[0001] Die Erfindung bezieht sich auf ein Zylinderrohr für einen Hydraulik oder Pneumatikzylinder.
[0002] Bei Hydraulik- und Pneumatikzylindern gibt es schon lange Bestrebungen, faserverstärkte
Kunststoffe (FKV) einzusetzen, um das Bauteilgewicht zu reduzieren. Nachteil der faserverstärkten
Kunststoffe ist, dass sie als Material für die Laufflächen der Zylinder nicht geeignet
sind. Zur Lösung dieses Problems gibt es im Stand der Technik verschiedene Ansätze.
[0003] Beispielsweise wird in der
DE 196 49 133 C1 ein Zylinderrohr für einen Arbeitszylinder vorgeschlagen, der ein metallisches Innenrohr
und eine kohlenstofffaserverstärkte Außenstruktur aufweist. Innenrohr und Außenstruktur
sind durch wellenförmige Bereiche der Mantelfläche des Innenrohres verbunden. Nachteilig
hält sich die Gewichtsersparnis aufgrund des massiven metallischen Innenrohres in
Grenzen, so dass in Frage steht, ob der fertigungstechnische Aufwand zur Verbindung
von Innenrohr und Außenstruktur gerechtfertigt ist.
[0004] Die
DE 103 13 477 B3 hat die Aufgabenstellung, ein Zylinderrohr für einen Arbeitszylinder vorzuschlagen,
das bei hoher Steifigkeit und geringem Gewicht über gute Gleiteigenschaften verfügt.
Diese Aufgabe wird gelöst durch ein Innenrohr aus thermoplastischem Kunststoff und
ein koaxial dazu angeordnetes Außenrohr aus faserverstärktem thermoplastischem Kunststoff,
die durch eine Zwischenschicht verbunden sind. Die Zwischenschicht ist elektrisch
leitfähig und dadurch erwärmbar, so dass eine Verschmelzung von Innen- und Außenrohr
erreicht werden kann. Nachteilig sind die tribologischen Eigenschaften des Innenrohres
aus thermoplastischem Kunststoff für viele Anwendungen nicht ausreichend standfest.
Zudem sind der technologische Aufwand und damit die Fertigungskosten sehr hoch.
[0005] Die Aufgabenstellung der vorliegenden Erfindung besteht darin, ein Zylinderrohr für
einen Hydraulik- oder Pneumatikzylinder vorzuschlagen, das ein geringes Gewicht und
sehr gute tribologische Eigenschaften aufweist sowie einfach und kostengünstig herzustellen
ist.
[0006] Erfindungsgemäß wird diese Aufgabenstellung gelöst durch ein Zylinderrohr nach Anspruch
1 und ein Verfahren zu dessen Herstellung nach Anspruch 9. Bevorzugte Ausgestaltungen
der Erfindung sind Gegenstand von Unteransprüchen.
[0007] Das erfindungsgemäße Zylinderrohr für einen Hydraulik- oder Pneumatikzylinder hat
ein lasttragendes Außenrohr aus faserverstärktem Kunststoff und einen inneren metalischen
Liner mit vergleichsweise geringerer Wandstärke. Das Außenrohr und der Liner sind
dabei durch eine schubweiche Zwischenschicht verbunden. Der metallische Liner gibt
dem Zylinderrohr auf der Innenseite sehr gute tribologische Eigenschaften in Verbindung
mit einer sehr guten Standzeit. Zudem hat der Liner durch die sehr geringe Wandstärke
ein geringes Gewicht. Der Liner ist dabei bevorzugt nicht eigenstabil, um Gewicht
zu sparen. Vorteilhaft kann die schubweiche Zwischenschicht bei Temperaturschwankungen
die unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten von metallischem Liner und dem
Außenrohr aus FKV ausgleichen. So hat beispielsweise Stahl einen Wärmausdehnungskoeffizienten
von 11,3 x 10
-6 x K
-1, während kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff (CFK) bei einem quasi-isotropen Laminataufbau
durch unidirektional kohlenstofffaserverstärkte Einzelschichten einen Koeffizienten
von 2,65 x 10
-6 x K
-1 aufweist. Eine unidirektional verstärkte CFK-Einzelschicht hat in Faserrichtung einen
Koeffizienten von -0,5 x 10
-6 x K
-1 und senkrecht zur Faserrichtung von 43,0 x 10
-6 x K
-1. Erkennbar ist der große Unterschied zwischen den Wärmeausdehnungskoeffizienten,
der bei Temperaturschwankungen zu einer erheblichen Längendifferenz von Liner und
Außenrohr führt. Dieser würde ohne die schubweiche Zwischenschicht zum Lösen der Verbindung
zwischen FKV-Außenrohr und metallischem Liner führen.
