[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft eine Ventileinrichtung mit wenigstens einem Verschlussmittel
und einem Bauteil mit wenigstens einer Kavität, wobei das Verschlussmittel zum Abdichten
wenigstens einer Öffnung der Kavität vorgesehen ist. Die Ventileinrichtung ist durch
Zentrifugalkräfte oder gleichwirkende Kräfte betätigbar. Weiterhin betrifft die Erfindung
die Verwendung einer solchen Ventileinrichtung sowie eine Vorrichtung zur Handhabung
von Flüssigkeiten, die eine solche Ventileinrichtung umfasst.
Stand der Technik
[0002] Es sind bereits viele Systeme zur Automatisierung von chemischen oder biochemischen
Prozessen und allgemein zur Handhabung von Flüssigkeiten bekannt. Die deutsche Offenlegungsschrift
DE 10 2010 003 223 A1 beschreibt beispielsweise ein System, in dem mehrere Revolver im Format eines Standard-Zentrifugenröhrchens
axial übereinander angeordnet sind und somit in eine Zentrifuge eingesetzt werden
können. Die Revolver beinhalten Kanäle, Reaktionskammern und weitere Strukturen für
die Durchführung von fluidischen Einheitsoperationen. In Abhängigkeit von einer Zentrifugalkraft
sind die Revolver gegeneinander verdrehbar, wobei einzelne Kavitäten der verschiedenen
Revolver miteinander fluidisch koppelbar sind. Die Flüssigkeiten werden dabei entlang
des Kraftvektors der Zentrifugalkraft von radial innen liegenden Punkten zu radial
außen liegenden Punkten transportiert. Durch Beschleunigungswechsel der Zentrifuge
wird hierbei eine integrierte Kugelschreibermechanik aktiviert, sodass die übereinander
angeordneten Revolver gegeneinander rotiert werden können und sich einzelne Kavitäten
zueinander schalten lassen. Zum orientierungsabhängigen Öffnen von Kavitäten, beispielsweise
zur Freisetzung einzelner Reagenzien, sind Dorne an der Oberseite eines Revolvers
vorgesehen, die bei entsprechender Positionierung eine darüber liegende Deckelungsfolie
am Boden einer Kavität eines darüber liegenden Revolvers durchstechen können. Dieses
System erlaubt eine kontrollierte Fluidführung von Vorlagerungskammern über zwischengeschaltete
Prozessierungselemente bis hin zu Auffangkavitäten für die prozessierten Flüssigkeiten.
[0003] Die Veröffentlichungsschrift der US-Patentanmeldung
US 2007/0134799 A1 beschreibt eine zentrifugierbare Vorrichtung, bei der ein durch Zentrifugalkräfte
aktivierbares Ventil vorgesehen ist, um einen Flüssigkeitsfluss durch eine Reaktionskammer
zu steuern. Das Ventil wird von einer auf einer Feder gelagerten Kugel gebildet, die
von radial außen eine Öffnung einer Kammer verschließt. Sobald die Zentrifugalkraft
die Federkraft übersteigt, wird die Kugel zurückgedrängt und Flüssigkeit kann durch
die freigegebene Öffnung entweichen.
Offenbarung der Erfindung
Vorteile der Erfindung
[0004] Die Erfindung stellt eine mehrfach betätigbare Ventileinrichtung bereit, die durch
Zentrifugalkräfte oder gleichwirkende Kräfte betätigbar ist. Diese Ventileinrichtung
ist insbesondere für Systeme zur automatisierten Prozessierung von Flüssigkeiten geeignet,
beispielsweise für kartuschenbasierte Systeme, die in einer Zentrifuge prozessiert
werden. Die erfindungsgemäße Ventileinrichtung umfasst wenigstens ein Verschlussmittel
und ein Bauteil mit wenigstens einer Kavität. Das Verschlussmittel ist zum Abdichten
von wenigstens einer Öffnung der Kavität in dem Bauteil vorgesehen. Erfindungsgemäß
sind das Verschlussmittel und das Bauteil in Abhängigkeit von wirkenden Zentrifugalkräften
oder gleichwirkenden Kräfte beweglich gelagert. "Gleichwirkende Kräfte" können beispielsweise
pneumatische Kräfte sein, die durch Anlegen von Druckluft bewirkt werden. Es ist wenigstens
ein Bewegungsbegrenzungsmittel (Bewegungsstopp) für das Verschlussmittel und/oder
das Bauteil vorgesehen, das die Bewegung des Verschlussmittels und/oder des Bauteils
bei Überschreiten einer vorgebbaren Zentrifugalkraft oder einer gleichwirkenden Kraft
begrenzt. Dadurch, dass sowohl das Bauteil als auch das Verschlussmittel im Prinzip
beweglich gelagert sind, aber zumindest eines dieser Elemente in seiner Bewegung begrenzt
ist, kommt es bei Kräften, die die Bewegung auslösen, zu einer unterschiedlich langen
Bewegungsstrecke beider Elemente, wobei hierdurch eine Öffnung der zuvor verschlossenen
Kavität erreicht wird. Vorzugsweise begrenzt das Bewegungsbegrenzungsmittel entweder
die Bewegung des Verschlussmittels oder die des Bauteils. In bevorzugter Weise wirkt
dabei die Bewegung des Bauteils und/oder des Verschlussmittels entgegen einer Rückstellkraft.
Dies kann beispielsweise durch eine Federvorspannung des Bauteils und/oder des Verschlussmittels
realisiert sein. Die Rückstellkraft ist dabei so ausgelegt, dass bei einer vorgebbaren
Schwelle der Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden Kraft die Rückstellkraft überstiegen
wird, sodass die Bewegung des Bauteils und des Verschlussmittels ausgelöst wird und
mithilfe des Bewegungsbegrenzungsmittels eine Offenposition der Ventileinrichtung
erreicht wird. Bei einem Nachlassen der Zentrifugalkraft oder der gleichwirkenden
Kraft übersteigt ab einem vorgebbaren Punkt die Rückstellkraft die Zentrifugalkraft
oder gleichwirkende Kraft, sodass das Bauteil und/oder das Verschlussmittel wieder
in die Ausgangslage, also in die Schließposition, zurückbewegt werden.
