Technisches Gebiet
[0001] Die Erfindung bezieht sich auf ein Verfahren zur Herstellung eines Biegeteils durch
zwei- oder dreidimensionales Biegen eines langgestreckten Werkstücks, insbesondere
eines Drahtes oder eines Rohres, gemäß dem Oberbegriff von Anspruch 1 sowie auf eine
zur Durchführung des Verfahrens geeignete Vorrichtung gemäß dem Oberbegriff von Anspruch
11.
Beschreibung des Standes der Technik
[0002] Bei der automatisierten Herstellung von zwei- oder mehrdimensional gebogenen Biegeteilen
mit Hilfe numerisch gesteuerter Biegemaschinen werden die Bewegungen von Maschinenachsen
einer Biegemaschine mit Hilfe einer Steuereinrichtung koordiniert angesteuert, um
an dem Werkstück, beispielsweise einem Draht, einem Rohr, einer Leitung oder einem
Stab, durch plastisches Umformen eine oder mehrere bleibende Biegungen zu erzeugen.
In einem Biegeprozess wird dabei mindestens ein Abschnitt des Werkstücks durch eine
oder mehrere Zufuhroperationen, wie Einziehen, Positionieren und/oder Orientieren,
in eine Ausgangsstellung im Eingriffsbereich eines Biegewerkzeugs bewegt und mit Hilfe
des Biegewerkzeugs in mindestens einer Biegeoperation durch Biegen umgeformt.
[0003] Wenn in einer Biegeoperation eine Biegung hergestellt wird, wird das freie Ende des
Biegeteils, welches gegebenenfalls bereits ein- oder mehrfach gebogen ist, um ein
Teil des Biegewerkzeuges, beispielsweise einen feststehenden Biegedorn, herumgeführt.
Insbesondere bei der Biegeoperation, ggf. aber auch bei der Positionierung des Werkstücks
und/oder bei einem Wechsel der Biegeebene, kann der freie Endabschnitt des Werkstücks
Bewegungen und Beschleunigungen ausgesetzt sein, die zu Schwingungen des freien Endabschnitts
führen können. Dieser Effekt der Erzeugung von Schwingungsbewegungen freier Werkstückabschnitte
im Biegprozess wird gelegentlich als "Peitscheneffekt" bezeichnet.
[0004] Der Peitscheneffekt wirkt sich in der Regel negativ auf die Stückleistung aus. Durch
Schwingungsbewegungen kann es sogar zu unerwünschten plastischen Verformungen am Biegeteil
kommen. Die Größe, die Länge und damit die Masse bzw. die Massenträgheit des Werkstücks
sowie seine Steifigkeit haben dabei entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß und die
Art der unerwünschten Schwingungsbewegungen.
[0005] Wenn Probleme mit Schwingungen des Biegeteils auftreten oder erwartet werden, werden
in der Regel die Geschwindigkeiten und/oder die Beschleunigungen der Maschinenachsen
bei schwingungskritischen Bewegungen so weit reduziert, dass Schwingungen nur noch
in einem nicht störenden Ausmaß oder idealer Weise gar nicht mehr auftreten. Diese
Art der Ursachenbegrenzung wirkt sich jedoch nachteilig auf die Stückleistung aus,
da das Teil langsamer gebogen wird. Alternativ oder zusätzlich werden teilweise Beruhigungszeiten
zwischen den einzelnen Bewegungen programmiert, so dass die Schwingungen des bereits
fertig gestellten Abschnitts des Biegeteils bis auf einen akzeptablen Wert abklingen
können, bevor ein nachfolgender Arbeitsschritt des Fertigungsprozesses ausgeführt
wird. Diese Möglichkeiten zur Beeinflussung des Schwingungsverhaltens basieren auf
dem Wissen und Können des Anwenders und setzen sehr erfahrene Maschinenbediener voraus.
In jedem Fall wird die Stückleistung der Biegemaschine durch diese Maßnahmen begrenzt,
wodurch letztendlich die Herstellungskosten der Biegeteile steigen.
[0006] Weiterhin werden häufig Tischplatten oder andere Stützelemente eingesetzt, um die
Freiheitsgrade der Schwingungen zu begrenzen und/oder durch Reibung zu dämpfen. Solche
Maßnahmen erfordern jedoch einen mechanischen Zusatzaufwand und schränken den Biegefreiraum
oft unerwünscht ein. Außerdem handelt es sich häufig um biegeteilspezifische Lösungen,
die für jedes Biegeteil oder für eine Gruppe von Biegeteilen neu entwickelt werden
müssen. Auch hierdurch steigen die Herstellungskosten der Biegeteile.
ZUSAMMENFASSUNG DER ERFINDUNG
[0007] Es ist eine Aufgabe der Erfindung, ein Verfahren und eine Vorrichtung zur Herstellung
von Biegeteilen bereitzustellen, bei denen der nachteilige Einfluss von Schwingungsbewegungen
am Biegeteil gegenüber herkömmlichen Verfahren und Vorrichtungen erheblich reduziert
ist. Insbesondere soll die Stückleistung von Biegemaschinen bzw. des Biegeprozessen
erhöht werden.
[0008] Zur Lösung dieser Aufgabe stellt die Erfindung ein Verfahren mit den Merkmalen von
Anspruch 1 sowie eine Vorrichtung mit den Merkmalen von Anspruch 11 bereit. Vorteilhafte
Weiterbildungen sind in den abhängigen Ansprüchen angegeben. Der Wortlaut sämtlicher
Ansprüche wird durch Bezugnahme zum Inhalt der Beschreibung gemacht.
[0009] Zur Herstellung des Biegeteils wird eine numerisch gesteuerte Vorrichtung verwendet,
die mehrere Maschinenachsen hat, deren Bewegungen mit Hilfe einer computergestützten
Steuereinrichtung gesteuert werden. Solche Vorrichtungen werden in dieser Anmeldung
auch als CNC-Biegemaschinen bzw. einfach als Biegemaschinen bezeichnet. Zu einer Maschinenachse
gehört mindestens ein Antrieb, z.B. ein elektrischer Motor. Der Antrieb treibt ein
beweglich gelagertes Teil der Maschinenachse an, z.B. einen linear verfahrbaren Schlitten
oder ein drehbar gelagertes Teil. Durch koordinierte Ansteuerung der Antriebe bzw.
der Bewegungen der Maschinenachsen wird in einem Biegeprozess mindestens ein Abschnitt
des Werkstücks durch eine oder mehrere Zufuhroperationen in eine Ausgangsstellung
im Eingriffsbereich eines Biegewerkzeugs bewegt und mit Hilfe des Biegewerkzeugs in
mindestens einer Biegeoperation durch Biegen umgeformt. Zu den Zufuhroperationen gehören
insbesondere das Einziehen, das Positionieren und das Orientieren des Werkstücks.
Dabei steht der Begriff "Einziehen" hier für eine lineare Zufuhrbewegung des Werkstücks
parallel zur Längsachse eines unverbogenen Werkstückabschnitts, z.B. um diesen in
Richtung Biegewerkzeug zu fördern. Das "Positionieren" wird in der Regel ebenfalls
mit Hilfe linearer Maschinenachsen erreicht, welche Bewegungen des Werkstücks quer,
insbesondere senkrecht zur Längsachse des noch unverbogenen Werkstückabschnittes beinhalten.
Beim "Orientieren" wird das Werkstück üblicherweise um die Längsachse des eingespannten,
noch nicht verbogenen Werkstückabschnitts gedreht, so dass die zugehörige Maschinenachse
eine Drehachse (Rotationsachse) ist. Drehbewegungen beim Orientieren werden insbesondere
genutzt, um bei einem bereits mindestens einmal gebogenen Biegeteil einen Wechsel
der Biegeebene herbeizuführen.
[0010] Nachdem das Werkstück durch eine oder mehrere Zufuhroperationen in eine Ausgangsstellung
im Eingriffsbereich eines Biegewerkzeugs bewegt wurde, wird es mit Hilfe des Biegewerkzeugs
in mindestens einer Biegeoperation durch Biegen umgeformt. Bei der Biegeoperation
wird typischerweise mindestens eine Rotationsachse der Biegemaschine angetrieben,
um beispielsweise einen Biegestift relativ zu einem feststehenden Biegedorn zu verdrehen
und dadurch an einem zwischen Biegestift und Biegedorn liegenden Werkstückabschnitt
eine Biegung mit vorgebbarem Biegeradius und Biegewinkel zu erzeugen.
[0011] Jede Bewegung einer Maschinenachse wird gemäß einem Bewegungsprofil durchgeführt,
das durch die Steuereinrichtung auf Basis eines Computerprogramms vorgegeben wird.
Der Antrieb der Maschinenachse wird hierzu entsprechend angesteuert bzw. mit Leistung
versorgt. Das Bewegungsprofil kann beispielsweise durch den bei der Bewegung zurückgelegten
Weg oder Winkel, die Geschwindigkeit und/oder die Beschleunigung der Bewegung jeweils
als Funktion der Zeit oder anderer Parameter charakterisiert werden. Die Parameter
für die Bewegungsprofile richten sich nach Art und Größe des herzustellenden Biegeteils
und können beispielsweise bei der Einrichtung der Biegemaschine für einen Biegeprozess
durch einen Maschinenbediener in eine Eingaberoutine anhand geeigneter Eingabeparameter
eingegeben werden. Bei manchen Vorrichtungen können z.B. die Größe der Geschwindigkeit
und der Beschleunigung von Bewegungen bzw. Bewegungsabschnitten vorgegeben werden.
Manchmal kann auch zwischen verschiedenen Beschleunigungsverläufen für eine Beschleunigungsphase
gewählt werden.
[0012] In der Regel führen viele der bei einem Biegeprozess koordiniert ablaufenden Bewegungen
von Maschinenachsen aufgrund der Massenträgheit zu Schwingungen des über die Einspannung
hinausragenden freien Endabschnitts des Biegeteils, vor allem dann, wenn dieser bereits
einfach oder mehrfach gebogen ist oder ohne Biegung eine große freie Länge besitzt.
Diejenigen Bewegungen von Maschinenachsen der Biegemaschine, welche zu einer den Biegeprozess
eventuell störenden Schwingungsbewegung des freien Abschnittes eines Biegeteils führen
können, werden hier als "schwingungsrelevante Bewegungen" bezeichnet.
[0013] Eine Besonderheit des Verfahrens besteht nun darin, dass während einer solchen schwingungsrelevanten
Bewegung einer Maschinenachse in mindestens einem Kompensationszeitintervall eine
Kompensationsbewegung der Maschinenachse erzeugt wird, die die Schwingungserzeugung
vermindert und/oder die dazu geeignet ist, Schwingungsenergie aus einer bereits angeregte
Schwingung abzuziehen bzw. abzuleiten. Die Bewegungsprofile von schwingungsrelevanten
Bewegungen werden dabei im Vergleich zu entsprechenden Bewegungsprofilen herkömmlicher
Verfahren gezielt so modifiziert, dass Schwingungen von störendem Ausmaß von vorneherein
unterdrückt werden und/oder dass die Amplitude entstandener Schwingungen durch Schwingungsenergieentzug
so stark reduziert wird, dass unvermeidliche Restschwingungen so geringfügig sind,
dass der Biegeprozess dadurch praktisch nicht beeinträchtigt wird. Der Entzug von
Schwingungsenergie mit der Folge der Amplitudenreduzierung wird in dieser Anmeldung
auch als "Dämpfung" der Schwingung bezeichnet.
[0014] Durch die Vermeidung und/oder Reduzierung von Schwingungen mit Hilfe optimierter
Bewegungsabläufe mindestens einer Maschinenachse können Beruhigungszeiten im Vergleich
zu konventionellen Verfahren völlig vermieden oder jedenfalls erheblich reduziert
werden, wodurch z.B. ein schnelleres Einfädeln des Werkstücks in das Biegewerkzeug
möglich wird. Hierdurch kann die Stückleistung des Biegeprozesses erheblich erhöht
werden. Zudem können Geschwindigkeiten und Beschleunigungen schwingungsrelevanter
Bewegungen gegenüber herkömmlichen Verfahren erhöht werden, so dass z.B. eine Biegeoperation
schneller als bisher ablaufen kann, ohne durch Biegeteilschwingungen beeinträchtigt
zu werden. Zur Erzielung dieser Vorteile ist kein mechanischer Zusatzaufwand erforderlich.
Die Optimierung des Biegeprozesses ist zudem unabhängig von der Geometrie des Biegeteils,
da die entsprechenden Schwingungsreduzierungsmaßnahmen und/oder Schwingungsunterdrückungsmaßnahmen
nach Eingabe der Biegeteilparameter auf Ebene der Steuerungssoftware der Steuereinrichtung,
gegebenenfalls automatisch, halbautomatisch oder manuell aufgrund der Erfahrung des
BEdieners umgesetzt werden können.
[0015] Ein Kompensationszeitintervall ist ein Zeitintervall, in welchem mindestens eine
Maschinenachse eine speziell auf die Vermeidung und/oder Reduzierung von Schwingungsbewegungen
des Biegeteils optimierte Kompensationsbewegung ausführt, wobei diese Kompensationsbewegung
vorzugsweise ungleichförmig ist. Ein Kompensationszeitintervall kann sich über die
gesamte Zeit zwischen dem Anfangspunkt und dem Endpunkt einer Bewegung erstrecken.
Die gesamte Bewegung kann dann nach einem schwingungsoptimierten Bewegungsgesetz ablaufen.
Es ist auch möglich, dass ein Teil der Bewegung, z.B. deren Anfangsphase, ohne Rücksicht
auf Schwingungserzeugung und/oder Schwingungsenergieentzug durchgeführt wird, und
dass sich ein Kompensationszeitintervall nur über einen Teil der Gesamtzeit zwischen
Anfangspunkt und Endpunkt der Bewegung erstreckt, z.B. über weniger als 50% oder weniger
als 30% der Gesamtzeit. Der Anfangspunkt und der Endpunkt einer Bewegung sind in der
Regel jeweils Rastpunkte bzw. Stillstandspunkte der Bewegung (Bewegungsgeschwindigkeit
gleich null).
[0016] Bei manchen Ausführungsformen werden die Schwingungen des freien Endabschnittes des
Werkstücks durch gezielte Vorgaben für den Geschwindigkeitsverlauf für eine oder mehrere
relevante Maschinenachsen der Vorrichtung innerhalb eines Kompensationszeitintervalls
durch gezieltes Entziehen bzw. Ableiten von Schwingungsenergie hinsichtlich ihrer
Schwingungsamplitude reduziert bzw. gedämpft. Der Schwingungsenergieentzug kann so
stark sein, dass die Schwingungsamplitude innerhalb einer Zeitdauer von weniger als
einer Schwingungsperiode, insbesondere innerhalb einer Zeitdauer von weniger als einer
halben Schwingungsperiode, durch den Energieentzug auf weniger als 50% oder weniger
als 30% oder weniger als 20% des vor Beginn des Energieentzuges vorliegenden Ausgangswertes
reduziert.
[0017] Bei einer Ausführungsform wird mindestens eine bei einer schwingungsrelevanten Bewegung
aktive Maschinenachse so gesteuert, dass zu Beginn des Kompensationszeitintervalls
eine positive oder negative Beschleunigung, d.h. eine Geschwindigkeitsänderung der
Maschinenachse derart erzeugt wird, dass sich eine Verringerung einer Geschwindigkeitsdifferenz
zwischen der momentanen Bewegungsgeschwindigkeit der Maschinenachse und der korrespondierenden
momentanen Bewegungsgeschwindigkeit des schwingenden freien Endabschnitts des Werkstücks
im Vergleich zur Geschwindigkeitsdifferenz ohne die Kompensationsbewegung ergibt.
Es findet also aufgrund der Kompensationsbewegung eine Annäherung der Bewegungsgeschwindigkeiten
von Maschinenachse und schwingenden Werkstückabschnitt statt. Diese Annäherung der
Bewegungsgeschwindigkeiten entspricht einer Verringerung der Relativbeschleunigung
bzw. einer Differenzbeschleunigung zwischen der Maschinenachse und dem freien Endabschnitt.
Dadurch kann je nach zeitlicher Lage des Beginns der kompensierenden Beschleunigung
in Bezug auf die Phase bzw. den zeitlichen Verlauf der Schwingungsbewegung potentielle
und/oder kinetische Energie aus dem schwingenden Werkstück abgezogen werden.
