Technisches Gebiet
[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Verbesserung der akustischen Eigenschaften
von Fichten-Klangholz für Musikinstrumente. Weiterhin betrifft die Erfindung ein verbessertes
Fichten-Klangholz für Musikinstrumente, sowie Musikinstrumente, insbesondere Streichinstrumente,
deren Resonanzplatten aus derartigem Fichten-Klangholz bestehen.
Stand der Technik
[0002] Klangholz für Musikinstrumente (sogenanntes Resonanzholz) soll möglichst leicht sein,
gleichzeitig aber einen hohen Elastizitätsmodul (E-Modul bzw. Y-oung's Modul) und
eine hohe Schallgeschwindigkeit besitzen. Es soll ferner astfrei sein und schmale,
homogene Jahrringe sowie einen geringen Spätholzanteil (<20%) aufweisen. Nur wenige,
sorgfältig ausgewählte Holzsortimente erfüllen diese strengen Qualitätskriterien.
[0003] Musikinstrumente, die während des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts gebaut wurden,
besitzen im Vergleich zu zeitgenössischen Instrumenten vielfach bessere Qualitätseigenschaften.
Eine der Hypothesen zur Erklärung dieses Unterschieds führt die besondere Holzqualität
dieser Instrumente auf die als Maunder-Minimum bezeichnete Klimasituation zurück,
die zwischen 1645 und 1715 herrschte und in der die längeren Winter und kühleren Sommer
offenbar eine langsamere und gleichmässigere Holzbildung und damit einen geringeren
Spätholzanteil bewirkten. Der berühmte Geigenbauer Antonio Stradivari verwendete in
den letzten Dekaden seines Schaffens (der sogenannten "goldenen Ära") vorwiegend Fichtenholz
von Bäumen, die während des Maunder-Minimums gewachsen waren. Diese Instrumente gelten
seit langem als ein nur ganz selten wieder erreichtes Klangideal.
[0004] Die (akustische) Materialqualität von Klangholz wird allgemein durch den Quotienten
c/p definiert, wobei c die Schallgeschwindigkeit und p die Rohdichte des Klangholzes
bedeuten (Ono & Norimoto, 1983; 1984; Spycher, 2008; Spycher et al., 2008; Tab. 4).
Die Schallgeschwindigkeit entspricht der Quadratwurzel aus dem Verhältnis von E-Modul
(für Biegung längs zur Faser) zu Dichte. Der E-Modul ist ein von der Geometrie unabhängiger
Materialwert; das Produkt aus E-Modul und Flächenträgheitsmoment ergibt die Biegesteifigkeit
des Werkstücks (Ono & Norimoto, 1983; 1984; Spycher, 2008; Spycher et al., 2008).
Die Schallgeschwindigkeit z.B. von Fichtenholz beträgt in Längsrichtung 4800 bis 6200
m/s, die mittlere Rohdichte 320 bis 420 kg/m
3. Beide Parameter sind, wie viele andere Holzeigenschaften abhängig von der Holzfeuchte,
was die Anforderungen an die Präzision und Infrastruktur für die Experimente aber
auch an die Auswertung der Versuchsergebnisse erhöht. Von besonderem Interesse bei
allen Massnahmen zur Verbesserung der Materialqualität ist der Einfluss, den relative
Änderungen von E-Modul und Rohdichte auf die Schallgeschwindigkeit haben. Verändert
sich bei einer bestimmten Massnahme der E-Modul (in %) etwa proportional zur Veränderung
der Rohdichte (in %), so bleibt die Schallgeschwindigkeit annähernd gleich (die Materialqualität
erhöht sich dann etwa umgekehrt proportional zu einer Verringerung der Rohdichte);
ein solches Verhältnis relativer Änderungen von E-Modul und Rohdichte wird als "eng"
bezeichnet (Ono & Norimoto, 1983; 1984; Spycher, 2008; Spycher et al., 2008). Verringert
sich dagegen bei einer bestimmten Massnahme der E-Modul (in %) wesentlich weniger
als die Rohdichte (in %), so wird die Schallgeschwindigkeit erhöht (die Materialqualität
steigt dann mehr als umgekehrt proportional zu einer Verringerung der Rohdichte).
Ein solches Verhältnis relativer Änderungen von E-Modul und Rohdichte wird als "weit"
oder "gross" bezeichnet und ist zur Erzielung einer hohen Materialqualität von Klangholz
sehr erwünscht (Schleske, 1998; Wegst, 2006). Klangholz mit einem weiten E-Modul-Rohdichte-Verhältnis
ist jedoch in der Natur selten und folglich teuer (Bond, 1976; Bucur, 2006).
[0005] Es wurden schon diverse Verfahren zur Verbesserung der akustischen Eigenschaften
von Klangholz versucht. Insbesondere wurde in der
EP 1734504 A1 vorgeschlagen, das Klangholz während einer begrenzten Behandlungszeit der Einwirkung
einer holzzersetzenden Pilzart auszusetzen. Dabei seien die Pilzart und die Behandlungsdauer
derart zu wählen, dass durch die Behandlung einerseits eine Vergrösserung des Verhältnisses
von Schallgeschwindigkeit des Holzes zu Rohdichte des Holzes erreicht wird und andererseits
vorgegebene Mindestfestigkeitswerte des Klangholzes nicht unterschritten werden. Als
Pilzarten wurden Asco- und Basidiomyceten aus der Familie der
Leotiaceae, Polyporaceae, Schizophyllaceae, Trichlomataceae und
Xylariaceae eingesetzt. Zur Durchführung des Verfahrens wurde eine Futterbrettmethode verwendet,
bei der das zu behandelnde Klangholz zwischen zwei pilzinfizierten Hölzern gleicher
Abmessung platziert wird.
[0006] In der Folge ergaben umfangreiche Untersuchungen, dass eine gegenüber dem Verfahren
nach
EP 1734504 A1 ausgeprägtere Verbesserung der akustischen Eigenschaften von Klangholz wünschenswert
wäre. Insbesondere zeigte sich, dass keine der vorgeschlagenen Pilzarten den Dämpfungsfaktor
des Klangholzes zu erhöhen vermag. Eine Erhöhung des Dämpfungsfaktors bei gleichzeitiger
Verbesserung der akustischen Materialqualität mindert die hohen Töne des Instruments,
die für den Hörer oft schmerzhaft klingen.
[0008] Ein Nachteil der bisher beschriebenen Verfahren liegt darin, dass sich eine gleichmässige
Besiedlung des Holzes durch die ausgewählten Pilze nicht gewährleisten lässt. Eine
unregelmässige Besiedlung hat zur Folge, dass die akustische Materialqualität nur
uneinheitlich oder sogar überhaupt nicht verbessert wird. Zudem birgt sie die Gefahr
von unerwünschten Festigkeitsverlusten, Rissen und Spalten im Holz. Ausserdem hat
sich herausgestellt, dass
Physisporinus vitreus eine nur geringe Kompetitivität gegen andere Pilzarten aufweist und deshalb sehr
anfällig auf Kontamination durch andere Spezies ist.
