[0001] Die vorliegende Erfindung betrifft neue Chinolon-Antibiotika zur medizinischen Verwendung,
wie in den Ansprüchen definiert.
Stand der Technik
[0002] Da sich die instrumentelle Analytik in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt
hat, wurden bisher schon mehr als hundert verschiedene Pharmazeutika im Ablauf von
Kläranlagen, Oberflächengewässern, Grundwasser und vereinzelt auch Trinkwasser im
Bereich von ng/L bis µg/L detektiert. Diese Mikroverunreinigungen werden daher mittlerweile
als Risiko für die Wasserqualität und ein nachhaltiges Management der Wasserressourcen
wahrgenommen. In dem Zusammenhang ist auch sehr wenig über das Auftreten und das umweltwissenschaftliche
Schicksal der Zerfalls- und Abbauprodukte der applizierten oder unsachgemäß entsorgten
Pharmazeutika bekannt. Persistenz, Akkumulation, Metabolisierung durch Mikroorganismen,
Tiere und Pflanzen, Reaktion mit Sauerstoff oder Beeinflussung durch Licht können
die Ausgangsstoffe so verändern, dass sich die Toxizität der Substanzen verändern
kann und damit die Trinkwasserresourcen beeinträchtigt werden können.
[0003] Besonders problematisch sind Antibiotika. Antibiotika werden zur Behandlung von Infektionen
mit pathogenen Bakterien genutzt. Übermäßige Nutzung von nicht abbaubaren Antibiotika
durch menschliche Patienten oder bei Nutztieren könnte zur Akkumulation im Wasser
führen und anschließend die Resistenzentwicklung fördern, wenn große Areale mit relevanten
Bakterien ausreichende Wirkstoffkonzentrationen von Antibiotika haben und somit ständigen
Selektionsdruck auf die Bakterien ausüben.
[0004] Es ist bekannt, dass biologisch abbaubare Verbindungen chemische Bindungen enthalten
können, die beispielsweise enzymatisch spaltbar sind. Exemplarisch seien Esterbindungen,
Amidbindungen oder Acetalbindungen genannt.
[0005] CN103405435A und
CN102030737A offenbaren Aminoderivate (enthalten eine Amidbindung in einer Seitenkette, jedoch
nicht am Grundgerüst des Antibiotikums) des Antibiotikums Clinafloxacin).
[0006] Weiterhin offenbart die
EP1160241A2 die Synthese von antimikrobiell wirkenden Fluorchinolon-Derivaten, wobei jedoch Amidbindungen
nicht explizit erwähnt werden.
[0007] EP373531A1 offenbart ebenfalls antibiotisch wirkende Fluorchinolon-Grundstrukturen (ausgehend
von Ofloxacin), die jedoch keine Amidbindungen enthalten.
[0008] Wetzstein et al. 2006 betrifft Enrofloxacin-Metabolite, die durch Behandlung von Pilzen mit Enrofloxacin
erzeugt worden sein sollen. Das Dokument schlägt viele Strukturen von Metaboliten
vor, die allerdings, wenn überhaupt, nur aufgrund der Massenspektren über LC-MS der
Reaktionsmischungen vermutet worden sind (nur hochauflösende Massenspektrometrie ohne
spezifische Isolierung und keine Strukturbestätigung nach Synthese und nachfolgendem
NMR). Die vorliegend beanspruchten Antibiotika werden somit nicht beschrieben.
[0009] Das Chinolon-Antibiotikum der vorliegenden Erfindung ist keine der in
Wetzstein et al. 2006skizzierten Verbindungen, wie die Verbindungen auf Seite 94 von
Wetzstein et al. 2006, insbesondere nicht Verbindung 106 von
Wetzstein et al. 2006:

