[0001] Die vorliegende Erfindung bezieht sich auf ein Verfahren zum Temperaturbehandeln
eines Mangan-Stahlzwischenprodukts. Es geht auch um eine spezifische Legierung eines
Mangan-Stahlzwischenprodukts, das im Rahmen eines speziellen Verfahrens temperaturbehandelt
wird, um so eine deutlich reduzierte Lüdersdehnung zu erzielen.
[0002] Sowohl die Zusammensetzung, respektive Legierung, als auch die Wärmebehandlung im
Herstellungsprozess haben einen deutlichen Einfluss auf die Eigenschaften von Stahlprodukten.
[0003] Es ist bekannt, dass im Rahmen einer Wärmebehandlung das Aufwärmen, Halten und Abkühlen
einen Einfluss auf das endgültige Gefüge eines Stahlprodukts haben kann. Weiterhin
spielt, wie bereits angedeutet, natürlich auch die Legierungszusammensetzung des Stahlprodukts
eine große Rolle. Die thermodynamischen und werkstofftechnischen Zusammenhänge in
legierten Stählen sind sehr komplex und hängen von vielen Parametern ab.
[0004] Es hat sich gezeigt, dass sich durch eine Kombination verschiedener Phasen im Gefüge
eines Stahlprodukts die mechanischen Eigenschaften und die Verformbarkeit beeinflussen
lassen.
[0005] Je nach spezifischem Anforderungsprofil kommen unterschiedliche Stähle zum Einsatz.
[0006] Eine bedeutende Komponente heutiger, neuer Stahl-Legierungen ist Mangan (Mn). Es
handelt sich um sogenannte Mittel-Mangan-Stähle, die auch als Medium-Mangan-Stähle
bezeichnet werden. Der Mangan-Anteil in Gewichtsprozent (Gew.%) liegt dabei häufig
im Bereich zwischen 3 und 12. Ein Medium-Mangan-Stahl hat aufgrund seines Gefüges
eine hohe Kombination von Zugfestigkeit und Dehnung. Typische Anwendung in der Automobilindustrie
sind komplexe sicherheitsrelevante Tiefziehbauteile.
[0007] In Fig. 1 ist ein klassisches, stark schematisiertes Diagramm gezeigt, bei dem die
Bruchdehnung A
80 (im Englischen total elongation genannt) in Prozent über der Zugfestigkeit (im Englischen
tensile strength genannt) in MPa aufgetragen ist. Die Zugfestigkeit wird hier mit
R
m abgekürzt. Das Diagramm der Fig. 1 gibt eine Übersicht über die Festigkeitsklassen
momentan eingesetzter Stahlwerkstoffe für die Automobilindustrie. Generell gilt die
folgende Aussage: umso höher die Zugfestigkeit R
m einer Stahllegierung ist, umso geringer ist die Bruchdehnung A
80 dieser Legierung. Vereinfacht ausgedrückt kann festgestellt werden, dass die Bruchdehnung
A
80 mit zunehmender Zugfestigkeit R
m abnimmt und umgekehrt. Es muss also für jede Anwendung ein optimaler Kompromiss zwischen
der Bruchdehnung A
80 und der Zugfestigkeit R
m gefunden werden.
[0008] Im Automobilsektor arbeitet man mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Stahllegierungen,
die jeweils speziell für ihr jeweiliges Einsatzgebiet am Fahrzeug optimiert wurden.
Bei Innen- und Außenpanelen, strukturellen Teilen und Stoßfängern kommen Legierungen
zum Einsatz, die eine gute Energieabsorption aufweisen. Stahlpanele für die Außenhaut
eines Fahrzeugs sind relativ "weich" und haben beispielsweise eine Zugfestigkeit R
m von ca. 300 MPa und eine gute Bruchdehnung A
80 >30%. Die Stahllegierungen von sicherheitsrelevanten Bauteilen haben beispielsweise
eine Zugfestigkeit R
m im Bereich zwischen 600 und 1000 MPa. Hierfür eignen sich zum Beispiel sehr gut die
TRIP (transfomation induced plasticity) Stähle (Bezugszeichen 1 in Fig. 1).
[0009] Bei Stahlbarrieren (z.B. für den Seitenaufprallschutz), die bei einem Unfall das
Eindringen von Fahrzeugteilen verhindern sollen, werden Stahllegierungen eingesetzt,
die eine hohe Zugfestigkeit R
m von meist mehr als 1000 MPa aufweisen. Hier eignet sich beispielweise die neue Generation
von höherfesten AHSS (Advanced High-Strength Steels) Stählen (Bezugszeichen 2 in Fig.
1). In dieser Kategorie befinden sich die TBF (Trip Bainitic Ferrite) Stähle und die
Q&P (Quenching & Partitioning) Stähle. Diese hochfesten AHSS Stähle haben beispielsweise
einen Mangan-Anteil im Bereich zwischen 1,2 und 3 Gew.% und einen Kohlenstoffanteil
C, der zwischen 0,05 und 0,25 Gew.% liegt.
[0010] In dem Bereich, der in Fig. 1 mit dem Bezugszeichen 3 bezeichnet ist, sind die bereits
erwähnten Medium-Mangan-Stähle schematisch zusammengefasst. Der mit dem Bezugszeichen
3 bezeichnete Bereich umfasst Medium-Mangan-Stähle mit einem Mn-Anteil zwischen 3
und 12 Gew.% und mit einem Kohlenstoff-Anteil ≤ 1 Gew.%.
[0011] Die heutigen Medium Mangan Stähle weisen aufgrund ihres ultra feinen Kornes (typischerweise
≤ 1µm) eine ausgeprägte Streckgrenze auf, die sich bei der Zugprüfung deutlich zeigt.
Eine beispielhafte Zugkurve 4 (auch Spannungs-Dehnungs-Kurve genannt) ist der Fig.
2 zu entnehmen. In Fig. 2 ist die Spannung σ (in MPa) über die Dehnung ε (in %) aufgetragen.
