[0001] Die Erfindung betrifft ein mikrofluidisches mikrochemomechanisches System mit integrierten
aktiven Elementen und ein Verfahren zur mikrofluidischen Prozessführung in einem mikrofluidischen
mikrochemomechanischen System.
[0002] Mikrofludische Prozessoren finden heute vor allem Anwendung in biologischen, biochemischen
und chemischen Prozessen, wobei vor allem deren Verwendung als "Labs on Chips" (LOC),
"Chip-Labore" bzw. "Micro-Total-Analysis Systems" (µTAS) im Fokus wissenschaftlicher
Entwicklungen steht.
[0003] Das LOC-Konzept offeriert mannigfaltige Vorteile. Die Verringerung der Fluidvolumina
ermöglicht das Analysieren kleinster Probenmengen und einen sparsamen Umgang mit Reagenzien
und Proben, die oft wertvoll, selten, schädlich oder gefährlich sind. Dadurch sind
auch höhere Durchsätze erreichbar, da aufgrund der geringen Mengen verkürzte Bereitstellungs-,
Misch- und Reaktionszeiten bei minimiertem Energiebedarf benötigt werden. Aufgrund
geringerer Systemantwortzeiten kann sich auch die Prozesskontrolle erleichtern.
[0004] Insgesamt ermöglichen LOC-Aufbauten bedeutende Prozessrationalisierungen, indem sie
die Prozesszeit erheblich verkürzen und damit den möglichen Durchsatz erhöhen sowie
die Mengen der benötigten Medien (Probanden, Analyte, Reagenzien, Hilfsmedien) reduzieren.
Stand der Technik
[0005] Im Stand der Technik sind mikrofluidische Systeme mit aktiven Elementen bekannt.
[0006] So sind aktive fluidische Elemente auf Basis von Festkörperaktoren, wie Piezoaktoren
[
US 5,224,843,
US 2003/0143122] und Formgedächtnisaktoren [
US 5,659,171] beschrieben. Sie sind zwar als Einzelelemente gut miniaturisierbar, besitzen aber
einen komplizierten Aufbau, sind auf bestimmte, meist nicht kunststoffbasierte, Materialien
festgelegt und müssen deshalb separat gefertigt werden. Eine mögliche Hybrid-Integration
(z. B. Aufkleben der Elemente auf das LOC) ist im Regelfall unwirtschaftlich.
[0007] Wandlerelemente, die auf Änderungen des Aggregatzustandes beruhen, lassen sich mit
zum Teil geringfügigen Eingriffen in das Layout der Kanalstrukturträger integrieren
und sind deshalb meist zum Fertigungsprozess der Kunststoffformteile des Kanalstrukturträgers
kompatibel. Es sind beispielsweise Schmelzelemente [
R. Pal et al.', Anal. Chem. 16 (2004) 13, S. 3740-3748] und Gefrierelemente [
US 6,536,476] sowie thermische Blasengeneratoren [
US 6,283,718] bekannt.
[0008] Die
DE 101 57 317 A1 offenbart ein Grundelement eines Mikrofluidik-Prozessors, welches durch die Steuerung
des Quellungsgrades von quellfähigen Polymernetzwerken mit Volumenphasenübergangsverhalten,
insbesondere Hydrogele, über eine elektrisch oder elektronisch steuerbare Schnittstellengröße
elektronikkompatibel ist. Als steuerbare Umgebungsgrößen bzw. Schnittstellengrößen
dienen dabei bevorzugt physikalische Größen, die einfach durch elektronische bzw.
elektrische Mittel erzeugt werden können und Volumenphasenübergänge in quellfähigen
Polymernetzwerken auslösen. Eine sehr einfach elektrisch erzeugbare Steuergröße ist
die Temperatur.
[0009] Der Nachteil dieser hydrogelbasierten aktiven Elemente besteht vor allem in der Notwendigkeit,
elektrisch erzeugbare Steuergrößen zur Erzeugung von Volumenphasenübergängen einzusetzen,
wodurch ein Betrieb solcher mikrofluidischer Systeme zwingend an elektrische Komponenten
gebunden ist. Dadurch ist eine autarke Verwendung mikrofluidischer Systeme ausgeschlossen.
[0010] Die
US 2011/0126913 A1 offenbart ein mikrofluidisches System mit zumindest zwei abgegrenzten Kammern oder
dergleichen, wobei im Kanalsystem zwischen diesen Kammern ein druckempfindliches Ventil
vorgesehen ist, welches sich bei Druckerhöhung auflöst. Der Druckschrift kann des
Weiteren entnommen werden, dass in einem Kanalsystem ein aktives Element vorgesehen
ist, welches bei Kontakt mit der Flüssigkeit eine Volumenänderung erfährt und somit
den Kanal vollständig blockieren kann. Die beschriebenen Kammern weisen jedoch keinen
gemeinsamen Überlagerungsbereich auf und sind nicht dergestalt durch die aktiven Elemente
begrenzt, dass eine gemeinsame Reaktionskammer mit definiertem Volumen gebildet wird.
Auch die zeitliche Steuerung durch gezielte Auswahl der Materialien und deren Dimensionierung
ist der Druckschrift nicht zu entnehmen.
[0011] Die
US 2008/0069729 A1 offenbart eine Vorrichtung zur Mischung definierter Flüssigkeitsvolumina mit definierten
Mengen an Reagenzien. Hierzu wird ein Flüssigkeitsreservoir mit einer Flüssigkeit
befüllt und diese mittels eines saugballähnlichen Gegenstands in entsprechende Reaktionskammern
eingebracht, wobei die im System vorhandene Luft ausgetragen wird. Der Druck wird
solange aufrechterhalten, bis die Reaktionskammern vollständig befüllt sind. Die Reaktionskammern
weisen darüber hinaus Ventile auf, welche einen Rückfluss der Flüssigkeit, etwa in
den Ball, unterbinden. Die Ventile können dabei so ausgebildet sein, dass sie bei
Kontakt mit der Flüssigkeit quellen oder sich auflösen. Zudem sind weitere aktive
Elemente beschrieben, die als Barrieren fungieren, welche den Flüssigkeitsstrom verlangsamen
oder unterbinden können.
[0012] Auch dieser Druckschrift kann nicht entnommen werden, dass die einzelnen Kammern
einen Überlagerungsbereich aufweisen und eine gemeinsame Reaktionskammer ausbilden,
die durch die aktiven Elemente begrenzt wird. Ein weiterer Nachteil der gezeigten
Lösung ist es, dass die vorgestellte händisch mechanische Methode zur Bereitstellung
definierter Flüssigkeitsvolumina in einer Reaktionskammer nur eine unbefriedigend
geringe Präzision erlaubt.
[0013] Die
WO 2008/049413 offenbart ein Mikrofluidiksystem mit aktiven Elementen, welche hilfsenergiefrei gesteuert
werden können. Dabei werden vor allen hydrogelbasierte aktive Elemente offenbart,
welche einen Volumenphasenübergang in Abhängigkeit von Temperatur oder Lösungsmittel
ermöglichen. Dabei bewirken die aktiven Elemente mittels einer Änderung des Quellungsgrades
oder der mechanischen Eigenschaften eine aktive Funktion. Zudem werden Quellmittelbarrieren
offenbart, die durch Aufnahme des Lösungsmittels aufquellen und infolgedessen eine
Limitation der Quellmittelzufuhr bewirken.
[0014] Die Verwendung hilfsenergiefreier aktiver Elemente erlaubt eine weitgehend autarke
Verwendung mikrofluidischer Systeme insbesondere in der Diagnostik, wobei durch den
Verzicht auf externe elektrische Energiequellen und die Nutzung chemischer Energiequellen
die Etablierung von Einmal-Analyse-Systemen begünstigt würde.
[0015] Eine Weiterentwicklung derartiger mikrofluidischer mikrochemomechanischer Systeme
wäre daher in hohem Maße wünschenswert.
[0016] Die Aufgabe der vorliegenden Erfindung besteht daher darin, ein mikrofluidisches
mikrochemomechanisches System anzugeben, welches aktive, hilfsenergiefrei betriebene
Elemente aufweist, und dadurch befähigt ist, volumetrisch definierte Mischungsreaktionen
in definierten Zeitabläufen durchzuführen.
Beschreibung der Erfindung
[0017] Die Aufgabe wird durch ein mikrofluidisches mikrochemomechanisches System gemäß Anspruch
1 gelöst. Vorteilhafte Ausgestaltungen sind in den abhängigen Ansprüchen angegeben.
[0018] Die Aufgabe wird auch durch ein Verfahren gemäß Anspruch 11 gelöst. Vorteilhafte
Ausgestaltungen sind in den abhängigen Ansprüchen angegeben.
[0019] Erfindungsgemäß umfasst das mikrofluidische System integrierte aktive Elemente, welche
hilfsenergiefrei durch beeinflussbare Umgebungsgrößen aktivierbar und durch die Änderung
ihres Quellungszustandes oder ihrer mechanischen Eigenschaften aktive Funktionen bewirkend,
ausgeführt sind. Das mikrofluidische mikrochemomechanische System umfasst dabei zumindest
einen Strukturträger mit zumindest einem ersten Kanal, der im Regelfall zu einem ersten
Kanalsystem mit einem ersten Prozessmedium gehört. Weiterhin beinhaltet es zumindest
eine Abdeckung, welche den Strukturträger zumindest teilweise abdeckt sowie zumindest
einen zweiten Kanal eines zweiten Kanalsystems, welcher entweder auf dem Strukturträger,
welcher bereits den ersten Kanal eines ersten Kanalsystems trägt, oder in der Abdeckung
integriert ist. Der erste und der zweite Kanal weisen Reservoirräume in einem gemeinsamen
Überlagerungsbereich auf. Die Reservoirräume sind durch aktive Elemente begrenzt und
sind befähigt, eine gemeinsame Reaktionskammer auszubilden.
[0020] Die aktiven Elemente sind als Quellmittelbarrieren oder flüssigkeitslösliche Barrieren
ausgeführt. Im Falle der Ausbildung der aktiven Elemente als Quellmittelbarrieren
würde durch eine Flüssigkeitsaufnahme eine Volumenzunahme des aktiven Elements erfolgen,
wodurch der Kanal, welcher das aktive Element enthält, immer weiter verengt wird,
bis es infolge einer vollständigen Ausfüllung des Kanalquerschnitts zu einem Strömungsabriss
im Kanal und mithin zu einer Unterbindung der Strömung kommt. Das als Quellmittelbarriere
ausgeführte aktive Element wird dabei in einem getrockneten Zustand in den Kanal des
mikrofluidischen mikromechanischen Systems eingebracht. Nach erfolgter Volumenzunahme
der Quellmittelbarriere durch Flüssigkeitsaufnahme verbleibt die Quellmittelbarriere
im gequollenen Zustand. Das bedeutet, dass nach Volumenzunahme keine Entquellung stattfindet,
wodurch die Quellmittelbarriere nur eine einmalige Aktivierung durch die Flüssigkeitsaufnahme
erfährt. Dies ist insbesondere vorteilhaft, wenn die Quellmittelbarriere als Schließelement
ausgeführt ist, beispielsweise um die Reaktionskammer gegen nachfließende Flüssigkeiten
abzuschotten.