worin R
3 für -CH
2-NH
2 steht. H
[0011] Keine der hierin erwähnten Veröffentlichungen offenbart das der vorliegenden Erfindung
zugrundeliegende Konzept. Die hierein beanspruchten Verbindungen sollen eine ausreichende
Stabilität aufweisen, um für einen ausreichenden Zeitraum im menschlichen oder tierischen
Körper wirken zu können (z.B. für 1-3 Tage), wohingegen die Verbindungen nach dem
Ausscheiden aus dem Körper relativ schnell (d.h. innerhalb weniger Wochen oder Monaten),
beispielsweise unter Einfluss von UV-Licht, abgebaut werden und dann nicht mehr antibiotisch
wirken oder zumindest weniger antibiotische Aktivität aufweisen. Dies wird durch die
erfindungsgemäße Amid-Bindung am Grundgerüst des Antibiotikums sichergestellt.
[0012] Die Publikation von Junza et al. offenbart, dass Fluorchinolon-Antibiotika (z.B.
Ciprofloxacin) und deren Abbauprodukte in Kuhmilchproben nachgewiesen wurden. Hier
wurden auch Ciprofloxacin-Aminoderivate nachgewiesen, welche Amidbindungen in einer
Seitenkette, jedoch nicht am Grundgerüst des Antibiotikums enthielten (
Journal of Agricultural and Food Chemistry, 62(8), 2008-2021).
[0013] Desweiteren zeigen Liu et al., dass Fluorchinolon-Antibiotika (z.B. Ciprofloxacin)
und deren Abbauprodukte in durch Ozonisierung aufgereinigtem Abwasser nachgewiesen
werden konnten. Hier wurden ebenfalls Abbauprodukte (Aminoderivate) nachgewiesen,
welche Amidbindungen in einer Seitenkette, jedoch nicht am Grundgerüst des Antibiotikums
enthielten (
Water Research 2012, 46(16), 5235-5246).
[0014] Weitere Chinolon-Antibiotika sind in der folgenden Literatur beschrieben:
- Klaus Kümmerer: "Sustainable from the very beginning: rational design of molecules
by life cycle engineering as an important approach for green pharmacy and green chemistry",
GREEN CHEMISTRY, Bd. 9, Nr. 8, 2007, Seiten 899-907
- Qing-Rong Qi ET AL: "Synthesis and antibacterial activity of new fluoroquinolones
containing a cis- or trans-cyclohexane moiety", Bioorganic & Medicinal Chemistry Letters,
Bd. 22, Nr. 24, 2012, Seiten 7688-7692
- US 8 889 689
- GUO HONGGUANG ET AL: "Kinetics and transformation pathways on oxidation of fluoroquinolones
with thermally activated persulfate", CHEMICAL ENGINEERING JOURNAL, Bd. 292, 1 1 .
201 6, Seiten 82-91
- SAUTER F ET AL: "Synthesis of novel quinolone-type drugs. Part 4. Pyrido[3,2,1-gh][1,7]phenanthroline-
and benzo[i,j]quinolizinecarboxylic acids", SCIENTIA PHARMACEUTICA, Bd. 57, Nr. 1,
1989, Seiten 7-20
- US 4 416 884
- Mark P. Wentland ET AL: "Chapter 15. Quinolone Antibacterial Agents" In: "ANNUAL REPORTS
IN MEDICINAL CHEMISTRY", 1985, Bd. 20, Seiten 145-154
- DATABASE CAPLUS [Online] CHEMICAL ABSTRACTS SERVICE, COLUMBUS, OHIO, US; 28. August
201 6, Halehatty S.Bhojya Naik ET AL: "ANTIMICROBIAL COMPOUNDS, SYNTHESIS AND APPLICATIONS
THEREOF, IN 2015CH00032", XP055916389, STN Database accession no. 216:1429194; & PATENT APPLICATION, "ANTIMICROBIAL COMPOUNDS, SYNTHESIS AND APPLICATIONS THEREOF"
2016, XP055916313,
Zusammenfassung der Erfindung
[0015] Im Rahmen der vorliegenden Erfindung wurden umweltfreundliche (Schmalband)-Antibiotika-Varianten
auf Basis der Fluorchinolon-Grundstruktur entwickelt, um nachfolgend die durch Pharmazeutika