Die Zugkurve 4 zeigt ein Zwischenmaximum 5, das als obere Streckgrenze (R
eH) bezeichnet wird, gefolgt von einem Plateau 6. Im Bereich der unteren Streckgrenze
(R
eL) geht das Plateau 6 in einen ansteigenden Kurvenbereich über. Die "Länge" des Plateaus
6 wird als Lüdersdehnung (A
L) bezeichnet, wie in Fig. 2 gezeigt. Ein Stahlprodukt mit einer solch ausgeprägten
Streckgrenze kann an der Oberfläche der Bauteile für die Automobilindustrie unerwünschte
Lüdersbänder (strecher-strainer marks) bilden. Daher muß die ausgeprägte Streckgrenze
typischerweise durch einen Nachwalz - Prozess reduziert werden. Das Nachbehandeln
in einem entsprechenden Nachwalzwerk (meist mit einem Dressiergerüst) wird auch als
Dressieren bezeichnet.
[0012] Der energetische und technische Aufwand für das Dressieren ist zum Teil recht hoch.
Zusätzlich führt dieser Prozess zu einer Reduktion der nutzbaren Dehnung.
[0013] Es stellt sich daher die Aufgabe, ein Verfahren zum Herstellen von Mangan-Stahlzwischenprodukten
zu entwickeln, bei denen die Lüdersdehnung weniger deutlich ausgeprägt ist. Vorzugsweise
sollen die Mangan-Stahlzwischenprodukte keine (messbare) Lüdersdehnung aufweisen.
[0014] Untersuchungen an zahlreichen Legierungszusammensetzungen von Medium-Mangan-Stählen
haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Austenit-Korngrösse
dieser Stähle und der Lüdersdehnung gibt. D.h. die ursprüngliche Austenit-Korngrösse
hat einen Einfluss auf die mechanischen Eigenschaften dieser Stähle. Generell kann
postuliert werden, dass sich die Lüdersdehnung umgekehrt proportional zur ursprünglichen
Austenit-Korngrösse verhält.
[0015] Als Teilaufgabe der Erfindung geht es somit darum eine Legierungszusammensetzung
und ein Verfahren zur Temperaturbehandlung zu finden, um eine Vergrößerung der ursprünglichen
Austenit-Korngrösse zu erzielen und um die vergrösserten Austenit-Körner im Gefüge
der Medium-Mangan-Stähle zu manifestieren. Anders als im Stand der Technik (siehe
z.B.
WO2014095082 A1), wo es um das Bereitstellen von ultrafeinen Gefügen geht (mit einer Ultrafeinkörnigkeit
mit einer mittleren Korngrösse von ca. 1 µm), zielt die Erfindung in eine andere Richtung.
Ausserdem kommt in der beispielhaft genannten Patentanmeldung
WO2014095082 A1 ein Doppelglühverfahren zum Einsatz, das mit anderen Temperaturen und Verfahrensabläufen
arbeitet. Stahlprodukte, die nach dem Verfahren von
WO2014095082 A1 hergestellt wurden, haben eine deutlich ausgeprägte Streckgrenze.
[0016] Gemäß Erfindung werden eine besonders geeignete Mangan-Stahl-Legierung und ein optimiertes
Verfahren zum Temperaturbehandeln eines Mangan-Stahlzwischenprodukts bereitgestellt.
[0017] Die Mangan-Stahl-Legierung der Erfindung umfasst:
- einen Mangananteil (Mn), der im folgenden Manganbereich 3 Gew.% ≤ Mn ≤ 12 Gew.% liegt,
- einen Anteil von einem oder mehreren Legierungselementen der Gruppe: Silizium (Si),
Aluminium (Al), Nickel (Ni), Chrom (Cr), Molybdän (Mo), Phosphor (P), Schwefel (S),
Stickstoff (N), Kupfer (Cu), Bor (B), Kobalt (Co), Wolfram (W),
- einen optionalen Kohlenstoffanteil (C) von weniger als 1 Gew.%,
- einen optionalen Anteil von einem oder mehreren Mikrolegierungselementen z. B.: Titan
(Ti), Niob (Nb) und Vanadin (V), wobei der gesamte Anteil der Mikrolegierungselemente
weniger als 0,45 Gew.% beträgt, und
- als Rest einen Eisenanteil (Fe) und unvermeidbare Verunreinigungen.
[0018] Die Mangan-Stahlzwischenprodukte, die aus einer Schmelze dieser Mangan-Stahl-Legierung
hergestellt wurden, werden im Rahmen einer erfindungsgemässen Temperaturbehandlung
einem ersten Temperaturbehandlungsprozess und einem nachfolgenden zweiten Temperaturbehandlungsprozess
unterzogen.
[0019] Bei dem ersten Temperaturbehandlungsprozess handelt es sich um ein Hochtemperaturverfahren,
bei dem das Stahlzwischenprodukt während einer ersten Haltedauer einer ersten Glühtemperatur
ausgesetzt wird, die oberhalb einer kritischen Temperaturgrenze (als T
KG bezeichnet,) liegt, wobei diese kritische Temperaturgrenze (T
KG) wie folgt definiert ist: T
KG ≥ (856 - S
K * Mangananteil) Grad Celsius, und wobei S
K ein Steigungswert ist.
[0020] Die genannte Formel, die als Definiton der kritischen Temperaturgrenze (T
KG) dient, sagt aus, dass die kritische Temperaturgrenze (T
KG) im genannten Manganbereich mit zunehmendem Mangananteil abnimmt.
[0021] Der genannte Steigungswert ist vorzugsweise bei allen Ausführungsformen wie folgt
definiert S
K = 7,83±10% und besonders vorzugsweise bei S
K = 7,83.
[0022] Bei dem zweiten Temperaturbehandlungsprozess handelt es sich um ein Glühverfahren,
bei dem das Stahlzwischenprodukt einer zweiten Glühtemperatur T2 ausgesetzt wird,
die in jedem Fall niedriger ist als die erste Glühtemperatur T1.
[0023] Vorzugsweise zeigt die erste Glühtemperatur T1 bei allen Ausführungsformen eine Abhängigkeit
vom genannten Manganbereich der Legierung, die wie folgt definiert ist: T1 ≥ T
KG.
[0024] Besonders bevorzugt sind Ausführungsformen der Erfindung, bei einer kritischen Temperatur
T
K ≥ (866 - S
K * Mangananteil) Grad Celsius, wobei gilt:

[0025] Vorzugsweise beträgt die erste Haltedauer bei allen Ausführungsformen mindestens
10 Sekunden. Besonders vorzugsweise beträgt die erste Haltedauer bei allen Ausführungsformen
zwischen 10 Sekunden und 7000 Minuten.