[0021] Bei der Ausführung der aktiven Elemente als flüssigkeitslösliche Barriere wird durch
die Benetzung der Barriere mit der Flüssigkeit im Kanal eine Auflösung dieser Barriere
erzielt. Dadurch kommt es bei fortschreitender Auflösung der Barriere zu einem Ansteigen
der Durchströmung des Kanalquerschnitts und infolgedessen zur Ausbildung einer Strömung
der Flüssigkeit durch den Kanal. Die Grundlage dafür, dass ein sich auflösendes Element
als aktives Element aufgefasst wird, liegt in seinem Funktionsprinzip begründet. Die
Tragfähigkeit bzw. mechanische Nachgiebigkeit eines Bauelementes kann durch Veränderung
(a) des E-Moduls des Bauelementmaterials oder (b) seines Querschnitts verändert werden.
Im Fall der auflösenden Elemente wird (b) als Grundlage der aktiven Funktion genutzt.
Hier erfüllt das auflösbare aktive Element die Funktion eines Öffnerventils, sobald
das Steuersignal "Flüssigkeit" anliegt.
[0022] In dem Überlagerungsbereich des ersten und zweiten Kanalsystems ist eine aktive Membran
zwischen dem ersten und zweiten Kanal angeordnet, wodurch die gemeinsame Reaktionskammer
in einen ersten Reservoirraum und in einen zweiten Reservoirraum unterteilt wird.
Dadurch wird eine Separierung der Flüssigkeiten im ersten und zweiten Kanal bewirkt,
weshalb eine ungewollte Flüssigkeitsverlagerung, z.B. infolge einer verzögerten Strömung
einer Flüssigkeit, in einen der beiden Kanäle unterbunden wird. Durch eine verlangsamte
Strömung, beispielsweise infolge einer Blockade, könnte die zweite Flüssigkeit über
die gemeinsame Reaktionskammer in den ersten Kanal eintreten, wodurch eine undefinierte
Durchmischung der ersten und zweiten Flüssigkeit nicht wie gewünscht in der gemeinsamen
Reaktionskammer, sondern bereits im ersten Kanal erfolgen würde. Infolgedessen wären
die so erzeugten, volumetrisch undefinierten Vermischungen für Analysezwecke ungenügend.
Durch die Separierung der beiden Flüssigkeiten mittels einer Membran wird eine unerwünschte
Verlagerung der Flüssigkeiten in den jeweils anderen Reservoirraum unterbunden.
[0023] Unter hilfsenergiefrei wird im Sinne der vorliegenden Erfindung der Verzicht auf
die Zuführung von Energie aus einer externen elektrischen oder thermischen Energiequelle
zu den erfindungsgemäßen aktiven Elementen verstanden. Im Stand der Technik sind mikrofluidische
Elemente bekannt, die sich durch elektrische und thermische Energie aktivieren lassen,
beispielhaft seien hier thermisch oder elektrisch schaltbare Hydrogele genannt.
[0024] Unter einem Überlagerungsbereich wird im Sinne der vorliegenden Erfindung der Teil
zwischen zwei verbindungsfähigen Reservoirräumen, der über eine gemeinsame Wandung
verfügt, verstanden. Innerhalb dieser Mischungszone erfolgt die Durchmischung der
ersten und zweiten Flüssigkeit, die in die Reaktionskammer einströmt.
[0025] Unter einem aktiven Element bzw. einer aktiven Funktion wird vorliegend ein aktives
mechanisch Element bzw. eine aktive mechanische Funktion verstanden.
[0026] In einem Ausführungsbeispiel der Erfindung sind die Quellmittelbarrieren oder flüssigkeitslöslichen
Barrieren als Ventile ausgeführt. Durch die zeitlich definierbare Quellung oder Auflösung
der Barrieren können die aktiven Elemente Ventilfunktionen innerhalb des mikrofluidischen
mikrochemomechanischen Systems wahrnehmen. Dadurch können die Ventile sowohl Öffner-
(flüssigkeitslösliche Barriere) als auch Schließfunktionen (Quellmittelbarrieren)
ausüben. Aufgrund der zeitlich definierbaren und hilfsenergiefreien Funktionsausübung
eignen sich derartige Ventil bevorzugt für den Einsatz in autarken mikrofluidischen
Systemen. Dabei werden als Öffnerelemente alle aktiven Bauelemente aufgefasst, welche
die Funktion eines Öffnerventils erfüllen. Dies kann geschehen durch (a) Erniedrigung
des E-Moduls bei vernetzten, quellfähigen Polymeren und (b) Auflösen bei flüssigkeitslöslichen
Materialien. Die sich auflösenden Membranen werden ebenfalls als Öffnerelemente aufgefasst
[0027] In einer Ausführungsform der Erfindung ist die Abdeckung als oberer Strukturträger
in einer Anordnung von zumindest zwei Strukturträgern ausgeführt.
[0028] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung ist die Membran zwischen erstem und
zweitem Reaktionsraum aus einem flüssigkeitslöslichen Material ausgeführt. Dadurch
kann die Membran nach Befüllen der ersten und zweiten Reservoirräumen mit den beiden
Flüssigkeiten aufgelöst werden, wodurch die Reservoirräume zur gemeinsamen Reaktionskammer
verbunden werden und in dieser wie beabsichtigt eine Durchmischung der Flüssigkeiten
erfolgen kann. Dies geschieht vorteilhaft dann, wenn die weiteren aktiven Elemente,
welche die Reaktionskammer begrenzen und als quellbare Quellmittelbarrieren ausgeführt
sind, ein Nachströmen der Flüssigkeiten aus den Kanälen in die Reaktionskammer unterbinden.
Durch das Aufquellen der Quellmittelbarrieren wird eine hermetisch abgeschlossene
Reaktionskammer realisiert, welche sich durch jeweils definierte Flüssigkeitsvolumina
in den Reservoirräumen auszeichnet, die dann durch die zeitlich nachgelagerte Auflösung
der Membran miteinander verbunden werden, so dass sich deren Inhalte miteinander vermischen
können. Dabei ist die Membran entsprechend den Bedürfnissen der Anwendung so konfigurierbar,
dass der zeitliche Verlauf der Auflösung eine Vermischung der Flüssigkeiten in der
Reaktionskammer zum gewünschten Zeitpunkt ermöglicht. Das zeitliche Auflöseverhalten
der Membran bei Kontakt mit Flüssigkeit kann dabei sowohl über die Auswahl des Materials
als auch über die Dicke der Membran konstruktiv eingestellt werden. Dies ist insbesondere
vorteilhaft, da damit bei Auftreten von Strömungsverlangsamungen in einem der beiden
Kanäle und eines damit verbundenen retardierten Einströmens in die Reaktionskammer
eine undefinierte Verlagerung der Flüssigkeiten vermieden werden kann. Selbstverständlich
können auch mehr als zwei Kanalsysteme wie beschrieben miteinander verbunden sein,
um Mischungsvorgänge mit mehr als zwei Flüssigkeiten durchzuführen.
[0029] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung ist das aktive Element im Bodenbereich
des zweiten Reservoirraums der Reaktionskammer als Abgabesystem von Wirk- und anderen
Stoffen ausgeführt. Dabei können Wirk- und/oder andere Stoffe im aktiven Element eingebettet
oder fixiert sein, wobei eine Freisetzung dieser Wirk- und/oder anderen Stoffe durch
die aktivierende Umgebungsgröße erfolgt. Dadurch können Wirk- und/oder andere Stoffe,
wie etwa Enzyme, Substrate, Prekursoren, etc., vorab in der Reaktionskammer immobilisiert
und bei Flüssigkeitsgegenwart mobilisiert werden, wobei die zeitliche Freisetzung
der Wirk- und/oder anderen Stoffe wiederum den Anwenderbedürfnissen entsprechend angepasst
werden können. So ist beispielsweise eine Freisetzung nach Aktivierung der die Reaktionskammer
begrenzenden aktiven Elemente möglich, sodass die Wirk- und/oder anderen Stoffe in
das durch die Reaktionskammer definierte Volumen freigesetzt werden. Auch ist es denkbar,
dass die Freisetzung noch vor der Auflösung der Membran erfolgt. Im ersten Fall würde
es zu einer Vermischung der ersten und zweiten Flüssigkeit in der Reaktionskammer
kommen, wobei die zweite Flüssigkeit den Wirk- und/oder anderen Stoffe bereits enthalten
würde. Denkbar wären solche Anwendungen etwa für gezielte Immobilisierungen verschiedener
Substratkonzentrationen in unterschiedlichen Reaktionskammern. Im anderen Fall würde
die Freisetzung in die Reaktionskammer erst nach Vermischen der ersten und zweiten
Flüssigkeit erfolgen. Dies wäre vorteilhaft, wenn zunächst die erste und zweite Flüssigkeit
eine Reaktion durchführen sollen und die Zugabe eines Substrats, etc. erst nach Abschluss
dieser Reaktion möglich ist. Durch die gezielte Immobilisierung der Wirk- und/oder
anderen Stoffe ist eine breite Möglichkeit der Anwendung des mikrofluidischen mikromechanischen
Systems in der Analytik eröffnet. Das Abgabesystem von Wirk- und anderen Stoffen ist
dabei beispielsweise als Depot oder Speicher ausgebildet, welcher durch Flüssigkeitsgegenwart
aktiviert wird. Deshalb kann man es durchaus als aktives Element bezeichnen. Ein solches
Speicherelement könnte auch als Polymernetzwerk ausgeführt sein. Beim Entquellprozess
bzw. Auflösungsprozess durch Flüssigkeitsgegenwart setzt es das Quellmittel und die
darin enthaltenen Substanzen frei.
[0030] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung sind die aktiven Elemente durch Flüssigkeitsgegenwart
als Umgebungsgröße aktivierbar ausgeführt. Dabei ist sowohl eine Änderung des Quellungszustandes
durch Flüssigkeitsaufnahme als auch eine Auflösung des aktiven Elements infolge des
Flüssigkeitskontakts denkbar.
[0031] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung sind die aktiven Elemente die zeitliche
Abfolge sowie das Zeitverhalten der Durchmischung der ersten und zweiten Flüssigkeit
festlegend ausgeführt. Durch die Variation des Aufbaus der aktiven Elemente kann direkt
Einfluss auf das Zeitverhalten der Durchmischung von erster und zweiter Flüssigkeit
genommen werden. Dabei können beispielsweise durch geeignete Auswahl an Materialien
die aktiven Elemente in ihrem Zeitverhalten gesteuert werden. Auch durch die Dimensionierung
der aktiven Elemente kann das Zeitverhalten beeinflusst werden. So können beispielsweise
größer dimensionierte aktive Elemente, welche durch die aktivierende Umgebungsgröße
eine Volumenzunahme erfahren, eine schnellere Unterbindung der Flüssigkeitsströmung
erzielen als vergleichbar kleiner dimensionierte aktive Elemente. Gleichfalls kann
etwa auch bei flüssigkeitslöslichen aktiven Elementen eine verlangsamte Auflösung
infolge größerer Dimensionierung des aktiven Elements gezielt eingestellt werden.
