Technisches Gebiet
[0001] Extrudiertes Treibmittel für den Einsatz in Sicherheitssystemen in Kraftfahrzeugen,
enthaltend einen Binder, einen Weichmacher der chemischen Gruppe der Nitratoethylnitroamine
sowie einen Oxidator.
Stand der Technik
[0002] Gasgeneratoren werden heute in grosser Menge unter anderem für Sicherheitseinrichtungen
für Fahrzeuge verwendet (Airbag, Gurtstraffer, Aktivatoren etc.). Dabei befindet sich
in einer Verkapselung ein energetisches Treibmittel (auch als Treibstoff oder Treibsatz
bezeichnet), welches im Notfall durch einen Zünder gezündet wird und welches die nötige
Gasmenge erzeugt, um zum Beispiel den Airbag aufzublasen oder die Mechanik eines Gurtstraffers
auszulösen. Der Zünder wird durch einen externen Beschleunigungssensor initiiert.
Solche Gasgeneratoren gibt es in unterschiedlichen Ausführungsformen. Als Beispiel
sei auf die Gasgeneratorvorrichtung gemäss
US 5,062,365 verwiesen.
[0003] Von modernen Treibmitteln für Sicherheitseinrichtungen in Fahrzeugen wird gefordert,
dass sie keine toxischen Komponenten enthalten bzw. dass während deren Verbrennung
keine umweltbelastenden Stoffe entstehen. Letztere Bedingung erfordert ein sorgfältiges
Ausbalancieren der Sauerstoffbilanz des Treibmittels. Unter Sauerstoffbilanz ist diejenige
Sauerstoffmenge in Gew.-% zu verstehen, die bei/zu einer vollständigen Umsetzung einer
Verbindung oder Zusammensetzung zu CO
2, H
2O, Al
2O
3 etc. frei bzw. benötigt wird. Nur bei ausgeglichener bzw. leicht unterbilanzierter
Sauerstoffbilanz liegen beispielsweise die Anteile an toxischen Stickoxiden (NO
x) und Kohlenmonoxid (CO) unter den festgelegten Grenzwerten von 80 und 461 ppm im
Fahrzeugraum.
[0004] Während des gesamten Lebenszyklus eines Kraftfahrzeuges muss ein Treibmittel voll
funktionsfähig bleiben. Insbesondere bei neuen Fussgängerschutzanwendungen im heissen
Motorraum ist eine sehr hohe thermische Stabilität gefordert. Die geforderten Temperaturlagerungen
von bis zu 1000 h bei 90 und 107 °C sind nur durch konsequente Elimination von thermisch
labilen Verbindungen und Unverträglichkeiten einer Zusammensetzung zu erfüllen.
[0005] In der Kraftfahrzeugindustrie wird heute eine vermehrte Miniaturisierung aller Systeme
einschliesslich der Sicherheitseinrichtungen gefordert. Daher ist eine nahezu partikelfreie
und gasreiche Verbrennung der Treibmittel wünschenswert, welche den Verzicht auf Filtervorrichtungen
im Gasgenerator und eine Reduktion der Gasgeneratormenge ermöglichen, damit die Baugrösse
und das Gewicht der Gasgeneratoren weiter reduziert werden kann. Eine ähnliche Reduktion
kann durch die Vereinfachung der Anzündkette bei anzündwilligeren Treibmitteln erreicht
werden.
[0006] Die Treibstoffe für Airbags bestehen grösstenteils aus schüttbaren sauerstoffbilanzierten
pyrotechnischen Mischungen, welche gemahlen, miteinander vermischt und zu Pillen verpresst
werden. Aufgrund der limitierten Variabilität der Lebhaftigkeit und geringen Gasausbeuten
haben sich pyrotechnische Treibmittel bei raschen Umsetzungen wie in Gurtstraffern
bis heute jedoch nicht durchgesetzt. In diesen Anwendungen mit deutlich geringeren
Gasmengen verwendet man noch heute grösstenteils schüttbare nicht-sauerstoffbilanzierte
Treibmittel auf der Basis von Nitrocellulose. (H. Andres, J. Rebetez, A. Skriver,
B. Stucki, C. Wagner, Nitrochemie's New Genereration of Nitrocellulose-based and Polymer-bounded
Propellants, Proceedings of the 7
th International Symposium and Exhibition of Sophisticated Car Occupant Safety Systems,
2004). Die Sauerstoff-Unterbilanzierung muss durch einen hohen Anteil an Oxidationsmitteln
kompensiert werden. In der
EP 1 205 459 A1 wird beispielsweise eine gaserzeugende Mischung für Gurtstraffersysteme auf der Basis
eines thermisch stabilisierten Bindemittels, einem Oxidationsmittel und gegebenenfalls
einem chlorneutralisierenden Zusatz als Hauptbestandteile beschrieben. Als thermisch
stabilisierte Binder sind unter anderen auch Cellulosederivate mit gängigen inerten
und energetischen Weichmachern bekannt. Der Anteil des Bindemittels liegt bei 7-30
Gew. %, derjenige des Oxidationsmittels im Bereich 70 - 93 Gew. %. Zur Stabilisierung
des Binders werden Derivate des Diphenylamin, aromatische Harnstoffverbindungen, Resorcinol
und deren Mischungen anteilsmässig bis 1.2 Gew. % zugegeben. Als Weichmacher kommen
vorwiegend inerte Phthalate, Citrate, Adipate und Glycolate bis 5 % Gew. % zur Anwendung.
Der einzige bekannte energetische Weichmacher ist Diethylenglykoldinitrat, eine reine
Nitratesterverbindung mit mässigen Stabilitätseigenschaften.
[0007] Für wehrtechnische Treibladungspulver und Explosivstoffe haben sich energetische
Weichmacher aus der Klasse der Nitratoethylnitroamine als vorteilhaft erwiesen (
US 6,997,996 und
US 5,507,893). Verglichen mit herkömmlichen energetischen Weichmachern sind diese sicherer in
der Handhabung, weisen aber gleichzeitig sehr gute weichmachende Eigenschaften und
einen hohen Energiegehalt auf.