[0005] Durch die mehrfach betätigbare Ventileinrichtung gemäß der Erfindung können beispielsweise
in einem kartuschenbasierten Zentrifugalsystem die Möglichkeiten für die Prozessführung
erheblich erweitert werden. Beispielsweise können freigesetzte Flüssigkeiten für eine
bestimmte Zeit in einem definierten Raum zurückgehalten werden, bevor die Flüssigkeiten
entlang des vorgesehenen fluidischen Pfades wieder freigesetzt werden. Es können mehrere
Flüssigkeiten miteinander inkubiert werden. Beispielsweise ist es auch möglich, Flüssigkeiten
mit einer Festphase zu inkubieren, wobei Flüssigkeiten mehrfach durch die Ventileinrichtung
geführt werden können. Diese Möglichkeiten für die Durchführung von verschiedenen
Einheitsoperationen bei biochemischen Prozessen erlauben die Durchführung von komplexen
Abläufen in automatisierter Weise, beispielsweise können aufwendige Binde- oder Austauschprozesse
oder das Lösen von beispielsweise lyophilisierten Stoffen durchgeführt werden. Die
erfindungsgemäße Ventileinrichtung stellt damit ein wiederverschließbares Ventil bereit,
das insbesondere für zentrifugale Systeme große Vorteile bietet.
[0006] In einer besonders bevorzugten Ausführungsform der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
ist ein weiteres Bewegungsbegrenzungsmittel für das Verschlussmittel und/oder für
das Bauteil mit der wenigstens einen Kavität vorgesehen. Dieses weitere Bewegungsmittel
begrenzt die Rückbewegung des Verschlussmittels und/oder des Bauteils, die bei Unterschreiten
einer vorgebbaren Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden Kraft einsetzt und die beispielsweise
durch die beschriebene Rückstellkraft unterstützt werden kann. Durch die Rückbewegung
des Verschlussmittels und/oder des Bauteils wird wieder die Ausgangsposition beziehungsweise
Schließposition der Ventileinrichtung erreicht. Durch das weitere Begrenzungsmittel
wird hierbei die Position des Verschlussmittels und/oder des Bauteils in einer bestimmten
Position arretiert, sodass die Schließposition schnell und sicher erreicht wird. Vorzugsweise
begrenzt das weitere Bewegungsbegrenzungsmittel entweder die Rückbewegung des Verschlussmittels
oder die des Bauteils.
[0007] Für die Realisierung der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung sind vor allem zwei
grundsätzliche Ausgestaltungen vorteilhaft. Bei der ersten prinzipiellen Ausgestaltung
wird die Bewegung des Verschlussmittels begrenzt, sodass durch das Bewegungsbegrenzungsmittel
das Verschlussmittel in eine Offenposition gezwungen wird. Vorteilhafterweise ist
hierbei das Bauteil mit der wenigstens einen Kavität federvorgespannt, sodass es bei
nachlassender Zentrifugalkraft oder der nachlassenden gleichwirkenden Kraft wieder
in die Ausgangslage sicher zurückbewegt wird, wobei es zu einem Schließen der Ventileinrichtung
kommt. In der anderen grundsätzlichen Ausgestaltung wird die Bewegung des Bauteils
begrenzt, sodass es bei einem Überschreiten der vorgebbaren Zentrifugalkraft oder
der gleichwirkenden Kraft zu einer Öffnung der Ventileinrichtung kommt. Vorteilhafterweise
ist hierbei das Verschlussmittel federvorgespannt, wodurch es bei nachlassender Zentrifugalkraft
oder gleichwirkenden Kraft wieder zu einem sicheren Verschluss der Ventileinrichtung
kommt.
[0008] Bei der erstgenannten Variante ist das Verschlussmittel vorzugsweise als kugelförmiger
oder kegelförmiger oder keilförmiger oder stabförmiger Stöpsel ausgestaltet. Zur optimalen
Abdichtung der Öffnung der Kavität kann eine Dichtung vorgesehen sein. Ein kugelförmiger
Stöpsel befindet sich vorzugsweise innerhalb der Kavität und verschließt die Öffnung
gewissermaßen von innen. Eine in der Kavität vorhandene Flüssigkeit kann durch den
Druck der Flüssigkeitssäule auf den Stöpsel die Abdichtung verbessern. In vergleichbarer
Weise kann der Stöpsel keil- oder kegelförmig ausgestaltet sein, wobei die Spitze
eines solchen Stöpsels die Öffnung der Kavität durchragen kann. Für ein gutes Abdichten
ist es vorteilhaft, wenn der Stöpsel eine möglichst hohe Masse aufweist, die in die
Dichtung hineindrückt. Beispielsweise kann hierfür der Stöpsel aus einem Material
gefertigt sein, das eine höhere Dichte als Wasser aufweist, beispielsweise Teflon
oder POM (Polyoxymethylen). Als Dichtungsmaterial wird vorzugsweise ein elastisches
Material wie beispielsweise Kautschuk gewählt, um eine gute Pressdichtung des Stöpsels
gegenüber der Öffnung zu erreichen. Eine Ausgestaltung des Stöpsels in Keilform, also
mit einer vergrößerten Fläche, die sich im Inneren der Kavität befindet, wird erreicht,
dass die über dem Stöpsel liegende Flüssigkeitssäule verbreitert ist, sodass die zusätzliche
Masse der Flüssigkeitssäule für einen erhöhten Anpressdruck in der Schließposition
genutzt werden kann.
[0009] In der Ausgangsposition, in der die Zentrifugalkraft oder die gleichwirkende Kraft
einen vorgebbaren Schwellenwert nicht überschreitet, befindet sich die Ventileinrichtung
in Schließposition. Beim Überschreiten eines vorgebbaren Schwellenwertes für die wirkende
Zentrifugalkraft oder die gleichwirkende Kraft bewegt sich sowohl das Bauteil mit
der Kavität als auch das Verschlussmittel in Richtung der wirkenden Kraft. Das Bewegungsbegrenzungsmittel
für das Verschlussmittel in der ersten prinzipiellen Ausgestaltung der erfindungsgemäßen
Ventileinrichtung ist hierbei so ausgestaltet, dass ab einer bestimmten Länge des
Bewegungspfades das Bewegungsbegrenzungsmittel die Bewegung des Verschlussmittels
arretiert, sodass sich nur noch das Bauteil bewegt. Die Geometrien sind hierbei so
gewählt, dass auf diese Weise eine Öffnung der Ventileinrichtung erreicht wird, wobei
das Verschlussmittel durch die Öffnung der Kavität hindurch in eine Offenposition
gedrückt wird. Dies kann beispielsweise durch ein stabförmiges Bewegungsbegrenzungsmittel
erreicht werden, das im Durchmesser kleiner als die Öffnung der Kavität ist und das
durch die Öffnung der Kavität hindurch beispielsweise den kugelförmigen Stöpsel zurückhält,
sodass der Stöpsel die Öffnung nicht mehr verschließt. Flüssigkeiten können um den
Stöpsel herum durch die Öffnung fließen und die Kavität verlassen. In einer anderen
Ausgestaltung, insbesondere bei einem kegel- oder keilförmigen Stöpsel, kann das Bewegungsbegrenzungsmittel
flächig ausgestaltet sein, sodass die durch die Öffnung der Kavität hindurch ragende
Spitze des Stöpsels zurückgehalten wird, wodurch der Stöpsel aus der Öffnung teilweise
herausgedrückt wird und es zu einer Öffnung und zu einem Fluidfluss kommt. Eine Federvorspannung
des Bauteils kann in dieser Ausgestaltung beispielsweise so realisiert werden, dass
eine Feder zwischen dem Bauteil und dem Bewegungsbegrenzungsmittel eingesetzt wird.