[0018] Es gibt mehrere Möglichkeiten, denjenigen Zeitpunkt zu legen, bei dem eine wirksam
kompensierende Beschleunigung beginnen kann. Eine Betrachtung der Erscheinungsformen
von Schwingungsenergie während einer Schwingung ist hier hilfreich.
[0019] In einem Zeitpunkt maximaler Auslenkung einer Schwingungsbewegung (bzw. einer Komponente
der Schwingungsbewegung) ist die gesamte Schwingungsenergie der Schwingungsbewegung
(bzw. der entsprechenden Komponente) in Form von potentieller Energie (Federenergie,
elastische Energie) im freien Endabschnitt des Biegeteils gespeichert. Danach wird
sie freigesetzt, wandelt sich zunehmend in kinetische Energie um und hält die Schwingung
in Gang. In einem dem Zeitpunkt maximaler Auslenkung unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt
maximaler Schwingungsgeschwindigkeit, d.h. nach einer Viertel der Schwingungsperiode,
bewegt sich der schwingende Endabschnitt des Biegeteils durch die Null-Lage bzw. Ruhelage
der Schwingungsbewegung. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die elastische Verformung des
freien Endabschnitts idealer Weise völlig abgebaut, so dass die gesamte Schwingungsenergie
in Form von kinetischer Energie vorliegt. Nach Durchtritt durch die Null-Lage bewegt
sich der freie Endabschnitt in Richtung maximaler Auslenkung in die andere Schwingungsrichtung
und es wird durch elastische Verformung des freien Endabschnitts wieder Federenergie
(potentielle Energie) aufgebaut.
[0020] Wird nun der Beginn des Kompensationszeitintervalls möglichst nahe zum Zeitpunkt
maximaler Auslenkung der Schwingungsbewegung gelegt, so kann vor allem die im elastisch
deformierten Biegeteilabschnitt in Form von potentieller Energie gespeicherte Schwingungsenergie
mit Hilfe der Kompensationsbewegung aus dem schwingenden Abschnitt des Biegeteils
abgeführt werden. Wird dagegen der Beginn des Kompensationszeitintervalls möglichst
nahe zu einem Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit (Durchgang durch die
Null-Lage) der Schwingungsbewegung gelegt, so kann vor allem in Form von kinetischer
Energie vorliegende Schwingungsenergie mit Hilfe der Kompensationsbewegung aus dem
schwingenden Abschnitt des Biegeteils abgeführt werden. In der Regel werden Mischformen
vorliegen, so dass sowohl kinetische als auch potentielle Energie durch die Kompensationsbewegung
abgebaut wird.
[0021] Bei manchen Ausführungsformen wird mindestens eine bei einer schwingungsrelevanten
Bewegung aktive Maschinenachse so gesteuert, dass ein Beginn eines Kompensationszeitintervalls
bezogen auf den zeitlichen Verlauf der Schwingungsbewegung innerhalb eines ersten
Zeitintervalls zwischen einem Zeitpunkt maximaler Auslenkung der Schwingungsbewegung
und dem unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit liegt.
Zu jeder Schwingungsperiode gehören zwei erste Zeitintervalle. In einem ersten Zeitintervall
vergrößert sich der Betrag der Geschwindigkeitsdifferenz ausgehend von null (zum Zeitpunkt
maximaler Auslenkung) zu einem größeren Wert zum Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit.
Eine kompensierende Beschleunigung der Maschinenachse, die möglichst früh nach einem
Zeitpunkt maximaler Auslenkung einsetzt, kann dazu genutzt werden, den Aufbau einer
kritisch großen Geschwindigkeitsdifferenz zu verhindern. Sanfte Beschleunigungen können
dabei große dämpfende Wirkung entfalten.
[0022] Alternativ oder zusätzlich kann vorgesehen sein, dass mindestens eine bei einer schwingungsrelevanten
Bewegung aktive Maschinenachse so gesteuert wird, dass ein Beginn eines Kompensationszeitintervalls
bezogen auf den zeitlichen Verlauf der Schwingungsbewegung innerhalb eines zweiten
Zeitintervalls zwischen einem Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit und dem
unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt maximaler Auslenkung der Schwingungsbewegung liegt.
Wenn die kompensierende Beschleunigung der Maschinenachse möglichst früh nach einem
Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit einsetzt, kann erreicht werden, dass
überwiegend in Form von kinetischer Energie vorliegende Schwingungsenergie entzogen
wird.
[0023] Von mehreren möglichen Lagen des Beginns einer Kompensationsbewegung wird häufig
diejenige gewählt, bei der der freie Endabschnitt in Rückwärtsrichtung, also entgegen
der Bewegungsrichtung der Maschinenachse schwingt oder schwingen will. In diesem Fall
wird die Kompensationsbewegung der Maschinenachse mit einer Phase negativer Beschleunigung,
also mit einer Reduzierung der Bewegungsgeschwindigkeit bzw. einer Abbremsbewegung
beginnen. Beispielsweise kann ein erstes Zeitintervall so gewählt werden, dass die
maximale Auslenkung der Schwingungsbewegung, die den Anfang des ersten Zeitintervalls
definiert, eine maximale Auslenkung in Vorwärtsrichtung der Bewegung der Maschinenachse
ist. Dann schwingt nämlich das Biegeteil im ersten Zeitintervall in Rückwärtsrichtung.
[0024] Kompensationsbewegungen mit negativer Beschleunigung, d.h. Abbremsbewegungen der
Maschinenachse, können besonders in der Endphase einer Maschinenachsenbewegung, d.h.
zeitlich kurz vor Erreichen des Endpunktes der Bewegung nützlich sein. Die Abbremsbewegung
kann dann so ausgelegt werden, dass die Maschinenachse nach der kompensierenden Abbremsbewegung
nicht mehr schneller bewegt wird, sondern ihren Rastpunkt (Stillstand der Bewegung
der Maschinenachse) ohne nochmalige substantielle positive Beschleunigung unmittelbar
anstrebt.
[0025] Eine Ableitung von Schwingungsenergie aus dem Biegeteil ist jedoch auch in einer
Phase einer Vorwärtsschwingung des Biegeteils möglich, in welcher sich der schwingende
Abschnitt des Werkstücks schneller als die Maschinenachse bewegt. Ein Entzug von Schwingungsenergie
ist dann durch positive Beschleunigung der Maschinenachse möglich. Dies kann z.B.
in Bewegungsphasen vorteilhaft sein, in denen die Bewegung der Maschinenachse ohnehin
schneller wird, etwa in der Anfangsphase einer Biegeoperation.
[0026] Das Kompensationszeitintervall kann also mit einer Geschwindigkeitserhöhung, also
mit positiver Beschleunigung, oder mit einer Verzögerung, d.h. mit negativer Beschleunigung,
beginnen, wobei die Art der Beschleunigung (positiv oder negativ) dem Schwingungsverlauf
des Biegeteiles so angepasst sein sollte, dass sich gleich zu Beginn des Kompensationszeitintervalls
eine Verringerung der Beschleunigungsdifferenz ergibt.
[0027] Eine Kompensationsbewegung kann die Form einer Gegenschwingung annehmen, bei der
sich Phasen mit positiver und Phasen mit negativer Beschleunigung der Maschinenachse
einmal oder mehrfach abwechseln, um beispielsweise einen annähernd sinusförmigen Beschleunigungsverlauf
zu erzeugen. Solche Kompensationsbewegungen können sich über mehr als eine halbe Periodenlänge
einer Schwingung, insbesondere über mindestens eine oder mindestens zwei oder mindestens
drei oder mehr Periodenlängen erstrecken.
[0028] In vielen Fällen tritt eine zu reduzierende Schwingung während einer Biegeoperation
auf, bei der das Biegewerkzeug in Eingriff mit dem schwingenden Biegeteil steht und
die Biegeachse aktiv ist. Dabei kann die im Biegeteil und/oder in der Bewegung des
Biegeteils vorliegende Schwingungsenergie der in der Biegeebene liegenden Schwingungskomponente
durch das eine Kompensationsbewegung ausführende Biegewerkzeug abgeführt werden. Die
Kompensationsbewegung des Biegewerkzeuges reduziert somit die Schwingungsbewegung
aktiv.
[0029] Eine Kompensationsbewegung kann grundsätzlich bei allen Maschinenachsen vorgesehen
sein, um die Energie einer der Maschinenachse zugeordneten Schwingungskomponente teilweise
oder ganz aus dem schwingenden System abzuführen, beispielsweise auch an einer Einzugsachse.
Es können ggf. auch mehrere Maschinenachsen gleichzeitig so angesteuert werden, dass
Energie aus mehreren Schwingungskomponenten einer komplexeren Schwingungsbewegung
(z.B. ebene Schwingung und Torsionsschwingung) abgezogen wird.
[0030] Für die Wirksamkeit eines aktiven Entzugs von Schwingungsenergie mittels einer Kompensationsbewegung
ist es wichtig, dasjenige Zeitfenster der Schwingungsbewegung zu treffen, in welchem
während einer bestimmten Phase der Bewegung die Schwingungsenergie optimal abgeleitet
werden kann. Besonders geeignete Zeitintervalle machen jeweils nur ein Viertel einer
Schwingungsperiode aus, wobei die absolute Größe des Zeitfensters abhängig von der
Schwingungsfrequenz des schwingenden Endabschnittes ist.
[0031] Eine besonders kostengünstig umsetzbare, ausreichend präzise, wirksame und ggf. ausschließlich
durch geeignete Softwarekomponenten für die Steuerungssoftware realisierbare Verfahrensvariante
beruht auf der Berechnung von Eigenfrequenzen des schwingungsfähigen freien Endabschnitts
des Werkstücks während des Biegeprozesses. Wenn eine CNC-Biegemaschine für die Durchführung
eines Biegeprozesses eingerichtet wird, werden u.a. Eingaben zur Definition der gewünschten
Geometrie des fertigen Biegeteils benötigt. Die Biegeteilgeometrie kann z.B. durch
strukturierte Eingabe von Geometriedaten (z.B. Angaben über Biegeradien, Biegewinkel
und Orientierung der Biegeebene von ebenen Biegungen, die Länge anschließender ungebogener
Schenkel, Parameter von ggf. vorgesehenen Wendeln etc. ) online oder offline definiert
werden. Zusätzlich werden in der Regel Werkstückdaten eingegeben oder aus einem Speicher
eingelesen, z.B. Daten über Werkstückquerschnitt, Werkstückdurchmesser, Art des Werkstoffes,
Dichte des Werkstoffes etc. Aus diesen Daten kann unter anderem die Massenverteilung
und das Massenträgheitsmoment des freien Endabschnitts für jede Phase des Biegeprozesses
errechnet werden.
[0032] Bei einer Verfahrensvariante werden unter Verwendung der Geometriedaten eines Biegeteils
und Werkstückdaten Eigenfrequenzen bzw. Eigenfrequenzdaten errechnet, die eine oder
mehrerer Eigenfrequenzen des schwingungsfähigen freien Endabschnitts des Werkstücks
für eine oder mehrere aufeinanderfolgende Phasen, insbesondere für alle Phasen des
Biegeprozesses repräsentieren.
[0033] Wird weiterhin für einen definierbaren Referenzzeitpunkt der Schwingung deren Phasenlage
vorgegeben oder bestimmt, so kann unter Verwendung der Eigenfrequenzen bzw. von Daten,
die die Eigenfrequenz bzw. die Eigenfrequenzen in geeigneter Form repräsentieren,
der an diesen Referenzzeitpunkt anschließende Verlauf der Schwingungsbewegung hinsichtlich
seiner Phasenlage exakt vorherbestimmt werden. Der definierbare Referenzzeitpunkt
kann insbesondere der Zeitpunkt des Beginns einer Beschleunigungsbewegung nach einem
Rastpunkt (Stillstand) der Bewegung einer Maschinenachse sein. Bei einer Biegeoperation
kann der Referenzzeitpunkt z.B. der Beginn der Beschleunigungsbewegung eines Biegestifts
nach einem Anlegen des Biegestifts an das (ggf. noch ruhende oder nur schwach schwingende)
Werkstück sein.
[0034] Insbesondere kann vorgesehen sein, dass die zeitliche Lage des Beginns eines Kompensationszeitintervalls
unter Verwendung von Eigenfrequenzdaten und Daten über die Phasenlage der Schwingung
zu einem zeitlich früher liegenden, definierten Referenzzeitpunkt gesteuert wird.
[0035] Bei einer anderen Verfahrensvariante werden unter Verwendung geeigneter Geometriedaten
eines Biegeprozesses und Werkstückdaten Trägheitsmomentdaten errechnet, die das Massenträgheitsmoment
des schwingungsfähigen freien Endabschnitts des Werkstücks für eine oder mehrere aufeinanderfolgende
Phasen, insbesondere für alle Phasen des Biegeprozesses repräsentieren, und das Ausmaß
von Beschleunigungen bei der Bewegung von Maschinenachsen wird in Abhängigkeit vom
Massenträgheitsmoment bzw. der entsprechenden Daten gesteuert. Beispielsweise kann
die Beschleunigung automatisch reduziert werden, je größer das Massenträgheitsmoment
des schwingungsfähigen freien Endabschnitts ist, um stärkere Schwingungen zu vermeiden.
[0036] Bei manchen Ausführungsformen wird ein zeitlicher Verlauf der Schwingungsbewegung
mittels eines Schwingungserfassungssystems erfasst, das vorzugsweise mindestens einen
Schwingungssensor aufweist, der ein mindestens die Phasenlage und die Frequenz der
Schwingung repräsentierendes Schwingungssignal erzeugt. Ein Schwingungssensor ist
ein Messsystem, welches Bewegungen (und damit auch Schwingungen) des freien Endabschnitts
erfassen und in z.B. elektrisch weiterverarbeitbare Signale umwandeln kann. Damit
kann für jedes Biegeteil individuell die Schwingung in Echtzeit überwacht und z.B.
die zeitliche Lage von Kompensationsbewegungen optimal an die Schwingungsbewegung
angepasst werden.
[0037] Die vom Schwingungserfassungssystem erfasste Schwingungsbewegung kann an einer Anzeige
der Biegemaschine sichtbar gemacht und von einem Bediener zur Einstellung der Parameter
für die Kompensationsbewegung (z.B. zeitliche Lage des Beginns, Bewegungsprofil etc.)
genutzt werden. Vorzugsweise wird das Schwingungssignal der Steuereinrichtung zugeführt
und die Steuereinrichtung verarbeitet das Schwingungssignal zur Steuerung des Bewegungsprofils
einer oder mehrerer Maschinenachsen, so dass diese eine wirksame Kompensationsbewegung
ausführen. Die automatisierte Schwingungserfassung erlaubt eine optimale Koordinierung
der Kompensationsbewegung mit der tatsächlich am Biegeteil vorhandenen Schwingung,
so dass bei jedem Biegeteil einer Serie in jedem Fall eine optimale Schwingungsreduzierung
erreicht werden kann. Auf diese Weise kann eine Schwingungskompensationsregelung realisiert
werden. Insbesondere kann die Steuereinrichtung so eingerichtet sein, dass mittels
des Schwingungssignals die zeitliche Lage des Beginns eines Kompensationszeitintervalls
gesteuert wird. Dadurch ist es z.B. möglich, dass automatisch der Zeitpunkt des Beginns
einer Abbrems- bzw. Geschwindigkeitssteigerungsbewegung einer Maschinenachse bezogen
auf die Phase der Schwingung des Biegeteils optimal getroffen wird, um eine effektive
Schwingungsreduktion zu erreichen.
[0038] Das Schwingungserfassungssystem kann einen oder mehrere Schwingungssensoren aufweisen.