[0026] Vorzugsweise liegt die zweite Glühtemperatur T2 bei allen Ausführungsformen im Bereich
zwischen den Temperaturen A
1 und A
3.
[0027] Es werden vorteilhafte Ergebnisse erzielt, falls der zweite Temperaturbehandlungsprozess
inklusive des Erwärmens des Stahlzwischenprodukts, des Haltens der zweiten Glühtemperatur
und des Abkühlens des Stahlzwischenprodukts weniger als 6000 Minuten dauert. Vorzugsweise
liegt diese Gesamtzeit sogar bei weniger als 5000 Minuten.
[0028] Die Erfindung lässt sich besonders vorteilhaft auf Legierungen anwenden, bei denen
der Anteil der einen oder mehreren Legierungselemente im folgenden Bereich liegt:
- Silizium (Si) ≤ 3 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 2 Gew.%,
- Aluminium (Al) ≤ 8 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 6 Gew.%,
- Nickel (Ni) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 1 Gew.%,
- Chrom (Cr) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%,
- Molybdän (Mo) ≤ 0,5 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,25 Gew.%,
- Phosphor (P) ≤ 0,05 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,025 Gew.%,
- Schwefel (S) ≤ 0,03 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,01 Gew.%,
- Stickstoff (N) ≤ 0,05 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,025 Gew.%,
- Kupfer (Cu) ≤ 1 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%,
- Bor (B) ≤ 0,005 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,0035 Gew.%.
- Wolfram (W) ≤ 1 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%.
- Kobalt (Co) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 1 Gew.%.
[0029] Vorteilhafte Ergebnisse zeigen sich bei allen Ausführungsformen, bei denen als Mikrolegierungselemente
Elemente der folgenden Gruppe eingesetzt werden: Titan (Ti), Niob (Nb), Vanadium (V).
[0030] Die Erfindung ermöglicht erstmals das Bereitstellen von Stahlzwischenprodukten, die
eine Lüdersdehnung A
L aufweisen, die geringer ist als 3% und vorzugsweise geringer als 1%.
[0031] Gleichzeitig haben die Stahlzwischenprodukte der Erfindung vorzugsweise bei allen
Ausführungsformen eine mittlere primäre Austenit-Korngrösse, die grösser ist als 3
µm.
[0032] Die Legierung der Stahlzwischenprodukte der Erfindung weist gemäß Erfindung vorzugsweise
einen mittleren Mangangehalt auf, was bedeutet, dass der Mangananteil im Bereich 3
Gew.% ≤ Mn ≤ 12 Gew.% liegt. Vorzugsweise liegt der Mangananteil bei allen Ausführungsformen
im Bereich von 3,5 Gew.% ≤ Mn ≤ 8,5 Gew.%.
[0033] Der Kohlenstoffanteil der Stahlprodukte der Erfindung ist generell eher niedrig.
Ausserdem ist der Kohlenstoffanteil bei allen Ausführungsformen optional. D.h. der
Kohlenstoffanteil liegt bei der Erfindung im Bereich C ≤ 1 Gew.%. Besonders bevorzugt
sind Ausführungsformen, bei denen der Kohlenstoffanteil im einem der folgenden Bereiche
liegt
- a. 0,01 ≤ C ≤ 0,8 Gew.%, oder
- b. 0,05 ≤ C ≤ 0,3 Gew.%.
[0034] Bei einem bevorzugten Verfahren der Erfindung wird der erste Temperaturbehandlungsprozess
in einer kontinuierlichen Bandanlage (Glühanlage) durchgeführt. Dieser Vorgang wird
auch als Kontiglühen bezeichnet. Oder eine andere Möglichkeit ist eine diskontinuierliche
Wärmebehandlung (Haubenglühung) des Stahlzwischenproduktes.
[0035] Falls es um das Temperaturbehandeln eines Warmbandes geht, so kann die erste Temperaturbehandlung
der Erfindung auch durch eine spezielle Temperaturführung beim Warmwalzen durchgeführt
werden. Bei dieser speziellen Temperaturführung wird darauf geachtet, dass die Walzendtemperatur
des Warmbandes beim Warmwalzen im Bereich oberhalb der kritischen Temperaturgrenze
T
KG liegt.
[0036] Bei einem bevorzugten Verfahren der Erfindung wird der zweite Temperaturbehandlungsprozess
in einer diskontinuierlich arbeitenden Anlage durchgeführt wird, wobei das Stahlzwischenprodukt
dem Glühverfahren in dieser Anlage in einer Schutzgasatmosphäre ausgesetzt wird. Dieser
Vorgang wird vorzugsweise in einer Haubenglühanlage durchgeführt. Der zweite Temperaturbehandlungsprozess
kann bei allen Ausführungsformen aber auch in einer kontinuierlichen Bandanlage (Glühanlage)
oder in einer Feuerverzinkungsanlage durchgeführt werden.
[0037] Das Stahlzwischenprodukt aller Ausführungsformen kann optional einem Dressierverfahren
unterzogen werden, wobei dieses Dressierverfahren primär darauf gerichtet ist die
Oberfläche des Stahlzwischenprodukts zu konditionieren. Ein intensiveres Dressieren
ist nicht erforderlich, da die Stahlzwischenprodukte der Erfindung eine geringe Lüdersdehnung
aufweisen.
[0038] Mit der Erfindung kann somit der Dressiergrad reduziert oder ganz vermieden werden.
[0039] Es ist ein Vorteil der Erfindung, dass Stahlzwischenprodukte hergestellt werden können,
die eine Lüdersdehnung aufweisen, die geringer ist als 3% und die vorzugsweise geringer
ist als 1%.
[0040] Es ist ein Vorteil der Erfindung, dass Stahlzwischenprodukte hergestellt werden können,
die eine Zugfestigkeit R
m (auch Mindestfestigkeit genannt) aufweisen, die grösser ist als 490 MPa.
[0041] Es ist ein Vorteil der Erfindung, dass Stahlzwischenprodukte hergestellt werden können,
die aufgrund der reduzierten Lüdersdehnung eine (Mindest-) Bruchdehnung (A
80) aufweisen, die grösser ist als 10%.