verursachten Gefahren für die Wasserqualität abzumildern, indem die biologische Abbaubarkeit
verbessert wird oder zumindest die Toxizität von nicht-abbaubaren Metaboliten, Transformationsprodukten
und Fragmenten neutralisiert wird.
[0016] Mehrere Derivate von Ciprofloxacin (siehe Figur 1) wurden synthetisiert und in verschiedenen
Bakterien getestet. Die Derivate leiten sich durch Verknüpfung der Grundstruktur mit
Biomolekülen über hydrolysierbare Bindungen (hier Amid-Bindungen) ab. Diese Hydrolyse
kann biologisch (enzymatisch) erfolgen.
[0017] Es zeigte sich, dass die zwei Derivate (siehe Figur 1) besonders aktiv in E. coli
waren (siehe Figur 2). Die minimalen Hemmkonzentrationen lagen hier in der Größenordnung
verschiedener etablierter Fluorchinolone. Dies wurde durch eigene Daten in Wachstumstests
in E.coli (siehe Figur 3, 4 und 5) bestätigt. In weiteren Bakterien waren sie jedoch
deutlich schwächer aktiv (siehe Figur 2 und 5), so dass eine spezifische Behandlung
von E. coli Infektionen (z.B. Harnwegsinfektionen) ohne kollateralen Selektionsdruck
auf andere Keime möglich wäre. Das Ergebnis wäre unter Umständen eine mildere Behandlung
dieser Erkrankungen mit weniger Risiko einer ausgeprägten Resistenzbildung in anderen
Bakterien.
[0018] Dadurch können neue Medikamente entstehen, die pharmakologisch und umweltwissenschaftlich
verbessert sind.
[0019] Obwohl Amidasen im Menschen vorkommen und daher theoretisch zu einer Inaktivierung
des neuen Antibiotikums führen würden, so wurde unerwartet festgestellt, dass die
beiden Derivate keine erhöhte Instabilität durch Leberenzyme und intestinale Enzyme
und eine hinreichende abiotische Stabilität unter physiologischen Bedingungen aufzuweisen
scheinen. Die langfristige Abbaubarkeit, beispielsweise durch Mikroorganismen, im
Ökosystem sollte somit nicht im Gegensatz zum Einsatz als Medikament stehen.
[0020] Insbesondere sollte die erfindungsgemäße Amid-Bindung in der Zirkulation im menschlichen
Körper ähnlich stabil sein wie hydrolysierbare Amid-Bindungen bei anderen biotechnologischen
Medikamenten (Antikörper, Proteine, Peptide).
[0021] Nicht auszuschließen ist, dass sich auch gegen diese neuen Antibiotika-Varianten
Resistenzen bilden könnten. Es besteht aber die Möglichkeit, dass dies deutlich weniger
wahrscheinlich ist als mit den Breitband-Fluorchinolonen. Das heißt, nur Bakterienstämme,
die durch das Medikament ausreichend unter Selektionsdruck gesetzt werden, können
gegen Fluorchinolone resistent werden. Die hierin beschriebenen Derivate könnten eine
spezifische/selektive Wirkung auf
E. coli Bakterien, nicht aber auf andere pathogene Keimen haben, so dass erreicht würde,
dass bei Behandlung diagnostizierter
E. coli Infektionen lediglich die bekämpften Pathogene resistent werden könnten. Das Risiko
einer Resistenzbildung wäre also minimiert. Bisher werden Fluorchinolone von den Fachgesellschaften
nicht als erste Wahl bei Harnwegsinfektionen (ca. 70% E. coli Infektionen) empfohlen,
um die Breitbandwirkung nicht durch Resistenzen zu verlieren.
[0022] Durch die gute Abbaubarkeit der während der Therapie vom Menschen/Tier ausgeschiedenen
