine höhere Gewebestruktur zu generieren.
[0011] Durch Unger et al. (2005) Biomaterials 26, 1877-1884, ist auch bekannt, dass humane Zelllinien verschiedener Gewebe und Zelltypen auf
Hohlfasern aus Polyethersulfon (PES) wachsen und sich verbreiten. Jedoch stoppt das
Wachstum mit Erreichen einer konfluenten Monoschicht.
[0012] Unger et al. (2005) Biomaterials 26, 3461-3469, konnten des Weiteren ein adhärentes Wachstum von Endothelzellen auf beschichteten
PES-Hohlfasern zeigen. Für die Vaskularisation von Transplantaten wird das Animpfen
von Biomaterial mit Endothelzellen bzw. eine Co-Kultivierung vorgeschlagen, ohne hierfür
eine konkrete Lösung zu beschreiben. Auch werden PES-Bioreaktoren für die quantitative
Herstellung von spezifischen Zelltypen oder Stammzellen empfohlen, womit jedoch nicht
die Intention der Generierung höherer Gewebestrukturen verfolgt wird.
[0013] Aufgabe der vorliegenden Erfindung war es, ein Verfahren zur Erzeugung einer organotypischen
Hybridstruktur der Haut bereitzustellen, mit dem standardisiertes, dreidimensionales
Gewebe einfach und kostengünstig hergestellt werden kann. Insbesondere soll eine gezielte,
kontrollierte und gleichmäßige Gewebereifung erreicht werden. Die so hergestellte
Hybridstruktur soll für in-vitro Toxizitätstests und die Analyse komplexer physiologischer
Prozesse, insbesondere im Zusammenhang mit einer Vaskularisation, dienen.
[0014] Die Aufgabe der Erfindung wird gemäß den unabhängigen Ansprüchen gelöst. Die Unteransprüche
beinhalten bevorzugte Ausführungsformen.
[0015] Erfindungsgemäß wird ein Verfahren zur Erzeugung einer organotypischen Hybridstruktur
der Haut bereitgestellt, das folgende Schritte umfasst:
(a) Immobilisierung von zumindest einem ersten Zelltyp auf einer Hohlfasermembran,
und
(b) Kultivierung des zumindest einen ersten Zelltyps in dynamischer Kultur über eine
erste Kultivierungsdauer zu einer mehrschichtigen organotypischen Gewebestruktur der
Haut.
[0016] Überraschenderweise wurde gefunden, dass Hautzellen, die auf einer Hohlfasermembran
immobilisiert werden, auch zu höheren Gewebestrukturen reifen können. Indem die Hohlfasermembran
kontinuierlich mit Medium um-/durchströmt wird, ist eine optimale Versorgung aller
Zellen in Polyschichten mit Nährstoffen realisierbar. Insbesondere die durch die Hohlfasermembran
hervorgerufene Kompartimentierung des Bioreaktors ermöglicht eine optimale Mediendosierung
durch die Hohlfaser, während eine gezielte Sauerstoffexposition im äußeren Kompartiment
Keratinozyten zur Stratifizierung anregt. Weiterhin können verschiedene Zelltypen
in unterschiedlichen Bereichen der Hohlfasermembran gezielt co-kultiviert werden und
in deren Gesamtheit zu einer dreidimensionalen Hybridstruktur heranwachsen. Die Reifung
der Hybridstruktur und die Aufrechterhaltung der Vitalität sind in wenigen Verfahrensschritten
und in einem einzelnen Bioreaktor einfach zu bewerkstelligen. Die dynamische Kultur
gewährleistet nicht nur eine lange Lebensdauer der Hybridstruktur, wobei durch die
Verwendung von Stammzellen die Regenerationsfähigkeit des Gewebes noch einmal verbessert
werden kann, sondern auch die reproduzierbare Erzeugung standardisierter Hybridstrukturen.
Wenn das Medium mit verschiedenen Wirksubstanzen versetzt wird, können vorteilhaft
im selben Bioreaktor zellspezifische Reaktionen, wie z. B. Differenzierung und Angiogenese,
eingeleitet, dermatologische Untersuchungen, wie z. B. standardisierte Toxizitätstests,
durchgeführt und physiologische Prozesse analysiert werden.
[0017] Im Sinne der Erfindung bedeutet "Hybridstruktur" eine Assoziation von biologischem
Material und synthetischen Stoffen. Unter biologischem Material werden insbesondere
intakte lebensfähige Zellen verstanden, die isoliert und in Zellverbänden auftreten
können, wobei die Zellverbände Agglomerate, Polyschichten oder höhere Strukturen,
wie z. B. Gewebe, Organe, Organismen etc., darstellen können. Das synthetische Material
kann organischen oder anorganischen Ursprungs, chemisch oder biologisch hergestellt,
und resorbierbar oder nicht resorbierbar sein.
[0018] "Zelltyp" bezeichnet vorliegend eine Zelle, die durch ihren Genotyp, wie z. B. Karyotyp,
und Phänotyp, wie z. B. Proliferation, Differenzierung, Stoffwechsel und Morphologie,
charakterisiert ist. Es kann sich hierbei um intakte Organismen, wie z. B. Mikroorganismen,
handeln, deren Arten sich untereinander sowohl im Genotyp als auch Phänotyp unterscheiden,
oder um Bestandteile eines Organismus, deren Zellen einen identischen Genotyp, aber
einen unterschiedlichen Phänotyp aufweisen. Zu Letzteren zählen beispielsweise Stammzellen,
Progenitorzellen und ausdifferenzierte Zellen, wie z. B. Endothelzellen, Hepatozyten,
Keratinozyten, Fibroblasten etc. Der Zelltyp kann durch Biopsie von Primärzellen,
Zellkultur oder als Zelllinie verfügbar sein.
[0019] "Dynamische Kultur" oder "Perfusionskultur" werden hierin austauschbar verwendet
und beinhalten eine kontinuierliche Prozessführung, indem Medium permanent oder in
periodischen Intervallen einem entsprechenden Perfusionsbioreaktor am Zulauf zugegeben
und gleichzeitig am Ablauf aus dem Bioreaktor entfernt wird, wodurch ein im Bioreaktor
befindlicher Gewebeträger so durchströmt wird, dass sich Zellen ansiedeln, wachsen,
verbreiten und gegebenenfalls differenzieren können. Der Austausch des Kulturmediums
betrifft dabei sowohl die Gasphase als auch die Flüssigphase.
[0020] Sofern keine Einzelzellsuspension vorliegt, wird eine Probe, wie z. B. eine Hautgewebeprobe,
zunächst durch mechanische und/oder proteolytische Prozesse in eine Einzelzellsuspension
überführt. Anschließend werden die Einzelzellen auf einer Hohlfasermembran immobilisiert.
Dabei können entweder alle Zellen oder mindestens ein bestimmter Zelltyp fixiert werden,
sofern im letzteren Fall entweder der zumindest eine erste Zelltyp oder die Hohlfasermembran
so markiert sind, dass eine selektive Assoziation möglich ist. Um die nachfolgende
Generierung einer Hybridstruktur der Haut zu gewährleisten, muss zumindest ein auf
der Hohlfasermembran immobilisierter Zelltyp eine Stammzelle, Progenitorzelle der
Haut oder ausdifferenzierte Hautzelle beinhalten. Diffusionsprozesse sind für den
Stofftransport, vorliegend den Transport der Zellen in Lösung an die feste Oberfläche
der Hohlfasermembran, verantwortlich. Für eine gleichmäßige Verteilung der Zellen
bzw. ersten Zelltypen auf der Hohlfasermembran ist es vorteilhaft, den Prozess der
Immobilisierung so durchzuführen, dass sich Zellen und Hohlfasermembran in einer Lösung
befinden, indem beispielsweise die Hohlfasermembran in die Zellsuspension eingebracht
wird, wie z. B. durch Eintauchen, Umspülen oder Fixierung im Bioreaktor. Die Lösung
umfasst geeignete Komponenten, die die Überlebensfähigkeit der ersten Zelltypen sichern,
wie z. B. C-Quelle, N-Quelle, Mineralien, Puffer etc. Vorzugsweise handelt es sich
um ein Nährmedium oder eine physiologische Kochsalzlösung. Entsprechende Lösungen
sind dem Fachmann ebenso bekannt wie geeignete Verfahren der Immobilisierung von Zellen.
Insbesondere sei hier das adhärente Wachstum von Zellen genannt, wofür Serumzusätze
oder die Beschichtung der Hohlfasermembran mit Adhäsionsfaktoren notwendig sind. In
Abhängigkeit vom Einbringen der Zelltypen in verschiedene Kompartimente und der Porengröße
der Hohlfasermembran können das Lumen, der Außenbereich und/oder die Poren besiedelt
werden. Die Hohlfasermembran wiederum ist so ausgewählt, dass sie den Anforderungen
der späteren Anwendung der generierten Gewebestruktur genügt. Während Hauttransplantate
vorwiegend resorbierbare Materialien der Hohlfasermembran verwenden, sind für Hautsubstitute
in dermatologischen und pharmakologischen Testreihen nicht resorbierbare Materialien
bevorzugt.
[0021] Die immobilisierten Zellen werden anschließend mit einer geeigneten Nährlösung, die
sich von der Immobilisierungslösung unterscheiden kann, in Perfusionskultur kultiviert.
Die Dauer der ersten Kultivierung wird dabei von der gewünschten Zelldichte und -dicke
bestimmt. Vorliegend können das Lumen und der Außenbereich der Hohlfasermembran sowohl
einzeln als auch zusammen durchströmt werden. Darüber hinaus können für die verschiedenen
Kompartimente ein und dasselbe, aber auch mehrere unterschiedliche Kulturmedien genutzt
werden. Insbesondere Epithelzellen, wie sie die Keratinozyten der epidermalen Haut
darstellen, kommen in-vivo an Stellen vor, an denen die eine Gewebeseite einem anderen
Milieu ausgesetzt ist als die andere. Zur Simulierung dieser speziellen Gewebesituation
in-vitro werden Hohlfasermembranen mit einer Porengröße unterhalb des mittleren Zelltypdurchmessers
ausgewählt und das resultierende luminale sowie basale Kompartiment separat mit Nährlösung
und gegebenenfalls wie unter natürlichen Bedingungen durchströmt. Zunächst wachsen
die Zellen in einer Monoschicht, die durch nachfolgendes adhärentes Zellwachstum mittels
Expression von Zelladhäsionsmolekülen, wie z. B. E-Selectin, ICAM-1 und/oder VCAM-1,
konfluent wird. Der Übergang in Polyschichten vollzieht sich unter den speziellen
Bedingungen der Bioreaktorkultur, wobei die Initiation durch Entfernen des Mediums
im Außenbereich und Sauerstoffexposition der Keratinozyten vollzogen werden kann.
Die erzielte Zelldichte respektive -dicke ist dabei vorzugsweise über die gesamte
Hohlfasermembran konstant. Das resultierende Hautäquivalent aus mehreren, dreidimensionalen
Zellschichten ist organotypisch.
[0022] Zur verbesserten Angleichung an sein natürliches Pendant werden bevorzugt mehrere
erste Zelltypen co-immobilisiert, Co-Kulturen angezüchtet und/oder Stammzellen integriert,
deren kontrollierte Differenzierung beliebige Gewebestrukturen und die Regeneration
und anhaltende Vitalität der Hybridstruktur sicherstellt. Es versteht sich, dass sich
mehrere erste Zelltypen im Genotyp und/oder Phänotyp untereinander unterscheiden.
[0023] Den erfindungsgemäßen Verfahrensschritten können sich nach Schritt (b) weitere Schritte
anschließen:
(c) Immobilisierung von zumindest einem zweiten Zelltyp auf der Hybridstruktur und/oder
auf der Hohlfasermembran,
(d) Kultivierung des zumindest einen zweiten Zelltyps in dynamischer Kultur über eine
zweite Kultivierungsdauer, und optional
(e) Wiederholung der Schritte (c) und (d) mit zumindest einem weiteren Zelltyp.
[0024] Das Vorgehen der Schritte (c) und (d) korrespondiert weitestgehend mit dem der Schritte
(a) und (b), wie es bereits im Verlauf dieser Spezifikation beschrieben wurde. Der
zweite Zelltyp unterscheidet sich im Genotyp und/oder Phänotyp von den bereits immobilisierten
und kultivierten ersten Zelltypen der Schritte (a) und (b), wobei hinsichtlich der
Verwendung von Stammzellen deren auszudifferenzierender Phänotyp maßgeblich ist. Der
zweite Zelltyp ist dabei keineswegs auf differenzierte Hautzellen oder zu solchen
auszudifferenzierende Zellen beschränkt. Diese Unterscheidung muss auf zumindest einen
zweiten Zelltyp zutreffen. Wie in Schritt (a) ist in Schritt (c) eine Co-Immobilisierung
möglich. Der oder die anderen zu immobilisierenden zweiten Zelltypen können untereinander
sämtlich in Genotyp und/oder Phänotyp verschiedene Zelltypen sein, aber auch einem
oder mehreren ersten Zelltypen der vorangegangenen Schritte entsprechen, sofern zumindest
ein zweiter Zelltyp vertreten ist. Die Co-Immobilisierungen sind insbesondere für
die authentische Hauterzeugung erforderlich, da Epidermis und Dermis aus mehreren
Zelltypen bestehen, deren Assoziation und Interaktion die Eigenschaften der jeweiligen
Hautschicht bedingen. Von besonderer Bedeutung ist die Vaskularisation der Hautschichten,
so dass sich eine Co-Immobilisierung und Co-Kultivierung mit Endothelzellen als einem
ersten Zelltyp, einem zweiten Zelltyp, einzigem zweiten Zelltyp oder einem weiteren
Zelltyp anbietet.
