[0001] Die Erfindung betrifft die Verwendung Urethangruppen enthaltender Acrylsäureester
des Tricyclo[5.2.1.02.6]decans.
Stand der Technik
[0002] Als schrumpfarm polymerisierende Monomere für Zahnfüllungsmaterialien haben sich
Bisphenol A-(meth)acrylatmonomere bewährt. Eine Alternative zu den schrumpfarm polymerisierenden
Bisphenol A-(meth)acrylatmonomeren wurde mit TCD-Monomeren in der
EP 0 254 185 (Bayer AG) beschrieben. Wie das Bisphenol-A- Gerüst weist die TCD-Gruppe die Steifheit
auf, die dann das schrumpfarme Polymerisationsverhalten bedingt. Durch die sterische
Einschränkung der Beweglichkeit sind auch die Urethanderivate vom 1,3-Bis(1-isocyanato-1-methylethyl)-benzol
in ihren Eigenschaften dem Bis-GMA sehr ähnlich und können an seiner Stelle in Dentalkompositen
eingesetzt werden, wie die
EP 0 934 926 beschreibt.
[0003] Konkret wird dann allerdings nur die Verwendung der
Methacrylate beschrieben.
[0004] Die sogenannten Silorane stellen eine Kombination von Epoxidfunktionalitäten an Siloxaneinheiten
dar und können über einen kationischen Vernetzungsmechanismus durch Ringöffnungspolymerisation
schrumpfarm polymerisiert werden. Der geringe Schrumpf dieser neuen Monomere und die
toxikologische Unbedenklichkeit der sonst kritischen Epoxide in ausgehärteten Dentalkompositen
wurde beschrieben in
DE 100 01 228 und
EP 1 117 368.
[0005] EP1719497A1 betriff die Herstellung von Kompositmaterialien mit geringer Schrumpfkraft mit 0,5-10
Gew.-% Nanofüller, größer gleich 60 Gew.-% Füllstoffgemisch und 1 Gew.-% Initiator
und einem verbleibenden Anteil an Monomerkomponente, die zu 60 bis 80 Gew.-% Bis-GMA
oder TCD-di-HEMA oder TCD-di-HEA umfasst.
Ausgangslage
[0006] Die im Vergleich mit Methacrylaten höhere Reaktivität von Acrylatmonomeren ist bekannt,
jedoch ist auch die Reizwirkung gegenüber biologischem Gewebe deutlich höher als die
von Methacrylaten, weshalb in Dentalmaterialien vorwiegend Monomermischungen mit Methacrylaten,
gegebenenfalls mit geringen Beimengungen von Acrylaten eingesetzt werden. Die gesteigerte
Reaktivität von Urethan(meth)acrylat-Monomeren gegenüber Polyether-, Polyester- oder
aliphatischen Monomeren ist ebenfalls bekannt. Es stellt sich demgegenüber die Aufgabe,
trotz Einsatz von Acrylatmonomeren Dentalkomposite mit günstigen Eigenschaften zur
Verfügung zu stellen.
Detaillierte Beschreibung der Erfindung
[0007] Die Erfindung betrifft die Verwendung eines Vernetzeranteil, der zu mehr als 50%
gebildet wird von Acrylatmonomeren mit einer TCD-Urethan-Struktur die ausgewählt sind
aus Acrylatmonomeren mit einer diacrylatfunktionellen TCD-Urethan-Struktur ausgewählt
aus TCD-di-HEA, einem Acrylsäureester des Tricyclo[5.2.1.02.6]decans zur Herstellung
einer Dentalkomposit-Zusammensetzung enthaltend Monomere, Vernetzer, Füllstoffe, Initiatoren
, wobei die Cytotoxizität des gehärteten Komposits entsprechend den Normvorgaben nach
ISO 10993-5 und DIN EN ISO 7405 die Bewertung "kein zytotoxisches Potential" aufweist.
