[0001] Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Durchführung eines hydraulischen Abgleichs
in einer Heizungsanlage. Die Erfindung betrifft ferner eine Vorrichtung zur Durchführung
eines solchen Verfahrens.
[0002] Studien belegen, dass eine erhebliche Steigerung der Energieeffizienz möglich ist
- insbesondere im Bereich der Heiztechnik und Gebäudewärmeversorgung. Hierbei zeigt
sich jedoch, dass das Zusammenspiel verschiedener Faktoren entscheidend ist, um diese
Potenziale vollständig auszuschöpfen. Im Fokus stehen dabei die Wärmeerzeugung, die
Hydraulik (Heizfluidtransport) und das Nutzerverhalten, die optimal aufeinander abgestimmt
sein müssen.
[0003] Die vorliegende Erfindung zielt auf die hydraulische Abstimmung einer Heizungsanlage
ab, um sicherzustellen, dass die erzeugte Wärme effizient und bedarfsgerecht im Gebäude
verteilt wird. Dies umfasst Maßnahmen wie den hydraulischen Abgleich, der dafür sorgen
soll, dass jeder Heizkörper im Gebäude möglichst genau diejenige Menge an Heizfluid
erhält, die er benötigt, um die gewünschte Raumtemperatur zu erreichen. Der hydraulische
Abgleich erfolgt in der Regel durch die einmalige und dauerhafte Begrenzung des Volumenstroms
durch die Heizkörperventile, der Pumpenleistung und durch die einmalige Prüfung und
ggf. Nachjustierung der Vorlauftemperatur in der Zentralheizungsanlage, um den Druck
und die Durchflussmengen in den Heizungsrohren optimal zu verteilen. Ohne hydraulischen
Abgleich fließt das Heizfluid oft ungleichmäßig durch die Anlage - einige Räume werden
überheizt, während andere nicht ausreichend warm werden. Dadurch können Energieverluste
entstehen, die die Effizienz des gesamten Systems mindern.
[0004] Die
EP 1 936 288 A2 beschreibt ein Verfahren zur Detektion eines hydraulischen Abgleichs einer Heizungsanlage
mit über ein Fluidströmungssystem verbundenen Heizkörpern. Um den Zustand des hydraulischen
Abgleichs zu erkennen, werden für jeden Heizkörper ein die thermische Dynamik eines
durch den Heizkörper geheizten Raums anzeigender Kennwert ermittelt und die Kennwerte
mehrerer Heizkörper und/oder mehrerer zeitlich aufeinander folgende Kennwerte eines
Heizkörpers zur Erkennung einer Über- oder Unterversorgung eines Heizkörpers miteinander
verglichen.
[0005] Die
EP 2 420 748 A2 stellt ein Verfahren zur Durchführung eines hydraulischen Abgleichs in einem Heizungssystem
mit wenigstens zwei Heizflächen vor, bei dem der Massenstrom eines Heizfluids durch
jede der Heizflächen an jeder der Heizflächen mittels eines elektronischen Thermostatventils
individuell durch Einstellung der aktuellen Öffnungsposition des Thermostatventils
geregelt wird. Für jede der Heizflächen wird aus Temperaturmesswerten ein den Arbeitspunkt
der Heizfläche repräsentierender Wert bestimmt und mit einem gespeicherten Vergleichswert
der Heizfläche verglichen und in Abhängigkeit des Vergleichs die maximal zulässige
Öffnungsposition des Thermostatventils elektronisch begrenzt. Wenn der Vergleich eine
hydraulische Überversorgung der Heizfläche anzeigt, wird die aktuelle Öffnungsposition
des Thermostatventils um einen Reduktionswert reduziert, bis der Vergleich ein Ergebnis
liefert, gemäß dem eine weitere Reduktion unnötig ist und der Wert der letzten Öffnungsposition
als maximal zulässige Öffnungsposition zusammen mit der gemessenen Übertemperatur
der Heizfläche zur Bildung und/oder Adaption einer Kennlinie oder eines Kennfeldes
gespeichert wird.
[0006] Die
EP 3 009 908 B1 beschreibt in einem anderen Zusammenhang ein Verfahren und eine Vorrichtungsanordnung
zur Erfassung, Bewertung und Beeinflussung von Heizenergieabgabeverteilungen innerhalb
einer Gebäudehülle unter Verwendung einer Vielzahl von vernetzten Messeinheiten, insbesondere
elektronischen Heizkostenverteilern. Das Verfahren sieht eine Bestimmung von Energieabgabeäquivalenten
durch die Messeinheiten und eine Berechnung von effektiven Heizkörpertemperaturen
und effektiven Raumtemperaturen aus den von den jeweiligen Temperatursensoren der
Messeinheiten gemessenen Temperaturwerten vor. Die Energieabgabeäquivalente sowie
die effektiven Heizkörpertemperaturen und die effektiven Raumtemperaturen werden von
den Messeinheiten an eine Auswerteeinrichtung auf einer konfigurierbaren Zeitskala
übertragen. An den Messstellen werden spezifische Energieabgabeverteilungen auf Basis
der Energieabgabeäquivalente sowie der effektiven Heizkörpertemperaturen und der effektiven
Raumtemperaturen berechnet, jeweils gewichtet im Verhältnis zu einem Außentemperaturkontrast.
Die Energieabgabeverteilungen werden in Abhängigkeit von der effektiven Raumtemperatur
bewertet, und in Abhängigkeit der Bewertung werden Maßnahmen aus einem Maßnahmenkatalog
ausgewählt.
[0007] Aufgabe der Erfindung ist es, ein gegenüber Störgrößen robustes Verfahren zum hydraulischen
Abgleich bereitzustellen.
[0008] Gelöst wird diese Aufgabe durch ein Verfahren mit den Merkmalen des Anspruchs 1 sowie
durch eine Vorrichtungsanordnung mit den Merkmalen des Anspruchs 15. Vorteilhafte
und zweckmäßige Ausgestaltungen des erfindungsgemäßen Verfahrens und der erfindungsgemäßen
Vorrichtung sind in den zugehörigen Unteransprüchen angegeben.