[0042] Es ist ein Vorteil der Erfindung, dass die Stahlzwischenprodukte aufgrund der reduzierten
Lüdersdehnung eine erhöhte technisch nutzbare Dehnung aufweisen.
[0043] Die Erfindung kann eingesetzt werden, um z.B. Kaltband-Stahlprodukte in Form von
kaltgewalztem Flachzeug (z.B. Coils) bereit zu stellen. Die Erfindung kann auch eingesetzt
werden, um z.B. Feinbleche oder auch Draht und Drahtprodukte herzustellen.
[0044] Die Erfindung kann auch eingesetzt werden, um Warmband-Stahlprodukte bereit zu stellen.
[0045] Weitere vorteilhafte Ausgestaltungen der Erfindung bilden die Gegenstände der abhängigen
Ansprüche.
ZEICHNUNGEN
[0046] Ausführungsbeispiele der Erfindung werden im Folgenden unter Bezugnahme auf die Zeichnungen
näher beschrieben.
- FIG. 1
- zeigt ein stark schematisiertes Diagramm, bei dem die (Mindest-) Bruchdehnung (A80) in Prozent über die Zugfestigkeit (Rm) in MPa für verschiedene Stähle für die Automobilindustrie aufgetragen sind;
- FIG. 2
- zeigt ein schematisiertes Spannungs-Dehnungs-Diagramm eines Stahlprodukts, das eine
deutlich ausgeprägte Streckgrenze (Lüdersdehnung AL) aufweist;
- FIG. 3
- zeigt ein schematisiertes Diagramm, das die beiden Temperaturbehandlungsprozesse zeigt;
- FIG. 4
- zeigt in Form eines schematisierten Diagramms die kritische Temperatur TK und den Verlauf der entsprechenden kritischen Temperaturgrenze TKG;
- FIG. 5
- zeigt ein schematisiertes Diagramm, das einerseits die Lüdersdehnung AL in Prozent und andererseits auch die mittlere ursprüngliche Austenit-Korngrösse (DUAK M) als Funktion der ersten Glühtemperatur T1 darstellt, wobei in diesem Diagramm die
entsprechenden Kurven von zwei unterschiedlichen Proben gezeigt sind;
- FIG. 6
- zeigt ein schematisiertes Diagramm, das die Spannung σ in MPa als Funktion der Dehnung
ε in % zeigt (analog zu Fig. 2), wobei hier vier identische Legierungen vier verschiedenen
Temperaturbehandlungsprozessen unterzogen wurden.
Detaillierte Beschreibung
[0047] Gemäß Erfindung geht es um Stahlprodukte, respektive um Stahlzwischenprodukte, die
sich durch eine spezielle Gefügekonstellation und Eigenschaften auszeichnen.
[0048] Teilweise ist im Folgenden von Stahlzwischenprodukten die Rede, wenn es darum geht
zu betonen, dass es nicht um das fertige Stahlprodukt sondern um ein Vor- oder Zwischenprodukt
in einem mehrstufigen Fertigungsprozess geht. Ausgangspunkt für solche Fertigungsprozesse
ist meist eine Schmelze. Im Folgenden wird die Legierungszusammensetzung der Schmelze
angegeben, da man auf dieser Seite des Fertigungsprozesses relativ genau auf die Legierungszusammensetzung
Einfluss nehmen kann (z.B. durch Zuchargieren von Bestandteilen, wie Legierungselementen
und optionalen Mikrolegierungselementen). Die Legierungszusammensetzung des Stahlzwischenprodukts
weicht im Normalfall nur unwesentlich von der Legierungszusammensetzung der Schmelze
ab.
[0049] Mengen oder Anteilsangaben werden hier grossteils in Gewichtsprozent (kurz Gew.%)
gemacht, soweit nichts anderes erwähnt ist. Wenn Angaben zur Zusammensetzung der Legierung,
respektive des Stahlprodukts gemacht werden, dann umfasst die Zusammensetzung neben
den explizit aufgelisteten Materialien bzw. Stoffen als Grundstoff Eisen (Fe) und
sogenannte unvermeidbare Verunreinigungen, die immer im Schmelzbad auftreten und die
sich auch in dem daraus entstehenden Stahlzwischenprodukt zeigen. Alle Gew.%-Angaben
sind also stets auf 100 Gew.% zu ergänzen und alle Vol.%-Angaben sind stets auf 100
% des Gesamtvolumens zu ergänzen.
[0050] Neben der speziellen Kombination der Legierungselemente, kommt ein speziell optimiertes
Verfahren zur Temperaturbehandlung zum Einsatz. Ein entsprechendes Diagramm ist in
Fig. 3 gezeigt und wird im Folgenden näher erläutert.
[0051] Das Temperaturbehandeln des Stahlzwischenprodukts umfasst einen ersten Temperaturbehandlungsprozess
S.1 und einen nachfolgenden zweiten Temperaturbehandlungsprozess S.2. Diese beiden
Temperaturbehandlungsprozesse S.1 und S.2 sind in Fig. 3 in zwei nebeneinander gezeigten
Temperatur-Zeit-Diagrammen dargestellt.
[0052] Bei dem ersten Temperaturbehandlungsprozess S.1 handelt es sich um ein Hochtemperaturverfahren,
bei dem das Stahlzwischenprodukt während einer ersten Haltedauer Δ1 einer ersten Glühtemperatur
T1 ausgesetzt wird (dieser Schritt wird auch als Halten H1 bezeichnet). Die Glühtemperatur
T1 liegt während des Haltens H1 oberhalb einer kritischen Temperaturgrenze T
KG.
[0053] Der Verlauf dieser kritischen Temperaturgrenze T
KG ist (unter anderem) abhängig vom Mangananteil Mn der Legierung des Mangan-Stahlzwischenprodukts,
wie anhand zahlreicher Untersuchungen ermittelt werden konnte. In Fig. 4 sind die
kritische Temperatur T
K (dargestellt durch die Gerade 7) und der Verlauf der entsprechenden kritischen Temperaturgrenze
T
KG (dargestellt durch die Gerade 8) gezeigt.