Ein Schwingungssensor kann nach unterschiedlichen Prinzipien arbeiten. Es kann sich
beispielsweise um einen optischen Schwingungssensor handeln, der zum Beispiel mit
Hilfe eines Lasers die Schwingung des Biegeteils optisch erfasst. Alternativ oder
zusätzlich kann ein Kamerasystem mit mindestens einer Zeilen- oder Flächenkamera,
ggf. mit angeschlossenem Bildverarbeitungssystem, vorgesehen sein. Gegebenenfalls
kann neben der Phasenlage und der Frequenz der Schwingung auch deren Amplitude an
einer bestimmten Messstelle am freien Endabschnitt zeitaufgelöst erfasst werden. Es
ist auch möglich, mindestens einen induktiven oder kapazitiven Schwingungssensor zu
nutzen, um auf elektromagnetischem Wege Schwingungen zu erfassen. Die Auswahl geeigneter
Elemente für das Schwingungserfassungssystem sollte berücksichtigen, dass ggf. nicht
nur ebene Schwingungen, sondern auch komplexere Schwingungszustände wir Torsionsschwingungen
sowie Überlagerungen mehrerer Schwingungskomponenten in unterschiedlichen Richtungen
zeitaufgelöst erfasst werden sollten. Ein Schwingungserfassungssystem sollte ggf.
in der Lage sein, zweidimensionale und auch dreidimensionale Schwingungsbewegungen
zu erfassen und ggf. für mehrere Schwingungskomponenten jeweils spezifische Schwingungssignale
zu erzeugen.
[0039] Bei manchen Ausführungsformen wird mindestens ein Kraftsensor oder Drehmomentsensor
als Schwingungssensor eingesetzt, um die Schwingung bzw. die dabei auftretenden Kräfte
zeitaufgelöst zu erfassen. Beispielsweise kann ein Kraftsensor vorgesehen sein, um
die am Biegewerkzeug wirksame Biegekraft z.B. zeitaufgelöst und/oder als Funktion
des Biegewinkels zu erfassen. An einem Kraftsensor macht sich eine parallel zur Biegerichtung
wirksame Schwingungskomponente als periodische Änderung der für den Biegevorgang erforderlichen
Kraft bemerkbar, wobei die Kraft relativ gering ist, wenn der freie Abschnitt in Richtung
der Biegebewegung (in Vorwärtsrichtung) schwingt und relativ hoch, wenn er entgegen
der Biegerichtung (in Rückwärtsrichtung) schwingt.
[0040] Analog kann beispielsweise ein Anteil von Torsionsschwingung des freien Endabschnittes
durch einen Kraftsensor oder Drehmomentsensor an der Spanneinrichtung (Zange) des
Werkstückeinzuges erfasst werden. Auch eine parallel zur Einzugrichtung wirkende Schwingungskomponente
kann mit einem entsprechend ausgelegten Kraftsensor zeitaufgelöst erfasst und zur
Überwachung der Schwingung genutzt werden. Gegebenenfalls kann auch die Leistungsaufnahme
des zu einer Maschinenachse gehörenden Antriebsmotors überwacht und zur Charakterisierung
der Biegeteilschwingung genutzt werden.
[0041] Ein einziger Schwingungssensor kann ausreichen, häufig sind auch mehrere Schwingungssensoren
vorgesehen, die ggf. eine exaktere Charakterisierung und/oder die Charakterisierung
komplexerer Schwingungszustände erlauben.
[0042] Die Bewegungsprofile von Bewegungen konventioneller Biegemaschinen zeichnen sich
häufig dadurch aus, dass sie einen im Wesentlichen dreieckförmigen oder im Wesentlichen
trapezförmigen Verlauf der Bewegungsgeschwindigkeit haben. Derartige, aus geradlinigen
Abschnitten zusammengesetzte Geschwindigkeitsprofile ergeben sich beispielsweise dann,
wenn an einer Biegemaschine für eine Maschinenachse nur konstante Beschleunigungen
und Maximalgeschwindigkeiten eingegeben werden können, um beispielsweise die Drehbewegung
eines Biegewerkzeuges vorzugeben. Bei manchen Biegemaschinen können auch bestimmte
Beschleunigungsrampen mit ungleichförmiger Geschwindigkeitsänderung vorgegeben werden.
Beispielsweise kann beim Anfahren mit geringer Beschleunigung begonnen werden, um
danach die Beschleunigung allmählich zu steigern.
[0043] Demgegenüber zeichnen sich Bewegungsprofile von Bewegungen mit aktiver Schwingungskompensation
häufig dadurch aus, dass im Kompensationszeitintervall mindestens ein Wechsel zwischen
einer Phase mit negativer Beschleunigung, einer nachfolgenden Phase mit positiver
Beschleunigung und einer nachfolgenden Phase mit negativer Beschleunigung erzeugt
wird. Diese Phasen gehen vorzugsweise kontinuierlich, d.h. ohne abrupten Wechsel zwischen
Geschwindigkeitssteigerung und Geschwindigkeitsreduzierung ineinander über, so dass
sich im Kompensationszeitintervall beispielsweise ein annähernd sinusförmiger Verlauf
der Bewegungsgeschwindigkeit mit mehrfachem Wechsel zwischen positiver und negativer
Beschleunigung ergeben kann.
[0044] Häufig ist es vorteilhaft, wenn bei einer solchen durch Ansteuerung einer Maschinenachse
erzeugten "Gegenschwingung" die Amplitude der Gegenschwingung allmählich abnimmt.
Dadurch kann Schwingungsenergie sukzessive aus dem mit immer geringerer Amplitude
schwingenden Endabschnitt abgezogen werden und es kann vermieden werden, dass die
Gegenschwingung selbst eine unerwünschte Biegeteilschwingung anregt. Durch frühzeitiges
Entgegenwirken können größere Amplituden ggf. verhindert werden.
[0045] Bei manchen Ausführungsformen schließt sich ein Kompensationszeitintervall an eine
Phase mit konstanter Geschwindigkeit oder konstanter Beschleunigung der Maschinenachse
an. Das Kompensationszeitintervall kann z.B. dann enden, wenn der für die Maschinenachse
vorgesehene Endpunkt der Bewegung erreicht ist, gegebenenfalls aber auch schon vorher.
Bei einer Biegeoperation kann dies beispielsweise bedeuten, dass sich zunächst in
der Anfangsphase eine Pendelschwingung aufbauen kann, die in der Endphase der Biegeoperation
so gedämpft wird, dass der freie Endabschnitt des Biegeteils am Ende der Bewegung
nicht mehr oder nur noch unkritisch wenig schwingt, so dass am Ende der Bewegung nicht
mehr bis zum Abklingen einer Schwingung gewartet werden muss, sondern ohne Beruhigungszeit
oder nur mit kurzer Beruhigungszeit die nachfolgende Operation eingeleitet werden
kann.
[0046] Häufig hat ein Bewegungsprofil einer schwingungsrelevanten Bewegung zwischen einem
Anfangspunkt und einem Endpunkt in dieser Reihenfolge ein Beschleunigungs-Zeitintervall
mit wachsender Bewegungsgeschwindigkeit, ggf. ein Konstantfahrt-Zeitintervall mit
im Wesentlichen konstanter Bewegungsgeschwindigkeit, und ein Kompensationszeitintervall,
in welchem die Bewegungsgeschwindigkeit definiert schwankt und/oder abfällt, um eine
Schwingungsdämpfung zu erreichen.
[0047] Es ist auch möglich, die Bewegung einer Maschinenachse über die gesamte Bewegung
hinweg so zu steuern, dass die Trägheitskräfte, die auf das freie Ende des Biegeteils
wirken, von Anfang an so gering gehalten werden, dass die prinzipiell kaum völlig
zu vermeidenden Schwingungen des Biegeteils nur eine relativ geringe Amplitude haben
und dadurch den Biegeprozess nicht oder nur unerheblich beeinträchtigen. Bei manchen
Ausführungsformen werden hierzu die Bewegungen von Maschinenachsen (eine oder mehrere)
so gesteuert, dass ein Bewegungsprofil einer schwingungsrelevanten Bewegung zwischen
einem Anfangspunkt und einem Endpunkt der Bewegung einem Bewegungsgesetz folgt, welches
im Wesentlichen einer mathematisch glatten Funktion entspricht. Unter einer "glatten
Funktion" wird hier eine mathematische Funktion verstanden, die stetig differenzierbar
ist, also eine stetige Ableitung besitzt. Anschaulich betrachtet hat der Graph einer
stetig differenzierbaren (glatten) Funktion keine Ecken oder Knickpunkte, also Stellen,
an der sie nicht differenzierbar ist. Wenn das Bewegungsprofil einer glatten Funktion
entspricht, gibt es weder für die Bewegungsgeschwindigkeit noch für die Beschleunigung
der Bewegung abrupte Wechsel (Ecken im Geschwindigkeits- bzw. Beschleunigungsprofil).
Dadurch können vor allem auch ruckfreie Bewegungsgesetze, d.h. Bewegungsgesetze ohne
Beschleunigungssprünge, sichergestellt werden. Es hat sich herausgestellt, dass auf
diese Weise bei geeigneter Auslegung des Bewegungsprofils die Ausbildung von störenden
Schwingungen von Anfang an gering gehalten werden kann.
[0048] Bei manchen Ausführungsformen variiert während der gesamten schwingungsoptimierten
Bewegung sowohl die Geschwindigkeit als auch die Beschleunigung kontinuierlich, so
dass das Bewegungsprofil zwischen Anfangspunkt und Endpunkt keine linearen Abschnitte
hat. Es ist jedoch auch möglich, einen Teil des Bewegungsprofils mit einem geradlinigen
Abschnitt auszuführen. Beispielsweise kann der Bereich um einen Wendepunkt eines glatten
Bewegungsprofils einen geradlinigen Abschnitt aufweisen. Das kann z.B. aus programmiertechnischer
Sicht günstig sein.
[0049] Es hat sich herausgestellt, dass die Schwingungserregung in der Regel dann besonders
gut unterdrückt werden kann, wenn eine Maschinenachse nach einem Bewegungsgesetz bewegt
wird, welches einen besonders geringen Beschleunigungskennwert (2. Ableitung des Bewegungsgesetzes)
hat. Vorteilhaft kann es auch sein, wenn die Bewegung zusätzlich einen besonders geringen
Ruckkennwert (3. Ableitung des Bewegungsgesetzes) hat. Das Bewegungsgesetz kann insbesondere
durch mindestens eines der folgenden Bewegungsgesetze in guter Näherung beschreibbar
sein: ein Polynom n-ten Grades, insbesondere fünften Grades; eine quadratische Parabel;
ein modifiziertes Beschleunigungstrapez.
[0050] Während die Dämpfung von Schwingungen als auswirkungsbegrenzende Maßnahme verstanden
werden kann, kann man diese aktive Unterdrückung des Aufbaus von Schwingungen als
ursachenbegrenzende Maßnahme verstehen. Häufig hat eine Kompensationsbewegung sowohl
ursachenbegrenzende als auch auswirkungsbegrenzende Anteile.
[0051] Die Erfindung bezieht sich auch auf eine Vorrichtung zur Herstellung von Biegeteilen
durch zwei- oder dreidimensionales Biegen eines langgestreckten Werkstücks, insbesondere
eines Drahtes oder eines Rohres. Die Vorrichtung hat mehrere Maschinenachsen, eine
Steuereinrichtung zur koordinierten Ansteuerung von Bewegungen der Maschinenachsen
und mindestens ein Biegewerkzeug zur Durchführung einer Biegeoperation an dem Werkstück,
wobei Bewegungen von Maschinenachsen gemäß einem durch die Steuereinrichtung vorgebbaren
Bewegungsprofil erzeugbar sind. Die Vorrichtung zeichnet sich dadurch aus, dass sie
dafür eingerichtet ist, während einer schwingungsrelevanten Bewegung in mindestens
einem Kompensationszeitintervall eine die Schwingungserzeugung verminderte und/oder
eine Schwingungsenergie aus einer angeregten Schwingung abziehende Kompensationsbewegung
zu erzeugen.
[0052] Der Begriff "Biegemaschine" ist im Rahmen dieser Anmeldung weit zu interpretieren
in dem Sinne, dass die hergestellten Werkstücke eine oder mehrere Biegungen aufweisen.
Biegungen können auf unterschiedliche Weise erzeugt werden. Neben Biegemaschinen,
die hauptsächlich biegen, umfasst der Begriff z.B. auch Schenkelfedermaschinen, die
unterschiedliche Operationen wie Biegen, Winden, Wickeln, Erzeugen von Schenkeln etc.
durchführen können. Die Biegeteile können komplexe Geometrien mit Federabschnitten,
Schenkeln und Biegungen aufweisen.
[0053] Bei manchen Ausführungsformen werden die Charakteristika der Kompensationsbewegung
(z.B der Bewegungsverlauf, die zeitliche Lage des Beginns einer ungleichförmigen Kompensationsbewegung,
Beschleunigungsverlauf etc.) anhand der von der Maschinensoftware rechnerisch ermittelten
Eigenfrequenzen der Schwingungen des Biegeteils und Randbedingungen wie Auflage, Reibung,
Orientierung etc. für jede Bewegung einer Maschinenachse individuell errechnet. Der
Bediener muss also nur einige für das Biegeteil charakteristische Eingaben durchführen.
Hiezu gehören z.B. Biegelängen, Biegewinkel, Geradenlängen, Biegeebenen, und andere
Geometriedaten sowie Werkstückdaten, z.B. zum Werkstoff, zum Werkstückquerschnitt
bzw. -durchmesser und zur Dichte des Werkstücks. Anhand des Materialquerschnitts kann
z.B. einfach zwischen drahtförmigen und rohrförmigen Werkstücken unterschieden werden.
Die Angabe der Dichte erlaubt eine Berechnung des Trägheitsmoments und damit der Eigenfrequenzen
des freien Biegeteilabschnitts.
[0054] Bei manchen modernen Biegemaschinen, insbesondere bei solchen mit geregelten Maschinenachsen
und Servoantrieben, kann die Erfindung mit den bereits vorhandenen Antrieben und Steuerungen
umgesetzt werden. Die Fähigkeit zur Ausführung von Ausführungsformen der Erfindung
kann in Form zusätzlicher Programmteile oder Programmmodule in die Steuerungssoftware
von computergestützten Steuereinrichtungen implementiert werden.
[0055] Daher betrifft ein weiterer Aspekt der vorliegenden Erfindung ein Computerprogrammprodukt,
welches insbesondere auf einem computerlesbaren Medium gespeichert oder als Signal
verwirklicht ist, wobei das Computerprogrammprodukt, wenn es in den Speicher eines
geeigneten Computers geladen und von einem Computer ausgeführt ist bewirkt, dass der
Computer ein Verfahren gemäß der Erfindung bzw. einer bevorzugten Ausführungsform
hiervon durchführt.
[0056] Diese und weitere Merkmale gehen außer den Ansprüchen auch aus der Beschreibung und
den Zeichnungen hervor, wobei die einzelnen Merkmale jeweils für sich allein oder
zu mehreren in Form von Unterkombinationen bei einer Ausführungsform der Erfindung
und auf anderen Gebieten verwirklicht sein und vorteilhafte sowie für sich schutzfähige
Ausführungen darstellen können. Ausführungsbeispiele sind in den Zeichnungen dargestellt
und werden im Folgenden näher erläutert.
KURZBESCHREIBUNG DER ZEICHNUNGEN
[0057]
- Fig. 1
- zeigt eine Draufsicht auf eine Biegeeinheit einer Einkopfbiegemaschine in schematischer
Darstellung;
- Fig. 2
- zeigt eine schematische Seitenansicht der Biegeeinheit mit Antrieben für die Maschinenachsen
sowie Einrichtungen zur Steuerung und Bedienung der Biegemaschine;
- Fig. 3
- zeigt eine Draufsicht auf ein bereits mehrfach gebogenes Werkstück;
- Fig. 4
- zeigt schematisch Bewegungen eines zu verbiegenden Werkstücks in verschiedenen Phasen
einer Biegeoperation;
- Fig. 5
- ist ein Diagram, welches den Biegewinkel eines Biegestiftes und die Amplitude einer
erzeugten Schwingungsbewegung in gemeinsamer Darstellung zeigt;
- Fig. 6
- zeigt ein mehrteiliges Diagramm, in dem verschiedene die Schwingung charakterisierende
Parameter in Abhängigkeit von der Zeit schematisch dargestellt sind;
- Fig. 7
- zeigt ein Messdiagramm eines ersten Versuches einer Biegeoperation mit aktiver Dämpfung
der Schwingungsbewegung;
- Fig. 8
- zeigt Messdiagramme eines zweiten Versuches einer Biegeoperation mit aktiver Dämpfung
der Schwingungsbewegung;
- Fig. 9
- zeigt ein Messprotokoll eines Versuches mit zweimaligem Dämpfen;
- Fig. 10
- zeigt ein Messprotokoll einer Biegeoperation, bei der die gleichförmige Hauptbewegung
der Biegeachse mit einer kleinen, im Wesentlichen sinusförmigen Kompensationsbewegung
überlagert ist, die der Schwingung des Biegeteils entgegenwirkt; und
- Fig. 11
- zeigt eine Vergleichsübersicht der Wegfunktionen verschiedener Bewegungsgesetze des
Biegestiftes bei einer Biegeoperation.