Darstellung der Erfindung
[0009] Aufgabe der Erfindung ist es, ein verbessertes Verfahren zur Herstellung von Fichten-Klangholz
für Musikinstrumente anzugeben, welches insbesondere eine Verbesserung der akustischen
Eigenschaften, eine kürzere Verfahrensdauer und ein homogeneres Erzeugnis gewährleistet.
Weitere Aufgaben der Erfindung bestehen darin, ein verbessertes Klangholz für Musikinstrumente,
sowie daraus gefertigte Musikinstrumente bereit zu stellen.
[0010] Diese Aufgaben werden erfindungsgemäss gelöst durch das im Anspruch 1 angegebene
Verfahren, durch das im Anspruch 10 definierte Klangholz sowie durch das im Anspruch
11 definierte Musikinstrument.
[0011] Gemäss einem ersten Aspekt der Erfindung wird zur Verbesserung der akustischen Eigenschaften
von Fichten-Klangholz für Musikinstrumente ein Klangholzrohling unter kontrollierten,
sterilen Bedingungen einer Behandlung mit
Physisporinus vitreus unterzogen. Dabei wird der vorgängig sterilisierte Klangholzrohling in ein mit Pilzmyzel
angereichertes Flüssigmedium getaucht und darin unter Lichtausschluss während einer
Einwirkungszeit gehalten und abschliessend sterilisiert. Das Flüssigmedium enthält
nanofibrillierte Cellulose (NFC) in einem Anteil von 200 bis 300 g pro Liter. Unter
"kontrollierten, sterilen Bedingungen" wird im vorliegenden Zusammenhang eine Umgebung
verstanden, in der zumindest die Temperatur und die relative Luftfeuchte in einem
vordefinierten Bereich gehalten werden und eine Kontamination mit fremden Pilzspezies
verhindert wird. Erfindungsgemäss wird eine Temperatur von 18 bis 26°C und eine relative
Luftfeuchte von ungefähr 60 bis ungefähr 80% eingestellt.
[0012] Durch die anfängliche Sterilisation und die anschliessende Behandlung mit
Physisporinus vitreus unter sterilen Bedingungen in einem geeigneten Inkubations-behälter wird sichergestellt,
dass der Prozess nicht durch Kontaminationen beeinträchtigt wird. Mit der abschliessenden
Sterilisation wird die Wirkung von
Physisporinus vitreus auf kontrollierte Art und Weise gestoppt. Dadurch, dass das Flüssigmedium nanofibrillierte
Cellulose (NFC) in einem Anteil von 200 bis 300 g pro Liter enthält, wird eine wesentlich
verbesserte Effizienz des Prozesses erzielt, welcher somit deutlich schneller und
homogener abläuft.
[0013] Durch die erfindungsgemässen Massnahmen wird eine reproduzierbare, gleichmässige
und von lokalen Fehlstellen freie Verbesserung der akustischen Eigenschaften des Klangholzes
gewährleistet.
[0014] Als Klangholzrohling ist generell ein plattenförmiger Abschnitt aus einem geeigneten
Klangholz zu verstehen, der insbesondere zur Herstellung der Decke oder des Bodens
eines Streich- oder Zupfinstrumentes vorgesehen ist. Im vorliegenden Zusammenhang
handelt es sich ausnahmslos um Fichtenholz.
[0015] Als Inkubationsbehälter für die Verfahrensführung unter sterilen Bedingungen ist
generell ein verschliessbarer mediumdichter Behälter aus sterilisierbaren Materialien,
beispielsweise aus einem autoklavierbaren Kunststoff geeignet. Weiterhin muss der
Behälter so ausgerüstet sein, dass im Inneren eine kontrollierte Atmosphäre vorgegebener
Feuchtigkeit einstellbar ist. Für die kontrollierte Zufuhr von Luft ist mindestens
ein mit einem sterilen Mikrofilter ausgestaltetes Ventil vorgesehen.
[0016] Als mit Pilzmyzel angereichertes Flüssigmedium wird in an sich bekannter Weise eine
gepufferte wässrige Lösung mit Nährstoffen verstanden, die mit Myzelproben einer Reinkultur
von
Physisporinus vitreus versetzt und danach während einer geeigneten Zeit angezüchtet wurde.
[0017] Erfindungsgemäss enthält das Flüssigmedium einen Anteil von 200 bis 300 g nanofibrillierte
Cellulose (NFC) pro Liter Flüssigmedium. Im vorliegenden Zusammenhang sind unter dem
Begriff "nanofibrillierte Cellulose", auch als "NFC" abgekürzt, Cellulosefasern mit
einem Durchmesser von ungefähr 3 nm bis ungefähr 200 nm und einer Länge von mindestens
500 nm sowie einem Aspektverhältnis (Länge : Durchmesser) von mindestens 100 zu verstehen.
Typischerweise haben die NFC Fasern einen Durchmesser von 10 bis 100 nm, durchschnittlich
50 nm und eine Länge von mindestens einigen Mikrometern, und das Aspektverhältnis
kann auch 1'000 oder mehr betragen. NFC wird allgemein durch ein mechanisches Zerkleinerungsverfahren
aus Holz- und anderen Pflanzenfasern gewonnen; erste Beschreibungen gehen auf Herrick
et al. (
Herrick, F.W.; Casebier, R.L.; Hamilton, J.K.; Sandberg, K.R. Microfibrillated cellulose:
Morphology and accessibility. J. Appl. Polym. Sci. Appl. Polym. Symp. 1983, 37, 797-813) sowie Turback et al. (
Turbak, A.F.; Snyder, F.W.; Sandberg, K.R. Microfibrillated cellulose, a new cellulose
product: Properties, uses, and commercial potential. J. Appl. Polym. Sci. Appl. Polym.
Symp. 1983, 37, 815-827) im Jahr 1983 zurück. Das neue Material wurde anfänglich als mikrofibrillierte Cellulose
(MFC) bezeichnet. Heutzutage sind jedoch neben dem Begriff MFC unterschiedliche Bezeichnungen
wie Cellulose-Nanofasern (CNF), nanofibrillierte Cellulose (NFC) sowie Cellulose Nano-
oder Mikrofibrillen gebräuchlich. Es handelt sich dabei um ein semikristallines cellulosehaltiges
Material aus Cellulosefasern mit hohem Aspektverhältnis (= Verhältnis von Länge zu
Durchmesser), geringerem Polymerisationsgrad verglichen mit intakten Pflanzenfasern
und entsprechend stark erhöhter Oberfläche, das beispielsweise durch einen Homogenisierungs-
oder Mahlprozess gewonnen wird (
Andresen, M.; Johansson, L.S.; Tanem, B.S.; Stenius, P. Properties and characterization
of hydrophobized micro-fibrillated cellulose. Cellulose 2006, 13, 665-677). Im Gegensatz zu den geradlinigen "Cellulose-Whiskern", welche auch als "Cellulose-Nanokristalle"
bezeichnet werden und die eine stabförmige Gestalt mit einer Länge von meist 100 bis
500 nm (je nach Cellulosequelle gibt es auch bis zu 1 µm lange Kristalle) haben, sind
Cellulose-Nanofasern lang und biegsam. Die daraus gebildete NFC enthält in der Regel
kristalline und amorphe Domänen und weist aufgrund starker Wasserstoffbrückenbindungen
eine Netzwerkstruktur auf (siehe z.B.