[0025] Der zumindest eine zweite Zelltyp kann sowohl adhärent auf der existierenden Hybridstruktur
des ersten Zelltyps angesiedelt und angezüchtet werden als auch in einem bisher nicht
besiedelten Kompartiment der Hohlfasermembran, das heißt entweder dem Lumen oder dem
Außenbereich, vorzugsweise dem Lumen. Die selektive Besiedlung verschiedener Kompartimente
bietet den Vorteil der separaten Dosierung verschiedener Medien, die optimal auf das
Wachstum des jeweiligen Zelltyps abgestimmt sind. Vorzugsweise werden als Zelltyp
in Schritt (a) Keratinozyten auf der außen liegenden Oberfläche der Hohlfasermembran
und als zweiter Zelltyp in Schritt (c) Fibroblasten auf der innen liegenden Oberfläche
der Hohlfasermembran immobilisiert und kultiviert. Alternativ können als erster Zelltyp
in Schritt (a) Fibroblasten auf der außen liegenden Oberfläche der Hohlfasermembran
und als zweiter Zelltyp in Schritt (c) Keratinozyten auf der entstandenen Hybridstruktur
angesiedelt werden. In diesem Fall müssen Immobilisierungslösung und Nährmedium den
spezifischen Erfordernissen der Co-Kultur des ersten Zelltyps und des zweiten Zelltyps
entsprechen. Des Weiteren können natürlich auch Stammzellen oder Progenitorzellen
zu den vorgenannten Zelltypen ausdifferenziert werden. Die zweite Kultivierungsdauer
wird vom zweiten Zelltyp bestimmt und kann von der ersten Kultivierungsdauer abweichen.
[0026] Die Immobilisierung und Kultivierung des zumindest einen zweiten Zelltyps berücksichtigt
den Schichtcharakter der Haut, die sich im Wesentlichen aus Epidermis, Dermis und
Subcutis aufbaut. Die Verfahrensschritte können beliebig oft wiederholt werden, bis
die gewünschte Struktur des Hautäquivalents erreicht ist bzw. solange selbiges einfach,
stabil und lebensfähig kultiviert werden kann. Es versteht sich, dass bei einer Wiederholung
gemäß Schritt (e) zumindest ein weiterer Zelltyp sich von allen bisher in der Hybridstruktur
enthaltenen Zelltypen unterscheiden soll, das heißt dem erstem, zweiten, dritten etc.
Zelltyp vorheriger Schritte oder jeweils mehreren Zelltypen davon. Sofern der Schritt
(e) zur Anwendung kommt, werden zunächst die Schritte (c) und (d) einmal mit zumindest
einem weiteren (das heißt einem dritten) Zelltyp wiederholt. Optional kann anschließend
erneut Schritt (e) und damit eine erneute Wiederholung von Immobilisierung und Kultivierung
mit noch einem weiteren (das heißt dem vierten) Zelltyp stattfinden. Die weiteren
zweiten Kultivierungsdauern sind dabei zellspezifisch. Die einzelnen zweiten Kultivierungsdauern
werden in der vorliegenden Erfindung mit erster zweiter Kultivierungsdauer, zweiter
zweiter Kultivierungsdauer, dritter zweiter Kultivierungsdauer etc. bezeichnet und
sind nicht mit der dritten oder vierten Kultivierungsdauer im Sinne der Erfindung,
wie sie nachfolgend noch beschrieben werden, zu verwechseln. Bevorzugt ist die einmalige
Anwendung von Schritt (e), in Anschluss dessen das Verfahren beendet oder anderweitig
fortgeführt wird.
[0027] Zur Aufrechterhaltung der Vitalität der Hybridstruktur, die aus zumindest einem ersten
Zelltyp, gegebenenfalls zumindest einem zweiten Zelltyp und gegebenenfalls zumindest
einem weiteren Zelltyp an biologischem Material besteht, kann sich nach Schritt (b),
(d) und/oder (e) ein weiterer Schritt anschließen:
(f) Kultivierung der Hybridstruktur in dynamischer Kultur über eine dritte Kultivierungsdauer.
[0028] Die dynamische Kultur bietet optimale Voraussetzungen für die gleichmäßige und kontrollierte
Versorgung aller Hautzellschichten mit Nährstoffen und Sauerstoff, wodurch die Lebensdauer
der Hybridstruktur deutlich verlängert wird. Ist der Hybridstruktur die inhärente
Eigenschaft der Regeneration, wie z. B. durch die Integration von Stammzellen, gegeben,
kann im Zuge der kontinuierlichen Prozessführung eine beliebig lange Kultivierung
erreicht werden. Abgestorbene Zellen werden mit dem Kulturmedium ausgetragen und durch
ausdifferenzierte Hautzellen ersetzt. Die Schichtdicke der Hybridstruktur bleibt hierbei
konstant. Das Kulturmedium muss der spezifischen Hybridstruktur der Haut ebenso angepasst
werden wie die Prozessbedingungen und die Auslegung des Bioreaktors. Geeignete Optimierungsstrategien
hierzu sind dem Fachmann bekannt.
[0029] In einer Ausführungsform des vorliegenden Verfahrens werden als der zumindest eine
erste Zelltyp, als der zumindest eine zweite Zelltyp und/oder als der zumindest eine
weitere Zelltyp eine adulte Stammzelle, Progenitorzelle und/oder ein ausdifferenzierter
Hautzelltyp immobilisiert.
[0030] "Stammzellen" sind Körperzellen, die noch nicht ausdifferenziert sind. Sie zeichnen
sich durch ihre Fähigkeit zur Selbstreplikation und Differenzierung aus. Unterschieden
werden zwei Formen: die embryonalen Stammzellen und die adulten Stammzellen. Zu den
embryonalen Stammzellen zählen einerseits diejenigen, aus denen ein Embryo bis zu
einem Stadium mit acht Zellen besteht. Aus diesen Zellen entwickeln sich später alle
Zellformen des entstehenden Lebewesens. Sie werden totipotente Zellen genannt, zu
denen ebenfalls die befruchtete Eizelle gehört. Andererseits sind bei den embryonalen
Stammzellen jene aus den Blastozyten-Stadien einzuordnen, die als pluripotent bezeichnet
werden. Aus ihnen können sich alle Arten von Körperzellen der Hauptgewebetypen differenzieren,
jedoch keine Teile der Plazenta. Es wird hierbei weiterhin zwischen den eigentlichen
embryonalen Stammzellen aus der inneren Zellmasse der Blastozyste, den EG-Zellen (Embryonal
Gonad) und den EC-Zellen (Embryonal Carcinoma) unterschieden. Unter "adulten Stammzellen"
sind dagegen jene nicht-ausdifferenzierten Körperzellen zu verstehen, die nach dem
embryonalen Stadium entstehen und aus denen während der Lebensphase des Organismus
spezialisierte Zellen gebildet werden. Aus adulten Stammzellen können durch mitotische
Teilung weitere Stammzellen oder ausdifferenzierte Zellen hervorgehen. Obwohl embryonalen
Stammzellen unterlegen, besitzen sie ein keimblattüberschreitendes Differenzierungspotential.
Adulte Stammzellen sind in verschiedenen Organen, insbesondere in Knochenmark, Fettgewebe,
Nabelschnur, Nabelschnurblut, Gehirn, Leber und Bauschspeicheldrüse, zu finden und
in jedem Individuum verfügbar, so dass die Perspektive des Ersatzes durch körpereigene,
d.h. autologe Zellen gegeben ist.
[0031] "Progenitorzelle" bezieht sich auf einen Abkömmling einer adulten Stammzelle. Sie
weist hinsichtlich ihrer Regenerationsfähigkeit noch Stammzelleigenschaften auf, ist
aber bereits auf einen künftigen Funktionsbereich festgelegt. Diese Festlegung ist
jedoch umkehrbar, so dass Progenitorzellen pluripotent sind. Sie kommen vor allem
im Knochenmark und in geringer Konzentration im Blutgefäßsystem vor. Auch die Dermatoblasten
der Haut können als Progenitorzellen betrachtet werden.
[0032] Nach der Immobilisierung der Stammzellen und/oder Progenitorzellen können zügig zellspezifische
Reaktionen eingeleitet werden, von denen insbesondere die Ausdifferenzierung erwähnt
sei. Unter "Ausdifferenzierung" soll vorliegend die komplette phänotypische Ausprägung
einer spezifischen Körperzelle aus einer Stammzelle und/oder Progenitorzelle verstanden
werden. Die Ausdifferenzierung findet dabei nach der Immobilisierung in Schritt (a)
und/oder Schritt (c) statt, das heißt, sie kann sich in einem eigenständigen Schritt
unmittelbar an Schritt (a), (c) und/oder einen beliebigen nachfolgenden Schritt anschließen
oder während eines oder mehrerer Schritte, die der Immobilisierung der Schritte (a)
und/oder (c) folgen, durchgeführt werden. Bevorzugt ist die unmittelbare Ausdifferenzierung
nach der Immobilisierung.
[0033] Die Verwendung von Stammzellen bietet die Vorteile, beliebige Phänotypen aus einem
einzelnen ersten Zelltyp, einem einzelnen zweiten Zelltyp und/oder einem einzelnen
weiteren Zelltyp zu erzeugen, so dass spezifische Zellschichten oder Organstrukturen
aufgebaut werden. Darüber hinaus kann insbesondere durch Co-Immobilisierung und Co-Kultivierung
von Stammzellen und/oder Progenitorzellen mit ausdifferenzierten Zellen eine Regenerationsfähigkeit
der Hybridstruktur gewährleistet werden.
[0034] Vorzugsweise werden als Progenitorzellen basale Keratinozyten an der Hohlfasermembran
und/oder an der bereits vorhandenen Hybridstruktur immobilisiert. Sie befinden sich
in-vivo in der Regenerationsschicht (Stratum basale) der Epidermis und dienen der
Hauterneuerung. Immobilisierte basale Keratinozyten können in-vitro zu Keratinozyten
ausdifferenziert werden, deren Proliferation und Stratifizierung eine epidermale Struktur
generiert.
[0035] In einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung werden Hautzelltypen immobilisiert,
vorzugsweise Keratinozyten, Melanozyten, Merkelzellen, Basalzellen, Langerhanszellen
und/oder Fibroblasten. Deren Rein- oder partielle Co-Kultivierung ist bisher hauptsächlich
in Monolayer-Zellkulturen beschrieben, die für in-vitro Prüfungen, wie z. B. Phototoxizität
oder Mutagenität, verwendet werden. Keratinozyten stellen hierbei den wesentlichen
Baustein der Epidermis und Fibroblasten den wesentlichen Baustein der Dermis dar.
Während Keratinozyten vorteilhaft zu einer mehrlagigen Struktur stratifiziert werden,
die die organotypische in-vivo Situation widerspiegelt, wachsen Fibroblasten in dreidimensionalen
Verbänden. Das erfindungsgemäße Verfahren bildet die Grundlage für die Erzeugung von
mehrschichtigen, höheren Hautstrukturen, die als standardisierte Hauttransplantate
oder als Hautsubstitute für dermatologische und pharmakologische Testreihen eingesetzt
werden können. Als Hybridstruktur wird bevorzugt eine epidermale Struktur, eine dermale
Struktur, oder eine epidermale und dermale Struktur erzeugt. Besonders bevorzugt wird
eine Hybridstruktur aus Keratinozyten, eine Hybridstruktur aus Fibroblasten oder eine
Hybridstruktur aus Keratinozyten und Fibroblasten. Sowohl das gleichzeitige Vorliegen
einer epidermalen und einer dermalen Struktur als auch von Keratinozyten und Fibroblasten
bedeutet deren Anordnung in getrennten Schichten, die nicht alternieren, vorzugsweise
in zwei parallelen Schichten oder Polyschichten. Die Schichtabfolge in der erfindungsgemäßen
Hybridstruktur orientiert sich am natürlichen Aufbau der Haut, indem sich die epidermale
Struktur im distalen Bereich der Hybridstruktur und die dermale Struktur im proximalen
Bereich der Hybridstruktur befindet. Dementsprechend werden Keratinozyten auf dem
außen liegenden Bereich der Hohlfasermembran immobilisiert, kultiviert und gegebenenfalls
stratifiziert. Proximal davon werden Fibroblasten entweder auf der innen liegenden
Oberfläche oder auf der außen liegenden Oberfläche der Hohlfasermembran immobilisiert
und kultiviert, wobei in letzterem Fall die Fibroblasten einen ersten Zelltyp und
die Keratinozyten einen zweiten Zelltyp darstellen. In einer bevorzugten Ausgestaltung
wird als Hybridstruktur eine epidermale und eine zwischen Hohlfasermembran und epidermaler
Struktur angeordnete dermale Struktur erzeugt.
[0036] In einer weiteren Ausführungsform des vorliegenden Verfahrens werden die basalen
Keratinozyten und/oder Keratinozyten in dynamischer Kultur über eine vierte Kultivierungsdauer
stratifiziert. Die lineare Schichtbildung oder Stratifizierung dient der vorteilhaften
Ausbildung einer dreidimensionalen epidermalen Struktur, die sich von innen nach außen
aus Stratum basale, Stratum spinosum, Stratum granulosum, Stratum lucidum und Stratum
corneum oder Teilen davon zusammensetzt. Im Stratum basale (Regenerationsschicht)
erfolgt durch Zellteilung die Neubildung der Keratinozyten. Es dauert ca. 30 Tage
bis ein neugebildeter Keratinozyt aus der Regenerationsschicht an die Hautoberfläche,
also in die Hornschicht, gewandert ist. Im Stratum spinosum (Stachelzellschicht) sind
die Keratinozyten durch bestimmte Strukturen, die Tonofibrillen, netzartig miteinander
verbunden. In dieser Schicht kann es bei Hauterkrankungen zu Wasseransammlungen und
damit zur Blasenbildung kommen. Die im Stratum granulosum (Körnerschicht) befindlichen
Keratinozyten enthalten Keratohyalinkörner. Das Stratum lucidum (lichtbrechende Schicht)
ist sehr schmal, so dass Zellgrenzen oder Zellkerne nicht mehr zu erkennen sind. Im
Stratum corneum (Hornschicht) verbacken die aus den Keratinozyten hervorgegangenen
Hornzellen mit Hornsubstanzen der Haut, z. B. Keratin, zu Hornschuppen, die dann abgestoßen
werden.