[0008] Nitratoethylnitroamine besitzen eine Nitramin- und eine Nitratesterfunktionalität,
wie auch einen Alkylrest, welcher zur Optimierung der Weichmachereigenschaften an
die Polarität des Polymers angepasst werden kann. Die drei wichtigsten Vertreter sind
Methyl-Nitratoethylnitroamine (1), Ethyl-Nitratoethylnitroamine (2) und Butyl-Nitratoethylnitroamine
(3).

In der
US 6,875,295 werden extrudierte schüttbare Treibmittel für Airbags auf der Basis von Celluloseacetatbutyrat
mit Butyl-Nitratoethylnitroamin mit einem Gehalt von mindestens 50 Gew. % an basischem
Kupfernitrat beschrieben. Im Weiteren enthält das Treibmittel Guanidinnitrat und/oder
Cobalt(II)-Hexaminnitrat. Der Anteil des Binders beträgt zwischen 5 und 20 Gew. %.
Bei der Verbrennung von basischem Kupfernitrat entsteht vorerst flüssiges Kupfer,
und nach Abkühlung unter 1000 °C festes Kupferoxid. Mit einem Massenanteil des Kupfers
von bis zu 25 Gew. % reduziert sich aber die Gasausbeute beträchtlich. Dergleichen
gilt für den Einsatz von Cobalt(II)-Hexaminnitrat, welches zudem noch toxische Feststoffe
nach der Verbrennung bilden kann. Über die thermische Stabilität der Stoffzusammensetzungen
in Bezug auf die Anforderungen für Sicherheitssysteme in Kraftfahrzeugen wird nichts
berichtet. Es ist jedoch bekannt, dass Schwermetalle wie Kupfer nur beschränkte Verträglichkeit
mit Nitratestern wie Butyl-Nitratoethylnitroamine aufweisen (
Beat Vogelsanger, Chemical Stability, Compatibility and Shelf Life of Explosives,
Chimia 2004, 58 (6), 401-408). Es ist daher davon auszugehen, dass die verlangte thermische Stabilitätsanforderung
mit der beschriebenen Zusammensetzung nicht erfüllt werden kann.
[0009] Es besteht daher nach wie vor Bedarf an einem schüttbaren Treibmittel, welches die
zuvor erwähnten negativen Eigenschaften bezüglich Toxizität, Stabilität und/oder Gasausbeute
nicht aufweist und sich zudem kosteneffizienter herstellen lässt.
Darstellung der Erfindung
[0010] Aufgabe der Erfindung ist es, ein dem eingangs genannten technischen Gebiet zugehörendes
Treibmittel zu schaffen, welches bei hoher Gasausbeute partikelfrei und umwelttoxikologisch
unbedenklich abbrennbar ist und zudem eine hohe thermische Langzeitstabilität bei
erhöhten Temperaturen aufweist.
[0011] Die Lösung der Aufgabe ist durch die Merkmale des Anspruchs 1 definiert. Gemäss der
Erfindung enthält das Treibmittel einen Binder, einen Weichmacher der chemischen Gruppe
der Nitratoethylnitroamine sowie einen Oxidator, der frei von Schwermetallen ist.
[0012] Unter schwermetallfrei wird in der vorliegenden Erfindung verstanden, dass das Treibmittel
weniger als 100 ppm ("parts per million") Schwermetalle enthält.
[0013] Gegenüber dem Stand der Technik bietet die vorliegende Erfindung unter anderem folgende
Vorteile:
• Überraschenderweise wurde gefunden, dass sich durch den Einsatz von energetischen
Nitratoethylnitroaminen als Weichmacher in Kombination mit nichtschwermetallhaltigen
Oxidatoren in Treibmitteln sehr gute Werte bezüglich Langzeitstabilität bei hohen
Temperaturen darstellen lassen; teilweise deutlich höher als bei der Verwendung von
herkömmlichen inerten Weichmachern. Trotz der vorhandenen Nitratestergruppe erfüllen
die gefertigten Treibmittel die Langzeitlagerung bis zu 1000 h bei 90 und 107 °C.
Aufgrund der chemischen Ähnlichkeit mit den Nitratester der Nitrocellulose erwartete
man eine autokatalytische Zersetzung nach 250 h bei 107 °C.
• Durch die Zusammensetzung der erfindungsgemässen Treibmittel wird eine bestmögliche
umwelttoxikologische Entlastung erreicht, da sämtliche Verbrennungsprozesse nur schwach
negative Sauerstoffbilanzen aufweisen und vollständig auf schwermetallhaltige Komponenten
im Treibmittel verzichtet wird.
• Die partikelfreie Verbrennung der erfindungsgemässen Treibmittel ermöglicht den
Verzicht auf Filtervorrichtungen in Automobilsicherheitssystemen, wodurch das Gewicht
und die Baugrösse des Gasgenerators reduziert werden kann.
• Durch die Extrudierbarkeit während des Herstellungsprozesses wird eine kostengünstige
Produktion möglich, da die erfindungsgemässen Treibmittel auf bestehenden Produktionsanlagen
verarbeitet werden können.
