[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft das Gebiet der medizinischen Endoskopie und Endochirurgie,
genauer gesagt jenes der Enteroskopie und -chirurgie.
[0002] Endoskopie ist ein seit vielen Jahrzehnten etabliertes Diagnoseverfahren in der Human-
und Veterinärmedizin. Die hierfür verwendeten Endoskope haben sich kontinuierlich
weiterentwickelt und ermöglichen heutzutage nicht nur einfaches Beleuchten und Abbilden
des Körperinneren, z.B. unter Verwendung von Lichtleiterfasern, sondern sind auch
für die Durchführung minimalinvasiver operativer Eingriffe ausgerüstet. So umfassen
moderne Endoskope neben der Faseroptik beispielsweise Luftinsufflatoren oder Gaspumpen,
Irrigatoren, Absaugpumpen sowie flexible Werkzeuge, wie z.B. Kanülen zur Injektion,
Greif- oder Schneidwerkzeuge oder Drahtelektroden zur Koagulation mit elektrischem
Strom. Zur Einführung der für den jeweiligen Eingriff erforderlichen Gerätschaften
weist das Endoskop mehrere Kanäle auf.
[0003] Speziell bei enteroskopischen Eingriffen im Darm von Mensch und Tier treten, trotz
vorhergehender Gabe von Abführmitteln, häufig Komplikationen aufgrund von die zu untersuchende
und/oder operativ zu behandelnde Stelle passierendem Stuhl auf, was den Vorgang nicht
nur erschwert und verzögert, sondern im Falle von operativen Eingriffen, z.B. zur
Gewebeentnahme oder -entfernung, auch ein Infektionsrisiko für den Patienten darstellt.
Somit wäre es wünschenswert, den Darm während eines endoskopischen Eingriffs temporär
verschließen zu können.
[0004] In der Literatur hat der Erfinder hierzu lediglich die
WO 2008/103891 ausfindig gemacht, deren Hauptanspruch zwar allgemein auf die Ausbildung eines Polymerpfropfens
"an einer Stelle in einem Säugetier" abgestellt ist, indem eine viskose Polymerzusammensetzung
bei Körpertemperatur verfestigen gelassen wird, deren einziger, im Rest der Anmeldung
beschriebener Anwendungszweck jedoch der Verschluss von Arterien, d.h. Hämostase,
ist. Grundlage der dortigen Offenbarung sind revers thermosensitive Polymere, d.h.
Polymere, die bei Raumtemperatur wasserlöslich sind, bei Körpertemperatur jedoch aus
der Lösung ausfallen. Beispiele sind Poloxamere, z.B. solche, die von BASF unter dem
Handelsnamen Pluronics® vertrieben werden.
US 2006/0222596 A offenbart die Verwendung von Biomaterialien zur Okklusion von Körperlumina wie z.B.
des Darms. Hierzu wird ein Polyglycidylether direkt vor der Injektion mit einem Diamin
als Vernetzer gemischt, was zur Bildung eines Hydrogels am Einsatzort führt.
[0005] Weitere Literaturstellen, die sich mit Hämostase unter Verwendung von natürlichen
und künstlichen Polymeren, zum Teil unter zusätzlicher Gelierung der Polymerlösungen
bei Temperaturänderung, beschäftigen, sind:
G.M. Stiel et al., Z. Kardiol. 81(10), 543-545 (1992) (Kollagen als Polymer) und
J. Raymond et al., Biomaterials 25, 3983 (2005) (Poloxamere);
CN 1273860 (Poloxamer 407);
KR 2002/023441 (N-Isopropylacrylamid-Copolymere); und
US 5.894.022 (Albumin). Eine Verwendung dieser Materialien zum Verschließen des Darms ist in keinem
der Zitate erwähnt oder nahe gelegt. Die beiden ersteren Literaturstellen sind auch
in der
WO 2008/103891 zitiert, wobei erwähnt wird, dass die Ausbildung eines das Blutgefäß verschließenden
Pfropfens unter Einwirkung von Gelierung nachteilig sei, da ein solcher Pfropfen entweder
nach seiner Auflösung die Gefahr eines erneuten Verschließens im Bereich engerer Gefäße
mit sich bringt (betreffend das Kollagen bei Stiel et al.) oder sich nach einigen
Minuten unerwünschterweise wieder auflöst (betreffend die Poloxamere bei Raymond et
al.).
[0006] Für die Zwecke der vorliegenden Erfindung wären derartige Materialien, die durch
eine Temperaturänderung zur Zustandsänderung bewegt werden, nur bedingt geeignet,
da - im Gegensatz zur Verwendung in Blutgefäßen - im Lumen des vor dem Eingriff im
Wesentlichen entleerten Darms keine ausreichend rasche Erwärmung der viskosen Polymerlösung
erzielbar wäre, um einen Polymerpfropfen zu bilden, bevor größere Anteile der Lösung
von der Okklusionsstelle abgeflossen sind.
[0007] Ziel der Erfindung war vor diesem Hintergrund die Bereitstellung eines geeigneten
Materials zur Ausbildung einer vorübergehenden Okklusion des Darms.
OFFENBARUNG DER ERFINDUNG
[0008] Die vorliegende Erfindung betrifft daher eine verfestigbare Zusammensetzung zur Verwendung
zur Erzeugung einer vorübergehenden Okklusion des Darms eines Säugetiers, wobei die
Zusammensetzung fließfähig und an einer gewünschten Stelle im Darm zu einem festen
Pfropfen verfestigbar ist, dessen Struktur zur anschließenden, zumindest teilweisen
Aufhebung der Okklusion veränderbar ist, sowie andererseits eine solche Zusammensetzung
selbst. Eine solche erfindungsgemäße Zusammensetzung kann beispielsweise durch einen
der Kanäle eines üblichen Endoskops an die gewünschte Stelle gepumpt und dort verfestigt
werden, wobei weder die Art und Weise der Verfestigung noch die Art der Entfernung
des Pfropfens nach Beendigung des Eingriffs speziell eingeschränkt sind, wie nachstehend
näher ausgeführt wird. Wesentlich ist lediglich, dass der Pfropfen nach der Verfestigung
ausreichende Festigkeit für einen ausreichend langen Zeitraum aufweist, um eine Barriere
für zu dieser Stelle gelangenden Stuhl zu bilden, so dass der behandelnde Arzt stromab
des Pfropfens den endoskopischen Eingriff ungehindert vornehmen kann.
[0009] Der Pfropfen braucht dafür den Darm nicht notwendigerweise zu 100 % zu verschließen,
muss aber zumindest festen oder halbfesten Stuhl am Passieren der Einsatzstelle hindern
können, womit der Pfropfen auch beispielsweise eine poröse Struktur aufweisen kann.
Vorzugsweise wird jedoch auch eine Passage von dünnflüssigeren Exkrementen verhindert,
was eine dichtere Konsistenz des Pfropfens bedingt. Da zudem die Weite des zu okkludierenden
Darmlumens stark schwankt (z.B. Dünndarm ca. 2,5 cm, Dickdarm ca. 6 cm), kann die
Zusammensetzung der Erfindung nach ihrer Verfestigung im Darm somit - je nach gewünschter
Anforderung und je nach vorgesehener Einsatzstelle im Darm - eine große Bandbreite
möglicher Beschaffenheiten aufweisen, die später ausführlicher diskutiert werden.
[0010] Die Zusammensetzung ist eine Lösung, Suspension oder Dispersion zumindest eines natürlichen
oder künstlichen Polymers und ist vorzugsweise durch einen oder mehrere aus der aus
Quellung, Koagulation, Polymerisation und Vernetzung bestehenden Gruppe ausgewählte
Prozesse zu dem festen Pfropfen verfestigbar. Auf diese Weise ist einerseits der oben
erwähnte Transport der Zusammensetzung zur gewünschten Einsatzstelle im Darm durch
ein herkömmliches Endoskop und andererseits ihre dortige, möglichst rasche Verfestigung
zu einem Pfropfen gewährleistet, der in der Lage ist, zu dieser Stelle gelangende
Exkremente wirksam aufzuhalten. Erfindungsgemäß werden Polymere eingesetzt, deren
Lösungen, Suspensionen oder Dispersionen thixotropes Verhalten zeigen, d.h. bei Energiezufuhr
fließfähig sind, bei Wegfall der Energiequelle jedoch wieder zu einem festen Gel erstarren
und so den Pfropfen bilden. Bekannte Beispiele hierfür sind entsprechende flüssige
Formulierungen von Polyethylenglykolen (PEG), Polysacchariden wie Alginaten, Dextranen
oder Celluloseethern, z.B. Carboxymethylcellulose-Derivaten, sowie manche der zuvor
als gelbildende Polymere genannten Verbindungen.
[0011] Mit "Okklusionsstelle" ist hierin jene Stelle gemeint, an welcher der temporäre Darmverschluss
vorgenommen werden soll. Aufgrund der Fließfähigkeit der erfindungsgemäßen Zusammensetzungen
müssen diese mitunter an eine Position befördert werden, die - räumlich gesehen -
etwas oberhalb der späteren Lage des verfestigten Pfropfens liegt, weswegen in der
Definition der Okklusionsstelle ein Schwankungsbereich, z.B. von etwa 10 cm, enthalten
ist. Zudem ist dem Fachmann klar, dass die Verfestigung in allen von der Erfindung
umfassten Fällen möglichst rasch vonstatten gehen sollte, um ein Abfließen von der
gewünschten Position weitestgehend zu verhindern. Daher sollten auch die allermeisten
erfindungsgemäßen Zusammensetzungen eine solche Viskosität aufweisen, dass sie gerade
noch fließfähig sind, um in den Darm pumpbar zu sein, sich aber vor Ort sehr rasch,
vorzugsweise binnen Sekunden, verfestigen lassen. Ausnahmen sind beispielsweise viskoelastische
oder thixotrope Zusammensetzungen, deren Viskosität im fließfähigen Zustand auch von
der zugeführten Energiemenge abhängt.
[0012] Die Zusammensetzung muss, wie oben erwähnt, zu einem Pfropfen verfestigbar sein,
dessen Struktur zur anschließenden, zumindest teilweisen Aufhebung der Okklusion veränderbar
ist, wobei die Strukturänderung vorzugsweise eine zumindest teilweise Zerstörbarkeit
auf mechanische, physikalische und/oder chemische Weise ist. Unter zumindest teilweiser
Zerstörung der Struktur ist hierin im weitesten Sinne jegliche Strukturänderung des
Pfropfens zu verstehen, die bewirkt, dass eine größere Menge an Exkrementen die Stelle
passieren kann als unmittelbar nach der Ausbildung der Darmokklusion an dieser Stelle.
Eine solche Strukturänderung kann von selbst erfolgen und/oder durch äußere Einwirkung
herbeigeführt werden, wobei "von selbst" erfolgende Änderungen auch durch die im Darm
herrschenden Bedingungen, wie z.B. den pH-Wert der Darmschleimhaut oder in den Darm
ausgeschiedene Enzyme, ausgelöst werden können.