[0037] Nach der Immobilisierung wird der zumindest eine erste Zelltyp, der vorliegend basale
Keratinozyten und/oder Keratinozyten beinhaltet, zunächst bis zu einem konfluenten
Zustand, das heißt einer geschlossenen Zellschicht, in einer ersten und optional dritten
Kultivierungsdauer kultiviert. Während dieser Kultivierungsdauer(n) können die basalen
Keratinozyten bereits ausdifferenziert werden. Anschließend wird das Medium abgelassen
und die Stratifizierung über eine kontrollierte Begasung initiiert. Hierbei ist durch
interzelluläre Adhäsionsfaktoren ein adhärentes Wachstum auf dem ursprünglichen Monolayer
und den nachfolgenden Polyschichten gegeben. Die Geschwindigkeit und Dicke der Schichtenbildung
in der vierten Kultivierungsdauer wird vorteilhaft über eine Sauerstoff/Kohlendioxid-Mischung
kontrolliert. Nach Erreichen einer gewünschten Anzahl an Polyschichten kann die entstandene
epidermale Struktur durch Zugabe von frischem Flüssigmedium in einer dritten Kultivierungsdauer
gemäß Schritt (f) weiter kultiviert werden. Die Ausdifferenzierung basaler Keratinozyten
ist auch erst unmittelbar vor, während oder nach dem Kultivierungsschritt (f) möglich.
[0038] Der gesamte Vorgang der Stratifizierung kann wiederholt werden, sofern der zumindest
eine erste Zelltyp basale Keratinozyten und der zumindest eine zweite Zelltyp Keratinozyten
beinhaltet oder umgekehrt. Diese Ausgestaltung kann auch entsprechend auf einen zweiten
Zelltyp und einen weiteren Zelltyp angewendet werden.
[0039] Es ist nicht ausgeschlossen, dass die vierte Kultivierungsdauer mit einer oder allen
anderen Kultivierungsdauern, vorliegend mit erster, zweiter und dritter Kultivierungsdauer
bezeichnet, oder Teilen davon identisch ist. Bevorzugt ist eine eigenständige vierte
Kultivierungsdauer für die Stratifizierung.
[0040] Des Weiteren ist eine Co-Stratifizierung realisierbar, indem neben den basalen Keratinozyten
und/oder Keratinozyten mindestens ein weiterer erster Zelltyp und/oder mindestens
ein weiterer zweiter Zelltyp immobilisiert, kultiviert und dann in die Polyschichten
integriert wird. Vorzugsweise sind Endothelzellen für die Vaskularisation, Melanozyten
für die Pigmentierung und/oder Langerhanszellen als Immunstimulans enthalten.
[0041] In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform des vorliegenden Verfahrens werden
in Schritt (a) zumindest zwei erste Zelltypen und/oder in Schritt (c) zumindest zwei
zweite Zelltypen co-immobilisiert. Es ergeben sich vorliegend mehrere Varianten, zwei
erste Zelltypen oder zwei zweite Zelltypen zu kombinieren: So können ein adulter Stammzelltyp
und ein Progenitor-, Hautzell- oder Endothelzelltyp, ein Progenitorzelltyp und ein
Hautzell- oder Endothelzelltyp, ein Hautzelltyp und ein Endothelzelltyp, zwei verschiedene
Progenitorzelltypen oder zwei verschiedene Hautzelltypen immobilisiert werden. Vorzugsweise
werden dabei als einer der zumindest zwei ersten Zelltypen und/oder einer der zumindest
zwei zweiten Zelltypen Endothelzellen immobilisiert.
[0042] Das Endothel - auch einschichtiges Plattenepithel genannt - ist eine einschichtige
Zellhaut, die Herzinnenräume, Blut- und Lymphgefäße von innen auskleidet. Dieses Deckgewebe
besteht aus platten, flachkernigen und unregelmäßig begrenzten überlappenden Zellen,
den "Endothelzellen". Das Endothel dient als Barriere zum Gewebe und produziert z.
B. Stickstoffmonoxid, welches der Regulation des Tonus der Gefäßmuskulatur im Herz-KreislaufSystem
dient. Daneben beeinflusst es die Fließfähigkeit des Blutes, u. a. durch Hemmung und
Aktivierung von Gerinnungsprozessen. Ebenfalls spielen sich hier physiologische Entzündungs-
und pathologische Allergiereaktionen ab. Die Inkorporation von Endothelzellen in die
erfindungsgemäße Hybridstruktur ist folglich für die Analyse vorgenannter Prozesse
ebenso vorteilhaft wie die Möglichkeit der inhärenten Nährstoffversorgung. Zur Stabilisierung
der vaskulären Substruktur in der Hybridstruktur können die Endothelzellen zusätzlich
mit Muskelzellen umgeben sein.
[0043] Wird die Hybridstruktur beispielsweise als Hauttransplantat verwendet, ist das Wachstum
von Blutgefäßen des Wirts in das neu implantierte Biomaterial essentiell. Dieser Prozess
kann vorteilhaft beschleunigt werden, wenn zuvor primäre Endothelzellen in die Hybridstruktur
inkorporiert worden sind und durch stimulierende Substanzen die Ausbildung von Mikrokapillaren
initiiert wird. Die Mikrokapillaren verbinden sich nach der Implantation mit der vorhanden
Vaskulatur des Wirts. Es konnte gezeigt werden, dass Endothelzellen sowohl allein
auch im co-kultivierten Zellverband auf Hohlfasermembranen erfolgreich wachsen und
damit ein vaskuläres System aufbauen können.
[0044] Insbesondere das adhärente Wachstum auf der Hohlfasermembran ermöglicht auch eine
Beschichtung auf ihrer außen liegenden Oberfläche mit einer endothelialen Struktur,
auf der nachfolgend die mehrschichtige organotypische Hybridstruktur der Haut nach
dem erfindungsgemäßen Verfahren erzeugt wird. Die Beschichtung der Hohlfasermembran
mit Endothelzellen verläuft ähnlich den vorliegenden Verfahrensschritten (a) und (b),
wobei in einem ersten Schritt Endothelzellen auf einer Hohlfasermembran immobilisiert
und in einem zweiten Schritt die immobilisierten Endothelzellen in dynamischer Kultur
über eine Kultivierungsdauer zu einer konfluenten Zellschicht kultiviert werden. Die
vorherige Lehre der Erfindung und deren Ausführungsformen sind gültig und ohne Einschränkungen
auf die Beschichtung der Hohlfasermembran mit Endothelzellen anwendbar, sofern es
sinnvoll erscheint.
[0045] In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform der Erfindung wird als Hybridstruktur
eine epidermale und endotheliale Struktur, eine dermale und endotheliale Struktur,
oder eine epidermale, dermale und endotheliale Struktur erzeugt, vorzugsweise eine
epidermale und endotheliale Struktur, oder eine epidermale, dermale und endotheliale
Struktur.
[0046] Der zumindest eine erste Zelltyp und optional zumindest eine zweite Zelltyp wird
im erfindungsgemäßen Verfahren bevorzugt auf Hohlfasermembranen immobilisiert, die
als Polymerhohlfasern ausgebildet sind. Die zugrunde liegenden Polymere können aus
Polysulfon, Polyethersulfon, Polysulfonpolyvinylpyrollidinon, Polyamid, Acrylnitril,
Polyacrylnitril, Polyetherimid, Polylactid, Polyglykolid, Polypeptid oder Derivaten
davon bestehen, besonders bevorzugt aus Polyethersulfon, Polyetherimid, Polylactid
oder Polyglycogen. Die synthetischen Polymere sind unkompliziert in Massenproduktion
zu fertigen und können für spezifische Anwendungen modifiziert werden. Die Materialauswahl
richtet sich nach der Verwendung der Hybridstruktur.
[0047] Bioabbaubare Materialien sind insbesondere für Implantate erwünscht. Nach Erfüllung
ihrer primären Stütz- und Wachstumsfunktion soll die Matrix durch verschiedene Degradationsmechanismen,
wie z. B. Hydrolyse, enzymatische Degradation und Dissoziation von Polymer-Polymer-Komplexen
abgebaut werden. Solche biodegradierbaren Polymere sind beispielsweise Polylactide
und Polyglykolide, die auf aliphatischen Polyestern basieren und sich bakteriell herstellen
lassen. Die Degradation erfolgt hier hydrolytisch. Die physikalischen und chemischen
Eigenschaften können vorteilhaft durch Variation von Lactid- und Glykolid-Anteilen
verändert werden. Insbesondere die Abbauzeit kann auf diese Weise beeinflusst werden.
[0048] Dagegen sind nicht resorbierbare Materialien bevorzugt, wenn eine anhaltende Kultivierung
der Hybridstruktur erwünscht ist, so dass eine stabile Gerüststruktur die organotypische
Struktur realisiert. Insbesondere in-vitro Tests seien hier genannt. Aber auch ein
problemloses und vollständiges Lösen und Entfernen der Hybridstruktur wird durch enzymatisch,
chemisch oder physikalisch nicht degradierbare Polymermaterialien erleichtert. Bevorzugt
wird der zumindest eine erste Zelltyp und/oder optional zweite Zelltyp auf Polymerhohlfasern
aus Polyethersulfon immobilisiert. Das Material wird in einem Extrusionsverfahren
unter Verwendung einer Polymerschmelze und superkritischem Kohlendioxid hergestellt.
Hierbei kommt es zur Phasenumwandlung, ohne dass organische Lösungsmittel und eine
thermische oder mechanische Behandlung notwendig sind. Die verwendete Polymerhohlfaser
aus Polyethersulfon besitzt eine Porosität, die einen ausreichenden Gastransport und
eine hinreichende Diffusion von Metaboliten gewährleistet und das Durchdringen der
Poren mit ersten Zelltypen und/oder zweiten Zelltypen verhindert. In einer bevorzugten
Ausgestaltung wird eine Hohlfasermembran mit einer Porengröße von höchstens 0,5 µm,
vorzugsweise höchstens 0,1 µm, verwendet, so dass sowohl ein Zellwachstum in den Poren
als auch eine Verbreitung durch die Poren in andere Kompartimente, das heißt vom Außenbereich
ins Lumen oder umgekehrt, ausgeschlossen ist. Das dreidimensionale Gerüst aus Polyethersulfon
bietet damit hervorragende Voraussetzungen für die Zellimmobilisierung und Kultivierung.
Vor ihrem Einsatz werden die Polymerhohlfasern sterilisiert, wie z. B. in 70 % Ethanol
und anschließend in Phosphat-gepuffertem Salin gewaschen.
[0049] In einer weiteren Ausführungsform des erfindungsgemäßen Verfahrens wird der zumindest
eine erste Zelltyp ausschließlich auf der außen liegenden Oberfläche der Hohlfasermembran
immobilisiert und kultiviert. Durch die Verwendung der porösen Hohlfasermembran wird
eine Kompartimentierung des Bioreaktors in zwei Bereiche erreicht. Das erste Kompartiment
wird durch den Außenbereich der Hohlfasermembran gebildet. In diesem Kompartiment
erfolgt die Beimpfung des Bioreaktors mit mindestens einem ersten Zelltyp und die
anschließende Kultivierung desselben auf der außen liegenden Oberfläche der Hohlfasermembran.
Das zweite Kompartiment wird durch den inneren Bereich der Hohlfasermembran, das Lumen,
dargestellt. Beide Kompartimente bilden zwei unabhängige Systeme und können separat
mit verschiedenen Medien durchströmt werden. Insbesondere Epithelzellen, wie z. B.
die Keratinozyten der Haut, können dadurch in einer Umgebung kultiviert werden, die
natürlichen Bedingungen entspricht. Werden in folgenden Verfahrensschritten zumindest
ein zweiter Zelltyp und gegebenenfalls zumindest ein weiterer Zelltyp in die Hybridstruktur
integriert, sind diese vorzugsweise auf dem vorhandenen ersten Zelltyp adhärent anzusiedeln.
Unter besonderen Gegebenheiten (z. B. spezifischen Wachstumsbedingungen), die vordergründig
vom zweiten Zelltyp oder vom weiteren Zelltyp bestimmt werden, ist natürlich auch
eine partielle oder vollständige Immobilisierung der Zelltypen auf der innen liegenden
Oberfläche der Hohlfasermembran möglich.
[0050] Die dynamische Kultur im erfindungsgemäßen Verfahren wird also bevorzugt als Gradientenkultur
durchgeführt. Flüssigmedium 1 wird kontinuierlich im Außenbereich zwischen der Hohlfasermembran
und der Innenwand des Bioreaktors zugeführt, während das Flüssigmedium 2, dessen Zusammensetzung
sich vorzugsweise vom Flüssigmedium 1 unterscheidet, das Lumen durchfließt. Außenbereich
und Lumen stehen ausschließlich über die poröse Hohlfasermembran miteinander in Kontakt.
Der Vorteil der Kompartimentierung liegt darin begründet, dass dem auf der außen liegenden
Oberfläche befindlichen ersten Zelltyp zu definierten Zeitpunkten zusätzliche Medienkomponenten
(Wachstumsfaktoren, Differenzierungsfaktoren, Sauerstoff-angereichertes Medium etc.)
über das Lumen zugeführt werden kann. Toxische Metabolite, die sich negativ auf das
Wachstum auswirken würden, werden gleichzeitig kontinuierlich ausgetragen. Im Lumen
lassen sich außerdem hohe Volumenströme realisieren, um einen konvektiven Stofftransport
zu ermöglichen, ohne einen negativen Einfluss auf die Zellen im Außenbereich zu nehmen.
Das ist insbesondere im Fall scherkraftempfindlicher erster Zelltypen vorteilhaft.