Wenn die Zentrifugalkraft oder die gleichwirkende Kraft, die eine Öffnung des Ventils
bewirkt hatte, einen vorgebbaren Schwellenwert unterschreitet, dominiert die Federkraft,
sodass das Bauteil wieder in die Ausgangsposition zurückgedrückt wird.
[0010] In einer besonders bevorzugten Ausgestaltung der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
ist das Verschlussmittel im Wesentlichen als stabförmiger Stöpsel ausgestaltet, der
in einem Teillängenabschnitt einen flüssigkeitsdurchlässigen Bereich aufweist. Dieser
Längenabschnitt ist so angeordnet, dass sich dieser Längenabschnitt in der Schließposition
außerhalb der Kavität und außerhalb der Öffnung der Kavität befindet. Wenn die Offenposition
erreicht wird, befindet sich dieser Abschnitt innerhalb der Öffnung der Kavität, sodass
Flüssigkeiten aus der Kavität über diesen Abschnitt nach außen gelangen können. Durch
die wirkende Zentrifugalkraft oder gleichwirkende Kraft wird der Stöpsel gewissermaßen
so verschoben, dass die Flüssigkeit den durchgängigen Bereich des stabförmigen Stöpsels
erreichen kann. Der flüssigkeitsdurchlässige Bereich kann beispielsweise durch eine
im Querschnitt teilkreisförmige Aussparung in diesem Abschnitt des Stöpsels realisiert
sein. Die partielle Durchlässigkeit des Stöpsels kann aber auch auf andere Weise,
beispielsweise durch eine oder mehrere Bohrungen in diesem Abschnitt, realisiert werden.
[0011] Insbesondere in der Ausgestaltung mit einem stabförmigen Stöpsel mit einem flüssigkeitsdurchlässigen
Bereich kann das bereits beschriebene weitere Begrenzungsmittel, das die Rückbewegung
des Verschlussmittels beschränkt, vorteilhaft sein. Das weitere Bewegungsbegrenzungsmittel
ist beispielsweise innerhalb der Kavität angeordnet und beispielsweise in Form eines
Bewegungsanschlags ausgestaltet. Durch die Begrenzung der Rückbewegung wird der Stöpsel
in der Verschlussposition genau positioniert, sodass sich der flüssigkeitsdurchlässige
Bereich des Verschlussmittels außerhalb der Kavität befindet und die Abdichtung der
Öffnung sicher gewährleistet ist.
[0012] Bei der weiter oben erwähnten zweiten prinzipiellen Variante der erfindungsgemäßen
Ventileinrichtung begrenzt das Bewegungsbegrenzungsmittel die Bewegung des Bauteils
mit der wenigstens einen Kavität. Zweckmäßigerweise verschließt in dieser Ausgestaltung
das Verschlussmittel die Kavität von außen. Bei einem Überschreiten der vorgebbaren
Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden Kraft wird das Bauteil mit der Kavität durch
das Bewegungsbegrenzungsmittel zurückgehalten und das Verschlussmittel bewegt sich
in eine Offenposition, sodass Flüssigkeit die Kavität verlassen kann. Bei einer Entschleunigung
der Zentrifuge oder allgemein, wenn die Zentrifugalkraft oder die gleichwirkende Kraft
einen vorgebbaren Schwellenwert unterschreitet, dominiert die zweckmäßigerweise vorgesehene
Rückstellkraft, die auf das Verschlussmittel wirkt, sodass wieder die Ausgangsposition,
also die Schließposition, eingestellt wird. Mit besonderem Vorteil ist hierbei das
bereits erwähnte weitere Bewegungsbegrenzungsmittel für die Rückbewegung des Bauteils
vorgesehen, sodass die Rückbewegung des Bauteils nur bis zu dem entsprechend vorgesehenen
Punkt erfolgt. Auf diese Weise kann die Schließposition in einer besonders präzisen
Weise schnell wieder erreicht werden.
[0013] In einer bevorzugten Ausgestaltung der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung ist eine
Mehrzahl von Verschlussmitteln auf einem gemeinsamen Träger angeordnet. Beispielsweise
kann eine Mehrzahl von Verschlussmitteln auf einem kreisförmigen Träger angeordnet
sein, der auf einer gemeinsamen Feder gelagert ist. Mithilfe dieser Verschlussmittel
können mehrere Kavitäten eines darüber angeordneten Bauteils von unten her verschlossen
werden. Hierbei kann pro Öffnung einer Kavität ein Verschlussmittel vorgesehen sein.
Es kann jedoch auch vorgesehen sein, dass mit einem Verschlussmittel mehrere Öffnungen,
die einer oder gegebenenfalls mehreren Kavitäten zuzuordnen sind, verschlossen beziehungsweise
geöffnet werden.
[0014] In einer besonders zweckmäßigen Ausgestaltung der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
umfasst das Verschlussmittel eine reaktive Oberfläche, die insbesondere für chemische
oder biochemische Prozesse, die mit der Vorrichtung, in die die erfindungsgemäße Ventileinrichtung
integriert ist, durchgeführt werden sollen. Beispielsweise können Oberflächen mit
immobilisierten Molekülen, z.B. Antikörpern, oder anderen reaktiven Substanzen vorgesehen
sein, die für die Durchführung der vorgesehenen Verfahrensschritte eingesetzt werden
können.
[0015] Das Verschlussmittel der erfindungsgemäßen Vorrichtung kann einteilig oder auch zwei-
oder mehrteilig ausgebildet sein. Beispielsweise kann ein mehrteiliges Verschlussmittel
vorgesehen sein, bei dem eines der Teile aus einem Dichtungsmaterial besteht oder
ein Dichtungsmaterial aufweist. Insbesondere kann ein ringförmiges Element aus einem
geeigneten Dichtungsmaterial vorgesehen sein, das zusammen mit einer weiteren Komponente,
die den vollständigen Verschluss der Kavität ermöglicht, kombiniert wird. Das Dichtungsmaterial
kann den randständigen Bereich des jeweiligen Verschlussmittels ausbilden, sodass
hierdurch eine optimale Abdichtung der Öffnung der Kavität gewährleistet wird.