Lu, J.; Askeland, P.; Drzal, L.T. Surface modification of microfibrillated cellulose
for epoxy composite applications. Polymer 2008, 49, 1285-1298;
Zimmermann, T.; Pöhler, E.; Geiger, T. Cellulose fibrils for polymer reinforcement.
Adv. Eng. Mat. 2004, 6, 754-761,
Iwamoto, S.; Kai, W.; Isogai, A.; Iwata, T. Elastic modulus of single cellulose microfibrils
from tunicate measured by atomic force microscopy. Biomacromolecules 2009, 10, 2571-2576).
[0018] Es versteht sich, dass das erfindungsgemässe Verfahren grundsätzlich mit einem einzigen
Klangholzrohling durchgeführt werden kann. In aller Regel werden jedoch allein schon
aus Gründen der Effizienz mehrere Klangholzrohlinge gleichzeitig behandelt. Hierfür
ist der Inkubationsbehälter zweckmässigerweise mit entsprechenden Ausnehmungen und
Auflageelementen ausgestattet. Zweckmässigerweise kann das Verfahren insbesondere
mit zwei Klangholzrohlingen durchgeführt werden, die zusammen eine Decke für eine
Geige bilden.
[0019] Bevorzugte Ausführungsformen des Verfahrens sind in den abhängigen Ansprüchen definiert.
[0020] Vorteilhafterweise wird die Behandlung mit
Physisporinus vitreus EMPA 642 durchgeführt (Anspruch 2).
[0021] Vorteilhafterweise wird während der Einwirkungszeit eine Temperatur von ungefähr
22°C, insbesondere im Bereich von 21°C bis 23°C, und eine relative Luftfeuchte von
ungefähr 70%, insbesondere im Bereich von 65 bis ungefähr 75% eingestellt (Anspruch
3).
[0022] Bei der Durchführung des Verfahrens wird die Einwirkungszeit vorzugsweise derart
gewählt, dass folgende Festigkeitswerte des Klangholzes erfüllt sind (Anspruch 4):
- Modul für Biegung längs zur Faser mindestens 7 GPa, vorzugsweise mindestens 10 GPa;
- Druckfestigkeit längs zur Faser mindestens 24 N/mm2, vorzugsweise mindestens 34 N/mm2; und
- Druckfestigkeit quer zur Faser mindestens 3 N/mm2, vorzugsweise mindestens 4.2 N/mm2.
[0023] Durch die erfindungsgemässen Massnahmen lässt sich die Herstellung von Klangholz
mit hervorragenden Eigenschaften unter Verwendung einer vergleichsweise kurzen Einwirkungszeit
von 4 bis 6 Monaten bewerkstelligen (Anspruch 5).
[0024] Das für das erfindungsgemässe Verfahren verwendete Flüssigmedium wird vorzugsweise
durch Inkubation eines mit
Physisporinus vitreus beimpften NFC-haltigen Nährmediums unter kontrollierten pH-Bedingungen gewonnen (Anspruch
6). Vorteilhafterweise wird hierfür ein wässriges Nährmedium mit Fichtenholzextrakt
und nanofibrillierter Cellulose vorgelegt und mit einer pilzhaltigen Flüssigmedium-Kultur
oder mit pilzbewachsenen Sägemehlteilchen beimpft.
[0025] Die nach der mehrmonatigen Einwirkungszeit durchzuführende Sterilisierung des Klangholzrohlings
kann grundsätzlich auf bekannte Art und Weise erfolgen. Vorzugsweise wird hierfür
Ethylenoxid verwendet (Anspruch 7).
[0026] Als Folge des erfindungsgemässen Verfahrens kommt es zu einer Erhöhung des Farbindexes
der behandelten Klangholzrohlinge. Vorzugsweise wird der im Farbraum (L*,a*,b*) definierte
Farbindex E* um mindestens 14 erhöht (Anspruch 8). Ausserdem wird vorteilhafterweise
eine Farbänderung des Holzes bewirkt, welche durch einen im Farbraum (L*,a*,b*) definierten
Farbabstand ΔE* von mindestens 11 gekennzeichnet ist (Anspruch 9).
[0027] Gemäss einem weiteren Aspekt der Erfindung zeichnet sich das mit dem erfindungsgemässen
Verfahren hergestellte Fichten-Klangholz für Musikinstrumente dadurch aus, dass im
Vergleich zu unbehandeltem Klangholz die Klangabstrahlung in Longitudinalrichtung
um mindestens 20%, vorzugsweise um mindestens 24% erhöht ist und die Dämpfung in Longitudinalrichtung
um mindestens 25%, vorzugsweise um mindestens 29% erhöht ist. Wie allgemein im Zusammenhang
mit Holz üblich, wird auch im vorliegenden Fall zwischen "Longitudinal-", "Radial-
" und "Tangentialrichtung" unterschieden. Die Longitudinalrichtung entspricht der
Richtung des Baumwachstums, während sich die Radial- und Tangentialrichtungen auf
die annähernd kreisförmigen Jahrringe beziehen. Beim Klangholz sind die Eigenschaften
in Longitudinalrichtung für dessen akustische Eigenschaften, insbesondere also für
den Klang einer Geige, besonders wichtig.
[0028] Noch ein weiterer Erfindungsaspekt betrifft ein Musikinstrument, insbesondere ein
Streichinstrument, mit wenigstens einer Resonanzplatte aus erfindungsgemäss verbessertem
Klangholz. Im vorliegenden Zusammenhang ist "Musikinstrument" im breitesten Sinn zu
verstehen; insbesondere können derartige Resonanzplatten auch für Holzmembranen bei
Lautsprecherboxen verwendet werden.