[0051] Alternativ zur Gradientenkultur oder in Kombination mit selbiger kann die Perfusionskultur
auch im Kreislauf erfolgen. Für die Kultivierung im Kreislauf ist die entsprechende
Verschlauchung des Bioreaktors so zu wählen, dass Medienvorlage und Abfallvorlage
einander entsprechen.
[0052] In einer weiteren Ausführungsform des erfindungsgemäßen Verfahrens wird der zumindest
eine erste Zelltyp magnetisch immobilisiert, wobei gleichzeitig oder in beliebiger
Reihenfolge an den ersten Zelltyp zumindest eine magnetisch-markierte Substanz gekoppelt
wird, und die zumindest eine magnetisch-markierte Substanz an eine zumindest bereichsweise
magnetische Hohlfasermembran gekoppelt wird.
[0053] Es wurde gefunden, dass Zellen, die mit einer magnetischen Markierung versehen sind,
auf Zellträgern, vorzugsweise Hohlfasermembranen, aus einer Vielzahl an Materialien
dauerhaft immobilisiert werden können, wenn diese Materialien in irgendeiner Form
und zumindest bereichsweise mit magnetischen Eigenschaften verknüpft sind.
[0054] Im Sinne der Erfindung bedeutet "magnetisch", dass ein Magnetfeld vorhanden ist,
das sowohl permanent durch einen Dauermagneten als auch zeitweilig, wie z. B. die
Bewegung elektrischer Ladungen, erzeugt werden kann. Die magnetischen Eigenschaften
von Festkörpern haben ihren Ursprung im Magnetismus der Atome/lonen und Elektronen,
aus denen er aufgebaut ist. Es handelt sich dann um magnetisches Material, wenn die
elementaren magnetischen Momente so ausgerichtet sind, dass sie sich nicht vollständig
gegenseitig kompensieren, der Stoff also eine makroskopische Magnetisierung aufweist.
Im Sinne der Erfindung soll "magnetisch" auch als Obergriff für die assozüerten Begriffe
"magnetisierbar", "paramagnetisch" und "superparamagnetisch" verstanden werden, sofern
sich aus dem konkreten Zusammenhang nicht ausdrücklich etwas anderes ergibt.
[0055] "Magnetisierbar" bezeichnet vorliegend die Eigenschaft eines Stoffes, insbesondere
eines ferromagnetischen Stoffes, im Zuge der Einwirkung und des anschließenden Wegfalls
eines externen Magnetfeldes eine verbleibende Magnetisierung oder Remanenz zu zeigen.
[0056] "Paramagnetisch" beinhaltet die Tendenz einer Substanz, in ein Magnetfeld hineinzuwandern.
Paramagnetisches Verhalten findet man bei Substanzen mit ungepaarten Elektronen, da
sich die Spinmomente der Elektronen parallel zum äußeren Magnetfeld ausrichten und
es verstärken. Der Bahndrehimpuls der ungepaarten Elektronen steuert ebenfalls einen
Anteil zum Paramagnetismus bei.
[0057] "Superparamagnetisch" weist auf eine besonders starke paramagnetische Tendenz hin.
[0058] Sowohl die magnetischen Eigenschaften der markierten Substanz als auch des Zellträgers,
die im erfindungsgemäßen Verfahren zur Anwendung kommen, können durch magnetische
Stoffe hervorgerufen werden, die vorzugsweise aus einer Gruppe ausgewählt sind, die
keramische Oxidwerkstoffe, vorzugsweise Bariumoxid oder Eisenoxid, oder Metalle der
VIII. Nebengruppe oder einer Legierung daraus, vorzugsweise Eisen, Kobalt, Nickel,
deren Legierungen untereinander oder deren Legierungen mit Platin oder seltenen Erden,
besonders bevorzugt eine Neodym-Eisen-Bor-Legierung oder eine Kobalt-Samarium-Legierung,
enthält.
[0059] Bisher ist lediglich bekannt, dass mit der MACS-Technologie Zellen unter Verwendung
magnetisch-markierter Antikörpern sortiert werden können. Die Technologie basiert
auf so genannten MicroBeads, die an spezifische monoklonale oder polyklonale Antikörper
gebunden sind. Die magnetische Markierung der Zellen in der MACS-Technologie kann
entweder direkt mittels spezifischer MicroBead-gekoppelter Antikörper gegen eine spezifische
Zelloberflächenstruktur erfolgen oder indirekt mittels primärer Antikörper gegen eine
oder mehrere Zelloberflächenstrukturen, wobei die primären Antikörper von sekundären
Antikörpern mit MicroBeads erkannt werden. Die markierten Zellen werden in einer Säulenmatrix,
die sich in einem Magnetfeld befindet, zurückgehalten, während nicht-markierte Zellen
aus der Säule eluiert werden. Nach dem Wegfall des Magnetfeldes werden die markierten
Zellen aus der Säule gewonnen. Immobilisierung, Wachstum und/oder zellspezifische
Prozesse auf magnetischen Oberflächen wurden bisher nicht beschrieben.
[0060] Das Immobilisierungsverfahren der vorliegenden Erfindung ist einfach und schnell
durchzuführen sowie universell applikabel. Vorteilhaft ist die direkte Immobilisierung
der Zellen auf dem Zellträger, die durch die Stärke des Magnetfeldes beeinflusst werden
kann. Homogene Magnetfelder ermöglichen eine gleichmäßige Verteilung der Zellen auf
der Oberfläche, wodurch die Zellen optimal mit Nährstoffen versorgt werden und zu
einem geschlossenen Zellrasen ausbreiten. Die Analyse des Zellwachstums und zellspezifischer
Reaktionen, wie z. B. Proliferation und Differenzierung, werden vereinfacht. Anstelle
des Zusatzes unspezifischer Adhäsionsfaktoren wird die Anlagerung auf dem Zellträger
durch mindestens eine magnetisch-markierte Substanz vermittelt. Dadurch wird nicht
nur die gezielte Selektion und Immobilisierung einer Subpopulation von Zellen mit
definierten Eigenschaften ermöglicht, sondern auch die Immobilisierung und nachfolgende
Kultivierung der Zellen ohne Serum. Der Verzicht auf Serum und die darin enthaltenen
extrazellulären Matrixglycoproteine als Adhäsionsfaktoren bedingt eine kostengünstige,
risikofreie und reproduzierbare Fermentation mit höheren Ausbeuten, an die sich eine
einfachere Aufarbeitung anschließt. Auch Optimierungsstrategien betreffend die Zellkultivierung
sind leichter umzusetzen.
[0061] Sofern keine Einzelzellsuspension vorliegt, aber erwünscht ist, wird eine Probe,
wie z. B. eine Gewebeprobe, zunächst durch mechanische und/oder proteolytische Prozesse
in eine Einzelzellsuspension überführt. Die Einzelzellsuspension wird anschließend
mit einer oder mehreren magnetisch-markierten Substanzen inkubiert. Darüber hinaus
ist auch eine Inkubation von Zellverbänden, wie z. B. embryoiden Körpern oder Geweben,
möglich.
[0062] Unter "magnetisch-markierten Substanzen" im Sinne der Erfindung versteht man Partikel
oder Moleküle, die in der Lage sind, mit Zellen eine Assoziation einzugehen, wobei
diese Assoziation nicht auf der magnetischen Markierung beruht.
[0063] Der Begriff der "Assoziation" bezieht sich hierbei auf jede Art der Wechselwirkung
zwischen der magnetisch-markierten Substanz und der Zelle, insbesondere kovalente
oder nicht-kovalente Bindungen, wie z. B. eine kovalente Bindung, hydrophobe/hydrophile
Wechselwirkungen, van der Waals'sche Kräfte, Ionenbeziehung, Wasserstoffbrücken, Ligand-Rezeptor-Wechselwirkungen,
Basenpaarungen von Nukleotiden oder Wechselwirkungen zwischen Epitop und Antikörper-Bindungsstelle
sowie den Einschluss von Substanzen in die Zelle, wie z. B. durch Endocytose, Transformation
oder Beschuss.
[0064] Magnetisch-markierte Substanzen umfassen vorzugsweise Biomoleküle, wie z. B. Proteine,
Peptide und Nukleinsäuren, oder niedermolekulare organische Verbindungen. Die Markierung
der Substanzen kann direkt, vorzugsweise über eine Chelat-Bindung oder eine kovalente
Bindung an magnetische Stoffe, erfolgen. Die Markierung kann auch indirekt mittels
einer chemischen Verbindung geschehen, die vorzugsweise kovalent an die Substanz gebunden
ist. Die chemische Verbindung enthält dabei mindestens einen magnetischen Stoff, vorzugsweise
über eine Chelat-Bindung, eine kovalente Bindung oder einen Einschluss desselben.
Die Verwendung eines zusätzlichen Linkers ist ebenfalls möglich, wie z. B. in Form
funktionalisierter Seitenketten von Magnetic Beads. Darüber hinaus sind auch magnetische
Stoffe im isolierten Zustand oder im verkapselten Zustand, wie z. B. Magnetic Beads,
als magnetisch-markierte Substanzen im Sinne der Erfindung aufzufassen.
[0065] Die Bezeichnung "Magnetic Bead" charakterisiert Partikel, wie z. B. Polystyrol-Kügelchen,
die mindestens einen magnetischen Stoff einschließen, vorzugsweise einen paramagnetischen
oder superparamagnetischen Stoff, wie z. B. Magnetit oder Ferrit. Die Partikel besitzen
funktionalisierte Oberflächen mit Seitenketten, die beispielsweise Amin-, Carboxy-,
Aldehyd-, Epoxy-, Iminodiacetat-, Hydrazid-, NADPA- oder andere Gruppen tragen, und
darüber eine Kopplung an andere Moleküle erlauben.
[0066] Unter einer "Inkubation" im Sinne der Erfindung versteht man eine Kontaktierung von
mindestens zwei Substanzen, die mit oder ohne chemische Konvertierung erfolgen kann.
Eine der Substanzen ist hierbei die magnetisch-markierte Substanz.
[0067] Magnetisch-markierte Substanzen können sich zum einen in Lösung befinden, so dass
sie insbesondere durch Diffusion an die Zelloberfläche gelangen und an die Zellen
gekoppelt werden. Bevorzugt werden hierbei exponierte Oberflächenproteine kontaktiert.
Die Lösung umfasst geeignete Komponenten, die die Überlebensfähigkeit der Zellen sichern,
wie z. B. C-Quelle, N-Quelle, Mineralien, Puffer etc. Vorzugsweise handelt es sich
um eine Nährlösung oder eine physiologische Kochsalzlösung. Entsprechende Lösungen
sind dem Fachmann bekannt. Nach einer definierten Inkubationszeit von magnetisch-markierten
Substanzen und Zellsuspension, die hauptsächlich von der Art der markierten-spezifischen
Substanzen abhängt, werden die Substanz-markierten Zellen mit dem zumindest partiell
magnetischen Zellträger in Kontakt gebracht und die Zellen über die magnetisch-markierten
Substanzen an den Zellträger immobilisiert. Wiederum sind Diffusionsprozesse für den
Stofftransport, vorliegend den Transport der Substanz-markierten Zellen in Lösung
an die feste Oberfläche des Zellträgers, verantwortlich. Nicht-markierte Zellen der
Zellsuspension verbleiben ungebunden in Lösung und können in Waschschritten entfernt
werden.
[0068] Zum anderen kann zumindest eine magnetisch-markierte Substanz in einem ersten Schritt
über magnetische Wechselwirkungen auf einem Zellträger mit magnetischen Eigenschaften
fixiert werden, indem der Zellträger mit der magnetisch-markierten Substanz kontaktiert
wird und ungebundene Moleküle der Substanz in Waschschritten entfernt werden. Hierfür
werden insbesondere Pufferlösungen verwendet, die eine die magnetisch-markierte Substanz
stabilisierende Umgebung gewährleisten. Der Fachmann ist mit der Auswahl passender
Lösungen in Abhängigkeit von der verwendeten Substanz und ihrer Herstellung vertraut.
Die Inkubationszeit wird wesentlich vom vorhandenen Magnetfeld bestimmt. Anschließend
wird der mit der magnetisch-markierten Substanz beschichtete Zellträger mit der Zellsuspension
inkubiert. Die diffusionskontrollierte Markierung mit der magnetischen Substanz geht
mit der Immobilisierung der Zellen einher.
[0069] In einer dritten Variante der Verfahrensabfolge können die Schritte auch gleichzeitig
durchgeführt werden. Die verwendete Lösung muss zugleich Zellvitalität und Substanzstabilität
gewährleisten. Die Inkubationszeit ist verlängert, vorzugsweise verdoppelt. Diffusionsfördernde
Maßnahmen, wie z. B. Schütteln, Rühren oder Durchströmen, können sich jedoch auf die
Kopplungen der Schritte beschleunigend auswirken. Im Anschluss an die gemeinsame Inkubation
von Zellen, magnetisch-markierter Substanz und Zellträger werden ungebundene Bestandteile
in Waschschritten entfernt.
[0070] Bevorzugt ist die Inkubation der Zellen mit mindestens einer magnetisch-markierten
Substanz in Lösung, wodurch die entscheidende Selektion von Zellen, insbesondere einer
Subpopulation innerhalb einer Einzelzellsuspension, effizient im Volumen der Lösung
durchgeführt werden kann und die magnetische Anziehung zwischen Substanz-markierten
Zellen und Zellträger eine rasche Immobilisierung auf der Oberfläche gewährleistet.
[0071] Für eine gleichmäßige Verteilung der Zellen auf dem Zellträger ist es vorteilhaft,
den Prozess der Immobilisierung so durchzuführen, dass sich Zellen und Zellträger
in einer Lösung befinden, indem beispielsweise der Zellträger in die Zellsuspension
eingebracht wird, wie z. B. durch Eintauchen, Umspülen etc.