[0016] Die erfindungsgemäße Ventileinrichtung ist in besonders vorteilhafter Weise als Bestandteil
eines Zentrifugalsystems geeignet, wobei mit der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
ein wiederholtes Betätigen des Ventils möglich ist. Die Ventileinrichtung erweitert
damit die Möglichkeiten insbesondere eines kartuschenbasierten Zentrifugalsystems
für die automatisierte Durchführung von beispielsweise biochemischen oder chemischen
Prozessen erheblich. Ein solches Zentrifugalsystem basiert insbesondere auf zwei oder
mehr axial übereinander gelagerten Körpern (Revolvern), die in Abhängigkeit von einer
Zentrifugalkraft oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar sind. Hierbei
ist mit "gleichwirkende Kraft" gemeint, dass die Kraft, wenn sie an das System angelegt
wird, ein Verdrehen der Körper in Relation zueinander, wie es von einer entsprechenden
Mechanik vorgesehen ist, auslöst. Dies kann beispielsweise durch Anlegen eines Drucks
(Druckluft) erreicht werden. Für den Verdrehmechanismus einer solchen Vorrichtung
kann beispielsweise eine sogenannte Kugelschreibermechanik vorgesehen sein, wobei
ein Eingriff von Führungsfedern des einen Körpers in eine Profilzahnreihe des anderen
Körpers und eine entgegen der Zentrifugalkraft oder entgegen der gleichwirkenden Kraft
wirkende Rückstellkraft der Körper vorgesehen ist.
[0017] Die Erfindung umfasst weiterhin die Verwendung der beschriebenen Ventileinrichtung
für ein System zur Handhabung von Flüssigkeiten, wobei dieses System eine Mehrzahl
von axial übereinander angeordneten Körpern umfasst, die in Abhängigkeit von einer
Zentrifugalkraft oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar sind. Schließlich
umfasst die Erfindung eine Vorrichtung zur Handhabung von Flüssigkeiten mit einer
Mehrzahl von axial übereinander angeordneten Körpern (Revolvern), die in Abhängigkeit
von einer Zentrifugalkraft oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar
sind. Erfindungsgemäß umfasst diese Vorrichtung wenigstens eine Ventileinrichtung,
wie sie vorliegend beschrieben ist. Die einzelnen Körper oder Revolver der Vorrichtung
weisen jeweils wenigstens eine Kavität auf. Durch die Drehung der Revolver zueinander
sind die einzelnen Kavitäten fluidisch miteinander koppelbar. Erfindungsgemäß wird
wenigstens eine dieser fluidischen Kopplungen mittels der erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
realisiert. Diese Ventileinrichtung ist über die einstellbaren Beschleunigungswechsel
der Zentrifuge oder einer gleichwirkenden Kraft zu betätigen. Der große Vorteil hierbei
ist, dass diese Betätigung, also das Öffnen und Schließen des Ventils, mehrfach und
im Prinzip unbegrenzt oft durchgeführt werden kann, wodurch die Möglichkeiten einer
solchen Vorrichtung erheblich erweitert werden.
[0018] Weitere Merkmale und Vorteile der Erfindung ergeben sich aus der nachfolgenden Beschreibung
von Ausführungsbeispielen in Verbindung mit den Zeichnungen. Hierbei können die einzelnen
Merkmale jeweils für sich oder in Kombination miteinander verwirklicht sein.
[0019] In den Figuren zeigen:
- Fig. 1A/B
- schematische Darstellungen einer beispielhaften Ausgestaltung einer erfindungsgemäßen
Ventileinrichtung mit kugelförmigem Verschlussmittel;
- Fig. 2A/B
- schematische Darstellungen einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung mit keilförmigem
Verschlussmittel;
- Fig. 3A-C
- schematische Darstellungen einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung mit stabförmigem
Verschlussmittel;
- Fig. 4
- Schnittdarstellung einer beispielhaften Ausgestaltung eines flüssigkeitsdurchlässigen
Bereiches eines Verschlussmittels für eine erfindungsgemäße Ventileinrichtung;
- Fig. 5A-C
- schematische Darstellungen der Integration einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung
in den Revolver eines Zentrifugalsystems für ein Bead-basiertes Prozessierungsprotokoll;
- Fig. 6
- zeitlicher Verlauf der Zentrifugationsschritte für ein Bead-basiertes Prozessierungsprotokoll;
- Fig. 7A-C
- schematische Darstellungen einer beispielhaften Ausgestaltung einer erfindungsgemäßen
Ventileinrichtung mit federkraftunterstütztem Verschlussmittel;
- Fig. 8A/B
- isometrische Außenansicht (A) und Schnittansicht (B) einer beispielhaften Ausgestaltung
der Körper eines Zentrifugalsystem mit erfindungsgemäßer Ventileinrichtung;
- Fig. 9A/B
- isometrische Darstellungen einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung mit einer Mehrzahl
von Verschlussmitteln und
- Fig. 10A/B
- isometrische Darstellungen einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung mit einer Mehrzahl
von mehrteilig zusammengesetzten Verschlussmitteln.
Beschreibung von Ausführungsbeispielen
[0020] Fig. 1 zeigt in schematischer Weise das Funktionsprinzip eines Beispiels für eine erfindungsgemäße
Ventileinrichtung 10 mit einem kugelförmigen Stöpsel 11 als Verschlussmittel. Der
Stöpsel 11 befindet sich innerhalb der Kavität 12 eines Bauteils 13. In der in Fig.
1A dargestellten Ausgangsposition dichtet der Stöpsel 11 eine Öffnung 14 der Kavität
ab (Schließposition). Die Abdichtung wird durch einen Dichtring 15 insbesondere aus
einem flexiblen Material unterstützt. Die den Anpressdruck des Stöpsels 11 unterstützende
Flüssigkeitssäule 16 innerhalb der Kavität 12 ist schraffiert dargestellt. In Fig.
1B ist die Offenposition dargestellt, in der eine wirkende Zentrifugalkraft oder eine
gleichwirkende Kraft einen vorgebbaren Schwellenwert überschreitet. Hierbei bewegt
sich das Bauteil 13 sowie auch das darin enthaltene Verschlussmittel 11 entlang des
Kraftvektors im Beispiel einer wirkenden Zentrifugalkraft von einem innerhalb eines
Zentrifugenrotors radial innen liegenden Punkt zu einem weiter außen liegenden Punkt.
Das Bewegungsbegrenzungsmittel 17, das unterhalb des Verschlussmittels 11 angeordnet
ist, begrenzt die Bewegung des Verschlussmittels 11. In dieser Ausführungsform ist
das Bewegungsbegrenzungsmittel 17 umgekehrt T-förmig ausgestaltet, wobei das Bewegungsbegrenzungsmittel
17 in die Öffnung 14 des Bauteils 13 eingreift und hierdurch die Bewegung des Verschlussmittels
11 begrenzt. Dieser Teil des Bewegungsbegrenzungsmittels 17 ist im Querschnitt kleiner
als die Öffnungsweite der Öffnung 14, sodass Flüssigkeit durch die Öffnung 14 entweichen
kann. Das Ventil befindet sich damit in einer Offenposition. Der Flüssigkeitsfluss
ist durch zwei Pfeile angedeutet. Zwischen dem Bauteil 13 und dem Bewegungsbegrenzungsmittel
17 ist eine Feder 18 angeordnet, die bei nachlassender Zentrifugalkraft oder gleichwirkender
Kraft das Bauteil 13 wieder in die Ausgangsposition zurückdrückt, sodass die in Fig.