[0054] Auf der horizontalen Achse ist der Manganbereich MnB in Gewichtsprozent aufgetragen.
Wie bereits erwähnt, liefert die Erfindung vor allem bei einem Mangananteil im folgenden
Manganbereich MnB hervorragende Ergebnisse: 3 Gew.% ≤ Mn ≤ 12 Gew.%. Dieser Manganbereich
MnB ist in Fig. 4 durch zwei vertikale Grenzlinien bei Mn = 3 Gew.% und Mn = 12 Gew.%
gezeigt.
[0055] In Fig. 4 sind beispielhaft die Messergebnisse von vier Proben anhand kleiner Kreissymbole
gezeigt. Weitere Details zu diesen vier beispielhaft zu verstehenden Proben und zu
weiteren Proben der Erfindung sind den Tabellen 1 und 2 zu entnehmen.
| Tabelle 1 |
| Legierung |
C |
Mn |
Al |
Nb |
S.1 |
S.2 |
| Type 1 |
0,096 |
5,08 |
|
|
Kont. Glühen |
Haube |
| Typ2 |
0,097 |
5,13 |
|
0,09 |
Kont. Glühen |
Haube |
| Typ3 |
0,100 |
6,38 |
|
|
Kont. Glühen |
Haube |
| Typ4 |
0,106 |
3,53 |
|
|
Kont. Glühen |
Haube |
| Typ5 |
0,110 |
3,56 |
|
0,095 |
Kont. Glühen |
Haube |
| Typ6 |
0,148 |
7,73 |
2,09 |
|
Kont. Glühen |
Kont. Glühen |
| Typ7 |
0,098 |
9,95 |
|
|
Kont. Glühen |
Haube |

[0056] Die Legierungszusammensetzung des jeweiligen Typs ist der Tabelle 1 zu entnehmen,
wobei hier nur die wesentlichen Legierungsbestandteile genannt sind. Zu jedem Typ
gibt es eine Reihe von Ausführungsbeispielen, die getestet wurden. Die entsprechenden
Beispiele sind in der linken Spalte in Tabelle 2 mit den Zahlen 1 bis 26 nummeriert.
[0057] In Fig. 4 sind durch die erwähnten Kreissymbole die folgenden vier Proben gezeigt:
Typ4, 18; Typ1, 1; Typ3, 14 und Typ7, 24 (die Bezeichnung Typ4, 18 steht beispielweise
für die Legierungszusammensetzung vom Typ4, Beispiel Nr. 18).
[0058] Wenn man die Kreissymbole der Fig. 4, respektive die Messergebnisse durch eine Gerade
interpoliert, so ergibt sich eine konstant abfallende Gerade 7, wie in Fig. 4 gezeigt.
Diese Gerade 7 kann durch folgende Gleichung (1) umschrieben werden, wobei T
K in Grad Celsius angegeben ist:

[0059] Der absolute Wert 866 in Grad Celsius definiert der Schnittpunkt mit der vertikalen
Achse und der Wert S
K definiert die Steigung. S
K wird daher auch als Steigungswert bezeichnet.
[0060] Die Untersuchungen haben ergeben, dass der Steigungswert S
K vorzugsweise bei allen Ausführungsformen = 7,83±10% beträgt.
[0061] Außerdem konnte gezeigt werden, dass die kritische Temperatur T
K für erfindungsgemässe Legierungszusammensetzungen stets oberhalb einer unteren kritischen
Temperaturgrenze T
KG liegt. Diese untere kritische Temperaturgrenze T
KG ist in Fig. 4 als Gerade 8 dargestellt.
[0062] Diese Gerade 8 kann durch folgende Gleichung (2) umschrieben werden, wobei T
KG in Grad Celsius angegeben ist:

[0063] Die Gerade 8 liegt parallel zu der Geraden 7.
[0064] Es kann die folgende Bedingung postuliert werden: Bei Stahllegierungen des Mangan-Stahlzwischenprodukts,
wie bereits definiert, muss die erste Glühtemperatur T1 stets oberhalb der unteren
kritischen Temperaturgrenze T
KG liegen, um zu gewährleisten, dass man ein Mangan-Stahlzwischenprodukt erhält, bei
dem die Lüdersdehnung A
L geringer ist als 3%.
[0065] Es konnte gezeigt werden, dass auch der zweite Temperaturbehandlungsprozess S.2 einen
Einfluss auf die Lüdersdehnung hat. Um die Korngrösse der Austenitkörner im Gefüge
zu erhalten, muss die zweite Glühtemperatur T2 in jedem Fall niedriger sein als die
erste Glühtemperatur T1. Da die erste Glühtemperatur T1 stets oberhalb der unteren
kritischen Temperaturgrenze T
KG liegt, kann daraus geschlossen werden, dass die zweite Glühtemperatur T2 vorzugsweise
unterhalb der unteren kritischen Temperaturgrenze T
KG liegen sollte.
[0066] Anhand des schematischen Beispiels der Fig. 3 ist zu erkennen, dass die erste Glühtemperatur
T1 oberhalb der Temperaturgrenze T
KG liegt und dass die zweite Glühtemperatur T2 im Bereich zwischen A
1 und A
3 liegt. Die zweite Temperaturbehandlung S.2 wird in diesem Fall auch als interkritisches
Glühen bezeichnet.
[0067] Die erste Haltedauer Δ1 beträgt bei allen Ausführungsformen vorzugsweise mindestens
10 Sekunden und vorzugsweise zwischen 10 Sekunden und 6000 Minuten.
[0068] Die zweite Haltedauer Δ2 beträgt bei allen Ausführungsformen mindestens 10 Sekunden.
In Fig. 3 sind die beiden Haltedauern Δ1 und Δ2 nur beispielhaft gezeigt. Der Zeitabstand
zwischen dem ersten Temperaturbehandlungsprozess S.1 und dem zweiten Temperaturbehandlungsprozess
S.2 kann nach Bedarf gewählt werden. Typischerweise wird der zweite Temperaturbehandlungsprozess
S.2 kurz nach dem ersten Temperaturbehandlungsprozess S.1 durchgeführt.