[0072] Die immobilisierten Zellen werden anschließend in einer geeigneten Nährlösung kultiviert,
bis eine gewünschte Zelldichte erreicht ist, oder zellspezifische Reaktionen eingeleitet
werden.
[0073] Voraussetzung für die Immobilisierung der Zellen im erfindungsgemäßen Verfahren ist,
dass der Zellträger zumindest bereichsweise mit magnetischen Eigenschaften versehen
wird. Die magnetischen Eigenschaften können inhärenter Bestandteil des Materials des
Zellträgers, was auch eine nachträgliche Modifikation des zunächst nicht-magnetischen
Materials einschließen soll, oder durch mindestens einen externen magnetischen Stoff
hervorgerufen sein. Im Fall der letztgenannten räumlichen Trennung wird der magnetische
Stoff im Sinne der Erfindung so platziert, dass der Zellträger zwischen der Zellsuspension
und dem magnetischen Stoff lokalisiert ist. Für die vorteilhafte Ausgestaltung des
Zellträgers als Flachmembran bedeutet das insbesondere die Integration des magnetischen
Stoffes in das Kulturgefäß und eine zweidimensionale Immobilisierung. In der vorteilhaften
Ausgestaltung des Zellträgers als Hohlfaser befindet sich der magnetische Stoff, wie
z. B. in Form eines Ringmagneten, im Inneren derselben. Das vom magnetischen Stoff
hervorgerufene Magnetfeld bedingt die Wanderung magnetisch-markierter Substanzen respektive
Substanz-markierter Zellen an die Oberfläche des Zellträgers und deren Immobilisierung.
[0074] Der Zellträger kann auch zumindest bereichsweise elektromagnetisch magnetisiert sein.
Dabei wird der Zellträger durch einen externen stromdurchflossenen Leiter entweder
selbst magnetisiert oder das Magnetfeld des Leiters, das sich über den Zellträger
erstreckt, wird als magnetische Eigenschaft des Zellträgers interpretiert. Des Weiteren
kann der Zellträger aus einem elektrisch-leitenden Material bestehen und im stromdurchflossenen
Zustand ein eigenes Magnetfeld aufbauen. Der Vorteil des Elektromagnetismus im vorliegenden
Verfahren besteht in der genauen Steuerung des Magnetfeldes und der Möglichkeit des
Abschaltens des Magnetfeldes. Die erfindungsgemäße magnetische Kopplung kann insbesondere
zur Initiation der Immobilisierung, gefolgt von einem adhärenten Zellwachstum, genutzt
werden, oder erlaubt das Ablösen der immobilisierten und ggf. kultivierten Zellen
oder höherer Zellschichten, was beispielsweise durch eine Umkehr der Stromrichtung
und damit eine Umpolung des Magnetfeldes unterstützt wird.
[0075] Bevorzugt wird im erfindungsgemäßen Verfahren mindestens ein magnetischer Stoff in
den Zellträger eingebracht. Die Modifikation des Zellträgers mit dem magnetischen
Stoff kann dabei aus einer Substanz- oder einer Oberflächenmodifizierung resultieren.
Im Fall der bevorzugten Substanzmodifikation wird beispielsweise ein Material für
die Herstellung des Zellträgers verwendet, welches einen entsprechenden magnetischen
Stoff aufweist oder welchem ein magnetischer Stoff zugemischt ist (Volumenmodifikation).
Die Generierung magnetischer Eigenschaften durch Volumen modifikation kann vorzugsweise
während des Herstellungsverfahrens, aber auch im Zuge einer nachträglichen Diffusion
erfolgen. Der magnetische Stoff liegt vorzugsweise als Partikel vor, die durch eine
geometrische Form und Größe charakterisiert sind, wobei es sich besonders bevorzugt
um kugelförmige Partikel handelt, ganz besonders bevorzugt um kugelförmige Partikel
mit einem Durchmesser von 0,01 µm bis 1 µm. Die Partikel werden beispielsweise im
Extrusionsverfahren einer Polymerschmelze beigemengt und beim Aushärten in einer statistischen
Verteilung in das polymere Material inkludiert. Sowohl die Verwendung magnetischer
oder magnetisierter, vorzugsweise ferromagnetischer Stoffe, als auch das Einbringen
magnetisierbarer Stoffe und die anschlie-βende Magnetisierung im Zellträger, entweder
durch ein externes Magnetfeld oder das Magnetfeld der magnetisch-markierten Substanzen,
sind denkbar. Es ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass das Material des gesamten
Zellträgers magnetisch ist.
[0076] Inhärente magnetische Eigenschaften des Zellträgers können auch durch eine nachträgliche
Oberflächenmodifizierung erzeugt werden. Hierbei wird die Oberfläche des Zellträgers
mit einer magnetischen Funktion ausgestattet. Zum einen kann eine kovalente Oberflächenfunktionalisierung
mit dem magnetischen Stoff selbst oder den magnetischen Stoff enthaltenen Verbindungen,
ggf. über einen Linker, durchgeführt werden, wie z. B. durch nasschemische Modifizierung
oder Pfropfung. Vorzugsweise werden Magnetic Beads über funktionalisierte Seitenketten,
deren Auswahl in Abhängigkeit vom Zellträger erfolgt, gebunden. Zum anderen ist eine
nicht-kovalente Oberflächenfunktionalisierung machbar, wie z. B. durch Chelat-Bindung
von magnetischen Stoffen, vorzugsweise ferromagnetischen Kationen, an entsprechende
Gruppen, wie z. B. Iminodiacetat, oder durch die Beschichtung des Zellträgers mit
einem magnetischen Stoff, vorzugsweise einer Legierung.
[0077] Denkbar ist aber auch die Verwendung eines Zellträgers, der sowohl substanz- als
auch oberflächenmagnetisiert ist.
[0078] Es ergeben sich vorliegend drei Varianten, die magnetischen Eigenschaften von Zellträger
und magnetisch-markierter Substanz zu kombinieren, wobei nachfolgend "magnetisch"
nur in seiner klassischen Definition im Sinne der Erfindung und nicht als Oberbegriff
zu betrachten ist: 1. Sowohl Zellträger als auch Substanz sind magnetisch markiert.
2. Der Zellträger ist magnetisch, während die Substanz magnetisierbar, paramagnetisch
oder superparamagnetisch markiert sind. 3. Der Zellträger ist magnetisierbar, paramagnetisch
oder superparamagnetisch, während die Substanz magnetisch markiert sind. Bevorzugt
ist die zweite Variante, um die gegenseitige Anziehung und Verklumpung von magnetisch-markierten
Substanzen zu unterbinden.
[0079] In einer Ausführungsform der vorliegenden Erfindung werden als magnetische Stoffe
keramische Oxidwerkstoffe in den Zellträger eingebracht, vorzugsweise Bariumoxid oder
Eisenoxid. In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung werden ein Metall der VIII.
Nebengruppe oder eine Legierung daraus in den Zellträger eingebracht, vorzugsweise
Eisen, Kobalt, Nickel, deren Legierungen untereinander oder deren Legierungen mit
Platin oder seltenen Erden, besonders bevorzugt Neodym-Eisen-Bor-Legierungen oder
Kobalt-Samarium-Legierungen.
[0080] In einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung wird der zumindest eine magnetische
Stoff in einem Muster in den Zellträger eingebracht. Diese magnetische Funktionalisierung
der Zellträgerstruktur ermöglicht, die Zellen in einem adäquaten Muster auf der Oberfläche
zu lokalisieren. Die gewünschten Zellen können damit in einem genau definiertem Abstand
auf der Oberfläche des Zellträgers immobilisiert werden. Insbesondere der Abstand
der Zellen ist entscheidend für das Wachstumsverhalten. Magnetische Muster im Zellträger
bedingen vorteilhaft, dass die Zellen nicht als Zellaggregate, sondern vorzugsweise
als Einzelzellen immobilisiert werden. Dadurch wird eine sehr gleichmäßige Immobilisierung
in einer zunächst lückenbehafteten Monoschicht erreicht. Die Monoschicht kann durch
nachfolgendes adhärentes Zellwachstum mittels einer Expression von Zelladhäsionsmolekülen,
wie z. B. E-Selectin und/oder ICAM-1, konfluent werden und in Polyschichten übergehen.
Die erzielte Zelldichte ist dabei vorzugsweise über den gesamten Zellträger konstant.
[0081] In einer besonders bevorzugten Ausführungsform der Erfindung wird das Muster als
Raster, Linien oder Spots ausgebildet. In einer ganz besonders bevorzugten Ausführungsform
der Erfindung wird das Muster in einer regelmäßigen Anordnung in den Zellträger eingebracht,
das heißt, das Muster wiederholt sich in räumlich konstanten Intervallen. Zur Erzeugung
der Muster sind beispielsweise magnetische Maschennetze denkbar. Der bevorzugte definierte
Abstand der immobilisierten Einzelzellen beträgt zwischen 10 µm und 200 µm, vorzugsweise
zwischen 50 µm und 100 µm.
[0082] Für die Ansiedlung von Zellen hat es sich zudem als vorteilhaft erwiesen, wenn der
Zellträger eine plastische Oberflächenstruktur aufweist, die beispielsweise durch
nachträgliche Prägung des Zellträgers oder bereits während des Herstellungsprozesses
des Zellträgers erzeugt werden kann.
[0083] In einer Ausführungsform der vorliegenden Erfindung wird als magnetisch-markierte
Substanz mindestens ein zell-spezifisches Molekül eingesetzt. Zell-spezifische Moleküle
ermöglichen die Selektion und Markierung einer bestimmten Zellpopulation mit definierten
Eigenschaften und damit die vorteilhafte Immobilisierung einer reinen Zellkultur.
Darüber hinaus können aber auch Co-Kulturen durch die Verwendung mehrerer zell-spezifischer
Moleküle oder eines zell-unspezifischen Moleküls immobilisiert werden, wobei die Verteilung
auf dem Zellträger statistisch erfolgt. Bevorzugt ist die Immobilisierung von reinen
Zellkulturen.
[0084] Unter "zell-spezifischen Molekülen" im Sinne der Erfindung versteht man hochaffine
Moleküle, vorzugsweise Proteine, Peptide, Nukleinsäuren, niedermolekulare Liganden
und andere Moleküle mit einer Affinität zu molekularen Zellbestandteilen.
[0085] Die Proteine und Peptide sind vorzugsweise ausgewählt aus der Gruppe der Antikörper,
Rezeptoren, Lektine, Avidine, Lipoproteine, Glycoproteine, Oligopeptide, Peptid-Liganden
und Peptid-Hormone. Besonders bevorzugt sind Antikörper, die beispielsweise an freien
NH
2-Gruppen mit Carboxy-terminierten, Epoxy-aktivierten oder Aldehyd-modifizierten Magnetic
Beads markiert werden können. Des Weiteren ist die Kopplung von Antikörpern an Amin-terminierte,
wie z. B. mit DADPA, oder Hydrazid-modifizierte Magnetic Beads realisierbar.
[0086] Als "Antikörper" wird ein Polypeptid bezeichnet, das durch ein Immunoglobulin-Gen
oder ein Fragment davon kodiert wird. Entsprechend der Erfindung können Antikörper
als intakte Immunoglobuline oder eine Anzahl gut charakterisierter Fragmente vorhanden
sein. Die Fragmente sind vorzugsweise ausgewählt aus der Gruppe der Fab-Fragmente,
Fc-Fragmente, Einzelstrang-Antikörper (scFv), variablen Regionen, konstanten Regionen,
H-Ketten (V
H) und L-Ketten (V
L), besonders bevorzugt aus den Fab-Fragmenten und scFv. Fragmente, wie z. B. Fab-Fragmente
und Fc-Fragmente, können durch Spaltung mit verschiedenen Peptidasen erhalten oder
rekombinant exprimiert werden, vorzugsweise scFv. Intakte polyklonale Antikörper können
in einem Säugetierorganismus gebildet werden, wenn das Antigen eine Immunreaktion
verursacht. Hierzu muss das Antigen dem Organismus fremd sein und ein Molekulargewicht
größer 3000 g/mol haben. Darüber hinaus sind gängige Techniken zur Erzeugung monoklonaler
Antikörper, wie die Hybridoma-Technologie, dem Fachmann bekannt.
[0087] Bevorzugte Nukleinsäuren im erfindungsgemäßen Verfahren sind einzelsträngige oder
doppelsträngige DNA oder RNA, Oligonukleotide, Aptamere oder Spiegelmere, besonders
bevorzugt sind Aptamere und Spiegelmere. Aptamere zeigen eine hohe Affinität für eine
große Vielfalt an so genannten Target-Molekülen, die Proteine, Peptide und kleine
Moleküle umfassen können, wie z. B. organische Farbstoffe, Nukleotide, Aminosäuren,
Vitamine, Alkaloide etc. Damit ist ein den Antikörpern vergleichbares Einsatzspektrum
gegeben. Insbesondere die 2'-Hydroxyl-Gruppe in RNA fördert eine Vielzahl von intra-
und intermolekularen Kontakten, wobei die letztgenannten Kontakte zwischen Molekülen
der gleichen Sequenz oder mit verschiedenen Sequenzen oder zwischen RNA und beliebigen
anderen Molekülen, die nicht aus RNA bestehen, auftreten können. Diese Nukleinsäure-Liganden
werden durch einen effizienten in-vitro Selektionsprozess identifiziert, der als SELEX
(Systematic Evolution of Ligands by Exponential Enrichment) bezeichnet wird. Aufgrund
der Sensibilität von RNA gegenüber einem nukleolytischen Abbau in biologischen Lösungen
werden RNA-Aptamere insbesondere modifiziert, wie z. B. mit Phosphorothioaten oder
als Spiegelmere, synthetisiert und eingesetzt. Spiegelmere, das heißt die L-RNA-Konformation
der Aptamere, widerstehen einer natürlichen Degradation über lange Zeiträume.