DETAILLIERTE BESCHREIBUNG BEVORZUGTER AUSFÜHRUNGSFORMEN
[0058] Beim Biegen unterscheidet man unterschiedliche Typen von Biegemaschinen und Biegeverfahren.
Häufig sind bekannte computernumerisch gesteuerte Biegemaschinen für Rohr oder Draht
für das Ziehbiegeverfahren oder das Abrollbiegeverfahren ausgelegt. Die folgenden
Ausführungsbeispiele beziehen sich auf Varianten eines Abrollbiegeverfahrens beim
Drahtbiegen mit Hilfe einer als Biegemaschine bezeichneten Vorrichtung zur Herstellung
eines Biegeteils.
[0059] Biegemaschinen unterteilt man grundsätzlich in Einkopfbiegemaschinen und Zweikopfbiegemaschinen,
wobei bei beiden Maschinentypen entweder der Biegekopf oder das Werkstück gedreht
wird. Ebenso ist entweder das Werkstück oder der Biegekopf senkrecht und parallel
zur Werkstückachse positionierbar. Der Begriff "Werkstückachse" bezeichnet hier die
Längsachse des langgestreckten Werkstücks unmittelbar am Werkstückeinzug beziehungsweise
an einer Zufuhreinheit, also dort, wo das Werkstück eingespannt ist und noch nicht
gebogen wurde.
[0060] Jede Bewegung des Werkstücks kann schwingungskritisch bzw. schwingungsrelevant sein
und sollte daher in der Produktionsplanung berücksichtigt werden. Zu den Werkstückbewegungen
zählen vor allem der Werkstückvorschub d. h. die Bewegung des Werkstücks parallel
zur Werkstückachse, die Werkstückdrehung, d. h. die Drehung des Werkstücks um die
Werkstückachse, das Biegen des Werkstücks um eine zur Werkstückachse senkrechte Achse
(Biegungsachse) und das Positionieren des Werkstücks durch lineare Translationsbewegungen
senkrecht zur Werkstückachse. Außerdem könnte das Zuführen des Rohteils und das Abgeben
oder das Übergeben des Werkstücks an eine weitere Bearbeitungsstation schwingungskritisch
sein.
[0061] Einige Aspekte der Schwingungsproblematik werden im Folgenden an Hand des Beispiels
einer Einkopf-Drahtbiegemaschine erläutert, bei der zum Biegen des Drahtes ein Biegekopf
relativ zu einem durch eine Zufuhreinheit festgehalten Werkstück (Draht) gedreht wird.
Der Biegekopf ist in Richtungen senkrecht zur Werkstückachse positionierbar, die Positionierung
in Werkstückachsrichtung wird durch Bewegungen der Zufuhreinheit parallel zur Werkstückachse
erreicht.
[0062] In Fig. 1 ist eine Draufsicht auf eine Biegeeinheit 100 einer Einkopfbiegemaschine
in schematischer Darstellung gezeigt. Figur 2 zeigt eine schematische Seitenansicht
der Biegeeinheit mir den zugehörigen Antrieben für die Maschinenachsen sowie Einrichtungen
zur Steuerung und Bedienung der Biegemaschine. Die Biegeinheit hat eine Zufuhreinheit
110, welche der Zufuhr eines noch unverbogenen Werkstücks 120 in den Eingriffsbereich
eines Biegewerkzeugs 130 dient, das im Folgenden auch als Biegekopf bezeichnet wird.
Die Zufuhreinheit kann beispielsweise einen Greifer oder eine Zange haben oder Vorschubwalzen
aufweisen, die einen noch unverbogenen Abschnitt des von einen Werkstückvorrat (z.B.
Drahtcoil, Haspel) kommenden und durch eine zwischengeschaltete Richteinheit geführten
Werkstücks in Richtung Biegewerkzeug fördert. Durch die Zufuhreinheit werden die Lage
und die Orientierung der Werkstückachse 125 des noch unverbogenen Werkstücks festgelegt.
[0063] Der als Biegewerkzeug dienende Biegekopf 130 hat einen um eine Zentralachse ZA drehbaren
Dornteller 132, an dessen Oberseite zwei mit gegenseitigem Abstand zueinander angeordnet
Biegedorne 134, 136 angeordnet sind, sowie einen mit radialem Abstand zur Zentralachse
ZA angeordneten Biegestift 138, der um die Zentralachse des Dorntellers 132 schwenkbar
ist.
[0064] Das Biegewerkzeug (Biegekopf 130) und das Werkstück 125 beziehungsweise die Zufuhreinheit
110 können zueinander beliebig positioniert und orientiert werden. Dazu sind im Allgemeinen
meist drei zueinander senkrechte lineare Maschinenachsen sowie eine Drehachse (um
die Werkstückachse 125) vorgesehen. Diese Maschinenachsen können am Biegekopf 130
oder an der Zufuhreinheit 110 vorgesehen sein. Meist wird eine Kombination von Werkstückpositionierung
und Biegekopfpositionierung eingesetzt. Der Biegekopf ist normalerweise mit zwei oder
drei Drehachsen ausgerüstet und kann um eine zur Werkstückachse parallele Achse verschiebbar
sein.
[0065] Beim Ausführungsbeispiel hat die Biegemaschine ein mit Kleinbuchstaben x, y und z
gekennzeichnetes rechtwinkliges Maschinenkoordinatensystem MK mit einer vertikalen
z-Achse und horizontalen x- und y-Achsen, wobei die x-Achse parallel zur Werkstückachse
125 verläuft. Von den Koordinatenachsen sind die geregelt angetriebenen Maschinenachsen
zu unterscheiden, die jeweils mit Großbuchstaben (z.B. A, B, C, W, Z) bezeichnet werden.
[0066] Der Biegekopf 130 in zwei zueinander senkrechten Richtungen senkrecht zur Werkstückachse
125 linear positionierbar und das Werkstück 125 ist um seine Werkstückachse drehbar
und in Axialrichtung positionierbar. Eine übliche Bezeichnung der Maschinenachsen
wird an Hand von Fig. 2 erläutert. Die Zufuhreinheit 110 (manchmal als Zangenvorschub
ausgeführt) ist mit Hilfe einer linearen C-Achse (manchmal als Zangenvorschub bezeichnet)
parallel zur Werkstückachse (und damit parallel zur x-Achse) geradlinig verfahrbar.
Der Antrieb hierzu erfolgt mit Hilfe eines Servomotors MC. Mit Hilfe der A-Achse (Werkstückdrehachse)
ist eine (theoretisch) unbegrenzte Drehung des Werkstücks um die Werkstückachse 125
möglich, wobei hier als Antrieb ein Servomotor MA dient. Die anderen Maschinenachsen
sind dem Biegewerkzeug 130 zugeordnet. Der Biegekopf 130 ist mit Hilfe eines Servomotors
MW der W-Achse um die (parallel zur z-Achse des Maschinenkoordinatensystems verlaufende)
Zentralachse ZA unbegrenzt verdrehbar. Der Biegestift 138 kann mit Hilfe eines Servomotors
MY der Y-Achse um die Zentralachse ZA des Biegekopfes unbegrenzt verschwenkt werden.
Die Zentralachse ZA definiert dabei der Mittelpunkt der Biegung und wird daher auch
als Biegungsachse bezeichnet. Das Biegewerkzeug kann als Ganzes in zwei Richtungen
senkrecht zur Werkstückachse linear verfahren werden, nämlich mittels einer parallel
zur Zentralachse ZA verlaufenden Z-Achse mit Hilfe eines Motors MZ und mittels einer
senkrecht zur Z-Achse verlaufen B-Achse (nicht gezeigt) mit Hilfe eines (nicht dargestellten)
Motors. Die Motoren für Linearbewegungen können jeweils Servomotoren oder elektrische
Linearantriebe (Direktantriebe) sein.
[0067] Die Drehachse der Biegebewegung verläuft im Beispielsfall in vertikaler Richtung,
so dass die B-Achse der horizontalen Positionierung und die Z-Achse der vertikalen
Positionierung des Biegekopfes dient. Der Biegekopf kann manuell oder servomotorisch
schräg angestellt werden.
[0068] Sämtliche Antriebe für die Maschinenachsen sind elektrisch leitend an eine Steuereinrichtung
150 angeschlossen, die u.a. die Leistungsversorgungen für die Antriebe, eine zentrale
Rechnereinheit und Speichereinheiten enthält. Mit Hilfe der in der Steuereinrichtung
aktiven Steuerungssoftware können die Bewegungen sämtlicher Maschinenachsen mit hoher
zeitlicher Auflösung variabel gesteuert werden, um z.B. während eines Biegeprozesses
Bewegungsgeschwindigkeiten und Beschleunigungen der Biegeachse gezielt zu verändern.
Eine an die Steuereinrichtung angeschlossene Anzeige- und Bedieneinheit 160 dient
als Schnittstelle zum Maschinenbediener. Dieser kann an der Bedieneinheit bestimmte,
für den Biegeprozess relevante Parameter z. B. die gewünschte Biegeteilgeometrie (Geometriedaten)
und verschiedene Werkstückeigenschaften (Werkstückdaten) und Werkzeugdaten eingeben,
bevor der Biegeprozess beginnt.
[0069] Figur 1 illustriert eine beim Biegen auftretende Problematik, die sich daraus ergibt,
dass ein freier Endabschnitt des in die Zufuhreinheit eingespannten Werkstücks in
Schwingungen versetzt wurde. In der Darstellung von Fig. 1 befindet sich das Werkstück
120 mit Abstand oberhalb des Biegekopfes, der mit Hilfe der Z-Achse nach unten abgesenkt
ist, so dass die Werkstückachse 125 oberhalb der Biegedorne 134, 136 verläuft und
somit der Draht nicht in Eingriff mit diesen steht. Durch vorangegangene Werksstückbewegungen
wurde das Werkstück in Schwingungen versetzt, die eine erhebliche Schwingungskomponente
in einer Ebene (Biegeebene) senkrecht zur Biegungsachse ZA haben. Diese Schwingungen
sind in Fig. 1 gestrichelt dargestellt. Da die Biegedorne 134, 136 eine gegenseitigem
Abstand voneinander haben, der nur geringfügig größer ist als der Werkstückdurchmesser,
ist ein Einfädeln des Werkstücks 125 zwischen die Biegedorne nur dann möglich, wenn
die Werkstückschwingungen so weit abgeklungen sind, dass das schwingende Werkstück
beim Herauffahren des Biegekopfes ohne Berührung der Biegedorne zwischen diese passt.
[0070] In Fig. 3 ist eine ähnliche Darstellung wie in Figur 1 gewählt, jedoch ist hier bereits
ein Teil des Werkstücks 120 mit Biegungen versehen worden. Durch das Auskragen des
teilweise gebogenen Werkstücks 120 und der damit verbundenen Verlagerung des Massenschwerpunktes
M des Werkstücks neigt dieses noch stärker zum Schwingen als das noch nicht gebogene
Werkstück in Fig. 1. Da der Massenschwerpunkt des Werkstücks nicht mehr auf der Werkstückachse
125 liegt, können bei jeder mit Werkstückbewegungen verbundenen Positionierung (in
Richtung der Werkstückachse und auch senkrecht dazu) sowie bei jeder Orientierung,
d. h. bei jeder Drehung um die Werkstückachse, den Biegeprozess störende Schwingung
des Werkstücks angeregt werden.
[0071] Zur weiteren Erläuterung der Schwingungsproblematik wird nachfolgend ein exemplarischer
Biegevorgang bei der Herstellung eines dreidimensional gebogenen Draht-Biegeteils
erläutert. Der Biegeablauf kann theoretisch in einzelne Abschnitte untergliedert werden,
auch wenn in der Realität mehrere Abschnitte simultan ablaufen können. Beim Einziehen
vor Erzeugung der ersten Biegung wird der gerade Draht beispielsweise mit Hilfe von
Einzugsrollen (C-Achse) nach vorne in den Bereich des Biegewerkzeugs gefördert. Das
Abbremsen des Drahtes ist in der Regel schwingungstechnisch unkritisch, da theoretisch
hierdurch noch keine Querschwingungen erzeugt werden. Beim anschließenden Einfädeln
fährt der Biegekopf mit Hilfe der Z-Achse nach oben und der Draht wird zwischen die
Biegedorne des Biegewerkzeugs eingefädelt. Auch hierbei gibt es in der Regel noch
keine Probleme, weil der Draht nicht bzw. nur minimal schwingt. Der Abstand zwischen
den beiden Biegedorne ist in der Regel so bemessen, dass er wenige Zehntelmillimeter
größer als der Außendurchmesser des Drahtes ist.
[0072] In der nachfolgenden Phase des Anfahrens führt beim dargestellten Ausführungsbeispiel
der Biegestift eine Schwenkbewegung um die Biegungsachse (Zentralachse ZA) aus (Bewegung
der Y-Achse) und die Dornachse (W-Achse) steht fest. Der Biegestift kann beispielsweise
mit konstanter Beschleunigung von der Einfädelposition in eine Anlegeposition fahren,
in welcher der Biegestift den Draht erstmals berührt.
[0073] Der Biegestift kann bei der ersten Biegung dieser Anlegeposition ohne anzuhalten
überfahren, er kann aber z.B. bei Vorliegen von Daten über die Geometrie des Werkzeugs
und des Materialdurchmessers auch automatisch angehalten werden, so dass der Umformvorgang
mit einer Beschleunigung aus dem Stillstand beginnt. Bei der ersten auf den Draht
wirkenden Beschleunigung wird eine Schwingung des über das Biegewerkzeug hinaus stehenden
freien Endabschnittes des Drahtes angeregt. In der darauf folgenden Phase wird der
Draht weiter beschleunigt, wobei er aufgrund seiner Schwingungen in der Biegeebene
periodisch unterschiedlich stark am Biegestift anliegt. Es ist auch möglich, dass
das Biegestift seine Endgeschwindigkeit bereits vor dem Anfahren an den Draht erreicht.
Falls der Biegewinkel groß genug ist und der Biegestift die für den Biegeprozess vorgegebene
maximale Biegegeschwindigkeit erreicht hat, wird nachfolgend mit konstanter Geschwindigkeit
gebogen. Im Anschluss daran wir der Draht wieder mit vorgebbarer, z.B. mit konstanter
Beschleunigung abgebremst, bis der Überbiegewinkel erreicht wird (Abbremsen). Anschließend
kehrt der Biegestift (Y-Achse) um und beschleunigt wieder auf eine vorgegebene Geschwindigkeit,
wobei sich die Beschleunigung und die Geschwindigkeit von den entsprechenden Werten
beim Biegen unterscheiden können. Das Wegfahren kann z.B. in zwei Stufen (erst langsam,
danach Schneller) erfolgen. Damit ist die Biegeoperation abgeschlossen. Danach fährt
das Werkzeug manchmal aus dem Draht nach unten mit Hilfe der Z-Achse aus (ausfädeln),
wobei dieser Schritt auch entfallen kann, z.B. wenn sich die Biegerichtung nicht ändert.
[0074] Sollen in einer Biegeebene mehrere Biegungen aufeinanderfolgen, kann diese Abfolge
wiederholt werden. Bei der Herstellung von dreidimensional gebogenen Biegeteilen erfolgt
mindestens ein Wechsel der Biegeebene. Erfolgt die nächste Biegung in einer anderen
Ebene, so wird nach dem Ausfädeln die Zufuhreinheit mit der Hilfe der A-Achse gedreht,
so dass sich das Werkstück um seine Werkstückachse dreht. Hierbei kann eine Torsionsschwingung
entstehen und zusätzlich kann das bereits gebogene Ende eine Biegschwingung ausführen.