[0008] Der Vernetzeranteil wird zu mehr als 50% gebildet von Acrylatmonomeren mit einer
TCD-Urethan-Struktur der allgemeinen Formel

in der
A ein geradkettiger oder verzweigter, gegebenenfalls 1 bis 3 Sauerstoffbrücken enthaltender,
aliphatischer Rest mit 2 bis 20 Kohlenstoffatomen, ein aromatischer Rest mit 6 bis
24 Kohlenstoffatomen, ein araliphatischer Rest mit 7 bis 26 Kohlenstoffatomen oder
ein cycloaliphatischer Rest mit 6 bis 26 Kohlenstoffatomen ist,
r für die Anzahl der von A ausgehenden Ketten steht und eine Zahl von 2 bis 6 bedeutet,
R1 und R2 gleich sind und Wasserstoff oder verschieden sind und Wasserstoff und
Methyl bedeuten,
n für jede von A ausgehende Kette unabhängig eine Zahl von 0 bis 5 bedeutet,
X für die Gruppe

steht, in der
R4 und R5 gleich oder verschieden sind und Wasserstoff, Halogen, Niederalkoxy,
Niederalkyl oder Trifluormethyl bedeuten,
Z einen zweiwertigen geradkettigen oder verzweigten aliphatischen Kohlenwasserstoffrest
von 3 bis 15 Kohlenstoffatomen, der gegebenenfalls 1 bis 3 Sauerstoffbrücken enthalten
kann und gegebenenfalls durch 1 bis 4 zusätzliche (Meth)-acrylatreste substituiert
sein kann, bedeutet, R2, R3 auschließlich Wasserstoff sind
und dass die Zytotoxizität entsprechend der Normvorgaben nach ISO 10993-5 und DIN
EN ISO 7405 die Bewertung "kein zytotoxisches Potential" aufweist.
Vorteile der erfindungsgemäßen Zusammensetzungen
[0009]
- A Die hohe Reaktivität eines Urethangruppen enthaltenden Acrylsäureesters wurde mit
der steifen Struktur des TCD-Gerüstes kombiniert und kann damit als Alternative zu
Bis-GMA in Dentalkompositen eingesetzt werden. Dabei werden bei einer gesteigerten
Reaktivität höhere Umsatzgrade erreicht und entgegen des bekannten Zusammenhanges
zwischen Umsatzgrad und Volumenschwund trotzdem schrumpfarme Komposite ermöglicht.
Unerwartet günstig fällt dabei die toxikologische Prüfung mit einem Acrylatharzanteil
von > 5% aus (Beispiele/Anlagen).
- B Die toxikologischen Prüfungen belegen die überraschend hohe biologische Verträglichkeit
des polymerisierten Komposites.
- C Höhere Polymerisationsgrade sind vorteilhaft für die mechanischen Eigenschaften der
Komposite, allerdings galten Acrylatmonomere als ungeeignete Vernetzer aufgrund der
nachteiligen toxikologischen Eigenschaften. Nach der Aushärtung wurde überraschend
eine sehr günstige Biokompatibilität nachgewiesen. Die dentalen Komposite werden in
der direkten und indirekten Zahnheilkunde eingesetzt.
Beispiel
Kompositpaste (erfindungsgemäß)
[0010] Die Formulierung erfolgt im Kneter mit Planetengetriebe. Die Arbeiten sind unter
Gelblicht durchzuführen.
Monomere, Initiatoren und Hilfsstoffe werden vorgelegt (evtl. bereits vorgelöst) und
bei 2500 RPM 10 min homogenisiert.
Der Füllstoff wird abgewogen und in mehreren Portionen mit abnehmender Menge zugegeben
([%]: 35 / 25 / 20 / 10 / 5 / 5). Nach jeder Zugabe wird erneut homogenisiert bis
eine knetbare Paste entstanden ist. Bei starker Erwärmung soll die Paste vor dem nächsten
Mischvorgang etwas abkühlen. Bei noch vorhandenen Füllstoffresten wird der Mischvorgang
noch einmal wiederholt.
Toxilogische Prüfung (Zytotoxizitätsprüfung in vitro durch Bildung eines XXT Farbstoffes)
[0011] Mit dem XTT-Farbtest werden die Teilungsfähigkeit und die Überlebensrate der Zellen
gleichzeitig über eine colorimetrische Bestimmung bewertet. Die Prüfung basiert auf
der Freisetzung des gelben Tetrazoliumsalzes XTT (Natrium-3'-(1-phenylaminocarbonyl)-3,4-tetrazolium)-bis(4-methoxy-6-nitro)benzensulfonsäure-Hydrat),
das einen orangefarbenen, wasserlöslichen Formazanfarbstoff bildet infolge der Dehydrogenaseaktivität
von aktiven Mitochondrien.
[0012] Die Prüfung der Cytotoxizität erfolgte entsprechend der Normvorgaben nach ISO 10993-5
und DIN EN ISO 7405. Dazu wurde die unsterile Materialprobe unter Rühren für 72±2
Stunden bei 37±1 °C extrahiert (Extraktionsmittel: Dubecco's Modified Eagle Medium
(DMEM) versetzt mit 10 % Fetal Calf Serum (FCS)). Das Verhältnis Oberfläche/Volumen
war 6 cm
2/ml. Anschließend wurde der Extrakt steril filtriert.