Dadurch kann die zeitliche Abfolge sowohl materialabhängig als auch dimensionsabhängig
gesteuert werden.
[0032] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung bestehen die aktiven Elemente aus
Hydrogelen, die chemisch vernetzt und/oder physikalisch vernetzbar sind. Unter Hydrogelen
wird im Sinne der Erfindung ein Wasser enthaltendes, aber wasserunlösliches Polymer
verstanden, dessen Moleküle chemisch, z. B. durch kovalente Bindungen, oder physikalisch,
z. B. durch Verschlaufen der Polymerketten, zu einem dreidimensionalen Netzwerk verknüpft
sind. Durch eingebaute hydrophile Polymerkomponenten quellen sie in Flüssigkeiten
unter beträchtlicher Volumenzunahme, ohne aber ihren stofflichen Zusammenhalt zu verlieren.
Wesentlich hierbei ist, dass die Hydrogele so ausgebildet sind, dass diese nach Kontakt
mit Flüssigkeiten im gequollenen Zustand verbleiben.
[0033] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung bestehen die aktiven Elemente aus
Hydrogelen, welche ausgewählt sind aus einer Gruppe, welche z.B. Polyacrylamide, Polyvinylalkohole,
Polyacrylate, Hydroxycellulose, Polyvinylpyridine oder Polyglykole (z.B. Polyethylenglykol,
Polypropylenglykol) und deren Derivate umfasst.
[0034] In einer weiteren alternativen Ausführungsform der Erfindung sind die aktiven Elemente
aus unvernetzten Polymeren, Salzen oder organischen Naturstoffen wie Sacchariden ausgeführt.
Dies ist der Fall, wenn die aktiven Elemente als flüssigkeitslösliche Barrieren ausgeführt
sind. Dabei können sämtliche Materialien eingesetzt werden, die im getrockneten Zustand
einen Feststoff, Sol-Gel oder dergleichen bilden und bei Kontakt mit einer Flüssigkeit
in Lösung gehen. Die Materialbasis der unvernetzten Polymere kann prinzipiell die
gleiche wie bei den vernetzten Polymeren sein. Während die zu einem dreidimensionalen
Netzwerk vernetzten Polymere als quellbare Quellmittelbarrieren dienen, lösen sich
die gleichen Polymere in der Flüssigkeit auf, wenn sie unvernetzt sind, da die nicht
miteinander verbundenen Polymerketten in Lösung gehen können.
[0035] Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist auch ein Verfahren zur mikrofluidischen
Prozessführung in einem mikrofluidischen mikromechanischen System, wobei eine erste
Flüssigkeit in einen ersten Kanal eingebracht wird, eine zweite Flüssigkeit in einen
zweiten Kanal eingebracht wird und eine Vermischung der ersten und zweiten Flüssigkeit
in einer Reaktionskammer, welche im Überlagerungsbereich des ersten und zweiten Kanals
ausgebildet wird, erfolgt, wobei die zeitliche Abfolge der Vermischung der ersten
und zweiten Flüssigkeit in der Reaktionskammer durch aktive Elemente bestimmt wird.
[0036] Die vorbeschriebenen Verfahrensschritte sind insbesondere vorteilhaft zur zeitlichen
Steuerung der Vermischung von zwei Flüssigkeiten in einem mikrofluidischen System.
Durch geeignete Wahl der Parameter kann dadurch anwenderspezifisch die jeweils gewünschte
zeitliche Abfolge von Prozessschritten, wie Vermischung, Auflösung von Barrieren,
Verschluss gewünschter Kanalabschnitte mittels Quellmittelbarrieren, Freisetzung von
Wirk- und/oder anderen Stoffen erzielt werden.
[0037] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung wird die zeitliche Abfolge der Vermischung
der ersten und zweiten Flüssigkeit in der Reaktionskammer durch die aktiven Elemente,
welche flüssigkeitslöslich oder als Quellmittelbarriere ausgeführt sind, bestimmt.
Dadurch kann sowohl ein Unterbinden der Strömung als auch eine Öffnung von Kanalabschnitten
zur Durchströmung mit der ersten oder zweiten Flüssigkeit realisiert werden.
[0038] In einer weiteren Ausführungsform der Erfindung umfasst das Verfahren weiterhin die
Auflösung einer flüssigkeitslöslichen Membran, welche die Reaktionskammer in einen
ersten Reservoirraum und in einen zweiten Reservoirraum unterteilt, durch die erste
und zweite Flüssigkeit vor der Vermischung der ersten du zweiten Flüssigkeit. Durch
die Auflösung der Membran wird die Unterteilung der Reaktionskammer in einen ersten
und in einen zweiten Reaktionsraum aufgehoben, sodass eine Durchmischung der ersten
und zweiten Flüssigkeit, welche im ersten und zweiten Reservoirraum vorhanden sind,
erfolgt.
[0039] Erfindungsgemäß erfolgt die Verwendung des mikrofluidischen mikrochemomechanischen
Systems zur Durchführung von Prozessen auf Basis von Antigen-Antikörper-Reaktionen,
Durchführung von Prozessen auf Basis der Kulturmethode, Kontrolle und/oder Detektion
von Prozessen auf Basis einer Polymerasekettenreaktion und Detektion von Enzymaktivität
eines biochemischen Prozesses. Weitere Anwendungen auf Basis chemischer oder biochemischer
Mischreaktionen sind denkbar.
[0040] Das erfindungsgemäße mikrofluidische mikrochemomechanische System zeichnet sich dadurch
aus, dass es hilfsenergiefrei eine Durchmischung einer ersten und einer zweiten Flüssigkeit
in einer Reaktionskammer mit definierten Volumen und in einer zeitlich steuerbaren
Art und Weise ermöglicht. Zudem können immobilisierte Wirk- und /oder andere Stoffe
zeitgesteuert freigesetzt werden und so Reaktionen in der Reaktionskammer ermöglichen.
[0041] Die vorbenannten erfindungsgemäßen Ausführungsformen sind geeignet. die Aufgabe zu
lösen. Dabei sind auch Kombinationen der offenbarten Ausführungsformen zur Lösung
der Aufgabe geeignet. Bevorzugte Weiterbildungen der Erfindung ergeben sich aus den
Kombinationen der Ansprüche oder einzelner Merkmale davon.
[0042] Nachfolgend soll die Erfindung anhand einiger Ausführungsbeispiele und der zugehörigen
Figuren eingehender erläutert werden. Die Ausführungsbeispiele sollen die Erfindung
beschreiben ohne sich auf diese zu beschränken.
[0043] Es zeigen die
Fig. 1 eine Draufsicht auf ein erfindungsgemäßes mikrofluidisches mikrochemomechanisches
System, in
Fig. 2a eine Draufsicht auf eine Stufe des in Fig. 1 dargestellten mikrochemomechanischen
Systems, in
Fig. 2b eine Querschnittsansicht der in Fig. 2a dargestellten Stufe, in
Fig. 3a eine Draufsicht auf eine Stufe eines weiteren erfindungsgemäßen mikrofluidischen,
mikrochemomechanischen Systems, in
Fig. 3b eine Querschnittsansicht der in Fig. 3a dargestellten Stufe, in
Fig. 4 eine Darstellung eines weiteren erfindungsgemäßen mikrofluidischen mikrochemomechanischen
Systems mit einer 48x48-Mischungsmatrize, in
Fig. 5a eine Draufsicht auf einen 2x2-Ausschnitt aus der Matrize von Fig. 4, in
Fig. 5b eine Querschnittsansicht eines in Fig. 5a dargestellten Matrizenausschnitts,
in
Fig. 5c eine Querschnittsansicht einer alternativen Ausgestaltung eines in Fig. 5a
dargestellten Matrizenausschnitts, in
Fig. 6a ein Diagramm zur Darstellung der Abhängigkeit des kooperativen Diffusionskoeffizienten
von Quellmittelbarrieren auf Basis von Natriumacrylat-Hydrogelen in Abhängigkeit von
deren normierter Vernetzerkonzentration, in
Fig. 6b ein Diagramm zur Darstellung der Abhängigkeiten der Schließzeit und der Druckbeständigkeit
von Quellmittelbarrieren auf Basis von Natriumacrylat-Hydrogelen in Abhängigkeit von
deren normierter Vernetzerkonzentration, in
Fig. 6c ein Diagramm zur Darstellung der Abhängigkeiten der Schließzeit von Quellmittelbarrieren
auf Basis von Natriumacrylat-Hydrogelen in Abhängigkeit vom Verhältnis des Volumens
des Hydrogelaktors im trockenen Ausgangszustand zum Volumen der Ventilkammer,
Fig. 7a ein Diagramm zur Darstellung der Abhängigkeit der Öffnungszeit von flüssigkeitslöslichen
Barrieren vom verwendeten flüssigkeitslöslichen Material und von der Dicke einer als
Membran ausgeführten Barriere,
Fig. 7b ein Diagramm zur Darstellung der Abhängigkeit der Öffnungszeitzeit von flüssigkeitslöslichen
Barrieren in Form eines Öffnerventils aus PEG 10.000 von der Ventillänge für verschiedene
Strömungsgeschwindigkeiten des Prozessmediums,
Fig. 7c ein Diagramm zur Darstellung der Standardabweichung der Öffnungszeitzeit von
flüssigkeitslöslichen Barrieren in Form eines Öffnerventils aus PEG 6.000 von der
Ventillänge,
Fig. 8a den Verlauf der Fluoreszenzintensität von vier unterschiedlichen Proteinproben
bei 455 nm nach Mischung mit einem Nachweisreagenz über die Zeit,
Fig. 8b eine Kalibriergerade zur Bestimmung der Proteinkonzentration in einer Probe,
Fig. 9a die Fluoreszenzintensität im Falle des Nachweises von Human Serum Albumin
(HSA) als Dreifachbestimmung bei 423 nm nach Mischung mit einem Nachweisreagenz über
die Zeit.
Fig. 9b eine Kalibriergerade zur Bestimmung der Proteinkonzentration von Human Serum
Albumin (HSA) in einer Probe,
Fig. 10 die ermittelte konzentrationsabhängige Fluoreszenzintensität im Falle des
Nachweises von Rinderserumalbumin (BSA) als Dreifachbestimmung bei 470 nm nach Mischung
mit Fluorescamin.