Anschließend wird der Draht mit Hilfe der C-Achse (Einzug) nachgefördert. Allerdings
ist das Verfahren des Einzuges in dieser Phase wesentlich kritischer als vor der Erzeugung
der ersten Biegung, weil der bereits gebogene Draht aufgrund seiner größeren Massenträgheit
und gegebenenfalls der Verlagerung seines Schwerpunktes weg von der Werkstückachse
wesentlich schwingungsanfälliger ist. Auch das zweite Einfädeln gestaltet sich dementsprechend
aufgrund der Werkstückschwingung schwieriger, da der schwingende Draht beim Einfädeln
mit den Dornstiften kollidieren kann, so dass die Dornstifte einen schwingungserregenden
Impuls an den Draht übertragen können.
[0075] Bei unterschiedlichen Biegeprozessen können diese Basisabschnitte unterschiedlich
häufig und in anderen Reihenfolgen ablaufen und ggf. wiederholt werden. Es ist zu
beachten, dass in jedem Abschnitt eines Biegeprozesses Schwingungen entstehen können,
die sich mit den vorher erzeugten Schwingungen überlagern.
[0076] Bei manchen Ausführungsformen wird während einer schwingensrelevanten Bewegung einer
Maschinenachse in einem Kompensationszeitintervall eine ungleichförmige Kompensationsbewegung
der Maschinenachse erzeugt, deren Bewegungsprofil so ausgelegt ist, dass einer Schwingungsbewegung
des Biegeteils in kurzer Zeit ein Großteil der Energie entzogen werden kann. Zur Illustration
zeigt hierzu Fig. 4 die Bewegungen eines zu verbiegenden Werkstücks in verschiedenen
Phasen einer Biegeoperation. Die Teilfiguren zeigen jeweils ein Biegewerkzeug 130
mit zwei feststehenden Biegedornen 134, 136 des Dorntellers sowie mit einem Biegestift
138, der die drehende Relativbewegung beim Biegen des Drahtes 120 ausführt. Die gestrichelte
Linie in der Mitte des Drahtes in Fig. 4A symbolisiert jeweils die Ruhestellung bzw.
Null- Lage des Drahtes, also die jenige Orientierung, die die Längsachse des Drahtes
bei Abwesenheit äußere Kräfte einnehmen würde.
[0077] Fig. 4A zeigt die Anordnung zum Zeitpunkt t=t1. Hier liegt der Draht am Biegestift
an und der Draht befindet sich noch in seiner Ruhelage. Nun erfolgt das Beschleunigen
des Biegestiftes 138 in Biegerichtung (+Y-Richtung). Dabei biegt sich der Draht aufgrund
der Massenträgheit in Richtung des Biegestiftes, also in eine Rückwärtsrichtung entgegen
der Bewegungsrichtung des Biegestiftes. Zum Zeitpunkt t=t2 (Fig. 4B) hat der Draht
seine maximale Auslenkung in Rückwärtsrichtung erreicht. In dieser Situation ist der
Draht elastisch verformt und die komplette Energie einer entstehenden ebenen Schwingung
ist im Draht in Form von potentieller Energie (Federenergie) gespeichert. Nach dem
Zeitpunkt t=t2 beschleunigt der Draht in Vorwärtsrichtung und erreicht zum Zeitpunkt
von t=t
3 die in Fig. 4C gezeigte Stellung, in der der Draht die Ruhelage überfährt. In dem
Zeitintervall zwischen t=t2 und t=t3 wandelt der Draht die gespeicherte potentielle
Energie zunehmend in kinetische Energie um. Das freie Ende bewegt sich in dieser Phase
schneller als der Biegestift (höhere Winkelgeschwindigkeit) in Vorwärtsrichtung. Zum
Zeitpunkt t=t3 erreicht der freie Endabschnitt seine maximale Schwingungsgeschwindigkeit
und überfährt die Ruhlage. Hier liegt die Schwingungsenergie praktisch ausschließlich
in Form kinetischer Energie vor. Nach Überfahren der Ruhlage verlangsamt der Draht
seine Schwingungsgeschwindigkeit wieder und wandelt die kinetische Schwingungsenergie
wieder in Federenergie um, bis der Draht im Zeitpunkt t=t4 (Fig. 4D) seine maximale
Auslenkung in Vorwärtsrichtung erreicht. In diesen Zeitpunkt ist der Draht gleichschnell
wie der Biegestift. Danach beginnt die Phase des Rückschwingens entgegen der Biegerichtung,
bis der Draht bei der Rückschwingung wieder seine maximale Schwingungsgeschwindigkeit
beim Durchtritt durch die Null- Lage (Ruhelage) erreicht. Damit ist die erste Schwingungsperiode
abgeschlossen. Während einer Biegeoperation können viele solcher Schwingungsperioden
nacheinander ablaufen.
[0078] Fig. 5 zeigt ein bei einem Versuch aufgenommenes Messdiagram, welches diesen Ablauf
darstellt. Die schräg verlaufende Gerade mit Sinusanschlüssen repräsentiert den Biegewinkel
Y [°] als Funktion der Zeit t, die Amplitude der Drahtschwingungen ist durch die sinusförmige
Kurve AMP dargestellt. Die Schwingung beginnt beim Anlegen des Biegestiftes bei ca.
t = 1.50 s. Hier erfährt der freie Endabschnitt zum ersten Mal eine Beschleunigung
in Biegerichtung. Mit der ersten Beschleunigung durch den Biegestift wird die Schwingung
angeregt und setzt sich während des Biegens mit etwas wachsender Amplitude fort.
[0079] Eine aktive Reduzierung der Amplitude der erzeugten Biegeschwingung wird bei einer
Ausführungsform dadurch erreicht, dass die Bewegung des Biegestiftes in Biegerichtung
(d.h. Biegewinkel Y nimmt zu) innerhalb eines ersten Zeitintervalls zwischen einem
Zeitpunkt maximaler Auslenkung der Schwingungsbewegung in Vorwärtsrichtung (z.B. bei
t=t4) und dem unmittelbar nachfolgendem Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit
abgebremst bzw. verzögert wird. Dabei führt der Biegestift bzw. die zugeordnete Maschinenachse
(Y-Achse) eine Bremsbewegung mit einer endlichen Beschleunigung aus, die gleichgerichtet
mit der Beschleunigung Schwingungsbewegung des Drahtes zu diesem Zeitpunkt ist.
[0080] Im Beispielsfall erfolgt das Abbremsen ab dem in Fig. 4D gezeigten Zeitpunkt t=t4.
Danach wird die Bewegung des Biegestiftes abgebremst. In der Abbildung ist die negative
Beschleunigung des Biegestiftes, die für das Abbremsen benötigt wird, durch den Pfeil
AB symbolisiert. Dieser zeigt in Richtung der Beschleunigung des Biegestiftes, also
nach hinten bzw. entgegen der Bewegungsrichtung (+Y-Richtung) des Biegestiftes. Die
Beschleunigung des Drahtes nach dem Zeitpunkt t=t4 maximaler Auslenkung in Vorwärtsrichtung
geht ebenfalls in diese Richtung und ist mit dem Pfeil AD dargestellt. Der Draht strebt
in dieser Rückschwingungsphase der Bewegung wieder seine Null-Lage an. Wie anschaulich
dargestellt, zeigen beide Beschleunigungen in die gleiche Richtung (gleichgerichtete
Beschleunigungen). Das führt dazu, dass die Schwingung des Drahtes gewissermaßen abgefangen
wird. Der Biegestift kann immer weiter abbremsen, beispielsweise bis zu einem Zeitpunkt
t=t5 (Figur 4E), in dem sich der Draht nahezu in Ruhe befindet.
[0081] Aus schwingungstechnischer Sicht können die Vorgänge im Bereich des ersten Zeitintervalls
ab dem Zeitpunkt t=t4 folgendermaßen verstanden werden. Das Biegewerkzeug, d. h. die
Dornstifte und der Biegestift, wirken bis zum Zeitpunkt t=t4 wie eine feste Einspannung
für den Draht. Das Abbremsen des Biegestiftes nach dem Zeitpunkt t=t4 führt dazu,
dass die Einspannung nicht mehr fest ist, sondern elastisch und damit auch dämpfend
wirkt. Das Abbremsen des Biegestiftes während der Rückfahrtschwingung des Drahtes
erzeugt also eine elastische Einspannung, mit der die Schwingungsenergie zu einem
großen Anteil aus dem Draht abgeführt wird.
[0082] Beim Biegen mit Überbiegewinkel kann alternativ oder zusätzlich in der Phase der
Rückwärtsbewegung des Biegestiftes (Bewegung in -Y-Richtung) nach Erreichen des Überbiegewinkels
eine Dämpfung in einem Bereich mit gleichgerichteten Beschleunigungen von Draht und
Biegestift erreicht werden. Je nachdem, in welche Richtung der Draht zu einem Zeitpunkt
maximaler Auslenkung ausgelenkt ist (Vorwärtsrichtung (+Y-Richtung) oder Rückwärtsrichtung
(-Y-Richtung)), wird dazu der Biegestift im anschließenden Zeitintervall entweder
positiv beschleunigt oder verzögert, um die Schwingung abzufangen und Schwingungsenergie
zur Dämpfung abzuführen.
[0083] Es ist auch möglich, den Beginn der Rückwärtsbewegung nach dem Überbiegen mit der
Schwingungsbewegung des freien Endabschnitts so zu koordinieren, dass gleich zu Beginn
eine Dämpfung eintritt. Hierzu kann bei Bedarf eine Pause steuerbarer Länge im Bereich
des Umkehrpunktes vorgesehen sein, um z.B. die Rückwärtsbewegung genau dann zu starten,
wenn der freie Endabschnitt seine Rückwärtsschwingungsphase beginnt.
[0084] Für die aktive Dämpfung ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt für den Beginn der
dämpfenden Kompensationsbewegung der Maschinenachse (Y-Achse) des Biegestiftes zu
treffen. Die elastische Einspannung, die z.B. durch das Abbremsen des Biegestiftes
hervorrufen wird, kann im Beispiel von Fig. 4D nur in eine Richtung elastisch wirken,
nämlich entgegen der Biegerichtung. Deshalb kann die Dämpfung nicht zu einem beliebigen
Zeitpunkt erfolgen, sondern sollte innerhalb eines Zeitfensters liegen, das derjenigen
Phase der Schwingung entspricht, in der sich der Draht in Richtung des Biegestifts
bewegt (vgl. Fig. 4D). Dieses Zeitfenster macht nur¼ der Schwingungsperiode des Biegeteils
aus, die absolute Größe des Zeitfensters (in Zeiteinheiten) ist abhängig von der Schwingungsfrequenz,
welche im wesentlichen durch die Eigenfrequenz des schwingenden, freien Werkstückabschnitts
bestimmt wird. Typische Größen eines Zeitfensters können je nach Größe bzw. Eigenfrequenz
des schwingenden Teils (typische Werte z.B. von 0.5 Hz bis 10 Hz) im Bereich von wenigen
Millisekunden bis zu einigen Hundertstelsekunden liegen.
[0085] Anhand des schematischen Diagramms in Fig. 6 wird nun allgemeiner erläutert, auf
welche Weise eine existierende Schwingung durch eine phasenrichtig einsetzende Kompensationsbewegung
der aktiven Maschinenachse (hier Y-Achse für Antrieb des Biegestifts) durch Entzug
von Schwingungsenergie gedämpft werden kann. In dem mehrteiligen Diagramm sind verschiedene
die Schwingung charakterisierende Parameter in Abhängigkeit der Zeit t (x-Achse) aufgetragen.
Die auf der Zeitachse mit Ziffern 1 bis 4 gekennzeichneten senkrechten Striche markieren
ausgewählte Zeitpunkte t1, t2, t3 und t4 der periodischen Schwingung. In der Mitte
der Figur ist ein schwingender freier Endabschnitt FE eines bearbeitenden Biegeteils
in unterschiedlichen Phasen einer Schwingungsbewegung gezeigt, die der freie Endabschnitt
durchläuft, während der Biegestift mit konstanter Winkelgeschwindigkeit in seine Biegerichtung
verschwenkt wird. Zum links gezeigten Zeitpunkt t2 ist der freie Endabschnitt maximal
in Rückwärtsrichtung ausgelenkt, durchläuft am unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt
t3 seine Null-Lage in Vorwärtsrichtung (Pfeil nach rechts), um zum Zeitpunkt t4 die
maximale Auslenkung in Vorwärtsrichtung zu erreichen. Danach schwingt der freie Endabschnitt
zurück, erreicht zum Zeitpunkt t1 wieder seine Null-Lage mit maximaler Schwingungsgeschwindigkeit
in Rückwärtsrichtung (Pfeil nach links) um schließlich zum nachfolgenden Zeitpunkt
t2 nach einer vollen Schwingungsperiode wieder die maximale Auslenkung in Rückwärtsrichtung
zu erreichen usw. Zwischen den Zeitpunkten t2 und t4 findet eine Bewegung in Vorwärtsrichtung
(V) (gleiche Richtung wie Biegestiftbewegung) statt, während zwischen den Zeitpunkten
t4 und t2 eine Bewegung in Rückwärtsrichtung (R) (entgegen der Biegestiftbewegung)
stattfindet.
[0086] Direkt oberhalb der Symbole für den freien Endabschnitt FE zeigt ein Teildiagramm
mit gestrichelter Linie die Geschwindigkeit V
MA der bei der Bewegung aktiven Maschinenachse, im Beispielsfall also der Y-Achse für
die Verschwenkung des Biegestifts. Die mit V
DIF bezeichnete, sinusförmige durchgezogene Linie repräsentiert die Differenzgeschwindigkeit
bzw. Geschwindigkeitsdifferenz V
DIF zwischen der (Winkel)Geschwindigkeit V
FE eines ausgewählten Punktes am freien Endabschnitt FE und der (Winkel)Geschwindigkeit
des Biegestifts bzw. der angetriebenen Maschinenachse. Es gilt: V
DIF = V
FE - V
MA- Es ist ersichtlich, dass der freie Endabschnitt in der Phase der Vorwärtsbewegung
(V) zwischen t2 und t4 zunächst zunehmend schneller wird als der Biegestift, zum Zeitpunkt
t3 die maximale Geschwindigkeitsdifferenz erreicht und dass danach die Geschwindigkeitsdifferenz
bis zum Zeitpunkt maximaler Auslenkung in Vorwärtsrichtung (t4) wieder abnimmt. Danach
entwickelt sich eine Geschwindigkeitsdifferenz in umgekehrter Richtung, da bei der
Rückwärtsschwingung (R) zwischen t4 und t2 die Winkelgeschwindigkeit des freien Endabschnitts
jeweils geringer ist als diejenige des Biegestifts, wobei sich eine maximale Geschwindigkeitsdifferenz
zum Zeitpunkt t1 ergibt.
[0087] In dem obersten Teildiagramm ist die zeitliche Änderung der Geschwindigkeitsdifferenz
V
DIF als Funktion der Zeit dargestellt, also die Differenzbeschleunigung bzw. Beschleunigungsdifferenz
A
DIF. Die Differenzbeschleunigung ist ein Maß dafür, in welchem Ausmaß und in welche Richtung
der schwingende freie Endabschnitt relativ zu dem sich bewegenden Biegestift beschleunigt
wird. Zu jedem Zeitpunkt außerhalb der Zeitpunkte maximaler Schwingungsgeschwindigkeit
(t3 und t1) liegt eine Beschleunigungsdifferenz vor.
[0088] Unmittelbar unterhalb der Symbole für den schwingenden freien Endabschnitt sind mit
den Buchstaben "P" und "K" die energetischen Verhältnisse symbolisiert. Während zu
den Zeitpunkten t2 und t4 maximaler Auslenkung in Rückwärtsrichtung bzw. Vorwärtsrichtung
die gesamte Schwingungsenergie dieser als ebene Schwingung angenommenen Schwingung
in Form potentieller Energie (P) bzw. Federenergie vorliegt, liegt die Schwingungsenergie
zu den dazwischenliegenden Zeitpunkten maximaler Schwingungsgeschwindigkeit (bei t3
und t1) ausschließlich in Form von kinetischer Energie (K) vor. In den dazwischen
liegenden Zeitintervallen sind beide Energieformen vorhanden, wobei beispielsweise
der Anteil an potentieller Energie noch überwiegt, je näher ein betrachteter Zeitpunkt
an einem Zeitpunkt maximaler Auslenkung liegt.