[0009] Das erfindungsgemäße Verfahren ist zur Durchführung eines hydraulischen Abgleichs
in einer Heizungsanlage mit mehreren hydraulisch miteinander in Beziehung stehenden
Heizkörpern vorgesehen, die über eine elektrisch verstellbare Ventilöffnung verfügen
und jeweils mit einem elektronischen Heizkostenverteiler mit Funkschnittstelle versehen
sind, und umfasst folgende Schritte: wiederholtes Messen der Heizkörpertemperatur
der Heizkörper mittels der Heizkörper-Temperaturfühler der Heizkostenverteiler über
einen vorgegebenen Zeitraum; Berechnen einer effektiven Heizkörpertemperatur für jeden
Heizkörper aus den im vorgegebenen Zeitraum gemessenen Heizkörpertemperaturen durch
eine Mittelwertbildung (hierfür können zusätzlich oder alternativ auch die vom RaumTemperaturfühler
des Heizkostenverteilers wiederholt gemessenen Raumtemperaturen als Berechnungswerte
herangezogen werden); Berechnen eines Mittelwerts der effektiven Heizkörpertemperaturen
aller Heizkörper, die eine Stellanforderung größer Null für ihre Ventilöffnung haben,
und der Standardabweichung des Mittelwerts; Klassifizieren eines Heizkörpers als unterversorgt,
wenn die Abweichung seiner effektiven Heizkörpertemperatur vom Mittelwert nach unten
größer als die Standardabweichung ist; Klassifizieren eines Heizkörpers als drosselbar,
wenn die Abweichung seiner effektiven Heizkörpertemperatur vom Mittelwert nach oben
größer als die Standardabweichung ist; Prüfen, ob die Standardabweichung einen vorgegebenen
Toleranzbereich überschreitet; und im Falle einer Überschreitung des Toleranzbereichs:
Vergrößern der maximal erlaubten Ventilöffnungen (sofern nicht bereits vollständig
geöffnet) der als unterversorgt klassifizierten Heizkörper und Reduzieren der maximal
erlaubten Ventilöffnungen (sofern nicht bereits vollständig geschlossen) der als drosselbar
klassifizierten Heizkörper.
[0010] Unter einem Heizkörper mit einer "Stellanforderung größer Null für eine Ventilöffnung"
ist ein nicht vollständig zugedrehter bzw. abgeschalteter Heizkörper zu verstehen.
[0011] Erfindungsgemäß ist ein kontinuierliches Ermitteln der effektiven Heizkörpertemperaturen
und des daraus resultierenden Mittelwertes sowie dessen Standardabweichung und die
Prüfung der Einhaltung des vorgegebenen Toleranzbereichs vorgesehen. Der Begriff "Standardabweichung"
soll entweder der in Einklang mit der allgemeinen Definition berechnete Wert sein
oder ein Wert, dessen Berechnung maßgeblich von der Standardabweichung abhängt.
[0012] Die Erfindung beruht auf der Erkenntnis, dass der hydraulische Abgleich ein zentraler
Bestandteil zur Verbesserung der Energieeffizienz in Gebäuden ist und dass durch die
Integration moderner digitaler Technologien dieser Prozess zunehmend automatisiert,
präzise und robust gestaltet werden kann, wobei das erfindungsgemäße Verfahren zur
kontinuierlichen Optimierung der Wärmeverteilung in einem Gebäude mit einer Mehrzahl
von Heizkörpern durch die Nutzung von ohnehin erforderlicher bzw. bereits vorhandener
Infrastruktur, insbesondere elektronische Heizkostenverteiler mit Funkschnittstelle,
und die Verknüpfung mit bidirektionaler Kommunikationsinfrastruktur und Smart-Building-Steuerungstechnologien
realisiert werden kann.
[0013] Die Logik des erfindungsgemäßen Verfahrens stützt sich auf den wiederholten oder
kontinuierlichen Vergleich von effektiven Heizkörpertemperaturen sowie die Nutzung
der Standardabweichung des Mittelwerts aller ermittelten effektiven Heizkörpertemperaturen
als führenden Kennwert.
[0014] Durch das erfindungsgemäße Verfahren, das vorzugsweise dauerhaft durchgeführt wird,
wird der hydraulische Abgleich nicht in Bezug auf die sich ergebenden Kennwerte eines
Raumes vorgenommen, sondern im Hinblick auf den aktuell vorliegenden Lastfall der
gesamten Heizungsanlage. Diese Unabhängigkeit von der Variable "Raum" führt zu einer
Funktionalität, die besonders robust gegenüber Störgrößen (z. B. ein offenes Fenster)
ist. Dies ist insbesondere im Falle eines adaptiven, also nicht nur einmalig, sondern
dauerhaft durchgeführten Abgleichs eine wichtige Voraussetzung.
[0015] Die Vorteile des erfindungsgemäßen Verfahrens sind u. a. Energieeinsparung (Heizkosten
sinken, da die Heizungsanlage effizienter arbeitet), Klimaschutz (Reduzierung des
CO
2-Ausstoßes), Komfortsteigerung (gleichmäßige Wärmeverteilung in allen Räumen) und
längere Lebensdauer (Heizungsanlage und Komponenten werden geschont).
[0016] Das Vergrößern und Reduzieren der maximal erlaubten Ventilöffnungen bei den als unterversorgt
bzw. als drosselbar klassifizierten Heizkörpern erfolgt vorzugsweise jeweils schrittweise,
bis die Standardabweichung innerhalb des vorgegebenen Toleranzbereichs liegt.
[0017] Gemäß einem besonderen Aspekt der Erfindung sind mehrere Parameter variabel konfigurierbar.
Das bedeutet, dass bestimmte Vorgaben an die jeweils vorliegenden Umstände (manuell
oder automatisch) angepasst werden können, ggf. auch dynamisch, also während des laufenden
Betriebs der Heizungsanlage.
[0018] So kann etwa vorgesehen sein, dass der Zeitraum für die Messungen der Heizkörpertemperaturen,
die zur Mittelwertbildung herangezogen werden, variabel konfigurierbar ist.
[0019] Auch der Toleranzbereich für die Standardabweichung kann ein variabel konfigurierbarer
Parameter sein. Er sollte insbesondere in Abhängigkeit von der Anzahl der Heizkörper
eingestellt werden, d. h. bei einer kleineren Anzahl an Heizkörpern sollte ein größerer
Toleranzbereich vorgegeben werden als bei einer größeren Anzahl an Heizkörpern.
[0020] Basierend auf der Erkenntnis, dass funktionseingeschränkte Heizkörper, also etwa
defekte Heizkörper oder Heizkörper mit zugesetzten Rohren etc., die Berechnungen in
unerwünschter Weise beeinflussen und damit zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen
können, werden gemäß einem vorteilhaften Aspekt der Erfindung Heizkörper, die das
Ergebnis verfälschen könnten, von den Berechnungen ausgeschlossen. Dies wird dadurch
erreicht, dass als Mittelwert der effektiven Heizkörpertemperaturen aller Heizkörper
ein getrimmter Mittelwert verwendet wird, bei dessen Berechnung ein vorgegebener Anteil
der größten und kleinsten effektiven Heizkörpertemperaturen ignoriert wird. Der Anteil
kann auch nur die eine kleinste bzw. die eine größte effektive Heizkörpertemperatur
sein. Die Anteile können sich auch unterscheiden (z. B. können 5% der größten Temperaturen
und 10% der kleinsten Temperaturen ignoriert werden). Einer der beiden Anteile kann
auch null sein. Funktionseingeschränkte Heizkörper und andere technische Probleme
können aufgrund der Kommunikationsfähigkeiten der Heizkostenverteiler, der elektrischen
Stellantriebe und der zentralen Steuerung aus der Ferne identifiziert und bei Bedarf
durch technische Fachkräfte (SHK- oder anderes geschultes Personal) spezifisch behoben
werden.