[0044] In einem ersten Ausführungsbeispiel ist in Fig. 1 ein erfindungsgemäßes mikrofluidisches
mikrochemomechanisches System dargestellt, welches als autark und automatisch arbeitender
Mikrofluidikprozessor für äquidistante Langzeituntersuchungen konzipiert ist. Der
Mikrofluidikprozessor in Fig. 1 führt Langzeit-Untersuchungen aus, die aus identischen
analytischen oder anderen Mischungsreaktionen bestehen und die entsprechend eines
definierten Zeitplans wiederholt werden. Äquidistante Untersuchungen gehören zu den
gebräuchlichsten Verfahren der Wissenschaft und Technik. Sie werden unter anderem
zur Kontrolle kritischer Parameter, z. B. dem Monitoring von Bioreaktoren, für die
Enzymanalytik, die Analyse von Wachstumsfaktoren oder die Qualitätskontrolle chemischer
und biologischer Produkte eingesetzt. Der Mikroprozessor in Fig. 1 ist in 192 seriell
verbundene, baugleiche Stufen 1 unterteilt und umfasst insgesamt 2096 aktive Elemente
7 und 384 Reservoirräume 9,10.
[0045] In einem weiteren Ausführungsbeispiel führt eine Stufe 1 (Fig. 2a, 2b) des Mikrofluidikprozessors
sämtliche Schritte der Probenentnahme, Probenpräparation und das einleiten der Mischungsreaktion
komplett selbstständig und energieautark durch. Diese benötigt dazu keinerlei elektrische
Hilfsenergie und prozessiert ausschließlich chemische Information in Form einer binären
Konzentration c der Prozessmedien (c = 0: flüssiges Prozessmedium liegt nicht an;
c = 1: flüssiges Prozessmedium liegt an). Die Funktionsweise der Stufe 1 (Fig. 2a)
ist wie folgt. Die Flüssigkeiten 13 und 14 der beiden Kanäle 3 und 4 erreichen die
Stufe 1, so dass die binäre Konzentration von 0 auf 1 schaltet. Dieses chemische Signal
aktiviert die integrierten aktiven Elemente 7 und stimuliert diese zur Abgabe ihrer
gespeicherten chemischen Energie in Form einer definierten fluidischen Funktion in
einer durch die fluidische Zusammenschaltung vordefinierten zeitlichen Reihenfolge.
Zunächst fluten die Flüssigkeiten die Bestandteile 9,10 der Reaktionskammer 6 im Überlagerungsbereich
5 der Kanäle 3 und 4. Die Schließelemente 7a, zum Beispiel bestehend aus dem Hydrogel
Natriumacrylat, schließen die Ein- und Auslässe der Reservoirräume 9,10 und separieren
sowie dosieren damit die Flüssigkeiten 13,14. Die Schließzeit der Schließelemente
7a ist so gewählt, dass die Reservoirräume 9,10 mit höchster Wahrscheinlichkeit vollständig
mit den Flüssigkeiten 13,14 gefüllt sind. Sie kann beispielsweise 45 s betragen (Verhältnis
Volumen V
gel des Natriumacrylataktors zum Volumen der Reaktionskammer 6 VK 1 : 5,6, siehe auch
Fig. 6c). Nach dem hermetischen Verschluss der Reservoirräume 9,10 löst sich die Membran
7e (Fig. 2b), welche die Reservoirräume 9,10 trennt, auf und verbindet 9,10 zur Reaktionskammer
6. Nun kann durch Vermischung der Flüssigkeiten 13,14 die angestrebte Reaktion stattfinden.
Die Membran 7e, welche beispielsweise als aktive Membran ausgeführt ist, muss mechanisch
so stabil sein, dass diese bei Flutung der Reservoirräume 9,10 nicht signifikant ausgelenkt
wird. Zudem darf ihre Auflöse- bzw. Öffnungszeit nicht zu kurz sein, um ungewolltes,
verfrühtes Vermischen zu vermeiden. Durch Einsatz einer beispielsweise 70µm dicken
aktiven Membran 7e aus unvernetztem Polyvinylalkohol kann eine entsprechende Formstabilität
bei einer Öffnungszeit von 7 min realisiert werden (siehe auch Fig. 7a).
[0046] Während der Befüllung der Reservoirräume 9,10 sind die Öffnerelemente 7b, welche
beispielsweise. aus Polyethylenglykol (PEG) 6000 bestehen, in den Kammer-Bypässen
geschlossen. Sobald 9,10 durch die Schließelemente 7a verschlossen sind, führt der
ansteigende Druck über die Öffnerelemente 7b zu deren Durchbruch. Anschließend lösen
sich die Elemente 7b schnell vollständig auf. Die Öffnerelemente 7b sind essentielle
Elemente für sequentielle Schaltungen mit vielen Stufen bzw. Kaskaden. Ohne diese
müssten die fluidischen Widerstände der Bypasskanäle viel höher als die fluidischen
Widerstände der zu den Reservoirräumen führenden Kanäle gewählt werden. Dies würde
dazu führen, dass durch die sich durch die Reihenschaltung aufsummierenden Bypass-Widerstände
die Anzahl seriell schaltbarer Stufen auf 3 oder 4 begrenzt wäre. Da sich die Öffnerelemente
7b vollständig auflösen, kann der Bypasswiderstand so gering gehalten werden, dass
der die sequentielle Stufenanzahl praktisch nicht mehr limitiert. Das Öffnerelement
7d definiert die Zeit bis zur Aktivierung der nächsten Stufe. Nach Auslösen der Öffnerelemente
7d fluten die Flüssigkeiten 13,14 die nächste Stufe. In diesem Moment schließen die
Schließelemente 7c die Bypässe zu den in Fig. 1 ersichtlichen Zirkulationskanälen
12. Auch bei der Schaltungskombination der Elemente 7c und 7d ist es möglich, den
Druckanstieg über dem Öffnerelement 7d infolge des Verschlusses von 7c zum Öffnen
von 7d auszunutzen. Der in Figur 1 dargestellte Mikroprozessor ist in der Lage, Mischungsreaktionen
in Zeitintervallen von 2min (Öffnerelemente 7d aus Polyethylenglykol 6000 und einer
Elementelänge von 400µm, siehe auch Fig. 7c) autark und automatisch durchzuführen,
er kann aber auch bis zu 16 Tage lang bei autarker und automatischer Durchführung
von Mischungsreaktionen in zwei-Stunden-Intervallen arbeiten (Öffnerelemente 7d aus
PEG 35000 und 1,2 mm Länge).
[0047] Das mikrofluidische mikrochemomechanische System in Fig. 1 besitzt eine zwei-Ebenen-Architektur
(siehe Fig. 2b). Der obere Strukturträger 2a, welcher beispielsweise auch als Abdeckung
fungiert, beinhaltet die Kanalstruktur des Kanals 3 für die Flüssigkeit 13, während
der untere Kanalstrukturträger 2b die Kanalstruktur des Kanals 4 für die Flüssigkeit
14 trägt. Beide Strukturträger haben beispielsweise ein vergleichbares Design, welches
im Wesentlichen gespiegelt sein kann. Die Kanäle 3 und 4 sind für das in Fig. 1 dargestellte
Beispiel 800 µm breit und 140 µm hoch. Die Bypasskanäle 8 sind 400µm breit und 140
µm hoch. Die quadratischen Rauten für die Schließelemente besitzen ein Volumen von
1000 x 1000 x 140 µm
3 (7a) bzw. 800 x 800 x 140 µm
3 (7c). Die Konfiguration der aktiven Elemente für die Anordnungen in den Figuren 1
und 2 ist wie folgt: die Dicke der aktiven Membran aus unvernetztem Polyvinylalkohol
ist 70 µm. Die Länge der Öffnerelemente 7b (PEG 6000) ist 400 µm, die Länge der Öffnerelemente
7d (PEG 6000) beträgt 800 µm. Die Natriumacrylat-Aktoren der Schließelemente 7a besitzen
das Trockenvolumen 500 x 500 x 100 µm
3 (Volumenverhältnis V
gel : V
K = 1 : 5,6), die Natriumacrylat-Aktoren der Schließelemente 7c besitzen ein Volumen
von 240 x 240 x 100 µm
3 (Volumenverhältnis V
gel : V
K = 1 : 16).
[0048] In einer alternativen Ausgestaltung des vorbeschriebenen Ausführungsbeispiels wird
das in Fig.1 dargestellte mikrofluidische mikrochemomechanische System in Fig. 1 mit
nur einem Strukturträger 2 und einer unstrukturierten Abdeckung 2a realisiert. Dabei
befinden sich beide Kanalsysteme 3,4 auf demselben Strukturträger 2, d. h., in einer
Ebene. Im Überlagerungsbereich der Kanäle 3,4 ist nun ein Öffnerelement, welches prinzipiell
wie die Öffnerelemente 7b, 7d gestaltet ist, zwischen denn Reservoirräumen 9,10 angeordnet,
welches nach seinem Auflösen die beiden Reservoirräume 9,10 zur Reaktionskammer 6
verbindet.
[0049] In einem weiteren Ausführungsbeispiel bestehen die monolithischen Mikrochips der
mikrofluidischen mikrochemomechanischen Systeme (Fig. 1) vollständig aus Polymeren.
Die Strukturträger 2, welche die Kanalnetzwerke enthalten, bestehen beispielsweise
aus Polydimethylsiloxan (PDMS) und wurden mit der Multilayer-Soft-Lithografie [
D.C. Duffy, J.C. McDonald, O.J.A. Schueller, G.M. Whitesides, Anal. Chem. 70 (1998),
4974-4984] unter Nutzung einer large-area-Replikationstechnologie mit Mastern aus Festresisten
[
A., Richter, G. Paschew, Adv. Mater. 21 (2009), 979-983] gefertigt. Die Multilayer-Soft-Lithografie unter PDMS-Nutzung eignet sich vorrangig
für die Forschung und den Demonstratorbau. Vor allem für die Serienfertigung von der
Strukturträger eignen sich auch andere Herstellungsverfahren wie das Heißprägen und
Spritzgießen von thermoplastischen Polymeren, welche beispielsweise Polystyrol, Polycarbonat,
Olefine wie Cycloolefin, Polyester wie Polyethylenterephthalat umfassen können. Zur
Realisierung der aktiven Elemente 7 werden beispielsweise phasenveränderliche Polymere
verwendet, welche mit einfachen mikrotechnischen Methoden in den Mikrochip integrierbar
sind. Polyethylenglykole werden mit Schablonendruck, Natriumacrylat-Aktoren fotolithografisch
mikrostrukturiert. Die aktiven Membranen aus Polyvinylalkohol lassen sich beispielsweise
mit einer Pick-and-Place-Technologie integrieren.
[0050] In einem weiteren Ausführungsbeispiel erfolgt die Mikrostrukturierung der Natriumacrylat-Aktoren
durch eine fotolithografische Polymerisation. Eine beispielhafte Herstellungsprozedur
basiert auf einer Mischung aus 2 g Natriumacrylat, 0,04g des Vernetzers
N,
N'-Methylenbisacrylamid (BIS), und 0,04g des Fotoinitiators 2-Hydroxy-4'-(2-Hydroxyethoxy)-2-Methylpropiophenon,
alles gelöst in 14 ml destilliertem Wasser. Diese Lösung wird unter Argon-Schutzgasatmosphäre
24 h gerührt. Für die Diskussion in den Figuren 6a und 6b wird diese Stammlösung mit
c
0 referiert. Die Fotopolymerisation erfolgt ebenfalls unter Argon-Schutzgasatmosphäre
entweder direkt in den Kanalstrukturen oder in einer Fotopolymerisationskammer. Die
Qualität und Vernetzungseigenschaften der Natriumacrylat-Aktoren hängen von der Polymerisationszeit,
der Distanz zur Belichtungsquelle, vom Typ der Belichtungsquelle und von der Höhe
der Polymerisationskammer ab.