[0088] Aptamere können durch Phosphoramidit-Chemie synthetisiert werden. Außerdem ist es
möglich, längere Aptamere mit beispielsweise mehr als 30 Nukleotiden durch in-vitro
Transkription kostengünstig und in großen Ausbeuten herzustellen. Selektion, Synthese
und Aufreinigung von Aptameren sind dem Fachmann bekannt.
[0089] Aptamere können an Magnetic Beads gebunden werden, die z. B. Carboxy-terminierte
oder Epoxy-aktivierte Seitenketten tragen. Des Weiteren ist eine Kopplung von Magnetic
Beads an die Ribose bzw. Desoxyribose der Aptamere, wie z. B. über eine Hydrazon-Bindung,
möglich.
[0090] Biotin, Biotin-Derivate und Steroide stellen bevorzugte Beispiele für niedermolekulare
Liganden im erfindungsgemäßen Verfahren dar.
[0091] Resultierende Ligand-Akzeptor-Komplexe aus spezifischer Substanz und molekularem
Zellbestandteil sind vorzugsweise Antikörper und Antigen, Aptamer und Target, sowie
Oligonukleotid und Plasmid-DNA.
[0092] Erfindungsgemäß kann die Markierung der Zellen auch unspezifisch erfolgen, wobei
entweder von einer Reinkultur der Einzelzellsuspension ausgegangen wird oder die Immobilisierung
einer Mischkultur gewollt ist. Beispielsweise können Magnetic Beads über vorhandene
funktionalisierte Seitenketten kovalent an Oberflächenstrukturen von Zellen gekoppelt
werden.
[0093] Als weitere unspezifische Methode der Zellmarkierung kann eine magnetisch-markierte
Substanz in Zellen eingeschlossen werden. Die Aufnahme kann beispielsweise durch Beschuss
der Zellen mit Magnetpartikeln geschehen, vorzugsweise mit paramagnetischen oder superparamagnetischen
Stoffen, die auch umhüllt sein können (wie z. B. Magnetic Beads). Als Nanopartikel
sind so genannte Quantenpunkte (Quantum Dots) für die Inkorporation in Zellen durch
Beschuss prädestiniert, deren sphärische Kristalle aus Halbleitermaterialien im Größenbereich
von 5 nm bis 100 nm liegen. Die geringe Größe erfordert ein starkes Magnetfeld. Weiterhin
kann die Inkorporation von magnetischen Stoffen im Sinne der Erfindung durch Endocytose
initiiert werden, wobei die Umhüllung fester Magnetpartikel mit einer Erkennungsstruktur
essentiell ist, welche die partikuläre Aufnahme in die Zelle (Phagocytose) fördert.
Ähnliches gilt für die Pinocytose. Darüber hinaus ist die Transformation von magnetisch-markierten
Plasmiden oder Oligonukleotiden, die mit Magnetic Beads gekoppelt sind, denkbar. Die
skizzierten Methoden der unspezifischen Aufnahme von Partikeln in Zellen sind dem
Fachmann bekannt.
[0094] Die Substanz-markierten Zellen werden im erfindungsgemäßen Verfahren vorzugsweise
auf Zellträgern immobilisiert, die als Polymerflachmembran, Polymerhohlfaser oder
Polymerpartikeln ausgebildet sind. Die zugrunde liegenden Polymere können aus Polysulfon,
Polyethersulfon (PES), Polysulfonpolyvinylpyrollidinon, Polyamid, Acrylnitril, Polyacrylnitril,
Polyetherimid, Polylactid, Polyglycogen, Polypeptid oder Derivaten davon bestehen,
vorzugsweise aus Polyethersulfon. Die synthetischen Polymere sind unkompliziert in
Massenproduktion zu fertigen und können für spezifische Anwendungen modifiziert werden.
Die Mehrzahl dieser Polymere zeichnet sich ebenfalls dadurch aus, dass sie biologisch,
insbesondere enzymatisch, nicht resorbierbar sind.
[0095] In einer bevorzugten Ausführungsform der vorliegenden Erfindung werden die Zellen
auf Polymerhohlfasern aus Polyethersulfon immobilisiert. Polyethersulfonfasern können
beispielsweise als kontinuierliche Hohlfäden um einen Zylinder gewickelt werden, mit
einem inneren Durchmesser (Hohlkern) von ca. 1 mm. Die Porendurchmesser liegen bei
etwa 100 nm oder weniger. Das dreidimensionale Gerüst aus Polyethersulfon bietet hervorragende
Voraussetzungen, um Zellen zu immobilisieren und zu kultivieren.
[0096] Das erfindungsgemäße Verfahren eignet sich zur Immobilisierung einer Vielzahl von
Zellen und Zelllinien verschiedener Gewebe und Zelltypen, wie z. B. Endothelzellen,
Epithelzellen, Glialzellen, Osteoblasten, Hautzellen, Leberzellen oder Nierenzellen.
Die Zellen können anhand spezifischer Markermoleküle gezielt mit magnetisch-markierten
Substanzen aus Zellsuspensionen gefischt und fixiert werden. Deren anschließendes
Wachstum ist insbesondere in Perfusionskulturen erwünscht, die sich durch eine kontrollierte
Versorgung der Zellen mit Nährstoffen und Sauerstoff auszeichnen. Hierfür ist sowohl
eine feste Haftung der Zellen innerhalb des durchströmten Bioreaktors, die ein Auswaschen
verhindert, als auch eine minimale Zellkontaktfläche, die Stoffwechselvorgänge und
Stofftransport wenig beeinflusst, nötig. Diesen Anforderungen wird die magnetische
Kopplung der vorliegenden Erfindung gerecht, wobei die Zellen vorzugsweise auf Hohlfasern
im Perfusionsreaktor fixiert werden. Darüber hinaus können mit dem bereitgestellten
Verfahren auch schwierig an Träger zu koppelnde Zellen immobilisiert werden. Insbesondere
Endothelzellen zeigen eine schlechte Adhäsion und Verbreitung auf Hohlfasern, die
aus den gleichen Polymersystemen, die zur Formierung von Polymerflachmembranen eingesetzt
werden, bestehen.
[0097] In einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung werden Hautzellen immobilisiert,
vorzugsweise Keratinozyten, Melanozyten, Merkelzellen, Endothelzellen und/oder Fibroblasten,
besonders bevorzugt Keratinozyten, Fibroblasten und/oder mikrovaskuläre Endothelzellen.
Das erfindungsgemäße Verfahren bildet nunmehr die Grundlage für die Erzeugung von
mehrschichtigen, höheren Hautstrukturen, die als Hauttransplantate oder als Hautsubstitute
für dermatologische und pharmakologische Testreihen eingesetzt werden können. Hierfür
wird beispielsweise eine Subpopulation Keratinozyten durch magnetische Kopplung selektiv
und fest an den Zellträger immobilisiert und bis zu einem konfluenten Zustand der
Zellen, d. h. einer geschlossene Zellschicht, kultiviert. Dem schließt sich die Stratifizierung
der Keratinozyten zu einer neoepidermalen Struktur an. Bevorzugt ist die Kultivierung
der Hautzellen in dreidimensionalen Gerüststrukturen, besonders bevorzugt Hohlfasern,
in einer so genannten organotypischen Zellkultur, die die in-vivo Situation widerspiegelt.
Innerhalb der Hohlfasern können insbesondere Fibroblasten, vorzugsweise humanen Ursprungs,
und/oder mikrovaskuläre Endothelzellen immobilisiert werden, wobei eine Co-Immobilisierung
für die Vaskularisation der dermalen Struktur bevorzugt ist.
[0098] In einer anderen bevorzugten Ausführungsform der vorliegenden Erfindung werden Stammzellen
oder Progenitorzellen immobilisiert. Die Subpopulation an Stammzellen und/oder Progenitorzellen
in einer Gewebeprobe ist sehr gering. Während in herkömmlichen Immobilisierungsverfahren
die Begegnung der Zelle mit dem Zellträger dem Zufall überlassen und damit bei geringer
Dichte der Zielzellen die Kontaktierung mit dem Zellträger zeitaufwendig ist, übt
das Magnetfeld im vorliegenden Verfahren eine gerichtete Kraft auf Substanz-markierte
Zellen aus. Spezifische Markermoleküle, wie z. B. Oberflächenproteine, machen Stammzellen
oder Progenitorzellen für die magnetisch-markierten Substanzen erkenntlich. Daher
ist es möglich, viele Zellen innerhalb kurzer Zeit auf dem Zellträger zu immobilisieren.
Zellstress und suboptimale Kultivierungsbedingungen während der Immobilisierung werden
auf ein Minimum reduziert. Nachfolgend können zügig zellspezifische Reaktionen eingeleitet
werden, von denen insbesondere die Differenzierung erwähnt sei. Sie ermöglicht die
Erzeugung spezifischer Zellschichten oder Organstrukturen, vorzugsweise oben genannter
Hautstrukturen. In einer besonders bevorzugten Ausführungsform der Erfindung werden
deshalb als adulte Stammzellen in der Basalschicht befindliche Keratinozyten an dem
Zellträger immobilisiert.
[0099] In einer weiteren Ausgestaltung der Erfindung werden Zellen einer Einzelzellsuspension,
einer Subpopulation der Einzelzellsuspension oder eines Zellverbandes gekoppelt, vorzugsweise
embryoide Körper.
[0100] Embryonale Stammzellen (ES-Zellen) können in Anwesenheit des "cytokine leukemia inhibiting
factor" (LIF) in einem undifferenzierten Stadium gehalten werden. Unter "embryoiden
Körpern" versteht man Strukturen, die in einem ersten Aggregationsschritt aus ES-Zellen,
die das undifferenzierte Stadium verlassen, geformt werden und sich unter geeigneten
Bedingungen zum reifen embryonalen Gewebe ausdifferenzieren. Hierzu werden die Zellen
in einer Suspensionskultur in Spinnerkulturgefäßen kultiviert.
[0101] Gegenstand der Erfindung ist auch eine Hybridstruktur, die
(a) einen zumindest bereichsweise magnetischen Zellträger,
(b) zumindest eine an einer Oberfläche des Zellträgers gekoppelte magnetisch-markierte
Substanz, und
(c) an die zumindest eine magnetisch-markierte Substanz gekoppelte Zellen
umfasst.
[0102] In noch einer weiteren Ausgestaltung des erfindungsgemäßen Verfahrens wird die Dichte
der Zellstruktur durch die Messung des transzellulären Widerstands über die Hohlfasermembran
in einer Messzelle kontrolliert, wobei die Messzelle aus einer Gegenelektrode im Lumen
der Hohlfasermembran und einer Ringblechelektrode im Außenbereich der Hohlfasermembran,
die beide mit einem Widerstandsmessgerät verbunden sind, und Elektrolytlösung im Lumen
und Außenbereich besteht. Die Messung des transzellulären Widerstands basiert auf
dem Vergleich der Widerstandsmesswerte der juvenilen Hohlfasermembran und der Widerstandswerte
der mit Zellen besiedelten Hohlfasermembran. Dank der Elektrodenanordnung erfolgt
die Widerstandsmessung in einem wohldefinierten zentralsymmetrischen Feld. Die Messung
zeichnet sich durch eine hohe Genauigkeit aus, so dass die Reifung des Hautgewebes
optimal kontrolliert und standardisiert werden kann.
[0103] Gegenstand der Erfindung ist auch eine organotypische Hybridstruktur, die nach einem
Verfahren erzeugt ist, das nachfolgende Schritten umfasst:
(a) Immobilisierung von zumindest einem ersten Zelltyp auf einer Hohlfasermembran,
und
(b) Kultivierung des zumindest einen ersten Zelltyps in dynamischer Kultur über eine
erste Kultivierungsdauer zu einer mehrschichtigen organotypischen Hybridstruktur der
Haut.
[0104] Die vorherige Lehre des erfindungsgemäßen Verfahrens und deren Ausführungsformen
sind gültig und ohne Einschränkungen auf die organotypische Hybridstruktur der Haut
anwendbar, sofern es sinnvoll erscheint.
[0105] Ein weiterer Gegenstand der Erfindung ist eine organotypische Hybridstruktur, umfassend
(a) eine Hohlfasermembran mit einer innen liegenden Oberfläche und einer außen liegenden
Oberfläche, und
(b) eine zumindest auf der außen liegenden Oberfläche angeordnete mehrschichtige Gewebestruktur
aus zumindest einem ersten Zelltyp.
[0106] In einer Ausgestaltung der organotypischen Hybridstruktur weist die Gewebestruktur
eine epidermale Struktur aus Keratinozyten als ersten Zelltyp auf. In einer weiteren
Ausgestaltung der organotypischen Hybridstruktur enthält die Gewebestruktur zumindest
einen zweiten Zelltyp und optional zumindest einen weiteren Zelltyp. In einer bevorzugten
Ausgestaltung der organotypischen Hybridstruktur weist die Gewebestruktur eine dermale
Struktur aus Fibroblasten als zweiten Zelltyp auf, wobei die dermale Struktur zwischen
der außen liegenden Oberfläche und der epidermalen Struktur angeordnet ist. In einer
anderen bevorzugten Ausgestaltung der organotypischen Hybridstruktur weist die Gewebestruktur
eine endotheliale Struktur aus Endothelzellen als weiteren Zelltyp auf, wobei die
endotheliale Struktur auf der innen liegenden Oberfläche angeordnet ist.