[0014] Als Binder eignen sich eine Vielzahl von polymeren Stoffen, inerte Varianten wie
sie in der Kunststoff-Industrie eingesetzt werden bzw. energetische Varianten wie
sie aus der Wehrtechnik bekannt sind. Beispiele für inerte Binder sind Cellulose Acetat
(CA, CAS-#: 9004-35-7), Cellulose Acetat Butyrate (CAB, CAS-#: 9004-36-8), Natrium-Carboxymethylcellulose
(Na-CMC, CAS-#: 9004-32-4), Hydroxyethylcellulose (HEC, CAS-#: 9004-62-0), Hydroxypropylcellulose
(HPC, CAS-#: 9004-64-2), Methylcellulose (MC, CAS-#: 9004-67-5), Ethylcellulose (EC,
CAS-#: 9004-57-3), Ethyl-2-hydroxyethylcellulose (EHC, CAS-#: 9004-58-4), Carboxymethylethylcellu-lose
(CMEC, CAS-#: 37205-99-5), Stärke (CAS-#: 9005-25-8), Guargummi (CAS-#: 9000-30-0),
Polyvinylalkohol (PVA, CAS-#: 9002-89-5), Polyacrylamid (CAS-#: 9003-05-8), Silikon
(CAS-#: 7440-21-3), Acrylgummi (CAS-#: 9006-04-6), Polystyrene (PS, CAS-#: 9003-53-6),
Polybutadien (PB, CAS-#: 9003-17-2), Polyethylenglycol (PEG; CAS-#: 25322-68-3), Polyisobutylen
(PIB, CAS-#: 9003-27-4), Polyvinylchlorid (PVC; CAS-#: 9002-86-2), Polyurethan (PU,
CAS-#: 9009-54-5), hydroxylterminiertes Polybutadien (HTPB) und carboxyl-terminiertes
Polybutadien (CTPB). Bei den energetischen Bindern seien beispielhaft Nitrocellulose
(NC; CAS-#: 9004-70-0); Glycidylazidpolymer (GAP, CAS-#: 143178-24-9), Polyvinylnitrat
(PVN), 3-nitratomethyl-3-methyl-oxetan (Poly-NIMMO; CAS-#: 84051-81-0), bis-nitrato-methyl-Oxetan
(Poly-BNMO), Po-ly-3-azidomethyl-3-methyl-oxetan (Poly-AMMO; CAS-#: 90683-29-7), Poly(3,3-bis-ethoxymethyl-oxetan
(Poly-BEMO), Poly-3,3-bis-azidomethyl-oxetan (Poly-BAMO; CAS-#: 17607-20-4), Poly-2,2-Bisazidomethyl-1,3-Propandiolglutarat
(PAP-G), Dinitropropandiol-polyadipat (PAD), Polyacrylnitril (PAC, CAS-#: 25014-41-9),
Polynitrophenylen (PNP), Petrinacrylat und Polyformal (CAS-#: 9002-81-7) erwähnt.
[0015] Bevorzugt werden Bindermaterialen, welche sich in einen Lösemittelprozess oder durch
Aufheizen mit Zugabe von Weichmacher plastisch verformen lassen.
[0016] Als geeignet herausgestellt haben sich inerte und energetische Cellulosederivate;
besonders geeignet sind Cellulose Acetat, Cellulose Acetat Butyrate, Hydroxypropylcellulose
und Nitrocellulose. Alle diese Bindermaterialien sind in fein gemahlener Form erhältlich
und lassen sich mit Hilfe nicht-wässriger Lösemittel verarbeiten; was sich insbesondere
bei der Verarbeitung von wasserempfindlichen Oxida-toren eignet.
[0017] Vorteilhaft hat sich ein Gemisch von inerten und energetischen Cellulosederivaten
herausgestellt, hierdurch ergibt sich eine bessere Sauerstoffbilanz, höhere Gasausbeute
und gute Anzündeigenschaften.
[0018] Besonders vorteilhaft ist eine Mischung aus Cellulose Acetat Butyrat und Nitrocellulose,
welche sich bezüglich der mechanischen Eigenschaften vorzüglich ergänzen.
[0019] Der Anteil des Binders wird aufgrund seiner negativen Sauerstoffbilanz so gering
als möglich gewählt. Um jedoch hohe Feststoffanteile binden zu können, hat sich ein
Binderanteil von 5 bis 30 % als geeignet erwiesen. Als besonders geeignet hat sich
ein Anteil zwischen 10 und 25 Gew. % herausgestellt.
[0020] Der Anteil des energetischen Binders liegt bevorzugt zwischen 1 und 15 Gew. %, besonders
bevorzugt werden Anteile zwischen 2 und 10 Gew. %.
[0021] Abhängig von der Art des eingesetzten Binders müssen stabilisierende und weichmachende
Zusatzstoffe zugesetzt werden. Erstere um bei energetischen Cellulosederivaten und
energetischen Weichmachern eine genügende Langzeitstabilität bei hohen Temperaturen
zu gewährleisten und letztere um die Verarbeitbarkeit zu erleichtern.
[0022] Als Stabilisatoren für Nitratester eignen sich insbesondere Derivate des Diphenylharnstoffes
und Diphenylamins. Typische gebräuchliche Stabilisatoren für energetische Cellulosederivate
sind beispielsweise Akardit-I (CAS-#: 605-54-3), Akardit-II (CAS-#: 13114-72-2), Akardit-III
(CAS-#: 18168-01-9), Diphenylamin (CAS-#: 122-39-4), 2-Nitrodiphenylamin (CAS-#: 119-75-5),
Triphenylamin (CAS-#: 603-34-9), Resorcin (CAS-#: 108-46-3), Centralit-I (CAS-#: 85-98-3)
und Centralit-II (CAS-#: 611-92-7). Als vorteilhaft hat sich der Einsatz von Akardit-II
als Stabilisator von Nitrocellulose herausgestellt, da Akardit-II im Gegensatz zu
Diphenylamin praktisch keine karzinogenen N-Nitrosamine während der Alterung bildet
und generell eine höhere stabilisierende Wirkung zeigt.
[0023] Typischerweise wird ein Stabilisatoranteil von 0.5 bis 5 Gew. % bezogen auf die eingesetzten
energetischen Komponenten eingesetzt. Im vorliegenden Falle hat sich ein höherer Gehalt
bis 20 Gew. % als geeignet erwiesen. Optimal ist ein Anteil von 3 bis 15 Gew. % bezogen
auf die eingesetzten Nitratesterverbindungen.