Antibiotika wird der auf Umweltkeime einwirkende Selektionsdruck und die Resistenzausbildung
eingedämmt.
Beschreibung der Figuren
[0023]
Figur 1: Molekulare Strukturen der beiden Fluorchinolon-Derivate Cip-P2C (a) und Cip-Pro (b).
Figur 2: Antibiotische Aktivität von Cip-Pro und Cip-P2C (I). Minimale Hemmkonzentrationen
[µg/ml] von Cip-Pro und Cip-P2C in verschiedenen Bakterien (E. faecalis ATCC 29121,
P. aeruginosa ATCC 27853, S. aureus ATCC 29213, E. coli ATCC 25922).
Figur 3: Wachstumshemmung von E. coli durch Cip-Pro im Vergleich zu Ciprofloxacin. Dosis-Wirkungsbeziehung
der Wachstumshemmung von E. coli ATCC 23716 durch Cip-Pro im Vergleich zu Ciprofloxacin.
Figur 4: Wachstumshemmung von E. coli durch Cip-P2C. Dosis-Wirkungsbeziehung der Wachstumshemmung
von E. coli ATCC 23716 durch Cip-P2C.
Figur 5: Antibiotische Aktivität von Cip-Pro (II). Minimale Hemmkonzentrationen [µg/ml] in
verschiedenen Bakterienstämmen und Zytotoxizität in humanen HEK 293 Zellen von Cip-Pro
in verschiedenen Bakterien (S. aureus ATCC 43300, E. coli ATCC 25922, K. pneumoniae
ATCC 700603, A. baumanii ATCC 19606, P.aeruginosa ATCC 27853 und humane embryonale
Nierenzellen (HEK 293 CRL-1573).
Figur 6: Natürliche Aminosäuren.
Figuren 7a-c: Abiotische Hydrolyse von Ciprofloxacin, Cip-Pro, Cip-P2C. Im Rahmen der Erfindung
kann ausgenutzt werden, dass der pH-Wert unter physiologischen Bedingungen anders
ist als z.B. im kommunalen Abwasser (meist pH 8-9), und dass jeweils andere Bakterien
vorhanden sind, so dass die Anforderungen an die physiologische Stabilität und die
gewünschte Instabilität im Abwasser unterschiedlich sind.
Figur 8: Enzymatische Hydrolyse durch intestinale Mikrosomen von Ciprofloxacin, Cip-Pro, Cip-P2C.
Figur 9: Enzymatische Hydrolyse durch humane intestinale Mikrosomen (Xenotech) oder 500 µg/ml
humane Lebermikrosomen (Corning).
Figur 10: Beschreibung eines möglichen Syntheseschemas für CIP-P2C.
Figur 11: Beschreibung eines möglichen Syntheseschemas für CIP-Prolin.
Detaillierte Beschreibung der Erfindung
[0025] Die erfindungsgemäßen Chinolon-Antibiotika könnten beispielsweise durch Amidasen
abgebaut werden. Zudem ist bekannt, dass Chinolon-Antibiotika mit den oben angegebenen
Resten R
1, R
2 und R
5 antibiotisch wirksam sind. Wie vorliegend gezeigt, führt das Einführen einer abspaltbaren
Gruppe an R
3 nicht dazu, dass diese antibiotische Wirksamkeit verloren geht.
[0026] Soweit nicht anders angegeben, zielt die vorliegenden Erfindung auf alle Stereoisomere
ab. Da natürliche Aminosäuren hauptsächlich in der L-Form vorkommen, wird davon ausgegangen,
dass die L-(Stereo-)Isomere des Rests R3 verstärkt enzymatisch abgespalten werden
können. Der Abbau kann sowohl abiotisch als auch biotisch (enzymatisch) erfolgen.
[0027] Der Ausdruck "der Rest einer natürliche Aminosäure nach amidischer Bindung an das
Chinolon-Grundgerüst", so wie hier verwendet, bedeutet, dass die Aminosäure amidisch
an das Chinolon-Gerüst gekoppelt wird und dann natürlich nicht mehr als "Säure" vorliegt,
sondern unter Wasserabspaltung Teil der Amidbindung wird. Die zu R
3 benachbarte Carbonylgruppe stammt aus der Säurefunktion der Aminosäure,.
[0028] Das Chinolon-Antibiotikum kann beispielsweise folgende Formel aufweisen:

oder

oder

[0029] Das Chinolon-Antibiotikum kann beispielsweise folgende Reste aufweisen:
R1 = H, oder F (dies gilt für Formel I und Formel IV)
R2 = H, oder F
R3 = wie in Ausführungsform 1 definiert
R4 = H, OCH3, OCHF2, Cl, CN, oder F, und
R5 = H.
[0030] Das Chinolon-Antibiotikum kann beispielsweise die Formel II-a und II-b aufweisen
(wobei Formel IIb nicht anspruchsgemäß ist)

[0031] Das Chinolon-Antibiotikum kann die allgemeine Formel I-a aufweisen:

[0032] Das Chinolon-Antibiotikum kann beispielsweise die folgende Formel aufweisen Reinschrift

wobei
R
3 = der Rest einer Aminosäure wie in Anspruch 1 definiert, insbesondere L-Prolin, und
wobei R
4 wie oben definiert ist.
[0033] Das Chinolon-Antibiotikum kann eine der folgenden Formeln aufweisen:

[0034] Die Amidbindung kann abiotisch oder biotisch abgespalten werden.
[0035] Die Erindung betrifft auch ein Medikament enthaltend ein erfindungsgemäßes Chinolon-Antibiotikum.
[0036] Die hierin beschriebenen Antibiotika können auf übliche weisen formuliert bzw. in
Medikamente/Dosierungsformen eingebracht werden.
[0037] Das erfindungsgemäße Chinolon-Antibiotikums kann als Medikament verwendet werden.
[0038] Das erfindungsgemäße Chinolon-Antibiotikum kann zur Behandlung von bakteriellen Infektionen
verwendet werden.
[0039] Insbesondere betrifft die Erfindung die hierin beschriebenen Antibiotika zur Verwendung
gegen Krankenhauskeime (nosokomiale Keime), bzw. Keime, die behandelt werden sollen
ohne eine Resistenzbildung bei anderen Keimen zu riskieren. Insbesondere betrifft
die Erfindung die hierin beschriebenen Antibiotika zur Behandlung von
E.
Coli-verursachten Infektionen.
Beispiele
1. Materialien
[0040] Die beanspruchten Verbindungen können auch unter Verwendung von bekannten Syntheserouten,
die dem Fachmann bekannt sind, hergestellt werden. Der Fachmann kann sich hierbei
insbesondere an den bekannten Chinolon-Antibiotika orientieren, die die Reste Resten
R
1, R
2, R
5 und R
6, so wie hierin definiert, tragen. Beispielsweise könnte so zunächst eine Aminfunktion
am Heterozyklus des Chinolongerüsts erzeugt und diese dann mit einer Carbonsäure zu
der gewünschten Amidgruppe umgesetzt werden. Als Hilfsmittel bei der Bildung der Amidbindung
kommt hierbei Dicyclohexylcarbodiimid (DCC) oder ähnliches in Betracht, wobei die
freie Carboxylgruppe am Heterozyklus des Chinolongerüsts in diesem Schritt geschützt
werden sollte.
[0041] Cip-P2C und Cip-Pro und andere erfindungsgemäße Antibiotika können auch unter Anwendung
allgemeinen Fachwissens hergestellt werden. Insbesondere können Cip-P2C und Cip-Pro
als Ausgangsmaterialien eingesetzt werden, um weitere erfindungsgemäße Antibiotika
herzustellen.
Bestimmung der minimalen Hemmkonzentrationen in verschiedenen Bakterienstämmen:
[0042] Die antibiotische Aktivität wurde durch die Durchführung der Broth-Mikroverdünnungsmethode
ermittelt (Cockerill et al., 2012; siehe zitierte Literatur). Es wurden die folgenden
Bakterienstämme verwendet: Staphylococcus aureus (ATCC 29213), Enterococcus faecalis
(ATCC 29212), Escherichia coli (ATCC 25922) and Pseudomonas aeruginosa (ATCC 27853),
sowie S. aureus (ATCC 43300), K. pneumoniae (ATCC 700603), A. baumanii (ATCC 19606).
[0043] Bakterienzellen wurden bei einer Zelldichte von 2 - 8 × 105 cfu/ml in 200 µl Mueller-Hinton-Brothmedium
verdünnt. Die Ansätze enthielten eine Verdünnungsreihe der Testsubstanzen. Diese inokulierten
96-well Platten wurden für 18 h bei 36°C inkubiert. Die minimale Hemmkonzentration
wurde ermittelt durch visuelle Abschätzung der niedrigsten Konzentration, die die
Bakterien vollständig gehemmt hatte.
Zytotoxizitätstest:
[0044] Humane embryonale Nierenzellen (HEK293) wurden in 384-well-Platten mit einer Dichte
von 6000 Zellen/well in einem finalen Volumen von 50 µl mit der gewünschten Konzentration
der Testsubstanz ausgesät. DMEM mit 10% fötalem Rinderserum (FBS) wurde als Wachstumsmedium
verwendet. Die Zellen wurden zusammen mit den Testsubstanzen für 20 h bei 37 °C mit
5% CO2 inkubiert.
Abiotische Hydrolyse:
[0045] Ciprofloxacin, Cip-pro oder Cip-P2C wurden in 12 ml phosphat-gepufferter Salzlösung
in einer Konzentration von 10 mg/L gelöst. Der pH-Wert wurde auf pH 6, pH 7.4 oder
pH 9 eingestellt. Die Ansätze wurden bei 37 °C für pH 6 and 7.4 und bei Raumtemperatur
für pH 9 unter Schütteln (250 rpm) für 28 Tage inkubiert. An Tag 0, 1, 7, 14, 21 und
28 wurden Proben (700µL) für die HPLC Analyse entnommen. Der Quotient der Ausgangskonzentration
c0 durch die Konzentration am jeweiligen Zeitpunkt (ct) wurde kalkuliert und gegen
die Inkubationszeit aufgetragen.
Wachstumshemmung in E. coli:
[0046] Escherichia coli ATCC 23716 wurde von DSMZ GmbH (Braunschweig, Germany) erhalten.
Die Testsubstanzen wurden in Wasser verdünnt und auf einer 96-well-Platte zur Bakteriensuspension
(in 2x Bakterienmedium (10 g Pepton and 6 g Fleischextrakt in 1 Liter)) gegeben, so
dass die Endkonzentration des Mediums 1x war. Die Platte wurde 4h bei 37°C inkubiert.
Die Zelldichte wurde photometrisch durch Messung der Absorption bei 600 nm bestimmt.
Die Wachstumshemmung in Prozent der unbehandelten Kontrollen gegen die Konzentration
der Testsubstanz aufgetragen.
Hochleistungschromatographie (HPLC) für Ciprofloxacin, Cip-Pro und Cip-P2C:
[0047] Das Shimadzu Prominence HPLC System (Duisburg, Germany) wurde für die chromatographischen
Untersuchungen der Testsubstanzen verwendet. Eine NUCLEODUR
® RP-C18 (CC 125/4 100-5µm C18 ec) Säule und mobile Phasen bestehend aus 0.1 % Ameisensäure
in hochreinem Wasser (CH
2O
2: Solution A) and 100 % Acetonitril (CH
3CN: Solution B) wurden verwendet. Die Flußrate wurde auf 0.5 mL min
-1 eingestellt. Die Temperatur des Säulenofens wurde auf 25 °C eingestellt und das Injektionsvolumen
betrug 10 µL. Ciprofloxacin, Cip-Pro und Cip-P2C eluierten bei den Retentionszeiten
[t
R] 16.1 min, 16.5 min beziehungsweise 15.2 min. Die Testsubstanzen wurden durch einen
UV/Vis Detektor bei 270 nm detektiert. Die Fließgradientenmethode wurde angewendet
wie in Tabelle 2 aufgelistet.
Tabelle 1: Fließgradientenbedingungen zur chromatographischen Analyse der Testsubstanzen
| Zeit (min) |
% Solution B (Acetonitril) |
| 0.01-2.0 |
1 |
| 5.0 |
5 |
| 7.0 |
10 |
| 10.0 |
15 |
| 13.0 |
25 |
| 15.0 |
30 |
| 17.0 |
35 |
| 20.0 |
40 |
| 22.0 |
50 |
| 25.0 |
60 |
| 27.0 |
65 |
| 29.0 |
20 |
| 30.0-32.0 |
1 |
| 32.01 |
Stop |
Abiotische Hydrolyse Ciprofloxacin, Cip-Pro, Cip-P2C (siehe Figuren 7a-c):
[0048] pH-Abhängigkeit der abiotischen Hydrolyse bei pH 7,4 (7a), pH 4 (7b) und bei pH 9,4
(7c). 10 mg/ml der Testsubstanzen in phosphat-gepufferter Salzlösung (PBS) wurden
bei unterschiedlichen pH-Bedingungen bei Raumtemperatur für 28 Tage inkubiert und
durch chromatographische Methoden analysiert. Die Ausgangskonzentration c0 wurde mit
der Konzentration am jeweiligen Zeitpunkt (c) in Beziehung gesetzt und gegen die Inkubationszeit
aufgetragen.
Enzymatische Hydrolyse durch intestinale Mikrosomen von Ciprofloxacin, Cip-Pro, Cip-P2C
(Siehe Figur 8):
[0049] Halbswertszeiten der Testsubstanzen bei Inkubation mit humanen intestinalen Mikrosomen.
20 ppm der Testsubstanzen wurden in 1 ml PBS mit 150 µg/ml humanen intestinalen Mikrosomen
bei 37 °C unter Schütteln für 24 h inkubiert. Als Positivkontrolle fungierte der Ester
Methylprednisolon-hemisuccinat. Die Endkonzentration der Testsubstanzen wurde durch
HPLC bestimmt. Aus Ausgangskonzentration und Endkonzentration wurde die Halbwertszeit
berechnet.
Enzymatische Hydrolyse durch intestinale Mikrosomen von Ciprofloxacin, Cip-Pro, Cip-P2C
(Figur 8):
[0050] Halbswertszeiten der Testsubstanzen bei Inkubation mit humanen intestinalen Mikrosomen.
20 ppm der Testsubstanzen wurden in 1 ml PBS mit 150 µg/ml humanen intestinalen Mikrosomen
(Xenotech) bei 37 °C unter Schütteln für 24 h inkubiert. Als Positivkontrolle fungierte
der Ester Methylprednisolon-hemisuccinat. Die Endkonzentration der Testsubstanzen
wurde durch HPLC bestimmt. Aus Ausgangskonzentration und Endkonzentration wurde die
Halbwertszeit berechnet.
[0051] In einer Ausführungsform der Erfindung weist das Chinolon-Antibiotikum eine Halbwertszeit