1A dargestellte Schließposition wieder erreicht wird.
[0021] Fig. 2 illustriert ein weiteres Beispiel für eine erfindungsgemäße Ventileinrichtung 20.
In dieser Ausgestaltung ist das Verschlussmittel 21 keilförmig ausgebildet. Die Spitze
des keilförmigen ausgestalteten Verschlussmittels 21 ragt durch die Öffnung 24 der
Kavität 22 des Bauteils 23 hindurch. Die Abdichtung wird durch einen Dichtring 25
unterstützt. In Fig. 2A ist die Schließposition dargestellt, bei der die auf dem keilförmigen
Verschlussmittel 21 ruhende Flüssigkeitssäule 26 zum Anpressdruck beiträgt. Wenn die
wirkende Zentrifugalkraft oder eine gleichwirkende Kraft einen bestimmten Schwellenwert
überschreitet, bewegen sich das Bauteil 23 und das Verschlussmittel 21 entgegen der
Federkraft 28 nach unten. Die resultierende Offenposition ist in Fig. 2B dargestellt,
wobei die Bewegung des Verschlussmittels 21 durch das Bewegungsbegrenzungsmittel 27
begrenzt wird, sodass das Verschlussmittel 21 aus der dichtenden Position herausgedrückt
wird und Flüssigkeit, hier angedeutet durch zwei Pfeile, austreten kann.
[0022] Fig. 3 illustriert ein weiteres Beispiel für eine erfindungsgemäße Ventileinrichtung 30.
Hierbei ist das Verschlussmittel 31 stabförmig ausgestaltet. Der stabförmige Querschnitt
des Verschlussmittels 31 verschließt die Öffnung 34 der Kavität 32 des Bauteils 33
(Fig. 3A). Die Abdichtung wird durch einen Dichtring 35 optimiert. Im unteren Bereich
des stabförmigen Verschlussmittels 31 befindet sich ein flüssigkeitsdurchlässiger
Bereich 39. Bei ausreichender Zentrifugalkraft oder gleichwirkender Kraft wird der
stabförmige Stöpsel 31 und das Bauteil 33 nach unten bewegt, wobei die Bewegung des
Verschlussmittels 31 durch das Bewegungsbegrenzungsmittel 37 begrenzt wird (Fig. 3B).
Hierdurch werden das Verschlussmittel 31 und das Bauteil 33 derart gegeneinander verschoben,
dass die Flüssigkeit in der Kavität 32 den durchgängigen Bereich 39 des Verschlussmittels
31 erreichen kann (Offenposition). Beim Entschleunigen werden der stabförmige Stöpsel
31 und das Bauteil 33 durch die wirkende Federkraft 38 wieder in die entgegengesetzte
Richtung gedrückt (Fig. 3C). Hierbei wird die Bewegung des Verschlussmittels 31 durch
das oberhalb angeordnete weitere Bewegungsbegrenzungsmittel 41 begrenzt, sodass der
durchlässige Bereich 39 des Stöpsels 31 unterhalb der Öffnung der Kavität beziehungsweise
unterhalb der Dichtung 35 liegt. In dieser Position ist das Ventil wieder verschlossen.
[0023] Bei der Rückbewegung des Bauteils kann es allgemein vorgesehen sein, dass die Feder
38 unmittelbar nur auf das Bauteil 33 wirkt. Es ist jedoch zweckmäßig, dass der Stöpsel
31 beispielsweise durch eine Presspassung, die eine Abdichtung bewirkt, verhältnismäßig
fest mit dem Bauteil 33 verbunden ist, sodass der Stöpsel bei der Rückbewegung des
Bauteils ebenfalls bewegt wird. In anderen Ausführungsformen ist es auch möglich,
dass die Federkraft unmittelbar auf das Bauteil und das Verschlussmittel wirkt.
[0024] Fig. 4 illustriert eine Möglichkeit zur Ausgestaltung des flüssigkeitsdurchlässigen Bereichs
39 des in Fig. 3 dargestellten stabförmigen Verschlussmittels 31. In Fig. 4 ist ein
Schnitt durch den flüssigkeitsdurchlässigen Längenabschnitt 39 des Verschlussmittels
31 gezeigt, wobei eine Aussparung 42 im Randbereich vorgesehen ist, durch die in der
Offenposition der Ventileinrichtung die Flüssigkeit fließen kann. Der flüssigkeitsdurchlässige
Längenabschnitt, der vorzugsweise endständig angeordnet ist, kann beispielsweise etwa
ein Drittel oder etwa die Hälfte der Länge des Verschlussmittels einnehmen.
[0025] Eine erfindungsgemäße Ventileinrichtung kann beispielsweise in einem Zentrifugalsystem
für die automatisierte Prozessierung von
Bead-basierten Assays verwendet werden. Für eine maximale Wechselwirkung der
Beads mit den Reagenzien, beispielsweise für eine Adsorption oder für eine Reaktion von
Wechselwirkungspartner, ist häufig eine gewisse Austauschdauer notwendig (Inkubationszeit).
Die Erfordernisse für eine optimale Prozessführung können mithilfe einer erfindungsgemäßen
Ventileinrichtung in besonders vorteilhafter Weise realisiert werden. Insbesondere
kann hierdurch gewährleistet werden, dass die
Beads mit der sie umgebenden Flüssigkeit mehrfach in Kontakt gebracht und durchmischt werden.
Fig. 5 illustriert die Integration einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung in ein System
für eine
Bead-basierte Anwendung. Hierbei wird eine Ventileinrichtung mit einem stabförmigen Stöpsel
51, der mit der in Fig. 3 illustrierten Ausgestaltung der Ventileinrichtung vergleichbar
ist, in einen Revolver 500 für ein Zentrifugalsystem integriert. Mit diesem System
kann eine optimale Durchmischung der
Beads 501, die in einer Kavität 502 eines Bauteils 503 innerhalb des Revolvers 500 gelagert
sind, erreicht werden. Bei den
Beads 501 handelt es sich insbesondere um magnetische
Beads. Ohne wirkende Zentrifugalkraft oder bei niedriger Zentrifugalkraft (ω < ω
2) werden die
Beads von einem Magneten 510 angezogen und befinden sich nahe an dem Magneten (Fig. 5A).