[0021] Der Anteil der ausgeschlossenen effektiven Heizkörpertemperaturen ist wiederum vorzugsweise
ein variabel konfigurierbarer Parameter. Bei der Einstellung dieses Parameters sollte
insbesondere die Anzahl der bekannten funktionseingeschränkten Heizkörper berücksichtigt
werden. So sollte bei einer größeren Anzahl an bekannten funktionseingeschränkten
Heizkörpern ein größerer Anteil vorgegeben werden als für eine kleinere Anzahl an
bekannten funktionseingeschränkten Heizkörpern.
[0022] Ein weiterer Aspekt der Erfindung ermöglicht es, Latenzzeiten einer wasserbasierten
Heizungsanlage zu berücksichtigen, um Verzögerungen zwischen Steuerungsanpassungen
und Temperaturänderungen auszugleichen. Hierzu kann vorgesehen sein, dass bei Heizkörpern,
die innerhalb einer vorgegebenen Latenz-Zeitspanne eine Änderung der Stellanforderung
(Öffnen oder Schließen) erfahren haben, die Ventilöffnung nicht vergrößert oder reduziert
wird. Dadurch wird verhindert, dass ein elektrischer Stellantrieb eine neue Einstellung
bekommt, bevor die letzte Einstellung überhaupt ihre Wirkung entfalten konnte. Die
Latenzzeit bezieht sich dabei auf das Messintervall des Gesamtsystems. Werden beispielsweise
alle zehn Minuten alle effektiven Heizkörpertemperaturen gemessen und ein neuer Mittelwert
bzw. eine neue Standardabweichung ermittelt, woraus neue Einstellungen für die Ventilöffnungen
folgen würden, so kann die Latenzzeit ein oder mehrere solcher Zehn-Minuten-Intervalle
betragen. Werden alle fünf Minuten Daten für eine Neubewertung übermittelt, beträgt
die für die Latenzzeit zugrunde gelegte Intervalldauer entsprechend fünf Minuten.
[0023] Die Latenz-Zeitspanne ist wiederum vorzugsweise ein variabel konfigurierbarer Parameter.
So kann bei einer längeren Dauer zwischen einer Stellanforderung an einem Heizkörper
und dem Erreichen der zu diesem Zeitpunkt bei gegebener Ventilöffnung möglichen Heizkörpertemperatur
eine größere Latenz-Zeitspanne vorgegeben werden als bei einer kürzeren Dauer.
[0024] Ein weiterer, vorzugsweise variabel konfigurierbarer Parameter ist ein vorgegebener
zeitlicher Abstand (Latenz-HA) zwischen den Vergleichen der effektiven Heizkörpertemperaturen
der Heizkörper mit der Standardabweichung des Mittelwerts. Dieser zeitliche Abstand
ist als generelle Latenzzeit zu verstehen, der sich generell auf eine Neubewertung
des Abgleichs bezieht. Sollte zum Zeitpunkt x eine Bewertung und Anpassungen vorgenommen
worden sein, sorgt der zeitliche Abstand dafür, dass nach Ablauf des nächsten Messintervalls
(x+1) zwar Daten aufgenommen, aber noch keine Änderungen der Ventilpositionen der
Stellantriebe vorgenommen werden. Der zeitliche Abstand kann auch als "Bewertungsintervall"
bezeichnet werden, welches mehrere Messintervalle umfasst. Beispielsweise würden bei
einer Messintervalldauer von zehn Minuten und einem zeitlichen Abstand (Latenz-HA)
von drei Intervallen - nach einer Bewertung und Anpassungen des Systems - die nächsten
Anpassungen erst nach drei Messintervallen, also 30 Minuten, vorgenommen werden.
[0025] Wie bereits erwähnt, wird das erfindungsgemäße Verfahren automatisch und dauerhaft
ausgeführt, d. h. der hydraulische Abgleich passt sich an die gegebenen Umstände an
(adaptives Verfahren) und ist somit robust gegen kurzfristige und langfristige Störfaktoren.
[0026] Gemäß einer Alternative des erfindungsgemäßen Verfahrens werden die effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) der Heizkörper nicht aus den von den elektronischen Heizkostenverteilern gemessenen
Heizkörpertemperaturen berechnet, sondern aus Zählfortschritten bestimmt, die die
elektronischen Heizkostenverteiler an die zentrale Steuereinheit übermitteln. Diese
Alternative basiert auf der Erkenntnis, dass die in der Norm DIN/EN 834 geforderten
Zählfortschritte (Anzeigewerte oder Verbrauchswerte) über ein definiertes Zeitintervall
mit den effektiven (gemittelten) Heizkörpertemperaturen korrelieren. Dies bedeutet
im Umkehrschluss, dass bei hinreichend genauer Kenntnis des Zusammenhangs zwischen
den Zählfortschritten und den effektiven Heizkörpertemperaturen die Zählfortschritte
eines Heizkostenverteilers als Information ausreichen, um einen hydraulischen Abgleich
gemäß der Erfindung durchführen zu können. Für diese Art der Bestimmung der effektiven
Heizkörpertemperaturen kann auf Zusatzwissen und/oder eine Modellbildung zurückgegriffen
werden, wobei auch eine Unterstützung durch maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz
erfolgen kann.
[0027] Eine Erweiterung des erfindungsgemäßen Verfahrens sieht vor, anhand vorher erstellter
Referenzszenarien optimale maximale Ventilhübe für elektrische Stellantriebe, die
zur Einstellung der Ventilöffnungen der Heizkörper dienen, ermittelt werden.
[0028] Die Erfindung schafft auch eine Vorrichtungsanordnung zur Durchführung eines hydraulischen
Abgleichs in einer Heizungsanlage eines Gebäudes mit einer Zentralheizung, wobei die
Vorrichtungsanordnung folgendes umfasst: mehrere hydraulisch miteinander in Beziehung
stehende Heizkörper mit einem elektrischen Stellantrieb zur Einstellung der Ventilöffnung
des Heizkörpers; an den Heizkörpern angebrachte elektronische Heizkostenverteiler
mit einem Heizkörpertemperaturfühler zur Ermittlung der Heizkörpertemperatur; und
eine zentrale Steuereinheit. Die elektronischen Heizkostenverteiler sind zur direkten
oder indirekten Übermittlung von Heizkörpertemperaturen oder effektiven Heizkörpertemperaturen
an die zentrale Steuereinheit eingerichtet. Die Stellantriebe sind zur direkten oder
indirekten Übermittlung einer Stellanforderung an die zentrale Steuereinheit und zum
direkten oder indirekten Empfang einer Ventilöffnungs- oder Ventilschließvorgabe von
der zentralen Steuereinheit eingerichtet. Die zentrale Steuereinheit weist einen Rechner
auf, der zur Durchführung des erfindungsgemäßen Verfahrens eingerichtet ist.