[0051] In einem weiteren Ausführungsbeispiel werden für die Öffnerelemente 7b und 7d schmelzfähiges
Polyethylenglykol verwendet, welche mit einer Schablonendruck-Technologie strukturierbar
sind. Für das Ausführungsbeispiel der Figuren 1 und 2 wurde eine strukturierte Kupfermaske
einer Dicke von 20 µm auf den Strukturträgern 2a,b so platziert, dass deren Öffnungen
an den Sollpositionen der Öffnerelemente 7b,d lagen. Das geschmolzene PEG wird auf
die Kupfermaske gegeben und mit einem Metallrakel verteilt, so dass in den Maskenöffnungen
die Öffnerelemente 7b, 7d in den Strukturträgern 2a, 2b entstehen. Sobald das PEG
die Strukturträger berührt, erkaltet es und härtet aus. Die erzeugten Öffnerelemente
besitzen bereits ihre geometrischen Abmessungen, dichten die Kanäle aber noch nicht
ab. Hermetisch dichte Öffnerventile werden in einem letzten Mikrochip-Fertigungsschritt
erreicht, indem der bereits vollständig gefügte Mikrochip kurzzeitig geringfügig über
die Schmelztemperatur des PEG erwärmt wird. Die PEG-Strukturen schmelzen und verschließen
die Kanäle dicht.
[0052] In einem weiteren Ausführungsbeispiel wird zur Herstellung der aktiven Membranen
7e aus Polyvinylalkohol eine 5%ige Polymerlösung in eine Form gegossen und anschließend
getrocknet. Die Höhe der so erzeugten Membran lässt sich durch die Füllmenge und damit
-höhe der Lösung in der Gießform festlegen.
[0053] In einem weiteren Ausführungsbeispiel ist ein mikrofluidisches mikrochemomechanisches
System in den Fig. 3a und 3b dargestellt. Diese zeigen die Stufe eines weiteren Mikroprozessors,
der ebenfalls aus sequentiell geschalteten Stufen besteht. Hier besitzen die Stufen
die Aufgabe, mehrere Mischungsreaktionen mit unterschiedlichen Verhältnissen gleichzeitig
durchzuführen. Die simultane Durchführung von Untersuchungen mit verschiedenen Volumenverhältnissen
von Probe und Analyt bzw. einfach zwei Chemikalien ermöglicht u.a. die Bestimmung
von Reaktionskinetiken, beispielsweise die Bestimmung einer Enzymaktivität.
[0054] In einem weiteren Ausführungsbeispiel wird die Funktionsweise der in den Figuren
3a und 3b dargestellten Stufe wird anhand der Untersuchung einer Enzymkinetik erläutert.
Durch den Zuführungskanal 3, welcher beispielsweise 800 µm breit und 140 µm hoch ausgeführt
ist, wird eine Flüssigkeit zugeleitet, welche das interessierende Enzym, beispielsweise
Laccase, eine Polyphenoloxidase des Pilzes
Trametes versicolor, enthält. Durch das zunächst geschlossene Öffnerelement 7d ist das Medium gezwungen,
die fünf parallelen Kanalstrukturen, welche beispielsweise eine Breite 400 mm, Höhe
140 µm aufweisen, mit Reservoirräumen 9 zu fluten. Nach Verschluss der Reservoirräume
durch die Schließelemente 7a, welche beispielsweise für diequadratischen Ventilrauten
Abmessungen von 700 x 700 x 140 µm
3 oder für die trockenen Natriumacrylataktoren Abmessungen von 300 x 300 x100 µm
3 aufweisen, bei einem Volumenverhältnis
VGel :
VK = 1 : 7,6 für eine Schließzeit von 1 min,) fließt zunächst das Prozessmedium über
den Bypass 8 in Richtung des als Abfluss fungierenden Zirkulationskanal 12. Dies geschieht
so lange, bis das Öffnerelement 7d, welches aus PEG 6000 ausgeführt ist und eine Länge
von aufweist, geöffnet hat und das Medium im Kanal 3 zur nachfolgenden Stufe fließen
kann. Jede der nunmehr hermetisch geschlossenen Reaktionskammern enthält nun ein der
Größe des Reservoirraums 9 entsprechendes Volumen an enzymhaltigem Prozessmedium.
Darüber hinaus verfügt jeder Reservoirraum 9 im Bodenraum über ein Depot 11, in welchem
bereits bei der Mikrochipherstellung ein Analyt in Form eines getrockneten, flüssigkeitslöslichen
aktiven Elementes 7f eingebracht wurde. Das analythaltige aktive Element 7f besteht
dabei beispielsweise aus getrocknetem, immobilisiertem Substrat 2,2'-Azino-bis(3-ethylbenzthiazoline-6-sulfonic
acid) in einem Malonatpuffer. Die Gegenwart des wässrigen Prozessmediums lässt das
Substrat in Lösung gehen und die Mischungsreaktionen starten. Die Reservoirräume 9
und die darin befindlichen Depots 11 repräsentierten beispielsweise Volumenverhältnisse
von Probe zu Analyt von 1:3, 1:2, 3:1, 2:1 und 1:1.
[0055] In einem weiteren Ausführungsbeispiel ist in Fig. 4 ein erfindungsgemäßes mikrofluidisches
mikrochemomechanisches System vorgestellt, welches als autark und automatisch arbeitender
hochparalleler Mikrofluidik-[NxM]-Matrix-Prozessor jegliche mögliche Kombination von
N in Zeilen organisierten mit M in Spalten organisierten Chemikalien realisiert. In
Fig. 1 ist ein [48x48]-Matrix-Prozessor dargestellt. Ein beispielhaftes Anwendungsszenario
eines solchen [48x48]-Matrix-Prozessors ist das parallele Untersuchen von 48 Proben
nach 48 Parametern, wie etwa zu Screening-Zwecken. Der Vorteil derartiger Matrix-Prozessoren
besteht darin, dass alle Untersuchungen zum gleichen Zeitpunkt bei exakt gleichen
Konditionen durchgeführt werden. Die massiv parallele Durchführung der Tests bringt
zudem die Vorteile der Hochintegration zum Tragen, so dass Untersuchungsreihen, die
typischerweise Tage oder Wochen dauern, in Stunden durchführbar sind. Der [48x48]-Matrix-Prozessor
führt 2304 Untersuchungen gleichzeitig und vollautomatisch durch. Er verfügt insgesamt
über 2401 Schließelemente 7a und 2304 aktive Membranen 7e. Seine Funktionsweise wird
nachfolgend anhand der Figuren 5a und 5b für einen [4 x 4]-Matrixausschnitt und eine
Beispielkonfiguration erklärt.
[0056] In die Zeilenkanäle 15 und 16 sowie die Spaltenkanäle 17 und 18 werden gleichzeitig
und mit gleicher Flussrate Flüssigkeiten, in den Zeilenkanälen 15 und 16 beispielsweise
Probenflüssigkeiten, in den Spaltenkanälen 17 und 18 beispielweise Analyte, eingebracht.
Die Flüssigkeiten der Zeilenkanäle 15, 16 fluten die Reservoirräume 9, die Flüssigkeiten
der Spaltenkanäle 17,18 fluten gleichzeitig die Reservoirräume 10. Die Schließelemente
7a verschließen nach ca. 1 min die Reservoirräume hermetisch, wobei die Abmessungen
der quadratischen Ventilrauten 700 x 700 x 140 µm
3 und die Abmessungen der trockenen Natriumacrylataktoren 300 x 300 x100 µm
3 bei einem Volumenverhältnis
VGel :
VK = 1 : 7,6 ist. Bei der Dimensionierung der Schließventile 7a ist darauf zu achten,
dass diese erst dann schließen, wenn alle Reservoirräume vollständig geflutet sind.
Nach dem hermetischen Verschließen der Schließelemente 7a lösen sich die aktiven Membranen
7e innerhalb von ca. 3 min auf, wobei die Membranen beispielweise aus Polyvinylalkohol
mit einer Dicke von 50 µm ausgeführt sind,wobei die 2 x 2 = 4 möglichen Mischungsreaktionen
gleichzeitig stattfinden .
[0057] In einem weiteren Ausführungsbeispiel wird in Fig. 5c verdeutlicht, dass man durch
Einfügen weiterer fluidischer Ebenen in jedem Matrixpunkt mehr als zwei Flüssigkeiten
miteinander vermischen kann. Im dargestellten Beispiel wird ein weiterer mittlerer
Strukturträger 2c in den Gesamtaufbau integriert, welcher über eine gleichartige Konfiguration
aktiver Elemente 7a, 7e verfügt wie die beiden anderen Strukturträger 2a, 2b. Durch
diese einfache Stapelung von drei Strukturträgern ist es möglich, drei Reservoirkammern
9,10,19, die durch verschiedene Kanäle 16,18,21 gespeist werden, zu einer Reaktionskammer
6 zu vereinen und so in einem Matrixpunkt drei Flüssigkeiten miteinander zu vermischen.
[0058] In einem weiteren Ausführungsbeispiel zeigen die Figuren 6a, 6b und 6c Möglichkeiten
auf, die Parameter der Schließelemente 7a, 7c, insbesondere die Schließzeit und die
Druckresistenz, durch Materialwahl und konstruktive Parameter vorzudefinieren. Figur
6a verdeutlicht, dass die Schließzeit durch die Hydrophilie bzw. den kooperativen
Diffusionskoeffizienten des ausgewählten Materials voreingestellt werden kann. Zwei
Hydrogeltypen lassen sich unterscheiden, neutrale Hydrogele und polyelektrolytische
Hydrogele. Neutrale Hydrogele wie vernetztes Polyacrylamid, Poly(
N-Isopropylacrylamid), Polymethylvinylether, Polyvinylalkohol oder Polyethylenglykol
besitzen kooperative Diffusionskoeffizienten
Dcoop in der Größenordnung von 10
-7 cm
2s
-1. Diese Hydrogele sind prädestiniert als Materialbasis für relativ langsame Schließelemente
mit Schließzeiten im Minuten- oder Stundenbereich. Polyelektrolytische Hydrogele,
welche ionisierbare Gruppen, z.B. Säure- oder Basegruppen, enthalten, besitzen aufgrund
zusätzlicher inter- und intramolekularer elektrostatischer Wechselwirkungen, welche
expansiv wirken, kooperative Diffusionskoeffizienten in der Größenordnung von 10
-7 bis 10
-5 cm
2s
-1. Polyelektrolytische Hydrogele, welche als Superabsorber genutzt werden, besitzen
den größten
Dcoop. Zu ihnen zählt das Hydrogel Natriumacrylat. Wie Fig. 6a zeigt, hängt
Dcoop von Natriumacrylat von den Vernetzungsbedingungen ab. Je mehr Vernetzer
N,
N'-Methylenbisacrylamid (BIS) verwendet wird, umso größer ist der kooperative Diffusionskoeffizient
und umso schneller quillt das Hydrogel. Ab einer normierten Konzentration von
c /
c0 = 7 verringert sich der Einfluss des Vernetzergehalts signifikant. Figur 6b illustriert,
dass die Schließzeit eines Natriumacrylat-Schließelements mit zunehmender Vernetzerkonzentration
zunimmt. Dies ist kein Widerspruch zur Aussage von Fig. 6a. Das Hydrogel ist trotz
höherem
Dcoop effektiv langsamer, da ein höherer Vernetzergehalt zu einer höheren Vernetzerdichte
des Hydrogels führt. Die höhere Vernetzerdichte führt andererseits zu mechanisch stabileren
Hydrogelen, sodass die Druckfestigkeit der Schließelemente mit zunehmendem Vernetzergehalt
bzw. zunehmender Vernetzungsdichte der Natriumacrylat-Aktoren zunimmt. Neben den chemischen
Parametern lässt sich die Schließzeit der Schließelemente auch durch eine konstruktive
Größe, nämlich das Verhältnis des Trockenvolumens des Natriumacrylathydrogel-Aktors
zum Reaktionskammervolumen des Schließelementsitzes einstellen (Fig. 6c).