[0008] Ein weiterer Vorteil der schubweichen Zwischenschicht besteht in deren deutlich höherer
Dämpfung. Somit können Schwingungen im Betrieb durch die strukturinhärente hohe Dämpfung
deutlich reduziert werden.
[0009] Bevorzugt besteht die Zwischenschicht aus Elastomeren, etwa aus Ethylen-Propylen-Dien-Monomer
(EPDM). Elastomere weisen extrem hohe Bruchdehnungen von bis zu mehreren 100 % auf
und können damit die verschiedenen Wärmedehnungen zwischen dem FKV-Außenrohr und dem
inneren metallischen Liner hervorragend überbrücken. Darüber hinaus weisen viele Elastomere
im Hinblick auf die Anwendung eine ausreichende thermische Beständigkeit auf. So etwa
haben EPDM-Elastomere gewöhnlich einen Dauereinsatztemperaturbereich von -40°C bis
+90°C. Darüber hinaus weist EPDM eine sehr gute Alterungsbeständigkeit bei UV- bzw.
Ozon-Belastung auf.
[0010] Weiterhin bevorzugt besteht die Zwischenschicht aus thermoplastischen Elastomeren
(TPE), welche die Verarbeitungsvorteile der Thermoplaste mit den Werkstoffeigenschaften
der Elastomere verbinden. Im Unterschied zu reinen Elastomeren können TPE aufgeschmolzen
werden und ermöglichen dadurch eine einfache Herstellung der Zwischenschicht.
[0011] Aus der Gruppe der TPE eignen sich etwa thermoplastische Elastomere auf Urethanbasis
(TPU) oder auf Olefinbasis (TPO). Darüber hinaus eignen sich auch thermoplastische
Copolyester (TPC) oder Styrol-Blockpolymeren (TPS) aus der Gruppe der TPE.
[0012] Weiterhin besteht das Außenrohr bevorzugt aus mehreren Schichten faserverstärktem
Kunststoff. Vorteilhaft können so die strukturmechanischen Eigenschaften des Außenrohrs
sehr gut an die zu erwartenden Belastungen angepasst werden.
[0013] Weiterhin bevorzugt ist der metallische Liner aus Stahl gefertigt ist. Vorteilhaft
ist Stahl kostengünstig verfügbar und hat sehr gute tribologische Eigenschaften.
[0014] Weiterhin bevorzugt hat der metallische Innenliner eine Wandstärke zwischen 0,1 mm
und 1 mm.
[0015] Nicht zuletzt hat die Zwischenschicht eine bevorzugte Wandstärke zwischen 0,1 mm
und 0,4 mm.
[0016] Die erfindungsgemäße Fertigung des Zylinderrohrs, das aus dem FKV-Außenrohr, dem
metallischen Liner und der schubweichen Zwischenschicht besteht, kann wie folgt durchgeführt
werden. Zuerst erfolgt die Fertigung des dünnwandigen metallischen Liners mithilfe
klassischer Herstellungsverfahren für metallische Rohre, wie etwa im Drückwalzverfahren.
[0017] Danach erfolgt die Auftragung der schubweichen Zwischenschicht aus Elastomer bzw.