[0069] Bevorzugt sind Ausführungsformen, bei denen der erste Temperaturbehandlungsprozess
S.1 inklusive des Erwärmens E1 des Stahlzwischenprodukts, des Haltens H1 der ersten
Glühtemperatur T1 und des Abkühlens Ab1 des Stahlzwischenprodukts weniger als 7000
Minuten dauert.
[0070] Bevorzugt sind Ausführungsformen, bei denen der zweite Temperaturbehandlungsprozess
S.2 inklusive des Erwärmens E2 des Stahlzwischenprodukts, des Haltens H2 der zweiten
Glühtemperatur T2 und des Abkühlens Ab2 des Stahlzwischenprodukts weniger als 6000
Minuten und vorzugsweise weniger als 5000 Minuten dauert.
[0071] Weiterhin konnte gezeigt werden, dass die deutliche Reduzierung der Lüdersdehnung
A
L davon unabhängig ist, ob der erste Temperaturbehandlungsprozess S.1 und/oder der
zweite Temperaturbehandlungsprozess S.2 in einer kontinuierlichen Bandanlage (zum
Beispiel in einer Kontianlage) oder in einer diskontinuierlich arbeitenden Anlage
(zum Beispiel in einer Haubenglühe) durchgeführt werden/wird.
[0072] Die Erfindung kann sowohl auf Kaltband-Zwischenprodukte als auch auf Warmband-Zwischenprodukte
angewendet werden. In beiden Fällen zeigt sich eine deutliche Reduktion der Lüdersdehnung
A
L.
[0073] Das Erhöhen der ersten Glühtemperatur T1 auf einen Wert oberhalb der kritischen Temperaturgrenze
T
KG führt klar zu einer Vergrößerung der mittleren ursprünglichen Austenit-Korngrösse
und zu einer deutlichen Reduktion der Lüdersdehnung A
L.
[0074] Fig. 5 zeigt sowohl die Reduktion der Lüdersdehnung A
L in Prozent als auch die Abhängigkeit der mittleren ursprünglichen Austenitkorngröße
(D
UAK M) in µm mit zunehmender Glühtemperatur T1 für zwei beispielhafte Proben vom Typ1 und
Typ2 (siehe auch Tabelle 1), wie folgt.
[0075] Chemische Zusammensetzung der Legierungsproben vom Typ1 ohne Mikrolegierung:
Mn = 5,08 Gew.%,
C = 0,096 Gew.%,
Rest Eisen Fe und unvermeidbare Verunreinigungen.
[0076] Chemische Zusammensetzung der Legierungsproben vom Typ2 mit Mikrolegierung:
Mn = 5,13 Gew.%,
C = 0,097 Gew.%,
Nb = 0,90 Gew.%,
Rest Eisen Fe und unvermeidbare Verunreinigungen.
[0077] Man kann der Fig. 5 entnehmen, dass bei der untersuchten Legierungszusammensetzung
vom Typ1 (dargestellt durch die Kurve 9), die kritische Temperaturgrenze T
KG1 ∼820°C beträgt, wenn man für diese Legierungszusammensetzung vom Typ1 eine Lüdersdehnung
erreichen möchte, die kleiner als 3% ist. Die Kurve 10 zeigt den dazugehörigen Verlauf
der mittlerem ursprünglichem Austenitkorngrenze D
UAK M 1, in Abhängigkeit von der Temperatur T1. Für das Beispiel Typ1 ergibt sich eine Korngröße
hierfür mit >3µm.
[0078] Man kann der Fig. 5 entnehmen, dass bei der untersuchten Legierungszusammensetzung
vom Typ2 (dargestellt durch die Kurve 11), die kritische Temperaturgrenze T
KG2 ∼970°C beträgt, wenn man für diese Legierungszusammensetzung vom Typ2 eine Lüdersdehnung
erreichen möchte, die kleiner als 3% ist. Die Kurve 12 zeigt den dazugehörigen Verlauf
der mittleren ursprünglichen Austenitkorngrenze D
UAK M, in Abhängigkeit von der Temperatur T1. Für das Beispiel Typ2 ergibt sich eine Korngröße
hierfür mit >8µm. Das Mikrolegierungselement Niob (Nb) hat einen erkennbaren Einfluss,
der sich als Verschiebung von T
KG2 (im Vergleich zu T
KG1) zu einer höheren kritischen Temperatur für A
L < 3% zeigt.
[0079] Die Kurven 10 und 12 in Fig. 5 zeigen, dass die ursprüngliche AustenitKorngröße mit
zunehmender Temperatur T1 steigt.
[0080] Anhand der zuvor genannten Gleichung (2), kann für die Legierungszusammensetzungen
vom Typ1 die untere kritische Temperaturgrenze T
KG1 wie folgt ermittelt werden:

[0081] In Fig. 5 ist die entsprechende untere kritische Temperaturgrenze T
KG1 als strichlierte vertikale Linie eingezeichnet. Man kann erkennen, dass die Legierungszusammensetzungen
vom Typ1 ab einer Glühtemperatur T1> T
KG1 eine mittlere Korngrösse aufweisen, die > 3 µm beträgt. Die untere kritische Temperaturgrenze
T
KG1 ist in Fig. 4 durch ein kleines schwarzes Dreieck gekennzeichnet.
[0082] Anhand der Gleichung (2) kann für die Legierungszusammensetzungen vom Typ2 die untere
kritische Temperaturgrenze T
KG2 wie folgt ermittelt werden:

[0083] Bei Legierungszusammensetzungen, die einen Nb-Anteil enthalten, führt die Mikrolegierung
zu einer Erhöhung der kritischen Temperaturgrenze T
KG. In Fig. 5 ist am Beispiel Typ2 zu erkennen, dass die kritische Temperaturgrenze
T
KG2 um ca. 150°C höher liegt als bei den Legierungszusammensetzungen vom Typ1. In Fig.
5 ist die entsprechende effektive untere kritische Temperaturgrenze T*
KG2 als strichlierte vertikale Linie eingezeichnet. Bei Legierungszusammensetzungen vom
Typ2 muss die Glühtemperatur T1 > T*
KG2 = T
KG2 + 150°C sein. Die sich daraus ergebende mittlere ursprüngliche austenitische Korngröße
liegt in diesem Fall ≥ 8 µm.