[0029] Für eine kabellose Kommunikation sind die elektronischen Heizkostenverteiler und/oder
die Stellantriebe und/oder die zentrale Steuereinheit mit einer Funkschnittstelle
versehen. Alternativ können kabelgebundene Varianten zum Einsatz kommen.
[0030] Die Übertragung von Daten von oder zu der zentralen Steuereinheit erfolgt über ein
oder mehrere Smart-Building-Gateways, insbesondere wenn die räumlichen Abstände zwischen
den Geräten relativ groß sind oder Hindernisse zu überwinden sind.
[0031] Weitere Merkmale und Vorteile der Erfindung ergeben sich aus der nachfolgenden Beschreibung
und aus den beigefügten Zeichnungen, auf die Bezug genommen wird. In den Zeichnungen
zeigen jeweils schematisch:
- Figur 1 ein Gebäude mit einer Vorrichtungsanordnung zur Durchführung des erfindungsgemäßen
Verfahrens;
- Figur 2 das Gebäude während der Durchführung des erfindungsgemäßen Verfahrens, wobei
von der Vorrichtungsanordnung nicht alle Komponenten dargestellt sind; und
- Figur 3 einen symbolischen Vergleich zwischen einer nicht hydraulisch abgeglichenen
Heizungsanlage und einer Heizungsanlage, die mit dem erfindungsgemäßen Verfahren hydraulisch
abgeglichen wurde.
[0032] In Figur 1 ist beispielhaft ein Gebäude 10, z. B. ein Mehrparteienhaus, mit mehreren
Stockwerken gezeigt, einschließlich eines Kellers 12a, eines unteren Stockwerks 12b
und eines oberen Stockwerks 12c. In den Stockwerken 12b und 12c befinden sich mehrere
Räume 14, die mit Heizkörpern 16 ausgestattet sind. Diese beispielhafte Gebäudeaufteilung
ist nicht einschränkend zu verstehen.
[0033] An jedem Heizkörper 16 ist ein elektronischer Heizkostenverteiler 18 mit zwei Temperaturfühlern
angebracht. Der erste Temperaturfühler misst die Oberflächentemperatur des Heizkörpers
16, nachfolgend als Heizkörpertemperatur (TH) bezeichnet, und der zweite Temperaturfühler
misst die Temperatur zum Raum hin, nachfolgend als Raumtemperatur (TL) bezeichnet.
Außerdem hat jeder elektronischer Heizkostenverteiler 18 eine Funkschnittstelle.
[0034] Jeder Heizkörper 16 ist mit einem elektrischen Stellantrieb 20 (Thermostatventil)
versehen, das dem Bewohner als lokale Steuereinheit für die Raumheizung dient. Jeder
Stellantrieb 20 verfügt wiederum über eine Funkschnittstelle.
[0035] Wie in Figur 2 gezeigt werden die Heizkörper 16 von einer Zentralheizung 22 (hier
im Keller 12a) über Heizungsrohrleitungen mit Heizfluid (in der Regel Wasser) versorgt.
Die Heizungsrohrleitungen umfassen einen gemeinsamen Vorlauf 24a, einen gemeinsamen
Rücklauf 24b und Abzweigungen 24c und 24d zu bzw. von den Heizkörpern 16.
[0036] Die Zentralheizung 22 umfasst in der Regel eine zentrale Heizstelle und eine Heizungspumpe.
Im Falle eines Fernwärmeanschlusses tritt an die Stelle der zentralen Heizstelle eine
Hausanschlussstation (HAST). Die Zentralheizung 22 ist mit einer zentralen Steuereinheit
26 verbunden, die über einen Rechner und eine Funkschnittstelle verfügt.
[0037] Des Weiteren ist im Haus wenigstens ein Smart-Building-Gateway 28 mit Funkschnittstelle
angebracht, mit dem die von den elektronischen Heizkostenverteilern 18 erfassten bzw.
berechneten Daten gesammelt und DSGVO-konform und verschlüsselt an die zentrale Steuereinheit
26 übermittelt werden. Ebenso ist ein Datenaustausch zwischen den Stellantrieben 20
und der zentralen Steuereinheit 26 vorgesehen. Insbesondere kann die zentrale Steuereinheit
26 die Stellantriebe 20 ansteuern, d. h. deren (graduelles) Öffnungs- und Schließverhalten
vorgeben. Anstelle einer drahtlosen Kommunikation ist grundsätzlich auch eine (teilweise)
Übertragung über elektrische Leitungen möglich. Zumindest die zentrale Steuereinheit
26 kann mit einem für das Gebäude 10 zuständigen Wärmedienstleister kommunizieren.
[0038] Abgesehen davon, dass diese Infrastruktur eine (teil-)automatische Funkablesung der
von den elektronischen Heizkostenverteilern 18 ermittelten Verbrauchswerte ermöglicht,
ohne dass seitens des Wärmedienstleisters Zutritt zu den einzelnen Wohnungen erforderlich
ist, kann mit dieser Infrastruktur auch wiederholt und mehrjährig ein automatischer
adaptiver hydraulischer Abgleich und eine damit verbundene bedarfsgerechte Steuerung
der gesamten Heizungsanlage durchgeführt werden, um eine dauerhafte komfortsteigernde
Optimierung und Homogenisierung der Wärmeverteilung in den Räumen 14 des Gebäudes
10 zu erreichen.
[0039] Für den hydraulischen Abgleich werden die elektronischen Heizkostenverteiler 18 und
die von diesen ermittelten Temperaturwerte einbezogen. Gegenüber der durch die Norm
DIN/EN 834 vorgeschriebenen Betriebsweise ist die Funktionalität der elektronischen
Heizkostenverteiler 18 dahingehend erweitert, dass die von ihren Temperaturfühlern
ermittelten Heizkörpertemperaturen (TH) und Raumtemperaturen (TL) über das/die Smart-Building-Gateway(s)
28 kontinuierlich an die zentrale Steuereinheit 26 übermittelt werden. "Kontinuierlich"
bedeutet hier, dass die Datenerhebung wiederholt in regelmäßigen, relativ kurzen Zeitabständen
erfolgt. Ein solches Messintervall kann beispielsweise zehn oder fünf Minuten sein.
Die Datenerhebung ist jedenfalls hochauflösender als die übliche, typischerweise monatliche
Abfrage der Heizkostenverteiler im Rahmen der regelmäßigen Ermittlung der Heizkostenverteilung.
[0040] Die zentrale Steuereinheit 26 dient der kontinuierlichen Überwachung der Zentralheizung
22 zur Verbesserung der Servicequalität, Versorgungssicherheit und Betriebskosten.
Ergänzend kommen leistungsstarke Anpassungs-Algorithmen zum Einsatz, die adaptiv,
exakt, kontinuierlich und bedarfsgerecht die Vorlauftemperatur der Heizungsanlage
optimieren.
[0041] Nachfolgend werden die Besonderheiten und die Durchführung des automatischen adaptiven
hydraulischen Abgleichs näher erläutert.