[0013] Unter "mechanische Zerstörung der Pfropfenstruktur" fallen jedwede vom behandelnden
Arzt unter Verwendung geeigneter Werkzeuge vorgenommene Handlungen, durch die die
Darmokklusion zumindest teilweise wieder aufgehoben wird und vorzugsweise die Strukturintegrität
des Pfropfens beeinträchtigt oder zerstört wird. Für diesen Zweck können entweder
die diversen Greif- oder Schneidewerkzeuge benutzt werden, mit denen herkömmliche
Endoskope standardmäßig ausgerüstet oder ausrüstbar sind, wie eingangs bereits beschrieben
wurde, oder es können spezielle Werkzeuge hierfür konzipiert werden. So kann der Pfropfen,
je nach dessen Konsistenz, etwa mit einer Zange oder einem Skalpellen durchtrennt,
mit einem Greifer zerrissen oder mit einem Dorn durchbohrt werden, um die Okklusion
des Darms zumindest teilweise wieder aufzuheben.
[0014] Ebenfalls umfasst ist das Ergreifen des Pfropfens nach Beendigung des endoskopischen
Eingriffs mit einem am Ende des Endoskops montierten Greifwerkzeug und anschließendes
Herausziehen des - mitunter im Wesentlichen intakten - Pfropfens aus dem Darm über
den natürlichen Darmausgang. Für diesen Zweck ist unter der obigen Anforderung einer
veränderbaren Struktur des Pfropfens zur zumindest teilweisen aufhebung der Okklusion
eine elastische Nachgiebigkeit bei gleichzeitiger ausreichender Konsistenz des Pfropfenmaterials
zu verstehen, um den Verschlusspfropfen von der Darmschleimhaut ablösen und durch
den Darm transportieren zu können, ohne die Mukosa zu verletzen. Auch umfasst sind
Fälle, in den der Pfropfen mit einem Werkzeug ergriffen und von der Darmwand abgelöst
wird, wonach der Transport zum After jedoch nicht manuell, sondern durch den Druck
nachkommender Exkremente auf den Pfropfen erfolgt. Aufgrund des Risikos eines erneuten,
unerwünschten Darmverschlusses auf dem Weg zum Darmausgang ist diese Ausführungsform
freilich nicht bevorzugt.
[0015] Ebenfalls möglich ist zunächst eine mechanische Zerstörung des Pfropfens, gefolgt
von einer Auflösung desselben, wobei die Auflösung wiederum von selbst erfolgen oder
vom behandelnden Arzt initiiert werden kann und mehr oder weniger rasch erfolgen kann.
Ein bevorzugtes Beispiel besteht darin, einen aufgrund von viskoelastischem bzw. thixotropem
Verhalten gebildeten Pfropfen durch Zufuhr von mechanischer Energie in Form von Scherspannung,
d.h. durch einfaches Eindringen in den Pfropfen und Durchführung einer Rührbewegung,
gegebenenfalls unter Ausübung von leichtem Druck auf die Darmwand, wieder in einen
fließfähigen Zustand überzuführen, wodurch das Pfropfenmaterial zumindest teilweise
von der Okklusionsstelle abfließt, so die Okklusion aufhebt und in der Folge durch
das Darmsekret allmählich aufgelöst und entweder über den natürlichen Darmausgang
entfernt oder über die Darmschleimhaut resorbiert wird. Zumindest teilweise Resorption
stellt in allen Fällen der Pfropfenentfernung eine erfindungsgemäß bevorzugte Variante
dar.
[0016] Unter physikalische Strukturänderungen des Pfropfens fallen alle Vorgänge, bei denen
die Struktur ohne Zuhilfenahme von Werkzeugen ausreichend verändert wird, um die Darmokklusion
zumindest teilweise wieder aufzuheben, ohne dass es zu substanziellen chemischen Veränderungen
im Pfropfenmaterial kommt. Dazu zählen beispielsweise Strukturveränderungen aufgrund
von Temperaturerhöhung oder -senkung. Für die Zwecke hierin werden unter physikalischen
Strukturänderungen in weiterem Sinne der Definition jedoch auch Quellung bzw. Schrumpfung,
womit der entgegengesetzte Vorgang von Quellung gemeint ist, verstanden, wiewohl es
bei diesen Prozessen zwangsläufig zu deutlichen Änderungen chemischer Bindungszustände
im Pfropfenmaterial kommt.
[0017] Vom behandelnden Arzt aktiv bewirkte Temperaturänderungen können beispielsweise durch
Bestrahlung des Pfropfens mit Infrarotlicht herbeigeführt werden, wofür erneut die
in modernen Endoskopen vorgesehenen Lichtleiter unter Verwendung geeigneter Lichtquellen
zum Einsatz kommen können, obwohl bessere Ergebnisse unter Verwendung spezieller,
an den Infrarotbereich angepasster Lichtleitkabel erzielbar sind.
[0018] Wiewohl spontane Quellung/Schrumpfung aufgrund der im Darm herrschenden Bedingungen,
z.B. unter Beteiligung von den Pfropfen erreichenden Exkrementen, nicht ausgeschlossen
ist, erfordern diese Vorgänge in der Regel die gezielte Zufuhr eines Reaktionspartners,
nämlich eines Quellmittels, wie z.B. Wasser oder Lösungsmittel, bzw. eines Schrumpfungsmittels
oder "Anti-Quellmittels", also eines Mittels, das bewirkt, dass ein gequollenes Polymer
(z.B. ein Hydrogel) seinen Quellgrad und somit auch sein Volumen verringert. Als Schrumpfungsmittel
können beispielsweise Salzlösungen oder andere Lösungen oder Suspensionen ionischer
Gelöststoffe dienen, die in das gequollene Polymer eindringen und dessen Nebenvalenzen
absättigen, so dass diese kein Wasser oder Lösungsmittel mehr zu binden vermögen,
wodurch der Quellgrad gesenkt und eine Schrumpfung des Pfropfens ausgelöst wird.
[0019] Vorzugsweise ist die Struktur des Pfropfens durch Quellung bzw. - falls bereits die
Verfestigung der erfindungsgemäßen Zusammensetzung zur Bildung des Pfropfens aufgrund
von Quellung erfolgt ist - weitere Quellung zumindest teilweise zerstörbar, so dass
die Zufuhr eines Quellmittels bzw. von weiterem Quellmittel ausreicht, um die gewünschte
Strukturänderung zu bewirken. Das weitere Quellmittel kann dabei dasselbe wie das
für den ersten Quellvorgang verwendete oder auch ein anderes Mittel sein. Beispielsweise
kann die erste Quellung zur Verfestigung der erfindungsgemäßen Zusammensetzung unter
Verwendung von Wasser als Quellmittel erfolgen, und die Struktur des so gebildeten
Pfropfens durch Einsatz eines wässrigen Lösungsmittelgemischs als zweites Quellmittel
wieder (zumindest teilweise) zerstört werden, oder umgekehrt.
[0020] Die Strukturänderung durch Quellung kann dabei sowohl ein - mehr oder weniger vollständiges
- In-Lösung-Gehen des Pfropfenmaterials umfassen als auch ein bloßes Erweichen desselben,
so dass der (erneut) gequollene, weiche Pfropfen beispielsweise leicht(er) mechanisch
zerstörbar wird als zuvor, oder aber so weich und nachgiebig wird, dass er durch den
Druck von ankommendem Stuhl auf natürliche Weise aus dem Darm befördert werden kann,
ohne dass das Risiko eines erneuten Darmverschlusses auf dem Weg zum After besteht.
Letztere Variante stellt daher ein Beispiel für eine Strukturänderung durch eine Kombination
aus physikalischer bzw. physikalisch-chemischer Zerstörung und mechanischer Entfernung
dar.
[0021] Alternativ oder zusätzlich zur oben beschriebenen Quellung kann die Struktur des
Pfropfens auch durch Bestrahlung mit elektromagnetischen Strahlen zumindest teilweise
zerstört werden. Beispielsweise kann die erfindungsgemäße Zusammensetzung ein Polymer
umfassen, das einen Photosäurebildner enthält, der bei Bestrahlung mit Licht geeigneter
Wellenlänge eine Säure freisetzt, die die gewünschte Strukturänderung des Pfropfens
bewirkt. Das Polymer kann aber beispielsweise auch einen Photoinitiator enthalten,
der bei Bestrahlung eine Polymerisation oder Vernetzung innerhalb des Pfropfenmaterials
auslöst, und so dessen Strukturänderung herbeiführen. Letztere kann beispielsweise
darauf beruhen, dass durch derartige Photopolymerisation des Pfropfens ein porös(er)es
und damit durchlässigeres Polymernetzwerk oder aber auch ein Material mit höherer
Quellbarkeit erzeugt wird. Letzterer Fall ist ein Beispiel für eine Strukturänderung
aufgrund einer Kombination aus Bestrahlung und Quellung.
[0022] Alternativ oder zusätzlich zu Quellung und Bestrahlung kann die Struktur des Pfropfens
durch Spaltung chemischer Bindungen zumindest teilweise zerstörbar sein, wobei hierin
unter spaltbaren chemischen Bindungen - zur gedanklichen Abgrenzung gegenüber der
obigen Definition physikalischer Strukturänderungen - vorwiegend kovalente Bindungen
zu verstehen sind, da es bei Vorgängen wie Quellung oder Schrumpfung, aber auch Koagulation,
zu einer "Spaltung" von Nebenvalenzbindungen wie etwa von koordinativen Bindungen,
z.B. Wasserstoffbrückenbindungen, oder von lonenbindungen kommt.
[0023] Zum Zwecke der Spaltung solcher chemischer Bindungen umfasst die erfindungsgemäße
Zusammensetzung vorzugsweise ein oder mehrere Polymere und/oder ein oder mehrere bei
Verfestigung durch Polymerisation bzw. Vernetzung in ein Polymernetzwerk einzupolymerisierende
Monomere, die jeweils labile Bindungen enthalten. Unter "labiler Bindung" ist hierin
im weitesten Sinne eine Bindung zu verstehen, die auf relativ einfache Weise und vorzugsweise
unter schonenden Bedingungen chemisch spaltbar sind. Vorzugsweise sind die labilen
Bindungen aus hydrolyse-, licht- und temperaturempfindlichen Bindungen ausgewählt,
und zwar bevorzugt aus der aus Acetal-, Ketal-, Ester-, Orthoester-, Azo-, Ether-
und Anhydridbindungen bestehenden Gruppe. Allerdings sind auch enzymatisch spaltbare
Bindungen bevorzugt, wobei besonders bevorzugt Bindungen gewählt werden, die durch
körpereigene, in den Darm sekretierte Verdauungsenzyme gespalten werden können, wobei
die Art der Bindung erneut von der beabsichtigten Position des Eingriffs und damit
der Okklusion abhängt.