[0089] Soll nun in einer beliebigen Phase der Schwingung Schwingungsenergie aus dem schwingenden
freien Endabschnitt abgezogen werden, indem die Bewegungsgeschwindigkeit V
MA der Maschinenachse (hier des Biegestifts) durch definierte positive oder negative
Beschleunigung stark verändert wird, so ist dies möglich, wenn eine Veränderung der
Geschwindigkeit der Maschinenachse, also eine Beschleunigung, derart erzeugt wird,
dass sich eine Verringerung der Geschwindigkeitsdifferenz V
DIF zwischen der momentanen Bewegungsgeschwindigkeit V
MA der Maschinenachse und der momentanen Bewegungsgeschwindigkeit V
FE des schwingenden freien Endabschnitts des Werkstücks im Vergleich zur Geschwindigkeitsdifferenz
ohne Kompensationsbewegung ergibt. Anders ausgedrückt ist eine Schwingungsdämpfung
bzw. ein Schwingungsenergieentzug dann zu erreichen, wenn die Maschinenachse derart
positiv oder negativ beschleunigt wird, dass die Beschleunigungsdifferenz A
DIF dem Betrage nach möglichst weit reduziert wird.
[0090] In Fig. 6 wird dies für ein erstes Zeitintervall Zl1 unmittelbar nach dem rechts
gezeigten Zeitpunkt t4 erläutert, in welchen der freie Endabschnitt seine maximale
Auslenkung in Vorwärtsrichtung erreicht hat und nun beginnt, in Rückwärtsrichtung
zurückzuschwingen (vergleiche Fig. 4D). Zum Zeitpunkt t4 liegt die gesamte Energie
in Form von potentieller Energie (Federenergie) vor, die sich beim Zurückschwingen
zunehmend in kinetische Energie umwandelt. Wird nun die Bewegung des Biegestifts abgebremst
(negative Beschleunigung, Symbol A-), so fängt der seine Geschwindigkeit verlangsamende
Biegestift die in Richtung Biegestift verlaufende Schwingungsbewegung des freien Endabschnittes
auf und entzieht ihm dadurch Schwingungsenergie. Betrachtet man die Geschwindigkeiten
von Biegestift und freiem Endabschnitt, so ist erkennbar, dass sich nach dem Zeitpunkt
t4 während der Rückwärtsbewegung des freien Endabschnitts die Geschwindigkeitsdifferenz
V
DIF schnell zu immer negativeren Werten abgesenkt würde, bis der nächste Nulldurchgang
erreicht ist. Wird nun die Geschwindigkeit des Biegestiftes in dieser Phase gleichfalls
geeignet abgesenkt (negative Beschleunigung), so verringert sich die tatsächliche
Geschwindigkeitsdifferenz V
DIF (KOMP) gegenüber derjenigen Geschwindigkeitsdifferenz, die ohne diese Kompensationsbewegung
vorliegen würde, drastisch. Im Beispielsfall ist die Absenkung der Biegestiftgeschwindigkeit
an die Schwingungsgeschwindigkeit des freien Endabschnitts so angepasst, dass sich
nach dem Beginn BK des Kompensationszeitintervalls KZI praktisch eine konstante Geschwindigkeitsdifferenz
einstellt, was wiederum einer Abnahme des Betrags der Beschleunigungsdifferenz A
DIF auf nahezu null entspricht. Die praktischen Auswirkungen einer solchen gezielten
starken Verzögerung der Biegestiftbewegung werden weiter unten anhand einiger praktischer
Beispiele noch erläutert (vgl. Fig.7 bis 9).
[0091] Eine Dämpfung der Schwingung (Entzug von Schwingungsenergie) durch gezielte starke
Beschleunigung der sich bewegenden Maschinenachse kann prinzipiell in jeder Phase
der Schwingungsbewegung erreicht werden. Im unteren Teil des Diagramms werden die
in den jeweiligen Phasen hierzu benötigten Beschleunigungen mit aufwärts bzw. abwärts
gerichteten Pfeilen und den Symbolen A+ bzw. A- dargestellt, wobei ein aufwärts gerichteter
Pfeil bzw. das Symbol A+ für eine Geschwindigkeitserhöhung (positive Beschleunigung)
und ein abwärtsgerichteter Pfeil bzw. A- für eine Verzögerung bzw. negative Beschleunigung
steht. Beispielhaft sei hier die Situation in einem zweiten Zeitintervall Zl2 dargestellt,
welches zwischen einem Zeitpunkt t1 maximaler Schwingungsgeschwindigkeit in Rückwärtsrichtung
und den unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt t2 maximaler Auslenkung in Rückwärtsrichtung
liegt. Auch in dieser Phase bewegt sich der freie Endabschnitt in Richtung des sich
bewegenden Biegestifts, und zwar mit abnehmender Geschwindigkeit. Auch in diesem Bereich
kann durch Verzögerung der Biegestiftgeschwindigkeit (A-) die Schwingung in dieser
Phase abgefangen und dadurch Schwingungsenergie abgeleitet werden.
[0092] Bei geeigneter Wahl der Schwingungsphase ist ein Schwingungsenergieentzug auch durch
eine positive Beschleunigung des Biegestifts möglich. Beispielhaft sie hier ein erstes
Zeitintervall Zl1 zwischen dem Zeitpunkt t2 maximaler Auslenkung in Rückwärtsrichtung
und dem unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt t3 maximaler Schwingungsgeschwindigkeit
in Vorwärtsrichtung beschrieben. In dieser Phase der Vorwärtsbewegung des freien Endabschnitts
kann die Schwingung dadurch "aufgefangen" zu werden, dass der Biegestift positiv beschleunigt
(A+) wird und dadurch die Geschwindigkeitsdifferenz zum freien Endabschnitt im Vergleich
zur Bewegung ohne diese Beschleunigung verringert wird.
[0093] Die gestrichelte Linie unterhalb der die Beschleunigung repräsentierenden Pfeile
im unteren Teil des Diagramms kann ebenfalls zur Darstellung der benötigten Beschleunigung
des Biegestifts für einen Energieentzug herangezogen werden.
[0094] Die Beispiele zeigen, dass durch eine Minimierung des Betrags der Beschleunigungsdifferenz
A
DIF zwischen dem Biegestift und dem schwingenden freien Endabschnitt Schwingungsenergie
abgezogen und dadurch die Schwingungsamplitude reduziert werden kann. Bei einer Verfahrensvariante
wird mit Hilfe einer Regelung der am Biegestift auftretenden Biegekraft erreicht,
dass das Auftreten von Schwingungen mit störenden Amplituden kontinuierlich unterdrückt
wird. Wird nämlich die Regelung so ausgelegt, dass die Biegekraft während des Biegevorgangs
bzw. währen einer Phase desselben möglichst konstant bleibt bzw. nur geringe Schwankungen
aufweist, so ist dadurch gleichzeitig auch sichergestellt, dass sich zwischen der
Bewegung des Biegestiftes und der Schwingungsbewegung des freien Endabschnitts keine
starke Beschleunigungsdifferenz ausbilden kann. Da letztendlich die Ausbildung von
Beschleunigungsdifferenzen für die Anregung von Schwingungen des freien Endabschnitts
verantwortlich ist, kann dadurch auch die Anregung von störenden Schwingungen vermieden
werden. Das Ansteigen bzw. Abfallen der Kraft am Anfang bzw. am Ende einer Bewegung
ist dabei zu berücksichtigen.
[0095] Anhand der Fig. 7 und 8 werden nun die Ergebnisse einiger Biegeoperationen mit aktiver
Dämpfung der Schwingungsbewegung erläutert. Fig. 7 zeigt hierzu ein Messdiagramm,
welches in gemeinsamer Darstellung den Biegewinkel Y [°], die Biegegeschwindigkeit
V und die Amplitude AMP der Schwingungsbewegung des freien Endabschnitts als Funktion
der auf der Abszisse aufgetragenen Zeit t (in [s]) zeigt. Als Maß für die Biegegeschwindigkeit
(Winkelgeschwindigkeit der Drehbewegung der Y-Achse) ist in der Ordinate die zur Biegegeschwindigkeit
proportionale Drehzahl D des Servomotors MY der Y-Achse in [U/min]) aufgetragen. Die
Schwingungsamplitude AMP ergibt sich aus dem Abstand einer definierten Stelle am freien
Endabschnitt des Drahtes in Bezug auf einen optischen Schwingungssensor, der mit einem
Laser arbeitet und den Abstand zwischen dem Lasersensor und dem schwingendem Biegeteilabschnitt
erfasst. Bei einer freien Länge l = 700 mm des freien Endabschnitts und einem Durchmesser
von 6 mm für den zu biegenden Draht ergibt sich bei fester Einspannung eine Eigenfrequenz
von ca. 8.89 Hz, so dass eine Schwingungsperiode ca. 112 ms dauert. Für die Dämpfung
bleibt also ein Zeitfenster von ca. 28 ms.
[0096] Der Verlauf der Biegegeschwindigkeit zeigt zunächst einen relativ geradlinigen Anstieg
im Bereich um t = 2 ms, bevor die Biegegeschwindigkeit ihren Maximalwert (entsprechend
ca. 500 U/min des Servomotors) bei einer Zeit t = 2.02 erreicht. Diese Biegegeschwindigkeit
bleibt dann bis zum Beginn des ersten Zeitintervalls Zl1 im Wesentlichen konstant.
Aus dem Amplitudenverlauf ergibt sich, dass der Draht zunächst beim Erstkontakt mit
dem danach Biegestift (starke Beschleunigung) eine außerhalb des Messbereichs des
Schwingungssensors liegende große Amplitude hat und danach mit im Wesentlichen konstanter
Amplitude (ca. 23 mm im Bereich der Messstelle) schwingt. Die maximalen Auslenkungen
bei ca. t = 2.09 s, t = 2.20 s und t = 2.32 s entsprechen jeweils den maximalen Auslenkungen
in Vorwärtsrichtung, d.h. in Richtung der Bewegung des Biegestiftes. Unmittelbar nach
Erreichen der dritten maximalen Auslenkung der Vorwärtsrichtung bei ca. t = 2.32 s
wird die Drehzahl des Servomotors durch die Steuereinrichtung innerhalb eines Viertels
der Schwingungsperiode im ersten Zeitintervall Zl1 auf ca. 1/5 des Ausgangswertes
reduziert, so dass der Biegestift genau in der Phase abbremst, in der der freie Endabschnitt
in Richtung Biegestift zurückschwingt. Die Geschwindigkeitskurve im ersten Zeitintervall
entspricht etwa einer Geraden mit Sinusanschlüssen mit einer anschließenden kurzen
Steigerung der Drehzahl, bevor diese nahezu auf Null abfällt.
[0097] Die Auswirkungen dieser Verzögerung der Biegegeschwindigkeit auf die Schwingungsamplitude
sind dramatisch. Nach einer Viertel Schwingungsperiode ist die Amplitude des Drahtes
von ca. 23.45 mm auf ca. 2.15 mm reduziert, was einer Dämpfung von ca. 90% bzw. einer
Reduzierung der vor dem Dämpfen vorliegenden Ausgangsamplitude auf weniger als 10%
ihres Wertes entspricht. Die geringe Restamplitude nach dem ersten Zeitintervall (ab
ca. 2.35 s) stört den nachfolgenden Abschnitt der Biegeoperation nicht, so dass der
Draht ohne Beruhigungszeit weiter bearbeitet werden kann.
[0098] Der Beginn des ersten Zeitintervalls ZI1 definiert in diesem Beispiel den Beginn
des Kompensationszeitintervalls KZI, in welchem die schwingungsreduzierende Kompensationsbewegung
der Maschinenachse (Biegeachse, Y-Achse) durchgeführt wird. Die Kompensationsbewegung
ist hier vor allem charakterisiert durch den raschen, drastischen Abfall der Biegegeschwindigkeit
(Bewegungsgeschwindigkeit der Y-Achse) um deutlich mehr als 50% der 70% im ersten
Zeitintervall. Das erste Zeitintervall wird im Folgenden auch als "Dämpfungszeitintervall"
bezeichnet, da hier aufgrund von Schwingungsenergieentzug eine starke Verringerung
der Schwingungsamplitude eintritt.
[0099] Bei dem Beispiel von Fig. 7 wird die Dämpfung erst in der dritten Schwingungsperiode
nach dem Anlegen eingeleitet. Um bei ansonsten gleichen Randbedingungen eine Dämpfung
bereits in der ersten Periode zu erreichen, wären im Beispielsfall größere Vorschübe
bzw. Motordrehzahlen notwendig. Gleichzeitig soll aber das Abbremsen nach wie vor
in einem sehr engen Zeitfenster, nämlich in einem Viertel der Periodendauer, erfolgen.
Das bedeutet, dass der Drehzahlabfall im Dämpfungszeitintervall wesentlich steiler
als im Beispiel von Fig. 7 verlaufen sollte. Diese Aufgabe wurde bei Versuchen steuerungstechnisch
dadurch gelöst, dass der Drehzahlabfall im Dämpfungszeitintervall, d.h. die Reduzierung
der Biegegeschwindigkeit, im Wesentlichen einer sin
2-Beschleunigung entspricht, die steuerungsintern relativ einfach generiert werden
kann. Neben dem stetigen Kurvenverlauf der sin
2-Beschleunigung stellt auch die einfache Handhabung an einer CNC-Steuerung einen Vorteil
dar, da CNC-Programme mit einer sin-Beschleunigung lediglich aus einem NC-Datensatz
bestehen können, der neben der Vorschub- und Wegangaben der Parameter für die sin-Beschleunigung
beinhaltet.
[0100] Fig. 8 zeigt das Messprotokoll bei einer ähnlichen Versuchsanordnung, wie sie auch
dem Messprotokoll von Fig. 7 zugrunde lag. Der Unterschied besteht darin, dass bereits
während der ersten Periode der Biegeteilschwingung gedämpft wurde und dass im ersten
Zeitintervall ZI1 durch die Steuereinrichtung eine Abbremsung der Biegestiftbewegung
(Y-Achse) entsprechend einer sin
2-Beschleunigung erzeugt wurde. Fig. 8A zeigt die mit einem Kraftsensor am Biegestift
erfasste Biegekraft KB [N] als Funktion der Zeit t. Da es sich hier um eine Schwingung
mit starkem Schwingungsanteil in der Biegeebene handelt, ist dieses Kraftsignal proportional
zur Amplitude der Schwingung und repräsentiert exakt sowohl die Phasenlage als auch
die Frequenz der Schwingung. Fig. 8B zeigt die Kurve für die Schwingungsamplitude
AMP und die Biegegeschwindigkeit V, welche proportional zur Drehzahl D des der Y-Achse
zugeordneten Servomotors MY ist. Dieser beschleunigt zunächst aus dem Stand im Zeitraum
zwischen ca. t = 2.07 s und t = 2.12 s gemäß einer sin
2-Beschleunigung auf den Maximalwert und verbleibt danach mit geringen Schwankungen
im Bereich des Maximalwertes bis zu einem Zeitpunkt innerhalb des ersten Zeitintervalls
ZI1 bei ca. t = 2.19 s. Danach wird die Drehgeschwindigkeit des Servomotors der Y-Achse
gemäß einer sin
2-Beschleunigung innerhalb einer Viertel Schwingungsperiode fast auf Null heruntergefahren.
Diese Abbremsbewegung ist gleich gerichtet zur Rückschwingung des Biegeteils und bewirkt
eine starke Dämpfung der Schwingungsbewegung, die nach Abschluss des ersten Zeitintervalls
ZI1 nur noch eine geringe Restamplitude hat, welche den weiteren Verlauf der Biegeoperation
nicht weiter stört. Im Beispielsfall liegt die Amplitude nach dem Dämpfen bei ca.
5.45 mm, was in Anbetracht der sehr kurzen Biegezeit von nur ca. 150 ms ein sehr guter
Wert ist.