[0024] Als inerte Weichmacher eignen sich typischerweise Polyoxoverbindungen, wie sie aus
der Kunststoff-Industrie bekannt sind und grosstechnisch zur Weichmachung von Massenkunststoffen
eingesetzt werden. Beispiele hierzu sind z.B. eine Polyester- oder eine Polyether-Verbindung
mit einem mittleren Molekulargewicht von 100 - 10000 g/mol. Bevorzugt sind Citratester,
Adipinsäureester, Sebacinsäureester und Phtalsäureester (resp. hydrierte Cyclohexylderivate
hiervon) oder Kombinationen hiervon. Beispiele hierfür sind Acetyltriethylcitrat (CAS-#:
77-89-4), Triethylcitrat (CAS-#: 77-93-0), Tri-n-butylcitrat (CAS-#:77-94-1), Tributyl-acetylcitrat
(77-90-7), Acetyltri-n-butylcitrat (CAS-#: 77-90-7), Acetyltri-n-hexylcitrat (CAS-#:
24817-92-3), n-Butyryltri-n-hexylcitrat (CAS-#: 82469-79-2), Di-n-butyl-adipat, Diisopropyl-adipat
(CAS-#: 6938-94-9), Diisobutyl-adipat (CAS-#: 141-04-8), Di-ethylhexyl-adipat (CAS-#:
103-23-1), Nonyl-undecyl-adipat, n-Decyl-n-octyl-adipat (CAS-#: 110-29-2), Dibutoxy-ethoxy-ethyl-adipat,
Dimethyl-adipat (CAS-#: 627-93-0), Hexyl-octyl-decyl-adipat, Diisononyl-adipat (CAS-#:
33703-08-1), di-n-Butyl-sebacat (CAS-#: 109-43-3), Dioctyl-sebacat (CAS-#: 122-62-3),
Dimethyl-sebacat (CAS-#: 106-79-6), Di-n-butyl-phthalat (CAS-#: 84-74-2), Di-n-hexyl-phthalate
(CAS-#: 84-75-3), Di-nonyl-undecyl-phthalat (CAS-Nr. 111381-91-0), Nonyl-undecyl-phthalat
(685-15-43-5), Gemische weitgehend linearer C4-C11-alkyl-phthalate (CAS-#: 85507-79-5,
111381-91-0, 68515-45-7, 68515-44-6, 68515-43-5, 111381-89-6, 111381-90-9, 28553-12-0),
Dioctylterephthalat (CAS-#: 6422-86-2), Dioctyl-isophthalate (CAS-#: 137-89-3), 1,2-Cyclohexandicarbonsäuredüsononylester
(CAS-#: 166412-78-8), Dibutyl-maleat (CAS-#: 105-76-0), Dinonyl-maleat (CAS-#: 2787-64-6),
Diisooctyl-maleat (CAS-#: 1330-76-3), Dibutyl-fumarat (CAS-#: 105-75-9), Dinonyl-fumarat
(CAS-#: 2787-63-5), Dimethyl-sebacat (CAS-#: 106-79-6), Dibutyl-sebacat (CAS-#: 109-43-3),
Diisooctyl-sebacat (CAS-#: 27214-90-0), Dibutyl-azelat (CAS-#: 2917-73-9), Diethyleneglycol-dibenzoat
(CAS-#: 120-55-8), Trioctyl-trimelliat (CAS-#: 89-04-3), Trioctylphosphat (CAS-#:
78-42-2), Butylstearat (CAS-#: 123-95-5), Glycerol-triacetat (CAS-#: 102-76-1), epoxidiertes
Sojabohnenoel (CAS-#: 8013-07-8), epoxidiertes Leinensamenoel (CAS-#: 8016-11-3).
Die inerten plastifizierenden Zusatzstoffe werden zum Teil auch unter folgenden Handelsnamen
angeboten: Hexamoll Dinch der Firma BASF, Citroflex Typen der Firma Reilly-Morflex
Inc., Greensboro, North Carolina USA, u.a. A-2, A-4, A-6, C-2, C-4, C6, B-6, Paraplex
Typen der Firma C. P. Hall Co. Chicago, Illinois USA, u.a. G25, G30, G51, G54, G57,
G59, Santicizer Typen der Firma Ferro Corporation, Cleveland, Ohio
USA, 261,
278, Palatinol-Typen der Firma BASF, Deutschland.
[0025] Energetische Weichmacher werden typischerweise in Treibladungspulvern zur Beschleunigung
von Projektilen verwendet; einerseits können diese wie bei zwei- und mehrbasigen Treibladungspulvern
homogen über die Kornmatrix verteilt sein oder andererseits nach einer Oberflächenbehandlung
in den oberflächennahen Schichten konzentriert sein. Beispiele hierzu sind z.B. aliphatische
Nitrateester, Nitroverbindungen, Nitramine und Azide oder Kombinationen hiervon mit
einem mittleren Molekulargewicht von 100 - 1000 g/mol. Beispiele hierfür sind Nitroglycerin
(NGL, CAS-#: 55-63-0), Diethylenglykoldinitrat (DEGN, CAS-#: 693-21 0), Triethylenglycoldinitrat
(TEGN, CAS-#: 111-22-8), Ethylenglykoldinitrat (EGDN, CAS-#: 628-96-6), 1,2,4-Butantrioltrinitrat
(BTTN, CAS-#: 6659-60-5), Nitropentaglycerin (MTN; CAS-#: 3032-55-1), Propandioltrinitrat
(NIBTN, CAS-#: 20820-44-4), Bis(2,2-dinitropropyl)acetal (BDNPA, CAS-#: 5108-69-0),
Bis(2,2-dinitropropyl)formal (BDNPF, CAS-#: 5917-61-3), 2,4-Dintro-2,4-diazapentan
(DNDA 5, CAS-#:13232-00-3), 2,4-Dintro-2,4-diazahexan (DNDA 6), 3,5-Dinitro-3,5-diazapentan
(DNDA 7), 1,5-diazido-3-nitroazapentan (DANPE, CAS-# 89130-65-4), Azido-polyglycinazid
(GAPA), Methyl-Nitratoethylnitroamine (Methyl-NENA, CAS # 17096-47-8), Ethyl-Nitratoethylnitroamine
(Ethyl-NENA, CAS # 85068-73-1), Propyl-Nitratoethylnitroamine (Propyl-NENA, CAS #
82486-83-7), Butyl-Nitratoethylnitroamine (Butyl-NENA, CAS # 8246-82-6), Pentyl-Nitratoethylnitroamine
(Pentyl-NENA, CAS-# 85954-06-9) und 1-Azido-3-Nitrazapentan (ETAENA).
[0026] Insbesondere geeignet für die Anwendung mit Cellulosederivaten sind aufgrund ihrer
schwach negativen Sauerstoffbilanz die energetischen Weichmacher. Als bevorzugt geeignet
haben sich die Nitratoethylnitroamine herausgestellt, da diese neben den weichmachenden
Eigenschaften, der vollständigen Verbrennbarkeit und der hohen Gasausbeute eine zusätzliche
stabilisierende Wirkung gezeigt haben. Besonders geeignet ist Butyl-Nitratoethylnitroamin
aufgrund der stärksten plastifizierenden Wirkung und der tiefen Flammtemperatur.