[0024] Beispielsweise kann unter Verwendung eines oben erwähnten Photosäurebildners durch
Bestrahlung eine Säure gebildet werden, die zur Spaltung von säurelabilen Bindungen
im Pfropfen führt, was somit ein Beispiel für eine Strukturänderung durch eine Kombination
aus Bestrahlung und Spaltung chemischer Bindungen darstellt. Aus Gründen der physiologischen
Unbedenklichkeit sollte eine entweder aus einem Photosäurebildner unter Bestrahlung
freigesetzte oder eine gezielt, z.B. als Reagens(lösung), zugesetzte Säure keine allzu
starke Säure sein, weswegen die labilen (in diesem Fall: säurelabilen) Bindungen bereits
in schwach saurem Milieu spaltbar sein sollten. Analoges gilt bei Verwendung von Basen
für basenlabile Bindungen, die ebenso Beispiele für hydrolyseempfindliche Bindungen
darstellen.
[0025] Besonders bevorzugt sind daher Verbindungen mit säure- oder basenlabilen Bindungen,
die auch in Gegenwart schwacher Säuren oder Basen spaltbar sind, wozu beispielsweise
Carbonate, Acetale, Anhydride und Orthoester zählen. Dadurch ist ein Pfropfenmaterial
erhältlich, das auch bei dem - je nach Zusammensetzung der vom Säugetier metabolisierten
Nahrung und Lage der Operationsstelle im Darm - schwach sauren oder schwach basischen
pH-Wert des Speisebreis bzw. der Exkremente durch diese spaltbar ist, so dass sich
der Pfropfen auch ohne äußere Einwirkung, zumindest teilweise, allmählich auflöst.
Beispielsweise schwankt der pH-Wert im Zwölffingerdarm etwa zwischen 5 und 8, im Dickdarm
zwischen etwa 5,5 und 6,8.
[0026] In der Praxis kann der pH-Wert des Darms an der geplanten Okklusionsstelle in gewissem
Ausmaß dadurch gesteuert werden, dass dem Patienten über einen bestimmten Zeitraum
vor dem Termin des Eingriffs eine speziell für diesen Zweck abgestimmte Kost verabreicht
wird.
[0027] Ebenfalls bevorzugt sind Verbindungen mit licht- oder temperaturempfindlichen Bindungen,
wie z.B. Azo- und Diazo-Gruppen, um die Struktur des aus der erfindungsgemäßen Zusammensetzung
gebildeten Pfropfens photolytisch bzw. thermolytisch verändern oder zerstören zu können.
In beiden Fällen kann der Auslöser erneut eine Bestrahlung über den Lichtleiter des
Endoskops sein.
[0028] Ein großer Vorteil der erfindungsgemäßen Zusammensetzung besteht darin, dass sie
über den natürlichen Darmausgang an die gewünschte Stelle im Darm zuführbar ist, z.B.
indem sie durch einen Kanal eines herkömmlichen Endoskops an die Einsatzstelle gepumpt
und dort auf geeignete Weise zum Pfropfen verfestigt wird. Es sind somit keinerlei
Traumata der Darmwand vonnöten, um die Darmokklusion unter Verwendung der erfindungsgemäßen
Zusammensetzung herbeizuführen. Der Darmverschluss kann somit auf nichtinvasive bzw.
minimalinvasive (je nach Definition) und auf für den behandelten Patienten schonendste
Weise erzeugt werden.
[0029] Auch die Entfernung des aus der Zusammensetzung gebildeten festen Pfropfens erfolgt
vorzugsweise, gegebenenfalls nach vorheriger, zumindest teilweiser Zerstörung seiner
Struktur, über den natürlichen Darmausgang. Wenn die zumindest teilweise Zerstörung
der Pfropfenstruktur einen chemischen oder biologischen Abbau umfasst, kann jedoch
- alternativ oder zusätzlich zur Entfernung über den natürlichen Darmausgang - auch
eine zumindest teilweise Resorption durch die Darmwand des Patienten erfolgen.
[0030] Abgesehen von den zur Pfropfenbildung unabdinglichen Bestandteilen kann die erfindungsgemäße
Zusammensetzung beliebige weitere Komponenten enthalten, solange dieser eine Anwendung
im Darm von Säugetieren nicht entgegenstehen und die Wirkung der Erfindung nicht beeinträchtigen.
Explizit seien hier Viskositätsmodifikatoren, wie z.B. Verdicker oder Fließhilfen,
Lösungsvermittler oder Löslichkeitsverbesserer, wie z.B. Tenside und Emulgatoren,
Geliermittel, Schaumstabilisatoren und Haftmittel genannt. Letztere sollen insbesondere
eine gute Haftung des Pfropfens an der Darmwand fördern, wofür beispielsweise stark
klebrige natürliche Polymere, wie z.B. die bereits erwähnten Tragant- und Karaya-Gummen,
in Frage kommen. Diese können in der Zusammensetzung entweder lediglich eingemischt
enthalten sein, z.B. wenn die Pfropfenbildung ausschließlich aufgrund von Quellung
erfolgt, oder können so modifiziert sein, dass sie an etwaigen Polymerisationsreaktionen
teilnehmen. Dabei können derartige Derivate sowohl die einzigen polymerisierbaren
Verbindungen darstellen und zu den Pfropfen bildenden Homopolymeren polymerisiert
werden, oder sie können mit anderen polymerisierbaren Bestandteilen der Zusammensetzung
Copolymere bilden.
[0031] Die Patienten, bei denen die erfindungsgemäßen Zusammensetzung Verwendung finden
soll, sind zwar nicht speziell eingeschränkt und können beispielsweise Haus- oder
Nutztiere sein. Nicht zuletzt aufgrund der nicht unbeträchtlichen Behandlungskosten
für endoskopische Eingriffe wird es sich jedoch im Normalfall um menschliche Patienten
handeln.
KURZBESCHREIBUNG DER ZEICHNUNGEN
[0032] Die Fig. 1 bis 3 sind Fotografien eines Modellversuchs der Ausführung der Erfindung
in einem Schweine-Naturdarm.
[0033] Nachstehend wird die vorliegende Erfindung anhand von nichteinschränkenden Fallbeispielen
und konkreten Modellversuchen mit Schweinedarm-Abschnitten unter Bezugnahme auf die
Figuren näher beschrieben.
BEISPIELE
[0034] Da sowohl die Komponenten als auch die Eigenschaften der erfindungsgemäßen Zusammensetzungen
maßgeblich von der Art und Weise der Bildung des die Okklusion bewirkenden Polymerpfropfens
sowie von der Art der Entfernung desselben bestimmt werden, werden die folgenden Beispiele
nach diesen beiden Verwendungsaspekten zu Gruppen zusammengefasst. So beschreiben
die Beispiele 1 bis 13 unterschiedliche Arten der Verfestigung zur Pfropfenbildung,
während sich die anschließenden Beispiele 14 bis 28 die Aufhebung der Okklusion illustrieren,
wobei in der Praxis beliebige Kombinationen aus Pfropfenbildung und -entfernung möglich
sind, auch wenn dies in den nachstehenden Beispielen nicht für jeden Fall explizit
angegeben ist. Die Zufuhr der erfindungsgemäßen Zusammensetzungen an die Okklusionsstelle
erfolgt in jedem der Beispiele in einfacher Weise über die Kanäle eines Endoskops,
wiewohl - zumindest in der Theorie - auch andere Optionen existieren, die jeweilige
Zusammensetzung an die Okklusionsstelle zu transportieren, z.B. über gesonderte Schläuche
oder Kanäle oder, z.B. mittels einer Spritze, durch die Darmwand hindurch. Aufgrund
ihrer daraus resultierenden Komplexheit werden derartige Operationen in der Praxis
freilich kaum zum Einsatz kommen.
[0035] Wie bereits zuvor erwähnt wurde, können erfindungsgemäße Zusammensetzungen beliebige
zusätzliche Bestandteile enthalten, wobei der einschlägige Fachmann auf dem Gebiet
der medizinischen Chemie problemlos in der Lage ist, geeignete Formulierungen zu konzipieren,
deren Bestandteile sowohl untereinander als auch für die damit in Kontakt kommende
Darmschleimhaut verträglich sind.
A) Unterschiedliche Arten der Ausbildung der Darmokklusion
A1. Verfestigung der Zusammensetzung durch Gelierung/Koagulation
Beispiele 1 und 2 - Zweikomponenten-Systeme
[0036] Eine wässrige kolloidale Lösung oder Suspension eines quellfähigen Polymers mit einer
Konzentration in der Nähe des Gelierpunkts wird als Formulierung A durch einen Kanal
eines herkömmlichen Endoskops an die gewünschte Okklusionsstelle gepumpt. Durch denselben
oder einen zweiten Kanal des Endoskops wird eine ausreichende Menge einer fließfähigen
Formulierung B eines Geliermittels an dieselbe Stelle im Darm abgegeben. Die Viskositäten
und der Pumpendruck werden jeweils so gewählt, dass einerseits rascher Transport der
beiden Formulierungen an die Zielstelle, um beispielsweise starke Temperaturänderungen
der jeweiligen Formulierungen im Kanal zu verhindern, und andererseits eine rasche
Vermischung derselben gewährleistet sind, ohne dass nennenswerte Mengen der beiden
Flüssigkeiten von der Okklusionsstelle abfließen.
Beispiel 1 (nicht erfindungsgemäß): Das Polymer selbst dient als Geliermittel
[0037] Die Formulierungen A und B sind kolloidale Lösungen von Agar-Agar, Gelatine, Carrageen
o.dgl., die gegebenenfalls chemisch modifiziert wurden, wobei die optionale Modifikation
beispielsweise zur Verschiebung der nachstehend als "Geltemperatur" bezeichneten Temperatur
des Übergangs zwischen Gel- und Sol-Zustand, der z.B. bei Gelatine normalerweise bei
etwa 35 °C und bei Agar-Agar bei etwa 45 °C erfolgt, und zur Erhöhung der Löslichkeit
dienen kann, da ansonsten bereits aus 1%iger Lösung feste Gele gebildet werden. Alternativ
oder zusätzlich dazu kann ein Tensid, z.B. ein nichtionogenes Tensid wie etwa ein
Ethylenoxid-Propylenoxid-Copolymer, oder ein anderes geeignetes Mittel als Löslichkeitsverbesserer
zugesetzt werden, das bewirkt, dass die Gelierung erst bei höheren Konzentrationen
erfolgt.
[0038] Ohne Zusatz eines solchen Löslichkeitsverbesserers kann Formulierung A eine wässrige
Lösung mit einer Konzentration knapp unter der Geliergrenze, z.B. eine maximal ca.