Kurze Beschreibung der Zeichnungen
[0029] Ausführungsbeispiele der Erfindung werden nachfolgend anhand der Zeichnungen näher
beschrieben, dabei zeigen:
- Fig. 1
- gelelektrophoretische Auftrennung der RAPD-Fragmente unter Verwendung des Primers
08/9328; die Proben sind mit Untersuchunsgnummern gekennzeichnet (Tabelle 1), die
Negativkontrolle (kein Templat-DNA) ist mit N bezeichnet; als DNA-Molekulargewichtsmarker
wurde eine 100bp-Leiter (M) verwendet;
- Fig. 2
- Massenverluste in Holzproben nach 12-monatiger Inkubationszeit mit Physisporinus vitreus: Rohdichte ρR (Balken) und Massenverlust Δm (Linie mit Quadraten) für drei verschiedene Holzarten;
- Fig. 3
- (a) Beispiel für die Relaxation der Spannung (Stress) σ im Holz in Abhängigkeit von
der Zeit; (b) Aufnahme einer Holzprobe vor und nach der Mikro-Biegebelastung;
- Fig. 4
- Spannungsrelaxation in Abhängigkeit zur Verformung unter Last in frisch geschlagenem
Holz (Kontrolle), in pilzbehandeltem Fichtenholz und in alten Holzproben (Testore,
Rougemont);
- Fig. 5
- Zunahme der Klangabstrahlung in longitudinaler Richtung in Holzproben nach 12-monatiger
Inkubationszeit mit Physisporinus vitreus;
- Fig. 6
- Zunahme der Dämpfung in longitudinaler Richtung in Holzproben nach 12-monatiger Inkubationszeit
mit Physisporinus vitreus;
- Fig. 7
- Veränderung der Gesamtfarbe (grün) und der Helligkeit (grau) von Klangholz (a) und
Bauholz (b) nach unterschiedlicher Dauer (4-12 Monate) der Pilzbehandlung oder Lagerzeit;
(c) frischgeschlagenes Holz (oben), 12 Monate pilzbehandelte Proben(mitte), alte Holzproben
aus Rougemont (unten);
- Fig. 8
- Farbabstand ΔE* von Klangholz (offene Kreise) und Bauholz (gefüllte Kreise) nach unterschiedlicher
Dauer (4-12 Monate) der Pilzbehandlung gegenüber dem unbehandelten Zustand; die gestrichelte
Linie zeigt den Farbabstand einer alten Holzprobe (Rougemont) gegenüber einer frischgeschnittenen
Probe derselben Holzart; und
- Fig. 9
- Qualitativer Vergleich der FT-IR Spektralabsorption für unbehandeltes Holz (Kontrolle),
12 Monate pilzbehandeltes Holz und altes Holz (Testore und Rougemont) bei verschiedenen
Wellenzahlen. Bei einer Wellenzahl von 1508 und 1738 cm-1 wurden Spitzenwerte gemessen (gestrichelte Linien).
Wege zur Ausführung der Erfindung
Molekularbiologische Pilzbestimmung
[0030] Für die molekularbiologische Bestimmung von
Physisporinus vitreus wurde ein klonspezifischer Primer entworfen und synthetisiert. Dadurch kann in einer
Echt-Zeit-Polymerase-Kettenreaktion (Echt-Zeit-PCR, Real-time-PCR) eine Sensitiviät
von 10
-5 erreicht werden. Der Nachweis von
P. vitreus durch den Einsatz artspezifischer Primer in Kombination mit Pilz DNS-Extraktionstechniken
direkt aus Holz wird erheblich vereinfacht, da bei der Durchführung der Identifizierung
eine normale Standard PCR mit anschliessender Gelelektrophorese genügt. Der Zeitaufwand
dieses Verfahrens umfasst wenige Stunden und ist somit im Vergleich mit der konventionellen
Methode deutlich schneller und effektiver, da auf die Herstellung von Reinkulturen
verzichtet werden kann. Zudem ist die Gefahr der Fremdkontamination bei der Probenentnahme
durch die Verwendung des spezifischen Primerpaares deutlich minimiert.
[0031] Um das Vorhandensein und die Eindringtiefe von
P. vitreus zu detektieren wurden nach der herkömmlichen Methode kleine Proben aus dem Holzinneren
unter sterilen Bedingungen entnommen und auf Nährmedien übertragen. Anschliessend
wurden die Proben im Klimaraum für mehrere Tage inkubiert und auf Myzelwachstum des
Pilzes untersucht. Als Bestimmungsmerkmale dienten makro- und mikroskopische Charakteristika
des Myzels. Dieses Vorgehen bedarf mehrere Tage bis Wochen und ist mit Risiken der
Fremdkontamination verbunden, die eine (Re-) Identifizierung von
P vitreus erschweren. Als Alternative zu diesem zeitaufwendigen Verfahren können molekularbiologische
Methoden dienen, die den 80er-Jahren zur Charakterisierung von Pilzen erarbeitet wurden
(Schmidt and Moreth, 2006).
[0032] Um den oben erwähnten Qualitätskriterien einer zuverlässigen Identifizierungsmethode
gerecht zu werden, wurden stammspezifische Primer für den eindeutigen Nachweis des
Pilzes
P. vitreus konstruiert. In Tabelle 1 sind die in diesen Studien eingesetzten Pilzarten aufgelistet.
Die DNS Extraktion für die molekularbiologischen Studien erfolgte mittels dem Extract-N-Amp™
Plant PCR Kit der Firma Sigma Aldrich nach den Herstellerangaben.
Tabelle 1: Verwendete Pilzarten
| Pilze |
Isolate-Nr. |
Herkunft |
| 1 |
Physisporinus lineatus |
CBS 701.94 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 2 |
Physisporinus ulmarius |
CBS 186.60 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 3 |
Physisporinus laetus |
CBS 101079 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 4 |
Physisporinus sanguilentum |
CBS 193.76 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 5 |
Physisporinus vinctus |
CBS 153.84 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 6 |
Physisporinus rigidus |
CBS 160.64 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
| 7 |
Physisporinus vitreus |
EMPA 642 |
BFH-Hamburg |
| 8 |
Physisporinus vitreus |
EMPA 643 |
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg |
| 9 |
Physisporinus vitreus |
EMPA 674 |
BFH-Hamburg |
| 10 |
Physisporinus vitreus |
EMPA 675 |
BFH-Hamburg |
| 11 |
Physisporinus vitreus |
EMPA 676 |
Centraalbeureau voor Schimmelcultures |
[0033] Im ersten Schritt wurde für eine Stammdifferenzierung der eingesetzten Pilzarten
eine RAPD-(Randomly Amplified Polymorphic DNA) PCR durchgeführt. Durch den Einsatz
sehr kurzer Oligonukleotidprimer werden bei diesem Verfahren mittels PCR spezifische
DNS-Bandenmuster erzeugt und für die Differenzierung verwendet. Hierbei handelt es
sich um einige der gängigsten Methoden um eine schnelle Verwandtschaftsanalyse durchzuführen
und unterschiedliche Isolate einer Art zu identifizieren (Schmidt and Moreth, 1998;
Schmidt and Moreth, 2006). Insgesamt wurden DNA-Proben aus 11 Pilzarten (Tabelle 1)
mit 10 Zufalls-10mer-Primern amplifiziert, und die elektrophoretisch aufgetrennten
Bandenmuster ausgewertet (Fig. 1).
[0034] Für die Entwicklung eines spezifischen Primerpaares für P. vitreus wurde zunächst
mittels der ITS 1/ITS 4-Primerkombination von White et al. (1990) die ITS1-5,8S-ITS2-Region
der eingesetzten Pilzarten mit einem Thermocycler der Fa. Biometra amplifiziert. Zielregion
der verwendeten Primer war die ribosomale DNA (rDNA). Sie besteht unter anderem aus
kodierenden Genabschnitten 18S-, 5.8S- und 28S rRNA (bei Pilzen und anderen Eukaryoten),
die konservativ sind (Schmidt and Moreth, 2006). Diese drei kodierenden Genabschnitte
sind durch hochvariable Introns, die Internal Transcribed Spacers (ITS1 und ITS2)
voneinander getrennt.