[0042] Wie bereits erwähnt bildet der Informationsverbund der elektronischen Heizkostenverteiler
18 die Grundlage des automatischen adaptiven hydraulischen Abgleichs, indem an jedem
Heizkörper 16 kontinuierlich hochauflösende Verbrauchs- und Temperaturdaten erhoben
und an die zentrale Steuereinheit 26 im Gebäude 10 übermittelt werden.
[0043] In der zentralen Steuereinheit 26 wird aus einer Vielzahl von Temperaturwerten, die
innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls gemessen werden, das variabel konfigurierbar
sein kann, ein Mittelwert gebildet, der als effektive Temperatur bezeichnet wird.
Alternativ können die effektiven Temperaturen bereits in den elektronischen Heizkostenverteilern
18 berechnet und dann an die zentrale Steuereinheit 26 übermittelt werden. Der zentralen
Steuereinheit 26 liegen also für jeden Raum 14 des Gebäudes 10 jederzeit eine aktuelle
effektive Heizkörpertemperatur (THeff) und eine aktuelle effektive Raumtemperatur
(TLeff) vor, wobei für den adaptiven hydraulischen Abgleich nur die effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) benötigt werden. (Gemäß einer später noch genauer beschriebenen Alternative
können stattdessen die von den elektronischen Heizkostenverteilern 18 ausgegebenen
Zählfortschritte (Anzeigewerte oder Verbrauchswerte) als Grundlage verwendet werden.)
[0044] Die zentrale Steuereinheit 26 vergleicht die effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff)
der miteinander hydraulisch in Beziehung stehenden Heizkörper 16, die laut den von
den Stellantrieben 20 übertragenen Signalen eine Stellanforderung größer Null haben,
untereinander. Für den Vergleich der effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) wird
die Standardabweichung (STAB-THeff) des Mittelwerts (MW-THeff) aller effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) berechnet. Heizkörper 16, deren Abweichung der effektiven Heizkörpertemperatur
(THeff) vom Mittelwert (MW-THeff) nach unten größer als die Standardabweichung (STAB-THeff)
ist, werden als unterversorgt klassifiziert. Heizkörper 16, deren Abweichung der effektiven
Heizkörpertemperatur (THeff) vom Mittelwert (MW-THeff) nach oben größer als die Standardabweichung
(STAB-THeff) ist, werden als drosselbar klassifiziert.
[0045] Es findet eine Prüfung statt, ob die Standardabweichung (STAB-THeff) einen vorgegebenen
Toleranzbereich (STAB-Toleranz) überschreitet. Wurde eine Überschreitung festgestellt,
werden bei den als unterversorgt klassifizierten Heizkörpern 16 die maximal erlaubten
Ventilöffnungen (Hübe) schrittweise erhöht, und bei den als drosselbar klassifizierten
Heizkörpern 16 werden die maximal erlaubten Ventilöffnungen (Hübe) schrittweise reduziert,
bis die Standardabweichung (STAB-THeff) innerhalb des Toleranzbereiches (STAB-Toleranz)
liegt.
[0046] Für die Drosselung gibt es üblicherweise eine untere Grenze, welche je nach verwendetem
Stellantriebsmodell als Parameter gesetzt werden kann. Beispielsweise wird eine untere
Grenze von 40% vorgegeben, was bedeutet, dass ein Stellantrieb nur auf maximal 40%
seines maximalen Ventilhubs gedrosselt werden darf. Ebenso kann ein Mindestwert für
die Drosselung vorgegeben werden. Es ist offensichtlich, dass z. B. eine Drosselung
um 1% auf 99% des maximalen Hubs keine spürbare Wirkung entfaltet. Ein sinnvoller
Wert für die Mindestdrosselung könnte z. B. 80% des maximalen Hubs sein. Es kann dann
in frei konfigurierbaren Schritten (z. B. in 5%-Schritten oder größer oder kleiner)
adaptiv weiter angepasst werden bis zur unteren Grenze. Das Vorgeben solcher Grenzwerte
basiert auf der Erkenntnis, dass der Volumenstrom der Ventilöffnung nur innerhalb
eines bestimmten Bereichs linear folgt, z. B. zwischen 40% und 80% des maximalen Hubs.
Darüber wird der Volumenstrom fast nicht eingeschränkt, während er darunter beinahe
direkt zum Erliegen kommt.
[0047] Der zulässige Toleranzbereich (STAB-Toleranz) ist ein variabel konfigurierbarer Parameter,
dessen Einstellung von der Menge an Heizkörpern 16 abhängt. Ist die Menge der betrachteten
Heizkörper 16 kleiner, so sollte der Toleranzbereich (STAB-Toleranz) größer als bei
einer größeren Anzahl von Heizkörpern 16 sein, da in diesem Fall der Einfluss jedes
einzelnen Heizkörpers 16 auf den statistischen Mittelwert größer ist.
[0048] Um zu verhindern, dass defekte Heizkörper 16, Stellantriebe 20, Ventile, Thermostate
oder elektronische Heizkostenverteiler 18 das hier vorgestellte Verfahren zur Durchführung
eines hydraulischen Abgleichs stören oder zu ungewünschten Ergebnissen führen, wird
ein bestimmter Anteil an Heizkörpern 16 von der Mittelwertbildung ausgenommen. Dies
entspricht einer getrimmten Mittelwertbildung. Der ausgenommene Anteil ist ebenfalls
ein variabel konfigurierbarer Parameter (Trimmung), welcher in seinem Wert vom Zustand
der Heizungsanlage abhängig ist. Je mehr in ihrer Funktion eingeschränkte Heizkörper
16 (z. B. durch zugesetzte Rohre, klemmende Ventile, defekte Heizkörper etc.) bekannt
sind, desto größer sollte der Anteil an ausgeschlossenen Heizkörpern 16 sein.
[0049] Nachfolgend werden einige mögliche Varianten der getrimmten Mittelwertbildung für
den Einsatz im vorgestellten Verfahren erläutert.
[0050] Generell sollten defekte Heizkörper 16, Stellantriebe 20, Ventile, Thermostate oder
elektronische Heizkostenverteiler 18 bei der Ermittlung der Standardabweichung (STAB-THeff)
der effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) aller hydraulisch verbundenen Heizkörper
16 der Heizungsanlage oder eines Anlagenabschnitts berücksichtigt werden. Störend
sind hierbei insbesondere Heizkörper 16, welche durch Defekte weit von den effektiven
Heizkörpertemperaturen (THeff) abweichen und dadurch nur geringfügig oder gar nicht
von einer hydraulischen Optimierung beeinflusst werden. Eine Möglichkeit, um einen
störenden Einfluss dieser Defekte auf den Algorithmus einzudämmen, ist der Ausschluss
der betroffenen Heizkörper 16 von der Ermittlung des Mittelwertes (MW-THeff) bzw.
der Standardabweichung (STAB-THeff) sowie ein daraus resultierender Ausschluss von
der angestrebten Reduzierung oder Erhöhung des maximalen Stellantriebhubs.