TPE auf die Außenseite des dünnwandigen metallischen Liners, wobei gewöhnlich zunächst
ein handelsüblicher dünnflüssiger Haftvermittler (Primer) auf die Außenseite des metallischen
Liners appliziert wird. Dieser Haftvermittler dient zur Erzielung einer guten Haftfestigkeit
zwischen dem metallischen Liner und der schubweichen Zwischenschicht aus Elastomer
bzw. TPE. Der dünnwandige Liner kann während des Auftrags des Primers und der schubweichen
Zwischenschicht durch einen Stützkern von innen stabilisiert werden. Dieser Stützkern
ist dabei bevorzugt ein Metall- oder Kunststoffzylinder, der z. Bsp. in den zylindrischen
Liner eingeschoben werden kann und nach dem Auftragen der Zwischenschicht wieder entfernt
wird. Als Stützkern kann aber auch der Wickel- bzw. Flechtkern genutzt werden, der
später zur Herstellung des FKV-Außenrohrs genutzt wird.
[0018] Insbesondere bei Zwischenschichten aus TPE können verschiedene Verarbeitungsverfahren
genutzt werden, um die Zwischenschicht aufzubringen. So etwa kann der metallische
Liner mit TPE umspritzt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Verwendung
von TPE-Folien, die um den metallischen Liner gewickelt werden und durch kurzzeitige
Temperaturerhöhung und anschließende Abkühlung aufgeschmolzen und konsolidiert werden.
[0019] Nach der Applikation der schubweichen Zwischenschicht wird der metallische Liner
bevorzugt auf einen Wickel- bzw. Flechtkern geschoben, der zur anschließenden Fertigung
des FKV-Außenrohrs im Wickel- bzw. Flechtverfahren dient. Dabei wird der metallische
Liner mit Zwischenschicht quasi "eingewickelt" bzw. eingeflochten. Das Wickelverfahren
erfolgt gewöhnlich mit vorimprägnierten Fasern, sodass keine anschließende Infiltration
mit Harz erforderlich ist. Demgegenüber erfolgt das Flechtverfahren im Allgemeinen
mit trockenen Fasern, sodass eine anschließende Infiltration in einem geschlossenen
Werkzeugsystem erforderlich ist.
[0020] Ein Ausführungsbeispiel der Erfindung wird nachfolgend anhand von Figuren erläutert,
dabei zeigen:
- Figur 1
- ein erfindungsgemäßes Zylinderrohr mit Darstellung der einzelnen Schichten,
- Figur 2
- das Zylinderrohr mit Schnittdarstellung dessen Endes mit verschiedenen Temperaturen.
[0021] Figur 1 zeigt den Aufbau eines erfindungsgemäßen Zylinderrohres 1. Dieses hat ein
Außenrohr bestehend aus mehreren Faserlagen 11, mit verschiedenen Faserorientierungen.
Die gesamte Wandstärke des durch die Faserlagen 11 gebildeten Außenrohres beträgt
7 mm.
[0022] Innenseitig hat das Zylinderrohr 1 einen metallischen Liner 13 aus Edelstahl mit
einer Wandstärke von 0,4 mm. Zwischen den Faserlagen 11 und dem metallischen Liner
13 ist eine Zwischenschicht 12 aus thermoplastischem Polyurethan (TPU) mit einer Schichtdicke
von 0,2 mm angeordnet. Der Innendurchmesser des Zylinderrohres 1 D
i beträgt 85 mm.
[0023] Aus dem Zylinderrohr 1 wird ein Leichtbau-Hydraulikaktuator mit einem Kolbenhub von
400 mm und einem Betriebsdruck von 207 bar hergestellt.
[0024] Figur 2 zeigt eine Schnittdarstellung in der Schnittebene A-A durch das Zylinderrohr
1, aufweisend einen Innendurchmesser D
i und einen Außendurchmesser D
a bei verschiedenen Temperaturen. Auf der linken Seite der Schnittdarstellung sind
die Faserlagen 11, die Zwischenschicht 12 und der metallische Liner 13 gleich lang.
Die Erhöhung der Temperatur resultiert auf der rechten Seite in einer Verlängerung
des metallischen Liners 13 um die Längendifferenz 2. Durch die schubweiche Zwischenschicht
12 kann der Dehnungsunterschied mit der Länge 2 ausgeglichen werden, und Faserlagen
11 und metallischer Liner 13 bleiben trotz unterschiedlicher Länge verbunden.