[0035] Die erhaltenen PCR Produkte wurden anschliessend kommerziell gereinigt und sequenziert
(Synergene, Zürich). Die Sequenz der ITS-Region von P. vitreus 642 wurde in der internationalen
Datenbank EMBL hinterlegt (Zugangs-Nr. FM202494). Auf Grund der Artspezifität des
ITS-Bereichs wurde die Sequenz von P. vitreus 642 verwendet, um mit Hilfe des Programm
Clustal X sowie dem Basic Local Alignment Search Tool (Primer-BLAST) des National
Center for Biotechnology Information (NCBI, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/tools/primer-blast/)
kurze DNS-Folgen (20 Basen) zu isolieren, die ausschliesslich bei der Pilzart P. vitreus
vorkommen. Diese kurzen DNS-Sequenzen wurden synthetisiert (Fa. Microsynth) und als
P. vitreus-spezifisches Primerpaar verwendet. Dadurch wird
P. vitreus nicht mehr allein durch ein Bandenmuster unterschieden, sondern durch eine artspezifische
PCR, bei welcher nur DNS von
P. vitreus, für den das Primerpaar konstruiert wurde, die Erzeugung eines PCR-Produktes von 426
Basenpaaren zulässt. Die Auswertung bzw. die Differenzierung ist eindeutig, da sie
nur entweder ein positives bzw. negatives Ergebnis liefert (Schmidt and Moreth, 2000;
Schmidt and Moreth, 2006).
Hinterlegung von biologischem Material
[0036] Eine Probe des oben erwähnten Stamms
Physisporinus vitreus EMPA 642 wurde beim Centraalbureau voor Schimmelcultures Fungal Biodiversity Centre (CBS-KNAW),
einer anerkannten Hinterlegungsstelle (International Depository Authority (IDA)) gemäss
Budapest Treaty seit 1981, erfolgreich hinterlegt. Dem hinterlegten Material wurde
die Accession Number (Zugangsnummer) FM202494 zugewiesen.
Beispiele
1. Pilzvorkultivierung
[0037] Zur Pilzanzucht wurde
Physisporinus vitreus (EMPA Stamm Nr. 642 oder 643) auf einem geeigneten, sterilen Malz-Agar-Nährboden
in Petrischalen (Ø 9cm) vorkultiviert. Sobald der Nährboden komplett vom Pilzmyzel
von
P. vitreus überwachsen war (nach ca. 12-16 Tagen) wurde in der Mitte des Nährbodens in jeder
Petrischale unter sterilen Bedingungen ca. 2g steriles Fichten-Sägemehl (Teilchengröße
< 2mm) eingefüllt. Nach weiteren 4 - 6 Wochen wurde das von
P. vitreus komplett durchwachsene Sägemehlsubstrat zur Beimpfung des Flüssigmediums verwendet.
1.1 Nährbodenzusammensetzung
[0038]
- Malzextrakt 40g/Liter
- Agar (rein) 25g/Liter
1.2 Inkubationsbedingungen
[0039]
22° C und 70 ± 5 % rel. Feuchte (im Dunkeln)
1.3 Herstellung von Flüssigmedium
[0040] Ein nanofibrilliertes cellulosehaltiges Nährmedium hat sich aufgrund von Vorversuchen
als besonderes geeignetes Flüssigmedium zur Anzucht von
P. vitreus erwiesen.
2. Nährmedium-Zusammensetzung
[0041] In Leitungswasser mit 10% Fichtenholzextrakt
1):
- 300 g Nano-fibrillierte Cellulose / Liter
- 5.0 g Malzextrakt / Liter
- 7.1 g KCl / Liter
1) Fichtenholzextrakt (ca. 200g Fichteholzsägemehl in 1 Liter Leitungswasser während
30 Minuten ausgekocht; 24 Std bei Raumtemperatur stehen gelassen und abfiltriert)
2.1 Beimpfung des Flüssigmediums
[0042] 1200 ml nanofibrilliertes cellulosehaltiges Flüssigmedium wurde im Dampfautoklaven
für 20-30 Minuten bei 121 ° C sterilisiert und mit ca. 100 ml pilzhaltigem (nicht
mehr als 8 Wochen alten) Flüssigmedium-Kultur (mit gleicher Zusammensetzung) oder
bei der Beimpfung einer Flüssigmedium-Erstkultur mit frischen pilzbewachsenen Sägemehlteilchen
(ca. 1 - 2 g) wie unter Abs. 2 beschriebenen mit
P. vitreus beimpft.
2.2 Inkubation
[0043] Die Inkubation des nanofibrillierten cellulosehaltigen Flüssigmediums erfolgte unter
sterilen Bedingungen mit P. vitreus in einem Bioreaktor unter kontrollierten pH-Bedingungen
(pH eingestellt auf 6.8 - 7.2 bzw. fakultativ unter kontrollierter Sauerstoffzufuhr).
Die Drehzahl des Rührwerkes wurde gering eingestellt. Alternativ kann das Nährmedium
auch als Steh- bzw. Schüttelkultur in geeigneten Erlenmeyerkolben mit Wattestopfen
auf einem Horizontalschüttler (50 u/min) während 4 bis 8 Wochen in einer Klimakammer
im Dunkeln bei 22° C. und 70 ± 5% rel. Feuchte hergestellt werden.
3. Pilzbehandlung von Fichtenholz
[0044] Das Einbringen des pilzhaltigen Flüssigmediums sowie die eigentliche Einwirkungszeit
oder Pilzbehandlung des Fichtenholzes (Geigen-Deckenbretter aus Fichtenholz) erfolgte
unter sterilen Bedingungen in einem speziell dafür angefertigten Inkubator.
3.1 Aufbau des Inkubators
[0045] Der Inkubator besteht aus einem hitzebeständigen Behälter aus Kunststoff (PPC) mit
Innenabmessungen von 554 mm x 354 mm x 141 mm (Bezugsquelle: WEZ Kunststoffwerk AG,
CH-5036 Oberentfelden; Art. Nr. 6413.007) und einem passenden, modifizierten Deckel
mit Sichtglas. In diesem Inkubator befanden sich zwei in ihrer Dimensionen und Form
der zu behandelnden Klangholzrohlinge (Geigendecken) angepasste Behandlungsbehälter
aus rostfreiem Edelstahl und passend eingelassenen Haltern (Auflagervorrichtungen)
mit je einem dazu gehörigen Einfüllrohr mit 3 bis 4 Auslauföffnungen, welche innerhalb
des Inkubatorbehälters mit einem Schlauchsystem (aus hitzebeständigen Material) und
einem Einlass-Ventil verbunden sind. Mit diesem Aufbau lässt sich das pilzhaltige
Flüssigmedium unter sterilen Bedingungen in den Inkubator füllen.