0,9%ige Lösung, sein, Formulierung B hingegen eine über die Geltemperatur erwärmte
wässrige Lösung mit einer höheren Konzentration, die vom Mengen- und Mischungsverhältnis
der beiden Komponenten abhängt. Beispielsweise werden 100 ml einer 0,9%igen Formulierung
A und 10 ml einer warmen 15%igen Formulierung B gleichzeitig zur Okklusionsstelle
zugeführt. Unter "warm" ist hier eine Temperatur zu verstehen, die ausreicht, dass
die Lösung trotz allfälliger Abkühlung im Endoskopkanal beim Austritt aus Letzterem
in das Darmlumen eine Temperatur oberhalb der Geltemperatur aufweist, um Gelierung
im Kanal zu verhindern. Je nach Fließgeschwindigkeit, Länge des Fließwegs und Ausmaß
des Wärmeübergangs zwischen transportierter Lösung und dem Kanalmaterial sollte eine
Temperatur von 50 bis 60 °C bei Eintritt in den Kanal ausreichen. Vorzugsweise liegt
die Temperatur bei Austritt nur geringfügig, z.B. < 5 °C, oberhalb der Geltemperatur,
damit eine ausreichend rasche Abkühlung erfolgt, um den Pfropfen zu bilden, ohne dass
übermäßige Mengen der Lösung abfließen.
[0039] Die beiden Lösungen ergeben ein Gemisch mit einer Konzentration oberhalb der Geliergrenze
und einer Temperatur unterhalb Geltemperatur, so dass das Polymer sofort einen festen
Gelpfropfen mit einem Durchmesser von rund 4 bis 5 cm bildet, der den Darm an dieser
Stelle verschließt.
[0040] Alternativ dazu kann als Formulierung B auch einfach Wasser oder physiologische Kochsalzlösung
verwendet werden. Die Gelierung wird in diesem Fall dadurch initiiert, dass als Formulierung
A eine Lösung des Polymers mit einer Konzentration deutlich oberhalb der Geliergrenze,
z.B. eine 5%ige Lösung, und einer Temperatur oberhalb der Geltemperatur an die Okklusionsstelle
gepumpt wird und als Formulierung B beispielsweise Wasser mit Raum- oder einer darunter
liegenden Temperatur, z.B. 10 bis 15 °C, zugeführt wird, um so rasch ein Gemisch mit
einer Temperatur unterhalb der Geltemperatur zu bilden.
Beispiel 2 (nicht erfindungsgemäß): Zusätzliches Geliermittel Formulierung A ist eine in Beispiel 1 beschriebene etwa 0,9%ige Lösung von Gelatine,
Agar-Agar oder eines ähnlichen, gegebenenfalls modifizierten Polypeptids oder Polysaccharids,
und als Formulierung B dient eine Lösung eines separaten Geliermittels, wie z.B. gesättigte
Kochsalzlösung. Beim Vermischen der beiden Komponenten wird die Löslichkeit des Polymers
durch das Salz verringert, so dass das Polymer koaguliert und zum gewünschten Pfropfen
geliert.
Beispiele 3 bis 6 - Einkomponenten-Systeme
[0041] Unter Ausnutzung ähnlicher Mechanismen wie oben für Zweikomponenten-Systeme beschrieben
und/oder rheologischer Effekte kann die Erfindung auch in Form einer einzigen fließfähigen
Zusammensetzung in die Praxis umgesetzt werden.
Beispiel 3 (nicht erfindungsgemäß): Gelierung durch spontane Temperaturänderung
[0042] Eine Lösung eines der oben erwähnten Polypeptide oder Polysaccharide mit einer Konzentration
oberhalb der Geliergrenze wird in erwärmtem Zustand in den Darm eingeleitet, d.h.
wiederum mit einer Temperatur, die ausreicht, damit die Lösung bei Erreichen der Okklusionsstelle
eine Temperatur knapp oberhalb der Geltemperatur aufweist. Bei Abkühlung geliert die
Zusammensetzung und bildet die Okklusion. Alternativ dazu können jedoch auch Lösungen
oder Suspensionen von Polymeren eingesetzt werden, deren Sol/Gel-Übergang in umgekehrter
Richtung, d.h. Gelierung unter Erwärmung, erfolgt. Beispiele hierfür sind unter anderem
auch die nach dem Stand der Technik bekannten und bereits einleitend erwähnten Poloxamere,
die als kalte Lösungen, z.B. mit einer Temperatur von etwa 15 °C, zugeführt werden
und bei Erwärmung auf die jeweilige Geltemperatur, z.B. 20 °C, gelieren können. Allerdings
ist zu beachten, dass eine Gelbildung unter Erwärmung üblicherweise deutlich langsamer
erfolgt als jene bei Abkühlung, so dass diese Variante erfindungsgemäß nicht bevorzugt
ist.
Beispiel 4 (nicht erfindungsgemäß): Gelierung durch gezielte Erwärmung
[0043] Eine Lösung der eben beschriebenen Problematik von bei Temperaturerhöhung gelierenden
Polymeren besteht in zusätzlicher Erwärmung der Lösungen vor Ort. So kann wie in Beispiel
3 erwähnt eine etwa 15 °C kalte Lösung an die Okklusionsstelle gepumpt und über das
Lichtleiterkabel des Endoskops sofort mit Infrarotlicht bestrahlt werden, um so eine
ausreichend rasche Erwärmung und Gelierung zu bewirken. Dieses Beispiel illustriert
somit eine Pfropfenbildung durch eine Kombination aus Gelierung und Bestrahlung.
Beispiel 5 (nicht erfindungsgemäß): Gelierung durch Wasserentzug
[0044] Eine wie in Beispiel 1 beschriebene, etwa 0,9%ige Gelatine- oder ähnliche Lösung,
die gegebenenfalls durch Zusatz eines Verdickers wie etwa eines Celluloseethers, z.B.
Hydroxyethylcellulose, oder von Polyvinylalkohol auf eine solche Viskosität eingestellt
wurde, dass sie bei Körpertemperatur gerade noch fließfähig ist, wird an die Okklusionsstelle
gepumpt. Vorzugsweise wird die Zusammensetzung dabei vor dem Einleiten in den Endoskopkanal
auf Körpertemperatur vorgewärmt. Durch im Darm erfolgende Resorption von Wasser aus
der Zusammensetzung erhöht sich die Viskosität der Zusammensetzung weiter, bis deren
Konzentration schließlich die Gelgrenze überschreitet und zum Pfropfen geliert.
Beispiel 6: Gelierung aufgrund von Viskoelastizität oder Thixotropie
[0045] Hier kommt eine kolloidale Lösung, Suspension oder Dispersion eines körperverträglichen,
natürlichen oder künstlichen Polymers zum Einsatz, die viskoelastisches oder thixotropes
Verhalten zeigt. Die Formulierung enthält vorzugsweise ein oder mehrere geeignete
Polymere, wie etwa entsprechende Polyethylenglykole, Polysaccharide wie Alginate,
Dextrane oder Celluloseether, z.B. Carboxymethylcellulose-Derivate, in einer solchen
Konzentration, dass die Formulierung ohne äußere Energiezufuhr nicht fließfähig ist,
unter geringer Energiezufuhr aber durch den Kanal des Endoskops gepumpt werden kann.
Zusätzlich oder alternativ dazu kann die Formulierung ein Menge eines (weiteren) physiologisch
unbedenklichen Thixotropiermittels enthalten.
[0046] In der Praxis wird eine als Gel vorliegende Lösung, Suspension oder Dispersion eines
entsprechenden Polymers durch Rühren verflüssigt und mit einem solchen Druck und zugehöriger
Fließgeschwindigkeit durch einen Endoskop-Kanal an die Okklusionsstelle gepumpt, dass
die resultierende Schubspannung ausreichend Energie bereitstellt, damit die Fließfähigkeit
der Formulierung erhalten bleibt. Nach Austritt aus dem Kanal und entsprechendem Wegfall
der Energiezufuhr erstarrt die Formulierung rasch wieder zu einem das Darmlumen verschließenden
festen Gel.
A2. Verfestigung der Zusammensetzung durch Polymerisation
Beispiele 7 bis 10 - Einkomponenten-Systeme
[0047] In diesen Fällen wird eine polymerisierbare Zusammensetzung der Erfindung als Formulierung
an die Okklusionsstelle gepumpt und durch Polymerisation zu einem festen Pfropfen
verfestigt. Die Polymerisation erfolgt zwar in allen Fällen im Wesentlichen erst vor
Ort, d.h. an der Okklusionsstelle, kann aber mitunter auch schon während des Transports
der Zusammensetzung durch den Kanal einsetzen, solange die Fließfähigkeit gewahrt
bleibt. Zudem sei allgemein für sämtliche Polymerisationsbeispiele - unabhängig davon,
ob es sich um Ein- oder Zweikomponenten-Systeme handelt - erneut festgestellt, dass
das jeweils gebildete Polymerisat entweder mit gegebenenfalls vorhandenem Lösungsmittel
oder mit Wasser aus Darmsekreten oder beiden quellbar sein sollte.
Beispiel 7 (nicht erfindungsgemäß): Polymerisation bei Raumtemperatur
[0048] Eine polymerisierbare Formulierung wird durch Vermischen eines geeigneten Mono- oder
Prepolymers mit einem bereits bei Raumtemperatur reagierenden Initiator und gegebenenfalls
einem Lösungsmittel, vorzugsweise Wasser, gebildet. Als Initiatoren eignen sich hierfür
vor allem Redoxinitiatoren von radikalischer Polymerisation, wie z.B. die Systeme
Fe
2+/H
2O
2, Peroxysulfat/Metabisulfat, Peroxid/Thiosulfat oder Peroxysulfat/Thiosulfat, die
allesamt wasserlöslich sind. Für Pfropfcopolymerisationen verschiedener Polysaccharid-Derivate,
wie z.B. modifizierter Cellulose, reicht auch beispielsweise der Einsatz eines Cer(IV)-Salzes,
da der Mehrfachzucker selbst als reduzierender Redoxpartner dient. Auch anionische
oder kationische Initiatoren sind möglich, werden jedoch aufgrund des langsamen Reaktionsverlaufs
ionischer Polymerisationen nicht bevorzugt.