Bei mittelstarker Zentrifugalkraft (ω > ω
3) werden die
Beads wieder in die Flüssigphase zentrifugiert (Fig. 5B). Während des Abzentrifugierens
durchqueren die
Beads 501 die Flüssigphase, wobei ein Austausch ermöglicht wird. Ohne oder bei niedriger
Zentrifugation sammeln sich die
Beads 501 wieder an dem Magneten 510. Die Kavität 502 mit den
Beads 501 weist eine Öffnung mit einem Dichtungsring 55 auf. In der Ausgangsposition (Fig.
5A) ist die Öffnung durch den erfindungsgemäßen Stöpsel 51 verschlossen. Der Ventilstöpsel
51 wird zusammen mit dem Bauteil 503 durch die Federspannung 508 nach oben gedrückt,
wobei das Ventil verschlossen ist. Der flüssigkeitsdurchlässige Bereich 59 des Stöpsels
51 befindet sich unterhalb der Dichtung 55. Bei einer mittelstarken Zentrifugation
(Fig. 5B) können die
Beads 501 nicht mehr von dem Magneten 510 gehalten werden und fallen zurück in die Wanne
(Kavität) 502 und durchmischen sich mit der Flüssigkeit. Die Zentrifugalkraft hat
hierbei noch nicht die für eine Aktivierung der Ventileinrichtung erforderliche Schwelle
erreicht, sodass der stabförmige Stöpsel 51 die abdichtende Position hält. Das Ventil
bleibt also verschlossen. In Weiterbildungen kann es vorgesehen sein, dass das Verschlussmittel
51 im oberen Bereich, der sich in der Schließposition oberhalb der Öffnung bzw. der
Dichtung befindet, eine Verbreiterung aufweist, um die Dichtposition abzusichern.
Zwischen den Positionen, die in Fig. 5A und B gezeigt sind, kann periodisch gewechselt
werden, um eine gute Durchmischung der
Beads mit der umgebenden Flüssigkeit zu erreichen. Fig. 5C zeigt die Situation bei einer
starken Zentrifugation (ω > ω
4), also bei einer Zentrifugalkraft oberhalb eines bestimmten Schwellenwertes. Hierbei
bewegen sich das Bauteil 503 und der Stöpsel 51 so weit nach unten, dass der Stöpsel
51 mit einem Bewegungsbegrenzungsmittel 57 in Kontakt kommt und in seiner weiteren
Bewegung zurückgehalten wird, wodurch das Bauteil 503 und der Stöpsel 51 so zueinander
verschoben werden, dass sich der flüssigkeitsdurchlässige Bereich 59 des Stöpsels
51 im Bereich der Öffnung beziehungsweise des Dichtungsringes 55 befindet. Der Stöpsel
51 wird dabei relativ zum Boden des Bauteils 503 angehoben. In dieser Situation ist
das Ventil geöffnet und Flüssigkeit kann aus der Kavität des Bauteils 503 entweichen.
Anschließend kann durch eine Entschleunigung unter ω < ω
2 das Ventil wieder geschlossen werden und die
Beads können mit weiteren Flüssigkeiten inkubiert werden. Bei der Entschleunigung (Fig.
5A) wird der Stöpsel 51 gegen einen oberen Bewegungsstopp 61 (Bewegungsbegrenzungsmittel)
gedrückt. Dies führt dazu, dass der durchlässige Abschnitt 59 des Stöpsels 51 wieder
unterhalb der Dichtung 55 liegt (Schließposition).
[0026] Fig. 6 zeigt ein beispielhaftes Zentrifugationsprotokoll für die Durchführung einer Bead-basierten
Inkubation. Hierbei löst eine erste Zentrifugation ω > ω
2 eine erste Verdrehung der bereits erwähnten Kugelschreibermechanik des Zentrifugalsystems
aus, die durch ein Entschleunigen mit ω < ω
1 abgeschlossen wird (1→1'). Bei diesem Schaltprozess kann Flüssigkeit aus einem oberhalb
angeordneten Revolver in eine radial weiter innen liegende Kavität eines weiteren
Revolvers überführt werden. In Bezug auf die in Fig. 5 dargestellte Ausgestaltung
eines Revolvers eines solchen Zentrifugalsystems sticht hierbei ein Dorn 511 auf der
Oberseite des Revolvers 500 eine Siegelfolie auf der Unterseite einer Kavität eines
darüber liegenden Revolvers an, sodass Flüssigkeit in die Kavität 502 des Revolvers
500 fließen kann. Durch ein weiteres Beschleunigen auf ω > ω
2 wird eine weitere Flüssigkeit in die Kavität 502 des Revolvers 500 überführt (2).
Die Erhöhung der Zentrifugalbeschleunigung auf ω > ω
2 bewirkt darüber hinaus, dass das Bauteil 503 (Mischwanne) sich nach unten bewegt,
wie es in Fig. 5B dargestellt ist. Hierbei werden durch die mittelstarken Zentrifugalkräfte
die
Beads 501 vom Magneten 510 gelöst und durch die Flüssigkeit bewegt. Eine anschließende
Entschleunigung auf ω
2 > ω > ω
1 bewirkt, dass die Wanne 503 durch die Federkraft 508 wieder bis zum Anschlag nach
oben bewegt wird. Die
Beads 501 sammeln sich wieder am Magneten 510. Dadurch, dass immer noch eine Zentrifugalbeschleunigung
von ω > ω
1 gehalten wird, wird jedoch der Schaltprozess der Kugelschreibermechanik, also die
Verdrehungsmechanik, anders als beim ersten Zentrifugationspuls (1→1'), noch nicht
abgeschlossen. Der Beschleunigungswechsel zwischen ω
2 > ω > ω
1 und ω
4 > ω > ω
3 wird in der Folge mehrfach wiederholt, um die Mischwirkung zu erhöhen. Nach dem Mischen
wird die Ventileinrichtung durch eine Zentrifugation auf ω > ω
4 geöffnet (Fig. 5C), wobei der Stöpsel 51 im Verhältnis zu der Dichtung 55 nach oben
bewegt wird. Das Ventil öffnet sich und die Flüssigkeit aus der Kavität 502 wird während
der Zentrifugation durch das geöffnete Ventil geleitet. Anschließend wird die Zentrifugationsbeschleunigung
auf ω < ω
2 reduziert. Durch die Wirkung der Feder 508 wird das Bauteil 503 und der Stöpsel 51
zurückbewegt und der Stöpsel 51 schlägt am oberen Bewegungsstopp 61 an und wird somit
in die Dichtung 55 gepresst. Anschließend wird auf ω < ω
1 entschleunigt, um den zweiten Schaltprozess der Verdrehungsmechanik abzuschließen
(2→2').