Bezugszeichenliste
[0025]
- 1
- Zylinderrohr
- 11
- Faserlage
- 12
- Zwischenschicht
- 13
- Metallischer Liner
- 2
- Längendifferenz
- Di
- Innendurchmesser des Zylinderrohres 1
- Da
- Außendurchmesser des Zylinderrohres 1
1. Zylinderrohr (1) für einen Hydraulik- oder Pneumatikzylinder aufweisend ein Außenrohr
aus faserverstärktem Kunststoff und einen inneren metallischen Liner(13), wobei metallischer
Liner (13) und Außenrohr durch eine schubweiche Zwischenschicht (12) verbunden sind.
2. Zylinderrohr (1) nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die Zwischenschicht (12) aus Elastomer besteht.
3. Zylinderrohr (1) nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die Zwischenschicht (12) aus einem thermoplastischen Elastomer (TPE) besteht.
4. Zylinderrohr (1) nach Anspruch 3, dadurch gekennzeichnet, dass das thermoplastische Elastomer (TPE) eine Urethanbasis (TPU) oder Olefinbasis (TPO),
auch in vernetztem Zustand (TPV), hat oder ein thermoplastisches Copolyester (TPC)
oder ein Styrol-Blockpolymer (TPS) ist.
5. Zylinderrohr (1) nach einem der vorangehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass das Außenrohr mehrere Faserlagen (11) aufweist.
6. Zylinderrohr (1) nach einem der vorangehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass der innere metallische Liner (13) aus Stahl gefertigt ist.
7. Zylinderrohr (1) nach einem der vorangehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass der innere metallische Liner (13) eine Dicke zwischen 0,1 mm und 1 mm hat.
8. Zylinderrohr (1) nach einem der vorangehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass die Zwischenschicht (12) eine Wandstärke zwischen 0,1 mm und 0,4 mm hat.
9. Verfahren zur Herstellung eines Zylinderrohres (1) nach einem der vorangehenden Ansprüche,
gekennzeichnet durch die folgenden Verfahrensschritte:
a) Bereitstellung eines dünnwandigen metallischen Liners (13),
b) Aufbringen der schubweichen Zwischenschicht (12) auf die Außenseite des metallischen
Liners (13),
c) Fertigung des FKV-Außenrohres mittels Wickeln oder Flechten auf die schubweiche
Zwischenschicht (12),
d) Konsolidierung des Zylinderrohres (1).
10. Verfahren nach Anspruch 9, dadurch gekennzeichnet, dass vor dem Aufbringen der schubweichen Zwischenschicht (1) in Schritt b) ein Haftvermittler
auf den metallischen Liner (13) aufgebracht wird.
11. Verfahren nach einem der Ansprüche 9 oder 10, dadurch gekennzeichnet, dass vor dem Aufbringen der schubweichen Zwischenschicht (12) in Schritt b) ein Kern in
den metallischen Liner (13) eingebracht wird.
12. Verfahren nach einem der Ansprüche 9 bis 11, dadurch gekennzeichnet, dass das Aufbringen der schubweichen Zwischenschicht (12) in Schritt b) durch Umspritzen
des metallischen Liners (13) mit TPE oder durch Umwickeln des metallischen Liners
(13) mit TPE-Folien und anschließende Konsolidierung durch kurzzeitiges Erwärmen erfolgt.
13. Verfahren nach einem der Ansprüche 9 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass der Kern aus Anspruch 10 als Wickel- oder Flechtkern für die Fertigung des FKV-Außenrohres
genutzt wird, oder vor der Durchführung des Schrittes c) ein Wickel- oder Flechtkern
in den metallischen Liners (13) eingebracht wird.
14. Verfahren nach einem der Ansprüche 9 bis 13, dadurch gekennzeichnet, dass die Fertigung des FKV-Außenrohres in Schritt c) mittels Wickeln von vorimprägnierten
Fasern erfolgt.
15. Verfahren nach einem der Ansprüche 9 bis 13, dadurch gekennzeichnet, dass die Fertigung des FKV-Außenrohres in Schritt c) mittels Flechten von trockenen Fasern
erfolgt und die anschließende Konsolidierung in Schritt d) durch eine Infiltration
in einem geschlossenen Werkzeugsystem erfolgt.