[0049] Die polymerisierbaren Monomere und Prepolymere sind nicht eingeschränkt. Vorzugsweise
werden wasserlösliche, zu mit Wasser quellbaren Polymeren reagierende, physiologisch
unbedenkliche Verbindungen ausgewählt, noch bevorzugter solche mit ethylenischen Doppelbindungen,
insbesondere solche, deren Polymerisate im Darm zu Verbindungen abbaubar sind, die
als Nährstoffe resorbiert werden können, wie z.B. Vinylester von Fettsäuren, Aminosäuren
oder Fruchtsäuren, z.B. von Milchsäure, Citronensäure oder Weinsäure. Diese ergeben
bei der Polymerisation Derivate von Polyvinylalkohol, die durch Säure- oder Baseneinwirkung
und/oder Esterasen zu Polyvinylalkohol (PVAL) und der entsprechenden Säure spaltbar
sind. Bei Verwendung von Asparaginsäure bzw. von Citronen- oder Weinsäure oder ähnlichen
Polycarbonsäuren können deren Di- bzw. Trivinylester - alleine oder zusätzlich zu
Monovinylestern - eingesetzt werden, die als Vernetzer dienen. Dabei ist über das
Verhältnis zwischen Mono- und Di- bzw. Triester-Monomeren der Vernetzungsgrad und
damit auch die Quellbarkeit des Polymerisats steuerbar. Da starkes Quellen aus zuvor
erwähnten Gründen in der Regel erwünscht ist, beträgt der Vernetzeranteil vorzugsweise
nicht mehr als etwa 10 Mol-%, noch bevorzugter nicht mehr als 5 Mol-%.
[0050] Bei Verwendung von Prepolymeren anstelle von oder zusätzlich zu Monomeren ist ebenfalls
auf Verträglichkeit und Abbaubarkeit zu achten. Bevorzugte Beispiele sind modifizierte
Vertreter natürlicher Polymere, wie z.B. von Polypeptiden, Polysacchariden und dergleichen,
wie bereits zuvor erwähnt wurde, insbesondere z.B. Vinyloxycarbonyloxy-Derivate von
Gelatine, Hyaluronsäure oder Glykogen, d.h. Kohlensäuremonovinylester - z.B. solche
von freien OH-, NH- oder NH
2-Gruppen im Prepolymer - die durch Decarboxylierung leicht zu PVAL und das entsprechende
natürliche Polymer spaltbar sind.
[0051] In jedem Fall setzt die Polymerisation des bei Raumtemperatur wirksamen Initiators
bereits beim Vermischen ein, kann jedoch z.B. durch Kühlung der Formulierung vor dem
Einpumpen in den Endoskopkanal oder Zusatz geringer Mengen an Stabilisatoren in geringerem
Ausmaß unterdrückt werden. Dennoch muss die Zufuhr zur Okklusionsstelle möglichst
rasch, d.h. mit relativ hohem Druck und damit hoher Fließgeschwindigkeit erfolgen,
um den Kanal nicht zu verstopfen. Durch die Erwärmung der Zusammensetzung im Körper
beschleunigt sich die Polymerisationsreaktion und läuft rasch bis zur Vollständigkeit
ab. Das Polymerisationsprodukt quillt in der Folge mit Wasser zum die Okklusion bildenden
Pfropfen.
Beispiel 8 (nicht erfindungsgemäß): Thermisch initiierte Polymerisation
[0052] Eine ähnliche Zusammensetzung wie in Beispiel 7 beschrieben, d.h. z.B. unter Verwendung
von Vinylester- oder Vinylcarbonat-Derivaten als Monomere oder Prepolymere, allerdings
mit einem thermischen Polymerisationsinitiator, wie z.B. einem organischen Peroxid,
z.B. Dibenzoylperoxid oder Di-tert-butylperoxid, oder einer Azo-Verbindung. An der
Okklusionsstelle erfolgt sofort eine Bestrahlung mit Infrarot-Licht über einen Lichtleiter
in einem zweiten Kanal des Endoskops, am besten gleichzeitig mit dem Austreten der
Formulierung aus dem ersten Kanal, um die Polymerisation in Gang zu setzen, bevor
nennenswerte Mengen der Zusammensetzung abgeflossen sind. Bei der Bestrahlung ist
freilich sorgfältig darauf zu achten, dass die Darmschleimhaut von der Bestrahlung
ausgespart wird, um keine Verbrennungen zu verursachen.
Beispiel 9 (nicht erfindungsgemäß): Photopolymerisation
[0053] Eine ähnliche Zusammensetzung wie in den beiden vorhergehenden Beispielen beschrieben
wird mit einem Photoinitiator, gegebenenfalls unter zusätzlicher Verwendung eines
Sensibilisators oder Co-Initiators, hergestellt. An der Okklusionsstelle wird die
Formulierung erneut sofort bestrahlt, in diesem Fall mit Licht der geeigneten Wellenlänge
im UV/VIS-Bereich, wo die gängigen Photoinitiatoren Absorption zeigen. Dabei ist vom
behandelnden Arzt wiederum darauf zu achten, dass die umliegende Darmschleimhaut von
der Bestrahlung möglichst verschont bleibt, um keine Irritationen auszulösen.
[0054] Illustrativ wird ein einfaches Hydroxyalkylphenon, wie z.B. 2-Hydroxy-2-methyl-1-phenyl-1-propanon
(erhältlich als Darocur® 1173 von Ciba), das sehr rasche Reaktionsraten ermöglicht,
als Initiator eingesetzt und mit Licht zwischen 200 und 340 nm bestrahlt. Die genaue
Wellenlänge hängt von der Konzentration des Initiators ab, die vorzugsweise zwischen
0,001 % und 0,1 % beträgt, und zwar vorzugsweise in einem Gemisch aus Wasser und organischem
Lösungsmittel wie etwa Wasser/Alkohol oder Wasser/Glykol(ether). Binnen wenigen Sekunden
reagiert der überwiegende Teil der polymerisierbaren Gruppen, und es bildet sich ein
gequollenes Polymerisat, das den gewünschten Pfropfen bildet.
Beispiel 10 (nicht erfindungsgemäß): Polymerisation unter Schäumung
[0055] Eine Zusammensetzung wie in einem der Beispiele 7 bis 9 beschrieben, die jedoch zusätzlich
ein Blähmittel enthält, wird an der Okklusionsstelle polymerisiert, wobei das Blähmittel
bewirkt, dass das gebildete Polymer aufschäumt und so das Darmlumen vollständig verschließt.
Als Blähmittel kann z.B. bei Verwendung von Azo-Verbindungen als Initiatoren der Initiator
selbst dienen, und/oder ein oder mehrere Monomere oder Prepolymere enthalten funktionelle
Gruppen, die während der Polymerisation ein Gas freisetzen, z.B. Carbonate oder Polyurethane,
die unter Decarboxylierung, z.B. bei Wärmeeinwirkung, CO
2 abgeben, wodurch das Polymerisat zum Schaum aufgebläht wird. Zusätzlich kann die
Zusammensetzung Schaumstabilisatoren enthalten, um die Festigkeit und Elastizität
des Polymerschaums zu erhöhen. Beispiele sind etwa Fettsäurealkanolamide oder ethoxylierte
Polysiloxane.
Beispiele 11 bis 13 - Zweikomponenten-Svsteme
[0056] Auch durch Polymerisation härtbare erfindungsgemäße Zusammensetzungen können als
Zweikomponenten-Systeme zweier Formulierungen A und B vorliegen, wobei die zweite
Komponente vorzugsweise den Polymerisationsinitiator enthält, aber nicht (oder nicht
nur) enthalten muss. Anstelle oder zusätzlich zum Initiator kann die zweite Komponente
beispielsweise auch Quellmittel, ein oder mehrere weitere Monomere oder Prepolymere,
Polymerisationsinhibitoren zum Stoppen der Polymerisation, Schutzlösungen für die
mit dem Polymerisationssystem in Kontakt kommende Darmwand oder dergleichen enthalten.
Drei bevorzugte Ausführungsformen werden nachstehend zur Illustration beschrieben.
Beispiel 11 (nicht erfindungsgemäß): Die zweite Komponente enthält Polymerisationsinitiator
[0057] Ein polymerisierbare Zusammensetzung wie in Beispiel 7 beschrieben, d.h. mit einem
bei Raumtemperatur startenden Initiator, z.B. dem Redoxinitiator Fe
2+/H
2O
2, wird hier in Form eines Zweikomponenten-Systems eingesetzt, wobei Formulierung B
den Initiator, gelöst in einer minimalen Menge Lösungsmittel, vorzugsweise Wasser,
enthält und Formulierung A alle übrigen Bestandteile der Zusammensetzung enthält.
Die beiden Formulierungen werden, ähnlich wie in den Beispielen 1 und 2 beschrieben,
getrennt über zwei Kanäle des Endoskops zur Okklusionsstelle gepumpt und dort vermischt,
wodurch die Polymerisation in Gang gesetzt wird. Der Vorteil gegenüber dem ansonsten
identischen Einkomponenten-System besteht darin, dass Polymerisation im Kanal wirksam
verhindert wird, wodurch auch reaktivere Initiatoren zum Einsatz kommen können, ohne
die Zusammensetzung mittels Kühlung oder Inhibitoren hemmen zu müssen. Von der Erfindung
umfasst sind freilich auch Fälle, in denen beide Formulierungen eine bestimmte Menge
desselben Initiators oder auch zweier unterschiedlicher Initiatoren, z.B. eines Redox-
und eines Photoinitiators, enthalten.
Beispiel 12 (nicht erfindungsgemäß): Die zweite Komponente enthält Quellmittel
[0058] Eine ähnliche polymerisierbare Zusammensetzung wie in Beispiel 9 beschrieben, d.h.
mit Photoinitiator, z.B. 2-Hydroxy-2-methyl-1-phenyl-1-propanon, aber einer minimalen
Menge an Lösungsmittel, vorzugsweise einem Wasser/Glykolether-Gemisch, um alle Bestandteile
zu lösen, wird als Formulierung A an die Okklusionsstelle gepumpt und dort mit UV-Strahlung
polymerisiert. Gleichzeitig oder mit einer kurzen Verzögerung von wenigen Sekunden,
z.B. 2 bis 3 Sekunden, wird als Formulierung B reines Wasser oder Wasser/Lösungsmittel-Gemisch,
z.B. erneut Wasser/Glykolether, an die Okklusionsstelle gepumpt, um für ausreichende
Quellung des gebildeten Polymerisats zu sorgen. Diese zweite Formulierung B kann entweder
durch einen eigenen Kanal des Endoskops oder durch denselben wie zuvor die Formulierung
A gepumpt werden, z.B. wenn im Endoskop nicht drei freie Kanäle zur Verfügung stehen.
Der Vorteil eines solchen Systems besteht in der noch rascheren Polymerisation der
Formulierung A als im Falle von Beispiel 9.
Beispiel 13 (nicht erfindungsgemäß): Die zweite Komponente enthält ein Schutzmittel
[0059] Eine polymerisierbare Formulierung wie in einem der Beispiele 7 bis 11 beschrieben
wird an die Okklusionsstelle gepumpt und dort polymerisiert. Davor wird allerdings
der Bereich der Darmschleimhaut um die Okklusionsstelle, z.B. jeweils 5 bis 10 cm
in oraler und aboraler Richtung, mit einem Film eines Schutzmittels ausgekleidet,
der die Mukosa vor dem Kontakt mit dem Pfropfenmaterial, aber auch vor etwaiger Strahlung
schützt. Zusätzlich dazu kann das Schutzmittel die Funktion eines Haftvermittlers
erfüllen, um für bessere Haftung des Pfropfens an der Darmwand zu sorgen. Illustrative
Beispiele sind wiederum die bereits erwähnten Gummen wie Tragant und Karaya, aber
auch verschiedene andere schleimhautverträgliche Lösungen, Suspensionen und Gele,
z.B. von Gelatine, Glykogen und anderen, vorzugsweise natürlichen, Polymeren. Eine
solche vorhergehende Auskleidung der Mukosa kann freilich auch in Kombination mit
beliebigen anderen Ausführungsbeispielen der Erfindung erfolgen.