[0013] Eine positive und eine negative Kontrolle zur Zellkultur durchlief den Test parallel
als Referenz zur Validierung. Die Negativkontrolle wurde mit einem Verhältnis Gewicht/Volumen
von 1g/5ml Medium extrahiert. Die Positiv-Kontrolle wurde mit einem Verhältnis Gewicht/Volumen
von 6cm
2/ml des Kulturmediums (DMEM 10% FCS) für 72±2 Stunden bei 37±1 °C extrahiert.
[0014] Negativ-Kontrolle: Polyethylen (Greiner Cellstart, Art. No. 188271, LOT 04080197).
[0015] Positiv-Kontrolle: Puderfreie Industrie-Latex-Handschuhe (Semperit GmbH, LOT 67910077).
[0016] Der Test wurde durchgeführt mit L929 Zellen (ATCC No. CCL1, NCTC clone 929 (connective
tissue mouse), clone of strain L (DSMZ)). Für den Test wurden Kulturen in 75 cm
2 Kulturflaschen (Greiner) in DMEM (PAA) mit 10% FCS (Seromed) bei 37±1 °C und 5,0%
Kohlendioxid verwendet.
[0017] Die Zellkulturen werden mit Ca-Mg-freier PBS für ungefähr 3 Minuten behandelt. Die
enzymatische Reaktion wird mit DMEM 10% FCS gestoppt und eine einzelne Zell-Suspension
mit einer Konzentration von 2·10
4 Zellen/ml hergestellt. 100µl dieser Suspension werden in die Kavitäten einer Tüpfelplatte
gebracht. Die Zellkultur wurde für 24±2 Stunden bei 37±1 °C mit 5,0% CO
2 und 95% Luft inkubiert.
Anschließend werden Verdünnungen des Extraktes mit DMEM 10% FCS zu den Konzentrationen
100, 80, 50, 30, 20, 10%-Vol in einer weiteren Tüpfelplatte bereitgestellt. Dann wird
das Zellkulturmedium der zuvor angesetzten Zellen entfernt und 100µl der Verdünnungen
des Test-Extraktes mit 100µl der Kontrolle (100% Konzentration) in jeweils drei Proben
versetzt. Die Kulturen werden für 24±2 Stunden bei 37±1 °C mit 5,0% CO
2 und 95% Luft inkubiert.
Die XTT-Einfärbung beginnt 1-2 Stunden vor Ende der Inkubationsperiode. Dazu werden
50µl der XTT-Farbmixtur (Roche Diagnostics) zu jeder Zellkultur gegeben. Die Mischung
besteht aus der XTT-Marker-Reagenz (5 ml) und der Elektronenkopplungsreagenz (0,1
ml). Nach Abschluß der Inkubationszeit (1-2 Stunden) werden die Zellkulturen in einen
Platten Detektor (Biotek Systems) zur colorimetrischen Analyse gegeben. Dabei wird
die Absorption bei 490 nm registriert und im Vergleich zur Referenzwellenlänge 630
nm ausgewertet.
[0018] Eine Reduktion der Anzahl lebender Zellen entspricht einer Abnahme der Aktivität
der Dehydrogenase der Mitochondrien in den jeweiligen Zellkulturen. Dadurch wird die
Bildung des orangefarbenen Formazan-Farbstoffes in direkter Korrelation reduziert
und als Extinktion quantitativ aufgezeichnet.

[0019] A(Probe, 490nm) Absorption mit Prüfextrakt
A(Referenz, 490nm) Absorption eines leere Mediums (ohne Zellen)
A(Kontrolle, 490nm) Absorption mit Kontrollkultur ohne Extrakt
[0020] Das Ergebnis wurde als arithmetisches Mittel mit Standardabweichung aus einem Satz
von jeweils drei Proben bestimmt. Eine Dehydrogenaseaktivität unter 70% wird als klar
cyctotoxisch gewertet.
Diskussion der Ergebnisse
[0021] Die stärker ausgeprägte Zytotoxizität von Acrylaten gegenüber Methacrylat-Monomeren
mit vergleichbarer Molmasse, Polarität und Funtionalisierungsgrad ist bekannt. Aus
diesem Grund werden in Dentalmaterialien bevorzugt reine Mischungen verschiedener
Methacrylate oder nur geringe Anteile von Acrylatmonomeren eingesetzt.