3.2 Vorbereitungen vor dem Einbringen des Flüssigmediums
[0046] Die beiden zu behandelnden Klangholzrohlinge (für eine Geigendecke) werden in die
passenden Auflagevorrichtungen in Behandlungsbehälter aus rostfreiem Edelstahl gelegt.
Die Gesamtmenge des später zur Befüllung notwendigen pilzhaltigen Flüssigmediums kann
reduziert werden, indem optional im unteren Bereich des Behandlungsbehälters einige
Glasperlen als Platzhalter (Volumenverdränger) eingefüllt werden.
[0047] Die Einfüllschläuche wurden innerhalb des Inkubatorbehälters mit den Einfüllventilen
verbunden.
[0048] Der Inkubator wurde mit den Deckeln (mit Sichtglas) dicht verschlossen und der gesamte
Behälter inkl. den darin plazierten Klangholzrohlinge unter geringer Wärmeeinwirkung
z.B. mit ionisierender Strahlung sterilisiert.
3.3 Einbringen des pilzhaltigen Flüssigmediums
[0049] Der zuvor sterilisierte und mit den zu behandelnden Klangholzrohlingen (Geigendecken)
ausgerüstete Inkubator wurde unter sterilen Bedingungen einem 10% Unterdruck (ca.
100 mbar) ausgesetzt. Durch den Unterdruck im Inkubator kann unter sterilen Bedingungen
über die zuvor ebenfalls sterilisierten Kunststoffschläuche und Ventile, welche direkt
mit dem Bioreaktor oder einer Schüttel- bzw. Stehkultur verbunden sind, das pilzhaltige
Flüssigmedium über das Einfüllrohr in die Behandlungsbehälter mit den Klangholzrohlingen
zugeleitet werden.
[0050] Sobald (über das Sichtglas im Deckel feststellbar) die Klangholzrohlinge gleichmässig
von einer ca. 5 bis 10 mm dicken Schicht von pilzhaltigem Flüssigmedium bedeckt sind,
wurde die Zuleitung gestoppt und die Zuleitungsschläuche entleert. Der Inkubator wurde
dann mit einem sterilen Mikrofilter versehenen Ventil auf Normaldruck belüftet und
als Ganzes für die vorgesehene Pilzbehandlung (Einwirkungszeit) in einer geeigneten
Klimakabine inkubiert.
3.4 Inkubation von frischgeschlagenen, pilzbehandelten und alten Fichtenholzproben
[0051] Zwillingsproben mit Dimensionen von 12 x 2.5 x 150 mm (Radial x Tangential x Longitudinal)
von einer Rotfichte
(Picea abies L.) entnommen. Der Baum wurde im Herbst 2009 in der Region Sufers gefällt. Die Rohdichte
des Holzes betrug 370 kg/m
3 bei einer relativen Holzfeuchte von 65 %. Die Holzproben hatten schmale Jahrringe
und das Klangholz konnte der Qualitätsabstufung 'Master fine' zugeordnet werden. Einige
Holzproben wurden als unbehandelte Kontrollen genutzt, die anderen wurden im Dunkeln
bei 22°C und 70% relative Luftfeuchte mit
P. vitreus inkubiert. Für vergleichende Studien wurden alte Holzproben von einem Cello (Baujahr
1700, Geigenbauer Catenes) und von einem Balken aus einem historischen Haus in Rougemont
(datiert auf 1756, Schweiz) welches für den Bau eines Cellos verwendet wurde, entnommen.
Bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 65% betrug die Rohdichte der Holzproben von
Testore and Rougemont 410 und 456 kg/m
3. Ausserdem wurden Zwillingsproben von engringigem und weitringigesm Holz vor und
nach der Pilzbehandlung untersucht. Ausserdem wurden Proben von weit- und engringigem
Holz angefertigt.
[0052] Von allen Holzproben wurden vor und nach der Behandlung Präparate mit einer Schnittstärke
von 0.06 mm, 15 mm Länge und 1.5 mm Breite mit einem Rotationsmikroskop angefertigt.
Der Inkubator mit den darin von dem pilzhaltigen, nanofibrillierten cellulosehaltigen
Flüssigmedium umgebenen Holzproben wurde für die erforderliche Einwirkungszeit (Pilzbehandlung)
in einer geeigneten Klimakabine bei 22° C (und 70 ± 5% rel. F.) für 12 Monate inkubiert.
Im Intervall von 2 bis 4 Wochen wurde unter sterilen Bedingungen über das Ventil mit
dem sterilen Mikrofilter frische, sauerstoffreiche Luft zugeführt. Nach 12 monatiger
Inkubationszeit wurden die Holzproben gereinigt und anschliessend mit Ethylenoxid
sterilisiert. Von jeder Probenvariante wurde ein Minimum von 5 Replikaten in einem
mikromechanischen Messgerät zur Bestimmung der Spannungsrelaxation untersucht. Anschliessend
wurden die Proben mittels Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer (FT-IR) und
Dynamischer Wasserdampfsorption (DVS) untersucht.
4. Entnahme und Nachbehandlung des modifizierten Holzes
[0053] Nach erfolgter Pilzbehandlung wird der Inkubator geöffnet. Die in dem Behandlungsbehälter
liegenden, pilzbehandelten Holzproben wurden aus dem komplett vom Pilzmyzel durchwachsenen
nanofibrillierten cellulosehaltigen Flüssigmedium entnommen und mechanisch (mit einem
Metallspatel) sorgfältig von oberflächlich anhaftendem Myzel gereinigt.
4.1 Trocknung des Fichtenholzes nach der Pilzbehandlung
[0054] Die frisch entnommenen, pilzmodifizierten Klangholzrohlinge (Geigendecken) weisen
einen relativ hohen Wassergehalt von z.T. mehr als 150 bis 250 % auf und müssen anschließend
zwecks Vermeidung von Rissbildung (Ringschäle) schonend getrocknet werden.
[0055] Zu diesem Zweck lagern die Fichtenbretter erst in einem Klimaraum (20°C) und 80 %
rel. Feuchte (evtl. zuvor in einem Behälter mit einer xylolhaltigen Atmosphäre zur
Verhinderung von Schimmelpilzbewuchs) und werden dann über einen Zeitraum von mehreren
Wochen sukzessive in einem Klimaraum bei 65 % und später bei 50 % rel. Feuchte heruntergetrocknet.
4.2 Sterilisation der pilzbehandelten Klangholzrohlinge
[0056] Nach der Trocknung und vor der Bearbeitung der pilzmodifizierten Klangholzrohlinge
für den Instrumentenbau können diese fakultativ z.B. mit ionisierender Strahlung (unter
geringer Wärmeeinwirkung) sterilisiert werden.
5. Masseverluste in pilzbehandeltem Holz
[0057] Die Rohdichte ρ
R der verschiedenen Holzproben vor und nach der Pilzbehandlung ist in Fig. 2 ersichtlich.