[0027] Typischerweise liegt der Anteil des Weichmachers zwischen 1 und 10 Gew. %, insbesondere
Anteile von 2 bis 5 Gew. % erweisen sich als optimal.
[0028] Bevorzugt verwendbare Oxidationsmittel sind Ammonium-, Alkalimetal- und Erdalkalimetallsalze
der Salzsäure, Perchlorsäure, Chromsäure, Salpetersäure und salpetriger Säure. Beispiele
hierzu sind Bariumchlorat (CAS-#: 13477-00-4), Ammoniumperchlorat (CAS-#: 7790-98-9),
Kaliumperchlorat (CAS-#: 7778-74-7), Natriumperchlorat (CAS-#: 7601-89-0), Bariumchlorat
(CAS-#: 10294-40-3), Ammoniumnitrat (CAS-#. 6484-52-2), Bariumnitrat (CAS-#: 10022-31-8),
Kaliumnitrat (CAS-#: 7757-79-1), Kupfernitrat (CAS-#: 3251-23-8); Natriumnitrat (CAS-#:
7361-99-4), Strontiumnitrat (CAS-#: 10042-76-9), Eisenoxid (CAS-#: 1309-37-1 bzw.
1317-61-9). Grundsätzlich kann jede Substanz mit einer positiven Sauerstoffbilanz
den nötigen Sauerstoff für eine ausgeglichene Bilanz im Treibmittel liefern. In der
Regel sind die Oxidationsmittel fest; eine Verarbeitung von flüssigen Oxidationsmitteln
ist jedoch auch möglich.
[0029] Insbesondere geeignet sind diejenigen Oxidationsmittel, welche vollkommen rückstandfrei
verbrennen und eine gute Verträglichkeit mit dem Bindermaterial aufweisen. Als besonders
geeignet erweisen sich Ammoniumperchlorat und/oder Ammoniumnitrat. Zur Phasenstabilisierung
von Ammoniumnitrat kann es nötig sein, weitere Oxidationsmittel zuzugeben. Insbesondere
geeignet sind Mischungen des Ammoniumnitrats mit Kaliumnitrat, welches durch die verwendete
Verarbeitungsmethode nachweislich die kritische Phasenumwandlung des Ammoniumnitrates
unterdrückt.
[0030] Der mittlere Korndurchmesser des Oxidationsmittels ist bevorzugt kleiner 100 µm,
besonders bevorzugt sind mittlere Korngrössen unter 50 µm. Dies erleichtert die Einarbeitung
in das Bindermaterial und die anschliessende Extrusion, im Weiteren erhöht es die
Abbrandgeschwindigkeit des Treibmittels.
[0031] Der Anteil des Oxidationsmittels liegt bevorzugt zwischen 70 und 95 Gew. %. Besonders
bevorzugt werden Anteile zwischen 75 und 85 % eingesetzt. Durch diesen hohen Anteil
an Oxidator ist es möglich, die negative Sauerstoffbilanz der restlichen Treibmittelkomponenten
auszugleichen.
[0032] Das Treibmittel kann zusätzlich noch stickstoffreiche Verbindungen zur Erhöhung der
Gasausbeute enthalten. Geeignete Verbindungen sind Guanidin-, Tetrazol-, Bitetrazol-,
Tritetrazol-, Hydrazine-, Triazine-, Azodicarbonamid-, Hydrazodicarbonamide, Dicyanamide
oder Nitraminverbindungen sowie Kombinationen hieraus. Beispiele hierzu sind Guanidinnitrat
(CAS-#: 506-93-4), Nitroguanidin (CAS-#:556-88-7),1,1-Diamino-2,2-dinitroethylen (FOX-7),
N-Guanylharnstoffdinitramid (FOX-12), 5-Aminotetrazol (CAS-#: 5378-49-4), Hexogen
(RDX, CAS-# 121-82-4:), Octogen (HMX, CAS-# 2691-41-0) und Ethylendinitramin (EDNA,
CAS-#: 505-71-5). Aufgrund der Verfügbarkeit und des Preises eignen sich insbesondere
die Nitraminverbindungen, welche in grossen Mengen für Explosivstoffe hergestellt
werden. Als besonders geeignet erweist sich Hexogen. Neben einer hohen Gasausbeute
kann die Abbrandgeschwindigkeit durch die Einarbeitung deutlich erhöht werden. Durch
die Beschränkung der Sauerstoffbilanz liegt der geeignete Einsatzbereich zwischen
1 und 30 Gew. %; bevorzugt geeignet ist der Bereich von 5 bis 20 Gew. %.
[0033] Im Weiteren kann das Treibmittel chlorneutralisierende Zusätze enthalten. Chlorneutralisierende
Zusätze werden insbesondere Chlorat - und Perchlorat-haltigen Sätzen zur Neutralisierung
der Salzsäure in den Verbrennungsschwaden beigefügt. Geeignete chlorneutralisierende
Zusätze finden sich unter den Alkali- und Erdalkalisalzen. Diese können einzeln oder
in Kombination verwendet werden. Beispiele hierzu sind Natriumcarbonat (CAS-#: 5968-11-6),
Natriumnitrat (CAS-#: 7631-99-4), Natriummoxid (CAS-#: 1313-59-3), Natriumoxalat (CAS-#:
62-76-0), Strontiumcarbonat (CAS-#: 1633-05-2), Strontiumsilikat (CAS-#: 13451-00-8),
Strontiumoxid (CAS-#: 1314-11-0), Strontiumoxalat (CAS-#: 814-95-9), Stontriumperoxid
(CAS-#: 1314-18-7), Calciumsilikat (CAS-#: 1344-95-2), Calciumnitrat (CAS-#: 10124-37-5),
Calciumoxalat (CAS-#: 563-72-4), Calciumperoxid (CAS-#: 1305-79-9), Magnesiumoxid
(CAS-#: 1309-48-4), Magnesiumpe-roxid (CAS-#: 1335-26-8). Insbesondere Oxalatverbindungen
eignen sich aufgrund ihrer vollständigen Verbrennbarkeit und tiefen Flammtemperatur
als chlorneutralisierende Zusätze. Besonders geeignet ist Natriumoxalat auf Grund
der geringen Molmasse des Kations. Der Einsatzbereich hängt vom prozentualen Anteil
der Chlorat- und/oder Perchloratsalze ab. Geeignet ist ein Anteil zwischen 5 und 50
Gew. %. Besonders geeignet sind Anteile zwischen 5 und 20 Gew. %.