[0022] In Übereinstimmung mit diesem bekannten Fakt zeigen auch die eigenen Untersuchungen
mit Anteilen verschiedener Acrylatmonomere (Sartomer 368 und 295) eine nachweisbar
höhere Zytotoxizität gegenüber einer vergleichbaren Zubereitung aus Methacrylaten
ohne diese Zusätze. Während das pastöse Versuchskomposit 201 einer gebräuchlichen
Zusammensetzung eines Dentalharzes aus Bis-GMA und Triethylenglycoldimethacrylat (TEGDMA)
im Verhältnis 7:3 entspricht und kein zytotoxisches Potential zeigt, kann bei Probe
204 mit einem Zusatz von multifunktionellen Acrylatmonomeren ein deutlicher Anstieg
der Cytotoxizität beobachtet werden.
[0023] Entgegen diesem bekannten Effekt zeigte ein vergleichbares Komposit beim Austausch
von Bis-GMA gegen das diacrylatfunktionelle TCD-Monomer sogar eine Reduktion der zytotoxischen
Wirksamkeit. Das erfindungsgemäße TCD-Monomer reduzierte im klassischen dentalen Kompositwerkstoffen
nachweisbar das zytotoxische Potential.
[0024] In einer anderen Harzmischung mit Urethanmethacrylat wurden die Versuche reproduziert.
Eine Mischung aus Triethylenglycoldimethacrylat, UDMA und dem TCD-Monomer wurde in
verschiedenen Kombinationen mit weiteren Monomeren geprüft. Um eine Vergleichbarkeit
zum klassischen Bis-GMA / TEGDMA - Komposit zu erreichen wurden in einem Versuch 72%
Bis-GMA zugegeben und die Probe 338 geprüft. Mit dem gehärteten Komposit wurde eine
sehr geringes zytotoxisches Potential nachgewiesen, das noch unter der Wirksamkeit
von Probe 230 lag. Der vollständige Ersatz des Bis-GMA durch das vergleichbar schrumpfarme
Acrylatmonomer TCD-DI-HEA führte in den Proben 349 und 350 zu einem ähnlich günstigen
zytotoxischen Potential, wobei der Initiatorgehalt noch reduziert werden konnte aufgrund
der höheren Reaktivität des Monomeren.
Damit konnte auch für eine anders zusammengesetzte Harzmischung der gleiche Zusammenhang
zwischen zytotoxischer Wirksamkeit und Art der enthaltenen Acrylatmonomere gezeigt
werden. In den durchgeführten Versuchen konnte gezeigt werden, dass das erfindungsgemäße
Acrylatmonomer mit einer TCD-Urethan-Struktur günstigere toxikologische Eigenschaften
bewirkt als die üblicherweise eingesetzten reaktionsträgeren Methacrylatmonomere oder
andere reaktive Acrylatmonomere.
[0025] Das sehr geringe zytotoxische Potential von härtbaren Dentalwerkstoffen mit dem erfindungsgemäßen
Monomer TCD-DI-HEA, die ein Medizinprodukt darstellen und üblicherweise im ständigen
Kontakt mit dem lebenden Gewebe verbleiben, ist von zentraler Bedeutung für die Einsetzbarkeit
und biologische Akzeptanz solcher Materialien bei Patienten und Anwendern.
Tabelle I Ergebnisse der Zytotoxizitätsmessungen
| |
|
|
|
|
|
|
|
Mitochondriale Hydrogenase Aktivität bei Extraktkonzentration in % |
|
| Type |
TCD |
Bis GMA |
TED-MA |
UD-MA |
SR 295 Tetra A |
UT-MA |
SR 368 Tri A |
100 |
80 |
50 |
30 |
20 |
10 |
Bewertung |
| Probe 5 201 |
|
68 % |
32 % |
|
|
|
|
88 |
91 |
94 |
97 |
98 |
96 |
Kein zytotoxisches Potential |
| Probe 1 204 |
|
38 % |
13 % |
19 % |
10 % |
|
20 % |
0 |
1 |
18 |
71 |
90 |
98 |
Ausgeprägtes zytotoxisches Potential |
| Probe 6 230 |
80 % |
|
20 % |
|
|
|
|
86 |
94 |
96 |
99 |
99 |
96 |
Kein zytotoxisches Potential |
| Probe 9 Polymerisat 338 |
13 % |
73 % |
4 % |
6 % |
|
4 % |
|
94 |
94 |
97 |
98 |
99 |
98 |
Kein zytotoxisches Potential |
| Probe 7 Polymerisat 349 |
90 % |
|
2 % |
4 % |
|
4 % |
|
89 |
92 |
96 |
98 |
100 |
99 |
Kein zytotoxisches Potential |
| Probe 8 Polymerisat 350 |
90 % |
|
2 % |
4 % |
|
4% |
|
91 |
93 |
98 |
100 |
100 |
99 |
Kein zytotoxisches Potential |