[0001] Die Erfindung betrifft eine Mehrsystemkonfiguration zur Zugsicherung mit einem zugseitigen
Altsystem, welches einen Wegimpulsgeber zur Geschwindigkeitsermittlung aufweist, und
einem Mastersystem, insbesondere ETCS (European Train Control System).
[0002] Das ETCS soll die Vielzahl der in den europäischen Ländern eingesetzten Zugsicherungssysteme
ablösen und so eine dichte, schnelle und grenzüberschreitende Zugführung in ganz Europa
ermöglichen. Um einen sicheren und reibungslosen Zugverkehr zu gewährleisten, sind
Zugsicherungssysteme notwendig. In Europa haben sich mehr als 10 Arten entwickelt,
die teilweise nebeneinander und länderabhängig eingesetzt werden und untereinander
nicht kompatibel sind.
[0003] Zur Anpassung der nicht ETCS-kompatiblen nationalen Zugsicherungssteme an das ETCS-Fahrzeuggerät
werden üblicherweise STMs (Specific Transmmission Moduls) eingesetzt. Diese ermöglichen
die Weiterbenutzung der nationalen Zugsicherungssysteme, beispielsweise INDUSI, LZB,
ZUB, SIGNUM, TVM, in einer Übergangsphase. Die STM-Module übersetzen Informationen
von diesen alten Zugsicherungssystemen, so dass ein mit einem ETCS-Fahrzeuggerät und
einem STM-Modul ausgestattetes Triebfahrzeug diese Strecken mit der entsprechenden
länderspezifischen Funktionalität befahren kann.
[0004] Die Entwicklung der verschiedenen STMs muss den Anforderungen der Norm CENELEC 50126
genügen, welche die Anforderungen an Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit, Instandhaltbarkeit
und Sicherheit sowie deren Wechselwirkungen definiert. Da diese Norm bei Änderungen
bzw. Neuentwicklung auch für die z. T. sehr alten nationalen Zugsicherungssysteme
berücksichtigt werden muss, ist der Entwicklungsaufwand für die STMs sehr hoch.
[0005] Um den Aufwand zur Anbindung des Altsystems an das ETCS zu reduzieren, wurde gemäß
der
EP 1 681 222 A1 die Zwischenschaltung eines STM-Gateways zur Anpassung der unterschiedlichen Schnittstellen
der Altsysteme an eine STM-Schnittstelle des ETCS vorgeschlagen.
[0006] Der Erfindung liegt die Aufgabe zugrunde, eine Mehrsystemkonfiguration der gattungsgemäßen
Art anzugeben, bei der auf einfache Weise eine Hochrüstung des Altsystems möglich
ist, wobei nur periphere Anpassungen am Altsystem erforderlich sein sollen.
[0007] Erfindungsgemäß wird die Aufgabe dadurch gelöst, dass das Mastersystem mit dem Wegimpulsgeber
über eine Kopplung und eine Anschaltbaugruppe verbunden ist, wobei das Mastersystem
Steuersignale zur Aktivierung oder Deaktivierung des Wegimpusgebers und eines Führerstandssignals
erzeugt.
[0008] Durch die Anbindung des Mastersystems an den Wegimpulsgeber anstelle einer Gateway-Verbindung
kann der Aufwand zum Ersatz bestimmter Funktionalitäten des Altsystems durch höherwertige
Funktionalitäten des Mastersystems erheblich reduziert werden. Das Mastersystem generiert
Steuersignale zur Aktivierung des Wegimpulsgebers und des Führerstandssignals, wodurch
eine erste Betriebsart "Stand-alone Altsystem" angewählt ist oder Steuersignale zur
Deaktivierung des Wegimpulsgebers und des Führerstandssignals, durch die der Wegimpulsgeber
des Altsystems deaktiviert wird, so dass eine zweite Betriebsart "Mischsystem" angewählt
ist. Erst das Zusammenspiel zwischen Wegimpulsgeber und Führerstandssignal führt zur
Aktivierung oder Deaktivierung von Komponenten des Altsystems. Durch Abriegelung des
Führerstandssignals werden Antennenbaugruppen zum Empfang streckenseitig erzeugter
Informationen, beispielsweise INDUSI(induktive Zugsicherung)-Magnete passiviert und
durch Aufriegelung des Führstandsignals aktiviert. Dadurch ergibt sich der Vorteil,
dass Geschwindigkeitsmessung und streckenseitige Zugbeeinflussung des Altsystems bedarfsgerecht
aktiviert und deaktiviert werden können. In der ersten Betriebsart "Stand-alone Altsystem"
bleiben Funktion, Anzeige, Bedienung und Fehleroffenbarung des Altsystems komplett
erhalten. Die Kopplung wird dabei als rückwirkungsfrei vorausgesetzt. In der zweiten
Betriebsart "Mischsystem" werden Komponenten des Altsystems deaktiviert, wodurch das
Mastersystem diese Funktionalitäten übernehmen kann. Die restlichen Komponenten des
Altsystems, die anderen Funktionalitäten zugeordnet sind, bleiben davon unberührt
und sind weiterhin in Betrieb. Auf diese Weise ergibt sich eine kostengünstige Hochrüstung
der Altsysteme von Stand-alone-Betrieb zu Mischbetrieb, wobei am Altsystem nur periphere
Ein-Aus-Baugruppen zur Aktivierung bzw. Deaktivierung erforderlich sind.