[0034] Weiter kann ein Treibmittel Zusätze zur Reduktion der Verbrennungsflamme enthalten.
Solche Zusätze stammen vorzugsweise aus der Gruppe der Sulfate, Nitrate und/oder Cryolite.
Beispiele sind Natriumsulfat (CAS-#: 7757-82-6), Kaliumsulfat (CAS-#: 7778-80-5),
Bariumnitrat (CAS-#: 10022-31-8) und Natriumaluminiumfluorid (CAS-#: 15096-52-3).
Der Anteil liegt bevorzugt im Bereich von 0.1 - 5 Gew. %, besonders bevorzugt im Bereich
von 1 bis 2 Gew. %.
[0035] Weiter kann dem Treibmittel zwecks Verbesserung der Rieselfähigkeit Graphit (CAS-#:
7782-42-5) aufpoliert werden. Dieses Verfahren ist für Nitrocellulose-basierte Treibmittel
üblich; hierdurch wird das Schüttgut elektrisch leitend und die Gefahr einer elektrostatischen
Entzündung minimiert. Typisch wird ein Graphitanteil zwischen 0.01 bis 1 Gew. % aufpoliert;
optimal liegt der Anteil zwischen 0.02 bis 0.5 Gew. %. Neben Graphit können dem Treibmittel
weitere Zusatzstoffe wie beispielsweise Anzündhilfen aufpoliert werden.
[0036] Die Treibmittel der vorliegenden Erfindung können ohne Einschränkung nach konventionellen
Methoden hergestellt werden. Beispielsweise können alle Komponenten Binder, Stabilisatoren,
Weichmacher, Oxidationsmittel und weitere Zusatzstoffe mit geeigneten Lösungsmitteln
zu einem homogenen Teig vermischt werden. Bei der Verwendung von wasserempfindlichen
Oxidationsmitteln wie Ammoniumnitrat und/oder - perchlorat empfiehlt sich die Verwendung
eines nicht-wässrigen Lösungsmittels. Nach genügender Gelierung kann der Teig vorzugsweise
durch eine vorgegebene Matrize extrudiert und auf Länge geschnitten werden. Die endgültige
Form stellt sich nach dem Entfernen der Lösungsmittel und einer allfälligen Nachpolymerisation
ein. Extrudierte Formen können einerseits Körner oder perforierte Körner sein. Bei
perforierten Körnern ist sowohl 1, 7 oder 19 Loch üblich. Massgebend für den Abbrand
ist jeweils die Wandstärke, definiert als die kürzeste Abbrandstrecke (z.B. zwischen
Loch und Aussenwand usw.). Eine andere Verarbeitungsart mittels Aufschmelzen des Binders,
Einarbeitung der Feststoffe und anschliessende kontinuierliche Extrusion ist explizit
nicht ausgeschlossen.
[0037] Die Grösse der Körner richtet sich nach der Anwendung. Bei Treibmitteln für schnelle
Applikationen wie im Gurtstrafferbereich liegt die Wandstärke in der Regel zwischen
0.2 bis 3 mm, bevorzugt sind Wandstärken im Bereich 0.5 bis 2 mm. Für langsamere Anwendungen
wie Airbags liegt die Wandstärke in der Regel zwischen 0.5 und 5 mm, bevorzugt sind
Wandstärken im Bereich 1 bis 3 mm. Der äussere Durchmesser der perforierten Körner
liegt in einer bevorzugten Variante in der Grössenordnung der Länge der Körner. Besonders
bevorzugt entspricht die Länge ungefähr 1.1-mal dem äusseren Durchmesser des Korns.
[0038] Das gefertigte Treibmittel kann nunmehr in einen Gasgenerator eingekapselt werden
und liefert bei Initiierung die nötige Gasmenge, um zum Beispiel den Airbag aufzublasen
oder die Mechanik des Gurtstraffers auszulösen.
[0039] Aus der nachfolgenden Detailbeschreibung und der Gesamtheit der Patentansprüche ergeben
sich weitere vorteilhafte Ausführungsformen und Merkmalskombinationen der Erfindung.
Kurze Beschreibung der Zeichnungen
[0040] Die zur Erläuterung des Ausführungsbeispiels verwendeten Zeichnungen zeigen:
- Fig. 1
- Tabelle beinhaltend die Sauerstoffbilanz, die Flammtemperatur und die Gasausbeute
ausgewählter Weichmacher.
- Fig. 2
- Zeitlicher Verlauf der Gewichtsverluste herkömmlicher (Beispiel C) und erfindungsgemässer
(Beispiel D) Treibmittel bei offener Lagerung und einer Temperatur von 107°C.
Wege zur Ausführung der Erfindung
[0041] In Fig. 1 sind zur Veranschaulichung die Sauerstoffbilanz, die Flammtemperatur und
die Gasausbeute von jeweils sechs inerten und energetischen Weichmachern tabellarisch
aufgelistet. Die Flammtemperatur und Gasausbeute wurden mittels thermodynamischen
Berechnungen bestimmt. Die inerten Weichmacher mit Sauerstoffbilanzen von -300 bis
- 150 % weisen Gasausbeuten von maximal 750 ml/g auf. Bei den energetischen Weichmachern
mit Sauerstoffbilanzen grösser -100 % liegen die Gasausbeuten im Bereich 800 - 1000
ml/g. Butyl-NENA zeigt die höchste Gasausbeute bei einer akzeptablen Sauerstoffbilanz
und für energetische Weichmacher tiefen Flammtemperatur.
[0042] Im Folgenden werden mehrere Ausführungsbeispiele gegeben.
Herstellungsbeispiel A: (Einbasiges Gurtstrafferpulver ohne Weichmacher und ohne Oxidator)
[0043] Ein konventionelles einbasiges Treibmittel für Gurtstrafferanwendungen wird wie folgt
hergestellt: 97 Gew. % alkoholfeuchte Nitrocellulose, 2 Gew. % Akardit-II und 1 Gew.