[0060] Nachstehend werden verschiedene Varianten, den Pfropfen nach erfolgtem endoskopischem
Eingriff wieder zu entfernen, beschrieben, wobei auch alle denkbaren Kombinationen
der folgenden Beispiele sowie der zuvor allgemeiner beschriebenen Maßnahmen im Schutzumfang
der Erfindung liegen.
B) Verschiedene Arten der Aufhebung der Okklusion
B1. Aufhebung der Okklusion auf mechanische Weise
Beispiele 14 und 15 - Mechanische Ablösung des Pfropfens
[0061] Diese Beispiele illustrieren die bloße Ablösung des Polymerpfropfens von der Darmschleimhaut,
wobei die anschließende endgültige Entfernung aus dem Darm prinzipiell auf beliebige
Weise erfolgen kann.
Beispiel 14: Wegziehen des Pfropfens
[0062] Ein Pfropfen mit ausreichender Festigkeit, z.B. ein zähes Gel, das durch Quellung
oder Polymerisation von Gelatine bzw. modifizierter Gelatine erhalten wurde, oder
ein mit einem Schaumstabilisator elastisch gemachter Polymerschaum, wird mittels eines
Greifers am Ende des Endoskops in aboraler Richtung von der Okklusionsstelle weggezogen,
so dass der Pfropfen nicht mehr an der Darmschleimhaut anhaftet, was vor allem in
jenen Fällen ausreicht, bei denen die Okklusionsstelle vorbereitend mit einer Haftbeschichtung
versehen worden war und das Pfropfenmaterial ohne diese Haftbeschichtung keine ausreichende
Haftung an der Mukosa zeigt. Die anschließende Entfernung aus dem Darm erfolgt über
den natürlichen Darmausgang durch den Druck nachkommender Exkremente und/oder mittels
Auflösung durch das Darmsekret (optional unter zumindest teilweiser Resorption).
Beispiel 15: Zufuhr von Scherspannung
[0063] In jenen erfindungsgemäß bevorzugten Fällen, wo der Pfropfen aufgrund von viskoelastischem
bzw. thixotropem Verhalten an der Okklusionsstelle ausgebildet wurde, dringt der behandelnde
Arzt zur Entfernung des Pfropfens von selbiger mit dem Endoskop, vorzugsweise mit
einem entsprechenden Fortsatz an dessen Ende, in den Pfropfen ein und vollführt eine
Rührbewegung, gegebenenfalls unter Ausübung eines leichten Drucks auf die Darmwand,
um so eine Scherwirkung zu erzielen. Aufgrund der so zugeführten Scherspannung geht
das viskoelastische/thixotrope Pfropfenmaterial wieder in einen fließfähigen Zustand
über und rinnt zumindest teilweise von der Okklusionsstelle ab, wodurch die Okklusion
aufgehoben wird. Das Abrinnen kann vom Arzt durch eine schabende Bewegung mit dem
Endoskop unterstützt werden. Die endgültige Entfernung aus dem Darm kann wie in Beispiel
14 durch natürlichen Abgang und/oder durch zumindest teilweise Auflösung und gegebenenfalls
Resorption erfolgen. Dieses Beispiel stellt genau genommen eine Kombination aus mechanischer
und physikalischer Aufhebung der Okklusion dar.
Beispiele 16 bis 19 - Mechanische Zerstörung des Pfropfens
[0064] Im Gegensatz zu den obigen Beispielen 14 und 15, wo die Strukturintegrität des Pfropfens
durch mechanische Mittel entweder gar nicht oder zur Gänze aufgehoben wird, beschreiben
die nächsten Beispiele Ausführungsformen unter teilweiser mechanischer Zerstörung
der Pfropfenstruktur.
Beispiel 16: Durchbohren des Pfropfens
[0065] Vor allem in Fällen, bei denen der Pfropfen aus einem Schaumkunststoff oder einem
Gel besteht, der oder das aus im Darm abbaubarem Material, wie z.B. auf Polypeptid-
oder Polysaccharid-Basis wie zuvor ausgeführt, aufgebaut ist, reicht eine Beschädigung
der Okklusion mittels Durchbohrung des Pfropfens mit einem Dorn oder ähnlichen Fortsatz
am Endoskopende aus, um die Okklusion aufzuheben und die Passage von Exkrementen wieder
zu ermöglichen. Anschließend erfolgt ein allmählicher chemischer, z.B. enzymatischer,
Abbau (oder Verdau) des Verschlussmaterials.
Beispiel 17: Zerreißen des Pfropfens
[0066] In Fällen sehr guter Haftung eines im Vergleich zu Beispiel 14 strukturell instabileren,
aber wie in Beispiel 15 im Darm abbaubaren Pfropfenmaterials an der Darmwand, z.B.
eines Gels oder Schaums nach vorhergehender Aufbringung eines Haftmittels, kann ein
Ergreifen des Pfropfens mit einem entsprechenden Werkzeug am Endoskop auch zum Zerreißen
des Pfropfens führen. Das heißt, dass nach Aufhebung der Okklusion ein mehr oder weniger
großer Anteil an der Darmwand haften bleibt und in der Folge chemisch abgebaut (z.B.
verdaut) wird.
Beispiel 18: Zerschneiden des Pfropfens
[0067] Ähnlich wie in Beispiel 15, allerdings besonders in jenen Fällen, bei denen zäheres
und/oder elastisches, biologisch abbaubares Verschlussmaterial eingesetzt wurde, kann
der Pfropfen durch Zerschneiden mit einem Skalpell oder ähnlichem Schneidwerkzeug
am Endoskop zerstört werden. Moderne Endoskope sind mit solchen Werkzeugen standardmäßig
ausrüstbar. Die Entfernung erfolgt vorzugsweise erneut mittels enzymatischen Abbaus.
B2. Aufhebung der Okklusion auf physikalische Weise
Beispiele 19 und 20 - Entfernung des Pfropfens durch Temperaturerhöhung
[0068] Ähnlich wie in den Beispielen 4 und 8 für die Ausbildung beschrieben kann auch die
Entfernung des Pfropfens durch Bestrahlung mit Infrarotlicht und damit einhergehende
Erwärmung vonstatten gehen.
Beispiel 19: Auflösung des Pfropfens durch Sol/Gel-Übergang
[0069] Ein Pfropfen aus einer ähnlichen Zusammensetzung wie in Beispiel 1 beschrieben, d.h.
ein Gel eines natürlichen Polymers wie Agar-Agar, wird mittels Bestrahlung mit Infrarotlicht
über die Geltemperatur, z.B. über 45 °C, erwärmt, wodurch Verflüssigung eintritt und
die Okklusion aufgehoben wird. Die endgültige Entfernung aus dem Darm kann wiederum
durch natürlichen Abgang oder vorzugsweise enzymatischen Abbau erfolgen.
Beispiel 20: Entfemung des Pfropfens durch thermische Schrumpfung
[0070] Ein durch Polymerisation erhaltener Pfropfen aus einem thermoresponsiven Hydrogel,
wie z.B. Poly-N-isopropylacrylamid und Copolymeren davon, wird durch Bestrahlung mit
Infrarotlicht erwärmt, wodurch sich das Hydrogel unter Wasserabgabe zusammenzieht
und erheblich, z.B. um 20 bis 30 Prozent seines ursprünglichen Volumens, schrumpft,
wonach eine Entfernung auf natürlichem Wege erfolgen kann, da für erneutes Quellen
zu wenig Wasser zur Verfügung steht.
Beispiele 21 bis 23 - Entfernung des Pfropfens durch Quellung oder Auflösung
[0071] Wie bereits zuvor erwähnt, kann die Struktur von Gelen durch Zusatz von weiterem
Quellmittel, Elektrolytlösungen oder Lösungsmittel entscheidend verändert werden.
Beispiel 21: Weitere Quellung
[0072] Auf einen Pfropfen aus einem unbegrenzt quellbaren Hydrogel, z.B. aus Gelatine, Agar-Agar
oder anderen Polypeptiden oder Polysacchariden, beispielsweise wie in Beispiel 1 beschrieben,
wird über einen Endoskopkanal weiteres Wasser gepumpt, vorzugsweise ein Mehrfaches
des ursprünglichen Pfropfenvolumens, z.B. das Zweibis Dreifache, z.B. 200 bis 300
ml, wodurch das Gel schließlich die für das Gelieren erforderliche Konzentrationsgrenze,
z.B. etwa 1 %, unterschreitet und sich daher verflüssigt.
Beispiel 22: Schrumpfung
[0073] Ein Hydrogel, z.B. aus Gelatine wie in Beispiel 1, wird mit einer über den Endoskopkanal
herbeigepumpten Elektrolytlösung, z.B. gesättigter oder physiologischer Kochsalzlösung,
versetzt, wodurch Bindungsstellen im Polymer durch Salzionen abgesättigt werden und
sich das Gel zusammenzieht und schrumpft und auf natürliche Weise und/oder durch Verdau
und Resorption aus dem Darm entfernt wird.
Beispiel 23: Zusatz eines Lösungsmittels
[0074] Ein Hydrogel, z.B. aus Gelatine wie in Beispiel 1, wird mit einem über den Endoskopkanal
herbeigepumpten Lösungsmittel, im Fall von Gelatine z.B. mit stark verdünnter Essigsäure
oder einem Glykol, wie z.B. Ethylenglykol, versetzt, wodurch die Gelatine in Lösung
geht und abfließt.
B3. Aufhebung der Okklusion durch Spaltung von chemischen Bindungen
Beispiele 24 und 25 - Bindungsspaltung durch Bestrahlung
[0075] Die beiden folgenden Beispiele illustrieren kombinierte physikalisch-chemische Verfahren
zur Spaltung von Bindungen im Pfropfenmaterial.
Beispiel 24: Bestrahlung mit Infrarotlicht
[0076] Im Gegensatz zu Beispiel 20 ist im vorliegenden Fall durch die Infrarotstrahlung
keine Erwärmung des Pfropfens als Ganzes und eine damit in Zusammenhang stehende Strukturänderung
beabsichtigt, sondern die Spaltung temperaturempfindlicher chemischer Bindungen, wie
z.B. von Azo-Bindungen, im Polymernetzwerk. Beispielsweise kann zur Herstellung der
Okklusion eine Azo-Verbindung als bifunktionelles Monomer, d.h. als Vernetzer, mit
einem monofunktionellen "Haupt"-Polymer, wie z.B. einem Vinylester-Monomer oder modifizierter
Gelatine oder modifiziertem Agar-Agar, unter photochemischer Initiierung (z.B. mit
Darocur® 1173) copolymerisiert werden. Wird der so gebildete Pfropfen nach erfolgtem
endoskopischem Eingriff Infrarotstrahlung ausgesetzt, wird die Azo-Bindung unter N
2-Entwicklung gezielt an den Vernetzungsstellen gespalten, wodurch sich die Strukturintegrität
des Pfropfens erheblich ändert.