[0084] Fig. 6 zeigt ein schematisiertes Diagramm, das die Spannung σ in MPa als Funktion
der Dehnung ε in % zeigt. Die Darstellung der Fig. 6 ist mit der Darstellung der Fig.
2 zu vergleichen, wobei Fig. 6 nur einen kleinen Ausschnitt zeigt.
[0085] Konkret wurden hier vier identische Proben (Typ3 Legierungen der Tabelle 1) miteinander
verglichen. Auch die Legierungen vom Typ3 entsprechen den Vorgaben der Erfindung.
Alle vier Proben wurden je einem ersten Temperaturbehandlungsprozess S.1 und einem
nachfolgenden zweiten Temperaturbehandlungsprozess S.2 unterzogen. Dabei waren alle
Prozessparameter identisch, ausser dass beim ersten Temperaturbehandlungsprozess S.1
die erste Glühtemperatur T1 wie folgt variiert wurde (siehe Spalte 2 der folgenden
Tabelle 3):
| Tabelle 3 |
| Legierung |
T1 [°C] |
T2 [°C] |
Kurve |
| Typ3 |
810 |
640 |
13.1 |
| Typ3 |
850 |
640 |
13.2 |
| Typ3 |
900 |
640 |
13.3 |
| Typ3 |
950 |
640 |
13.4 |
[0086] Die Legierungen vom Typ3 hatten bei diesen Versuchen die folgende Hauptzusammensetzung:
Mn = 6,38 Gew.%,
C= 0,1 Gew.%,
Rest Eisen Fe und unvermeidbare Verunreinigungen.
[0087] Die durchgezogene Kurve 13.1 der Fig. 6 (Typ3, 14 der Tabelle 2) zeigt eine deutlich
sichtbare ausgeprägte Streckgrenze und weist eine Lüdersdehnung von A
L∼2,60% auf. Die Temperatur T1 lag hier bei 810°C, was bei einer Legierung vom Typ3
und einem Steigungswert S
K=7,83 ein Stück weit über der unteren kritischen Temperaturgrenze T
KG liegt.
[0088] Die Kurve 13.2 repräsentiert eine weitere beispielhafte Probe (Typ3, 15 der Tabelle
2) vom Typ3, wobei hier Streckgrenze immer noch leicht ausgeprägt ist.
[0089] Eine weitere identische Probe (siehe die strichpunktierte Kurve 13.3 in Fig. 6) wurde
bei einer höheren Temperatur T1 = 900°C (d.h. bei T1 > T
KG) temperaturbehandelt und es ist keine ausgeprägte Streckgrenze mehr sichtbar. Es
handelt sich hier um Typ3, 16 der Tabelle 2.
[0090] Die Kurve 13.4 repräsentiert eine weitere beispielhafte Probe vom Typ3, wobei auch
hier keine ausgeprägte Streckgrenze mehr sichtbar ist. Es handelt sich hier um Typ3,
17 der Tabelle 2.
[0091] Wenn man nun die Mangan-Stahlzwischenprodukte der Erfindung im Zusammenhang mit der
Abbildung Fig. 1 betrachtet, so liegen die entsprechenden Messwerte (z.B. für die
Legierungszusammensetzungen vom Typ1, Typ2 und Typ3) im Bereich von ca. 700 bis 1000
MPa und mit einer Bruchdehnung A
80 im Bereich von ca. 20 bis 40%.
Bezugszeichen
| TRIP Stähle |
1 |
| Q&P und TBF - Stähle |
2 |
| Medium-Mangan-Stähle |
3 |
| Zugkurve |
4 |
| Zwischenmaximum |
5 |
| Plateau |
6 |
| Gerade |
7 |
| Gerade |
8 |
| Kurve |
9 |
| Kurve |
10 |
| Kurve |
11 |
| Kurve |
12 |
| Kurven |
13.1, 13.2, 13.3, 13.4 |
| |
|
| Starttemperatur der Austenitisierung |
A1 |
| Starttemperatur der Vollaustenitisierung |
A3 |
| Bruchdehnung |
A80 |
| Lüdersdehnung |
AL |
| erstes Abkühlen |
Ab1 |
| zweites Abkühlen |
Ab2 |
| mittlere ursprüngliche Austenitkorngrenze |
DUAK M |
| erste Haltedauer |
Δ1 |
| zweite Haltedauer |
Δ2 |
| erstes Erwärmen |
E1 |
| zweites Erwärmen |
E2 |
| Dehnung |
E |
| erstes Halten |
H1 |
| zweites Halten |
H2 |
| Manganbereich |
MnB |
| Restaustenitgehalt |
RA |
| obere Streckgrenze |
ReH |
| untere Streckgrenze |
ReL |
| Zugfestigkeit |
Rm |
| 0,2%-Dehngrenze |
Rp0.2 |
| erster Temperaturbehandlungsprozess |
S.1 |
| zweiter Temperaturbehandlungsprozess |
S.2 |
| Spannung |
σ |
| Steigungswert |
SK |
| erste Glühtemperatur |
T1 |
| zweite Glühtemperatur |
T2 |
| kritische Temperaturgrenze |
TKG |
| kritische Temperaturgrenze |
TKG1 |
| kritische Temperaturgrenze |
TKG2 |
| effektive kritische Temperaturgrenze |
T*KG2 |
1. Verfahren zum Temperaturbehandeln eines Mangan-Stahlzwischenprodukts, dessen Legierung
umfasst:
o einen Mangananteil (Mn), der im folgenden Manganbereich (MnB) 3 Gew.% ≤ Mn ≤ 12
Gew.% liegt,
o einen Anteil von einem oder mehreren Legierungselementen der Gruppe: Silizium (Si),
Aluminium (Al), Nickel (Ni), Chrom (Cr), Molybdän (Mo), Phosphor (P), Schwefel (S),
Stickstoff (N), Kupfer (Cu), Bor (B), Wolfram (W), Kobalt (Co),
o einen optionalen Kohlenstoffanteil (C) von weniger als 1 Gew.%,
o einen optionalen Anteil von einem oder mehreren Mikrolegierungselementen, wobei
der gesamte Anteil der Mikrolegierungselemente weniger als 0,45 Gew.% beträgt, und
o als Rest einen Eisenanteil (Fe) und unvermeidbare Verunreinigungen, wobei das Temperaturbehandeln
des Stahlzwischenprodukts einen ersten Temperaturbehandlungsprozess (S.1) und einen
nachfolgenden zweiten Temperaturbehandlungsprozess (S.2) umfasst, dadurch gekennzeichnet, dass es sich
- bei dem ersten Temperaturbehandlungsprozess (S.1) um ein Hochtemperaturverfahren
handelt, bei dem das Stahlzwischenprodukt während einer ersten Haltedauer (Δ1) einer
ersten Glühtemperatur (T1) ausgesetzt wird, die oberhalb einer kritischen Temperaturgrenze
(TKG) liegt, die wie folgt definiert ist: TKG = (856 - SK * Mangananteil) Grad Celsius, wobei SK ein Steigungswert ist,
- bei dem zweiten Temperaturbehandlungsprozess (S.2) um ein Glühverfahren handelt,
bei dem das Stahlzwischenprodukt einer zweiten Glühtemperatur (T2) ausgesetzt wird,
die niedriger ist als die erste Glühtemperatur (T1).