[0051] Eine Variante des Ausschlusses ist die Anwendung eines getrimmten Mittelwertes. Hierbei
wird eine bestimmte Teilmenge der hydraulisch verbundenen Heizkörper 16 von der Mittelwertbildung
ausgeschlossen. Die ausgeschlossene Teilmenge entspricht dabei einem Parameter des
Algorithmus, welcher individuell für ein System von hydraulisch verbundenen Heizkörpern
16 festgelegt werden kann. Beim mathematischen Modell des getrimmten Mittelwertes
werden gleichermaßen die besten als auch die schlechtesten Werte bei der Mittelwertbildung
ausgeschlossen. Dieses Vorgehen ist ratsam bei Systemen, über die noch keinerlei Informationen
bezüglich Defekten oder der Art der Defekte vorliegen. Diese Variante wird im Weiteren
als erste Variante bezeichnet.
[0052] Eine Abwandlung der ersten Variante erlaubt eine Gewichtung bei den auszuschließenden
Heizkörper 16 am oberen und unteren Ende. Wenn davon ausgegangen wird oder bekannt
ist, dass die Mehrzahl der Defekte zu Werten am unteren oder oberen Ende der Wertemenge
führt, würde der Mittelwert stärker in Richtung niedrigerer oder höherer Heizkörpertemperaturen
(TH) verschoben. In diesem Fall können zwei voneinander verschiedene auszuschließende
Teilmengen und demzufolge auch zwei Parameter unabhängig voneinander gesetzt werden.
Die Trimmung könnte so am oberen Ende der Werte kleiner sein als am unteren Ende oder
umgekehrt. Diese Variante ist zu bevorzugen, wenn eine Vermutung besteht, dass es
durch Defekte einen Schwerpunkt an einem Ende der Wertemenge gibt. Hierbei ist es
auch möglich, dass einer der Parameter den Wert "0" hat und damit die Trimmung nur
an einem Ende erfolgt.
[0053] Sind bereits im Gegensatz zur Prämisse der ersten Variante Heizkörper 16 oder zugehörige
Komponenten bekannt, welche Defekte aufweisen, oder werden im Laufe des Betriebs bekannt,
so können die betroffenen Heizkörper 16 auch direkt von der Mittelwertbildung ausgeschlossen
werden. (Sie können aber auch wieder aufgenommen werden, wenn die Defekte beseitigt
sind.) Der Ausschluss (bzw. die Wiederaufnahme) kann manuell durch einen Systemoperator
oder automatisch, beispielsweise durch maschinelles Lernen oder einen Kl-Ansatz erfolgen.
Erkennt entweder der Systemoperator oder das System selbst einen Defekt an einem Heizkörper
16, so wird dieser für die Mittelwertbildung und die Anpassung der Stellantriebhübe
ausgeschlossen. Dieses Vorgehen wird als zweite Variante bezeichnet.
[0054] Eine weitere mögliche Variante ist eine Mischvariante, bei welcher zum einen wie
in der zweiten Variante bekannte Heizkörper 16 mit Defekten manuell oder automatisch
ausgeschlossen werden, und zusätzlich eine pauschale gewichtete Trimmung wie in der
Abwandlung der ersten Variante möglich ist. Diese Mischvariante wird bevorzugt verwendet,
wobei es das langfristige Ziel im Verlauf des Betriebs sein sollte, zur zweiten Variante
überzugehen.
[0055] Damit der gleichzeitig aktive Algorithmus zur Einzelraumregelung den Algorithmus
zum hydraulischen Abgleich nicht negativ beeinflusst, werden Heizkörper 16, die kürzlich
eine Änderung (Latenz-ΔHub) der Stellanforderung erfahren haben, nicht gedrosselt.
Dies ist eine Maßnahme um der Latenz eines wasserbasierten zentralen Heizungssystems
mit Standardheizkörpern Rechnung zu tragen. Eine weitere Maßnahme, mit welcher der
Latenz Rechnung getragen wird, ist der zeitliche Abstand (Latenz-HA) zwischen den
Vergleichen der effektiven Heizkörpertemperaturen der Heizkörper 16 anhand der Standardabweichung
(STAB-THeff) des Mittelwerts (MW-THeff). Die beiden genannten Latenzen sind ebenfalls
variabel konfigurierbare Parameter, deren Einstellung von der Latenz des Heizungssystems
abhängt. Je mehr Zeit beispielsweise zwischen der Stellanforderung an einem Heizkörper
16 und dem Erreichen der zu diesem Zeitpunkt bei gegebener Ventilöffnung möglichen
Heizkörpertemperatur vergeht, desto größer sollten die Parameter für die Latenzen
sein.
[0056] Es ist grundsätzlich auch möglich, den automatischen adaptiven hydraulischen Abgleich
nicht auf der Grundlage der von den elektronischen Heizkostenverteilern 18 gemessenen
Heizkörpertemperaturen (TH) und der daraus ermittelten effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) durchzuführen, sondern auf der Grundlage der von den elektronischen Heizkostenverteilern
18 ausgegebenen Zählfortschritte (Anzeigewerte oder Verbrauchswerte). Die dimensionslosen
Zählfortschritte können nämlich näherungsweise als abgegebene Energieeinheiten in
kWh interpretiert werden, sofern sich der jeweilige Heizkörper 16 in einem spezifikationsgemäßen
Betriebszustand befindet; sie entsprechen aber keiner streng kalorischen Maßeinheit.
Dennoch werden die Zählfortschritte nachfolgend der Einfachheit halber als Energieabgabewerte
bezeichnet.
[0057] Die Energieabgabewerte werden - wie oben für die Heizkörpertemperaturen (TH) beschrieben
- kontinuierlich, also wiederholt in regelmäßigen, relativ kurzen Zeitabständen, von
den elektronischen Heizkostenverteilern 18 an die zentrale Steuereinheit 26 übermittelt.
Die Übermittlung kann in Form von standardisierten OMS-Telegrammen erfolgen, jedoch
im Vergleich zu den regelmäßigen Übermittlungen im Rahmen der Ermittlung der Heizkostenverteilung
mit einer höheren zeitlichen Auflösung.
[0058] Die zentrale Steuereinheit 26 kann aus den Energieabgabewerten Rückschlüsse auf die
effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) ziehen. Hierzu kann die zentrale Steuereinheit
26 auf Zusatzwissen und/oder eine Modellbildung zurückgreifen, wobei auch eine Unterstützung
durch maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz möglich ist. Die auf der Korrelation
mit den Energieabgabewerten basierende Ermittlung der effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) kann auch bei einem externen Dienstleister erfolgen, z. B. in einem Rechenzentrum,
das mit der zentralen Steuereinheit 26 kommunizieren kann.