[0027] Eine Festlegung der kritischen Beschleunigung ω
1, ω
2, ω
3 und ω
4 hängt insbesondere von den verwendeten Federn und den Eigenschaften der jeweiligen
Kartuschenmechanik und insgesamt des Federsystems ab. Beispielsweise können die kritischen
Beschleunigungen aus den folgenden Bereichen gewählt werden, wobei zu beachten ist,
dass ω
1 < ω
2 < ω
3 < ω
4 gelten sollte:

[0028] Fig. 7 illustriert in schematischer Weise ein weiteres Beispiel für eine erfindungsgemäße
Ventileinrichtung 70. Die Ventileinrichtung 70 wird im Wesentlichen von einem Bauteil
73, das zwei Kavitäten enthält, und zwei Verschlussmittel 71, die Öffnungen der Kavitäten
72 verschließen, gebildet. Die Verschlussmittel 71 sind auf einer gemeinsamen Feder
78 gelagert. Die Bewegung des Bauteils 73 nach unten wird von einem ersten Bewegungsbegrenzungsmittel
77 begrenzt. Die Bewegung des Bauteils 73 nach oben wird von einem weiteren Bewegungsbegrenzungsmittel
81 begrenzt. In der in Fig. 7A dargestellten Situation wirkt sowohl eine Zentrifugalkraft
F
z als auch die Federkraft F
F. Die Zentrifugalkraft übersteigt jedoch nicht die Federkraft. Das Ventil ist geschlossen.
Während einer stärkeren Beschleunigung (Fig. 7B) bewegen sich das Bauteil 73 und die
Verschlussmittel 71 nach radial außen (in dieser Darstellung nach unten), wobei die
Zentrifugalkraft dominiert und die Feder 78 komprimiert wird. Wird eine kritische
Beschleunigung überschritten, erreicht das Bauteil 73 das Bewegungsbegrenzungsmittel
77 und wird zurückgehalten, sodass sich nur die Verschlussmittel 71 weiter nach radial
außen bewegen. Hierbei öffnen sich die Kavitäten 72 des Bauteils 73 und Flüssigkeit
kann entweichen. Während des Abbremsens der Zentrifuge drückt die Spannkraft der Feder
78 die Verschlussmittel 71 und auch das Bauteil 73 so lange nach radial innen (in
dieser Darstellung nach oben), bis die Kavitäten 72 des Bauteils 73 wieder verschlossen
sind (Fig. 7C). Das obere Bewegungsbegrenzungsmittel 81 bewirkt, dass das System diese
Ausgangsposition schnell wieder erreicht und die Schließposition arretiert wird.
[0029] Eine Integration dieses Prinzips einer erfindungsgemäßen Ventileinrichtung in eine
zentrifugalgesteuerte Kartuschenmechanik ist in
Fig. 8 illustriert. Gezeigt ist ein oberer Revolver 810, ein mittlerer Revolver 820 und
ein Teil eines unteren, dritten Revolvers 830, die Bestandteile eines kartuschenbasierten
zentrifugalen Systems sind. Hierbei werden durch erfindungsgemäße Ventileinrichtungen
Flüssigkeitskanäle des mittleren Revolvers 820 verschlossen beziehungsweise geöffnet.
So können in zentrifugalgesteuerter Weise Flüssigkeiten miteinander oder Flüssigkeiten
mit einer reaktiven Oberfläche für eine definierte Zeit miteinander in Kontakt gebracht
werden. Fig. 8A zeigt die relative Position der einzelnen Revolver 810, 820, 830 zueinander,
wobei Kavitäten auf der Unterseite des mittleren Revolvers 820 durch erfindungsgemäße
Verschlussmittel 801 geschlossen und geöffnet werden können. Die Verschlussmittel
801 sind auf einem gemeinsamen Träger 850 angeordnet. Der Träger 850 ist auf einer
Feder 808 gelagert. Fig. 8B zeigt einen Querschnitt durch den mittleren Revolver 820
und den Träger 850 mit den Verschlussmitteln 801. Der Träger 850 mit den Verschlussmitteln
801 bildet dabei einen Teil des unteren Revolvers 830. Die Verschlussmittel 801 verschließen
von unten mehrere Kanäle 802 des mittleren Revolvers 820. Die Verschlussmittel 801
bestehen vorteilhafterweise teilweise oder vollständig aus einem weichen und flexiblen
Material, das neben seiner Funktion als Dichtung gleichzeitig dem Druck der Flüssigkeiten
und der Zentrifugalkraft standhält. Geeignet sind beispielsweise Silikon oder andere
Polymere.
[0030] Fig. 9 zeigt den Träger 850 mit insgesamt acht Verschlussmittel 801 in isolierter Darstellung.
Der Träger 850 setzt sich dabei im Wesentlichen aus zwei Elementen zusammen. Ein erstes
Element 851 trägt die eigentlichen Verschlussmittel 801. Ein zweites Element 852 dient
zum Einsetzen des Elements 851 mit den Verschlussmitteln 801 (Fig. 9A). Insgesamt
wird hierdurch eine Struktur gebildet, die zur Aufnahme der durch die erfindungsgemäßen
Ventileinrichtungen freigesetzten Flüssigkeiten und zur Weiterleitung dieser Flüssigkeiten
in nachfolgende Prozessierungsstufen geeignet ist (Fig. 9B). Jedes Verschlussmittel
801 fungiert hierbei als Teil eines separaten Ventils. Insgesamt sind hierbei gewissermaßen
acht Ventile kreisförmig angeordnet.
[0031] In bevorzugten Ausgestaltungen können die Verschlussmittel 801 mit reaktiven Oberflächen
ausgestattet sein. Es kann beispielsweise vorgesehen sein, dass das Verschlussmittel
801 zumindest teilweise aus einem Polymer gebildet ist, das gleichzeitig die reaktive
Oberfläche darstellt. Andererseits sind auch verschiedene Beschichtungen oder Ähnliches
der Verschlussmittel 801 möglich. Reaktive Oberflächen können beispielsweise für die
Durchführung von Immunoassays eingesetzt werden. Beispielsweise können als reaktive
Oberflächen Träger mit immobilisierten Antikörpern eingesetzt werden, die für den
Nachweis bestimmter Antigene im Rahmen von Immunoassays verwendet werden. Derartige
Immunoassays erfordern wiederholte Inkubationen verschiedener Substanzen miteinander
und gegebenenfalls mit einer reaktiven Oberfläche. Mit den erfindungsgemäßen Ventileinrichtungen
können solche wiederholten Inkubationen von Flüssigkeiten mit einer reaktiven Oberfläche
in besonders vorteilhafter Weise durchgeführt werden. Hierbei können in zentrifugalgesteuerter
Weise verschiedene Flüssigkeiten untereinander oder Flüssigkeiten mit der reaktiven
Oberfläche für eine definierte Zeit in Kontakt gebracht werden.