[0107] Noch ein weiterer Gegenstand der Erfindung ist die Verwendung der organotypischen
Hybridstruktur für in-vitro Toxizitätstests. Das vorliegende Hautäquivalent kann international
standardisierte Tierversuche, die nach den Vorschriften der EU und den Prüfmethoden
der OECD durchgeführt werden, vollständig ersetzen. Insbesondere kann die erfindungsgemäße
Hybridstruktur der Haut der im Februar 2003 in Kraft getretenen 7. Änderungsrichtlinie
zur Kosmetikrichtlinie von 1976 genügen, die in einzelnen Schritten zu einem Verbot
der Vermarktung von Kosmetika führen soll, deren Inhaltsstoffe in Tierversuchen geprüft
wurden. Darüber hinaus ist selbstverständlich der Austausch schlechterer in-vitro
Hautmodelle, wie sie bereits in einfachen und schnellen in-vitro Prüfungen Anwendung
finden, gegeben, da sich mit dem vorliegenden Hautäquivalent die Möglichkeit eröffnet,
komplexe physiologische Prozesse zu analysieren. Die Hybridstruktur kann auch bei
Substanztests in der Pharma-und Biotechnologieindustrie eingesetzt werden.
[0108] Der Test wird im Bioreaktor durchgeführt, in dem das Hautäquivalent der zu untersuchenden
Substanz ausgesetzt ist. Die Substanz kann dabei dem gesamten Flüssigmedium oder im
Fall der Kompartimentierung des Bioreaktors nur einem Teil des Mediums, das heißt
entweder Flüssigmedium 1 oder Flüssigmedium 2, in einer geeigneten Konzentration zugegeben
werden. Nach einer Substanz-spezifischen Einwirkzeit, die insbesondere zwischen drei
Minuten und vier Stunden liegt, wird das Hautäquivalent mit Medium gewaschen und sein
Zustand mit entsprechenden Assays erfasst, wie z. B. Lebensfähigkeitsassays. Veränderungen
in der Histologie, Freisetzung von Cytokinen oder der Genregulation können ebenfalls
festgehalten werden. Der parallele Ansatz von Kontrollen ist in allen Fällen unerlässlich.
Ein Beispiel für einen Assay zur Bestimmung der Lebensfähigkeit von Geweben ist MTT
ET-50, der auf der Reduktion einer gelben Tetrazolium-Verbindung (MTT) zu einem unlöslichem,
violetten Formazon-Produkt durch die Mitochondrien lebender Zellen basiert. Die Hybridstruktur
wird für mehrere Stunden mit MTT inkubiert, die Zellen lysiert und die Farbintensität,
die der Zellvitalität proportional ist, bei 570 nm erfasst. ET-50 bezieht sich hierbei
auf die Einwirkungszeit einer Testsubstanz, innerhalb der Lebensfähigkeit eines Gewebes
um 50 % reduziert wird. Geeignete Verfahren zur Verabreichung der Testsubstanzen als
auch zur Analyse ihrer Wirkungen auf Hautäquivalente sind dem Fachmann insbesondere
aus standardisierten Protokollen, wie z. B. jenen der ICCVAM, bekannt.
[0109] Die Erfindung bezieht sich ferner auf die Verwendung der organotypischen Hybridstruktur
für den Hautersatz. Ein weiterer Aspekt der Erfindung betrifft die Verwendung der
organotypischen Hybridstruktur für Messungen des Stofftransports über eine endotheliale
Barriere. Noch ein weiterer Aspekt der Erfindung betrifft die Verwendung der organotypischen
Hybridstruktur für Messungen von Blutzellen/Endothel-Interaktionen. Die organotypische
Hybridstruktur kann ebenfalls für Untersuchungen von Angiogeneseprozessen verwendet
werden.
[0110] Es versteht sich, dass diese Erfindung nicht auf die spezifischen Methoden, Zusammensetzungen
und Bedingungen beschränkt ist, wie sie hierin beschrieben sind, da solche Dinge variieren
können. Es versteht sich des Weiteren, dass die vorliegend verwendete Terminologie
ausschließlich dem Zweck der Beschreibung besonderer Ausführungsformen dient und nicht
den Schutzumfang der Erfindung einschränken soll. Wie vorliegend in der Spezifikation
einschließlich der anhängigen Ansprüche verwendet, schließen Wortformen im Singular,
wie z. B. "ein", "eine", "einer", "der" oder "das" die Entsprechung im Plural ein,
sofern der Kontext nicht eindeutig etwas anderes vorgibt. Beispielsweise enthält der
Bezug auf "eine Hohlfasermembran" eine einzelne oder mehrere Hohlfasermembranen, die
wiederum identisch oder verschieden sein können, oder der Bezug auf "ein Verfahren"
schließt äquivalente Schritte und Verfahren ein, die dem Fachmann bekannt sind.
[0111] Die Erfindung wird nachfolgend in Ausführungsbeispielen anhand der zugehörigen Zeichnungen
näher erläutert. Es zeigen:
- Figur 1
- eine Immobilisierung von Zellen an einen Zellträger gemäß einer ersten Ausgestaltung
der Erfindung;
- Figur 2
- eine Immobilisierung von Zellen an einen Zellträger gemäß einer zweiten Ausgestaltung
der Erfindung;
- Figur 3
- einen Bioreaktor zur Erzeugung einer Hybridstruktur der Haut;
- Figur 4
- verschiedene Hybridstrukturen der Haut auf einer Hohlfasermembran, und
- Figur 5
- eine Messung des transepithelialen Widerstands.
[0112] In den Figuren 1 und 2 sind mit 10 Zellen bezeichnet, die auf ihren Zelloberflächen
Oberflächenproteine 12 aufweisen. Bei den Zellen 10 handelt es sich beispielsweise
um Hautzellen, insbesondere um eine Einzelzellsuspension von Epithelzellen. Die Zellen
10 werden in einem ersten Schritt mit einer insgesamt mit 14 bezeichneten magnetisch-markierten
Substanz in Kontakt gebracht, insbesondere in einem äquimolaren Verhältnis. Die Zellen
10 befinden sich z. B. in physiologischer Kochsalzlösung, während die magnetisch-markierte
Substanz 14 in einem Phosphat-Puffer mit Magnesium-lonen und Glycerin vorliegt. Die
magnetisch-markierte Substanz 14 weist einen Grundkörper 16 auf, hier ein mit dem
Oberflächenprotein 12 spezifisch reagierender Antikörper 16, sowie eine magnetische
Markierung 18. Beispielsweise ist der Antikörper 16 über eine Hydrazon-Bindung mit
einem eine Magnetit-Füllung aufweisenden Magnetic Bead als magnetische Markierung
18 magnetisch markiert. Die Spezifität des Antikörpers 16, bei dem es sich insbesondere
um einen monoklonalen Antikörper handelt, führt zu einer selektiven Bindung der Epithelzellen
aus der Zellsuspension.
[0113] In einem zweiten Schritt werden die mit den Antikörpern 16 markierten Zellen 10 an
einen Zellträger 20 gekoppelt. Im Beispiel der Figur 1 handelt es sich um eine Polymerhohlfaser
22 aus Polyethersulfon, in die ein magnetischer Stoff 24 eingebracht ist. Der magnetische
Stoff 24 ist dabei bereichsweise in Form von Partikeln während der Herstellung der
Hohlfaser 22 in selbige integriert worden. Die Partikel sind vorliegend aus Eisenoxid
und weisen ein gleichmäßiges Linienmuster auf. Durch das permanente Magnetfeld der
Eisenoxid-Partikel werden die Magnetic Beads angezogen, die sich an den Antikörper-markierten
Epithelzellen befinden. Die Kopplung der Magnetic Beads an die magnetischen Partikel
der Polymerhohlfaser 22 bewirkt die Immobilisierung der Zellen 10 in einem definierten
Abstand, der durch den Partikelabstand determiniert ist. Abschließend werden sowohl
nicht-markierte Zellen als auch überschüssige Antikörper 16 in Waschschritten entfernt
und die immobilisierten Zellen 10 kultiviert.
[0114] Im Beispiel der Figur 2 handelt es sich um eine Polymerhohlfaser 22, in deren Hohlraum
ein Ringmagnet 26 eingeführt ist. Der Ringmagnet 26 ist als Dauermagnet aus Eisen
ausgeführt und ruft ein gleichmäßiges Magnetfeld hervor, das eine Anziehung auf die
Magnetic Beads an den Antikörper-markierten Zellen 10 ausübt. Die Immobilisierung
erfolgt vorliegend in zufälligen Abständen. Im Verlauf einer Kultivierung der Zellen
10 ist auch ein adhärentes Wachstum auf der Polymerhohlfaser 22 gegeben, so dass der
Ringmagnet 26 aus der Hohlfaser entnommen werden kann. Besteht die Hohlfaser 22 beispielsweise
aus Polyglycogen als resorbierbares Material kann die erzeugte epidermale Hybridstruktur
als Hautersatz verwendet werden.
[0115] Das zentrale Element des Versuchsaufbaus in Figur 3 stellt der Bioreaktor 50 dar.
Er ist mit porösen Hohlfasermembranen 20 durchzogen. Hierdurch wird eine Kompartimentierung
des Bioreaktors 50 in zwei Bereiche erzielt, indem der Gewebeträger den Bioreaktor
50 in ein luminales Kompartiment (vorliegend Lumen 28 genannt), und ein basales Kompartiment
(vorliegend Außenbereich 30 genannt) teilt. Sie stehen ausschließlich über die Poren
der Hohlfasermembran 20 miteinander in Verbindung. Das Material der Hohlfasermembran
20 ist aus Polyethersulfon und weist eine durchschnittliche Porengröße von 0,5 µm
auf. Das Lumen 28 und der Außenbereich 30 werden getrennt mit Flüssigmedium 2 (58)
bzw. Flüssigmedium 1 (56) durchströmt, die vorliegend eine identische Zusammensetzung
aufweisen, da sie aus der gleichen Medienvorlage 70 stammen. Als Flüssigmedium wird
ein kommerzielles Basalmedium, wie z. B. M199 oder DMEM, verwendet, das mit FCS angereichert
ist und außerdem Antibiotika, wie z. B. Penicillin und Streptomycin, enthält. Die
Medienvorlage 70 ist mit einer Temperaturregelung TIRC 80 ausgestattet. Das in der
Medienvorlage 70 befindliche Flüssigmedium wird durch Zuluft 74 mit Sauerstoff angereichert.
Gleichzeitig wird die ungenutzte Abluft 76 an anderer Stelle aus der Medienvorlage
70 abgeführt. In der Animpfvorlage 68 befindet sich zumindest ein erster Zelltyp 10
in einer geeigneten Nährlösung, die hier dem Medien in der Medienvorlage 70 entspricht.
Beim ersten Zelltyp 10 handelt es sich beispielsweise um Keratinozyten.
[0116] Der Bioreaktor 50 kann durch entsprechende Ventilstellung von V1 86 entweder mit
Animpflösung aus der Animpfvorlage 68 oder mit Nährlösung aus der Medienvorlage 70
beaufschlagt werden. Während des Animpfvorgangs sollten die Dreiwegeventile V1 86
und V2 88 so geschaltet sein, dass ausschließlich Animpflösung aus der Animpfvorlage
68 über den Zulauf 52 in den Außenbereich 30 der Hohlfasermembran 20 gelangt. Es hat
sich als zweckmäßig erwiesen, einen Teil oder auch den gesamten basalen Ablauf 54b
in die Animpfvorlage 68 zurückzuführen. Hierzu sind die entsprechenden Ventilstellungen
an den Dreiwegeventilen V3 90, V4 92 und V5 94 vorzunehmen. Vor der Animpfung sollte
das Lumen 28 bereits mit Nährlösung aus der Medienvorlage 70 befüllt worden sein.
Die Keratinozyten werden auf der außen magnetisch-funktionalisierten Oberfläche der
Hohlfasermembran 20 in Anlehnung an Figur 1 immobilisiert. Die magnetisch-markierte
Substanz 14 liegt hierbei zusammen mit den Zellen 10 im Medium der Animpfvorlage 68
vor. Die Immobilisierung kann sowohl im Batch-Verfahren als auch kontinuierlich erfolgen.
Verbrauchtes Medium und nicht immobilisierte Zellen 10 werden als Ablauf 54 aus dem
Bioreaktor 50 entfernt. Durch den Betrieb des Bioreaktors 50 im Kreislauf wird eine
bessere Verstoffwechslung der einzelnen Medienbestandteile und eine dichtere Immobilisierung
der Zellen 10 auf der Hohlfasermembran 20 erreicht. Nach erfolgter Immobilisierung
wird die Animpfvorlage 68 abgeschaltet und der Bioreaktor 50 ausschließlich mit Medium
aus der Medienvorlage 70 beschickt.
[0117] Durch entsprechende Ventilstellung von V1 86 und V2 88 wird Medium aus der Medienvorlage
70 ausschließlich in das Lumen 28 gefördert. Störende Luftblasen können mit der Blasenfalle
66 dem Medium entzogen werden. Für den weiteren Betrieb kann das unverbrauchte Nährmedium
aus dem luminalem Ablauf 54a zurück in die Medienvorlage 70 gefördert werden (geschlossenes
System) oder in der Abfallvorlage 72 gesammelt und anschließend verworfen werden (offenes
System). Die Keratinozyten metabolisieren Bestandteile des Mediums und wachsen zu
einer konfluenten Zellschicht. Am Ablauf 54 wird das Medium kontinuierlich in die
Abfallvorlage 72 überführt oder wie oben beschrieben über eine entsprechende Ventilsteuerung
im Kreislauf gefahren. Zur Stratifizierung der Keratinozyten kann die Animpfvorlage
68 wieder zugeschaltet werden. Die einzelnen Bereiche im Versuchsaufbau sind an geeigneten
Stellen mit Möglichkeiten der Probenahme (Probenahme 1 [62] und Probenahme 2 [64])
sowie Mess- und Regeltechnik versehen. Hervorzuheben sind die online Überwachung von
Sauerstoff (QIR pO
2 82) und Kohlendioxid (QIR pCO
2 84) in der flüssigen Phase, um zeitnahe Informationen über den metabolischen Zustand
der Zellen 10 zu gewinnen. Druckverluste über die Verfahrensstrecke werden mittels
PIR 78 in den beiden Kompartimenten gemessen. Hiermit lassen sich frühzeitig Aussagen
hinsichtlich der Strömungsbedingungen im Bioreaktor 50 machen, die Verstopfungen lokalisieren
oder die Berechnung von Scherkräften und Fließgeschwindigkeiten erlauben.