[0077] Dies kann einerseits bewirken, dass das so gespaltene Material nicht mehr in ausreichendem
Maße quellbar ist und sich mit anwesendem Wasser oder sonstigem Lösungsmittel verflüssigt
oder zumindest erheblich schrumpft, oder andererseits, dass das Material gerade aufgrund
des verringerten Vernetzungsgrads erhöhte Quellbarkeit aufweist, z.B. wenn vor der
Spaltung ein sehr hoher Vernetzungsgrad und die daraus resultierende hohe Steifigkeit
des Netzwerks das Quellvermögen stark eingeschränkt hatten. In beiden Fällen kann
die anschließende Zufuhr von Quellmittel, z.B. Wasser, ähnlich wie in Beispiel 21,
das In-Lösung-Gehen des gespaltenen Pfropfenmaterials auslösen. Letzteres kann, wie
in einigen Beispielen zuvor beschrieben, enzymatisch weiter spaltbar und gegebenenfalls
resorbierbar sein.
Beispiel 25: Bestrahlung mit UVNIS-Licht
[0078] Hier werden Fälle beschrieben, bei denen ein mit UV- oder sichtbarem Licht spaltbarer
Photosäurebildner, wie z.B. ein Nitrobenzylester oder ein Sulfonium- oder lodoniumsulfat-Salz,
im Polymernetzwerk des Pfropfens enthalten ist. Dieser kann als Additiv darin vorliegen
oder, bei entsprechender Modifikation, in die Polymerstruktur miteingebunden, d.h.
copolymerisiert, sein. Als (sonstiges) Monomer kann wiederum z.B. ein Vinylester oder
modifizierte(s) Gelatine oder Agar-Agar dienen, wobei jedoch ein Comonomer mit säurelabilen
Bindungen, wie z.B. Acetal- oder Anhydrid-Bindungen, vorzugsweise ein als Vernetzer
dienendes Comonomer, wie z.B. Methacrylsäureanhydrid oder vorzugsweise Divinyldicarbonat,
enthalten sein muss. Die Polymerisation zur Herstellung des Pfropfens kann entweder
thermisch oder mittels Redoxinitiator oder auch mittels eines Photoinitiators erfolgt
sein, dessen Absorption bei deutlich unterschiedlicher Wellenlänge erfolgt als jene
des Photosäurebildners.
[0079] Zur Zerstörung der Pfropfenstruktur nach dem endoskopischen Eingriff erfolgt eine
Bestrahlung mit einer vom Photosäurebildner absorbierbaren Wellenlänge, wodurch Säure
freigesetzt wird, die die Spaltung der säurelabilen Bindung bewirkt, was - je nach
Vernetzungsgrad - ähnliche Konsequenzen haben kann, wie zuvor in Beispiel 24 beschrieben.
Beispiele 26 bis 28 - Bindungsspaltung mit Säure, Base oder Enzymen
[0080] Anstatt im Pfropfenmaterial eine Säure durch Bestrahlung eines Photosäurebildners
zu erzeugen, kann eine solche auch gezielt von außen zugeführt werden. Ähnliches gilt
für andere Arten chemisch labiler Bindungen, wie z.B. mittels Basen oder enzymatisch
spaltbare Bindungen.
Beispiel 26: Zusatz von verdünnter Säure oder Base
[0081] Ein aus einem ähnlichen Material wie in Beispiel 25 bestehender Pfropfen wird mit
einer wässrigen Lösung einer vorzugsweise schwachen, körperverträglichen Säure oder
Base versetzt, d.h. die Lösung wird über den Endoskopkanal zur Okklusionsstelle gepumpt.
Aufgrund der Einwirkung der Säure oder Base werden entsprechend labile Bindungen,
vorzugsweise wiederum jene an Vernetzungsstellen, gespalten, was wiederum erhöhtes
oder verringertes Quellvermögen oder auch verbesserte Zugänglichkeit für anschließende
enzymatische Spaltung bewirken kann.
Beispiel 27: Zusatz einer Enzymlösung
[0082] Anstelle oder zusätzlich zu einer Säure- oder Basenlösung wie in Beispiel 26 kann
der Pfropfen mit einer Lösung eines das Polymernetzwerk angreifenden Enzyms versetzt
werden. Im Falle eines Gelatine-Hydrogels kommen beispielsweise Peptidasen oder Peptidhydrolasen,
wie z.B. Amino- oder Carboxypeptidasen, in Frage, für Agar-Agar- oder andere Polysaccharid-Gele
hingegen entsprechende Glykosidasen, für Agar-Agar z.B. Galactosidasen, und für Glykoproteine
und Proteoglykane Gemische beider Enzymarten. Vorzugsweise werden körpereigene Enzyme
der jeweiligen Patientenspezies, d.h. insbesondere endogene Enzyme des menschlichen
Körpers, eingesetzt.
Beispiel 28: Spaltung des Pfropfens durch das Darmsekret
[0083] Wie bereits mehrmals erwähnt wurde, sind besonders bevorzugte Ausführungsformen der
erfindungsgemäßen Zusammensetzung jene, die einen Pfropfen ergeben, der, gegebenenfalls
nach vorheriger äußerer Einwirkung, in der natürlichen Umgebung des Darms, d.h. vor
allem durch Einwirkung des Darmsekrets, abbaubar ist. Darunter fallen sowohl der pH-Wert
des Darmsafts, durch den säurelabile, seltener auch basenlabile, Bindungen gespalten
werden können, als auch die enzymatische Umgebung im jeweiligen Darmabschnitt, aufgrund
derer der Pfropfen enzymatischen Abbau erfahren kann. Vorzugsweise wird das Pfropfenmaterial
zu über die Darmwand resorbierbaren Bestandteilen der Nahrung des Patienten abgebaut.
[0084] Eine weitere Variante von natürlichem Abbau im Darm besteht jedoch auch in einem
peripheren Abbau, d.h. in einer Spaltung und teilweisen Auflösung des Pfropfenmaterials
an der Kontaktfläche zur Darmschleimhaut, wodurch einerseits die Haftung an der Darmwand
aufgehoben wird, andererseits aber auch - während der anschließenden Weiterbeförderung
aufgrund des Drucks nachkommender Exkremente in aboraler Richtung - das Volumen nach
und nach in einem solchen Ausmaß verringert werden kann, dass keine Bedenken bezüglich
des natürlichen Abgangs des Pfropfens durch den After bestehen. Als Pfropfenmaterialien
kommen hierfür wiederum vor allem natürliche Polymere und Derivate davon, wie bereits
mehrfach hierin beschrieben, in Frage.
Beispiele 29 bis 31 - Modellversuche im Schweinedarm
[0085] Derzeit besonders bevorzugte Ausführungsformen der vorliegenden Erfindung umfassen
gelierende Lösungen von Polypeptiden oder Polysacchariden, wie sie zuvor in den Beispielen
1 und 2 beschrieben wurden, da auf diese Weise die für den behandelten Patienten schonendste
Art der Pfropfenbildung gewährleistet ist und gleichzeitig die Verwendung ausschließlich
natürlicher Komponenten ermöglicht wird, vor allem solcher, die als Lebensmittelzusatzstoffe
zugelassen sind. Insbesondere wird ein Zweikomponentensystem gemäß Beispiel 2 mit
gesondertem Geliermittel bevorzugt, da so die Gelierung am gezieltesten bewirkt werden
kann - sowohl hinsichtlich der Okklusionsstelle im Darm als auch des genauen Zeitpunkts
der Pfropfenbildung.
[0086] Die Liste der einsetzbaren Polypeptide und Polysaccharide ist lang. Als Beispiele
für in Lebensmitteln zugelassene Produkte seien daher als Polypeptide lediglich die
tierischen Proteine Gelatine und Casein (Milchprotein) erwähnt und als Polysaccharide
Alginate (E 400-405), Agar-Agar (E 406), Carrageen (E 407), Carubin (Johannisbrotkernmehl;
E 410), Guar-Gummi (Guarkernmehl; E 412), Tragant (E 413), Gummi arabicum (E 414),
Xanthan (E 415), Karaya (E 416) und Pektine (E 440), wobei in Klammern jeweils die
Zulassungsnummer in der Europäischen Union angegeben ist. Diese Produkte sind physiologisch
völlig unbedenklich, wobei Proteine beim Einsatz im Darm - je nach Verweilzeit - zum
Teil abgebaut und resorbiert werden können, während die Polysaccharide vom Körper
größtenteils nicht aufgenommen und ausgeschieden werden.
[0087] Es wurde eine Serie von Versuchen mit Gelatine sowie mit den aus Rotalgen extrahierten
Polysacchariden Carrageen und Natriumalginat durchgeführt, wobei Lösungen, deren Konzentrationen
jeweils auf Werte in der Nähe des Gelierpunkts eingestellt war, in von einem Schlachthof
erhaltene Schweine-Naturdarm-Stücke (mit jeweils ca. 50 cm Länge) gefüllt und dort
mit einer als Geliermittel dienenden zweiten Lösung vermischt wurden, um jeweils spontan
einen Gelpfropfen zu bilden.
Beispiel 29 (nicht erfindungsgemäß) - Natriumalginat
[0088] Wässrige Lösungen von Natriumalginat gelieren in Gegenwart von Calciumionen ebenfalls
spontan. Die Calciumionen diffundieren dabei durch die spontan gebildete primäre Gelmembran
nur bis zu einer definierten Gelschichtstärke. Unter dieser Gelschicht liegendes Natirumalginat
wird nicht geliert und bleibt daher flüssig. Daher bildet sich bei geeigneter Eintragung
des wässrigen Natriumalginats in eine wässrige Calciumionenlösung eine stabile Gelblase,
die im Inneren aus ungeliertem Natriumalginat besteht. Die Stärke der Gelmembran wird
durch die Anfangskonzentration der Natriumalginatlösung und die Konzentration der
Calciumlösung bestimmt. Als Calciumsalz bietet sich Calciumchlorid an, das genau wie
Natriumalginat selbst in pharmazeutischer Reinheit erhältlich ist.
[0089] Für 100%igen Umsatz bei der Vernetzungsreaktion reagieren 0,5 mol Calciumionen mit
1 Äquivalent Alginat. Generell kann daher eine ausreichend hohe einer Menge Lösung
des Calciumsalzes in Wasser in ausreichend hoher Konzentration für zumindest 20%igen
Umsatz über eine Kanüle eines Endoskops in den gewünschten Bereichs des Darms oberhalb
des geplanten Stelle der Behandlung dosiert werden, um dort einen flüssigkeitsgefüllten
Bereich auszubilden.