[0059] Die Öffnungszeiten von Öffnerelementen 7b, 7d und 7e lassen sich ebenfalls durch
die Materialwahl voreinstellen (Fig. 7a). Es gilt, je hydrophiler das gewählte wasserlösliche
Polymer, umso schneller löst sich das aktive Element auf. Von großer Bedeutung für
die Öffnungszeit ist ein konstruktiver Parameter: die Dicke der aktiven Membranen
(Fig. 7a) bzw. die Länge der Öffnerelemente (Fig. 7b). Für Membranen eignen sich vorteilhaft
Polymere mit einer hohen Glastemperatur. Diese Polymere sind mechanisch stabil und
es lassen sich dünne, biegesteife Membranen herstellen. Geeignete Kandidaten mit Glastemperaturen,
welche erheblich höher als die Raumtemperatur liegen, sind z.B. Polyvinylalkohol (
Tg = 85 °C), Hydroxypropylcellulose (
Tg = 105 °C) und Polyacrylsäure (
Tg = 105°C. Für die Öffnerelemente 7b und 7d, welche nicht auf Durchbiegung beansprucht
werden, können auch bedeutend weichere Materialien, z.B. Polyethylenglykol, verwendet
werden. Im Gegensatz zu Schließelementen besitzt die Strömungsgeschwindigkeit der
vorbei fließenden Flüssigkeit bedeutenden Einfluss auf die Öffnungszeit von Öffnerelementen.
Wie Fig. 7b verdeutlicht, öffnen Öffnerelemente bei stagnierender Flüssigkeit sehr
langsam. In diesem Fall können sich vor dem Öffnerelement Sättigungszonen aus gelöstem
Polymer ausbilden, welche den weiteren Auflöseprozess des Polymers beeinträchtigen.
Mit zunehmender Strömungsgeschwindigkeit werden diese Sättigungszonen zerstört und
das Polymer löst sich schneller auf. Fig. 6c demonstriert am Beispiel eines PEG 6000
Öffnerelements, dass die Standardabweichung von aktiven Elementen 7 bereits mit einfachen
mikrotechnischen Labor-Herstellungsmethoden sehr gering gehalten werden kann.
[0060] In einem weiteren nicht näher dargestellten Ausführungsbeispiel wird ein enzymatischer
Test zur Bestimmung des Harnsäuregehalts beschrieben. Der Harnsäuregehalt in Serum
oder Urin gibt Rückschlüsse über den Abbau von Purinbasen und wird bei beispielsweise
bei Verdacht auf Gicht, Überwachung bei zellzerstörenden Prozessen sowie Steinleiden
eingesetzt. Die empfohlene Obergrenze für Männer liegt bei 416 µmol/l.
[0061] Der Test wird als gekoppelter Enzymtest durchgeführt, bei dem Harnsäure durch die
Uricase oxidiert wird. Dabei entsteht Wasserstoffperoxid, welches mit einer Peroxidase
(HRP) nachgewiesen werden kann.
Harnsäure + O
2 + 2 H
2O → Allantoin + CO
2 + H
2O
2 Uricase
Substrat
red + H
2O
2 → Substrat
oxd + H
2O + h*v HRP
[0062] Im mikrofluidischen Chip wird zunächst das Substrat Amplex Red (5 mM in DMSO) mit
dem 99-fachen Volumen einer Enzymlösung (0,1 M Tris/HCl, pH 7,4; 0,2 U/ml Uricase;
0,2 U/ml HRP) gemischt und in eine Stufe 1 des mikrofluidischen, mikrochemomechanischen
Systems eingebracht. Die entstandene Reaktionslösung wird anschließend über den zweiten
Kanal 4 in den zweiten Reservoirraum eingebracht, während der erste Reservoirraum
9 mit dem gleichen Volumen der zu untersuchenden Probe (enthält 0 - 100 µM Harnsäure)
über den ersten Kanal 3 gefüllt wird. Die lösliche Membran 7e, die beide Reservoirräume
9,10 voneinander trennt, löst sich infolge des Flüssigkeitskontakts auf, wodurch die
Reaktionskammer 6 ausgebildet wird und die Reaktionspartner vermischt werden. Bei
einer Reaktionstemperatur von 37°C finden nun die enzymatischen Umsetzungen statt.
Nach 5 min Reaktionszeit kann nach Anregung mit Licht (530 nm) eine Fluoreszenz bei
590 nm detektiert werden. Die Konzentration kann über eine entsprechende Kalibrierung
aus der Intensität der Fluoreszenz berechnet werden.
[0063] In einem weiteren Ausführungsbeispiel wird ein Proteinnachweis mit ortho-Phthalaldehyd
(OPA) beschrieben. Hierbei wird das Protein mit dem Nachweisreagenz OPA unter Beteiligung
einer thiolhaltigen Komponente, wie beispielsweise
β-Mercaptoethanol, umgesetzt. Dabei entsteht ein Fluorophor, welches leicht nachgewiesen
werden kann.
ortho-Phthalaldehyd + Protein + β-Mercaptoethanol → Fluorophor
[0064]

[0065] Zur Durchführung des Verfahrens in dem mikrofluidischen Chip werden 100
µl der Nachweisreagenz (6 µg/ml OPA; 0,1 M Phosphatpuffer, pH 7,4; 0,05 Vol% β-Mercaptoethanol)
in den ersten Reservoirraum 9 gefüllt, während 100
µl der zu untersuchenden Probe, wie z.B. ein 5-fach verdünntes Serum, in den anderen
Reservoirraum 10 geleitet wird. Beide Reservoirräume 9,10 weisen dabei das gleiche
Volumen auf. Sobald sich die lösliche Membran 7e zwischen den beiden Reservoirräumen
9,10 infolge des Flüssigkeitskontakts aufgelöst hat und sich die Komponenten vermischt
haben, kommt es zur Reaktion. Nach 2-3 Minuten kann das resultierende Signal aus der
Reaktionskammer 6 ausgelesen werden. Dazu wird Licht mit einer Wellenlänge von 340
nm eingestrahlt und die ausgestrahlte Fluoreszenz bei 455 nm detektiert (
JW. Viets, WM. Deen, JL. Troy and BM. Brenner, Analytical Biochemistry 88, 513-521
(1978). Zur Detektion wurde ein Microplate Reader Infinite M200 (TECAN Group Ltd., Schweiz)
eingesetzt.
[0066] Die Fig. 8a und 8b zeigen den zeitabhängigen Verlauf der detektierten Fluoreszenzintensität
von vier Proben bei einer Wellenlänge von 455 nm. Die entsprechende Proteinkonzentration
(Fig. 8a) kann dabei aus einer Kalibriergeraden (Fig. 8b) auf Basis von BSA als Refernzprotein
ermittelt werden.
[0067] In einem Ausführungsbeispiel (Fig. 9a und 9b) wird der Nachweis von Myoglobin in
Blut beschrieben. Dabei werden Antikörper in der Reaktionskammer 6 immobilisiert.
Danach wird die Probe in die mit einem Antikörper (Anti-Myoglobin) beschichtete Reaktionskammer
6 eingebracht und 1 Stunde bei RT (Raumtemperatur) inkubiert. Anschließend wird mit
einer Waschlösung (137 mM Natriumchlorid, 2,7 mM Kaliumchlorid, 12 mM Phosphatpuffer,
pH 7,4, 0,05 % Tween 20) gewaschen. Danach wird die Antikörperlösung (Anti-myoglobin-HRP
oder Anti-Myoglobin-GFP) zugegeben und 1 Stunde bei RT inkubiert. Anschließend wird
wieder mit der Waschlösung gewaschen. Schließlich kann das Signal direkt ausgelesen
werden (GFP 475/530 nm) oder es muss nun die Reaktionslösung (0,1 M Tris/HCl, pH7,5,
10 µM H
2O
2, 50 µM Amplex Red) zugegeben werden, um das entstehende Signal auszulesen (Amplex
Red Ex: 530 nm Em: 590 nm). Die Zuführung der Waschlösung kann dabei über den ersten
oder zweiten Kanal 3,4 erfolgen.
[0068] Zur Durchführung des Nachweises von Human Serum Albumin (HSA) in dem mikrofluidischen
Chip werden 100
µl der Nachweisreagenz (2
µM ECR-Lösung; 0,02% (m/v) PVA; 20 mM Natriumacetatpuffer; PH 4,6) in den ersten Reservoirraum
9 gefüllt, während 100
µl der zu untersuchenden Serumprobe (1:100 verdünnt) in den anderen Reservoirraum 10
geleitet wird. Beide Reservoirräume 9,10 weisen dabei das gleiche Volumen auf. Sobald
sich die lösliche Membran 7e zwischen den beiden Reservoirräumen 9,10 infolge des
Flüssigkeitskontakts aufgelöst hat und sich die Komponenten vermischt haben, kommt
es zur Reaktion. Nach einer Inkubation von 10 Minuten kann das resultierende Signal
aus der Reaktionskammer 6 ausgelesen werden. Dazu wird Licht mit einer Wellenlänge
von 308 nm eingestrahlt und die ausgestrahlte Fluoreszenz bei 423 nm detektiert (
Yun-Xiang Ci* and Lie Chen , Analyst (1988), Vol 113, pp. 679). Zur Detektion wurde ein Microplate Reader Infinite M200 (TECAN Group Ltd., Schweiz)
eingesetzt.