[0101] Die Beispiele aus den Fig. 7 und 8 dienen im Wesentlichen der Veranschaulichung der
Möglichkeiten einer aktiven Dämpfung. Ob im Einzelfall eine sehr starke Dämpfung,
wie sie in Fig. 8 exemplarisch gezeigt ist, notwendig und sinnvoll ist, ist bei Auslegung
des Biegeprozesses zu entscheiden. Dabei ist unter anderem zu berücksichtigen, dass
sehr starke Dämpfungen genau wie sehr starke Beschleunigungen in Einzelfällen bis
zur plastischen Verformung eines Biegeteils führen können, was in der Regel vermieden
werden soll. Das Abbremsen des Biegestiftes kann auch im Wesentlichen nach einem linearen
Zeitgesetz erfolgen.
[0102] Die Fig. 7 und 8 zeigen den Dämpfungseffekt bei einmaliger Anwendung. Es ist auch
möglich, während einer Biegeoperation in mehreren zeitlich versetzten Zeitintervallen
zu dämpfen. Fig. 9 zeigt hierzu exemplarisch das Messprotokoll eines Versuches mit
zweimaligem, zeitversetztem Dämpfen, wobei in jedem ersten Zeitintervall die Drehzahl
des Servomotors gemäß einer sin
2-Beschleunigung reduziert wird. Ein früher liegende erstes Zeitintervall ZI1-1 liegt
bei diesem Versuch zwischen ca. t = 2.22 s und t = 2.25 s und dient dazu, die anfangs
sehr hohe Amplitude auf Werte um ca. 15 mm zu dämpfen. Die Drehzahl des Motors wird
nicht auf null reduziert, sondern auf einen endlichen Wert, z.B. etwa 10% bis 20%
des Wertes vor dem Abbremsen. Nach einer weiteren Schwingungsperiode wird dann in
einem späteren ersten Zeitintervall ZI1-2 im Zeitintervall zwischen ca. t = 2.36 und
t = 2.38 s eine weitere Dämpfung gemäß einer sin
2-Beschleunigung durchgeführt, wodurch die Amplitude weiter reduziert wird. Durch mehrmaliges
Dämpfen sind gegebenenfalls kleinere Restamplituden zu erreichen als bei einmaligem
Dämpfen.
[0103] Für eine effektive Dämpfung ist es wesentlich, dass die zur Dämpfung führende Beschleunigung
bzw. Verzögerung der relevanten Maschinenachse zum richtigen Zeitpunkt einsetzt, so
dass das Dämpfungszeitintervall in Bezug auf die Phase der Schwingungsbewegung optimal
liegt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die zeitliche Lage des Dämpfungszeitintervalls
an die Schwingung des Biegeteils anzupassen. Der richtige Zeitpunkt kann beispielsweise
experimentell ermittelt werden, indem zunächst einige Referenz-Biegeteile einer Serie
gebogen und anhand dieser Biegeteile die Phasenlagen der entstehenden Schwingungen
und damit auch zeitlichen Lagen günstiger Zeitpunkte für den Beginn von Kompesationsbewegungen
bestimmt werden. Die Werte können dann in die Steuerung eingegeben werden. Es ist
auch möglich, das Schwingungsverhalten eines Biegeteils für alle Phasen des Biegeprozesses
vorab durch Simulation, beispielsweise mit Hilfe der Methode der finiten Elemente
(FEM) zu ermitteln und den Beginn des Kompensationszeitintervalls und/oder andere
für die Schwingungskompensation nützliche Steuerungsparameter nach dem Ergebnis dieser
Simulation vorab festzulegen. Es ist auch möglich, die kompensierenden Gegenbewegungen
hinsichtlich Frequenz und Bewegungsverlauf anhand von rechnerisch von der Maschinensoftware
ermittelten Eigenfrequenzen und anderen Randbedingungen wie Auflage, Reibung, Orientierung
für jede Bewegung einer Maschinenachse individuell festzulegen.
[0104] Bei der anhand von Fig. 2 erläuterten Ausführungsform einer Biegemaschine ist eine
Schwingungskompensationsregelung implementiert, die während des Biegevorgangs die
Schwingungsbewegungen des Werkstücks mit Hilfe mindestens eines Schwingungssensors
erfasst, aus Signalen des Schwingungssensors zumindest die Phasenlage und die Frequenz
der Schwingung ermittelt und an die Steuereinrichtung in der Weise rückkoppelt, dass
diese die entsprechenden Antriebe der für die schwingungskritischen Bewegungen maßgeblichen
Maschinenachsen so steuert, dass die für die Dämpfungswirkung und/oder für eine Schwingungsunterdrückung
erforderlichen Beschleunigungen bzw. Verzögerungen zum richtigen Zeitpunkt in Bezug
auf die aktuelle Schwingung eingeleitet bzw. erzeugt werden.
[0105] Die Ausführungsform hat hierzu einen mit dem Biegestift 138 gekoppelten Schwingungssensor
170 in Form eines Kraftsensors, der die am Biegestift aktuell auftretenden Biegekräfte
erfasst und ein dieser Biegekraft proportionales Signal erzeugt, das zur Steuereinrichtung
160 übertragen und von dieser zur Steuerung des Antriebs MY für die Y-Achse verarbeitet
werden kann.
[0106] Der Zufuhreinheit 110 ist ein Schwingungssensor 180 zugeordnet, der ebenfalls als
Kraftsensor ausgelegt ist. Mit dem Schwingungssensor 180 können zum einen die in der
Zufuhreinheit auftretenden Kräfte parallel zur Werkstückachse erfasst werden, und
ebenfalls diejenigen Kräfte bzw. Drehmomente, die in Richtung einer Verdrehung der
Zufuhreinheit um die Werkstückachse wirken. Diese Kräfte bzw. Drehmomente können beispielsweise
dann auftreten, wenn das eingespannte Biegeteil einen wesentlichen Anteil an Torsionsschwingungen
hat, wie sie beispielsweise beim Drehen eines bereits einmal oder mehrfach gebogenen
Werkstücks für den Wechsel der Biegeebene auftreten können. Die Signale des Drehmomentsensors
werden zur Steuereinrichtung 150 übertragen und können von dieser zur Ansteuerung
des für die Werkstückdrehung verantwortlichen Antriebes der A-Achse (A-Motor) verarbeitet
werden, um mit Hilfe von gezielten Drehzahländerungen eine Torsionsschwingung durch
eine Ausgleichsbewegung zu dämpfen bzw. zu kompensieren. Analog können die in Längsrichtung
des Werkstücks wirkenden Kräfte erfasst, ein dazu proportionales Signal an die Steuereinrichtung
in Form eines Schwingungssignals übertragen und von dieser zur Ansteuerung des für
die Bewegung der C-Achse verantwortlichen Motors MC verarbeitet werden.
[0107] Da über die Schwingungsserisoren zumindest die Phase und die Frequenz von Schwingungen
oder Schwingungskomponenten des Bauteils in Echtzeit ermittelt werden können, ist
auch eine Kompensationsregelung durchführbar, bei der die Steuereinrichtung 150 mit
Hilfe eines Schwingungssignals die zeitliche Lage des Beginns eines Kompensationszeitintervalls
der betreffenden Maschinenachse steuert. Beispielsweise können die anhand der Fig.
6 bis 8 erläuterten Dämpfungsbewegungen der Biegeachse (Y-Achse) aufgrund von Signalen
des Schwingungssensors 170 gesteuert werden, der die Biegekraft am Biegestift erfasst.
[0108] Es ist auch möglich, die Schwingungskompensationsregelung so auszulegen, dass ggf.
über viele Schwingungsperioden hinweg auf eine möglichst konstante Biegekraft geregelt
wird, was gleichbedeutend ist mit der im Zusammenhang mit Fig. 6 erläuterten Minimierung
der Beschleunigungsdifferenz. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Phasen der zwangsläufigen
Kraftänderung beim Beschleunigen und Verzögern von der Konstantkraftregelung ausgenommen
sind und dass generell eine Abhängigkeit von Biegewinkel und vom Biegeverfahren gegeben
ist.
[0109] Die beschriebenen Möglichkeiten der Dämpfung einer Biegeteilschwingung können als
auswirkungsbegrenzende Maßnahmen verstanden werden, die Energie aus einer bereits
angeregten Schwingung abziehen und dadurch die Schwingung dämpfen. Zusätzliche Dämpfungen
können beispielsweise auch durch Anbringung von Dämpfungselementen (z.B. Biegetisch)
und/oder durch das Biegen in einem dichteren Medium eingeführt werden. Eine weitere
auswirkungsbegrenzende Maßnahme ist es, den Schwingungen des Biegeteils gezielt entgegenzuwirken.
Der Grundgedanke hierbei ist es, das Bewegungsgesetz einer Maschinenachse, beispielsweise
der Biegeachse (Y-Achse), mit einer kleinen, mehr oder weniger sinusförmigen Bewegungsfunktion
phasenrichtig zu überlagern, die der vorherrschenden Schwingung des Biegeteils entgegenwirkt.
Auch bei dieser Variante ist der Antriebsmotor der entsprechenden Maschinenachse das
gegensteuernde Element, welches über die Steuereinrichtung auf Basis des NC-Programms
betätigt wird.
[0110] In Fig. 10 wird eine solche Variante qualitativ dargestellt. Die im Wesentlichen
lineare Wegfunktion Y (Biegewinkel) der Y-Achse (Biegeachse) beginnt mit einem Sinusanschluss
und geht dann in eine Phase mit gleichförmiger Biegegeschwindigkeit V über. Nach einem
Konstantfahrt-Zeitintervall, welches etwa von t = 30 ms bis t = 95 ms läuft, schließt
sich ein Kompensationszeitintervall KZI an, in welchem die Bewegungsgeschwindigkeit
V periodisch entsprechend einer überlagerten Sinusfunktion um einige Prozente des
Absolutwertes der Biegegeschwindigkeit moduliert wird. In der Wegfunktion Y macht
sich diese Überlagerung einer Sinusfunktion durch leichte periodische Abweichungen
vom geradlinig linearen Verlauf bemerkbar. In der Geschwindigkeitsfunktion V bewirkt
die Überlagerung eine sinusförmige Schwankung der Geschwindigkeit um den während der
Konstantfahrtphase vorliegenden Geschwindigkeitswert. Aus der Kurve A für die Beschleunigung
des Biegewerkzeuges ergibt sich, dass das Kompensationszeitintervall zunächst mit
einer positiven Beschleunigung (Geschwindigkeitserhöhung) beginnt und dann mehrere
Wechsel zwischen Phasen negativer Beschleunigung und Phasen positiver Beschleunigung
folgen. Die Phasenlage der sinusförmigen Bewegung des Biegestifts zur Phasenlage der
Schwingung des Werkstücks wird so gewählt, dass diese sich gegenseitig aufheben und
damit die Schwingung des Werkstücks ab- bzw. beseitigt wird. Vorzugsweise hat die
Gegenschwingung eine abnehmende Amplitude um zu vermeiden, dass durch die Gegenschwingung
neue Eigenschwingungen angeregt werden.
[0111] Diese Überlagerung von Bewegungsgesetzen kann entweder direkt über den Servomotor
MY für die Y-Achse eingebracht werden oder aber durch einen zusätzlichen Antrieb,
beispielsweise durch einen Piezoaktor, der unabhängig von der mit dem Motor der Y-Achse
erzeugten Bewegung der Biegeachse die sinusförmige wechselnde Kompensationsbewegung
des Biegestiftes erzeugt. Die Biegebewegung durch den Antriebsmotor wäre dadurch von
der schwingungsdämpfenden Bewegung, welche durch den Piezoaktor erzeugt wird, entkoppelt.
Der Piezoaktor wäre als Teil des Antriebs für die Bewegung der Y-Achse anzusehen.
Der Antrieb für die Bewegung setzt sich dann aus einem Grobantrieb (Servomotor) und
einem hochdynamischen Feinantrieb (Piezoaktor) zusammen, die in Kombination wirken.
[0112] Bei manchen Ausführungsformen sind alternativ oder zusätzlich ursachenbegrenzende
Maßnahmen vorgesehen, also solche Maßnahmen, die dazu geeignet sind, eine übermäßige
Schwingungserregung von vorneherein zu vermeiden. Vorzugsweise ist dabei vorgesehen,
dass ein Bewegungsprofil einer schwingungsrelevanten Bewegung, beispielsweise der
Drehbewegung des Biegestiftes beim Biegen, zwischen einem Anfangspunkt und einem Endpunkt
der Bewegung einem Bewegungsgesetz folgt, welches einer mathematisch glatten Funktion
entspricht. Das kann insbesondere bedeuten, dass sowohl das Geschwindigkeitsprofil
der gesamten Bewegung als auch das Beschleunigungsprofil der gesamten Bewegung frei
von Knickpunkten bzw. Eckpunkten ist, so dass diese Funktionen stetig differenzierbar
sind.
[0113] Bei der praktischen Umsetzung dieses Ansatzes wurden u.a. verschiedene normierte
Bewegungsgesetze untersucht, wie sie beispielsweise in der VDI-Richtlinie 2143 Blatt
1 mit dem Titel "Bewegungsgesetze für Kurvenbetriebe" aufgeführt sind. Der Inhalt
dieser VDI-Richtlinie wird insoweit durch Bezugnahme damit zum Inhalt dieser Beschreibung
gemacht. Für Versuchsreihen wurde eine Draht mit 6 mm Durchmesser und 700 mm freier
Länge in einer Biegezeit von 330 ms um einen Biegewinkel von 35° gebogen, wobei das
Richten durch Anliegen des Biegestiftes am Draht mit einer Vorspannung von 2° als
Störgröße ausgeschlossen wurde. Als Kriterium für das Ausmaß der Schwingungserregung
beim Vergleich der Bewegungsgesetze untereinander wurde die Größe der Schwingungsamplitude
vor Erreichen einer ersten Stelle mit hoher Beschleunigungsänderung gewählt. Fig.
10 zeigt eine Vergleichsübersicht der Wegfunktion verschiedener verwendeter Bewegungsgesetze,
wobei auf der Abszisse die zur Biegezeit proportionale Anzahl von Stützpunkten und
auf der Ordinate der Biegewinkel Y [°] aufgetragen ist. Als Vergleichsprofile, die
herkömmliche Bewegungsprofile repräsentieren, sind ein lineares Bewegungsprofil (Kurve
L), eine Gerade mit Parabelanschlüssen (Kurve GP) und eine Gerade mit geneigten Sinusanschlüssen
(Kurve GS) dargestellt. Diese haben jeweils lange Abschnitte mit konstanter Geschwindigkeit
(geradlinige Wegfunktion), in welchen die Beschleunigung den Wert Null annimmt.
[0114] Bei den anderen dargestellten Bewegungsprofilen ändern sich Bewegungsgeschwindigkeit
und Beschleunigung kontinuierlich zwischen dem Anfangspunkt und dem Endpunkt der dargestellten
Bewegung, wobei die Geschwindigkeitsfunktion zwischen Anfangspunkt und Endpunkt einen
Maximalwert erreicht und die Beschleunigungsfunktion zwischen Anfangspunkt und Endpunkt
einen Nulldurchgang von positiven zu negativen Beschleunigungen durchläuft. Beim Beispiel
liegt ein Wendepunkt WP der Wegfunktion (Geschwindigkeitsmaximum) etwa mittig zwischen
Anfangswinkel (0°) und Endwinkel (35°). Der Beschleunigungsverlauf ist zu Beginn der
Bewegung mit sehr geringer Steigung sanft verrundet, mit Geschwindigkeitssteigerungen,
die in der Anfangsphase (ausgehend vom Anfangspunkt) deutlich geringer sind als bei
der Geraden (L) und auch geringer als bei der Geraden mit Sinusanschluss.
[0115] Zu diesen mathematisch glatten Bewegungsprofilen gehören: das Polynom fünften Grades,
die quadratische Parabel (Kurve QP), das modifizierte Beschleunigungstrapez (Kurve
MB), die einfache Sinuide (Kurve ES), die modifizierte Sinuide, der harmonische Bewegungsablauf,
das gestreckte Polynom fünften Grades, die gestreckte, geneigte Sinuide und die geräuscharme
Cosinus-Kombination. Fig. 10 zeigt, dass sich die Wegfunktionen dieser Bewegungsgesetze
nur minimal voneinander unterscheiden, weshalb nur wenige der glatten Kurven explizit
bezeichnet sind.