% Natriumoxalat werden lösemittelfeucht in einen Kneter vorgegeben. Die Masse wird
in etwa 2 Stunden geknetet bis ein konsistenter Teig entsteht. Anschliessend wird
der Teig durch Matrizen extrudiert und auf Länge geschnitten. Nach der vollständigen
Lösemittelentfernung wird das Schüttgut graphitiert und gesiebt. Die fertigen 1-Loch-Pulverkörner
weisen einen Aussendurchmesser von 1.4 mm, einen Lochdurchmesser von 0.2 mm, eine
Länge von 2.2 mm, einen Gravimeter von 981 g/l und eine Explosionswärme von 3911 J/g
auf. Die mittlere Lebhaftigkeit des Treibmittels zwischen 30 - 80 % des Maximaldruckes
beträgt 31·10
-2 /bar·s.
Herstellungsbeispiel B: (Kunststoffgebundenes Gurtstrafferpulver mit Weichmacher und Oxidator)
[0044] Ein kunststoffgebundenes Treibmittel für Gurtstrafferanwendungen wird wie folgt gefertigt:
14 Gew. % Celluloseacetatbutyrat, 4 Gew. % alkoholfeuchte Nitrocellulose, 5 Gew. %
Natriumoxalat, 3 Gew. % Butyl-NENA und 1 Gew. % Akardit-II werden in einem Kneter
vorgegeben und 5 Minuten vermischt. Anschliessend werden 56 Gew.% Ammoniumperchlorat
und 6 Gew. % Hexogen lösemittelfeucht zugegeben. Die Masse wird in etwa 2 Stunden
geknetet bis ein konsistenter Teig entsteht. Anschliessend wird der Teig extrudiert
und auf eine Länge geschnitten. Nach der vollständigen Lösemittelentfernung wird das
Schüttgut graphitiert und gesiebt. Die fertigen Pulverkörner weisen einen Aussendurchmesser
von 1.1 mm, eine Länge von 1.3 mm, einen Gravimeter von 946 g/l und eine Explosionswärme
von 5177 J/g auf. Die mittlere Lebhaftigkeit des Treibmittels zwischen 30 - 80 % des
Maximaldruckes beträgt 40.10
-2 /bar·s.
[0045] Gaserzeugung / Anzündbarkeit: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel A und B wurden in einen Mikrogasgenerator
mit Squib-Anzündung laboriert und in einer 10 ml Druckbombe zur Entzündung gebracht.
Bei beiden Treibmitteln stellt sich das Druckmaximum nach 8 ms ein. Bei gleicher Lademenge
wird mit dem einbasigen Treibmittel (Beispiel A) ein Maximaldruck von 800 bar, beim
kunststoffgebundenen Treibmitteln (Beispiel B) ein Maximaldruck von 725 bar erreicht.
Gegenüber einbasigen Treibmitteln weisen die erfindungsgemässen Treibmittel somit
nur ein um 10 % niedriges Druckniveau auf. Messungen bei -40, +21 und +85 °C zeigen
für beide Treibmittel vergleichbar kleine Streuungen des Maximaldruckes; diese liegen
zwischen 1.8 und 1.9 %.
[0046] CO Messung: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel A und B wurden in einen Mikrogasgenerator
mit Squib-Anzündung und in einer 10 ml Druckbombe gezündet. Die entstehenden Schadgase
wurden innerhalb einer 60 I Kanne aufgefangen und mittels Infrarot und/oder Dräger-Röhrchen
quantitativ bestimmt. Das einbasige Treibmittel (Beispiel A) weist einen Kohlenmonoxidgehalt
von 7362 ppm auf; das kunststoffgebundene Treibmittel (Beispiel B) liegt bei 1628
ppm.
[0047] Alterung: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel A und B wurden in einen Mikrogasgenerator
mit Squib-Anzündung laboriert. Nach thermischer Alterung reduziert sich das Gewicht
des einbasigen Treibmittels (Beispiel A) infolge der autokatalytischen Zersetzung
nach 408 h bei 107 °C um 17 %; beim kunststoffgebundenen Treibmittel (Beispiel B)
nach 408 h bei 107 °C um 2 %. Infolge der Alterung reduziert sich der Maximaldruck
um 30 % (Treibmittel aus Beispiel A) und 7 % (Treibmittel aus Beispiel B).
Herstellungsbeispiel C: (Airbag Muster mit inertem Weichmacher und Oxidator)
[0048] Ein kunststoffgebundenes Treibmittel für Airbaganwendungen wird wie folgt gefertigt:
13 Gew. % Celluloseacetatbutyrat, 2 Gew. % Tributylcitrat und 0.3 Gew. % Akardit-II
werden in einem Kneter vorgegeben und 5 Minuten vermischt. Anschliessend werden 76
Gew. % Ammoniumnitrat und 9 Gew. % Kaliumnitrat lösemittelfeucht zugegeben. Die Masse
wird etwa 2 Stunden geknetet, bis ein konsistenter Teig entsteht. Anschliessend wird
der Teig extrudiert und auf eine Länge geschnitten. Nach der vollständigen Lösemittelentfernung
wird das Schüttgut graphitiert und gesiebt. Die fertigen 1-Loch-Pulverkörner weisen
einen Aussendurchmesser von 2.2 mm, einen Lochdurchmesser von 0.7 mm, eine Länge von
3.0 mm, einen Gravimeter von 777 g/l und eine Explosionswärme von 3982 J/g auf. Die
mittlere Lebhaftigkeit des Treibmittels zwischen 30 - 80 % des Maximaldruckes beträgt
9.1·10
-2 /bar·s.
Herstellungsbeispiel D: (Airbag Muster mit energetischem Nitratoethylnitramin-Weichmacher und Oxidator)
[0049] Analog dem Beispiel C wurde ein kunststoffgebundenes Treibmittel für Airbaganwendungen
gefertigt. Anstelle des inerten Weichmachers Tributylcitrat wurde Butyl-NENA eingesetzt.
Die fertigen 1-Loch-Pulverkörner weisen einen Aussendurchmesser von 2.1 mm, einen
Lochdurchmesser von 0.8 mm, eine Länge von 3.0 mm, einen Gravimeter von 749 g/l und
eine Explosionswärme von 4054 J/g auf. Die mittlere Lebhaftigkeit des Treibmittels
zwischen 30 - 80 % des Maximaldruckes beträgt 9.6·10
-2 /bar·s.