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass die erste Glühtemperatur (T1) in dem genannten Manganbereich (MnB) eine Abhängigkeit
aufweist, die wie folgt definiert ist: T1 ≈ (866 - SK* Mangananteil) Grad Celsius.
3. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass der Steigungswert SK = 7,83 ± 10% und vorzugsweise SK = 7,83 beträgt.
4. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass die erste Haltedauer (Δ1) mindestens 10 Sekunden und vorzugsweise zwischen 10 Sekunden
und 6000 Minuten beträgt.
5. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4, dadurch gekennzeichnet, dass die zweite Glühtemperatur (T2) im Bereich zwischen den Temperaturen A1 und A3 liegt.
6. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 5, dadurch gekennzeichnet, dass im Rahmen des zweiten Temperaturbehandlungsprozesses (S.2) die zweite Glühtemperatur
(T2) während einer zweiten Haltedauer (Δ2) von mindestens 10 Sekunden gehalten wird.
7. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 5, dadurch gekennzeichnet, dass der zweite Temperaturbehandlungsprozess (S.2) inklusive eines Erwärmvorgangs (E2)
des Stahlzwischenprodukts, des Haltens (H2) der zweiten Glühtemperatur (T2) und eines
Abkühlvorgangs (A2) des Stahlzwischenprodukts weniger als 6000 Minuten und vorzugsweise
weniger als 5000 Minuten dauert.
8. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 7,
dadurch gekennzeichnet, dass der Anteil der einen oder mehreren Legierungselemente im folgenden Bereich liegt:
- Silizium (Si) ≤ 3 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 2 Gew.%,
- Aluminium (Al) ≤ 8 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 6 Gew.%,
- Nickel (Ni) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 1 Gew.%,
- Chrom (Cr) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%,
- Molybdän (Mo) ≤ 0,5 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,25 Gew.%,
- Phosphor (P) ≤ 0,05 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,025 Gew.%,
- Schwefel (S) ≤ 0,03 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,01 Gew.%,
- Stickstoff (N) ≤ 0,05 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,025 Gew.%,
- Kupfer (Cu) ≤ 1 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%,
- Bor (B) ≤ 0,005 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,0035 Gew.%,
- Wolfram (W) ≤ 1 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 0,5 Gew.%,
- Kobalt (Co) ≤ 2 Gew.%, und vorzugsweise ≤ 1 Gew.%..
9. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 7, dadurch gekennzeichnet, dass es sich bei den Mikrolegierungselementen um Elemente der Gruppe handelt: Titan (Ti),
Niob (Nb), Vanadium (V).
10. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 9, dadurch gekennzeichnet, dass es sich bei dem ersten Temperaturbehandlungsprozess (S.1) um einen Prozess handelt,
der in einer kontinuierlichen Bandanlage oder in einer diskontinuierlich arbeitenden
Anlage durchgeführt wird.
11. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 10, dadurch gekennzeichnet, dass es sich bei dem zweiten Temperaturbehandlungsprozesses (S.2) um einen Prozess handelt,
der in einer kontinuierlichen Bandanlage oder der in einer diskontinuierlich arbeitenden
Anlage durchgeführt wird, wobei das Stahlzwischenprodukt in dieser Anlage dem Glühverfahren
in einer Schutzgasatmosphäre ausgesetzt wird.
12. Verfahren nach Anspruch 11, dadurch gekennzeichnet, dass eine Haubenglühvorrichtung als diskontinuierlich arbeitende Anlage dient.
13. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass das Stahlzwischenprodukt in einem Schritt, der dem zweiten Temperaturbehandlungsprozess
(S.2) nachgelagert ist, einem Dressierverfahren unterzogen wird, wobei dieses Dressierverfahren
primär darauf gerichtet ist die Oberfläche des Stahlzwischenprodukts zu konditionieren.
14. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 12, dadurch gekennzeichnet, dass der erste Temperaturbehandlungsprozess (S.1) während eines Warmwalzprozesses durchgeführt
wird, wobei dieser Warmwalzprozess mit einer Walzendtemperatur durchgeführt wird,
die im Bereich oberhalb der kritischen Temperaturgrenze (TKG) liegt.
15. Stahlzwischenprodukt, das nach einem Verfahren der Ansprüche 1 bis 14 temperaturbehandelt
wurde, dadurch gekennzeichnet, dass es eine Lüdersdehnung (AL) aufweist, die geringer ist als 3% und vorzugsweise geringer als 1% ist.
16. Stahlzwischenprodukt, das nach einem Verfahren der Ansprüche 1 bis 14 temperaturbehandelt
wurde, dadurch gekennzeichnet, dass eine Lüdersdehnung (AL) von weniger als 3% an dem Stahlzwischenprodukt messbar ist, bevor das Stahlzwischenprodukt
einem nachgelagerten Dressierverfahren ausgesetzt wurde.
17. Stahlzwischenprodukt, das nach einem Verfahren der Ansprüche 1 bis 14 temperaturbehandelt
wurde, dadurch gekennzeichnet, dass es aufgrund einer reduzierten Lüdersdehnung (AL), im Vergleich zur Reduktion der Lüdersdehnung mit Dressieren, eine größere nutzbare
technische Dehnung aufweist.