[0090] Beispielsweise wird eine Lösung von Natriumalginat mit einer bevorzugten Konzentration
zwischen 0,1 und 5 Gew.-% in diesen flüssigkeitsgefüllten Bereich dosiert, wobei sich
die aus einer Wand aus spontan geliertem Calciumalginat bestehende Gelblase ausbildet,
die mit ungelierter Alginatsalz-Lösung gefüllt ist. Es wird dann so lange Alginatlösung
in die Gelblase injiziert, bis diese die gewünschte Okklusion, d.h. den Gelpfropfen,
an der gewünschten Stelle gebildet hat.
[0091] Die erzeugte Gelblase hat dann eine Größe, die zu einem kurzzeitigen Vollverschluss
des Darms führt. Dabei tritt die Gelblase in Kontakt mit der umgebenden Darmwand und
verschließt den Darm mechanisch. Die nowendige Größe der Gelblase und damit die notwendigen
Mengen der beiden Lösungen richten sich nach der jeweiligen Situation im Zielbereich
des Darms.
[0092] Zur Erleichterung der Ausbildung des flüssigkeitsgefüllten Raums kann die Calciumlösung
mit geeigneten Verdickungsmittel, wie z.B. Stärkederivaten, hochviskos eingestellt
werden. Zur Erhöhung der Haftung der Gelblase an der Darmwand kann der Alginatlösung
darüber hinaus ein die Haftung an der Darmwand (Mucosa) förderndes Additiv, z.B. ein
lösliches Protein wie etwa Casein, zugesetzt werden. Beide Lösungen können weiters
mit einem Stabilisator, wie z.B. Kaliumsorbat, lagerstabilisiert werden.
[0093] Solange eine ausreichend hohe Calciumkonzentration in der Umgebung der gebildeten
Gelblase vorherrscht, führt jede (mitunter irrtümliche, unerwünschte) Verletzung der
Gelmembran der Gelblase zu einem Austritt von ungelierter Alginatlösung unter sofortiger
Neubildung einer frischen Gelmembran, wodurch die Verletzung der Gelblase behoben
wird. Die Kanüle des Endoskops ist am Austrittsende vorzugsweise so gestaltet, dass
die Bildung der Gelblase begünstigt wird, d.h. beispielsweise trichterförmig erweitert
oder gebördelt.
[0094] Konkret wurden 100 ml einer 1%igen wässrigen Lösung von Calciumchlorid-dihydrat (CaCl
2·2H
2O) in einen am Ende verknoteten Schweinedarm gefüllt. Anschließend wurden über eine
in den so gebildeten Flüssigkeitskörper eingeführte Kanüle 50 ml einer 2%igen wässrigen
Lösung von Natriumalginat in die Calciumchloridlösung eingeleitet. Beide Lösungen
wiesen Raumtemperatur, d.h. 21 °C, auf, und die Alginatlösung wurde zur besseren Visualisierung
dunkel (blau) eingefärbt. Das sich bereits zu Beginn der Einleitung an der Grenzfläche
spontan bildende Calciumalginat bildete innerhalb des Flüssigkeitskörpers der Calciumchloridlösung
eine feste Membran, die während der weiteren Zufuhr von Alginatlösung zu einer das
Darmstück zur Gänze verschließenden Gelblase anschwoll. In Fig. 1 ist diese dunkel
gefärbte Gelblase ebenso zu gut erkennen wie der darüber stehende Rest der Calciumchloridlösung.
Diese Gelblase haftete beim anschließenden Umdrehen des Darms fest an der Darmwand
an, wie in Fig. 2 dargestellt ist, und blieb auch während mehrstündiger Lagerung stabil.
[0095] Zur Entfernung des so gebildeten Pfopfens wurde zunächst die ihn umgebende Calciumchloridlösung
mit 200 ml entionisiertem Wasser weggespült. Danach wurde der Pfropfen mit einem Dorn
durchbohrt, so dass die ungelierte Alginat-Lösung aus der Gelblase herausfloss. Die
Gelmembran wurde danach mit den Fingern ergriffen und konnte leicht von der Darmwand
abgelöst und aus dem Darmstück herausgezogen werden. Fig. 3 zeigt die entleerte Gelblase
in einem der Länge nach aufgeschnittenen Darmstück, wobei ein Teil der Gelmembran
bereits von Darm abgelöst ist, ohne zu zerreißen. Dieses Beispiel stellt somit eine
Kombination der obigen Beispiele 2, 14 und 16 dar.
Beispiel 30 (nicht erfindungsgemäß) - Carrageen
[0096] Carrageen ist in warmem Wasser leicht löslich, geliert aber beim Abkühlen ab einer
Konzentration von etwa 2 Gew.-% zu Hydrogelen, weswegen es für Einkomponenten-Systeme
wie in Beispiel 1 beschrieben gut geeignet wäre. Aber auch verdünntere, kalte Lösungen
von Carrageen in Wasser werden, ähnlich wie Alginatlösungen, in Gegenwart von Calciumionen
spontan zu Gelen vernetzt. Bei Carrageen kann eine solche Vernetzung darüber hinaus
aber auch mit Kaliumionen erzielt werden.
[0097] Zur Verdeutlichung der allgemeinen Wirksamkeit des Prinzips der Pfropfenbildung durch
Gelierung als Ausführungsform der vorliegenden Erfindung wurde bei der Verwendung
von Carrageen der gegenüber dem obigen Beispiel 29 umgekehrte Weg gewählt und die
Polysaccharidlösung im Schweinedarm vorgelegt, wonach die Metallionenlösung in diese
injiziert wurde, um die Gelblase auszubilden. Diese Umkehrung der Reihenfolge (die
natürlich auch im vorhergehenden Beispiel 29 funktioniert hätte) nutzt den Vorteil,
dass auf knapp unterhalb des Gelierpunkts eingestellte Lösungen von Gelbildnern wie
Polysacchariden und Proteinen ohnehin eine erhöhte Viskosität aufweisen können, weswegen
mitunter kein zusätzlicher Verdicker erforderlich ist, um die zuerst in den Darm eingeleitete
Lösung am Abfließen von der Okklusionsstelle zu hindern.
[0098] Konkret wurden 100 ml einer viskosen wässrigen Lösung von Carrageen mit einer Konzentration
von 1 Gew.-% in einen Schweinedarm gefüllt, wonach über eine in das Zentrum des Flüssigkeitskörpers
eingeführte Kanüle 50 ml einer 1%igen Lösung von Calciumchlorid-dihydrat (CaCl
2·2H
2O) in die Carrageenlösung eingeleitet wurden. Auch das Carrageen vernetzte an der
Grenzfläche spontan unter Ausbildung eines weichen, elastischen Gels, das durch weitere
Zufuhr von Calciumchloridlösung wiederum zu einer das Darmlumen ausfüllenden Gelblase
anschwoll. Das Gel blieb ebenfalls beim Umdrehen des Darms fest an der Darmwand haften
und während mehrstündiger Lagerung stabil.
[0099] Danach wurde in diesem Fall die unvernetzte Carrageenlösung mit entionisiertem Wasser
weggespült, der gebildete Gelpfropfen mit den Fingern ergriffen und von der Darmwand
abgezogen, wobei - aufgrund von höherer Haftung des Carrageen-Gels als im vorhergehenden
Beispiel - die Gelmembran zerrissen wurde und unvernetzte Calciumchloridlösung ausfloss.
Dieses Beispiel stellt somit eine Kombination der obigen Beispiele 2 und 17 dar.
Beispiel 31 (nicht erfindungsgemäß): - Gelatine
[0100] Wässrige Lösungen von Gelatine mit einer Konzentration von etwa 1 Gew.-% oder darüber
gelieren bei Temperaturen unter 35 °C spontan. Durch Erniedrigung der Löslichkeit
mittels Erhöhung der lonenstärke der Gelatine-Lösung ist derselbe Gelierungseffekt
erzielbar. Da Gelatine unbegrenzt quellbar ist, können solche Hydrogele durch Zufuhr
von weiterem Wasser wieder in Lösung gebracht werden.
[0101] Daher wurden 100 ml einer auf Raumtemperatur (21 °C) abgekühlten, viskosen Lösung
von Gelatine in Wasser mit einer Konzentration von etwa 0,9 Gew.-% in einen Schweinedarm
gefüllt, wonach über eine in das Zentrum des Flüssigkeitskörpers eingeführte Kanüle
50 ml einer bei 35 °C bereiteten gesättigten Kochsalzlösung in die Gelatinelösung
eingeleitet wurden. Die Gelatine gelierte spontan unter Ausbildung eines weichen Gels.
Auch dieses Gel haftete beim Umdrehen des Darms fest an der Darmwand an und blieb
bei mehrstündiger Lagerung stabil.
[0102] Der so gebildete Pfropfen wurde in der Folge durch langsames Einleiten von entionisiertem,
auf 40 °C vorgewärmtem Wasser (insgesamt 750 ml) zu weiterer Quellung veranlasst,
dabei allmählich wieder verflüssigt und aus dem Darm gespült. Dieses Beispiel stellt
somit eine Kombination der obigen Beispiele 2 und 21 dar.
[0103] Als Ergebnis der obigen Modellversuche hat sich Beispiel 29 unter Verwendung von
Natriumalginat als am vielversprechendsten herausgestellt. Die Anpassung der beiden
Polysaccharidgele an das zu okkludierende Darmlumen durch Ausbildung einer Gelblase
war - unter anderem wohl aufgrund des durch die Gelblase auf die Darmwand ausgeübten
Drucks - einfacher möglich als mit Gelatine, wodurch auch eine dichtere Okklusion
des Darmlumens erzielbar ist. Bei Verwendung von Natriumalginat konnte der Pfropfen
zudem leichter von der Darmwand abgelöst werden als bei Verwendung von Carrageen,
was wohl auf dessen natürliche Affinität zu Proteinen und die damit einhergehende
stärkere Haftung an der Mucosa zurückzuführen ist. Somit stellt die Kombination Natriumalginat/Ca
2+ die derzeit am meisten bevorzugte Ausführungsform der vorliegenden Erfindung dar.
[0104] Die vorliegende Erfindung stellt somit eine Reihe neuer Zusammensetzungen bereit,
unter Verwendung derer auf vielfältige, aber durchwegs einfache und wirksame Weise
eine vorübergehende Darmokklusion erzeugt werden kann, um einen endoskopischen Eingriff
ungestört vornehmen zu können, wobei die Okklusion nach Beendigung des Eingriffs auf
eine Vielzahl von Arten wieder entfernbar ist. Zur Erzeugung der Okklusion können
herkömmliche Endoskope verwendet werden.