[0059] Letztlich ist ein Berechnen von konkreten Werten der effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) aus den Energieabgabewerten nicht zwingend erforderlich; es kann auch mit
abstrakten Werten gearbeitet werden, die den effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff)
entsprechen; dieser Fall ist hier explizit mit einbezogen. Entscheidend ist jedenfalls,
dass ein hinreichend genauer Zusammenhang zwischen diesen Größen bekannt ist. Somit
kann der adaptive hydraulische Abgleich auch nur mit den Energieabgabewerten als Eingangsgrößen
durchgeführt werden.
[0060] Das oben beschriebene Verfahren zum automatischen adaptiven hydraulischen Abgleich
wird nicht nur einmalig bei der Inbetriebnahme oder im Rahmen einer Wartung der Heizungsanlage,
sondern dauerhaft und über viele Jahre hinweg durchgeführt.
[0061] In Figur 3 ist beispielhaft ein Vergleich zwischen einer nicht hydraulisch abgeglichenen
Heizungsanlage (linke Hälfte) und einer Heizungsanlage dargestellt, die mit dem erfindungsgemäßen
Verfahren erfolgreich hydraulisch abgeglichen wurde (rechte Hälfte). Der Vergleich
zeigt, dass mit dem dauerhaft durchgeführten hydraulischen Abgleich eine Optimierung
und Homogenisierung der Wärmeverteilung in den Räumen 14 des Gebäudes 10 erreicht
wird.
[0062] Die Homogenisierung der Wärmeverteilung in den Räumen 14 wird durch eine fortwährende
Volumenstromanpassung und -begrenzung durch die elektrischen Stellantriebe 20 gewährleistet.
Diese auf die Lastsituation angepasste und variable Einstellung der maximal erlaubten
Ventilöffnungen der Heizkörper 16 über die Stellantriebe 20 führt zu einem gleichmäßig
verteilten Volumenstrom über alle Heizkörper 16 in den Räumen 14 des Gebäudes 10.
[0063] Nachfolgend wird eine Ergänzung bzw. Erweiterung des kontinuierlichen adaptiven hydraulischen
Abgleichs beschrieben, die auf der Erstellung von Referenzszenarien für hydraulische
Zustände basiert. Dabei passt ein Zusatzalgorithmus kontinuierlich adaptiv die maximalen
Hübe der Stellantriebe aller hydraulisch verbundenen Heizkörper 16 anhand der effektiven
Heizkörpertemperaturen (THeff) all dieser Heizkörper 16 an, um die Standardabweichung
dieses getrimmten Mittelwertes unterhalb eines als Parameter zu setzenden Wertes zu
halten.
[0064] Eine sich daraus ebenfalls ergebende Möglichkeit, ist ein Verfahren zur Ermittlung
optimaler maximaler Ventilhübe in bestimmten definierten Szenarien. Ein solches Szenario
könnte beispielsweise sein, dass alle Heizkörper 16 gleichzeitig ihre maximal verfügbare
Leistung abfordern. Die Ventilhübe würden alle bei 100% starten und die effektiven
Heizkörpertemperaturen (THeff) der Heizkörper 16 würden sich aufgrund der hydraulischen
Verhältnisse unterscheiden. Der Algorithmus beginnt adaptiv die maximalen Ventilhübe
anzupassen, so dass die Standardabweichung der effektiven Heizkörpertemperatur (THeff)
verringert wird, bis sie unterhalb des gesetzten Parameters ist. Ist dieser Zustand
erreicht, finden keine weiteren Anpassungen der maximalen Ventilhübe mehr statt; es
wurde ein stabiler Zustand, bzw. ein Optimum für das Szenario erreicht.
[0065] Ein anderes mögliches Szenario wäre, dass lediglich die Wohnräume beheizt werden
und beispielsweise Küchen und Schlafzimmer unbeheizt (Raumtemperatur über Solltemperatur)
bleiben. Dieses Vorgehen entspricht dem bereits beschriebenen Verfahren. Alle Ventile
starten ungedrosselt, und der Algorithmus passt die maximalen Ventilhübe adaptiv an,
bis ein optimaler Zustand erreicht ist. Bei diesem Vorgehen werden das Nutzerverhalten
bzw. individuelle Behaglichkeitsanforderungen bewusst ignoriert. Es finden also in
der Zeit der adaptiven Anpassung keine Sollwertänderungen bzw. Änderungen im Wärmebedarf
statt, der Ventilhub aller Ventile wird vorgegeben. Das Vorgehen kann um Wärmebedarfsänderungen
und andere Faktoren erweitert werden, um weitere Szenarien abzubilden. Ein Beispiel
hierfür wäre die Aufheizzeit nach einer Nachtabsenkung in den Morgenstunden, bei welcher
alle Heizkörper 16 mit maximalem Bedarf starten, jedoch zeitlich versetzt herunterfahren,
da die Zieltemperaturen der Räume erreicht wurden.
[0066] Auf diese Weise lassen sich Referenzszenarien bzw. Szenario-abhängige optimale maximale
Ventilhübe ermitteln. Solche Referenzen können ggf. die Adaptionszeiten verkürzen,
da das System nicht bei null anfangen muss, sondern bei Erkennen einer Ähnlichkeit
zu einem bestehenden Szenario direkt die optimale Einstellung anfahren kann. Dieser
Ansatz kann dann durch den Einsatz von maschinellem Lernen bzw. KI automatisiert angewendet
werden.
Bezugszeichenliste
[0067]
- 10
- Gebäude
- 12a
- Keller
- 12b
- unteres Stockwerk
- 12c
- oberes Stockwerk
- 14
- Raum
- 16
- Heizkörper
- 18
- elektronischer Heizkostenverteiler
- 20
- Funk-Stellantrieb
- 22
- Zentralheizung
- 24a
- Vorlauf
- 24b
- Rücklauf
- 24c
- Abzweigung
- 24d
- Abzweigung
- 26
- zentrale Steuereinheit
- 28
- Smart-Building-Gateway
1. Verfahren zur Durchführung eines hydraulischen Abgleichs in einer Heizungsanlage mit
mehreren hydraulisch miteinander in Beziehung stehenden Heizkörpern (16), die über
eine elektrisch verstellbare Ventilöffnung verfügen und jeweils mit einem elektronischen
Heizkostenverteiler (18) mit Funkschnittstelle versehen sind, mit folgenden Schritten:
- wiederholtes Messen der Heizkörpertemperatur (TH) der Heizkörper (16) mittels der
Heizkörper-Temperaturfühler der Heizkostenverteiler (18) über einen vorgegebenen Zeitraum;
- Berechnen einer effektiven Heizkörpertemperatur (THeff) für jeden Heizkörper (16)
aus den im vorgegebenen Zeitraum gemessenen Heizkörpertemperaturen (TH) durch eine
Mittelwertbildung;
- Berechnen eines Mittelwerts (MW-THeff) der effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff)
aller Heizkörper (16), die eine Stellanforderung größer Null für ihre Ventilöffnung
haben, und der Standardabweichung (STAB-THeff) des Mittelwerts (MW-THeff);
- Klassifizieren eines Heizkörpers (16) als unterversorgt, wenn die Abweichung seiner
effektiven Heizkörpertemperatur (THeff) vom Mittelwert (MW-THeff) nach unten größer
als die Standardabweichung (STAB-THeff) ist;
- Klassifizieren eines Heizkörpers (16) als drosselbar, wenn die Abweichung seiner
effektiven Heizkörpertemperatur (THeff) vom Mittelwert (MW-THeff) nach oben größer
als die Standardabweichung (STAB-THeff) ist;
- Prüfen, ob die Standardabweichung (STAB-THeff) einen vorgegebenen Toleranzbereich
(STAB-Toleranz) überschreitet; und
- im Falle einer Überschreitung des Toleranzbereichs (STAB-Toleranz): Vergrößern der
maximal erlaubten Ventilöffnungen (sofern nicht bereits vollständig geöffnet) der
als unterversorgt klassifizierten Heizkörper (16) und Reduzieren der maximal erlaubten
Ventilöffnungen (sofern nicht bereits vollständig geschlossen) der als drosselbar
klassifizierten Heizkörper (16).