[0116] Bei verschiedenen Versuchen zeigte sich, dass vor allem ein Bewegungsprofil entsprechend
einem modifizierten Beschleunigungstrapez (Kurve MB) und das Bewegungsprofil entsprechend
einer quadratischen Parabel (Kurve QP) sehr geringe Schwingungsamplituden erzeugten,
die um ein Vielfaches unterhalb derjenigen Schwingungsamplituden lagen, die sich bei
konventionellen Bewegungen entsprechend der Geraden mit geneigten Sinusanschlüssen
(Kurve GS) oder der Gerade mit Parabelanschlüssen (Kurve GP) ergab. Während letztere
bei einer Versuchsreihe beispielsweise mit Amplituden von über 40 mm außerhalb des
Messbereichs des lasergestützten Amplitudenmessung lagen, ergaben sich für die glatten
Bewegungsprofile durchgängig Amplitudenwerte unterhalb von 15 mm, in der Regel sogar
von ca. 10 mm oder weniger.
[0117] Für die Bewertung der Tauglichkeit verschiedener Bewegungsgesetze für die Schwingungsvermeidung
beim Drahtbiegen oder Rohrbiegen kommen vor allem zwei Vergleichswerte in Betracht,
nämlich der Beschleunigungskennwert (C
a) und der Ruckkennwert (C
j). Der Beschleunigungskennwert ist der Maximalwert der zweiten Ableitung des normierten
Bewegungsgesetzes. Der Ruckkennwert verkörpert dagegen den Maximalwert der dritten
Ableitung des normierten Bewegungsgesetzes. Der Ruckkennwert ergibt sich demnach durch
Ableitung der Beschleunigung nach der Zeit. Tabelle A zeigt die C
a- und C
j-Werte einiger der in den Versuchen verwendeten Bewegungsgesetze.
Tabelle A
| Bewegungsgesetz |
Ca |
Cj |
ruckfrei |
| Einfache Sinuide |
4.93 |
∞ |
Nein |
| Polynom 5. Grades |
5.78 |
60 |
Ja |
| Quadratische Parabel |
4 |
∞ |
Nein |
| Mod. Beschleunigungstrapez |
4.89 |
61.4 |
Ja |
| Mod. Sinuide |
5.53 |
69.5 |
Ja |
| Geneigte Sinuide |
6.28 |
39.5 |
Ja |
[0118] Die Versuche zeigten, dass vor allem die Bewegungsgesetze mit geringer normierter
Beschleunigung (C
a-Wert) sehr geringe Schwingungsamplituden erzeugten. Das sind hier das modifizierte
Beschleunigungstrapez (Kurve MB) und die quadratische Parabel (Kurve QP). Das gute
Abschneiden der Parabel zeigt auch, dass die normierte Ruckfunktion (C
j-Wert) gegenüber dem Beschleunigungskennwert eine untergeordnete Rolle spielt. Die
Bedeutung des normierten Beschleunigungswertes für die Schwingungsvermeidung veranschaulicht,
dass die Massenträgheit und die damit verbundenen Beschleunigungen für den Peitscheneffekt
maßgeblich verantwortlich sind und dass die Schwingungserzeugung teilweise unterdrückt
werden kann, wenn über die gesamte Bewegung zwischen Anfangspunkt und Endpunkt nur
relativ kleine Beschleunigungen durch die entsprechende Maschinenachse erzeugt werden.
[0119] Wesentliche Aspekte der Erfindung wurden hier anhand einiger Ausführungsbeispiele
aus dem Bereich des Drahtbiegens erläutert, da die problematische Schwingungserzeugung,
die häufig auch als "Peitscheneffekt" bezeichnet wird, beim Drahtbiegen wesentlich
stärker in Erscheinung tritt als beim Rohrbiegen. Dies rührt vor allem daher, dass
bei einem Vergleich der Masse eines Rohres mit der Masse eines Drahtes bei gleichem
Außendurchmesser und gleicher Dichte das Rohr einen wesentlichen Gewichtsvorteil und
damit wesentlich geringere Massenträgheit besitzt, wodurch auch die Trägheitskräfte,
die bei den gleichen Beschleunigungen wirken, entsprechend geringer sind. Gleichwohl
können beim Rohrbiegen aufgrund von Werkstückschwingungen Probleme entstehen. Die
am Beispiel des Drahtbiegens erläuterten Lösungsansätze sind grundsätzlich in analoger
Weise auch beim Rohrbiegen oder beim Biegen anderer langgestreckter Werkstücke nutzbar.
[0120] Die Schwingungskompensation kann sowohl bei den für die Positioniervorgänge und Orientierungsvorgänge
genutzten Maschinenachsen, als auch für die bei der Biegeoperation aktiven Maschinenachsen
(Biegeachsen) genutzt werden. Ein Einsatz ist auf Einkopfmaschinen, Zweikopf- oder
Mehrkopfmaschinen und auch auf Mehrstationenmaschinen mit drehendem Biegekopf oder
drehendem Werkstück möglich. Zusätzliche Maßnahmen, die beispielsweise die Freiheitsgrade
von Schwingungen begrenzen (beispielsweise Tischplatten) oder die eine Schwingung
dämpfen, können vorgesehen sein. So können beispielsweise Halterungen, Stützen oder
Greifer vorgesehen sein, die das gebogene Werkstück führen und somit die Ausbildung
von Schwingungen verhindern.
1. Verfahren zur Herstellung eines Biegeteils durch zwei- oder dreidimensionales Biegen
eines langgestreckten Werkstücks, insbesondere eines Drahtes oder eines Rohres, bei
dem durch koordinierte Ansteuerung der Bewegungen von Maschinenachsen einer mittels
einer Steuereinrichtung numerisch gesteuerten Biegemaschine in einem Biegeprozess
mindestens ein Abschnitt des Werkstücks durch eine oder mehrere Zufuhroperationen
in eine Ausgangsstellung im Eingriffsbereich eines Biegewerkzeugs bewegt und mit Hilfe
des Biegewerkzeugs in mindestens einer Biegeoperation durch Biegen umgeformt wird,
wobei die Bewegungen der Maschinenachsen jeweils gemäß einem durch die Steuereinrichtung
der Biegemaschine vorgebbaren Bewegungsprofil erzeugt werden und mindestens eine zu
einer Schwingung des freien Endabschnitts des Biegeteils führende schwingungsrelevante
Bewegung umfassen,
dadurch gekennzeichnet,
dass während einer schwingungsrelevanten Bewegung in mindestens einem Kompensationszeitintervall
eine die Schwingungserzeugung vermindernde und/oder eine Schwingungsenergie aus dem
schwingenden Endabschnitt abziehende Kompensationsbewegung erzeugt wird.
2. Verfahren nach Anspruch 1, worin eine bei einer schwingungsrelevanten Bewegung aktive
Maschinenachse so gesteuert wird, dass zu Beginn des Kompensationszeitintervalls eine
positive oder negative Beschleunigung derart erzeugt wird, dass sich eine Verringerung
einer Geschwindigkeitsdifferenz zwischen der momentanen Bewegungsgeschwindigkeit der
Maschinenachse und der korrespondierenden momentanen Bewegungsgeschwindigkeit des
schwingenden freien Endabschnitts des Werkstücks im Vergleich zur Geschwindigkeitsdifferenz
ohne die Kompensationsbewegung ergibt.
3. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, worin eine bei einer schwingungsrelevanten Bewegung
aktive Maschinenachse so gesteuert wird, dass ein Beginn eines Kompensationszeitintervalls
(KZl) bezogen auf den zeitlichen Verlauf der Schwingungsbewegung innerhalb eines ersten
Zeitintervalls (Zl1) zwischen einem Zeitpunkt maximaler Auslenkung der Schwingungsbewegung
und dem unmittelbar nachfolgenden Zeitpunkt maximaler Schwingungsgeschwindigkeit liegt.
4. Verfahren nach Anspruch 3, worin die maximale Auslenkung eine maximale Auslenkung
in Vorwärtsrichtung der Bewegung der Maschinenachse ist und die Kompensationsbewegung
der Maschinenachse mit einer Phase negativer Beschleunigung beginnt, wobei vorzugsweise
eine Kompensationsbewegung mit negativer Beschleunigung zeitlich kurz vor Erreichen
des Endpunktes der Bewegung derart beginnt, dass die Maschinenachse nach der negativen
Beschleunigung den Endpunkt ohne nochmalige substantielle positive Beschleunigung
unmittelbar anstrebt.
5. Verfahren nach Anspruch 3 oder 4, worin die maximale Auslenkung eine maximale Auslenkung
in Rückwärtsrichtung der Bewegung der Maschinenachse ist und die Kompensationsbewegung
der Maschinenachse mit einer Phase positiver Beschleunigung beginnt, wobei vorzugsweise
eine Kompensationsbewegung mit positiver Beschleunigung in einer Bewegungsphasen der
Maschinenachse stattfindet, in der die Bewegung der Maschinenachse schneller wird,
insbesondere in der Anfangsphase einer Biegeoperation.
6. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, worin die Maschinenachse eine Rotationsachse
für eine Drehbewegung eines Teils des Biegewerkzeugs (130) ist, wobei vorzugsweise
die Biegegeschwindigkeit in einem ersten Zeitintervall (Zl1) um mindestens 50 % reduziert
wird.
7. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, worin unter Verwendung von Geometriedaten
eines Biegeprozesses und Werkstückdaten Eigenfrequenzdaten errechnet werden, die eine
oder mehrerer Eigenfrequenzen des schwingungsfähigen freien Endabschnitts des Werkstücks
für eine oder mehrere aufeinanderfolgende Phasen, insbesondere für alle Phasen des
Biegeprozesses repräsentieren, wobei vorzugsweise worin die zeitliche Lage des Beginns
eines Kompensationszeitintervalls unter Verwendung der Eigenfrequenzdaten und Daten
über die Phasenlage der Schwingung zu einem zeitlich früher liegenden, definierten
Referenzzeitpunkt gesteuert wird, wobei vorzugsweise der Referenzzeitpunkt der Zeitpunkt
des Beginns einer Beschleunigungsbewegung nach einem Rastpunkt der Bewegung einer
Maschinenachse, insbesondere der Beginn der Beschleunigungsbewegung eines Biegestifts
nach einem Anlegen des Biegestifts an das Werkstück, ist.
8. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, worin ein zeitlicher Verlauf der
Schwingungsbewegung mittels mindestens eines Schwingungserfassungssystems erfasst
wird, das vorzugsweise mindestens einen Schwingungssensor aufweist, der ein mindestens
die Phasenlage und die Frequenz der Schwingungsbewegung repräsentierendes Schwingungssignal
erzeugt, wobei vorzugsweise die Steuereinrichtung das Schwingungssignal zur Steuerung
des Bewegungsprofils der die Kompensationsbewegung ausführenden Maschinenachse verarbeitet,
insbesondere derart, dass die Steuereinrichtung mittels des Schwingungssignals die
zeitliche Lage des Beginns eines Kompensationszeitintervalls steuert.
9. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, worin im Kompensationszeitintervall
mindestens ein Wechsel zwischen einer Phase mit negativer Beschleunigung, einer nachfolgenden
Phase mit positiver Beschleunigung und einer nachfolgenden Phase mit negativer Beschleunigung
erzeugt wird, wobei die Phasen vorzugsweise ohne abrupten Wechsel zwischen Geschwindigkeitssteigerung
und Geschwindigkeitsreduzierung ineinander übergehen, insbesondere derart, dass sich
im Kompensationszeitintervall ein annähernd sinusförmiger Verlauf der Bewegungsgeschwindigkeit
mit mehrfachem Wechsel zwischen positiver und negativer Beschleunigung ergibt, vorzugsweise
mit abnehmender Amplitude.
10. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, worin eine bei einer schwingungsrelevanten
Bewegung aktive Maschinenachse so gesteuert wird, dass ein Bewegungsprofil der schwingungsrelevanten
Bewegung zwischen einem Anfangspunkt und einem Endpunkt der Bewegung einem Bewegungsgesetz
folgt, welches im Wesentlichen einer mathematisch glatten Funktion entspricht, so
dass für die Bewegungsgeschwindigkeit und für die Beschleunigung der Bewegung keine
abrupte Wechsel, insbesondere keine Sprünge, stattfinden, wobei vorzugsweise während
der gesamten schwingungsoptimierten Bewegung sowohl die Geschwindigkeit als auch die
Beschleunigung kontinuierlich variiert, wobei insbesondere die Geschwindigkeitsfunktion
zwischen Anfangspunkt und Endpunkt einen Maximalwert erreicht und die Beschleunigungsfunktion
zwischen Anfangspunkt und Endpunkt einen Nulldurchgang von positiven zu negativen
Beschleunigungen durchläuft und/oder wobei ein Beschleunigungsverlauf zu Beginn der
Bewegung mit sehr geringer Steigung sanft verrundet beginnt.
11. Vorrichtung zur Herstellung eines Biegeteils durch zwei- oder dreidimensionales Biegen
eines langgestreckten Werkstücks (120), insbesondere eines Drahtes oder eines Rohres,
wobei die Vorrichtung mehrere Maschinenachsen, eine Steuereinrichtung (160) zur koordinierten
Ansteuerung von Bewegungen der Maschinenachsen und mindestens ein Biegewerkzeug (130)
zur Durchführung einer Biegeoperation an dem Werkstück (120) aufweist, wobei Bewegungen
von Maschinenachsen gemäß einem durch die Steuereinrichtung vorgebbaren Bewegungsprofil
erzeugbar sind, dadurch gekennzeichnet, dass die Vorrichtung dafür eingerichtet ist, während einer schwingungsrelevanten Bewegung
in mindestens einem Kompensationszeitintervall eine die Schwingungserzeugung verminderte
und/oder eine dem Werkstück Schwingungsenergie entziehende Kompensationsbewegung zu
erzeugen.
12. Vorrichtung nach Anspruch 11, worin die Steuereinrichtung zur Durchführung des Verfahrens
nach einem der Ansprüche 1 bis 10 konfiguriert ist.
13. Vorrichtung nach Anspruch 11 oder 12, worin die Vorrichtung zur Erfassung eines zeitlichen
Verlauf der Schwingungsbewegung ein Schwingungserfassungssystem aufweist, das vorzugsweise
mindestens einen an die Steuereinrichtung (160) angeschlossenen, vorzugsweise als
Kraftsensor zur Erfassung der am Biegewerkzeug (130) wirksamen Biegekraft ausgebildeten,
Schwingungssensor (170, 180) aufweist, der ein mindestens die Phasenlage und die Frequenz
der Schwingungsbewegung repräsentierendes Schwingungssignal erzeugt, wobei vorzugsweise
die Steuereinrichtung dafür eingerichtet ist, das Schwingungssignal zur Steuerung
des Bewegungsprofils der die Kompensationsbewegung ausführenden Maschinenachse zu
verarbeiten, insbesondere derart, dass die Steuereinrichtung mittels des Schwingungssignals
die zeitliche Lage des Beginns eines Kompensationszeitintervalls (KZl) steuert.
14. Vorrichtung nach einem der Ansprüche 11 bis 13, gekennzeichnet durch eine Schwingungskompensationsregelung, die dafür konfiguriert ist, während mindestens
einer schwingungsrelevanten Bewegung die Schwingungsbewegungen des Werkstücks (120)
mit Hilfe mindestens eines, vorzugsweise als Kraftsensor zur Erfassung der am Biegewerkzeug
(130) wirksamen Biegekraft ausgebildeten, Schwingungssensors (170, 180) zu erfassen,
aus Signalen des Schwingungssensors zumindest die Phasenlage und die Frequenz der
Schwingung zu ermitteln und an die Steuereinrichtung (150) derart rückzukoppeln, dass
die Steuereinrichtung einen oder mehrere Antriebe der für die schwingungsrelevanten
Bewegungen maßgeblichen Maschinenachsen so steuert, dass die für einen Schwingungsenergieentzug
und/oder für eine Schwingungsunterdrückung erforderlichen positiven oder negativen
Beschleunigungen zum richtigen Zeitpunkt in Bezug auf die Phase der Schwingungsbewegung
eingeleitet werden.
15. Computerprogrammprodukt, welches insbesondere auf einem computerlesbaren Medium gespeichert
oder als Signal verwirklicht ist, wobei das Computerprogrammprodukt, wenn es in den
Speicher eines geeigneten Computers geladen und von einem Computer ausgeführt ist
bewirkt, dass der Computer ein Verfahren gemäß einem der Ansprüche 1 bis 10 durchführt.