von weniger als 50 Tagen oder weniger als 30 Tagen in diesem Test auf.
Enzymatische Hydrolyse (Figur 9):
[0052] 20 ppm der Testsubstanzen wurden in 1 ml PBS mit 500 µg/ml humanen Lebermikrosomen
(Corning) bei 37 °C unter Schütteln für 24 h inkubiert. Die Konzentrationen der Testsubstanzen
wurden durch HPLC bestimmt. Aus der Abnahme der Konzentrationen im Verlauf von 24h
wurde die Halbwertszeit berechnet.
[0053] In einer Ausführungsform der Erfindung weist das Chinolon-Antibiotikum eine Halbwertszeit
von weniger als 50 Tagen oder weniger als 30 Tagen in diesem Test auf.
2. Synthese
2.1 CIP-P2C
[0054] Siehe Figur 10: S-Piperazin-2-carbonsäure (1) reagiert mit Benzylchlorformiat (2)
zu 1,4-Cbz-(S)-Piperazin-2-carbonsäure (3), welches nachfolgend mit z.B. Thionylchlorid
in Acetonitril (ACN) zum Säurechlorid (4) umgesetzt wird. Dieses reagiert mit (5)
zum Dibenzyl(S)-2-((1-cyclopropyl-6-fluoro-3-(methoxycarbonyl)-4-oxo-1,4-dihydroquinolin-7-yl)carbamoyl)piperazin-1,4
dicarboxylat (6), welches mit NaOH zu (7) hydrolysiert werden kann. Abschließend können
die Cbz(Benzyloxycarbonyl)-Schutzgruppen beispielsweise mit Pd/C H
2 entfernt werden (8).
[0055] Anmerkung: Da (5) nicht käuflich zu erwerben ist, muss dieses über die Gould-Jacobs-Reaktion
mit 4-Fluoro-3-nitroanilin als Ausgangsmaterial hergestellt werden. Um zum Amin zu
kommen muss die Nitrogruppe folgend mit einem geeigneten Reduktionsmittel umgesetzt
werden z.B. mit Pd/C H
2.
▪ 4-Fluoro-3-nitroanilin, Cas. 364-76-1, von Chempur, 1697-25
▪ (S)-Piperazin-2-carbonsäure, Cas. 147650-70-2, von Chempur, 93780-1
▪ Thionyl chlorid, Cas. 7719-09-7, 5 mL von Sigma Aldrich, 230464-5ML
▪ Diethylethoxymethylenmalonat (Cas 87-13-8, von Alfa Aesar, A13776)
2.2 CIP-Prolin
[0056] Die Synthese von CIP-Prolin kann analog zu CIP-P2C erfolgen. Cbz-L-Prolin (1) wird
mit z.B. Thionylchlorid in ACN zum Säurechlorid (2) umgesetzt. Nachfolgend werden
(2) und (4) in z.B. ACN mit Triethylamin (TEA) zu (5) umgesetzt. Anschließend wird
der Ester mit NaOH zu (6) hydrolysiert und die Cbz-Schutzgruppe mit Pd/C H
2 entfernt (7).
[0057] Anmerkung: Da (4) nicht käuflich zu erwerben ist, muss dieses über die Gould-Jacobs-Reaktion
mit 4-Fluoro-3-nitroanilin als Ausgangsmaterial hergestellt werden. Um zum Amin zu
kommen muss die Nitrogruppe folgend mit einem geeigneten Reduktionsmittel umgesetzt
werden z.B. mit Pd/C H
2.
▪ N-Carbobenzoxy-L-prolin (1), Cas. 1148-11-4, von TCI, C0713
▪ Thionylchlorid, Cas. 7719-09-7, von Sigma Aldrich, 230464-5ML
▪ 4-Fluoro-3-nitroanilin, Cas. 364-76-1, von Chempur, 1697-25
▪ Diethyl ethoxymethylenmalonat (Cas 87-13-8, von Alfa Aesar, A13776)
2.3 Allgemeine Anmerkungen:
[0058] Die vorgestellten Synthesen stellen Standardmethoden in der Synthese von Fluoroquinolonen
dar (Gould-Jacobs-Reaktion, SN am Aromaten und Hydrolyse des Esters). Weiterhin ist
auch das Schützen des Amins im Fall von CIP-P2C und CIP-Prolin mit der Cbz-Gruppe
eine Standardmethode. Weitere generelle Synthesemöglichkeiten für Antibiotika bzw.
chemische Reaktionen zum Einfügen bestimmter Gruppen eines Moleküls werden auch in
der hierin zitierten Literatur beschrieben.
Zitierte Literatur:
[0059]
CN103405435A
CN102030737A
EP1160241A2
EP373531A1
Junza et al., Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2014, 62 (8), 2008-2021).
Liu et al., Water Research, 2012, 46(16), 5235-5246
Cockerill, Franklin R. (2012): Methods for dilution antimicrobial susceptibility tests
for bacteria that grow aerobically. Approved standard - ninth edition. Wayne, Pa.:
CLSI (Clinical and Laboratory Standards Institute, M07-A9 = 32,2).
Wetzstein et al., "Patterns of metabolites produced from the fluoroquinolone enrofloxacin
by basidiomycetes indigenous to agricultural sites", Applied Microbioiogy and Biotechnology
2006, Vol71, Nr. 1, Seiten 90-100.
Sauter et al., "Synthesen neuer Chinolon-Chemotherapeutika, 4. Mitt. Pyrido[3,2,1-gh][1,7]phenanthrolin-
und Benzo[i,j]chnolizin-carbonsäuren", Scientia Pharmaceutica 1989, 57, 7-20.
WO 2007/106537 A2
JP 57016882 A
1. Chinolon-Antibiotikum der allgemeinen Formel I, II, III oder IV:

worin
R1 in Formel I und Formel IV gleich H, Halogen, oder NH2ist,
R1 in Formel II und Formel III gleich Halogen, oder NH2 ist,
R2 gleich Halogen, oder H ist,
R3 ist

oder der Rest einer Aminosäure nach amidischer Bindung an das Chinolon-Grundgerüst,
wobei die zu R3 benachbarte Carbonylgruppe aus der Säurefunktion der Aminosäure stammt; wobei die
Aminosäure ausgewählt ist aus:





R4 gleich H, OCH3, OCHF2, CN, C1-6 Alkoxy, Halogen, oder NH2 ist
R5 gleich H ist
und R6 ausgewählt ist aus
| Cyclopropyl |
Cyclobutyl |
Ethyl |
Propyl |
Methyl |

|

|

|

|

|

|

|

|

|

|

|

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zur Verwendung bei der Behandlung von bakteriellen Infektionen.
2. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach Anspruch 1 mit der Formel

wobei R
3 wie in Anspruch 1 definiert ist.
3. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche,
wobei
R1 in Formel I und Formel IV = H, oder F
R1 in Formel II und Formel III = F
R2 = H, oder F
R3 = wie in Anspruch 1 definiert
R4 = H, OCH3, OCHF2, Cl, CN, oder F, und
R5 = H, ist.
4. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche
mit der Formel II-a

wobei R
1, R
2, R
3 und R
5 wie in Anspruch 1 definiert sind.
5. Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche mit
der allgemeinen Formel:

wobei R
1, R
2, R
3, R
4 und R
5 wie in Anspruch 1 definiert sind.
6. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche,
bei dem die Aminosäure R3 in L-Konfiguration ist.
7. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche,
mit der Formel

wobei
R3 eine natürliche Aminosäure nach Anspruch 1 ist, und
R4 ein Wasserstoffatom ist.
8. Das Chinolon-Antibiotikum zur Verwendung nach einem der vorangegangenen Ansprüche,
wobei die Amidbindung abiotisch oder biotisch abgespalten werden kann.
9. Medikament enthaltend ein Chinolon-Antibiotikum nach einem der vorangegangenen Ansprüche.