[0050] Gaserzeugung / Anzündbarkeit: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel C und D wurden in einen Mikrogasgenerator
mit Squib-Anzündung laboriert und in einer 10 ml Druckbombe zur Entzündung gebracht.
Das Treibmittel mit dem inerten Weichmacher (Beispiel C) erreicht ein Druckmaximum
von 440 bar nach 59 ms. Durch den Einsatz von Butyl-NENA (Beispiel D) wird ein um
7 % höheres Druckmaximum von 472 bar bereits nach 35 ms erreicht.
[0051] CO Messung: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel C und D wurden in einen Mikrogasgenerator
laboriert und in einer 10 ml Druckbombe gezündet. Die entstehenden Schadgase wurden
innerhalb einer 60 I Kanne aufgefangen und mittels Infrarot und/oder Dräger-Röhrchen
quantitativ bestimmt. Das Treibmittel mit inerten Weichmacher (Beispiel C) weist einen
Kohlenmonoxidgehalt von 872 ppm auf; das Treibmittel mit Butyl-NENA (Beispiels D)
liegt bei 566 ppm.
[0052] Alterung: Jeweils 1000 mg der Treibmittel aus Beispiel C und D wurden in einer Gasampoule bei
107 °C gelagert. Der gemessene Gewichtsverlust als eine Funktion der Lagerzeit ist
in Fig. 2 für die Treibmittel aus den Beispielen C und D gezeigt. Durch den Einsatz
des energetischen Weichmachers Butyl-NENA wird eine deutliche Verbesserung der Stabilität
erzielt.
[0053] Zusammenfassend ist festzustellen, dass ein neues Treibmittel für Automobilsicherheitssysteme
gefunden wurde, der sich speziell durch eine minimierte umwelttoxische Belastung beim
Abbrand und eine verbesserte Langzeitstabilität auszeichnet. Das Treibmittel basiert
auf der neuartigen Kombination eines Weichmachers aus der Familie der Nitratoethylnitroamine
und eines schwermetallfreien Oxidators. Durch die während der Herstellung gegebene
Extrudierbarkeit lassen sich mit dem Treibmittel Körner mit und ohne Perforation mit
jeder gewünschten Dimension formen. Dies erlaubt den Einsatz in Anwendungen mit verschiedensten
Anforderungen an das Abbrandverhalten.
1. Treibmittel für den Einsatz als Gasgenerator in Sicherheitssystemen in Kraftfahrzeugen,
enthaltend einen Binder, einen Weichmacher der chemischen Gruppe der Nitratoethylnitroamine
sowie einen Oxidator, dadurch gekennzeichnet, dass der Oxidator frei von Schwermetallen ist.
2. Treibmittel nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass der Weichmacher Butyl-Nitratoethylnitroamin ist.
3. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 2, dadurch gekennzeichnet, dass als Binder Cellulosederivate enthalten sind.
4. Treibmittel nach Anspruch 3, dadurch gekennzeichnet, dass der Binder eine Mischung aus inerten und energetischen Cellulosederivaten ist.
5. Treibmittel nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass als intertes Cellulosederivat Cellulose Acetat Butyrat und das energetische Cellolosederivat
Nitrocellulose ist.
6. Treibmittel nach einem der Ansprüche 3 - 5, dadurch gekennzeichnet, dass der Binder in einer Menge von 5 - 30 Gew. %, insbesondere 10-25 Gew. % vorliegt.
7. Treibmittel nach einem der Ansprüche 4 - 6, dadurch gekennzeichnet, dass der Anteil an energetischem Cellulosederivat 1 - 15 Gew. %, insbesondere 2-10 Gew.
% beträgt.
8. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 7, dadurch gekennzeichnet, dass der Anteil an Weichmacher 1 - 10 Gew. %, insbesondere 2 - 5 Gew. % beträgt.
9. Treibmittel nach einen der Ansprüche 1 - 8, dadurch gekennzeichnet, dass der Oxidator Kaliumperchlorat, Ammoniumperchlorat, Ammoniumnitrat, phasenstabilisiertes
Ammoniumnitrat, Natriumnitrat, Kaliumnitrat oder eine Mischung derselben ist.
10. Treibmittel nach einen der Ansprüche 1 - 9, dadurch gekennzeichnet, dass der Oxidator eine mittlere Korngrösse von nicht mehr als 100 µm aufweist, insbesondere
von nicht mehr als 50 µm aufweist.
11. Treibmittel nach einen der Ansprüche 1 - 10, dadurch gekennzeichnet, dass der Oxidator in einer Menge von 70 - 95 Gew. %, insbesondere 75 - 85 Gew. % vorliegt.
12. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 11, dadurch gekennzeichnet, dass Nitraminverbindungen in einer Menge von 1 - 30 Gew. %, insbesondere 5 - 20 Gew. %
vorliegen.
13. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 12, dadurch gekennzeichnet, dass chlorneutralisierende Verbindungen in einer Menge von 5 - 50 Gew. %, insbesondere
5 - 20 Gew. % vorliegen.
14. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 13, dadurch gekennzeichnet, dass Verbindungen zur Reduktion der Verbrennungsflamme in einer Menge von 0.1 - 5 Gew.
%, insbesondere 1 - 2 Gew. % vorliegen.
15. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 14, dadurch gekennzeichnet, dass Graphit in einer Menge zwischen 0.01 und 1 Gew. %, insbesondere 0.02 - 0.5 Gew. %
vorliegt.
16. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1-15, dadurch gekennzeichnet, dass es in Form perforierter Körner mit einer Wandstärke zwischen 0.2 - 3 mm, insbesondere
0.5 - 2 mm vorliegt und dass die perforierten Körner insbesondere einen äusseren Durchmesser
haben, der in der Grössenordnung einer Länge der perforierten Körner liegt.
17. Treibmittel nach einem der Ansprüche 1 - 15, dadurch gekennzeichnet, dass es in Form perforierter Körnern mit einer Wandstärke zwischen 0.5 - 5 mm, insbesondere
1 - 3 mm vorliegt und dass die perforierten Körner insbesondere einen äusseren Durchmesser
haben, der in der Grössenordnung der Länge der perforierten Körner liegt.