[0009] Gemäß Anspruch 2 beaufschlagt die Kopplung sowohl die Anschaltbaugruppe des Wegimpulsgebers
als auch eine Eingabebaugruppe zur Aktivierung/Deaktivierung des Führstandsignals.
Somit erzeugt das Mastersystem Steuersignale zur Aktivierung oder Deaktivierung der
Zugbeeinflussung und des Wegimpulsgebers des Altsystems. Dadurch werden streckenseitig
erzeugte Informationen und/oder Sensoren für die Geschwindigkeitsermittlung durch
eigene Funktionalitäten des Mastersystems ersetzt. Die Zugbeeinflussung wird bei ETCS
als Mastersystem beispielsweise durch Balisenempfang oder komfortableren Funkempfang
ersetzt. Anstelle des herkömmlichen Wegimpulsgebers des Altsystems kann beispielsweise
eine Dopplerradarsensorik des ETCS treten.
[0010] Der Status der Kopplung wird gemäß Anspruch 3 mit Hilfe eines Stromkopplers erfasst
und an die Eingabebaugruppe gemeldet.
[0011] Wenn das Mastersystem in Betrieb ist, meldet das Altsystem gemäß Anspruch 5 über
die Anschaltbaugruppe des Wegimpulsgebers und die Kopplung seinen Status an das Mastersystem
zurück. Dazu werden ohnehin vorhandene Funktionskontrollsignale des Altsystems genutzt.
[0012] Eine periphere Beschaltung des Altsystems durch die Anschaltbaugruppe und die Eingabebaugruppe
genügt. Interne Änderungen am Altsystem selbst sind nicht erforderlich, so dass bei
der erfindungsgemäßen Hochrüstung zu einer Mehrsystemkonfiguration keine neuen und
üblicherweise sehr aufwendigen sicherheitstechnischen Nachweise zum Zwecke der Freigabe
durch die jeweilige Zulassungsbehörde erforderlich sind.
[0013] Die Erfindung wird nachfolgend anhand figürlicher Darstellungen näher erläutert.
Es zeigen:
- Figur 1
- eine Ausführungsform einer Mehrsystemkonfiguration und
- Figur 2
- Signalverläufe.
[0014] Figur 1 zeigt ein ETCS - European Train Control System - 1 als Mastersystem im Zusammenwirken
mit einem Altsystem 2 zur Zugsicherung. Das Altsystem 2 ist mit den üblichen Baugruppen
Eingabe 3, Anzeige 4, Antennenbaugruppe 5 und Wegimpulsgeber 6 ausgestattet, die einen
Bremseingriff 7 zur sicherheitsrelevanten Zwangsbremsung beaufschlagen. Peripher ist
das Altsystem 2 üblicherweise mindestens mit einer Eingabebaugruppe 8 beschaltet.
[0015] Das ETCS 1 ist über eine Kopplung 9 und eine Anschaltbaugruppe 11 mit dem Wegimpulsgeber
6 des Altsystems 2 verbunden. Das ETCS 1 sendet über die Kopplung 9, die zur Signalanpassung
und Signalauswahl dient, Steuersignale 11 an die Anschaltbaugruppe 10, wodurch die
Funktionalität des Wegimpulsgebers 6 entweder aktiviert oder deaktiviert wird. Diese
Umschaltung oder Ersteinschaltung erfolgt zusammen mit der Ansteuerung der Eingabebaugruppe
8, wodurch eine Führerstandsaufriegelung oder Abriegelung bewirkt wird. Die Bestromung
der Eingabebaugruppe 8 erfolgt über einen Stromkoppler 12, der von der Kopplung 9
gesteuert wird, wenn die Kopplung 9 das Steuersignal 11 zu der Anschaltbaugruppe 10
des Wegimpulsgebers 6 durchgeschaltet hat. Bei Aktivierung bleiben die gesamten Funktionen
des Altsystems 2 unverändert, so dass das Altsystem 2 im Stand-alone-Modus arbeitet.