Der durchschnittliche Masseverlust Δm der pilzbehandelten Holzproben betrug 3.3 %±0.9
%. Aus der Fig. 2 ist erkennbar, dass mit abnehmender Rohdichte des Holzes geringere
Masseverluste verzeichnet wurden. Im hochwertigen Klangholz (geringe Rohdichte) wurden
die höchsten, im minderwertigen Holz (hohe Rohdichte), die geringsten Masseverluste
verzeichnet.
6. Spannungsrelaxation in pilzbehandeltem Holz
[0058] Mikromechanische Untersuchungen wurden unter Biegebelastung gemäss Burgert et al
(2003) durchgeführt. Die Stärke der Holzproben wurde in der Mitte und an den Seiten
der Proben mit einem Mikrometer Messschieber ermittelt. Breite und Länge (∼10 mm),
wurden unter dem Durchlicht-Hellfeld-Mikroskop vermessen. Die Proben wurden mit einer
maximalen Belastung von 50 N belastet und die Versuche wurden mit einer Geschwindigkeit
von 1 µm/s durchgeführt (Fig. 3). Bei bestimmten Belastungsebenen wurde der Motor
für 120 Sekunden ausgeschaltet um die Spannungsrelaxation zu messen. Die relative
Spannungsrelaxation wurde wie folgt kalkuliert:

wobei σ
0 die Initialspannung und σ
t die Spannung nach 120 Sekunden Relaxation ist.
[0059] In Fig. 4 wird die Spannungsrelaxation von frischgeschlagenem (Kontrolle), pilzbehandeltem
und altem Holz verglichen. Die Spannungsrelaxation wurde anhand der Minderung zwischen
der initialen und der effektiven Spannung nach 2 Minuten kalkuliert. Obwohl eine gewisse
Streuung der gemessenen Daten verzeichnet wurde (Bestimmtheitsmass: R = 0.6-0.82),
ist zweifelsfrei ersichtlich, dass das pilzbehandelte Holz eine höhere Spannungsrelaxation
besitzt als frisch geschlagenes Holz.
[0060] Das zeitabhängige, mechanische Verhalten eines Materials wie etwa die Spannungsrelaxation
ermöglicht Rückschlüsse auf die Grösse und die Neuausrichtung wichtiger Zellelemente
auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen (Cosgrove 1993). In den mikromechanischen
Spannungsrelaxation-Tests wurde eine schrittweise Verminderung beobachtet, was vermutlich
auf die Neuausrichtung verschiedener Zellwandbestandteile im Holz zurückzuführen ist.
Wir vermuten, dass es zu einer Neuausrichtung der Holzfasern kommt, die über die Mittellamelle
miteinander verbunden sind, wobei die Verzögerung auf die Einbettung der Zelllulosefibrillen
in die amorphen Matrix von Hemizellulose und Lignin zurückzuführen ist. Die Unterschiede
im Relaxationsverhalten zwischen frischgeschnittenem Holz, pilzbehandeltem Holz und
altem Holz legen nahe, dass ein Materialabbau auf submikroskopischer Ebene erfolgt,
welcher vor allem auf einem Abbau von Lignin und Hemizelluose beruht. Dies hat eine
Spannungsrelaxation im Holz zur Folge (Köhler et al, 2002; Sedighi Gilani and Navi
2007). Der Abbau der Zellwandmatrix (Hemizellulose und Lignin) um die eingebetteten
Zellulosefibrillen herum hat wiederum einen Einfluss auf die Schwingungseigenschaften
bzw. verändert die Dämpfungseigenschaften des Holzes (Noguchi et al. 2012).
7. Klangabstrahlung und Dämpfung
[0061] Die wichtigsten akustischen Eigenschaften, die für die Selektion von Klangholz für
Musikinstrumente herangezogen werden sind die Dämpfung (tanδ) und die Klangabstrahlung
(R). Hochwertiges Klangholz hat eine hohe Klangabstrahlung (R). R beschreibt wie stark
die Schwingungen eines Körpers auf Grund der Klangabstrahlung gedämpft werden. Die
Dämpfung des Schalls bezeichnet dagegen jede Art von Verringerung der Schallintensität,
die nicht notwendigerweise mit einer Verringerung der Schallenergie zu tun haben muss,
zum Beispiel durch Divergenz, also durch Verteilung der Schallenergie auf eine grössere
Fläche. Beide Eigenschaften wurden an unbehandelten Kontrollen und pilzbehandeltem
Holz untersucht. Die Schwingungseigenschaften von Holzproben wurden vor und nach der
Pilzbehandlung (wie unter 5.4 beschrieben) bei einer relativen Holzfeuchte von 65
% gemessen. Die Resultate zeigen, dass sowohl die Klangabstrahlung als auch die Dämpfung
im pilzbehandeltem Holz signifikant zunehmen (Fig. 5-6).
8. Farbmessungen
[0062] Die Farbmessungen wurden an Holzproben mit einem Tristimulus-Colorimeter (Konica
Minolta) bei Wellenlängen zwischen 360 - 740 nm durchgeführt. Das Gerät erlaubt die
berührungslose Messung von Helligkeit und Farbe bei einem Messwinkel von 1°. Die Farbkoordinaten
wurden für pilzbehandeltes und frischgeschlagenes Holz ermittelt und der Farbindex
wie folgt kalkuliert:

[0063] Wobei L* die Helligkeit von 0 (schwarz) bis 100 (weiss) definiert während a* das
Verhältnis von rot (+60) zu grün (-60) und b* das Verhältnis von gelb (+60) zu blau
(-60) angeben.
von Klangholz (a) und Bauholz (b)
[0064] Aus Fig. 7 können der Farbindex E*
ab und die Helligkeit L* für frischgeschlagenes sowie für pilzbehandeltes Klangholz
(a) und Bauholz (b) nach 4 bis 12 Monaten entnommen werden. Mit zunehmender Dauer
der Pilzbehandlung nimmt der Farbindex zu, gleichzeitig nimmt die Helligkeit ab. Im
Originalzustand wurde ein E* Index von 29.9 (±0.8) für frischgeschlagenes Klangholz
(a) und Bauholz (b) ermittelt (Fig. 7a-b). Nach 12-monatiger Pilzbehandlung konnte
ein Anstieg des E* Indexes von 44.5 (±1.2) für pilzbehandeltes Klangholz (Fig. 7a)
und von 41.6(±0.6) für pilzbehandeltes Bauholz (Fig. 7b) verzeichnet werden.
[0065] Aus ästhetischer Sicht ist ein hoher Farbindex (E*) von Vorteil beim Geigenbau, da
das Holz nach der Pilzbehandlung eine ältere Farberscheinung aufweist. Vergleichende
Studien mit Farbmessungen an alten Holzproben (Rougemont von 1756, Schweiz) ergaben
einen Farbindex E* = 37.2 und einen Helligkeitsindex L* = 73.7.