[0118] Die Hybridstrukturen 34 der Figur 4 beinhalten eine zunehmende Komplexität von der
epidermalen Struktur 36 (I), über die epidermale 36 und dermale Struktur 38 (II) bis
hin zur epidermalen 36, dermalen 38 und endothelialen Struktur 40 (III). Keratinozyten
werden zunächst in Anlehnung an Figur 1 auf der äußeren Oberfläche 23a der Hohlfasermembran
20 magnetisch immobilisiert und in Anlehnung an Figur 3 zu einer konfluenten Zellschicht
kultiviert (IA). Anschließend wird das Flüssigmedium 1 (56) komplett aus dem Bereich
zwischen der Innenwand des Bioreaktors 50 und der Außenwand 23a der Hohlfasermembran
20 abgelassen und durch eine Gasphase 60 ersetzt. Im Zuge der kontrollierten Begasung
mit einer definierten Sauerstoff/Kohlendioxid-Mischung wird die Stratifizierung der
Keratinozyten initiiert, so dass eine organotypische epidermale Struktur 36 aus mehreren
Schichten erzeugt wird (IB). Im folgenden Schritt wird das Lumen 28 der Hohlfasermembran
20 mit Fibroblasten als zweitem Zelltyp 32 in einem Flüssigmedium 2 (58) beimpft.
Die Fibroblasten wachsen adhärent auf der innen liegenden Oberfläche 23b der Hohlfasermembran
20 zu einer dermalen Struktur 38 (IIA). Alternativ werden die epidermale 36 und dermale
Struktur 38 nacheinander im selben Kompartiment des Bioreaktors 50 generiert, so dass
insbesondere deren Ablösung von der Hohlfasermembran 20 und Verwendung als Hautersatz
vereinfacht ist. Dazu werden zunächst Fibroblasten entsprechend Figur 4 IA immobilisiert
und konfluent kultiviert. Im Anschluss werden Keratinozyten auf der erhaltenen dermalen
Struktur 38 durch adhärentes Wachstum angesiedelt und analog Figur 4 IB zur epidermalen
Struktur 36 stratifiziert (IIB). Ausgehend von letztgenannter Hybridstruktur 34 der
Figur 4 IIB wird danach das Anwachsen von Endothelzellen auf der innen liegenden Oberfläche
23b der Hohlfasermembran 20 analog zu Figur 4 IIA induziert, um beispielsweise Angiogeneseprozesse
zu simulieren (III).
[0119] Zur Messung des transzellulären Widerstands, wie sie in Figur 5 dargestellt ist,
wird eine Messzelle axialsymmetrisch ähnlich dem Bioreaktor 50 (siehe Figur 3) angeordnet.
Die Innenwand der Messzelle wird als Ringblechelektrode 44 aus Platin ausgeführt.
Als Gegenelektrode 42 wird ein Draht, der hier ebenfalls aus Platin besteht, in das
Lumen 28 der Hohlfasermembran 20 eingeführt. Bei der Hohlfasermembran 20 handelt es
sich im Beispiel um eine Polymerhohlfaser 22 aus Polyethersulfon. Beide Elektroden
sind über einen Stromkreis mit einer nicht dargestellten Spannungsquelle, die hier
auf Wechselstrom basiert, und mit einem Widerstandsmessgerät 46, das ebenfalls mit
Wechselstrom arbeitet, verbunden. Die Räume zwischen der Ringblechelektrode 44 und
der Außenwand 23a der Hohlfasermembran 20, das heißt der Außenbereich 30, sowie zwischen
der Gegenelektrode 42 und der Innenwand 23b der Hohlfasermembran 20, das heißt das
Lumen 28, werden mit Elektrolytlösung 48 durchströmt. Entsprechend dem erfindungsgemäßen
Verfahren wird eine Reinkultur von Keratinozyten immobilisiert, kultiviert und stratifiziert.
Durch Vergleich der Widerstandsmesswerte der juvenilen Hohlfasermembran 20 mit jenen
Werten der mit Zellen besiedelten Hohlfasermembran 20, die sich auch in einer aufgenommenen
zellspezifischen Eichkurve wiederfinden, wird auf die Anzahl der Polyschichten und
die Dicke der Hybridstruktur 34 geschlossen. Die Stratifizierung wird bis zur gewünschten
epidermalen Struktur 36 durchgeführt und dann gestoppt.
BEZUGSZEICHENLISTE
[0120]
- 10
- Zelltyp / Zelle
- 12
- Oberflächenprotein
- 14
- magnetisch-markierte Substanz
- 16
- Grundkörper / Antikörper
- 18
- magnetischer Körper
- 20
- Hohlfasermembran / Zellträger
- 22
- Polymerhohlfaser
- 23a
- außen liegende Oberfläche Hohlfasermembran
- 23b
- innen liegende Oberfläche Hohlfasermembran
- 24
- magnetischer Stoff
- 26
- Ringmagnet
- 28
- Lumen Hohlfasermembran
- 30
- Außenbereich Hohlfasermembran
- 32
- zweiter Zelltyp
- 34
- Hybridstruktur
- 36
- epidermale Struktur
- 38
- dermale Struktur
- 40
- endotheliale Struktur
- 42
- Gegenelektrode
- 44
- Ringblechelektrode
- 46
- Widerstandsmessgerät
- 48
- Elektrolytlösung
- 50
- Bioreaktor
- 52
- Zulauf
- 54a
- luminaler Ablauf
- 54b
- basaler Ablauf
- 56
- Flüssigmedium 1
- 58
- Flüssigmedium 2
- 60
- Gasphase
- 62
- Probenahme 1
- 64
- Probenahme 2
- 66
- Blasenfalle
- 68
- Animpfvorlage
- 70
- Medienvorlage
- 72
- Abfallvorlage
- 74
- Zuluft
- 76
- Abluft
- 78
- PIR (Pressure Indicate Register)
- 80
- TIRC (Temperature Indicate Register Control)
- 82
- QIR (Analysewert Indicate Register) pO2
- 84
- QIR (Analysewert Indicate Register) pCO2
- 86
- Dreiwegeventil V1
- 88
- Dreiwegeventil V2
- 90
- Dreiwegeventil V3
- 92
- Dreiwegeventil V4
- 94
- Dreiwegeventil V5
1. Verfahren zur Erzeugung einer organotypischen Hybridstruktur (34) der Haut mit den
Schritten:
(a) Immobilisierung von zumindest einem ersten Zelltyp (10) auf einer Hohlfasermembran
(20), und
(b) Kultivierung des zumindest einen ersten Zelltyps (10) in dynamischer Kultur über
eine erste Kultivierungsdauer zu einer mehrschichtigen organotypischen Gewebestruktur
der Haut.
2. Verfahren nach Anspruch 1,
dadurch gekennzeichnet, dass
sich nach Schritt (b) weitere Schritte anschließen:
(c) Immobilisierung von zumindest einem zweiten Zelltyp (32) auf der Hybridstruktur
(34) und/oder auf der Hohlfasermembran (20),
(d) Kultivierung des zumindest einen zweiten Zelltyps (32) in dynamischer Kultur über
eine zweite Kultivierungsdauer, und optional
(e) Wiederholung der Schritte (c) und (d) mit zumindest einem weiteren Zelltyp.
3. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
sich nach Schritt (b), (d) und/oder (e) ein weiterer Schritt anschließt:
(f) Kultivierung der Hybridstruktur (34) in dynamischer Kultur über eine dritte Kultivierungsdauer.
4. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
als der zumindest eine erste Zelltyp (10), als der zumindest eine zweite Zelltyp (32)
und/oder als der zumindest eine weitere Zelltyp eine adulte Stammzelle, Progenitorzelle
und/oder ein ausdifferenzierter Hautzelltyp immobilisiert werden, vorzugsweise basale
Keratinozyten, Keratinozyten und/oder Fibroblasten, besonders bevorzugt basale Keratinozyten
und/oder Keratinozyten.
5. Verfahren nach Anspruch 4,
dadurch gekennzeichnet, dass
die adulte Stammzellen und/oder Progenitorzellen nach Schritt (a) oder (c) ausdifferenziert
werden.
6. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
die basalen Keratinozyten und/oder Keratinozyten in dynamischer Kultur über eine vierte
Kultivierungsdauer stratifiziert werden.
7. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
als Hybridstruktur (34) eine epidermale Struktur (36), eine dermale Struktur (38),
oder eine epidermale (36) und dermale Struktur (38) erzeugt werden, vorzugsweise eine
epidermale (36) und eine zwischen Hohlfasermembran (20) und epidermaler Struktur (36)
angeordnete dermale Struktur (38).
8. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
in Schritt (a) zumindest zwei erste Zelltypen (10) und/oder in Schritt (c) zumindest
zwei zweite Zelltypen (32) co-immobilisiert werden.
9. Verfahren nach Anspruch 8,
dadurch gekennzeichnet, dass
als einer der zumindest zwei ersten Zelltypen (10) und/oder einer der zumindest zwei
zweiten Zelltypen (32) Endothelzellen immobilisiert werden.
10. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Hohlfasermembran (20) auf ihrer außen liegenden Oberfläche (23a) mit einer endothelialen
Struktur (40) beschichtet wird.
11. Verfahren nach Anspruch 9 oder 10,
dadurch gekennzeichnet, dass
als Hybridstruktur (34) eine epidermale (36) und endotheliale Struktur (40); eine
dermale (38) und endotheliale Struktur (40); oder eine epidermale (36), dermale (38)
und endotheliale Struktur (40) erzeugt werden; vorzugsweise eine epidermale (36) und
endotheliale Struktur (40); oder eine epidermale (36), dermale (38) und endotheliale
Struktur (40).
12. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
als Hohlfasermembran (20) eine Polymerhohlfaser (22) verwendet wird, vorzugsweise
aus Polysulfon, Polyethersulfon, Polysulfonpolyvinylpyrollidinon, Polyamid, Acrylnitril,
Polyacrylnitril, Polyetherimid, Polylactid, Polyglykolid, Polypeptid oder Derivaten
davon, besonders bevorzugt aus Polyethersulfon, Polyetherimid, Polylactid oder Polyglycogen.
13. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
eine Hohlfasermembran (20) mit einer Porengröße von höchstens 0,5 µm verwendet wird,
vorzugsweise höchstens 0,1 µm.
14. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
der zumindest eine erste Zelltyp (10) ausschließlich auf der außen liegenden Oberfläche
(23a) der Hohlfasermembran (20) immobilisiert und kultiviert wird.
15. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
der zumindest eine erste Zelltyp (10) magnetisch immobilisiert wird, wobei gleichzeitig
oder in beliebiger Reihenfolge an den ersten Zelltyp (10) zumindest eine magnetisch-markierte
Substanz (14) gekoppelt wird, und die zumindest eine magnetisch-markierte Substanz
(14) an eine zumindest bereichsweise magnetische Hohlfasermembran (20) gekoppelt wird.
16. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Dichte der Hybridstruktur (34) durch die Messung des transzellulären Widerstands
über die Hohlfasermembran (20) in einer Messzelle kontrolliert wird, wobei die Messzelle
aus einer Gegenelektrode (42) im Lumen (28) der Hohlfasermembran (20) und einer Ringblechelektrode
(44) im Außenbereich (30) der Hohlfasermembran (20), die beide mit einem Widerstandsmessgerät
(46) verbunden sind, und Elektrolytlösung (48) im Lumen (28) und Außenbereich (30)
besteht.
17. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
die dynamische Kultur im Kreislauf und/oder als Gradientenkultur durchgeführt wird.
18. Organotypische Hybridstruktur (34), hergestellt nach einem der Ansprüche 1 bis 17.
19. Organotypische Hybridstruktur (34), umfassend
(a) eine Hohlfasermembran (20) mit einer innen liegenden Oberfläche (23b) und einer
außen liegenden Oberfläche (23a), und
(b) eine zumindest auf der außen liegenden Oberfläche (23a) angeordnete mehrschichtige
Gewebestruktur aus zumindest einem ersten Zelltyp (10).
20. Organotypische Hybridstruktur (34) nach Anspruch 19,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Gewebestruktur eine epidermale Struktur (36) aus Keratinozyten als ersten Zelltyp
(10) aufweist.
21. Organotypische Hybridstruktur (34) nach Anspruch 19 oder 20,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Gewebestruktur zumindest einen zweiten Zelltyp (32) und optional zumindest einen
weiteren Zelltyp enthält.
22. Organotypische Hybridstruktur (34) nach Anspruch 20 und 21,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Gewebestruktur eine dermale Struktur (38) aus Fibroblasten als zweiten Zelltyp
(32) aufweist, wobei die dermale Struktur (38) zwischen der außen liegenden Oberfläche
(23a) und der epidermalen Struktur (36) angeordnet ist.
23. Organotypische Hybridstruktur (34) nach Anspruch 22,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Gewebestruktur eine endotheliale Struktur (40) aus Endothelzellen als weiteren
Zelltyp aufweist, wobei die endotheliale Struktur (40) auf der innen liegenden Oberfläche
(23b) angeordnet ist.
24. Verwendung der organotypischen Hybridstruktur (34) nach einem der Ansprüche 18 bis
23 für den Hautersatz.
25. Verwendung der organotypischen Hybridstruktur (34) nach einem der Ansprüche 18 bis
23 für in-vitro Toxizitätstests.
26. Verwendung der organotypischen Hybridstruktur (34) nach einem der Ansprüche 18 bis
23 für Messungen des Stofftransports über eine endotheliale Barriere.
27. Verwendung der organotypischen Hybridstruktur (34) nach einem der Ansprüche 18 bis
23 für Messungen von Blutzellen/Endothel-Interaktionen.
28. Verwendung der organotypischen Hybridstruktur (34) nach einem der Ansprüche 18 bis
23 für Untersuchungen von Angiogeneseprozessen.