[0069] Die Fig. 9a zeigt den zeitabhängigen Verlauf der detektierten Fluoreszenzintensität
von einer Dreifachbestimmung einer HSA-Probe (0,3 mg/ml) bei einer Wellenlänge von
423 nm. Die Reaktion erreicht nach ca. 15 Minuten ein stabiles Intensitätsmaximum
bei ca. 1500. Die entsprechende Proteinkonzentration kann dabei aus einer Kalibriergeraden
auf Basis von BSA als Referenzprotein ermittelt werden. Die Fig. 9a zeigt die ermittelte
Fluoreszenzintensität im Falle des Nachweises von HSA als Dreifachbestimmung bei 423
nm nach Mischung mit einem Nachweisreagenz über die Zeit (gain: 178). Die entsprechende
Proteinkonzentration der Probe kann über eine Kalibriergerade (Fig. 9b) ermittelt
werden (gain: 100).
[0070] In einem weiteren Ausführungsbeispiel der Erfindung wird ein Proteinnachweis am Beispiel
von Rinderserumalbumin (BSA) mit Fluorescamin beschrieben.
[0071] Fluorescamin reagiert mit Aminosäuren zu Pyrolinonderivaten, die bei einer Wellenlänge
von 395 nm angeregt werden können, wobei ein Fluoreszenzmaximum bei 470 nm detektiert
werden kann.

[0072] Zur Durchführung des Proteinnachweises mit Fluorescamin in dem mikrofluidischen Chip
werden 40
µl Fluorescamin in DMSO in 100
µl Borsäurepuffer (0,05 M; pH 9,5) in den ersten Reservoirraum 9 gefüllt, während 10
µl der zu untersuchenden Serumprobe (1:100 verdünnt) in den anderen Reservoirraum 10
geleitet wird. Beide Reservoirräume 9,10 weisen dabei ein unterschiedliches Volumen
auf. Sobald sich die lösliche Membran 7e zwischen den beiden Reservoirräumen 9,10
infolge des Flüssigkeitskontakts aufgelöst hat und sich die Komponenten vermischt
haben, kommt es zur Reaktion. Nach einer Inkubation von 2 bis 3 Minuten kann das Signal
aus der Reaktionskammer 6 ausgelesen werden. Dazu wird Licht mit einer Wellenlänge
von 395 nm eingestrahlt und die ausgestrahlte Fluoreszenz bei 470 nm detektiert. Zur
Detektion wurde ein Microplate Reader Infinite M200 (TECAN Group Ltd., Schweiz) eingesetzt.
[0073] Die Fig. 10 zeigt die ermittelte konzentrationsabhängige Fluoreszenzintensität von
einer Dreifachbestimmung einer BSA-Probe bei einer Anregungswellenlänge von 395 nm.
Die Fluoreszenzintensität steigt mit steigender Konzentration an BSA an. Der Nachweis
von Rinderserumalbumin (BSA) erfolgt dabei als Dreifachbestimmung bei 470 nm nach
Mischung mit Fluorescamin (gain: 80).
Bezugszeichenliste
[0074]
- 1
- Stufe eines mikrofluidischen, mikrochemomechanischen Systems
- 2
- Strukturträger
- 2a
- Abdeckung/oberer Strukturträger
- 2b
- unterer Strukturträger
- 2c
- mittlerer Strukturträger
- 3
- erster Kanal
- 4
- zweiter Kanal
- 5
- Überlagerungsbereich
- 6
- Reaktionskammer
- 7
- aktives Element
- 7a
- Schließelement
- 7b
- Öffnerelement
- 7c
- Schließelement
- 7d
- Öffnerelement
- 7e
- aktive Membran
- 7f
- aktives Wirk- oder andere Stoffe abgebendes Element
- 8
- Bypass
- 9
- erster Reservoirraum
- 10
- zweiter Reservoirraum
- 11
- Depot
- 12
- Zirkulationskanal
- 13
- erste Flüssigkeit
- 14
- zweite Flüssigkeit
- 15
- Zeilenkanal 1
- 16
- Zeilenkanal 2
- 17
- Spaltenkanal 1
- 18
- Spaltenkanal 2
- 19
- dritter Reservoirraum
- 20
- Spaltenkanal 3
- 21
- Spaltenkanal 4
1. Mikrofluidisches mikrochemomechanisches System zur volumetrisch definierten Durchmischung
einer ersten mit zumindest einer zweiten Flüssigkeit in definierten Zeitabläufen mit
integrierten aktiven Elementen (7), welche hilfsenergiefrei durch beeinflussbare Umgebungsgrößen
aktivierbar und durch die Änderung ihres Quellungszustandes oder ihrer mechanischen
Eigenschaften aktive Funktionen bewirkend, ausgeführt sind, wobei die aktiven Elemente
(7) als Quellmittelbarrieren oder flüssigkeitslösliche Barrieren ausgeführt sind,
umfassend
- zumindest einen Strukturträger (2) mit zumindest einem ersten Kanal (3) für die
erste Flüssigkeit,
- eine Abdeckung (2a), welche den Strukturträger (2) zumindest teilweise abdeckt,
und
- zumindest einen zweiten Kanal (4) für die zweite Flüssigkeit, wobei der zweite Kanal
(4) auf dem Strukturträger (2) oder der Abdeckung (2a) angeordnet ist,
wobei die Kanäle (3,4) jeweils durch aktive Elemente (7) begrenzte Reservoirräume
(9,10,19) ausbilden, die so angeordnet sind, dass sie zueinander mindestens einen
Überlagerungsbereich (5) aufweisen und zusammen eine Reaktionskammer (6) bilden, wobei
im Überlagerungsbereich (5) des ersten und zweiten Kanals (3,4) eine aktive Membran
(7e) zwischen dem ersten und zweiten Kanal (3,4) angeordnet ist, wodurch die Reaktionskammer
(6) in einen ersten Reservoirraum (9) und in einen zweiten Reservoirraum (10) unterteilt
wird.
2. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass weitere Kanäle (16,18,21) vorgesehen sind, wobei in den Überlagerungsbereichen (5)
von mehr als zwei Kanälen (16,18,21) Membranen (7e) zwischen den zu den Kanälen (16,18,21)
gehörenden Reservoirräumen (9,10,19) angeordnet sind, welche die Reaktionskammer (6)
bilden.
3. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der Ansprüche 1 oder 2, dadurch gekennzeichnet, dass die Membranen (7e) zwischen erstem, zweitem und gegebenenfalls weiteren Reservoirräumen
(9,10,19) aus einem flüssigkeitslöslichen Material ausgeführt sind.
4. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass eine Reaktionskammer (6), umfassend mindestens einen ersten Reservoirraum (9) und
einen zweiten, als Depot (11) fungierenden Reservoirraum, wobei im Depot (11) ein
aktives Element (7f) angeordnet ist, aufweist.
5. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach Anspruch 4, dadurch gekennzeichnet, dass das aktive Element (7f) im Bodenbereich des Depots (11) als Abgabesystem von Wirk-
und/oder anderen Stoffen ausgeführt ist.
6. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass die aktiven Elemente (7) durch Flüssigkeitsgegenwart als Umgebungsgröße aktivierbar
ausgeführt sind.
7. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass die aktiven Elemente (7) durch eine geeignete Auswahl an Materialien oder durch ihre
Dimensionierung oder durch eine geeignete Kombination aus den Vorgenannten die zeitliche
Abfolge sowie das Zeitverhalten der Durchmischung verschiedener Flüssigkeiten (13,14)
festlegend ausgeführt sind.
8. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, dass die aktiven Elemente (7) aus Hydrogelen bestehen, die chemisch vernetzt und/oder
physikalisch vernetzbar sind.
9. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach Anspruch 8, dadurch gekennzeichnet, dass die aktiven Elemente (7) aus Hydrogelen bestehen, welche ausgewählt sind aus einer
Gruppe vernetzter Polymere, bevorzugt Polyacrylamide, Polyvinylalkohole, Polyacrylate,
Hydroxycellulose, Polyvinylpyridine oder Polyglykole, wie Polyethylenglycol, Polypropylenglycol
und deren Derivate.
10. Mikrofluidisches mikromechanisches System nach einem der Ansprüche 1 bis 7, dadurch gekennzeichnet, dass die aktiven Elemente (7) aus unvernetzten Polymeren, Salzen oder organischen Naturstoffen
wie Sacchariden ausgeführt sind.
11. Verfahren zur mikrofluidischen Prozessführung in einem mikrofluidischen mikromechanischen
System nach einem der Ansprüche 1 bis 10 umfassend die Schritte:
- Einbringen einer ersten Flüssigkeit (13) in einen ersten Kanal (3) und in einen
ersten Reservoirraum (9),
- Einbringen einer zweiten Flüssigkeit (14) in einen zweiten Kanal (4) und in einen
zweiten Reservoirraum (10),
- Verschließen und Separieren der Reservoirräume (9,10) durch aktive Elemente (7a),
welche als Quellmittelbarriere ausgeführt sind, und damit verbunden das Quantifizieren
der Flüssigkeitsvolumina (13,14) in den Reservoirräumen (9,10)
- Zusammenschaltung der Reservoirräume (9,10) zur Reaktionskammer (6) durch Öffnen
des aktiven Elements (7e) im Überlagerungsbereich (5) des ersten und zweiten Kanals
(3,4), darauf folgend die Vermischung einer ersten und einer zweiten Flüssigkeit (13,14)
in der Reaktionskammer (6), welche im Überlagerungsbereich (5) des ersten und zweiten
Kanals (3,5) ausgebildet wird, wobei die zeitliche Abfolge der Vermischung der ersten
und zweiten Flüssigkeit (13,14) in der Reaktionskammer (6) durch die Eigenschaften
des aktiven Elements (7e) bestimmt wird.
12. Verfahren nach Anspruch 11, dadurch gekennzeichnet, dass die zeitliche Abfolge der Vermischung der ersten und zweiten Flüssigkeit (13,14)
in der Reaktionskammer (6) durch eine geeignete Auswahl an Materialien oder durch
die Dimensionierung oder durch eine geeignete Kombination aus Materialauswahl und
Dimensionierung der aktiven Elemente (7), welche flüssigkeitslöslich oder als Quellmittelbarriere
ausgeführt sind, bestimmt wird.
13. Verfahren nach Anspruch 11, weiterhin umfassend:
- Auflösung einer flüssigkeitslöslichen Membran (7e), welche die Reaktionskammer (6)
in einen ersten Reservoirraum (9) und in einen zweiten Reservoirraum (10) unterteilt,
durch die erste und zweite Flüssigkeit (13,14) vor der Vermischung der ersten und
zweiten Flüssigkeit (13,14).
14. Verwendung eines mikrofluidischen mikromechanischen Systems nach einem der Ansprüche
1 bis 10 sowie eines Verfahrens nach einem der Ansprüche 11 bis 13 zur Durchführung
von Prozessen auf Basis von Antigen-Antikörper-Reaktionen, Durchführung von Prozessen
auf Basis der Kulturmethode, Kontrolle und/oder Detektion von Prozessen auf Basis
einer Polymerasekettenreaktion und Detektion von Enzymaktivität eines biochemischen
Prozesses.