[0066] Die hier interessierenden Farbänderungen werden aber üblicherweise nicht nur durch
die Änderung des Wertes von E* beschrieben, bei dem es sich definitionsgemäss um die
Länge eines Vektors im von L*, a* und b* aufgespannten Farbraum handelt, Aussagekräftig
ist insbesondere auch die Länge des Änderungsvektors ΔE*, der den Farbpunkt (L
0*, a
0*, b
0*) vor Farbänderung mit dem Farbpunkt (L
1*, a
1*, b
1*) nach Farbänderung verbindet:

[0067] Die Grösse ΔE* wird auch als Farbabstand bezeichnet. In der Fig. 8 ist der zeitliche
Verlauf des Farbabstandes ΔE* von Klangholz (offene Kreise) und Bauholz (gefüllte
Kreise) nach unterschiedlicher Dauer (4-12 Monate) der Pilzbehandlung gegenüber dem
unbehandelten Zustand dargestellt. Zum Vergleich ist als gestrichelte Linie der Farbabstand
einer alten Holzprobe (Rougemont) gegenüber einer frischgeschnittenen Probe derselben
Holzart dargestellt.
9. FT-IR Analysen
[0068] In Fig. 9 sind die FT-IR Spektren von pilzbehandeltem Holz sowie von frischgeschlagenem
Holz und von altem Holz (Testore und Rougemont) in der Region 1800-800 cm
-1 abgebildet, wobei die Absorption bei 1508 cm
-1, welche von der aromatischen Ringschwingung (C=C) von Lignin stammt, normiert wurde.
Im alten Holz ist eine signifikante Erhöhung des Lignin-Polysaccharid-Verhältnisses
bei einer Wellenzahl von 1738 cm
-1 ersichtlich, welches auf einen Abbau von Hemizellulose zurückzuführen ist (Garcia
Esteban et al. 2006, Nagyvary et al. 2006, Ganne-Chedeville et al. 2012). Ähnliche
Abbauprozesse wurden mittels FT-IR auch am pilzbehandelten Holz verzeichnet. Die Messungen
ergaben, dass die absoluten Werte der Wellenzahlen 818, 589, 1051, die repräsentativ
für Hemizellulose und Lignin sind, verringert waren. Obwohl die Abbauprozesse der
Polysaccharide und Lignin während der Pilzbehandlung und der natürlichen Alterung
nicht identisch sind, kann angenommen werden, dass im Vergleich zum frischgeschlagenen
Holz die physikalischen Eigenschaften und das Sorptionsverhalten bzw. das Quell-und
Schwindverhalten vergleichbar ist.
[0069] Im Vergleich zu frisch geschlagenem Holz konnten mittels FTIR Analysen deutliche
Veränderungen im Verhältnis von Lignin/Polysacchariden in pilzbehandeltem und altem
Holz verzeichnet werden (Lehringer et al. 2011; Sedighi Giliani et al. 2014a; Sedighi
Gilani et al. 2014b). Ein deutlicher Unterschied war der geringere Anteil von Hemizellulose
im alten Holz. Qualitative Studien bestätigen, dass sowohl Lignin als auch Hemizellulose
zu unterschiedlichen Anteilen während der Delignifizierung des Holzes abgebaut werden
(Lehringer et al. 2011). Obwohl die Abbauprozesse von Lignin und Hemizellulose nach
einer selektiven Delignifizierung und natürlichen Alterung nicht identisch sind, kann
angenommen werden, dass sich ihre Zusammensetzung deutlich von frischgeschlagenem
Holz unterscheidet. Vermutlich hat die unterschiedliche Zusammensetzung von frischgeschlagenem
Holz einen Einfluss auf die Interaktion mit Feuchtigkeit z.B. Sorptionsdynamik, Feuchtekapazität
und Formstabilität des Materials. Diese Veränderungen werden auch einen Einfluss auf
die Holzanatomie und die supermolekulare Struktur der Zellwände haben, die wiederum
einen wesentlichen Einfluss auf die vibromechanischen Eigenschaften des Holzes ausüben.
Studien zeigen, dass eine zunehmende anatomische Homogenität der Holzstruktur die
Vibrationseigenschaften, Biegesteifigkeit und Dämpfung des Holzes vorteilhaft beeinflussen
(Jakiela et al., 2008, Stoel and Borman, 2008).
[0070] Wenn Wassermoleküle in die verholzte Zellwand eindringen, werden sie von den Oberflächen
der Zellulosemikrofibrillen und der Matrix, die aus Lignin und Hemizellulose besteht,
aufgenommen. Die Aufnahme von Wassermolekülen über die Hydroxylgruppen zwischen den
Holzpolymeren hat eine Reduktion der Biegesteifigkeit von Hemizellulose und Lignin
in der Zellwand zur Folge, welche die Vibration und mechanischen Eigenschaften des
Materials beeinflussen. Die Dämpfung des Holzes wird mit zunehmender Erhöhung der
relativen Feuchte signifikant erhöht (Hunt and Gril 1996, Sedighi Gilani et al 2014b),
was sich negativ auf die Klangeigenschaften des Holzes auswirkt. Durch den Abbau von
Hemizelluose in altem und pilzbehandeltem Holz wird der Einfluss der Feuchtesorption
auf Vibrationen und mechanische Eigenschaften des Materials verringert (mechano-sorptivity).
Diese Erkenntnis wurde vor kurzem an mit
P. vitreus inkubiertem Holz bestätigt (Sedighi Gilani et al 2014 b). Eine weitere Folge des
Lignin- und Hemizelluloseabbaus in den Zellwänden ist die stärkere Exposition der
kristallinen Zellulose und eine verbesserte Sorptionsstabilität des Holzes. Im Vergleich
zu frischgeschlagenem Holz konnte an altem und pilzbehandeltem Holz ein beschleunigter
Diffusionsprozess von Wassermolekülen mittels dynamischen Sorptionstests verzeichnet
werden (Sedighi Gilani et al 2014 b).
[0071] Es ist wahrscheinlich, dass eine höhere Materialstabilität während einem Feuchteaustausch
mit der Atmosphäre die Zuverlässigkeit der Vibrationseigenschaften und die zeitabhängigen
mechanischen Eigenschaften des Holzes z.B. Spannungsrelaxation und Kriechverhalten
verbessern (Hunt and Gril 1996).
[0072] Die hier beschriebene Methode der pilzlichen Holzmodifikation führt zu einer zeitlichen
Reduktion der Spannungsrelaxation des Materials unter verschiedenen mechanischen (e.g.
tuning) und physikalischen (e.g. Luftfeuchteschwankungen) Grenzbedingungen, was von
entscheidender Bedeutung ist für die Stabilität und Klangqualiät von Musikinstrumenten,
die aus Holz gefertigt sind. Die erstaunlichen Ähnlichkeiten zwischen natürlich gealtertem
und pilzbehandeltem Holz zeigen, dass die Pilzbehandlung ein wertvolles Holzmodifikationsverfahren
für die beschleunigte Alterung von Klangholz ist. Der Erfolg einer pilzbehandelten
Geige im Blindversuch an den Osnabrücker Baumpflegetagen in 2009 ist sehr wahrscheinlich
auf die Ähnlichkeit der mechanischen und hygroskopischen Stabilität von pilzbehandeltem
und altem Holz zurückzuführen.
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