Deaktiiverung des Wegimpulsgebers 6 und des Führstandsignals führt zum Ersatz der
Funktionalität des Wegimpulsgebers 6 und der vom Führerstandsignal geschalteten Antennenbaugruppe
5 durch ETCSeigene Funktionen, insbesondere auf der Basis einer Dopplerradarsensorik
und einer Balisen- oder Funkzugbeeinflussung. Auf diese Weise werden nur die Baugruppen
Wegimpulsgeber 6 und Antennenbaugruppe 5 des Altsystems 2 quasi umgangen. Die anderen
Funktionalitäten, insbesondere die des Bremseingriffes 7 des Altsystems 2, sind weiterhin
aktiv. Das Altsystem 2 übermittelt laufend Statussignale 13 über die Anschaltbaugruppe
10 bzw. die Eingabebaugruppe 8 und die Kopplung 9 zurück an das Mastersystem ETCS
1, so dass letztlich das ETCS 1 die Steuerung und die Funktionskontrolle des Altsystems
2 übernimmt. Das ETCS 1 kann dabei einen Resetschalter 14 zur Erhaltung besonderer
Eigenschaften des Altsystems 2 blockieren oder freischalten.
[0016] Zusätzlich kann das ETCS 1 weitere Sicherheitsfunktionen, die das Altsystem 2 nicht
bietet, über die Kopplung 9 und die Anschaltbaugruppe 10 oder die Eingabebaugruppe
8 an den Bremseingriff 7 des Altsystems 2 weiterleiten.
[0017] Figur 2 zeigt Signalverläufe bezüglich Wegimpulsgeber 6, Eingabebaugruppe 8, d. h.
Führerstandssignal, und Restschalter 14. Zur Passivierung A wird am Wegimpulsgeber
6 durch das ETCS 1 kurzzeitig ein Geschwindigkeitswert v = 0 erzeugt - auch während
der Fahrt. Dadurch lässt sich das Führerstandssignal über die Eingabebaugruppe 8 abriegeln.
Die Antennenbaugruppe 5 wird abgeschaltet. Danach kann der Wegimpulsgeber 6 wieder
aktiv sein - bei abgeriegeltem Führerstandsignal.
[0018] Zur Aktivierung B wird wiederum durch das ETCS 1 zunächst der Wegimpulsgeber 6 angesteuert,
um den Geschwindigkeitswert v = 0 zu erzeugen. Dadurch lässt sich das Führerstandssignal
aufriegeln. Das Altsystem wechselt in den Stand-alone-Modus. Der Resetschalter 14
wird freigeschaltet und kann ggf. betätigt werden, wie der untere Signalverlauf zeigt.
1. Mehrsystemkonfiguration zur Zugsicherung mit einem zugseitigen Altsystem (2), welches
einen Wegimpulsgeber (6) zur Geschwindigkeitsermittlung aufweist, und einem Mastersystem,
insbesondere ETCS - European Train Control System - (1),
dadurch gekennzeichnet, dass
das Mastersystem mit dem Wegimpulsgeber (6) über eine Kopplung (9) und eine Anschaltbaugruppe
(10) verbunden ist, wobei das Mastersystem Steuersignale (11) zur Aktivierung oder
Deaktivierung des Wegimpulsgebers (6) und eines Führerstandsignals erzeugt.
2. Mehrsystemkonfiguration nach Anspruch 1,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Kopplung (9) sowohl die Anschaltbaugruppe (10) als auch eine Eingabebaugruppe
(8) des Altsystems beaufschlagt.
3. Mehrsystemkonfiguration Anspruch 2,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Kopplung (9) über einen Stromkoppler (12) mit der Eingabebaugruppe (8) verbunden
ist.
4. Mehrsystemkonfiguration nach Anspruch 2 oder 3,
dadurch gekennzeichnet, dass
die Eingabebaugruppe (8) einen Resetschalter (14) aufweist.
5. Mehrsystemkonfiguration nach einem der vorangehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass
das Altsystem (2) Statussignale (13) über die Anschaltbaugruppe (10) bzw. die Eingabebaugruppe
(8) und die Kopplung (9) an das Mastersystem überträgt.