1. Microfluidic microchemomechanical system for the volumetrically defined mixing of
a first liquid with at least one second liquid in defined time sequences with integrated
active elements (7) which can be activated without auxiliary energy by influenceable
environmental variables and which perform active functions by changing their swelling
state or their mechanical properties, wherein the active elements (7) are designed
as swelling agent barriers or liquid-soluble barriers, the system comprising
- at least one structural support (2) having at least one first channel (3) for the
first liquid,
- a cover (2a) which at least partially covers the structural support (2), and
- at least one second channel (4) for the second liquid, wherein the second channel
(4) is arranged on the structural support (2) or the cover (2a),
wherein the channels (3, 4) each form reservoir spaces (9, 10, 19) delimited by active
elements (7), which reservoir spaces are arranged in such a way that they have at
least one overlapping region (5) and together form a reaction chamber (6), wherein
in the overlapping region (5) of the first and second channels (3, 4) an active membrane
(7e) is arranged between the first and second channels (3, 4), wherein the reaction
chamber (6) is divided into a first reservoir space (9) and into a second reservoir
space (10).
2. Microfluidic micromechanical system according to claim 1, characterised in that further channels (16, 18, 21) are provided, membranes (7e) being arranged between
the reservoir spaces (9, 10, 19) belonging to the channels (16, 18, 21) in the overlapping
regions (5) consisting of more than two channels (16, 18, 21), which membranes form
the reaction chamber (6).
3. Microfluidic micromechanical system according to either claim 1 or claim 2, characterised in that the membranes (7e) between the first, second and optionally further reservoir spaces
(9, 10, 19) are made from a liquid-soluble material.
4. Microfluidic micromechanical system according to any of the preceding claims, characterised in that a reaction chamber (6) comprising at least a first reservoir space (9) and a second
reservoir space functioning as a depot (11), an active element (7f) being arranged
in the depot (11), comprises.
5. Microfluidic micromechanical system according to claim 4, characterised in that the active element (7f) in the bottom region of the depot (11) is designed as a delivery
system for active substances and/or other substances.
6. Microfluidic micromechanical system according to any of the preceding claims, characterised in that the active elements (7) are designed to be activated by the presence of liquid as
an environmental variable.
7. Microfluidic micromechanical system according to any of the preceding claims, characterised in that the active elements (7) are designed by a suitable selection of materials or by their
dimensioning or by a suitable combination of the aforementioned to determine the time
sequence and the time behaviour of the mixing of different liquids (13, 14).
8. Microfluidic micromechanical system according to any of the preceding claims, characterised in that the active elements (7) consist of hydrogels which are chemically crosslinked and/or
physically crosslinkable.
9. Microfluidic micromechanical system according to claim 8, characterised in that the active elements (7) consist of hydrogels which are selected from a group of crosslinked
polymers, preferably polyacrylamides, polyvinyl alcohols, polyacrylates, hydroxycellulose,
polyvinyl pyridines or polyglycols such as polyethylene glycol, polypropylene glycol
and the derivatives thereof.
10. Microfluidic micromechanical system according to any of claims 1 to 7, characterised in that the active elements (7) are made from uncrosslinked polymers, salts or organic natural
substances such as saccharides.
11. Method for microfluidic process control in a microfluidic micromechanical system according
to any of claims 1 to 10, comprising the steps of:
- introducing a first liquid (13) into a first channel (3) and into a first reservoir
space (9),
- introducing a second liquid (14) into a second channel (4) and into a second reservoir
space (10),
- closing and separating the reservoir spaces (9, 10) using active elements (7a) which
are designed as swelling agent barriers, and in connection therewith quantifying the
liquid volumes (13, 14) in the reservoir spaces (9, 10)
- connecting the reservoir spaces (9, 10) to the reaction chamber (6) by opening the
active element (7e) in the overlapping region (5) of the first and second channels
(3, 4), followed by mixing a first and a second liquid (13, 14) in the reaction chamber
(6), which is formed in the overlapping region (5) of the first and second channels
(3, 5), wherein the time sequence of the mixing of the first and second liquids (13,
14) in the reaction chamber (6) is determined by the properties of the active element
(7e).
12. Method according to claim 11, characterised in that the time sequence of the mixing of the first and second liquids (13, 14) in the reaction
chamber (6) is determined by a suitable selection of materials or by the dimensioning
or by a suitable combination of material selection and dimensioning of the active
elements (7), which are liquid-soluble or designed as a swelling agent barrier.
13. Method according to claim 11, further comprising:
- dissolving a liquid-soluble membrane (7e), which divides the reaction chamber (6)
into a first reservoir space (9) and a second reservoir space (10), by the first and
second liquids (13, 14) before the first and second liquids are mixed (13.14).
14. Use of a microfluidic micromechanical system according to any of claims 1 to 10 and
a method according to any of claims 11 to 13 for carrying out processes based on antigen-antibody
reactions, carrying out processes based on the culture method, control and/or detection
of processes based on a polymerase chain reaction and detection of enzyme activity
in a biochemical process.
1. Système microchimiomécanique microfluidique destiné au mélange volumétriquement défini
d'un premier liquide avec au moins un second liquide dans des séquences temporelles
définies comportant des éléments actifs (7) intégrés, lesquels sont conçus de manière
à pouvoir être activés sans énergie auxiliaire par des grandeurs d'environnement influençables
et à provoquer des fonctions actives par le changement de leur état de gonflement
ou de leurs propriétés mécaniques, dans lequel les éléments actifs (7) sont conçus
sous la forme de barrières d'agent gonflant ou barrières solubles dans un liquide,
comprenant
- au moins un support structural (2) comportant au moins un premier canal (3) pour
le premier liquide,
- un couvercle (2a), lequel recouvre au moins partiellement le support structural
(2), et
- au moins un second canal (4) pour le second liquide, dans lequel le second canal
(4) est disposé sur le support structural (2) ou le couvercle (2a),
dans lequel les canaux (3, 4) forment respectivement des espaces de réservoir (9,
10, 19) délimités par des éléments actifs (7), lesquels sont disposés de telle sorte
qu'ils comportent ensemble au moins une zone de chevauchement (5) et forment ensemble
une chambre de réaction (6), dans lequel une membrane (7e) active est disposée entre
les premier et second canaux (3, 4) dans la zone de chevauchement (5) des premier
et second canaux (3, 4), la chambre de réaction (6) étant divisée en un premier espace
de réservoir (9) et en un second espace de réservoir (10).
2. Système micromécanique microfluidique selon la revendication 1, caractérisé en ce que d'autres canaux (16, 18, 21) sont fournis, dans lequel des membranes (7e) sont disposées
entre les espaces de réservoir (9,10,19) appartenant aux canaux (16,18,21) dans les
zones de chevauchement (5) de plus de deux canaux (16, 18, 21), lesquels espaces de
réservoir formant la chambre de réaction (6).
3. Système micromécanique microfluidique selon l'une des revendications 1 ou 2, caractérisé en ce que les membranes (7e) entre les premier, second et éventuellement autres espaces de
réservoir (9, 10, 19) sont constituées d'un matériau soluble dans un liquide.
4. Système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des revendications précédentes,
caractérisé en ce qu'il comporte une chambre de réaction (6) comprenant au moins un premier espace de réservoir
(9) et un second espace de réservoir fonctionnant comme un dépôt (11), dans lequel
un élément actif (7f) est disposé dans le dépôt (11).
5. Système micromécanique microfluidique selon la revendication 4, caractérisé en ce que l'élément actif (7f) est conçu sous la forme de système de distribution de substances
actives et/ou d'autres substances dans la zone de base du dépôt (11).
6. Système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des revendications précédentes,
caractérisé en ce que les éléments actifs (7) sont conçus pour être activés par la présence de liquide
en tant que grandeur d'environnement.
7. Système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des revendications précédentes,
caractérisé en ce que les éléments actifs (7) sont conçus pour être définitifs par une sélection appropriée
de matériaux ou par leur dimensionnement ou par une combinaison appropriée de la séquence
temporelle précitée ainsi que du comportement dans le temps du mélange de différents
liquides (13, 14).
8. Système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des revendications précédentes,
caractérisé en ce que les éléments actifs (7) sont constitués d'hydrogels réticulés chimiquement et/ou
physiquement réticulables.
9. Système micromécanique microfluidique selon la revendication 8, caractérisé en ce que les éléments actifs (7) sont constitués d'hydrogels choisis dans un groupe de polymères
réticulés, de préférence de polyacrylamides, d'alcools polyvinyliques, de polyacrylates,
d'hydroxycellulose, de polyvinylpyridines ou de polyglycols tels que le polyéthylène
glycol, le polypropylène glycol et leurs dérivés.
10. Système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des revendications 1
à 7, caractérisé en ce que les éléments actifs (7) sont conçus à base de polymères non réticulés, de sels ou
de substances organiques naturelles telles que les saccharides.
11. Procédé de commande de processus microfluidique dans un système micromécanique microfluidique
selon l'une quelconque des revendications 1 à 10, comprenant les étapes suivantes
:
- l'introduction d'un premier liquide (13) dans un premier canal (3) et dans un premier
espace de réservoir (9),
- l'introduction d'un second liquide (14) dans un second canal (4) et dans un second
espace de réservoir (10),
- la fermeture et la séparation des espaces de réservoir (9, 10) par des éléments
actifs (7a), lesquels sont conçus sous la forme de barrières d'agent gonflant, et,
ainsi liée, de quantification des volumes de liquide (13, 14) dans les espaces de
réservoir (9, 10)
- l'interconnexion des espaces de réservoir (9, 10) à la chambre de réaction (6) par
ouverture de l'élément actif (7e) dans la zone de chevauchement (5) des premier et
second canaux (3, 4), ensuite suivie du mélange d'un premier et d'un second liquide
(13, 14) dans la chambre de réaction (6), laquelle est formée dans la zone de chevauchement
(5) des premier et second canaux (3, 5), dans lequel la séquence temporelle du mélange
des premier et second liquides (13, 14) dans la chambre de réaction (6) est déterminée
par les propriétés de l'élément actif (7e).
12. Procédé selon la revendication 11, caractérisé en ce que la séquence temporelle du mélange des premier et second liquides (13, 14) dans la
chambre de réaction (6) est déterminée par une sélection appropriée de matériaux ou
par le dimensionnement ou par une combinaison appropriée de sélection de matériaux
et de dimensionnement des éléments actifs (7), lesquels sont conçus comme solubles
dans un liquide ou sous la forme de barrière d'agent gonflant.
13. Procédé selon la revendication 11, comprenant en outre :
- la dissolution d'une membrane (7e) soluble dans un liquide, laquelle divise la chambre
de réaction (6) en un premier espace de réservoir (9) et en un second espace de réservoir
(10), par les premier et second liquides (13, 14) avant le mélange des premier et
second liquides (13, 14).
14. Utilisation d'un système micromécanique microfluidique selon l'une quelconque des
revendications 1 à 10 et d'un procédé selon l'une quelconque des revendications 11
à 13, destinée à la mise en œuvre des processus basés sur des réactions antigène-anticorps,
la mise en œuvre des processus basés sur la méthode de culture, la commande et/ou
la détection des processus basés sur une réaction en chaîne par polymérase et la détection
de l'activité enzymatique dans un processus biochimique.