2. Verfahren nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass das Erhöhen und Reduzieren der maximal erlaubten Ventilöffnungen jeweils schrittweise
erfolgt, bis die Standardabweichung (STAB-THeff) innerhalb des Toleranzbereichs (STAB-Toleranz)
liegt.
3. Verfahren nach Anspruch 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass der Zeitraum für die Messungen der Heizkörpertemperaturen (TH), die zur Mittelwertbildung
herangezogen werden, variabel konfigurierbar ist.
4. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass der Toleranzbereich (STAB-Toleranz) für die Standardabweichung (STAB-THeff) variabel
konfigurierbar ist.
5. Verfahren nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass bei einer kleineren Anzahl an Heizkörpern (16) ein größerer Toleranzbereich (STAB-Toleranz)
vorgegeben wird als bei einer größeren Anzahl an Heizkörpern (16).
6. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass der Mittelwert (MW-THeff) der effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) aller Heizkörper
(16) ein getrimmter Mittelwert ist, bei dessen Berechnung ein vorgegebener Anteil
der größten und kleinsten effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) ignoriert wird.
7. Verfahren nach Anspruch 6, dadurch gekennzeichnet, dass der Anteil ein variabel konfigurierbarer Parameter ist.
8. Verfahren nach Anspruch 7, dadurch gekennzeichnet, dass bei einer größeren Anzahl an bekannten funktionseingeschränkten Heizkörpern (16)
ein größerer Anteil vorgegeben wird als bei einer kleineren Anzahl an bekannten funktionseingeschränkten
Heizkörpern (16).
9. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass bei Heizkörpern (16), die innerhalb einer vorgegebenen Latenz-Zeitspanne eine Änderung
(Latenz-ΔHub) der Stellanforderung erfahren haben, die maximal erlaubte Ventilöffnung
nicht vergrößert oder reduziert wird.
10. Verfahren nach Anspruch 9, dadurch gekennzeichnet, dass die Latenz-Zeitspanne ein variabel konfigurierbarer Parameter ist.
11. Verfahren nach Anspruch 10, dadurch gekennzeichnet, dass bei einer längeren Dauer zwischen einer Stellanforderung an einem Heizkörper (16)
und dem Erreichen der zu diesem Zeitpunkt bei gegebener maximal erlaubter Ventilöffnung
möglichen Heizkörpertemperatur eine größere Latenz-Zeitspanne vorgegeben wird als
bei einer kürzeren Dauer.
12. Verfahren einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass ein zeitlicher Abstand (Latenz-HA) zwischen den Vergleichen der effektiven Heizkörpertemperaturen
(THeff) der Heizkörper (16) mit der Standardabweichung (STAB-THeff) des Mittelwerts
(MW-THeff) vorgegeben ist.
13. Verfahren nach Anspruch 12, dadurch gekennzeichnet, dass der zeitliche Abstand ein variabel konfigurierbarer Parameter ist.
14. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass das Verfahren dauerhaft ausgeführt wird.
15. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, mit der Maßgabe, dass die effektiven
Heizkörpertemperaturen (THeff) der Heizkörper (16) aus Zählfortschritten bestimmt
werden, die die elektronischen Heizkostenverteiler (18) an die zentrale Steuereinheit
(26) übermitteln, wobei für die Bestimmung vorzugsweise auf Zusatzwissen und/oder
eine Modellbildung zurückgegriffen wird, weiter vorzugsweise mit Unterstützung durch
maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz.
16. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche, dadurch gekennzeichnet, dass anhand vorher erstellter Referenzszenarien optimale maximale Ventilhübe für elektrische
Stellantriebe (20) zur Einstellung der maximal erlaubten Ventilöffnungen der Heizkörper
(16) ermittelt werden.
17. Vorrichtungsanordnung zur Durchführung eines hydraulischen Abgleichs in einer Heizungsanlage
eines Gebäudes (10) mit einer Zentralheizung, wobei die Vorrichtungsanordnung folgendes
umfasst:
mehrere hydraulisch miteinander in Beziehung stehende Heizkörper (16) mit einem elektrischen
Stellantrieb (20) zur Einstellung der maximal erlaubten Ventilöffnung des Heizkörpers
(16);
an den Heizkörpern (16) angebrachte elektronische Heizkostenverteiler (18) mit einem
Heizkörpertemperaturfühler zur Ermittlung der Heizkörpertemperatur (TH); und
eine zentrale Steuereinheit (26);
wobei die elektronischen Heizkostenverteiler (18) zur direkten oder indirekten Übermittlung
von Heizkörpertemperaturen (TH) oder effektiven Heizkörpertemperaturen (THeff) oder
Zählfortschritten an die zentrale Steuereinheit (26) eingerichtet sind;
wobei die Stellantriebe (20) zur direkten oder indirekten Übermittlung einer Stellanforderung
an die zentrale Steuereinheit (26) und zum direkten oder indirekten Empfang einer
Ventilöffnungs- oder Ventilschließvorgabe von der zentralen Steuereinheit (26) eingerichtet
sind; und
wobei die zentrale Steuereinheit (26) einen Rechner aufweist, der zur Durchführung
des Verfahrens nach einem der vorhergehenden Ansprüche eingerichtet ist.
18. Vorrichtungsanordnung nach Anspruch 17, dadurch gekennzeichnet, dass die elektronischen Heizkostenverteiler (18) und/oder die Stellantriebe (20) und/oder
die zentrale Steuereinheit (26) mit einer Funkschnittstelle versehen sind.
19. Vorrichtungsanordnung nach Anspruch 17 oder 18, dadurch gekennzeichnet, dass die Übertragung von Daten von oder zu der zentralen Steuereinheit (26) über ein oder
mehrere Smart-Building-Gateways (28) erfolgt.