[0032] Fig. 10 zeigt ein Beispiel, bei dem die Verschlussmittel 901 selbst aus zwei Komponenten
910, 920 gebildet sind, die auf einem gemeinsamen Träger 950 angeordnet sind. Hierbei
umfasst eine erste Komponente 910 ein inertes Dichtungsmaterial. Diese Komponente
übernimmt die eigentliche Abdichtungsfunktion. Eine weitere Komponente 920 vervollständigt
die Verschlussmittel 901 (Fig. 10A). Fig. 10B zeigt die zusammengesetzte Form der
Verschlussmittel 901, bei dem das Dichtungsmaterial der Komponente 910 die Verschlussmittel
901 ringförmig umschließt. Die Komponente 920 besteht beispielsweise aus einem Polymermaterial.
Vorzugsweise stellt das Polymermaterial eine reaktive Oberfläche bereit oder die Komponente
920 fungiert als Träger für eine reaktive Oberfläche.
1. Ventileinrichtung (10; 20; 30; 70) mit wenigstens einem Verschlussmittel (11; 21;
31; 51; 71; 801; 901) und einem Bauteil (13; 23; 33; 503; 73) mit wenigstens einer
Kavität (12; 22; 32; 502; 72; 802), wobei das Verschlussmittel zum Abdichten wenigstens
einer Öffnung (14; 24) von wenigstens einer Kavität in dem Bauteil vorgesehen ist
und wobei die Ventileinrichtung durch Zentrifugalkräfte oder gleichwirkende Kräfte
betätigbar ist, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel (11; 21; 31; 51; 71; 801; 901) und das Bauteil (13; 23; 33;
503; 73) in Abhängigkeit von wirkenden Zentrifugalkräften oder gleichwirkenden Kräften
beweglich gelagert sind, wobei wenigstens ein Bewegungsbegrenzungsmittel (17; 27;
37; 57; 77) für das Verschlussmittel (11; 21; 31; 51; 71; 801; 901) und/oder das Bauteil
(13; 23; 33; 503; 73) vorgesehen ist, das die Bewegung des Verschlussmittels und/oder
des Bauteils bei Überschreiten einer vorgebbaren Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden
Kraft begrenzt.
2. Ventileinrichtung nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die Bewegung des Bauteils (13; 23; 33; 503; 73) und/oder des Verschlussmittels (11;
21; 31; 51; 71; 801; 901) entgegen einer Rückstellkraft (18; 28; 38; 508; 78; 808)
wirkt.
3. Ventileinrichtung nach Anspruch 1 oder Anspruch 2, dadurch gekennzeichnet, dass ein weiteres Bewegungsbegrenzungsmittel (41; 61; 81) für das Verschlussmittel (31;
51) und/oder das Bauteil (73) vorgesehen ist, das eine Rückbewegung des Verschlussmittels
und/oder des Bauteils bei Unterschreiten einer vorgebbaren Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden
Kraft begrenzt.
4. Ventileinrichtung nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel ein kugelförmiger (11) oder kegelförmiger oder keilförmiger
(21) oder stabförmiger (31; 51) Stöpsel ist und dass das Bewegungsbegrenzungsmittel
(17; 27; 37; 57) die Bewegung des Verschlussmittels begrenzt.
5. Ventileinrichtung nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass das Bewegungsbegrenzungsmittel (17; 27; 37; 57) bei Überschreiten der vorgebbaren
Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden Kraft das Verschlussmittel durch die Öffnung
der Kavität hindurch in eine Offenposition drückt.
6. Ventileinrichtung nach Anspruch 5, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel ein stabförmiger Stöpsel (31; 51) ist, der in einem Längenabschnitt
einen flüssigkeitsdurchlässigen Bereich (39; 59) aufweist, der ausschließlich in der
Offenposition einen Durchtritt von Flüssigkeiten erlaubt.
7. Ventileinrichtung nach Anspruch 6 in Verbindung mit Anspruch 3, dadurch gekennzeichnet, dass durch das weitere Bewegungsbegrenzungsmittel (41; 61) die Rückbewegung des Verschlussmittels
(31; 51) derart begrenzt wird, dass sich der flüssigkeitsdurchlässige Bereich (39;
59) des Verschlussmittels außerhalb der Kavität (32; 502) befindet.
8. Ventileinrichtung nach einem der Ansprüche 1 bis 3, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel (71; 801; 901) die Kavität (72; 802) von außen verschließt und
dass das Bewegungsbegrenzungsmittel (77) die Bewegung des Bauteils (73) begrenzt,
wobei bei Überschreiten der vorgebbaren Zentrifugalkraft oder gleichwirkenden Kraft
das Verschlussmittel infolge der Begrenzung der Bewegung des Bauteils sich in eine
Offenposition bewegt.
9. Ventileinrichtung nach Anspruch 8 in Verbindung mit Anspruch 3, dadurch gekennzeichnet, dass durch das weitere Bewegungsbegrenzungsmittel (81) die Rückbewegung des Bauteils derart
(73) begrenzt wird, dass durch die Rückbewegung des Verschlussmittels (71) eine Schließposition
erreicht wird.
10. Ventileinrichtung nach Anspruch 8 oder Anspruch 9, dadurch gekennzeichnet, dass eine Mehrzahl von Verschlussmitteln (801; 901) auf einem gemeinsamen Träger (850;
950) angeordnet ist.
11. Ventileinrichtung nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel (801; 901) eine reaktive Oberfläche umfasst, wobei vorzugsweise
die reaktive Oberfläche für durchzuführende chemische oder biochemische Prozesse vorgesehen
ist.
12. Ventileinrichtung nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass das Verschlussmittel (901) zwei- oder mehrteilig ausgebildet ist, wobei vorzugsweise
ein Teil des Verschlussmittels ein Dichtungsmaterial (910), das insbesondere in einem
randständigen Bereich des Verschlussmittels angeordnet ist, umfasst.
13. Ventileinrichtung nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass die Ventileinrichtung Bestandteil eines Zentrifugalsystems auf der Basis von axial
übereinander gelagerten Körpern (810; 820; 830) ist, wobei die Körper in Abhängigkeit
von einer Zentrifugalkraft oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar
sind.
14. Verwendung einer Ventileinrichtung nach einem der vorhergehenden Ansprüche für ein
System zur Handhabung von Flüssigkeiten mit einer Mehrzahl von axial übereinander
angeordneten Körpern (810; 820; 830), die in Abhängigkeit von einer Zentrifugalkraft
oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar sind.
15. Vorrichtung zur Handhabung von Flüssigkeiten mit einer Mehrzahl von axial übereinander
angeordneten Körpern (810; 820; 830), die in Abhängigkeit von einer Zentrifugalkraft
oder einer gleichwirkenden Kraft gegeneinander verdrehbar sind, dadurch gekennzeichnet, dass die Vorrichtung wenigstens eine Ventileinrichtung (10; 20; 30; 70) gemäß einem der
Ansprüche 1 bis 13 umfasst.